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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Die Gräfin von Orlamünde
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 2. Anhang: Die Sagen des Herzogthums Sachsen-Altenburg, S. 403–404
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Erscheinungsort: Dresden
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
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[403]
99) Die Gräfin von Orlamünde.
S. meine Preuß. Sagen Bd. I. S. 15.

Im Jahre 1284 starb Graf Otto II von Orlamünde und hinterließ seine Frau Agnes als Wittwe mit zwei kleinen Kindern, Hercules und Herculisca. Doch die lebenslustige Gräfin, eine geborne Gräfin von Meran, der auch sonst noch die Plassenburg in Franken gehörte, legte bald den Trauerschleier ab und sah sich nach einem Tröster in ihrem verwaisten Hause um. Als solcher erschien ihr der Markgraf von Brandenburg, Albrecht der Schöne, und von heftiger Leidenschaft für den stattlichen Mann ergriffen, beschloß sie, es möge kosten was es wolle, seine Liebe und Hand zu gewinnen. Allein der Markgraf blieb auffällig kalt gegen sie und gab ihr durchaus keine Hoffnung, daß er irgendwie das Band der Ehe mit ihr eingehen wolle. Es war nämlich schon zwischen dem Markgrafen und der Gräfin Sophie von Henneberg eine Verbindung im Gange, welche namentlich die Aeltern des Markgrafen wünschten. Gleichwohl ward der Gräfin hinterbracht, Albrecht hätte, als man ihm unter der Hand von der Neigung der Gräfin zu ihm gesagt, die Aeußerung fallen lassen „wenn vier Augen nicht wären“. Dieses, was aber von Albrecht wohl auf seine Aeltern bezogen war, deutete die Gräfin auf ihre beiden unschuldigen Kinder, das eine ein Söhnlein von drei, das zweite ein Töchterlein von zwei Jahren und faßte verblendet von ihrer unsinnigen Leidenschaft für den Markgrafen den schwarzen Entschluß ihre Kinder aus dem Wege zu räumen. Darauf gewann sie durch das Versprechen hohen Lohnes einen Dienstmann, Haider oder Hager, die Kinder umzubringen. Als [404] derselbe die armen Kleinen, welche er mit sich in den Wald genommen hatte, angeblich um sie spatziren zu führen, ermorden wollte, soll nach den Worten des alten Volksliedes der kleine Graf gefleht haben:

Lieber Haider, laß mich leben,
Ich will Dir Orlamünde geben,
Auch Plassenburg, die neue,
Auf daß es Dich nicht gereue!

und das Töchterlein:

Lieber Haider, laß mich leben,
Ich will Dir alle meine Docken geben!

Aber der Mörder ließ sich nicht erbitten und vollbrachte die Unthat, hat aber nachher auf der Folter bekannt, daß sie ihm schrecklich gereuet habe, wenn er der Bitten der unschuldigen Kinder, insonderheit des kleinen Mägdleins gedacht habe. Inzwischen erreichte die Gräfin durch die Ermordung ihrer Kinder gleichwohl ihren Zweck nicht, denn als der Markgraf die abscheuliche Frevelthat vernommen hatte, erfaßte ihn statt der gehofften Gegenliebe der tiefste Abscheu gegen die grausame, unnatürliche Mutter und er ließ ihr sagen, daß er mit jenen vier Augen nur die ihrigen und seine eigenen gemeint habe, die nicht zusammen passen würden, und wandte sich für immer von der blutbefleckten Mörderin. Agnes aber verfiel von Stund an in trübe, finstere Schwermuth und welkte von Reue verzehrt langsam einem frühen Tode entgegen. Sie übte schwere Buße und rutschte auf ihren Knieen bis zum Kloster Himmelskron, wo sie auch begraben liegt, allein sie fand darum doch keine Ruhe im Grabe, denn nicht blos auf der Plassenburg irrt sie in stiller Nacht umher, sondern auch am Berge zu Orlamünde. Dort wo noch jetzt die alte Kemnate den Wohnsitz der alten Grafen von Orlamünde bezeichnet, sieht man des Nachts eine weiß verhüllte Frauengestalt gespenstisch langsam umherwandeln, das todtbleiche Antlitz voll Schmerz und Kummer und mit ihren Augen um sich blickend, als suche sie etwas, das sie verloren habe und nicht wiederfinden könne.[1]


  1. S. oben Bd. II. Nr. 624 eine ähnliche Geschichte nach Meerane in Sachsen verlegt.