Die Insel der Seligen

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Autor: Helene Pichler
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Titel: Die Insel der Seligen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45-46, S. 789-792, 805-807
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Insel der Seligen.
Von Helene Pichler.


Die Insel liegt im Norden, weit vorgeschoben: ein Wachtposten in den deutschen Meeren. Einst hing sie mit dem Festlande zusammen, aber in einer Sturmfluth riß das Meer dies Stückchen Land von der Muttererde los, fluthete darüber hinweg, als wolle es dasselbe verschlingen, begnügte sich aber schließlich, mit gewaltigen Armen es zu umfassen und mit der alten Melodie von Werden und Vergehen langsam, ganz langsam an der Vernichtung des Landfleckchens zu arbeiten.

Die von Norden heranwälzenden Nebel treffen zuerst das kleine Eiland, welches oft mehrere Tage unter ihnen begraben liegt, und sendet der Hochsommer seine Gluthen, so liegt es braun, dürr und schmachtend da. Wahrlich, nichts weniger als eine Glück und Glückseligkeit verheißende Insel. Seltsamer Weise gab es zwei Menschen, welche meinten, gerade die öde Insel sei der rechte Platz, um den Frieden und damit das Glück zurückzuerobern. Das waren der Lootse Karle Nieboom und sein junges Weib Weika, die mit ihrem siebenjährigen Knaben Ede das Lootsenhaus, das einzige Gebäude, welches auf dem sturmumtosten Eilande liegt, bezogen hatten. Freilich hatten Karle Nieboom und sein Weib gar seltsame Ansichten von Glückseligkeit. Sie meinten, aus Arbeit, Frieden und ein bischen Liebe ließe sich jenes goldene Fabelland aufbauen, von welchem so viele Menschen träumen, aber es nie erreichen. Ein kindlicher Glaube! Doch Karle Nieboom und Weika hatten ernsten guten Willen zu der Sache. Kaum aber kräuselte sich der erste Rauch über dem Dache des langgestreckten einsamen Hauses, so mußten die Beiden einsehen lernen, auch diese Sandscholle sei nicht der rechte Boden für den kostbaren Bau. Bald nach ihnen hielt der zweite Lootse seinen Einzug, Oluf Nieboom, den die Welt den Bruder nannte von Karle Nieboom: denn beide hatten an einer Mutterbrust zu gleicher Zeit gelegen: sie waren Zwillinge. Als Oluf sein Boot anlegte und sich anschickte, die Habseligkeiten seiner Junggesellenwirthschaft in die für ihn bestimmte Dienstwohnung zu schaffen, die mit der des Bruders unter einem Dache lag und einen Eingang mit dieser gemein hatte, da war Karle ihm entgegen gekommen, hatte ihm die Rechte geboten und gesagt: „Bruder, gute Fahrt allwegen! Dir und mir! Laß vergeben und vergessen sein, was hinten liegt. Eine Mutter hat uns getragen; einem Beruf gehören wir beide; ein Haus, ein Herd, ein –“

Er kam nicht zu Ende, denn obwohl Oluf’s Hand gezuckt hatte, als suche sie den Weg zur Hand des Bruders, sank sie doch schlaff herab und ballte sich. Unter der Thür des Hauses war die schlanke Gestalt Weika’s erschienen. Die eine Hand schützend über die Augen gelegt, winkte sie mit der anderen den Brüdern am Strande zu. Oluf, als er sie sah, biß die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Aber er faßte sich und erwiderte: „Wüßt’ nicht, daß etwas zu vergessen wär’. Daß der Kommandeur grad’ Karle [790] Nieboom die Lootsenstelle neben mir auf diesem elenden Sandhaufen gegeben hat, ist ein Fehler in der Rechnung, der mit durchgeschleppt werden muß.“

Der kleine Ede, welcher auf der Mutter Geheiß dem ankommenden Oheim zu Ehren seine deutsche Flagge an einem Pfahl aufgehißt hatte, die nun zu des Knaben Ergötzen im Winde klatschte und flatterte, kam gelaufen, um dem Oheim, der ja wieder gut und freundlich mit ihm sein würde, guten Tag zu sagen. Wie dieser aber, die Mütze tief in die Augen gedrückt, dem Vater die Hand weigerte, rief der Knabe: „Onkel, willst Du doch grimmig bleiben?“ Und Karle sagte: „Komm, Ede, wir wollen zur Mutter gehen!“ während hinter ihnen her Oluf die Faust ballte.

Das blieb so. Der blühende Geranienstock, welchen Weika zum stillen Willkommen in Oluf’s Stube gestellt hatte, ließ nach wenigen Tagen die Blätter hängen, weil ihn durstete. Nach kurzer Zeit stand er verdorrt. Wenn die Brüder sich begegneten, drückten sie die Mützen in die Stirn und setzten fester die Füße auf. Nur Weika ward nicht müde, durch tausend kleine Fürsorglichkeiten, wie sie nur dem guten Frauenherzen gelingen, das Eis zu brechen. Ein freundlicher Blick, ein Gruß, eine mild helfende Handbewegung können so viel erreichen. Aber, ach, der Bau eines so närrischen Dinges wie die Insel der Glückseligkeit ist eine schwere Sache! Zwar versuchte es Weika immer wieder, dazu den Grund zu legen in der Brust des großen blonden Mannes, der da Oluf hieß und der Bruder von Karle Nieboom war. Indeß kam sie nicht über das Grundlegen hinaus; wahrscheinlich weil der Baugrund nichts taugte.

Abwechselnd gingen die Brüder ihrem Berufe nach. Der Schiffsverkehr in den Gewässern um die Insel ist nur schwach und beschränkt sich hauptsächlich auf das, was den einige Meilen ostwärts gelegenen kleinen Hafen angeht. Darum auch genügten zwei Lootsen auf der Station; die mußten aber „stramm“ sein, um allzeit und bei jedem Wetter, jedem Ereigniß selbständig handeln zu können. Der Doppelposten war sehr gesucht, denn er war besser bezahlt, als jene an belebten Stationen; man sah darin eine besondere Vergünstigung, daß die Brüder Nieboom ihn erhielten.

Nach stillschweigend getroffener Uebereinkunft wechselten die Brüder im Berufe ab. Oluf ging zuerst hinaus, als das erste Schiff durch Flaggensignal Lootsenhilfe forderte. Beim zweiten Ruf ging Karle. Für den Fall, daß beide Lootsen unterwegs waren, hatte Weika die Anweisung, durch ein bestimmtes Signal dem fordernden Schiffe zu sagen: kein Lootse auf der Station.

Wieder hatte Oluf ein schwedisches Schiff geleitet, und bei schaurigem, nassem Wetter kam er heim. Das Wasser rann vom Südwester herab und troff aus dem langen Barte. Oluf schauderte. Trotz des guten Grogs, dem er reichlich auf dem Schwedenschiff zugesprochen, fühlte er sich frostig und mürrisch. Er schüttelte sich, wenn er an sein kaltes unwirthliches Zimmer dachte. Ueber der Insel hingen tiefgehende Wolken wie ein Grabmantel; wo seine Füße hintraten, sammelte sich das Wasser.

Aber was war das? Statt der markdurchschauernden Kälte unbewohnter Mauern wallte in Oluf’s Zimmer eine köstliche Wärme, und ein lieblich Gesumm vom Ofen her, bald in hohen, bald in tiefen Tönen, begleitet von süßfestlichem Dufte, legte sich schmeichelnd um Nase und Ohren des fröstelnden Mannes, und – wahrlich – neben der mit dürftigem Immergrünkränzlein geschmückten Tasse lag ein Kuchen! Vor fünf Minuten erst konnte er der heißen Pfanne entnommen sein, denn er dampfte und duftete.

Ein schrilles Gelächter trat auf Oluf’s Lippen. Heut war ja sein Geburtstag! Er hatte ihn vergessen. Auch „Andere“ sollten ihn vergessen!

Oluf ging in Weika’s Küche – seine eigene Küche war kalt, hier konnte der Kuchen nicht gebacken worden sein – und sagte: „Frau Schwägerin, ich verbitte mir solche Eingriffe in mein Hauswesen. Soll’s in Frieden gehen, dann ist da die Grenze zwischen uns. Verstanden?“ Er hatte mit dem Fuß einen Strich in der Mitte des Flurs angedeutet. Dröhnend flog die Küchenthür ins Schloß, daß Töpfe und Pfannen rasselnd an einander schlugen.

„Oluf! Oluf!“ schrie mit Entsetzen das junge Weib und sank dann, das Gesicht in der Schürze bergend, weinend auf einen Schemel nieder.

Drüben, beim Gesumm des Theekessels, beim Knistern der Flamme setzte sich Oluf nieder und machte eine Eingabe an den Herrn Regierungspräsidenten, es möge ihm verstattet werden, auf seine Kosten die Fenster seiner Dienstwohnung nach Süden zu verlegen und daselbst auch einen besonderen Hauseingang anzulegen, da der Bittsteller zur Erhaltung seiner Gesundheit des Sonnenlichtes dringend bedürfe.

Die Herren von der Regierung schüttelten allerdings die Köpfe und konnten nicht begreifen, wo es bei dem hünenhaften Lootsen an der Gesundheit fehlen sollte. Aber da Oluf einer der kecksten Schiffer, einer der Tüchtigsten in seinem Beruf war, so wurde sein Gesuch bewilligt.

Oluf baute, und damit war die Trennung bis auf den Grund vollzogen. Mancher Tag ging hin, ohne daß die nach Norden Schauenden etwas von dem einsamen Manne, der nach Süden blickte, gewahrten. Nun herrschte Ruhe auf der Insel, aber jene Kirchhofsruhe, unter welcher das Bischen Himmelslicht Liebe vollends erlöschen muß.

Und doch wohnten sie unter einem Dache, und ihre Berufspflicht rief sie tagtäglich zum Wohlthun, Helfen, Schützen gegen Sturm und Wind aufs ungestüme Meer hinaus. Mit allen Schrecken der entfesselten Naturdämonen nahmen die Brüder Nieboom es auf; aber mit den Unholden im eigenen Busen? – das war etwas Anderes!

Eines Tages forderte ein Schiff Lootsenhilfe. An Karle war die Reihe. Von Nordost kam die See in schweren Wogen und machte es dem einzelnen Manne schwierig, allein mit dem Boot durch den Seegang an Bord des Schiffes zu gelangen. Karle wollte dennoch allein gehen, denn er mochte dem Bruder kein bittendes Wort gönnen. Wer weiß, welche höhnende Antwort er erhalten hätte!

Mit flinken Fingern nähte Weika noch die Bänder an Karle’s Südwester fest, daß der treibende Wind ihn nicht entführen könne; ein Tüchlein knüpfte sie über das eigene Haar und dann begleiteten sie und das Kind Karle zum Strande. Schon war das Boot flott gemacht, die heranrollende Brandung stieß es in rhythmischen Pausen auf den Sand. Ede, als echtes Seemannskind auf der salzigen Fluth sich heimisch fühlend, machte sich nach Knabenart mit Wichtigkeit im Boote zu schaffen. Der Lootse aber ließ seine Augen über das unruhige Meer schweifen, und darnach umfaßte er das Inselchen, das einsame Haus, sein Weib und die graue, freudlose Himmelsdecke mit einem einzigen Blick seiner ernsten blauen Augen. Es hielt ihn nicht im Boot. Nochmals sprang er aufs Trockene, faßte Weika in seine Arme und küßte ihr voll Ungestüm Mund und Augen, wieder und wieder.

Ganz erschrocken blickte Weika zu Karle empor, der unter freiem Gotteshimmel einem Gefühlssturm unterlag, und sie las in dem braunen, bärtigen Antlitz nur Liebe, Liebe, aber auch ein wenig Sorge. Sie lächelte glückselig. Für wenige Sekunden ward die graue Insel zum Paradiese, denn auch Ede sprang nun herbei und verlangte seinen Theil an der Zärtlichkeitsverschwendung, und Karle küßte auch sein Kind.

Obgleich Karle und Weika sich unbeachtet wähnten, hatte dennoch ein Augenpaar die Scene am Strande erspäht, ein wildes, neidisches Augenpaar.

Oluf war sinnend in seinem Zimmer auf und ab gegangen. Ob Karle wohl nicht kommen würde mit der Bitte: Bruder, geh mit? Gerade heut befand sich Oluf in der Verfassung, daß er auf ein gutes Wort hin mitgegangen wäre. Aber das gute Wort mußte gesprochen werden. Natürlich! Eigentlich war es gar keine Möglichkeit, daß bei der See ein Mann allein an Bord kommen konnte. Hm, ob Karle ’s wagt? will doch schauen. Nur um den Giebel ’rum. ’s kann ja von ungefähr sein, daß Oluf dort geht! Wenn Karle dann was will, kann er ja reden.

Eben wollte Oluf um den Hausgiebel biegen, als er die Thür im Norden knarren hörte. Er hielt zurück. Er sah den Bruder mit Weib und Kind heraustreten und zum Strande gehen.

Er sah die Abschiedsscene und – fort waren die milden Geister der Verträglichkeit, der Brüderlichkeit, die eben ganz schüchtern an dies harte Herz gepocht. Wieder streckten Groll und Haß ihre Häupter empor. Trotzig blickte Oluf zum Himmel auf, aus dessen jagenden Wolken die ersten Schneeflocken zur todten Erde wirbelten. Der Bruder fuhr ab. Weib und Kind sandten ihm einen Abschiedsgruß nach und wateten durch den feuchten Sand dem Hause zu. [791] Auch Oluf war wieder ins Haus gegangen und saß finster brütend in seinem Zimmer.

Draußen aber fielen immer dichter die Flocken. Das weiße Geflimmer legte sich über Stein und Sand, schmiegte sich zu Klumpen in die Ecken der Hausmauern und suchte unter dem First sogar Eingang in das Innere zu gewinnen. Einen Tag ging es so, noch einen Tag. Es gab keinen Ausguck auf das Meer, weil die Wolken noch immer Schnee ausschütteten. Dann kam von Nordosten der Sturm herangebraust, fegte das dichte weiße Tuch an jeder Erhöhung zum Wall auf und trieb die grausamsten Spiele. Bald lag das Lootsenhaus im Schneewall vergraben. Dann blies der Sturm mit eisigem Hauch so lange, bis der Wall zur Mauer und die weiße Decke über der Insel zu Eis erstarrte. Ja, selbst das Meer, das unzähmbare Meer, ward geduldig. Der schmale glänzende Streif an der Küste wuchs und wuchs, und eines Morgens suchten die bangen Augen eines einsamen Weibes vergebens nach einem Streifen köstlich blauen Wassers. Starr, fest, unwegsam ruhten Meer und Land. Nun blieben auch die Möven und Krähen weg, die bis dahin aus Ede’s mildthätigen kleinen Händen manches Bröckchen empfangen. Sie hatten sich weit aufs Festland zurückgezogen; nicht einmal wildes Gevögel mochte rasten auf der Stätte des Todes.

Als echte Seemannsfrau setzte sich Weika mit ihrem Geschick aus einander. Ob auch Morgen für Morgen trostlose Oede sie anstarrte, warm und freundlich loderte Weika’s Feuer. Sie schaffte im kleinen Hauswesen, saß beim Spinnrad und lehrte ihren Knaben, der mit süßem Geplauder über manche Stunde hinwegtäuschte. Endlich mußte Karle doch zurückkommen: nicht ewig konnte das Begrabensein dauern. Ihre Gedanken umfassten auch den bösen Mann. der in der anderen Hälfte des Hauses das Brechen des Eises abwartete. Wie gerne hätte sie ihn gebeten, die Behaglichkeit ihrer Behausung zu theilen: wie gern hätte sie gesprochen: Oluf sei mild, sei gut! Ich kann ja nichts dafür, daß ich deinen Bruder mehr liebte als dich, mehr als mich selbst, als das Himmelslicht, als meine Seligkeit. Oluf, sei gut! verzeih dem Weibe, was das Mädchen an dir verbrochen, jenen einen unseligen Kuß den die Glückliche, die Uebermüthige auf deinen Mund drückte. Oluf, sei gut, laß uns zusammenhalten in Freundschaft und Eintracht, und siehe, unsere Insel wird die Insel der Seligen sein, trotz Bann und Tod!

Weika seufzte zum Geschnurr der Spindel. Sie konnte, sie durfte so nicht sprechen, weil Karle jeden Annäherungsversuch verboten hatte, ihr und dem Kinde. Sie wagte nicht, so zu sprechen, weil ihr davor graute, jene rauhe, grimmige Sprache noch einmal zu hören, die sie nach ihrem ersten Liebesbeweis an dem Geburtstage erschreckt hatte. – –

Seit vier Tagen herrschte der Nordsturm bei klarem Himmel, er rüttelte an Fenstern und Giebeln und trieb Wirbeltänze mit klirrenden Eisnadeln, die er zu Pyramiden auffegte. Die in Fesseln liegende See stöhnte.

Zum ersten Mal legten sich um das Herz des jungen Weibes die Krallen der Furcht. Bei jedem Windstoß fuhr Weika zusammen. Sie vermied den Blick zum Fenster, weil ihre erregte Phantasie auf dem unter dem Fenster sich dehnenden Schneewall allerlei seltsame Lichter und dunkle Schreckgestalten vermuthete. Sie zog den Tisch, auf dem die Lampe friedlich leuchtete, dicht an den glühenden Ofen und kauerte in einem Sessel nieder. Ede kam mit seinem Bilderbuch, doch vermochte sein holdes Kindergeschwätz diesmal nicht, die trüben Geister zu bannen. Es lag auf ihr wie die Gewißheit eines kommenden Schrecknisses. „Karle! Karle!“ stöhnte sie. Der Knabe schaute auf und kletterte dann auf der Mutter Schoß. Er tröstete: „Der Vater kommt bald, warte nur, der Vater kommt bald.“ Unversehens legte das Kind bei seinen Liebkosungen das Händchen auf der Mutter Antlitz.

„O, wie heiß bist Du, Mutter!“

„Nein, Ede, mich friert.“ und schauernd drückte sie den Knaben fest an sich. Ihre Hände umschlossen krampfhaft den theuren kleinen Menschen, der ihr einziger Trost in dieser Noth war. Er lag ganz still an ihrer fieberhaft athmenden Brust.

Immer toller, immer wilder schien das nächtliche Sturmkoncert das einsame Haus zu umtoben. Bald tönte es wie Gebrüll, bald wie Gelächter. Jetzt kam es langsam herangekrochen mit eisigem Athem und glühenden Augen, sie und ihr Kind in ewige Nacht zu begraben. Da, da, o entsetzliches Gesicht! laß ab!

Mit kreischendem Laut ließ sie das Kind los und streckte abwehrend beide Arme nach dem Fenster aus. Dort kauerte es, eine dunkle zusammengeballte Gestalt; ein bärtiges Gesicht mit verzerrten Zügen drückte sich gegen die Scheiben. Weika floh mit ihrem Knaben in das Schlafgemach.

Was weiß ein Weib von Kampf und Noth, die in der Brust des Mannes wüthen? Das Weib liebt, und das ist ihm genug. In der Liebe ruht des Weibes Vollendung. Wie sollte ein der Liebe geweihtes Geschöpf die Abgründe einer Mannesseele ahnen?

Diese Abgründe sind aber da; trotz der Brücke des festen Gleichmuths und der kalten Kraft sind sie da. Sie reißen um so tiefer in die Seele, je mehr der Mann in Unthätigkeit seine Spannkraft und damit den angeborenen Widerspruchsgeist einbüßt. Der fürchterlichste Feind des Mannes ist der Müßiggang; in ihm geht das bessere Theil verloren und – der trübe Bodensatz bleibt zurück.

Es giebt auch einen unfreiwilligen Müßiggang. Diesem war Oluf Nieboom, der Lootse, verfallen. Das Eis stand. Die Schifffahrt war gehemmt. Außerdem lag die Lootseninsel tief unter Schnee, jede Arbeit im Freien wurde unmöglich. Und drinnen im Hause Arbeit sich schaffen? Für wen sollte Oluf arbeiten? Doch nicht für sich selbst? Du lieber Gott, es lohnte wahrlich nicht der Mühe, dies elende Stück Dasein zu verbessern! Für Andere? Es war ja Niemand sonst auf diesem todten Stück Erde.

Die Weika und der Ede?

Hahaha! leben die auch noch, sogar mit ihm, dem verschmähten Oluf, unter einem Dache? allein, ohne Karle's Schutz, Oluf’s Gnade anheimgegeben? Hahaha! wäre der Oluf nicht ein so tüchtiger kreuzbraver Kerl, du könntest was erleben, du vertrauensseliger Karle! Hattest du wirklich keine Ahnung, wie es unter Oluf's Jacke rumort, rumoren muß? Oluf ist ja dein Zwillingsbruder, und er liebt dasselbe Weib. welches dein eigen; ist aber von ihr verschmäht worden!

Er kämpfte mannhaft. Er erkannte auch wohl, was seine innere Qual, vermehrte und suchte dagegen anzukämpfen.

Karten, Zirkel und Lineal her, auch die Tagebücher und Aufzeichnungen der letzten Fahrten. Vor allen Dingen aber ein Glas steifen Grogs, die Lebensgeister flüssig zu machen. So, wie’s behaglich wallt und zischt, wie das schmeckt! Dem Manne ist wohl bis aufs innerste Mark – die Arbeit kann beginnen. Ist sie vollendet, wird sie dem Herrn Lootsenkommandeur eingereicht. Wird der sich wundern. daß Oluf Nieboom, der einfache Schiffer, der Lootse, die von der Regierung geplanten neuen Vermessungen der Ostsee ganz allein und privatim ausgeführt hat, ehe die Regierung nur mit den Vorbereitungen fertig war! Der Herr Regierungspräsident bekommt die Musterarbeit in die Hände; von ihm geht sie nach Berlin, natürlich mit einem Empfehlungschreiben. Geht dann nach Recht und Billigkeit, wird die beste Kommandeurstelle an den deutschen Küsten ihm, Oluf Nieboom, zu Theil werden. Vielleicht auch etwas Höheres. Gut! dann kommen die Brüder aus einander. Das Elend hat ein Ende. Elend? wer ist denn elend? Oluf Nieboom doch nicht? Hahaha, der fühlt sich so mollig wie noch niemals, der tauscht mit keinem König. Nur das lachende strahlende Mädchengesicht, welches zwischen seinen Zahlen und Berechnungen umherhüpft, möchte er fort haben. Es kommt aber immer wieder. Besonnen, bedächtig! Oluf, alter guter Junge, mach’ keinen Fehler in der Rechnung! Lieber noch ein heißes Glas trinken, dann wird's besser gehen.

Während der Mann Strich um Strich, Zahl um Zahl aufs Papier setzte, suchte er den Stachel in seiner Brust abzustumpfen: vergeblich! derselbe drang immer wieder durch. Zwischen Zahlen, Linien und mathematischen Formeln hüpfte das reizende Mädchengesicht umher, winkte und nickte vertraut.

Mehr als acht Jahre sind verflossen, seit Oluf’s mächtige Arme zum ersten und einzigen Male die süße Mädchengestalt umschlossen, die er bis zum Wahnwitz liebte. Diese Brust, dieser Mund, diese Hand, die in fernen und nahen Landen den lockendsten Versuchungen widerstanden, um den lebendigen Hort der Liebe unverkürzt einer Einzigen zu Füßen legen zu können - sie hatten diese Einzige gefunden. Beim Schifferball war es, in einer mäßig dämmerigen Ecke des überfüllten [792] Saales, da trat Weika zu ihm und schlang ihre Hände um seinen Nacken. Er fühlte ihren Kuß wie einen Blitzschlag. Seine bebende Brust verlangte weiter nach dem Schlag ihres Herzens, sein heißer Mund nach ihren Lippen. Aber mit hochrothen Wangen entschlüpfte ihm das Mädchen und wiegte sich im nächsten Augenblick mit Bruder Karle im Tanz.

Worte hat ein Seemann im Sturm solcher Gefühle nicht zur Hand. Oluf mußte hinaus, um nicht mitten im Tanzgewühl einen lauten Schrei auszustoßen. Draußen am Meeresstrande lief er auf und ab, Hielt wortlose Zwiesprach’ mit der rollenden Brandung und dem sausenden Sturm. Er jauchzte in stummem Entzücken und vermeinte mit vollen Segeln dahinzurasen den Inseln der Seligen zu.

Am andern Tag schon kam der Schlag, der alles Gute in ihm vernichtete.

Beim Tagesgrauen kam Karle an Bord des „Herkules“, auf dem die Brüder dienten. Mit glänzenden Augen ging er zu dem vor Erregung nicht schlafenden Oluf: „Weika ist meine Braut; sie selbst verkündete es Dir schon mit einem Kuß, wie sie mir gestanden hat.“

Der Rest war Haß und Qual.

[805] Was sie mit ihrem Gör wohl beginnt in dieser Wintereinsamkeit, die Weika? Das Gethu’ und Geschleck mit dem Mann hat fürs Erste ein End’. So bald läßt der Frost nichts los. Und wie der Mann wohl girrt und seufzt nach dem Weibchen! Hahaha, merkt er, wie’s thut? Darben? Entbehren? Stille doch! Wie die verdammte Hand zittert! Hm, die Flasche ist leer, aber ein guter Rest vom Besten muß noch irgendwo in der Ecke stehen. Der wird den Fingern Sicherheit geben. So, da ist er! –

Wie der Nordsturm heult! Man kann vor dem Gebrüll zu keinem festen Gedanken kommen. Wahrhaftig, schlimmer war’s nicht, als wir mit dem „Augustus“ eingefroren zwei Monate im weißen Meere festsaßen. Wollte, der Karle mit dem russischen Schoner säße auch fest – aber für ewig. Ewig! Ewig! Dummer Schnack! Sie wäre frei. Frei? Etwa für mich? Warum nicht? – – Wenn ich sie entführte? Mit Gewalt fortschaffte, weit, weit fort von hier, wo Niemand uns wieder auffände? Lustig müßt’s doch sein, den Karle zu sehen, was der für Augen machte, fände er sein Feinsliebchen ausgeflogen. Hahaha, der Spaß ist unbezahlbar!

Pfui, Oluf, ein Kerl wie du hat solche Gedanken? Der verfluchte Rum ist schuld, ja, ja.

Für heut’ muß es mit der Arbeit genug sein. Die albernen Buchstaben wackeln ja wie Verrückte auf den weißen Bogen umher, und in der Stube ist’s unerträglich heiß. Na, gehn wir noch einen Mundvoll frischen Athem holen.

Oluf wankte in die Winternacht hinaus. Ueber ihm glitzerten die Sterne, und der eisige Wind sauste um sein Haupt, ohne ihm Erfrischung zu bringen. Am südlichen Horizont stand eine Nebelbank, die dem Kundigen nahe bevorstehenden Wetterumschlag hätte prophezeien können. Oluf sah und fühlte nichts von Kälte oder Wetteranzeichen; er fühlte nur das Klopfen seiner wildjagenden Pulse und hörte nur die begehrlichen Stimmen in seinem Innern.

Wie hübsch der Lichtschein aus dem Fenster auf die glänzende Schneekruste fällt! Will doch schauen, wie es Karle’s „theurem Eigenthum“ ergeht.

Der Unglückliche schob seinen Körper den Schneewall hinauf und legte sein brennendes Gesicht an die Scheiben von Weika’s Stübchen. Gleich darauf erlosch drinnen das Licht. Von Angst und Schrecken gefoltert, wankte die junge Frau ins Schlafgemach, wo sie mit Singen und Schluchzen den kleinen Ede zu Bett brachte. Der Knabe streichelte der Mutter Wangen; ahnungsvoll fühlte sein Kinderherz, daß nicht Alles in Ordnung, und er tröstete wieder: „Laß nur sein, Mutter, bald kommt der Vater.“

Die Erwähnung des Vaters, des Vaters ihres Kindes, trieb Weika unaufhaltsam die Thränen in die Augen. Sie hätte sich mögen recht herzhaft ausweinen. Doch als das Kind in der Mutter Augen Thränen sah, mußte es mit weinen. Nun schluckte das geängstigte Weib die Thränen mühsam hinunter, damit nur das Kind [806] wieder lächele. Das gelang bald. Sie küßte den Knaben, deckte ihn weich und sanft zu, wischte auch einen verspäteten Tropfen von der rosigen Wange. „Was will denn der dumme Tropfen?“ Ede lächelte und schlief rasch ein.

Gewiß, es konnte nur der Wind sein, der dieses Brausen und Tosen verursachte. Sie lauschte. Ja, ja, der Wind, der heulende Sturm. Freilich, wunderbar, daß der Sturm ohne Unterbrechung in derselben Stärke summte und brummte. Er verschlang sogar den Athem ihres Kindes. Ganz dicht auf die Kinderbrust mußte sie das Ohr legen, welches sonst jede leiseste Lebensäußerung des Lieblings selbst im Schlafe wahrnahm.

Das Kind schlief fest. Sie schauderte und legte die Hand an die brennende Stirn. Nun war sie ganz allein, kein denkendes, fühlendes Wesen außer ihr auf der Insel. Wie weit war’s denn wohl über das verglaste Meer und das Weiße todte Blachfeld bis zu den Wohnsitzen freundlicher hilfsbereiter Menschen? Und jenes schreckliche Gesicht im Nachtdunkel jenseit des Fensters, war es Wirklichkeit? war es Traum? Kein Traum, kein Traum! Dort stand es wieder. Nicht am Fenster, sondern in der weitgeöffneten Kammerthür! In der Gluth des Wahnsinns lachten zwei Augen sie an, zwei Mannesarme, von einer in Haß und toller Leidenschaft wogenden Brust getrieben, strebten ihr entgegen.

Und was that sie? Flüchtete sie wie das verfolgte Reh, sich in Sicherheit zu bringen?

Nein! Sie zeigte auf das Kind. „Bst, still, vorsichtig, Ede schläft. Du wirst mir doch das Kind nicht wecken wollen?“

Mit festem, sicherem Griffe faßte sie den Mann am Arme, drehte den großen Körper auf der Thürschwelle herum und führte ihn ganz gelassen durch die dunkle Stube über den Flur zur Hausthür. Willig, aber stöhnend wie ein verendendes Thier des Waldes, folgte ihr der Mann. Bei der Hausschwelle stieß sein tappender Fuß an, und er stürzte hinaus, der Länge nach in den Schnee. Drinnen aber schloß das junge Weib hastig die Thür; zum ersten Mal verriegelte und verrammelte sie den Zugang und stürzte selbst in fiebernder Erregung auf ihr Lager.

Mühsam, mit tappenden unsicheren Bewegungen hatte der Trunkene sich aufgerafft. Vor seinen Augen drehte sich die Nacht im Kreise, ein lächelndes, lockendes Mädchengesicht schwebte in der kreisenden Finsterniß. Seine Hände griffen nach dem Gespenst, um es zu erwürgen; sie griffen ins Leere und der Mann stürzte nieder, um sich aufs Neue zu erheben, den aussichtslosen Kampf zu erneuern. Immer wieder tauchte das süße Antlitz auf; in immer größerer Wuth jagte der Unglückliche einem Phantom nach, welches nur in seinem eigenen Hirn und Herzen hauste. „Ich werde dich doch los werden!“ schrie er, griff in den fest gefrorenen Schnee, und mit einem derben Eisklumpen zielte und schleuderte er nach dem Wahnbilde.

„Das sitzt!“ schrie er auf, und lautes, weithin gellendes Gelächter kündete den Triumph. Doch nur für wenige Augenblicke, denn an Stelle des verschwundenen Phantoms flammte es auf in jäher Lohe.

Der Wurf war durchs Fenster des eigenen Zimmers gedrungen, hatte die brennende Lampe getroffen und diese umgestürzt.

Oluf griff nach seinem schmerzenden Haupte, als sollte es ihm Klarheit geben über das, was dort vorging. Doch in dies Haupt konnte nimmer ein Verständniß des Augenblicks dringen. Nun war es plötzlich still geworden in Kopf und Brust. Er bohrte seine Augen in die Gluth, und wie diese weiter und weiter lief, nach der Decke, nach den Dachsparren griff, nun die Thür durchbrach und mit Zischen über hereinstürzende Schneemassen sprang, kam kindische Freude über den Mann. Er setzte sich gemächlich nieder und verfolgte die Sprünge des Feuers. Ein Giebel stürzte zusammen, der Sturm fand Zugang ins Innere und blies mit vollen gewaltigen Lungen hinein. Hochauf sprühten Millionen von Funken, und hinterdrein flammten tausend feurige Zungen zum Nachthimmel auf. Es brauste und sauste in dem Feuerherde, und über dem reinen Weiß der Natur lag blutrother Schein.

Nun grauste es den Mann doch. Alles physische Leben in ihm schien erstorben; Entsetzen drohte ihn zu ersticken. Nur seine Blicke lebten und verfolgten mit schauderndem Behagen die Fortschritte der Zerstörung.

Plötzlich kam Leben in den Unglücklichen. Ein schwacher Ruf, wie aus Weltenferne, drang trotz Gebrause und Getose an sein Ohr.

„Onkel Oluf! Onkel Oluf,“ rief die ferne Stimme. Er lauschte, und – „Weika, ich komme! Karle, Bruder! O, ich Elender! Herr mein Gott, laß mich nicht ganz zu Schanden werden!“ Seine Seele hatte sich wiedergefunden.

Verzweiflungsvoll rannte Oluf nach der Nordseite des brennenden Hauses, wo zwei Menschenleben dem Tode in brennendem Grabe verfallen waren. – –

*      *      *

Am andern Morgen lagen dichte feuchte Nebelschleier über dem Eiland. Bald nachdem Oluf die Rettungsthat vollbracht und während er sich mühte, die nöthigsten Dinge der Gluth abzuringen, um das Werk der Rettung zu vollenden, kam auf Geisterschwingen der Südwind geflogen, schob eine Nebelbank vor sich her, die alsbald zu Tropfen verdichtet das Werk der Erlösung an der erstarrten Natur begann, und fächelte das an geschützter Stelle in den Schnee gebettete kranke Weib mit mildem Hauche an. Auch die Natur kann Erbarmen haben.

Heute nur sollte, mußte das Eis noch halten! Ueber den glänzenden Spiegel der gefrorenen See wanderte ein Mann, mit einer lebenden Last auf den Armen, dem festen Boden menschlicher Hilfe und Theilnahme zu. Ein Kind trippelte nebenher, von Zeit zu Zeit an dem versengten Jackenzipfel des Mannes Stütze suchend, wenn die Füßchen gar zu oft ausglitten.

Heute noch mußte das Eis halten; heute nur, denn es galt, die todkranke Weika und das Kind in Sicherheit, unter Dach und Fach zu bringen.

Oluf, dessen Haupthaar verbrannt, dessen Gesicht rauchgeschwärzt und mit Brandblasen bedeckt war, fühlte nichts von eigenen Schmerzen. Sein Fühlen und Denken lebte einzig in seinem Schuldbewußtsein. Nicht in dem der letzten Nacht allein! Acht Jahre bittersten Vorwurfes voll drückten auf den starken Mann. Wenn die Kranke nur still gelegen hätte! Fest und behutsam trugen seine Arme, aber Weika suchte sich zu befreien, wirre ängstliche Reden dabei ausstoßend.

„Küsse mich nicht! nein, thu’s nicht, hast Du nicht an dem einen Kuß genug? Komm nur, komm nur! Nimm mich in Deinen Arm, da ist’s warm; horch, draußen geht der Tod um, und Karle kommt nimmer!“

Es schluchzte in Oluf’s Brust wie das versteckte Weinen eines Kindes, aber es trat kein Laut über die Lippen. Er sandte einen Blick zum Himmel, der hing in feuchtwarmen Wolken.

„Halten muß es!“ schrie es in des gequälten Mannes Seele, und er eilte schneller und schneller vorwärts, denn er fühlte es unter den Füßen wanken. Athemlos lief das Kind nebenher.

Sorgsam vermied der Lotse die langen dürren Stangen, die hier und da der glatten Eisfläche entragten. Bei offenem Wasser dienen sie den Fischern der Küste als Wegweiser zu den ausgelegten Netzen. Jetzt konnten sie das Verderben bringen, weil in ihrer Nähe das Eis dünner wird und dicht um die Stangen eine ganz kleine, offene Stelle bleibt. Vorwärts! Vorwärts! Nicht eine Sekunde darf die keuchende Brust sich Erholung gönnen! Nicht einen Augenblick darf Oluf ruhen, sein Gewicht würde den trügerischen Boden durchbrechen. Kling, kling, sangen die herabrieselnden Tropfen; kling, kling sang und klang es im Eise. Und nun sträubte die Kranke sich wieder gegen die schützenden, rettenden Arme. „Laß mich, was hab’ ich Böses gethan, daß Du mich würgst?“

Er fühlte sein Blut gewaltsam ins Hirn schießen; ihn schwindelte. Er mußte eine Ruhepause machen, wenn er nicht fürchten wollte, unter der Wucht der Anstrengung niederzustürzen. In großen Tropfen rann ihm der Schweiß über das Gesicht. Er stand und holte tief Athem; er lüftete das Tuch über Weika’s Haupt und küßte sie auf das Haar. Da ward die Kranke still. Jetzt aber krachte die wankende Glasdecke; unter seinen Füßen fühlte er das Wogen der tückischen Fluth. Vorwärts! Vorwärts! Will denn nimmer der Strand sich zeigen? Es wächst und wächst die Entfernung mit der Qual des Unglücklichen ins Ungeheure.

„Karle! Karle!“ stöhnt der Lotse. Da zupft es an seiner Jacke, und ein liebes Kinderstimmchen sagt ganz zuversichtlich: „Ja, lieber Oluf-Onkel, das ist wohl schwer, aber wart’ nur ein Weilchen, der Vater kommt bald!“ O seliges Kinderherz! „Der Vater kommt bald!“ ist dein sicherster Trost.

Der Vater kommt bald. Wie das kräftigte! Merkwürdig! Und die See, die vertrauteste, liebste Freundin des Lotsen, wird ihm doch nicht untreu werden zur Zeit der Noth? Vorwärts! Vorwärts!

[807] Sie ward nicht untreu. Da! Da! Es zeichneten sich die verglasten Gerölle des Festlandufers scharf ab von dem glatt vereisten Meeresspiegel. Noch einige hundert Schritt in scharfem Trabe und – gerettet, gerettet! – Oluf sank mit seiner Last zu Boden.

Er küßte die fieberheißen Hände Weika’s, aber es kam ihm nicht in den Sinn, ihren Mund zu berühren. Nun wieder auf und weiter! Noch eine kurze Wanderung, diesmal mit hoffnungssicheren Empfindungen, und das Fischerdörfchen war erreicht. Nicht lange währte es, so lag die Kranke gebettet in sicherer Hut. Es ward nach dem Arzte geschickt, und Ede, der tapfere kleine Ede, der rasch mit einer Schale warmer Milch erquickt wurde, vergaß in süßem Schlaf die Schrecken der Nacht. Dann wandte sich die Fürsorge der braven Fischersleute dem Lotsen zu, der, mit Brandwunden bedeckt, den Kopf in beide Hände gestützt, den Arzt erwartete. Er wehrte jede Hilfeleistung für seine Person ab, gab auch nicht Rede und Antwort, weder den guten Wirthen noch den vielen Leuten, die aus Theilnahme oder Neugier sich eingefunden.

Zuweilen nur hob er den Kopf und fragte: „Kommt er noch nicht?“ worauf er wieder in dumpfes Brüten versank.

Endlich kam der Arzt. Der Lotse litt nicht, daß der Helfer sich zuerst um ihn kümmerte, so schrecklich sein Aussehen war; mit gebietender Handbewegung schickte er ihn an Weika’s Bett. Erst als hier die nöthigen Verordnungen getroffen, sagte er kurz: „Verbindet den Kram, aber rasch, ich muß schnellstens zurück auf die Station.“

„Aber, Mann, seid Ihr von Sinnen?“ zürnte der Arzt, „ich weiß nicht, wie Ihr mit diesen Wunden, unter diesen Schmerzen das Geschehene habt vollbringen können.“

„Geht Sie auch nichts an,“ brummte der Lotse in den Bart.

„Aber zurück auf den Posten, wo Ihr nicht ’mal Haus und Dach vorfindet, könnt Ihr in diesem Zustande nicht.“

„Ist meine Sach’, nicht Ihre!“ knurrte der Lotse.

„Jenes Leben, welches dort im Nervenfieber ringt, liegt in einer höheren Hand; das Eure steht in unserer Macht. Jetzt heißt es zu Bett –“

„Macht nicht so langen Quatsch!“ erwiderte Oluf ungeduldig und stampfte mit dem Fuße. „Ich weiß, wohin ich gehöre.“

Bitten und Vorstellungen fruchteten nichts, vergebens warnten Mitleidige und Sachverständige: „Lotse, bleibt hier! Das Eis ist zu jung, um zu tragen; ’s ist ein Wunder, daß es herwärts gut gegangen.“

Er ließ sie reden und ging doch. Was konnten die Leute wissen, wie es im Innern des Mannes aussah? Nun er Weika und Ede geborgen wußte, wäre es für ihn ja eine Wohlthat gewesen, wenn – das Eis nicht hielt. Aber nicht das war’s, was ihn zurücktrieb. Nicht durch feige Flucht aus diesem Leben, nur durch die That konnten acht Jahre der frevelhaften Leidenschaft und des Hasses gesühnt werden. Der erste und schwerste Schritt zur Sühne war der Gang zu dem Richter, um ein freies Bekenntniß der Schuld abzulegen. Für Oluf gab es nur einen Richter, der hieß Karle Nieboom. Um ihn abzuwarten, mußte Oluf auf die Station zurück.

*      *      *

In dünnen, raschverflatternden Fäden stiegen hier und da noch Rauchwölkchen aus den schwarzen Ruinen, hier und dort glimmte es noch unter dem Schutt. Auf dem Granitblocke, der, von einer hohen Sturmfluth herangerollt, unweit der ehemaligen Wohnung der Menschen wie ein Fremdling im Sande lag, saß ein Mann und wartete. Er wartete geduldig Nacht und Tag. Er fühlte weder Brandmale noch Fiebergluth; er dachte nicht an Noth und Gefahr. Er ersehnte nur Eins: Sühne, Sühne durch die That! Er schaute nach Norden, von dort mußte der Bruder kommen.

Und der Bruder kam. Nicht vom Norden über das krachende Eis, sondern über den Sund im Süden. Karle hatte bereits sein Weib gesehen, seinen Knaben geküßt, von Oluf’s Heldenthat gehört, und er eilte, den Bruder mit dem stürmischen Dank einer arglosen Seele zu überschütten, ihn zu erlösen aus der grausamen Einsamkeit. Auf den entsetzlichen Anblick Oluf’s vorbereitet, streckte er schon von Weitem seine Arme aus. Doch Oluf kam ihm nicht entgegen. Als Karle in sein mehr durch Seelenkämpfe, als durch äußere Wunden entstelltes Antlitz blickte, schrie er laut auf:

„Oluf, was ist geschehen?“

Oluf stützte das Haupt: „Bruder, ich habe gesündigt im Himmel und vor Dir. Richte!“

Die Beichte dauerte nicht lange; es war eine Mannesbeichte. Und obwohl zu Beginn derselben in Karle’s Brust das Blut zu sieden begann und die Hand zuckte – als Oluf schloß, ohne auch nur der schwierigen Rettung Weika’s mit einem Worte zu gedenken, da fühlte der Beichtende zwei Arme um seine Schultern, und er hörte eine Stimme rufen mit dem Vollklang vergebender Liebe: „Oluf, mein Bruder!“

Dann verließ ihn die Besinnung.

*      *      *

Mit Donnern und Poltern brach das Eis. Hochauf thürmten sich die Schollen, und das lebendige Meer brach hervor, der Fesseln spottend. Der Frühling kam, und Licht ward überall.

Schau’ nur auf deinen Reisen nach der kleinen Insel im Nordmeere aus. Ein einziges, stattliches, neues Gebäude liegt auf dem Eilande. Noch immer hüllen die Nebel es ein und versengt der Sonne Gluth den spärlichen Pflanzenwuchs, und keine andere Stimme als der urewige Gesang des Meeres dringt zu dem kahlen Gestade.

Zwei Männer, ein Weib und ein Kind sind die Bewohner der Insel. Alle ernst, doch zufrieden und blühend. Kehre bei ihnen ein, laß dich bewirthen mit dem trefflichen Seemannsgrog, den einer der Männer zu bereiten versteht. Der andere Mann, der mit dem kahlen Kopfe und den Brandnarben im Gesicht, kann dir nicht Bescheid thun; er bringt keinen Tropfen geistigen Getränks über seine Lippen seit – doch das brauchst du wirklich nicht zu wissen, lieber Reisender.

„Ja, ja,“ sagt die hübsche junge Hausfrau mit einem Anfluge von Schelmerei, „unser Sandhaufen ist die Insel der Seligen,“ und sie nickt dem Manne zu, welcher keinen Haarschmuck besitzt und keinen Grog trinkt.

Der Mann nickt wieder und sagt: „Der Baugrund mußte in Mühseligkeit geschaffen werden, aber der Bau ist fest.“