Die Kaiserverkündigung in Indien

Textdaten
Autor: Christian Hönes
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Titel: Die Kaiserverkündigung in Indien.
Untertitel: Volksblatt. Eine Wochenzeitschrift mit Bildern. Jahrgang 1878, Nr. 18, S. 139–140
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Herausgeber: Dr. Christlieb Gotthold Hottinger
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Dr. Hottinger’s Volksblatt
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Erscheinungsort: Straßburg
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Quelle: Scan auf Commons
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Die Kaiserverkündigung in Indien.

Obgleich unser Deutsches Reich noch kein Jahrzehnt alt ist, so ist es doch nicht mehr das jüngste unter den Kaiserreichen; es hat schon einen Nachfolger erhalten im fernen Osten. Der größte Theil Ostindiens ist bekanntlich im Besitze der Engländer und bildet die Hauptquelle für Englands Reichthum und Macht. Da nun aber die Russen ihre Besitzungen in Asien fast jedes Jahr ausdehnen und dem englischen Gebiete schon bedenklich nahe gekommen sind, so fühlte man in England dringend das Bedürfniß, der ostindischen Herrschaft eine festere Grundlage zu verschaffen. Zu diesem Ende mußte zunächst im Jahr 1875 auf 1876 der englische Thronerbe, Prinz von Wales, eine Reise durch das ganze Land unternehmen, um die Einwohner mit ihrem künftigen Fürsten persönlich bekannt zu machen und ihnen durch Entfaltung eines großartigen Pompes Achtung einzuflößen. Sodann hielten es die englischen Minister für rathsam, daß die Königin von England zugleich den Titel einer Kaiserin von Indien annehme. Dieser neue Titel wurde unter vielem Gepränge in einer Versammlung der Großen des Reiches (Durbar genannt) dem indischen Volke bekannt gemacht und zwar am Neujahrstage von 1877. Zum Schauplatz für diese großartige Festlichkeit wurde die nördlich von der Stadt Delhi sich ausbreitende Ebene gewählt. Die Schilderungen, welche davon entworfen worden, sind reizend. In weiter Ferne sieht man die schneebedeckten Spitzen des höchsten Gebirges der Erde, des Himalaya, glänzend zum Himmel emporragen, südwärts von dessen mächtigen, weißen Zinnen drängen sich in einer zweiten Bergreihe wieder Gipfel an Gipfel, die nur durch steile Schluchten getrennt sind. Viel weiter hinab zeigt eine dritte Bergreihe reiche, saftige Wälder. In kühler, frischer Luft sind die Rücken der Höhen mit Birken, Tannen und Eichen bewachsen. Unter diesem Gürtel nördlichen Baumwuchses endlich folgen auf niedrigen Anhöhen dichte Waldungen indischer Fichten, von mächtigem Schlage und staunenerregender Höhe. Abwärts von diesem Walde beginnt im Westen ein Hügelland, in dessen tieferem Theile Delhi, das asiatische Rom, liegt. Aber nicht bloß durch diese landschaftliche Pracht, sondern auch durch ihre geschichtlichen Erinnerungen war diese Stadt geeignet, der Schauplatz des Kaiserfestes zu werden. Im Laufe von drei Jahrtausenden war Delhi viermal die Haupt- und Residenzstadt großer Fürsten gewesen. Seine Glanzzeit aber hatte es gefeiert, als nach der Eroberung Indiens durch die Muhamedaner Delhi der Sitz der mächtigen „Großmoguln“ von Indien und damit der Mittelpunkt arabischer Gelehrsamkeit und Kunst geworden. Nach einem alten Vorurtheile der Inder konnten die Engländer nicht eher die Herren dieses Landes genannt werden, bis ihre Fahnen von den Zinnen Delhis wehten; darum haben nun auch die letzteren in Delhi das kaiserliche Banner zuerst aufgepflanzt, ehe es noch in den übrigen Theilen des Reiches entfaltet ward. Auf den Gefilden Delhis verkündete der kaiserliche Herold den Fürsten und Häuptlingen, die aus allen Theilen Indiens versammelt waren, daß die Königin Viktoria auf den Vorschlag ihres Staatsraths beschlossen habe, zu ihrem bisherigen Titel noch den einer „Kaiserin von Indien“ hinzuzufügen. Und Trompetenfanfaren, Geschützsalven mit ihrem Wiederhall dumpf grollenden Donners, Freudenschüsse und Militärmusikbanden unterbrachen nun in berauschender Weise die vorhergehende feierliche Stille. Es war nach der Beschreibung von Augenzeugen ein ergreifender Vorgang!

Alles, was erdacht werden konnte, die Sinne des [140] Volkes durch die Entfaltung von Macht und Herrlichkeit zu blenden, war für diesen Tag geboten. Inmitten einer riesigen Zeltreihe erhob sich vor den Thüren Delhis der kaiserliche Thronhimmel; er bildete ein großes, von goldenem Brustwerk umgebenes Sechseck, auf dessen zierlichen Säulen die Decke aus reich geschmückten, mit kaiserlichen Wappenbildern gestickten, kostbaren Stoffen ruhte. Auf der Spitze dieses, einem indischen Tempel ähnlich geformten, von Gold, Silber und Farbenpracht strotzenden Zeltes leuchtete mitten unter Siegeszeichen und Flaggen weit hinaus ins ganze Land die Kaiserkrone mit den Anfangsbuchstaben V. I. (Victoria Imperatrix – Kaiserin Viktoria). Unter dem Thronhimmel hatte der gegenwärtige Vicekönig Lord Lytton seinen Platz genommen. Er selbst war in einem blausammtenen, mit Lotosblättern gestickten und mit Hermelin verbrämten Staatsmantel erschienen, dessen Schleppe zwei Edelknaben trugen, einer ein Europäer in der Tracht des sechzehnten Jahrhunderts, der andere ein Vollblutinder, Sohn des Maharajah (Großfürsten) von Kaschmir, gekleidet in Seidenbrokat und geschmückt mit einem Halsband von Diamanten. Hinter dem Thronhimmel breiteten sich stufenförmig ansteigend in einem riesigen Halbkreise prachtvolle zeltbedeckte Gerüste aus, auf welchen die Gäste des Vicekönigs und die Fürsten Indiens ihre Sitze fanden.

Was an Gold und Silber und Edelgestein, an Waffenschmuck und Gewänderpracht aufzutreiben war, fand sich hier vereint. Die bunte Volkstracht eingeborner Männer und Frauen erhöhte den Glanz. Eine tausendköpfige Masse von Völkern aus allen Theilen des englischen Ostindiens und aus den Nachbarreichen wogte hin und her. Da war der junge „Nizam“ von Hyderabad, um seinen Hals ein Brillantgürtel von unschätzbarem Werth; der Gaikowar von Baroda, der Begum von Bhopal und eine Schaar anderer Fürsten des Landes. Selbst aus dem fernen Yarkand im Norden des Himalaya waren Abgesandte in auffallender Tracht herbeigeeilt. Seltsame Aufzüge von Elephantenschaaren, Kameelgespannen und edlen arabischen Rossen, eigenthümliche indische Gefährte von schellenbehängten Ochsen, kleine Hundkarren, Einspänner aller Art füllten den riesigen Festplatz. Hiezu kamen noch die bunten Uniformen der einheimischen Regimenter und der englisch-schottischen Truppen; mehr als 14,000 Mann Fußvolk, dazu Reiterei und Artillerie, entfaltete sich in endloser Reihe.

Vor dieser Volksmasse nun wurde das indische Kaiserreich ausgerufen. An sie richtete Lord Lytton eine Ansprache, in welcher er den englischen Beamten und dem Heere, den Fürsten und Stammeshäuptlingen sowie allen englischen Unterthanen in Indien die Absichten seiner Königin verkündete. Den ersteren legte er die weitere strenge Erfüllung ihrer Pflichten ans Herz, den Prinzen und Häuptlingen des Reiches entrichtete er den Dank ihrer Fürstin für ihre Treue und für die Zeichen der Anhänglichkeit, welche sie erst jüngst bei dem Empfang des Prinzen von Wales an den Tag gelegt hatten. Dem Volke Indiens erklärte der Vicekönig die freisinnigen Ziele, welche der englischen Regierung für die künftige Form der Verwaltung des Landes vor Augen schweben. Das Volk solle allmälig zur Theilnahme an dieser milden und gerechten Regierung herangezogen werden. Die Gebiete jener Fürsten, welche Grenznachbarn der Engländer seien, dürfen sicher sein, daß keine Eroberung beabsichtigt werde; man wünsche in Frieden und Freundschaft mit ihnen zu leben und ihre Unabhängigkeit zu beschirmen. „Aber sollte die Ruhe der englischen Herrschaft zu irgend einer Zeit von außen bedroht werden, so wird die Kaiserin von Indien wissen, wie sie ihr großes Erbland zu vertheidigen hat. Kein fremder Feind kann sich gegen das britische Reich in Indien wenden, ohne dadurch zugleich die ganze Gesittung und Bildung des Ostens anzugreifen. Die unbeschränkten Hilfsquellen der englischen Besitzungen, die muthvolle Treue ihrer Verbündeten und die Anhänglichkeit ihrer Unterthanen haben der Königin ausreichende Gewalt verliehen, um jeden Angreifer zurückzuweisen und zu züchtigen.“

Nach diesen Worten theilte Lord Lytton die telegraphische Botschaft mit, in welcher die Königin den Anwesenden ihre Grüße sendete. „Wir vertrauen,“ so lautet sie zum Schlusse, „daß dieser feierliche Anlaß dazu beitragen werde, die Bande gegenseitiger Zuneigung zwischen uns und unsern Unterthanen noch enger zu knüpfen; jeder vom Höchsten bis zum Niedersten muß es fühlen, daß unter unserer Herrschaft die großen Grundsätze der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit Allen gesichert sind, und daß es den unausgesetzt festgehaltenen Zielpunkt unseres Reiches bildet: ihr Glück zu fördern, ihre Lage zu verbessern, ihre Wohlfahrt zu heben.“

Ein begeisterter Jubel der anwesenden Menge war die Antwort, die diesem kaiserlichen Gruße folgte.

Weinsberg. Diac. Hönes.