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Textdaten
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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Die Königin im Wachshemd
Untertitel:
aus: Deutsche Sagen, Band 2, S. 145-147
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Nicolai
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons,Google
Kurzbeschreibung:
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Eintrag in der GND: [1]
Bild
Deutsche Sagen (Grimm) V2 165.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
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[145]
459.
Die Königin im Wachshemd.

Königs Chronik Cod. pal. 361. fol. 94.


Ludwig der Deutsche hinterließ drei Söhne: Carl, Ludwig und Carlman. Unter diesen nahm sich König Carl eine schöne und tugendsame Gemahlin, deren reines Leben ihr bald Neider am Hofe erweckte. Als der König eines Morgens früh in die Metten ging, folgte ihm Sigerat sein Dienstmann, der sprach: „Herr, was meine Frau begeht, ziemet nicht euren Ehren, mehr darf ich nicht sagen.“ Der König blickte ihn an, und sagte traurig: „sage mir schnell die Wahrheit, wo du irgend etwas gesehen hast, was wider des Reiches Ehren stößt.“ Der listige Alte versetzte: „leider, ich werde nimmermehr froh, seit ich gesehen habe, daß meine Fraue andere Männer minnet; lüge ich, so heißt mich an einen Baum hängen.“

Der König eilte schnell in seine Schlafkammer zurück, und legte sich stillschweigend an der Königin [146] Seite. Da sprach die Fraue: „deß bin ich ungewohnt, warum seyd ihr schon wieder gekommen?“ Er schlug ihr einen Faustschlag, und sagte: „weh mir, daß dich meine Augen je gesehen, und ich meine Ehre durch dich verloren habe; das soll dir ans Leben gehen.“ Die Königin erschrak, und erweinte: „schonet eure Worte, und haltet auf eurer Ehre! Ich sehe, daß ich verlogen worden bin; ist es aber durch meine Schuld, so will ich den Leib verloren haben.“ Carl zwang seinen Zorn, und antwortete: „Du pflegest unrechter Minne, wie möchtest du länger dem Reiche zur Königin taugen!“ Sie sprach: „ich will auf Gottes Urtheil dingen, daß ich es nimmermehr gethan habe, und vertraue, seine Gnade wird mir beistehen.“

Die Fraue sandte nach vier Bischöfen, die mußten ihre Beichte hören, und immer bey ihr seyn; sie betete und fastete bis der Gerichtstag kam. Bischöfe, Herzoge und eine große Volksmenge hatten sich versammelt, die Königin bereitete sich zu der schweren Arbeit. Als die edeln Herren sich dazwischen legen wollten, sprach sie: „das wolle Gott nicht, daß man solche Reden von mir höre, und ich länger die Krone trage.“ Da jammerte es allen Fürsten.

Die Fraue mit auferhabenen Augen, und unter manchem guten Segen schloss in ein Hemde, das darzu gemacht war. Gebete wurden gesungen und gelesen, und an vier Ecken zu Fußen und Händen, zündete man ihr Hemde an. In kurzer Stunde brann es von ihr ab, das Wachs floß auf das Steinpflaster [147] nieder; unversehrt, ohne Arg stand die Königin. Alle sprachen: Gott Lob! der König ließ die Lügner an einen Galgen hängen. Die Königin aber schied fröhlich dannen, that sich des Reiches ab, und diente Gott ihr übriges Leben.