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Textdaten
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Autor: Max Ring
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Titel: Die Malerin der Grazien
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 238–240
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Angelika Kauffmann
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Angelika Kauffmann - Self Portrait - 1784.jpg
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Die Malerin der Grazien.


In der Kirche des Dorfes Schwarzenberg, das mit seinen stattlichen Häusern und Gehöften in dem schönen Bregenzer Walde liegt, arbeitete der bischöfliche Hofmaler Kaufmann aus Chur auf hohem Holzgerüst an der Ausschmückung der heiligen Räume. Mit besonderer Liebe widmete sich der fleißige Künstler diesem Werk, da er selbst hier geboren war und unter den Bewohnern des Thals noch viele liebe Verwandte zählte. Hauptsächlich wohl aus diesem Grunde hatte er seine siebenzehnjährige Tochter Angelica mitgebracht, die ihm fleißig zur Seite stand und jetzt mit ihm um die Wette an den Fresken der Kirche malte. In frühester Jugend schon hatte das liebliche Kind ein hervorragendes Talent und den heiligsten Eifer für die Kunst gezeigt, welcher durch den Anblick einer großartigen Natur und den öfteren Aufenthalt an den bezaubernden Ufern des Comersees genährt worden war. Der Anblick jener entzückenden, südlichen Gegenden mit ihren romantischen Villen und herrlichen Marmorbildern hatte in ihrer Brust den Schönheitssinn zu einer Zeit geweckt, wo Unnatur und Geschmacklosigkeit leider nur zu sehr vorherrschten. Mit sorgsamer Liebe leitete der verständige Vater das so reich begabte Mädchen, welches auch für Musik bedeutende Anlagen zeigte und durch den Liebreiz der ganzen Erscheinung Jedermann fesselte und für sich einnahm. Holde Anmuth umschwebte die feine, schlanke Gestalt und in den zarten, sinnigen Zügen offenbarte sich der geniale Künstlergeist neben bescheidener Weiblichkeit. In Mailand, wohin sich ihr Vater später begab, erhielt sie durch ihn und das Studium der großen lombardischen Meister ihre künstlerische Ausbildung; vorzugsweise übten die Schöpfungen des unsterblichen Leonardo da Vinci einen großen Einfluß auf ihre Entwickelung aus und bestimmten zum großen Theil ihre spätere Richtung. Vor Allen aber waren die Natur und die Antike ihre Lehrerinnen und bildeten sie zur „Malerin der Grazien“.

In diesem Augenblick malte Angelica mit ihrem Vater an den Köpfen der Apostel, welche noch heute die Dorfkirche zu Schwarzenberg schmücken. Sie war dabei so eifrig, daß sie kaum den Untergang der Sonne bemerkte, welche mit ihren scheidenden Strahlen das liebliche Mädchen vergoldete, so daß es, hoch über der Erde schwebend und vom goldenen Licht verklärt, selbst einem Heiligenbilde in seiner unbewußten Schönheit glich. Vom Thurme läuteten die Glocken zum Feierabend: unwillkürlich ließ Angelica den Pinsel sinken und faltete die Hände zum frommen Gebet. Durch die offene Kirchthür blickten die hohen Berge mit ihren in Purpur, Gold und Violet schimmernden Spitzen, die grünen Matten des fruchtbaren Thals und der stille Wald berein. Rings herrschte das tiefste Schweigen, nur aus der Ferne tönte das Gemurmel des Baches wie eine Geisterstimme und klapperte die Mühle im tiefen Grund. Es war ein Bild des tiefsten Friedens, der heiligsten Ruhe.

„Ist es nicht schön hier?“ fragte der Vater die von dem Schauspiel ergriffene Tochter.

„O, wunderbar!“ entgegnete Angelica.

„Hier bin ich geboren, hier möchte ich sterben,“ sagte er und auf die Gräber des nahen Friedhofs deutend, „hier bei den Meinigen ruhen.“

Auch in Angelica’s Seele fanden die Worte des Vaters einen sympathischen Widerhall. Obgleich sie die große Welt noch wenig oder gar nicht kannte, fühlte sie doch in diesem Augenblick gleichsam eine Ahnung der Kämpfe und Leiden, die sie später erwarteten. Sie schwankte, ob sie nicht diesen Frieden in dem abgeschiedenen Thal den Stürmen auf dem bewegten Meer des Lebens vorziehen sollte. Noch bestärkt wurde sie in diesem Gedanken durch die Liebe, welche ihr hier von Seiten ihrer Verwandten und sämmtlicher Bewohner des Dorfes entgegenkam. Sie wurde im eigentlichen Sinne auf Händen getragen, und als sie jetzt an dem Arm ihres Vaters aus der Kirche schritt, sah sie sich von Freunden und Gespielinnen umringt, die mit einer Mischung von Vertraulichkeit und Bewunderung zu ihr emporblickten und sie gleichsam in einem improvisirten Triumphzug bis zu ihrer Wohnung durch das Dorf geleiteten. Junge Burschen und Mädchen, stolz auf die Verwandtschaft und Freundschaft mit der Künstlerin, brachten ihr Blumen und Kränze, liebliche Kinder reichten ihr die mit duftigen Waldbeeren gefüllten zierlichen Körbchen und die älteren Leute auf dem Wege grüßten sie freundlich und drückten ihr die Hand. Manch wackerer und wohlhabender Mann blickte bedeutsam der schönen Jungfrau nach und wünschte sie für immer an das Thal zu fesseln, doch eine gewisse Scheu vor der „Malerin“ verschloß den Mund. Aus jedem Gesicht konnte sie den Wunsch lesen: „Bleibe bei uns, verlasse uns nicht wieder!“

Aber mächtiger als die Bande des Blutes und der Freundschaft war die Liebe Angelica’s zu ihrer Kunst, die Sehnsucht nach dem ihr vorschwebenden Ideal. Sobald die Kirche vollendet war, nahm sie Abschied von ihren Verwandten, von den ihr so lieb gewordenen Bewohnern des Bregenzer Waldes, den sie erst nach langer, langer Zeit wieder sehen sollte. Sie verließ das stille Dorf und wandte sich zunächst nach Florenz und später nach Rom, wo die schöne, blühende Jungfrau bald durch ihr Talent und ihre Reize die größte Aufmerksamkeit und Bewunderung erregte. Zu kurzer Zeit wurde ihr bescheidenes Atelier der Mittelpunkt für die Kunstfreunde und die vornehmen Fremden, welche in der Siebenhügelstadt verweilten. Reiche Engländer, Schweden und Russen überhäuften sie mit einträglichen Bestellungen und Aufträgen. Römische Nobili und englische Lords huldigten der Schönheit und dem Talent Angelica’s, aber sie zog den Umgang mit Künstlern und Gelehrten den reizenden Verlockungen der Gesellschaft vor und bewahrte auf der Höhe ihres Glückes den bescheidenen Sinn der einfachen „Wäldlerin“.

Ihr liebster Umgang war der berühmte Winckelmann, der, gleich ihr, selbst von der glühendsten Liebe zur Kunst erfüllt, durch seine classischen Schriften, wie Lessing durch seinen „Laokoon“, eine neue Epoche des Geschmacks und der ästhetischen Kunstauffassung herbeigeführt hatte. Mit leuchtenden Augen saß Angelica zu den Füßen des beredten Meisters und lauschte seinen genialen Offenbarungen, wenn er mit bewunderungswürdigem Scharfblick und hinreißendem Enthusiasmus ihr den Geist des Alterthums erschloß und die ideale Schönheit der Antike an den bedeutendsten Werken der griechischen Meister nachwies. Oefters besuchte sie in seiner Begleitung die Ruinen Roms, das mächtige Colosseum und das Pantheon, oder die reichen Sammlungen, wo sie mit ihm anbetend vor dem Apollo von Belvedere, der Ludovisischen Juno, den Göttern und Heroen einer schöneren Welt stand, die sie mit ihren Farben wiederzubeleben suchte. Nach solchen Anregungen eilte sie an ihre Staffelei und schuf die berühmten Bilder der begeisterten „Sappho“, der stolzen „Sophonisbe“ und die sterbende „Alceste“, welche noch heute unsere Bewunderung finden und verdienen.

Schön und berühmt, ausgezeichnet durch Talent und Anmuth, vereint und geschätzt von den Besten ihrer Zeit, schien Angelica in der That beneidenswerth vor Tausenden. Das Glück lächelte seinem Liebling und schüttete sein Füllhorn über die holde Künstlerin in verschwenderischer Fülle aus. Aber auf der höchsten Stufe ihres Daseins angelangt, sollte auch sie den Schmerz des Lebens kennen lernen, der keinem bedeutenden Sterblichen erspart wird. Angelica hatte in Rom die Bekanntschaft der angesehenen Lady Vervort aus London gemacht und an ihr eine einflußreiche Freundin und Beschützerin gefunden. Vielfach von ihr aufgefordert, mit ihr nach England zu gehen, hatte sie jede derartige Einladung bisher abgelehnt, um sich nicht von ihrer Familie zu trennen, obgleich ihrer, wie sie wußte, in London ein glänzender Empfang wartete. Erst als ihr Lady Vervort den ehrenvollen Auftrag überbrachte, die königliche Familie zu malen, entschloß sie sich, in Begleitung derselben die immer wieder aufgeschobene Reise anzutreten. Trotzdem die ihr in London zu Theil gewordene Aufnahme [239] alle ihre Erwartungen übertraf und sie mit Ehrenbezeigungen überhäuft wurde, konnte sie sich doch einer ahnungsvollen Bangigkeit nicht erwehren. Ihrem Gefühle lieh sie in einem Briefe an die Ihrigen die charakteristischen Worte: „Man ist hier sehr gut gegen mich, doch ich werde mich nicht leicht binden lassen. Rom liegt mir immer im Sinn. Der heilige Geist möge mich leiten.“

Auch in London wurde die liebenswürdige Künstlerin bald bekannt und allgemein verehrt. Die stolzen, sonst verschlossenen Häuser der englischen Aristokratie öffneten sich für sie und die ersten Kreise der Metropole zeichneten sie aus. Ihre Gemälde wurden mit Gold aufgewogen und die exclusive Welt wollte nur von Angelica gemalt sein. Ihre Bescheidenheit entwaffnete den Neid ihrer Kunstgenossen, und selbst der stolze und berühmte Hofmaler, Sir Josua Reynolds, fühlte sich so sehr zu dem schönen Mädchen hingezogen, daß er keinen Anstand nahm, ihr seine Hand anzubieten. Obschon er Präsident der Akademie war, ein ungeheueres Vermögen besaß und eine hochgeachtete Stellung einnahm, schlug Angelica seinen ehrenvollen Antrag aus, da sie keine Liebe für ihn fühlte und äußere Glücksgüter sie nicht reizen konnten. Durch ihre Weigerung hatte sie sich jedoch den eitlen und leicht gereizten Künstler zum Feinde gemacht, zumal er durch geschäftige Zwischenträger in dem Glauben bestärkt wurde, daß sein Mangel an äußerer Schönheit der einzige Grund der ihm zu Theil gewordenen Zurückweisung gewesen sei. Tief gekränkt beschloß er, sich zu rächen, und entwarf zu diesem Zweck einen ebenso teuflischen wie raffinirten Plan.

Um jene Zeit lernte Angelica in der Gesellschaft Londons einen schwedischen Grafen Horn kennen, der durch seine auffallende Schönheit, weltmännische Gewandtheit und die Eleganz seiner ganzen Erscheinung sich Zutritt zu den höchsten Kreisen zu verschaffen wußte und in denselben eine bedeutende Rolle spielte. Mit feiner, fesselnder Artigkeit näherte er sich der jugendlichen Künstlerin, in dem er sie vor allen andern Damen auszeichnete. Seine Aufmerksamkeiten schmeichelten ihrer mädchenhaften Eitelkeit, während der geheimnißvolle Schleier, in den er sich absichtlich oder gezwungen hüllte, ihre Neugierde reizte und ein lebhaftes Interesse für ihn erweckte. Unbefangen nahm sie seine Besuche an, da ihm, wie sie wußte, die ersten Häuser Londons offen standen. Dem hinreißenden Wesen des Fremden fiel es nicht schwer, nach und nach das unbewachte Herz der unerfahrenen Jungfrau zu umstricken. Sie erlag dem dämonischen Zauber des gewandten Verführers, so daß sie zuletzt, wenn auch mit Widerstreben, einwilligte, sich heimlich mit ihm zu vermählen, da er ihr vorspiegelte, daß er Rücksichten auf seine hohe Familie zu nehmen habe.

Ihr Verhältniß zu dem Grafen Horn blieb jedoch trotz aller angewandten Vorsicht nicht verborgen. Ihre Freunde schöpften Verdacht und stellten, leider zu spät, genauere Nachforschungen über den räthselhaften Fremden an. Das Ergebniß derselben war vernichtend für Angelica, ihr gläubiges Vertrauen mißbraucht, ihre Liebe auf die schändlichste Weise hintergangen worden. Der vermeintliche Graf Horn verwandelte sich in einen – gemeinen Abenteurer, in einen entlaufenen Kammerdiener, welcher die Papiere seines verstorbenen Herrn, der diesen Namen führte, nach dessen Tode unrechtmäßig an sich gebracht hatte. Und um das Maß der Schmach voll zu machen, ergab sich, daß der freche Betrüger bereits verheirathet und seine erste Frau noch am Leben war. Als der Schurke sich entlarvt sah, zog er es vor die Flucht zu ergreifen, nachdem er noch einige hundert Pfund erpreßt und zum Dank dafür das Geständniß gemacht hatte, daß der rachsüchtige Sir Josua Reynolds ihm zuerst den Gedanken eingegeben, sich Angelica zu nähern, und ihn zu diesem Behufe mit dem nöthigen Gelde und Empfehlungsbriefen versehen habe, um eine Rolle in der Londoner Gesellschaft zu spielen.

Die mit dem Abenteurer eingegangene Ehe wurde von vem Gericht für nichtig erklärt und der frühzeitige Tod desselben befreite Angelica von jeder ferneren Verbindlichkeit. Ihr unverdientes Schicksal fand die größte Theilnahme und von allen Seiten wurde ihr der Beweis geliefert, daß sie an Achtung und Anerkennung nicht verloren habe. Mehrere angesehene Männer bewarben sich um ihre Hand, allein sie wies alle derartigen Anträge mit Entschiedenheit zurück. Ihr Herz war zu tief verletzt, ihre Existenz für immer gebrochen. Nur in der Kunst suchte und fand sie fortan Ersatz für ihre Leiden, für die bitteren und schweren Erfahrungen des Lebens. Wenngleich der Aufenthalt in England ihr bedeutende Summen einbrachte und sie zum Mitglied der königlichen Akademie der Künste ernannt worden war, kehrte sie im Jahre 1782 nach Rom zurück. Hier unter dem blauen Himmel Italiens, im Schoose ihrer Familie vernarbten nach und nach die tiefen Wunden ihres Herzens, und wenn auch die frühere Heiterkeit und jugendliche Frische für immer von ihr gewichen war, so entzückte sie jetzt ihre Freunde durch die Milde ihres Wesens und den höheren Aufflug ihres Geistes. Das tragische Geschick hatte nur dazu beigetragen, ihren Charakter zu veredeln und ihr Talent durch sittlichen Ernst zu vertiefen.

Vierzig Jahre war Angelica geworden, als sie den Wünschen ihres alten, kränkelnden Vaters nachgab und auf sein vielfach wiederholtes Drängen ihre Hand seinem erprobten Freunde, dem italienischen Maler Zucchi, reichte. Sie hatte nie einen Grund, diese zweite Wahl zu bereuen, da Zucchi einer der trefflichsten Menschen war und nur für sie und ihr Glück zu leben schien. Von Neuem wurde ihr Haus in Rom der geistige Mittelpunkt einer auserlesenen und bedeutenden Gesellschaft. Hier verkehrten die ersten Männer ihrer Zeit und vor Allen Goethe während seines Aufenthaltes in Italien. In ihrem Atelier las er ihr, ihrem Gatten und dem Hofrath Reiffenstein seine eben vollendete „Iphigenia“ vor, und „die zarte Seele Angelica nahm das Stück mit unglaublicher Innigkeit auf.“ Sie versprach ihm eine Zeichnung dazu und wählte „den Moment, da sich Orest in der Nähe der Schwester und des Freundes wiederfindet“. Ein ander Mal veranstaltete Goethe Angelica zu Ehren, welche nie in das Theater ging, eine musikalische Aufführung, um ihr die Bekanntschaft Cimarosa’s zu verschaffen. Concertmeister Kranz aus Weimar, ein geübter Violinist, der sich in Italien auszubilden Urlaub hatte, leitete das Ganze. Unter den eingeladenen Gästen befanden sich Angelica, ihr Gemahl, Hofrath Reiffenstein, die Herren Jenkins, Velpato und sonstige angesehene Fremde und Bewohner Roms. „Juden und Tapezier,“ berichtet Goethe, „hatten den Saal geschmückt, der nächste Kaffeewirth die Erfrischungen übernommen, und so ward ein glänzendes Concert aufgeführt in der schönsten Sommernacht, wo sich große Mengen von Menschen unter den offenen Festern versammelten und, als wären sie im Theater gegenwärtig, den Gesang gehörig beklatschten. Ja das Auffallendste war, ein großer mit einem Orchester von Musikfreunden besetzter Gesellschaftswagen, der so eben durch die nächtliche Stadt seine Lustrunde zu machen beliebte, hielt unter unserem Fenster stille, und nachdem er den oberen Bemühungen lebhaften Beifall geschenkt hatte, ließ sich eine wackere Baßstimme vernehmen, die eine der beliebtesten Arien aus der Oper, welche wir stückweise vortrugen, von allen Instrumenten begleitet, hinzugesellte. Wir erwiderten den vollsten Beifall, das Volk klatschte mit darein, und Jedermann versicherte, an so mancher Nachtlust, niemals aber an einer so vollkommenen, zufällig gelungenen Theil genommen zu haben.“

So gestaltete sich das Leben der Künstlerin immer freundlicher und ihr Ruhm verbreitete sich weiter und weiter. Dichter wie Klopstock und Geßner feierten Angelica’s Namen in ihren Gesängen und Goethe selbst rechnete ihre Bekanntschaft zu den schönsten Erwerbungen, welche er in Rom gemacht, die mit ihr verlebten Stunden zu den glücklichsten und bedeutendsten seines italienischen Aufenthalts. Ihre Leistungen charakterisirte er mit folgenden anerkennenden Worten: „Das Heitere, Leichte, Gefällige in Formen, Farbe, Anlage und Behandlung ist der einzig berrschende Charakter der zahlreichen Werke unserer Künstlerin; keiner der lebenden Maler hat sie, weder in der Anmuth der Darstellung, noch in Geschmack und Fähigkeit, den Pinsel zu führen, übertroffen.“ Innerhalb dieser durch die Natur ihres Talentes und ihre Weiblichkeit gezogenen Grenzen erreichte Angelica eine seltene Vollendung und wenn ihrem zarten Schönheitssinn auch versagt war, durch dämonische Gewalt die Seele des Beschauers hinzureißen, zu erschüttern oder zu erheben, so erweckte sie dafür das Gefühl der Befriedigung, der zarten Rührung, der sanften Lust durch die sinnige Feinheit und Anmuth ihrer Schöpfungen, so daß sie den ihr gegebenen Beinamen „die Malerin der Grazien“ im vollsten Maße verdiente. Wichtiger noch ist ihre Stellung in der Kunstgeschichte, indem sie zur Natur und Antike zurückgekehrt, eine reinere Geschmacksrichtung mir anbahnen, die Auswüchse des zopfigen Styls zerstören und die akademischen Künsteleien und [240] Verirrungen beseitigen half. In dieser Beziehung steht sie dem ihr an Genie überlegenen Asmus Karstens würdig zur Seite. Beide haben durch die Wiederbelebung der antiken Ideale der modernen Kunst den einzig richtigen Weg gewiesen und durch den wieder heraufbeschworenen Geist des Alterthums den Genius der Neuzeit aus seinem langen Schlaf geweckt. Wie Lessing und Winckelmann theoretisch, so haben Angelica Kaufmann und Karstens praktisch eine neue Epoche herbeigeführt. –

Noch einmal sollte Angelica und zwar am Abende ihres vielbewegten Lebens das veränderliche Glück des Daseins kennen lernen. Im Jahre 1795 starb ihr Gatte, an dem sie ihren besten Freund verlor. Auch ihre Vermögensverhältnisse wurden durch die französische Revolution wesentlich erschüttert. Die großen politischen Umvälzungen drängten das Interesse für die Kunst zurück, die vornehmen Fremden verließen Rom und mit ihnen schwanden auch die einträglichen Bestellungen. Angelica ertrug jedoch diesen Ausfall mit Würde; sie verstand es, sich einzuschränken, und der Mangel an äußeren Gütern vermochte nicht den Frieden ihrer Seele zu trüben. Blieb ihr doch die Kunst, in der sie Trost und Beruhigung fand. Bis zu ihrem Tode, der im Jahre 1807 erfolgte, bewahrte sie ihre frühere Arbeitslust und eine seltene Frische des Geistes. Sie lebte in den Erinnerungen an eine schöne Vergangenheit, und auch die Anerkennung der Zeitgenossen wurde ihr im reichsten Maße zu Theil. Ihre Büste wurde nach ihrem Tode im Pantheon zu Rom aufgestellt, und noch heute wird der Name der liebenswürdigen Künstlerin mit hoher Achtung in der Geschichte der Kunst genannt.

Max Ring.