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Textdaten
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Autor: Christian Fürchtegott Gellert
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Titel: Die Geschichte von dem Hute
Untertitel:
aus: Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 9–11
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1769
Verlag: M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck 1746/48
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[9]
Die Geschichte von dem Hute.

Das erste Buch.
 
Der erste, der mit kluger Hand
Der Männer Schmuck, den Hut, erfand,
Trug seinen Hut unaufgeschlagen;
Die Krempen hiengen flach herab;

5
Und dennoch wußt er ihn zu tragen,

Daß ihm der Hut ein Ansehn gab.

Er starb, und ließ bey seinem Sterben
Den runden Hut dem nächsten Erben.

Der Erbe weis den runden Hut

10
Nicht recht gemächlich anzugreifen;

Er sinnt, und wagt es kurz und gut,
Er wagts, zwo Krempen aufzusteifen.
Drauf läßt er sich dem Volke sehn;
Das Volk bleibt vor Verwundrung stehn,

15
Und schreyt: Nun läßt der Hut erst schön!


Er starb, und ließ bey seinem Sterben
Den aufgesteiften Hut dem Erben.

Der Erbe nimmt den Hut, und schmählt.
Ich, spricht er, sehe wohl, was fehlt.

20
Er setzt darauf mit weisem Muthe

Die dritte Krempe zu dem Hute.
O, rief das Volk, der hat Verstand!
Seht, was ein Sterblicher erfand!
Er, er erhöht sein Vaterland!

[10]
25
Er starb, und ließ bey seinem Sterben

Den dreifach spitzen Hut dem Erben.

Der Hut war freylich nicht mehr rein;
Doch sagt, wie konnt es anders sein?
Er gieng schon durch die vierten Hände.

30
Der Erbe färbt ihn schwarz, damit er was erfände.

Beglückter Einfall! rief die Stadt,
So weit sah keiner noch, als der gesehen hat.
Ein weisser Hut ließ lächerlich.
Schwarz, Brüder, schwarz! so schickt es sich.

35
Er starb, und ließ bey seinem Sterben

Den schwarzen Hut dem nächsten Erben.

Der Erbe trägt ihn in sein Haus,
Und sieht, er ist sehr abgetragen;
Er sinnt, und sinnt das Kunststück aus,

40
Ihn über einen Stock zu schlagen.

Durch heisse Bürsten wird er rein;
Er faßt ihn gar mit Schnüren ein.
Nun geht er aus, und alle schreyen:
Was sehn wir? Sind es Zaubereyen?

45
Ein neuer Hut! O glücklich Land,

Wo Wahn und Finsterniß verschwinden!
Mehr kann kein Sterblicher erfinden,
Als dieser große Geist erfand.

Er starb, und ließ bey seinem Sterben

50
Den umgewandten Hut dem Erben.


[11]
Erfindung macht die Künstler groß,

Und bey der Nachwelt unvergessen;
Der Erbe reißt die Schnüre los,
Umzieht den Hut mit goldnen Dressen,

55
Verherrlicht ihn durch einen Knopf,

Und drückt ihn seitwärts auf den Kopf.
Ihn sieht das Volk, und taumelt vor Vergnügen.
Nun ist die Kunst erst hoch gestiegen!
Ihm, schrie es, ihm allein ist Witz und Geist verliehn!

60
Nichts sind die andern gegen ihn!


Er starb, und ließ bei seinem Sterben
Den eingefaßten Hut dem Erben.
Und jedesmal ward die erfundne Tracht
Im ganzen Lande nachgemacht.
 
Ende des ersten Buchs.



65
Was mit dem Hute sich noch ferner zugetragen,

Will ich im zweyten Buche sagen.
Der Erbe ließ ihm nie die vorige Gestalt.
Das Außenwerk ward neu; er selbst, der Hut, blieb alt.
Und, daß ichs kurz zusammen zieh,

70
Es gieng dem Hute fast, wie der Philosophie.