Die Moränenlandschaft

Textdaten
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Autor: Édouard Desor
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Titel: Die Moränenlandschaft
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 168–170
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Moränenlandschaft.*[1]


Von E. Desor.


Unter den Tausenden, die es alljährlich aus der einförmigen Ebene des Nordens nach der Alpenwelt und ihren ewigen Ueberraschungen zieht, mag es nicht Wenige geben, welche es einem Naturforscher Dank wissen, wenn er ihre Blicke auf Erscheinungen richtet, an denen sie sonst achtungslos vorübergingen. Ist es ja doch die schönste Aufgabe der Wissenschaft, die [169] Empfänglichkeit für das Schöne und Erhabene zu steigern und zu veredeln durch ein Lüften jenes Schleiers, durch welchen der Unerfahrene statt des warmen, lebendigen Naturanblicks nur ein verworrenes Schauspiel empfängt.

So wie ein Kunstwerk erst dann uns volle Freude gewähren kann, wenn wir es in seinen zartesten und geheimsten Absichten seinem Urheber nachempfinden und gewissermaßen im Geiste nachbilden, so kann auch die Natur erst dann uns zu ganzem Genusse werden, wenn wir fähig sind, von dem allgemeinen Eindrucke, mit dem sie unsere Phantasie ergreift, auf die Einzelerscheinungen überzugehen und dem großen Schöpfungsgedanken in seine Tiefen zu folgen.

Die Deutung unserer Seen und Höhlen, welche ich vor einigen Jahren unternommen, war wohl mehr auf wissenschaftliche Kreise berechnet; indessen trug ich mich auch dabei mit der Hoffnung, es könnten jene Untersuchungen zugleich das weitere Verständniß verschiedener landschaftlicher Typen erleichtern und den Laien, dessen Auge an den schönen Linien eines Gebirges wohlgefällig haftet, zu tieferer Betrachtung anregen. Es giebt landschaftliche Typen in Menge, welche ausgesprochen genug sind, um von Jedermann sofort aufgefaßt zu werden, und ohne daß es dazu besonderer geologischer und geographischer Studien bedürfte. Wer zum Beispiel erkennt nicht die Alpenlandschaft (eine grüne Matte mit hohen Felsen oder Schneebergen im Hintergrunde), die Juralandschaft (mit ihren dunkeln Tannen und abgerundeten Gebirgszügen), die Landschaft der Molassehügel (mit ihren saftigen Wiesen und frischen Brunnen), die flämische Landschaft, die Wüstenlandschaft, die der vulcanischen Kegel etc.?

Diesen großen, allgemein verständlichen Typen möchte ich hier eine neue anreihen, nämlich die Moränenlandschaft, das heißt jene besondere Gestaltung des Bodens, welche sich durch größte Mannigfaltigkeit der Formen und entsprechende Verschiedenheit des Anbaues bei geringer Ausdehnung kennzeichnet und die bisweilen mitten in der Ebene, öfter jedoch am Fuße des Hochgebirges auftritt. Wir brauchen wohl kaum daran zu erinnern, daß man unter Moränen die Felsen- und Schuttmassen versteht, welche, von Gletschern getragen, mit diesen thalwärts wandern und am Fuße derselben mächtige Ablagerungen bilden.

Den ersten Anstoß zur Aufstellung dieses besonderen Typus der Moränenlandschaft fand ich in Oberitalien, als ich zum ersten Male nach Pfahlbauten in den lombardischen Seen forschte. Nächst dem unteren Theile des Lago Maggiore waren es der Lago di Varese und die denselben umlagernden kleinen Seen von Bardello, Monate, Comabbio, welche meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. In der That fand ich auch dort, was ich suchte. Es mag sein, daß das Gelingen meiner Aufgabe mich rosig gestimmt hatte; sicher ist, daß ich nicht genug über den Reiz der Gegend staunen konnte, wenn ich von einem der Seen zum andern wanderte, bald zu Fuße, bald zu Pferde. Selbst die Pfahlbauern aus der Steinzeit erschienen mir nicht mehr auf einer so niedrigen Stufe, jetzt, da ich sah, welch’ schöne Sitze sie sich auszuwählen verstanden.

Auch scheint es, daß schon seit langer Zeit dieser reizende Strich von den Künstlern als ein hochbevorzugter anerkannt wird. Unendlich ist in der That die Mannigfaltigkeit der Formen, der Farben, der Contraste, wenn man auf der Straße bald an einem mit Laubholz gekrönten Hügel, bald an einem See, oder an einem Moos, weiterhin an einem Rebgelände, an einer grünen Wiese vorbeikommt und dazwischen reiche Villen und prächtige Anlagen hervortreten, die von dem Wohlstande ihrer Besitzer zeugen. Wie der Künstler und der Tourist, so darf auch der Geologe sich der herrlichen Landschaft freuen. Während aber der Künstler sich mit der schönen Realität begnügt, ohne sich um den Ursprung der Formen zu kümmern, wird sich dem Naturforscher die Frage aufdrängen, woher es kommt, daß gerade am Fuße des Gebirges der Boden so eigenthümlich gestaltet ist. Und in der That, es ist dies um so auffallender, als dieser Strich einerseits von dem steilansteigenden Hochgebirge und auf der andern Seite von der flachen lombardischen Ebene begrenzt ist. Unzweifelhaft müssen hier besondere Ursachen gewaltet haben, um einen so eigenthümlichen Contrast hervorzubringen.

Untersucht man nun den Boden dieses Gebiets, so ergiebt sich, daß mit Ausnahme einiger Hügel, die aus festem Gestein bestehen, die ganze Gegend aus losem Material zusammengesetzt ist, aus Sandgeröll, Grien, abwechselnd mit Lehm und Mergel; dazwischen liegen erratische Granitblöcke zerstreut, augenscheinlich Trümmer von zerstörten und zerriebenen älteren Formationen.

Indeß ist auf diese Beschaffenheit kein allzu großes Gewicht zu legen, denn die lombardische Ebene ist gleichfalls aus solch’ losem Material gebildet, nur mit weniger Abwechselung. Und in der That ist das Kriterium weniger in der Beschaffenheit als in der Gestaltung des Bodens zu suchen. Das sämmtliche Material, sowohl der Ebene wie der malerischen Zwischenzone, ist das Product der einstigen großen Gletscher, die bis in die lombardische Ebene reichten. Nur ist zu unterscheiden, daß am Fuße des Gebirges der Gletscherschutt seine eigenthümliche primitive Gestaltung beibehalten hat. Chaotisch und unregelmäßig, wie der alte Gletscher ihn abgelagert hat, liegt er da, während weiterhin in der Ebene das gleiche Material vielfach durch Fluthen bearbeitet, geschichtet und in regelmäßige Lagerung gebracht worden ist. Wir haben es hier, am Lago di Varese, di Comabbio, di Monate speciell mit den Moränen oder Gletscherwällen des alten Gletschers des Tessiner Thales zu thun, wie er sie am Fuße des Monte Campo de’ Fiori zurückgelassen, als er die Ebene aufgab und sich in das Gebirge zurückzuziehen begann. Dies ist die Moränenlandschaft, das heißt das Gebiet der alten Gletscherwälle oder Gandecken.

Aehnliche Erscheinungen begegnen wir in der Brianza zwischen den zwei Armen des Comersees, in jener herrlichen Landschaft, welche den Mailändern von jeher als eine Art Paradies gegolten, wo nach ihrer Ansicht die Luft und das Wasser gleich frisch und wohlthuend sind, wo es die besten Fische und das herrlichste Obst giebt und wo die Menschen das höchste Alter erreichen. Der Boden zeigt sich hier ähnlich gestaltet wie bei Varese, sei es, daß man auf der Straße von Como über Erba nach Lecco fährt, oder am südlichen Ufer einer ähnlichen Gruppe von kleinen Seen, wie die bei Varese, einherwandert. Lago d’Alserio, Lago di Pusiano, Lago d’Anone sind zierliche Wasserbecken, welche den gleichen Ursprung verrathen wie die früher erwähnten und denselben auch an pittoresker Schönheit kaum nachstehen. Sie gehörten zum erratischen Gebiete des großen Adda-Gletschers, als derselbe sich am Fuße der Corni di Canzo und des Pizzo di Forno ausbreitete. Auch hier ist der Moränen-Charakter ein sehr ausgesprochener durch die Mannigfaltigkeit der Bodengestaltung. Gerade dadurch, daß Thäler, Hügel, Seen fortwährend miteinander abwechseln, erlangt die Landschaft jenen eigenthümlichen Reiz, den man in Mailand so hoch zu schätzen weiß, und der noch gesteigert wird durch den großartigen und imposanten Bau des Hochgebirges und die zwei herrlichen Arme des Comersees, welche die Brianza einschließen.

So sollte durch jene unheimlichste aller Erdrevolutionen, die Eiszeit, das Material geliefert werden zu den entzückendsten Landschaften unseres Erdtheils.

Man entkleide in Gedanken jenen malerischen Gürtel seiner Hügel, Seen und fruchtreichen Gelände – und die Gletscherwälle mit ihrem wild-chaotischen Gepräge stehen uns vor Augen.

Aehnliche Eindrücke lassen sich auch am südlichen Ende des Garda-Sees aufnehmen, namentlich in der Gegend von Castiglione, wo das Terrain äußerst mannigfaltig gestaltet ist. Unzählige Hügel durchziehen den Boden und scheinen sogar sich concentrisch aneinander zu reihen, wie dies bei den Erdmoränen mancher unserer jetzigen Gletscher der Fall ist. Und in der That, es ist bereits mehrfach ausgesprochen worden, daß die Schlacht von Solferino auf den Moränen des alten Etsch- Gletschers geschlagen worden. Der Unterschied zwischen dieser Moränenlandschaft und derjenigen des Vareser und Brianza- Gebiets besteht darin, daß sie sich nicht wie letztere an das Hochgebirge anlehnt, sondern einzeln aus der Ebene auftaucht, weshalb sie bei Weitem nicht den gleich großen Eindruck macht und auch in landschaftlicher Hinsicht nicht dieselbe Wirkung hervorbringt.

Wenn die alten Moränen einen so bleibenden Einfluß auf die Gestaltung des Bodens am Südabhange der Alpen ausgeübt haben, so müssen ähnliche Erscheinungen auch am nördlichen Abhange zu gewärtigen sein, indem hier die alten Gletscher jedenfalls eine ebenso große, wenn nicht bedeutendere Rolle gespielt haben, wie auf der Südseite.

In der That sind wir derselben nicht bar. Die Moränenlandschaft ist auch hier mehrfach vorhanden, wenn auch weniger [170] in die Augen fallend als in Oberitalien, wo sie die einzige Vermittelung zwischen zwei großen Contrasten, dem steil ansteigenden Hochgebirge und der ganz flachen Ebene, bildet. Bei uns, am Nordabhange, verhält es sich anders. Nicht nur sind die Voralpen weniger hoch, sondern es lagert sich auch noch an dieselbe die Zone der gehobenen Molassen mit ihren nichts weniger als einförmigen Hügeln und Höhenzügen, welche dem Südabhange durchaus fehlen. Somit ist der Contrast weniger auffällig. Außerdem ist nicht zu übersehen, daß auf der italienischen Seite, am Lago di Varese und am Lago Maggiore, das Klima dazu angethan ist, die Eigenthümlichkeiten der Landschaft schärfer hervorzuheben. Der Glanz des südlichen Himmels wie die Mannigfaltigkeit der Bodenencultur, je nach Gestaltung, Lage und Richtung der einzelnen Hügel, geben dort der Moränenlandschaft einen Reiz, den sie auf der Nordseite nicht erreichen kann.

Das auffallendste Beispiel schweizerischer Moränenlandschaft bietet uns die Gegend von Amsoldingen am Fuße des Stockhorns, links vom Thuner See. Anstoßend an die Allmend, bietet sie durch ihre mannigfaltige Gestaltung einen Gegensatz zu der einförmigen Fläche der letzteren und ist deshalb von dem eidgenössischen Stabe vielfach zu Kriegsmanövern benutzt worden, da sich nicht leicht eine Gegend findet, die sich so sehr zur Ausführung der verschiedenartigsten taktischen Aufgaben eignet. Zu diesem Zwecke wurde bereits vor Jahren eine Karte in großem Maßstabe (1 : 25,000) aufgenommen, auf welcher mit Hülfe der Horizontalcurven die Seiten einzelner Hügel nebst dazwischenliegenden kleinen Mösern mit großer Klarheit hervortreten. Auch die Seen, welche so charakteristisch für die italienische Landschaft sind, fehlen hier nicht. Man zählt deren mehrere, der Amsoldinger See, der Uebertschi-See, der Dittlinger See, der Geißsee.

Die ganze Gegend hat dabei etwas so Abnormes, so Zerstückeltes, daß der Gedanke an alte Moränen des großen Aarthals nur angeregt zu werden braucht, um sofort bei Jedem, der nur einigermaßen ein Auge für Reliefformen hat, das Bild der Gletschergebilde zu erwecken. Zur näheren Vergleichung dürfte besonders die alte Moräne vor dem oberen Grindelwaldgletscher geeignet sein. Dieselbe war mir in der Erinnerung geblieben aus den Zeiten meiner Alpenfahrten, als eines der frappantesten Beispiele der Gletscherthätigkeit. Ich besuchte sie abermals im Laufe dieses Sommers und fand meine Ansicht vollkommen bestätigt. Ich hatte außerdem die Befriedigung, daß unsere beste Autorität in der Kenntniß des Bodenreliefs, Herr Oberst Siegfried, nach vorgenommener Vergleichung der Grindelwald-Moräne seine volle Zustimmung zu der beanspruchten Uebereinstimmung ausdrückte. Man begehe diese Moräne in den verschiedenen Richtungen, besonders aber in der Breite, und man wird die gleiche Grundform erkennen. Das Ganze ist eine Anhäufung von schmalen Kämmen oder wellenförmigen Hügeln, öfter von einem erratischen Block gekrönt, dazwischen manchmal eine Vertiefung, eine begraste Fläche und selbst ein kleiner Weiher oder Teich, Alles freilich in bescheidenem Maßstabe, wie man es nicht anders erwarten kann, wenn man die Dimensionen der jetzigen Gletscher mit denen der Eiszeit vergleicht.

Die Gegend von Amsoldingen ist indeß nicht die einzige am Nordabhang der Alpen, die den Typus der alten Moränenlandschaft bewahrt hat. Es müssen deren noch mehrere Beispiele vorkommen, sei es in der Ebene selbst, überhaupt da, wo der Gletscher auf seinem Rückzuge Halt gemacht hat. Vor allen wären, nach Herrn Brunner von Wattenwyl, die Höhenzüge am Langenberg in der Gegend von Zimmerwald bei Bern hierher zu rechnen. Wenn ich nicht irre, so kommen ähnliche Moränenbildungen in der Gegend von Zürich am rechten Ufer des Sees vor. Auch die Gegend von Montreux und von Nyon am Genfer See dürfte dergleichen aufzuweisen haben, ebenso das Rheinthal und vielleicht das Gebiet des Säntis.

Es sind dies nur Andeutungen, die hauptsächlich zum Zweck haben, die Aufmerksamkeit aller Derjenigen, welche für die Erkenntniß unseres Bodens einiges Interesse hegen und nicht als blinde Touristen ihren Bädeker abwandern, auf diese eigenthümliche Form der Landschaft zu lenken. Sollte sich die hier aufgestellte Theorie bestätigen, so hätten wir einen Landschaftstypus mehr in die Geographie einzuführen, und zwar einen solchen, der nicht zu den unbestimmtesten und uninteressantesten gehört – die Moränenlandschaft.



  1. * Wir erlauben uns, die Leser der Gartenlaube noch besonders auf obigen Artikel aufmerksam zu machen. Der berühmte Geolog, der Freund Humboldt’s und Agassiz’s, erörtert hier zum ersten Male eine Erscheinung der Alpenwelt, die für alle Freunde der geologischen Wissenschaft von größtem Interesse sein dürfte.
    D. Red.