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Die Körperhaltung unserer Schüler beim Lesen und Schreiben

Textdaten
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Titel: Die Körperhaltung unserer Schüler beim Lesen und Schreiben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 552
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[552] Die Körperhaltung unserer Schüler beim Lesen und Schreiben. In den öffentlichen Vereinen, in der Presse und im täglichen Leben vernehmen wir heute immer häufiger die Klagen, daß unsere Schuljugend mit geistigen Arbeiten überbürdet sei und daß das heranwachsende Geschlecht in Folge der verderblichen frühzeitigen Ueberanstrengnüg an seiner körperlichen Gesundheit geschädigt werde. Dringend verlangt man hier und dort eine Reform unseres Schulunterrichts in sanitärer Beziehung, wiewohl es nicht zu verkennen ist, daß wir in den letzten Jahrzehnten auf dem hygienischen Gebiete, was z. B. Luft, Licht und Wärme in der Schulstube anbelangt, nicht zu unterschätzende, ja wahrhaft große Fortschritte zu verzeichnen haben. Es ist nicht unsere Aufgabe, hier die Schulreformforderungen auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen, wir möchten nur auf eines aufmerksam machen: daß bei der Behandlung dieser hochwichtigen Fragen scheinbar unwichtige, weil tagtäglich wiederkehrende und daher gewohnheitsgemäß übersehene Uebel fast ganz aus dem Auge gelassen werden.

Indem man mit Recht über das Uebermaß der Schularbeiten sich beschwert und Verringerung der Schulstunden und Unterrichtsgegenstände verlangt, scheint man zu vergessen, daß auch die Art, in welcher der Körper bei der geistigen Arbeit thätig ist, für die Gesundheit von der allergrößten Bedeutung ist; denn bekanntlich empfängt unsere Schuljugend nicht etwa, wie die philosophischen Jünger der altgriechischen peripatetischen Schule, den Unterricht im Spazierengehen, unter freier körperlicher Bewegung, sondern sie ist durch die nothwendige Schuldisciplin an die Bank gefesselt und so zum stundenlangen Sitzen an einer und derselben Stelle verurtheilt. Ist nun während des Sitzens die Körperhaltung des Schülers fehlerhaft, so wirken die sich daraus ergebenden schädlichen Einflüsse von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr, bis sie schließlich mit der unwiderstehlichen Macht aller consequent und lang andauernder Ursachen der kindlichen Gesundheit schweren Schaden zufügen. So kann z. B. die Kurzsichtigkeit eine Folge der schlechten Körperhaltung sein.

Aehnlich verhält es sich auch mit der Verkrümmung der Wirbelsäule, der Hemmung des Blutumlaufs und der Schwächung der Lungenthätigkeit bei unserer Schuljugend. Schule und Haus begehen in dieser Beziehung dieselben Fehler, und aus diesem gemeinsamen Schuldbewußtsein heraus erklärt es sich vielleicht, daß im Vergleich mit der Ueberbürdungsfrage von der schlechter Körperhaltung so wenig gesprochen wird. Umsomehr ist es anzuerkennen, wenn tüchtige Fachleute die Eltern über die Frage aufklären und die Aufmerksamkeit der Lehrer auf das alte Uebel von Neuem lenken. – Auf unserem Büchertische finden wir ein Werk, betitelt: „Körperhaltung und Schule, oder Schreiben und Zeichnen als körperliche Thätigkeit. Der vaterländischen Schule gewidmet von J. Daiber, Professor am königlichen Katharinen-Stift zu Stuttgart“ (Stuttgart, Melzler’sche Buchhandlung, 1881), welches ausschließlich diesen Zweck verfolgt und das wir der besonderen Aufmerksamkeit unserer Leser, namentlich der Eltern unter ihnen, empfehlen.

In lichtvoller und sehr anschaulicher Weise behandelt der Verfasser zunächst die schlechte Körperhaltung unserer Schüler, belehrt uns über ihre Ursachen und Folgen und entwirft alsdann bestimmte Regeln für die Sitzstellung, Haltung der Beine und Arme, Lage der Hand, Führung des Stifts etc. und wendet sich schließlich der Besprechung der Aufgaben zu, welche in dieser Beziehung dem Hause und den Behörden zufallen. Leider gestattet uns der engbemessene Raum nicht, ausführlicher auf das genannte Werkchen einzugehen; wir hielten es aber für unsere Pflicht, in Anbetracht der gegenwärtig so lebhaft erörterten Unterrichtstage die Aufmerksamkeit unserer Leser auf die Körperhaltung der Schuljugend während der geistigen Arbeit hinzulenken, und hoffen, daß diese Anregung genügen wird, um in vielen Fällen gewissenhafte Lehrer und Eltern zur Abhülfe mancher Uebelstände zu veranlassen. Das Daiber’sche Buch würde ihnen bei der Erfüllung dieser Aufgaben ein nicht zu unterschätzender Rathgeber sein.