Die Gartenlaube (1893)/Heft 15

Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube (1893)
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1893
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1893) 241.jpg
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[241]
Chicago.

Das Sternenbanner hoch – die Königin der See’n
Läßt dieses Banner jetzt von ihren Zinnen weh’n;
Doch ist’s nicht bloß die Siegesfahne
Der Washington – es ist der Menschheit Sternenkranz;
Von einem Kontinent zum andern strahlt sein Glanz
Und über beide Oceane.

Wo jetzt der Arbeit Fleiß aus hundert Essen dampft,
Hat einst der Büffel Schwarm durch die Prairien gestampft;
Wo jetzt die stolzen Bauten ragen,
Da stand der Wigwam einst, vom Riesenwald erdrückt,
Das Heim des rothen Manns, mit Skalpen ausgeschmückt
Der Feinde, die sein Beil erschlagen.

Die Fluth des Michigan, die sich am Strande bricht,
Sah diese Stadt erstehn, so wie ein Traumgesicht,
Wo endlos die Gestalten wachsen.
Einst glitt der Eichenstamm als Kahn durch seine Fluth;
Jetzt rauscht der Dampfer stolz; es treibt die inn’re Gluth
Durch Schaumeswellen Rad und Achsen.

O manch’ Jahrtausend hier im Unermeßnen schwand!
Die Woge peitschte stets denselben öden Strand,
Der Sturm des Urwalds Wipfelkronen.
Ein halb Jahrhundert nur, das der Sekunde gleich
Im Leben der Natur und in der Wildniß Reich,
Schuf eine Stadt für Millionen.

Einst den Kolumbus trieb westwärts der Sehnsucht Drang,
Ein ahnend Traumgesicht, daß Sonnenuntergang
Der Menschheit Sonnenaufgang werde!
Das war kein Seegespenst, das rasch im Nebel schwand,
Nein, allen Völkern reicht Atlantis jetzt die Hand
Und ihrem Rufe lauscht die Erde.

Einst auf verweg’ner Fahrt ging’s nach dem goldnen Vließ,
Dem Eldorado zu, dem Erdenparadies,
Wo goldbedachte Zinnen ragen,
Wo unermeßner Schatz die kühnsten Wünsche stillt,
Wo aus dem Wunderborn die ew’ge Jugend quillt
Mit wonnevollen trunk’nen Tagen.

Verweht ist dieser Traum: dem schöpferischen Fleiß
Winkt in Chicago jetzt ein neuer goldner Preis,
Nach dem die kühnen Schiffer steuern.
Jetzt singt ein Riesenwerk der Eintracht Hohes Lied;
Nie soll sich Babels Fluch, der einst die Völker schied,
Dem künftigen Geschlecht erneuern.

Seht, Bau an Bau! Hier winkt der Blumen Märchenpracht,
Dort, was die Erde birgt im aufgeschloßnen Schacht
Und was des Meeres Tiefen spenden.
Der Blitz, den einst Franklin dem Himmel kühn entriß,
Jetzt erdgeboren zuckt er durch die Finsterniß
Und schreibt weithin mit Geisterhänden.

Und hier, Cyklopenwerk! Das trotzige Metall
Ward für des Menschen Wink ein dienender Vasall,
Geschmeidigt und geformt im Feuer,
Gestaltet hundertfach: noch schlummert seine Kraft;
Es harren auf den Dampf, der ihnen Schwingen schafft,
Die mächt’gen Eisenungeheuer.

Der Künste Heimath ist ein edler Tempelbau;
In Leinwand, Erz und Stein steht das Gebild zur Schau,
Das schöpferisch der Geist gestaltet.
Nicht flüchtigem Gebrauch, vergänglichem Genuß,
Nein, für ein ew’ges Schau’n erschafft der Genius
Das Meisterwerk, das nie veraltet.

Und hier – ein Heiligthum, dem Werk der Frau’n geweiht!
Da eine milde Hand legt die Barmherzigkeit
Aufs Haupt der Kinder und der Kranken.
Hier herrscht der Frauen Fleiß, unendliche Geduld;
Hier herrscht der Frauen Geist, den künft’ger Zeiten Huld
Befreit von ungerechten Schranken.

Du aber, deutsches Volk, sollst Fahnenträger sein!
Du webtest manchen Stern ins Sternenbanner ein,
Du schufst ein neues Heim im Westen!
Die alte Heimath grüßt aus stillem Tannengrund,
Und beide schließen neu den deutschen Brüderbund
Hier in Chicagos Prachtpalästen.

 Rudolf v. Gottschall.

[242]

Schwertlilie.

Roman von Sophie Junghans.
(1. Fortsetzung.)


Nach der sonderbaren Begrüßung mit Ludwig und Polyxene trat der Jäger aus dem Gebüsch heraus, eine untersetzte und jetzt vom Alter gebeugte Gestalt, aber mit mächtigen Schultern und Armen. Daß der Strieger sich vor Gott nicht und auch nicht vor dem Teufel fürchtete, galt für ausgemacht; niemand band deshalb gern mit ihm an. Aber dazu war auch wenig Gelegenheit. Der Waldwart, mit seinen nunmehr fast neunzig Jahren auf dem Rücken, war für die Menschen außerhalb des Waldes nur noch wie eine Sage; hätte man genauer nachgeforscht, so würde man gefunden haben, daß viele von den Birkenfelder Städtern zum Beispiel wissen wollten, ja, einen solchen habe es gegeben, in ihrer Kinderzeit; der lebe aber nun schon lange nicht mehr.

Die Leyens wußten es besser. Der Alte lebte und gehörte ihnen, das heißt, er gehörte zu ihrem Walde mit Leib und Seele. Er saß im Forste fest, mit Recht über Leben und Tod, und wenig war in ihm, was ihn an dessen rücksichtsloser Ausübung, auch wenn es sich einmal nicht um ein Gethier handelte, hätte hindern können. Störrisch und widerborstig war er, auch gegen die eigenen Herren. Und so hielten ihn diese etwa wie man einen bösen untraktabeln Hund hält, der den Feind allerdings nicht herankommen läßt oder ihn zerfleischt, der aber auch imstande ist, einmal mürrisch nach der Hand zu schnappen, welche ihm sein Futter reicht.

Sei dem wie ihm wolle: während der langen Minderjährigkeit des jetzigen Erben, dessen Vater kurz vor der Geburt dieses Sohnes verstorben war, und bei den Eigenheiten des Vormundes, des Obersten von Gouda, eines stubenhockerischen Grüblers, hätte es schlimm um den Bestand der ausgedehnten Leyenschen Wildbahn ausgesehen, wenn nicht die Furcht vor dem alten Waldwart einen Bannkreis um den Forst gezogen hätte. Und der Alte war klug genug, das zu wissen, und nichts freute ihn mehr, als wenn die Birkenfeldschen drüben, die Hubertsteiner, sich bei seinem bloßen Namen bekreuztell. Wie hätte denn einer allein sonst des Reviers so gut zu walten vermocht ohne Untergebene, die ihm halfen? Nun, dem Strieger half kein Geringerer als der Böse mit einem ganzen Stabe von feurigen Männern, kopflosen Reitern und dergleichen – lauter Gestalten, die in der Phantasie seiner Reviernachbarn so wirksam lebten, wie man es nur verlangen konnte.

Wer ihn und diese seine Hilfsmächte vielleicht noch am wenigsten fürchtete, das waren seine Nachbarn auf der andern Seite, die armseligen Dörfler von Keula. In seinen Wald freilich kamen sie ihm nicht, davor war er sicher; kaum, daß ein paar Weiber, kühn gemacht durch die Noth des Winters, sich herzuwagten und Holz lasen, wenn er, grau zwischen den grauen Stämmen erscheinend und nie recht deutlich sichtbar, sie von weitem angerufen und ihnen einen Platz dazu ausdrücklich angewiesen hatte. Wenn ihnen aber das Wild in ihre mageren Aecker brach und dort einige feiste Stücke verschwanden und nicht wieder zum Vorschein kamen, so schien es, als ob des Striegers unheimliche Allgegenwärtigkeit ihm ein paarmal nicht stand gehalten habe. Und der Teufel, der es doch jedenfalls wissen könnte, hatte seinem Getreuen von dem wohlgezielten Knittelwurf auch nichts verrathen, mit welchem Melchior Krotze oder einer seiner Nachbarn sich an dem genäschigen Spießhirsche rächte.

Hier, bei seiner Herrschaft, begab sich der Strieger nun aber der Unsichtbarkeit, die er sonst liebte. Er war, wie gesagt, in ganzer Figur aus dem Tannendickicht getreten, stand vor ihnen und griff jetzt ohne weiteres nach der Wildtaube an Lutzens Jagdtasche und prüfte den Schuß, der sie herabgeholt hatte. Dann nickte er nur, indem er sie wieder fahren ließ, weiter nichts. „Den Rehbock gesehn, was?“ Dabei blickte er schlau von unten herauf aus den noch immer scharf funkelnden Augen.

„Gefehlt! Das wäre eine Kunst gewesen, da ihn der Luchs schon im Magen hatte,“ rief Ludwig voll Eifer, ehe noch Polyxene zu Wort kommen konnte.

Der Alte sah dem Knaben mit bedächtiger Aufmerksamkeit in das hübsche Gesicht. Allemal, wenn er nach längerer Pause seiner einmal wieder ansichtig wurde, betrachtete er ihn so genau; er mußte wohl in seiner Art Freude an dieser kräftig heranblühenden Jugend haben. „Der Luchs!“ warf er jetzt hin. „Was redet Ihr von einem Luchse, junger Herr – von dem müßt’ ich doch wissen.“

Verblüfft stockte Ludwig, aber ein Blick auf Polyxenens Gesicht machte ihn wieder sicher. „Das wißt Ihr auch!“ rief er. „Ihr und kein anderer wißt, wo er liegt. Polyxene sagt es, und Ihr sollt uns hinführen.“

„Polyxene sagt es?“ wiederholte Strieger nicht gerade ehrerbietig. „Das Fräulein, so!“ Jetzt wendete er sich um und musterte das junge Mädchen so scharf wie eben den Junker. „Es war kein Luchs, Fräulein,“ sagte er dann ruhig zu ihr.

„Doch, Strieger, und Ihr wißt es am bestem“ erwiderte sie ebenso.

„Woher wollt Ihr die Fährte kennen?“ hob er wieder an.

„Von Euch,“ sagte sie ohne Zögern. „Ihr habt sie vor Jahren dem Herrn aus Lothringen gewiesen, der den Oheim besuchte und den wir in den Wald begleiteten. Keinmal habe ich seitdem dergleichen wieder gesehen, bis heute. Aber ich irre mich nicht.“

„Ihr irrt Euch nicht, so? Und wo liegt der Luchs am Tage? Weiß das das junge Fräulein auch?“

Polyxenens graublaue Augen trafen ungekränkt durch den Spott gerade in die seinen. „Zwischen den großen Steinen links dicht unter dem Heidenkopf,“ antwortete sie kecklich aufs Gerathewohl. Da zuckte es doch über sein verwittertes Gesicht wie ein Verwundern. Und mit einem Male riß er den alten zerfetzten Filz von dem Graukopf herab, was er vorhin bei der Begegnung nicht gethan hatte, und sagte: „Vor Euch zieh’ ich den Hut, Fräulein ... das heißt, soviel noch davon da ist. Die Herrschaft dürfte mir einmal einen neuen verehren.“

„Den sollt Ihr haben, Strieger,“ sagte Polyxene lebhaft. Es war eigen, wie ein Lob von dem Alten wohl that.

„Wenn ich sage, einen neuen, so mein’ ich einen abgelegten vom Herrn,“ fuhr der Waldwart fort. „Etwas Frischeres paßt auf diesen alten Kopf nicht ... Den Luchs wollt Ihr wegschießen, so –“ er stellte sich breitbeinig hin, schlug Feuer und brannte die Stummelpfeife wieder an, die ihm ausgegangen war, ehe er fortfuhr: „Den Luchs, der sich dann und wann einen Rehbock holt, junger Herr? Meist begnügt er sich mit Kleinzeug, und dessen giebt’s hier oben genug. Leben will so ein Vieh doch auch. Ja, und wer noch leben will, das sind die von Keula, die Tröpfe. Sie sagen aber, Euer Wild fräße sie auf.“

„Und darum habt Ihr Spitzbube, der mit den Schlingeln immer unter einer Decke steckt, die Wildräuber geschont!“ rief da Ludwig, scharf dreinfahrend wie ein echter adliger Herr und mit einem raschen Verständniß fast über seine Jahre.

„Gebt Euch zufrieden, jetzt soll’s ihnen an den Kragen gehen,“ sagte der Alte, der diesen Zorn nicht übelzunehmen schien. Und dann, in sich hinein lachend: „Es sind ihrer heuer viere.“

„Vier Luchse?“ schrie Ludwig mit sprühenden Augen.

„Ja – aber ich werde sie doch wohl wegschießen müssen, junger Herr. Denn am Tag ist ihnen nicht beizukommen, und in der Nacht vermögt Ihr nicht heraus.“

„Doch, wir kommen in der Nacht, Polyxene kommt mit,“ rief Lutz. „Ich traut’s Euch zu,“ knurrte der Alte, halb wohlgefällig zu der jungen Dame hin. „Ja, wenn Lutz kommt, bin ich dabei,“ sagte diese einfach. „Allein gehen laß ich ihn nicht. Und wie wollt Ihr viere gemerkt haben, Strieger?“

„Von dreien wußt’ ich lange schon,“ entgegnete er kurz, wie ausweichend, „und jüngst hab’ ich auch den vierten gespürt.“ Dann, als wenn er sich anders besänne, sah er sie scharf mit den kleinen Funkelaugen an, diesmal nur sie, nicht ihren Vetter, und sprach weiter: „Ein Tager achte mögen es her sein, daß ich die Fährte von allen vieren fand; sie hatten ein Schmalthier niedergerissen, das vom Rudel versprengt war. Ich war lange vor Tag draußen dazumal, denn ich bestahl Euch, das heißt, meinen Herrn da. Dazu hab’ ich freilich alle vierundzwanzig Stunden Zeit, aber, was dünkt Euch, es ist doch klüger, wenn ich dazu die Stunde aussuche, in der Ihr mir nicht begegnen könnt?“

Lutz von Leyen horchte auf, betroffen, aber nicht allzu sehr, denn man war kuriose Reden von dem Strieger gewohnt. Das Antworten darauf überließ er seiner Base, und Polyxene meinte denn auch gelassen: „Man wird’s Euch wohl glauben dürfen, Strieger, da Ihr es selber sagt. Aber redet deutlicher!“

„Wollt Ihr alles erzählt haben? Warum nicht, da wir einmal dabei sind! An den Kragen geht’s dem Strieger nun auch [243] nicht mehr, da er’s seit dreißig, vierzig Jahren treibt. Was ich an jenem Morgen in aller Frühe abgeschossen hatte – war’s ein Hase, waren’s ein paar Hühner, einerlei ... ich könnt’ Euch ja vormachen) was ich nur wollte, und Ihr bliebet so klug wie zuvor – also was ich mir geholt hatte aus Eurem Forste, das trug ich nicht in mein Loch, sondern hinunter nach Keula und in ein Haus – wenn man eine schlechte Hundehütte von Lehm und Stroh, so nennen will – hinten am Schindanger. Bekreuzt Euch, Fräulein, daß Euch die Krankheit nicht etwa anfliegt, die da drinnen haust ... Mir thut sie nichts mehr –“ er lachte hier, als einer, der die menschliche Lebensgrenze schon überschritten hat und über das Fürchten und Hoffen hinaus ist – „ich fahre ja doch einmal ohne Pfaffen dahin, wohin ich gehöre. Aber mit meiner adligen Herrschaft ist das ein anderes, die darf sich mit Ketzerei nicht befassen, und je weniger sie davon weiß, desto besser ist’s!“ Das war sein völliger Ernst.

Wenn nur Polyxene von Leyen nicht eine so scharfe ehrliche Neugier oder vielleicht Wißbegier gehabt hätte. Mit der sagte sie jetzt: „Ihr habt nicht umsonst so viel verrathen; jetzt sprecht auch weiter. Ist ein Krankes in dem Haus am Schindanger, dem Ihr für stärkende Kost habt sorgen wollen? Und was geht die Person Euch an?“

Es ist schon berichtet worden, daß es für eine Polyxene von Leyen und für ihresgleichen einen Zusammenhang mit Leuten wie den Dörflern von Keula nicht gab, da eine anscheinend unüberbrückbare Kluft diese von jenen trennte. Nun erhob aber eigenthümlicherweise auf das, was in Polyxenens Herz an menschlichem Mitgefühl schlummerte, das Wort Krankheit fast allein einen Anspruch. Krankheit war ihr mit ihrer herrlichen Gesundheit etwas so Fremdes, aber auch so Beklagenswerthes! Das mochte daraus zu erklären sein, daß ihre Mutter, eine zarte Frau, ein süßer traurig holder Schatten im ersten Frühdämmer ihrer Erinnerungen, lange gekränkelt hatte, wie man ihr zum Ueberfluß erzählte; denn sie wußte es noch, mochte auch niemand ihr das glauben, weil sie beim Tode der Mutter erst ein dreijähriges Kind gewesen war. Sie hatte aber bis jetzt den Begriff jenes zarten hilfsbedürftigen Siechthums mit den meist wölfisch hager und derb aussehenden Weibern, Männern und Kindern von Keula nie in irgend eine Verbindung gebracht.

Der alte Strieger hatte ein paar Züge aus seiner Pfeife gethan – halb abgewandt von seiner jungen Herrschaft, damit der Dampf seines bösen Krautes ihr nicht ins Gesicht steige; soviel Höflichkeit hatte er doch. Jetzt kehrte er sich wieder um. „Vor allen Dingen ist eine schlimme Pest in dem Hause dort.“ Dabei sah er Polyxenen scharf in das längliche, vornehm zarte Gesicht. „Die darin lebt, ist von der Kirche in Bann gethan ... ein garstiges Uebel; steckt an, wie man sagt, daher sich auch von den Nachbarn beileibe keiner um sie kümmert. Daß sie siech ist, ist kein Wunder ... so ein regelrechtes Verfluchen, mit umgekehrtem Weihwedel und Krucifix, dörrt aus bis in die Nieren. Hat doch der Hahn auf der Stelle die Kolik gekriegt und ist verreckt, an dem es der Meßnerbub’ probiert hat in gottlosem Scherze. Ja, ja, junger Herr, seht mich nur groß an! Aber das ist schon lange her.“

„So hat die kranke Frau keinen, der sich um sie kümmert, als Euch?“ fragte Polyxene weiter, fast wider Willen gefesselt.

„Keinen, Ihr trefft den Nagel auf den Kopf, kluges Fräulein. Mich, ausgepicht wie ich bin durch das schier heidnische Waldleben, mich ficht die Ketzerluft nicht an. Deshalb sehe ich dann und wann nach ihr ...“

„Aber Polyxenchen,“ rief hier Ludwig, der seine Ungeduld nicht länger zu zügeln vermochte, „was hast Du danach zu fragen? Daß der Graukopf uns das Wild maust, wie er selber sagt, müssen wir leiden. Mag er’s doch zustecken, wem er will, und mag, wer es kriegt, sich die Kränke daran essen!“

„Oho, das solltet Ihr nicht sagen!“ rief da der Strieger, und das fuhr ihm ernstlicher heraus als alles, was er bisher an Reden hatte hören lassen. Und doch hätte er merken können, daß die Worte bei dem gutherzigen Jungen nicht allzu schlimm gemeint waren. „Werdet nur nicht falsch,“ rief der Knabe jetzt mit seinem freundlichen Lachen, dem so leicht keiner widerstand, und klopfte dem Alten auf die Schulter. „Und nun sagt, wann wir uns nächtens treffen wollen und wo!“

„Das kann jetzt nicht eher sein, als bis wir den Neuen Mond haben, und auch dann nur, wenn die Nächte klar sind,“ sagte der Strieger mit barscher Bestimmtheit. „Am besten wär’s, Ihr geduldetet Euch bis kurz vor dem Vollmond. Um die Zeit herum will ich bei Sonnenuntergang hier bei dem Baume Eurer warten. Dann zeig’ ich Euch den Platz und sag’ Euch die Kunde. Also, kommt Ihr, so ist’s gut – kommt Ihr nicht ...“

Die letzten Worte wurden zum unverständlichen Murmeln, während er den Riemen seiner Büchse fester über die Achsel schob und mit keinem anderen Gruße als einem kurzen Rücken der Hutkrempe sich abwendete. „Kommt Ihr nicht, so ist’s noch besser!“ – wer die Rede so ergänzt hätte, würde wohl nicht weit gefehlt haben.

Da – die beiden Verwandten waren doch ein wenig verblüfft über den kurzen Abschied – da stapfte er über den Moosboden und hatte schon die Tannenwand erreicht, aus der er vorhin so unversehens hervorgetreten war. Mit einem Male war Polyxene neben ihm und bekam ihn am Aermel des abgetragenen Lederwamses zu packen. „Wer ist die kranke Frau, Strieger, wie heißt sie?“ fragte sie halblaut und in Hast.

Er blieb stehen. Gewartet hätte er nicht auf die Frage, das war klar, aber ebensowenig wollte es scheinen, daß sie ihm unerwartet oder unerwünscht kam. „Es geht jetzt stark auf das Ende zu mit ihr,“ sagte er. „Und lange liegt sie mir schon an, Euch vor ihrem Tode noch zu ihr zu führen.“

„Mich!“ rief Polyxene erstaunt. „Mich?“

„Ja, das Fräulein von Leyen. Denn sie ist – bei ihren Lebzeiten, hätt’ ich bald gesagt; ist sie doch für Eure Welt lange schon abgestorben – also vor Zeiten ist sie Kammermagd Euerer Frau Mutter gewesen.“

Polyxene stand still, ihr zartblühendes Antlitz war erblichen. „Das sagt Ihr jetzt erst,“ brachte sie nach einer Weile leise heraus. Und dann, indem sie die grauen Augen groß auf ihn gerichtet hielt wie in unschuldiger Verwunderung: „So seid Ihr denn wirklich böse, wie die Leute meinen? Ihr habt Eure Freude daran gehabt, mir dies so lange zu verhehlen?“

„Zum Teufel, Fräulein, was fällt Euch ein!“ knurrte er da. „Eueres hochadligen Vortheils hatte ich wahrzunehmen. Sagte ich Euch nicht: sie ist exkommuniziert. Und wer ihr nicht mit gebührender Vorsicht nahe käme, dem könnte es geschehen, daß er auch in einen üblen Geruch bei der Geistlichkeit geriete. Davor soll man sich hüten, ja, ja, sogar ein Fräulein wie Ihr!“

Er hatte sie zuletzt durchdringend angesehen und ihr auch noch am Schlusse etwas wie ein Zeichen mit den Augen gemacht, nach Ludwig hin, dem er den Rücken zuwendete. „Das ist alles, was der Junge davon zu wissen braucht; hütet Euch!“ sollte das heißen. Und dann hob er sich wirklich davon, ins Dickicht, und keins von den beiden hielt ihn mehr auf.




3.

Als die jungen Verwandten in vorgerückter Morgenstunde wieder im Hofe der Herrenmühle einfuhren, streifte Polyxene die Fensterreihe droben mit den Augen, spähend, ob ein glücklicher Zufall ihre Heimkehr wohl werde unbemerkt vom Oheim vor sich gehen lassen. Denn der Oberst von Gouda war durchaus kein Freund der Jagdleidenschaft seiner beiden Mündel und that, was er konnte, ihnen die Freude an ihren Pirschgängen krittelnd zu verleiden. O weh, diesmal hatten sie mit ihrer Heimlichkeit kein Glück! Er hätte in seinen Büchern vergraben sein können wie gewöhnlich, statt dessen aber sahen sie ihn da mit der Hälfte seiner hageren Figur über eine Fensterbrüstung in die Höhe ragen. Das Fenster war geöffnet, Herr von Gouda stand und blickte gemächlich in den Hof hinab. Und er war nicht allein. Neben ihm lehnte, ganz in derselben Haltung müßigen Beschauens, ein anderer Mann, den Polyxene anfänglich nicht weiter beachtet hatte. Dann aber blickte sie ganz zufällig noch einmal hinauf, eben als der Wagen hielt. Als sie da aber in ein belustigtes Gesicht sah, in das eines jüngeren und offenbar vornehmen Mannes noch dazu, da fühlte sie sich plötzlich ärgerlich und beschämt über ihren ganzen Aufzug, den schlechten alten Wirthschaftswagen, die groben Gäule und nicht zum wenigsten auch über ihren vertragenen Filzhut und den Jagdrock, in den ihre schlanke Figur eingeknöpft war, denn Polyxene von Leyen wußte, was sie ihrem Stande schuldig war. Sie hatte sich heute gekleidet für den nebligen Morgen, das Kauern im feuchten Heidekraut und das Streichen durch verschränktes Unterholz und dorniges Waldgestrüpp. Dafür war der derbe Tuchrock gut und der verregnete Hut. Aber ein Anzug, in dem man sich vor fremden Augen sehen lassen konnte, war das nicht.

[244]
Die Gartenlaube (1893) b 244.jpg

Die Flucht der Vestalinnen aus Rom.
Nach einem Gemälde von H. Le Roux.

[245] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [246] Mit der ihr eigenen Besonnenheit bezwang sie aber jetzt ihren Unmuth. Sie stieg ruhig vom Wagen herunter, an Ludwigs Hand, und grüßte dann nach dem Fenster hinaus, mit anmuthiger Würde nach Männerart den Filzhut lüftend. Das Mädchen war sie nicht, welches sich jetzt durch ein verlegenes und eiliges Verkriechen lächerlich gemacht hätte.

„Du, Polyxenchen, jetzt werden wir wieder zu schanden gemacht vom Oheim,“ flüsterte Ludwig ihr zu. „Gut, daß ich den Hasen noch geschossen habe, zuguterletzt, vom Wagen herab, sonst wäre des Gestichels kein Ende gewesen über unser geringes Glück. Aber das sage ich Dir, in die Küche kommt er so frisch nicht.“

Sie waren damit in den Flur des Hauses getreten, außer Sicht des fremden Besuchers, über den Ludwig in knabenhafter Gleichgültigkeit kein Wort verlor. Polyxene that es ebensowenig. Sie hatte den Herrn von Nievern erkannt, und dem war sie nicht geneigt. Sie betrachtete – seit der kurzen Zeit, da dies neue Gestirn am Hofhimmel stand – das etwas hochfahrend unbekümmerte Gebahren dieses Herrn von weitem stets mit einer Art von gekränktem inneren Widerspruch.

Da ihr nun aber gemeldet wurde, droben erwarte man sie, so erwies sie dem Landforstmeister jetzt die Ehre, eines ihrer besseren Kleider anzulegen, „das Fähnchen“, wie dies von ihr selber noch sehr geschätzte lilafarbene Seidenkleid von der Prokuratorsfrau bei der letzten Erbauungsstunde gehässiger Weise genannt worden war. Polyxene besaß keine große Garderobe, da sie arm war. Weit entfernt aber, sich darüber zu grämen, empfand sie den Mangel gar nicht einmal. Im Hause ging sie einfach, aber immer standesgemäß, und der Schmuck ihres abgetragenen Kleides war dann ihre eigene blühende Jugend. Und wenn sie bei besonderem Anlaß, wie jetzt zum Beispiel oder im engeren Cirkel bei Hofe, in dem aus dem Nachlaß der Mutter hergerichteten einfachen Seidengewand erschien, mit breiter Spitze um die schimmernde Kehle – Spitze, die ungesteift und gelb war, aber desto echter – so hielt sie sich für eben recht und dazu in ihrem unschuldigen Stolze so hoch erhaben über die Kritik einer bürgerlichen Prokuratorsfrau etwa, wie der Mond über der Erde steht.

Ruhig und sicher trat Polyxene dem Fremden im Gastgemach des Hauses entgegen, Herr von Nievern strich sich über das Bärtchen und musterte sie freundlich, ehe er sich gebührend verneigte. Außer ihm befand sich noch der Oberst, weiland in holländischen Diensten, der Vormund der beiden Leyens, in dem langen niedrigen Saale. Herr von Gouda war hager wie der edle Ritter von la Mancha und glich diesem auch sonst mit dem spitzen ernsthaften Gesicht und dem pechschwarzen dünnen Schnurrbart.

„Wo ist Dein Vetter Ludwig, wir brauchen ihn auch,“ sagte Herr von Gouda nach der Begrüßung.

„Ludwig? Ich will ihn gleich rufen,“ erwiderte Polyxene, befremdet über dies Verlangen. Ludwig hatte sicher an nichts weniger gedacht als daran, daß man seiner im Gastzimmer bedürfen würde. Wenn Visiten kamen, dabei man stille sitzen mußte, ließ er sich recht gern nicht für voll ansehen. Sie ging, den Vetter zu suchen, in kindlicher Dienstfertigkeit, wie denn ihr ganzes Wesen eine eigene Mischung war von großer natürlicher Einfachheit und unerschütterlichem Standesbewußtsein.

Herr von Nievern sah ihr aufmerksam nach und betrachtete nicht ohne Wohlgefallen die lilienschlanke Gestalt, die edeln Formen und ließ sogar den Streifen weißen Halses hinten über dem Kleide und den vollkommenen Nacken, an dem das Blondhaar leicht wellig ansetzte, nicht unbeachtet. Arm und adelsstolz, schade – so hübsch sie ist, wird sie nicht leicht zu verheirathen sein, dachte er flüchtig.

Die beiden Männer hatten sich wieder an dem schweren dunklen Tisch mit seinen plumpen, zu dicken Schlangenlinien gedrehten Beinen zurecht gesetzt. Auf dem Tische standen geschliffene Gläser und ein Krüglein fein duftenden holländischen Likörs, bei dem konnten sie es abwarten.

Das Gemach war niedrig wie alle Räume des alten Hauses und erschien noch niedriger vermöge seiner Länge; tiefdunkel war die schwerfällige Holztäfelung an den Wänden und waren die wulstigen Säulen, ebenfalls von Holz, welche die lastende Decke trugen, Die kleinen vielscheibigen Fenster befanden sich alle an der einen Längsseite des Gemaches, und durch das grünliche Glas blickte man in den Hof, das heißt durch die wenigen der vielen bleigefaßten Scheiben, deren Glas zufällig nicht so derb und knotig war, daß es alle Linien draußen wunderlich brach und verzerrte. Zur einzigen Zier des Saales dienten die in die braune Holzvertäfelung geschnitzten bunt gemalten Wappen des Geschlechts, und das war allerdings eine Dekoration, deren sich nur ein altadeliges Haus, mochte es sonst so niedrig, kahl und ländlich sein, wie es wollte, rühmen konnte. Das Leyensche Wappen, kenntlich am silbernen Thurm mit rother Thür und ebensolchen Fenstern im blauen Felde, kehrte mehrfach wieder; aber in langer Reihe waren es hauptsächlich die Wappenzeichen der Häuser, aus denen die Gemahlinnen derer von Leyen gestammt hatten, Embleme, die von diesen nachher neben dem Geschlechtswappen der Gatten geführt worden waren. Das Goudasche, von altniederländischem Adel, war auch dabei; die von Gouda hatten sich im kürzlich verflossenen Jahrhundert durch mehrere Heirathen mit den Leyens verschwägert.

„Sie sind ein sehr gewissenhafter Vormund, Herr Oberst,“ begann der Landforstmeister von Nievern jetzt wieder, indem er den Arm lang machte und sein zierliches Glas füllte, ohne sich sonst aus seiner gemächlichen Stellung zu rühren. „Ich dächte, Sie hätten das kleine Geschäft, um dessentwillen ich hier bin, später wohl verantworten können, ohne erst den Minorennen zu Rathe zu ziehen, der ja doch nichts von dem Handel versteht.“

„Meinen Euer Gnaden?“ sagte der von Gouda mit seiner dünnen und hohen Stimme. „Mir ist die Verantwortlichkeit aber schon zu viel; ich finde mich dadurch in meinen studiis gehindert. Zudem war ich niemals ein Jäger – das steckt mehr im Leyenschen Blut. Und dann ist mein Mündel mannhafter und verständiger, als Ihr Birkenfeldschen vielleicht annehmt.“

Herr von Nievern glaubte dem Sprecher kein Wort. Dieser war seiner Meinung nach ein Sonderling und müßiger Querkopf, der an Umständlichkeiten seine Lust hatte. Daß ihm an der Sache selber, um die es sich handelte, nichts lag, das freilich mochte wahr genug sein, und darum eben würde er sich dem Wunsche der Pfalzgräfin auch nicht ernstlich widersetzen. Nur eine überflüssige Verbrämung der Angelegenheit war es, daß der Oberst den Beauftragten der Fürstin überhaupt mit dem Herbeicitieren des Jungen aufhielt. Nun, mochte es drum sein. Herr von Nievern, dem seine Reisen den Blick geweitet hatten, nahm alles, was ihm in Birkenfeldschen Diensten vorkam, nicht allzuschwer, war vielleicht überhaupt geneigt, als ein freier Kopf, das ganze Leben mit kühler Ironie als ein vor einigen klugen Leuten seiner Art aufgeführtes Schauspiel zu betrachten. Ja, ja, und darin war die kleine gravitätische Pfalzgräfin – Himmel, wenn sie es gewußt hätte! – mit dem Weiß und Roth ihres fürstlichen Lärvchens doch nur eine der spielenden Figuren wie andere auch.

Jetzt that sich am fernen Ende des langen Gemaches die schwere dunkle Thür auf und die beiden Leyens traten ein, Hand in Hand. So ähnlich einander in blühender Jugend, schlank und blond, so zutraulich einig wie Geschwister ... Herr von Nievern sollte noch oft an den Anblick denken!

Daß es sich hier nicht um eine Rüge der heimlichen Jagdfahrt handeln würde, hatte Ludwig begriffen, und so sah denn sein frisches Gesicht wohl ein weniges verdutzt aus über diese Einladung ins Gastzimmer, sonst aber unbekümmert genug. Er grüßte den Landforstmeister, den er vom Hofe her kannte, frank und artig; dieser war aufgestanden und reichte ihm die Hand. Dann rückte Lutz ritterlich einen der Stühle – gewaltige Holzungeheuer mit gedrehten, fest untereinander verbundenen Beinen – für Polyxenen zurecht und alle vier nahmen um den Tisch Platz.

In Ludwigs Augen fing es an lustig zu zwinkern und er suchte Polyxenens Blick bei all dieser Feierlichkeit. Da begann Herr von Gouda mit seiner trockenen Stimme, die niemals viel von dem verrieth, was er empfinden mochte: „Ich habe Dich rufen lässen, Neffe, weil der Besuch, dessen uns der Herr Landforstmeister würdigt, nicht sowohl mir als Dir oder vielmehr Deinem Eigenthume gilt. Es ist der Einsicht Seiner Gnaden offenbar geworden, daß die Leyensche Enklave inmitten der pfalzgräflichen Waldungen die fürstliche Jagd nicht unerheblich beeinträchtigt, da die Dickichte des Heidenkopfes dem Wilde vortreffliche Schlupfwinkel geben. Das Wild, anstatt es sich in Deinem Wald wohl sein zu lassen, hätte die sonnenklare Unterthanenpflicht, hochfürstlicher Jägerei zur weidgerechten Zeit vor die Büchsen zu laufen. War’s nicht so, Herr von Nievern, wie?“

Herr von Nievern blickte dem Obersten in das unbewegte lange magere Gesicht mit dem kohlschwarzen Bärtchen und barg dann seine leichte Betroffenheit unter einem Lachen. „Ihr liebt [247] eine scherzhafte Einkleidung, wie ich merke, Herr Oberst,“ sagte er. „Aber in der Hauptsache gabt Ihr mein Anliegen richtig wieder. Ich habe mich in der That davon überzeugen müssen, daß es wünschenswert wäre, wenn das ganze fürstliche Jagdgebiet wieder in der ehemaligen ununterbrochenen Ausdehnung hergestellt würde. Die gnädige Frau Pfalzgräfin hat mich daher beauftragt, Junker Ludwig, Unterhandlungen mit Euerem sehr ehrenwerthen Vormund, dem Herrn Obersten von Gouda, einzuleiten, zu dem Endzweck, eine Abfindung der Leyenschen Ansprüche auf die beregte Enklave, unter strengster Wahrung Eueres gerechten Vortheils natürlich, mein werther Junker, bewirken zu lassen.“

„Was, ich soll den Wald am Heidenkopfe hergeben?“ rief da Ludwigs helle Stimme scharf in all die diplomatische Gehaltenheit des pfalzgräflichen Kavaliers hinein.

„Hergeben ist wohl nicht das richtige Wort ... Man würde die paar Morgen Wald mit einem an anderer Stelle gelegenen Terrain vertauschen.“ Herr von Nievern sprach noch immer höflich, aber doch sehr ausdrücklich zugleich an Herrn von Gouda gewendet und mit einer leichten Falte der Ungeduld in der breiten Stirn, die dem Umstand gelten mochte, daß man ihn hier mit Kindern verhandeln lassen wollte.

Da nahm auch Polyxene das Wort. „Von uns ist niemals pfalzgräfliches Wild weggeschossen worden,“ sagte sie stolz. „Wir, Ludwig und ich, kennen den Wildstand am Heidenkopfe ziemlich genau, und noch besser kennt ihn unser Waldwart und Förster oben, der seit sechzig Jahren in dem Revier heimisch ist. Oft aber habe ich ihn sagen hören, daß sich unser Wild hinüber ins Hllbertsteinsche verläuft und dort abgeschossen wird. Ja, Oheim,“ der Oberst hatte eine Bewegung gemacht, so daß sie nun mit zu ihm sprach, „Strieger meint, ein gutes Theil der Sechzehn- und Achtzehnendergeweihe, die in Hubertstein die Wände schmücken, müßte von Rechtswegen hier hängen.“

„Ei, ei, mein gnädiges Fräulein, so scharf? Ihr geht von der Abwehr gleich zum Angriffe über,“ sagte Herr von Nievern und sah sie, sein Bärtchen streichend, mit einem Lächeln an. Diese Verhandlung wurde ja pikanter, als er erwartet hatte! „Da darf ich wohl auch einige Verstärkung meiner Position nicht verschmähen,“ fuhr er fort. „Ihre Pfalzgräflichen Gnaden beklagen sich durch mich bitterlich über das Raubzeug, welches in Euerem, nichts für ungut, ziemlich vernachlässigten Forste horstet und wohnt. Fortwährend wird, wie ich mich selber überzeugt habe, pfalzgräflicher Jagd dadurch Schaden gethan. Uns wehren und das Zeug fortschießen können wir aber nicht, da, wer Eurer Grenze zu nahe kommt, und wäre es noch so unwissentlich, Gefahr läuft, von dem alten Unhold, dessen Ihr, Fräulein, eben Erwähnung thatet, meuchlings übern Haufen geschossen zu werden.“

Er war zuletzt doch ein klein wenig warm geworden, und aus seinen hübschen Augen hatte ein-, zweimal ein Funke gesprüht. Als er von Raubzeug sprach, blickte Ludwig zu Polyxene hinüber; er dachte an die vier Luchse und ganz wohl war ihm bei der Sache nicht. Sie sah den Vetter nun auch an und sagte ruhig, aber mit leiserer Stimme, nur zu ihm gewendet: „Willst Du den Wald am Heidenkopf aufgeben, Lutz, der Deines Vaters und Großvaters Lieblingsrevier war? Und Geld dafür nehmen oder ein paar Ackerbreiten?“

„Nimmermehr!“ rief da der Knabe. „Wenn ich das thue, soll mich jeder unecht schimpfen! Ich weiß, Oheim, Ihr zwingt mich nicht.“

Was – das wurde wirklich ernst! Jetzt zuerst stellte sich dem Herrn von Nievern die entfernte Möglichkeit dar, daß er unverrichteter Sache würde vor die Pfalzgräfin treten müssen. Den Teufel auch! Aber freilich, wenn man mit Kindern und Narren zu thun hat! Der Landforstmeister schlug jetzt einen etwas andern Ton an; er selber merkte noch gar nicht, daß er innerlich schon auf die Seite dieser Jugend hier gezogen wurde; daß eine Vergewaltigung der offenbaren Jagdlust des Knaben durch den Vormund wenig nach seinem Sinn sein würde. Ziemlich steif und ernst sagte er: „Mein Auftrag ging an Sie, Herr Oberst von Gouda. Sie wissen so gut wie ich, daß geschäftliche Abmachungen mit Minorennen nicht abzuschließen sind. Die Wünsche des jungen Herrn und“ – er verbeugte sich ein wenig – „der jungen Dame in Ehren: aber ich möchte jetzt Ihre Meinung hören.“

„Meine Meinung geht dahin, mein verehrter Herr Landforstmeister,“ entgegnete Herr von Gouda mit unbewegter Miene, „daß hier anwesender Ludwig von Leyen, mein Neffe und Mündel, alt und verständig genug ist, um über seine Zustimmung zu dem gewünschten Handel befragt zu werden. Ehe ich aber dazu schreite, bitte ich mir zu eröffnen, welche Entschädigung denn unsere erlauchte Frau im Falle jener Gebietsabtretung meinem Mündel zu offerieren geruhe.“

Herr von Nievern war auf diese Frage nicht vorbereitet. Hatte er in der Hauptsache mehr Willigkeit zu finden erwartet, als er fand, so hatte er wiederum willkürlicherweise angenommen, man werde zur Erörterung der Einzelheiten des gewünschten Abkommens heute gar nicht mehr gelangen. Die waren ja auch nicht seines Amts.

Doch faßte er sich als ein gewandter Mann. „Von einem bestimmten Terrain im Umtausch gegen die abzutretende Enklave ist bis jetzt nicht die Rede gewesen,“ sagte er geschäftsmäßig, aber auch ehrlich. „Man würde dabei jedenfalls Ihre Vorschläge berücksichtigen, Herr Oberst. Auch durch eine Geldsumme kann selbstverständlich die Ablösung der Leyenschen Rechte an das Forstgebiet bewirkt werden ...“

Er stockte. Er hatte erwähnt, was erwähnt werden mußte, ihm selber als Edelmann aber wenig zusagte. Man hatte Beispiele genug, wo die solchergestalt durch Geld für alten Grundbesitz Entschädigten die erhaltene Summe achtlos hatten durch die Finger laufen lassen oder gar an derselben erst zu Lotterbuben und Verschwendern geworden waren. Dann war nachher das Geld fort und das Land auch! Nievern hatte auf den Gesichteru des Oheims und des Neffen nach der Antwort auf seinen letzten Vorschlag geforscht, und nun wanderten seine Augen auch einmal wieder zu dem Antlitz des Fräuleins hinüber. Warum auch nicht? War es doch für einen Mann in seinen Jahren jedenfalls das wohlgefälligste von den dreien.

Sie aber schien auf diesen Blick gewartet zu haben. Und – tausend, wie sie ihn anblitzte, den Herrn Landforstmeister von Nievern! Wahrhaftig, beinahe verächtlich! „Einen solchen Vorschlag thut Ihr meinem jungen Vetter, Herr von Nievern?“ sagte sie. „Er soll schnödes Geld nehmen für das Erbe von seinen Vätern her und sich arm machen, nur damit Ihr auf der Jagd der Pfalzgräfin ein paar Hirsche mehr schießen könnt? Ja, Ihr –“ hier brach etwas durch von dem Groll, den sie immer schon, ohne recht zu wissen warum, gegen diesen Mann gehegt hatte – „denn die Frau Pfalzgräfin hätte an dies alles nicht gedacht ohne Euch. Was lag ihr bisher an ihrer Jagd ... Ihr habt sie erst darauf gebracht!“

Wie scharfsinnig sie war bei aller jugendlichen Unerfahrenheit! Böse war ihr der ironisch überlegene Herr im Grunde gar nicht – welcher echte Mann wäre es denn, wenn ihn ein hübsches Mädchen angreift! Aber da sie ihn so in die Enge trieb, mußte er sich wehren. „Erlaubt zunächst eine Bemerkung, mein sehr ungnädiges Fräulein,“ sagte er. „Daß man eine Person arm macht, der man eine nicht unbeträchtliche Geldsumme zuweist – wie hier wohl der Fall sein würde – das ist eine Auffassung der Sache, die mir noch neu war. Das Geld hat einen Werth, der Euch unbekannt geblieben zu sein scheint; es vermag oft mehr in der Welt als der Besitz baufälliger, wenn auch altadeliger Häuser, elender Dörfer und verrotteten Waldes.“

Herr von Nievern konnte auch drein fahren, wo es ihm angebracht schien, und er that es dann stets mit großer Kaltblütigkeit. Diesmal jedoch war’s ihm leid, sobald er ausgesprochen hatte. Es war nicht eben großmüthig gewesen, Polyxene, das „Fräulein von Habenichts“, wie die Pfalzgräfin sie genannt hatte, daran zu erinnern, daß sie den Werth des Geldes aus Erfahrung kennenzulernen wohl wenig Gelegenheit gehabt habe.

Aber siehe da, ihre Stirn blieb klar und ihr Gesicht völlig unbefangen. Sie hatte den Stich gar nicht gefühlt. „Ich verstehe allerdings nicht viel von Geld,“ sagte sie mit Ruhe, „aber ich weiß, daß es uns ziemt, zu halten, was wir an Grundbesitz noch haben, und auch nicht tauschend damit zu spielen. Ludwig, um dessen Eigenthum es sich ja handelt, denkt wie ich. Und was, Oheim, ist nun Euere Meinung?“

„Was sagt Ludwig?“ fragte Herr von Gouda dagegen. „Laß ihn seine Sache selber führen, Polyxene!“

„O nein, sie hat ganz recht, wenn sie für mich spricht,“ rief hier Ludwig und drängte dabei unbewußt seine Schulter an die des Fräuleins, das neben ihm saß. „Gerade so, wie sie denkt, denk’ ich auch. Ich halte, was ich habe ... der Wald am Heidenkopf ist mir lieb ünd werth, ... ich möchte gar nicht leben, wenn er nicht mein wäre. Daß der Strieger ein wüster alter [248] Waldmensch ist, damit mögt Ihr recht haben, Herr von Nievern,“ fuhr er fort, sich jetzt zutraulicher an den Landforstmeister wendend. „Aber er weiß Bescheid im Forste wie keiner, und wenn wir ihn von dort wegtreiben wollten, so wäre das sein Tod. Den Schlupfwinkel des Luchses weiß er auch – ja, Oheim, und nun müßt Ihr leiden, daß wir zur Nacht hinausgehen und ihn abschießen. Ihr hört ja, Herr von Nievern beklagt sich darüber ... Und heute nacht hat er erst den Rehbock geholt, den wir Euch für den Tisch schießen wollten ... Polyxene gewahrte seine Fährte zuerst. Wir meinten, es sei nur einer ... vielleicht treiben wir ihrer mehr auf,“ fügte er mit schlauer Zurückhaltung hinzu. Beinahe wäre ihm entfahren, daß Strieger von vieren dieser gefährlichen Wildräuber gesprochen hatte. Aber das brauchte ja der Herr da nicht zu wissen!

Dieser lächelte jetzt gutmüthig über den Eifer des Jungen. „Mir scheint, daß ich meine Antwort für die Frau Pfalzgräfin habe, Herr Oberst,“ sagte er dann, sich auf seinem Sitze zurechtrückend wie einer, der demnächst aufzustehen gedenkt.

Dixit ipse,“ sagte Herr von Gouda darauf, mit dem Kopfe nach dem Knaben deutend. „Er selber hat gesprochen; ich will ihm in dieser Sache nicht entgegen sein. Wir wollen es – und möge unsere allergnädigste Frau Pfalzgräfin das weiter nicht übel vermerken – mit dem Walde beim alten lassen, Herr Landforstmeister. Ich kann die Verantwortlichkeit, eine so wesentliche Aenderung im Besitzstand meines Mündels zugelassen zu haben, nicht auf mich nehmen. Ist er erst einmal mündig, so mag er es damit halten, wie er will.“ Hier fing Herr von Nievern einen Blick heiteren Einverständnisses zwischen Ludwig und seiner Base auf. „Ja, dann kann die Pfalzgräfin erst recht warten, bis sie meinen Forst bekommt,“ war darin zu lesen.

Darauf erhob sich der Kavalier rasch. Ohne gerade üble Laune zu zeigen, ließ er merken, daß er einen anderen Ausgang der kleinen Unterhandlung lieber gesehen hätte. Als alle standen, trat er dicht an Herrn von Gouda heran, neben dessen etwas häringsartiger Figur die seine sich sehr stattlich ausnahm. Und jetzt wendete er sich so ausdrücklich nur an den Vormund, daß Polyxene ihren jungen Vetter, der arglos hatte hinzutreten wollen, sacht am Aermel zurückzog. „Fern sei es von mir, Sie nun noch in Ihrem Entschlusse wankend machen zu wollen, mein Herr Oberst,“ sagte Nievern. „Ich hoffe, Sie haben auch überlegt, daß ein wenig mehr Entgegenkommen in dieser Sache der pfalzgräflichen Hoheit geschmeichelt und in ihr ein günstiges Vorurtheil für den Junker von Leyen zuwege gebracht haben würde. Im Vertrauen gesagt, unsere erlauchte Frau hat früheren kleinen Mißhelligkeiten, die es zwischen ihrem verstorbenen Gemahl und dem letzten Freiherrn, Josias, dem Großvater Eures Mündels, gesetzt zu haben scheint, ein bewunderungswürdig gutes Gedächtniß bewahrt.“

Hatte er in wirklicher guter Meinung geglaubt, dem Herrn von Gouda da einen sehr beachtenswerthen Wink gegeben zu haben, so mußte er gewahren, daß die erhoffte Wirkung ausblieb. „Der Freiherr Josias, mein seliger Schwager, war bekanntermaßen ein starrköpfiger Mann, ehrlichen Gemüthes aber,“ sagte der Oberst mit seiner trockensten Miene. „Hat er irgend bei Hofe angestoßen – und vielleicht ebensowohl vermöge dieser zweiten Eigenschaft als durch jene erste – so soll man uns das billigerweise nicht nachtragen. Und was die Zukunft betrifft, so muß ich es meinem Neffen und Mündel da überlassen, wie er mit unserer allergnädigsten Herrschaft fertig wird. Sie ist ja, glücklicherweise, ein Frauenzimmer. Und wächst er sich zu dem heraus, was er jetzt verheißt, nun, so wird er in seiner Person schon einen ganz guten Fürsprecher bei Ihrer Pfalzgräflichen Hoheit haben. Oder wie dünkt Euch, Herr Landforstmeister? Man will wissen, daß sie für stattliche Kavaliere eine kleine faiblesse habe – in allen Ehren, natürlich.“

Das war so deutlich auf den Angesprochenen selber gemünzt, daß dieser kaum wußte, ob er die Anspielung noch als einen Scherz oder als eine Beleidigung auffassen sollte. Indem er nun aber dem Manne vor sich sekundenlang funkelnd in das hagere Gesicht blickte, entschied er sich für das erstere, trotz des unerschütterlichen Ernstes auf diesem Antlitz. Gerade die trockene Gravität des Obersten war das Lächerliche an der Sache; was brauchte man diesen Ritter von der traurigen Gestalt – Herr von Nievern kannte den anmuthigen Roman des spanischen Poeten Cervantes sehr wohl – ernsthaft zu nehmen? Er blieb ein halber Narr, daher er denn freilich mit der Freiheit eines solchen seine Zunge brauchte.

So lachte Herr von Nievern nur gutlaunig auf und meinte: „Nun, ich wünsche dem jungen Herrn da alles Glück bei Hofe, und ich verspreche, daß ich ihm meinerseits seinen kleinen Eigenwillen von heute nicht nachtragen werde. Wer weiß, wie er später über denselben denkt, und ob nicht der Tag kommt, wo ein Lächeln unserer Gebieterin fertig bringt, was meine geringe Redegabe heute nicht vermocht hat.“

„Nicht, so lange ich da bin, um ihm zu sagen, was die Ehre des Leyenschen Namens von ihm heischt!“ Das war Polyxene. Die jungen Verwandten waren mit verschlungenen Armen wieder näher getreten; kein Wort, das gefallen war, war dem Mädchen entgangen, und dabei hatte die rosige Farbe ihres Gesichts mit Blässe gewechselt. Auch jetzt, da sie sprach, sah sie bleicher aus als sonst und ihre Augen schienen dunkler.

Herr von Nievern musterte sie, leicht erstaunt über den abermaligen Angriff. „Kein Zweifel mehr, daß mein Antrag an Euch seine schärfste Gegnerin hier gefunden hat, mein Fräulein,“ sagte er. „Ich versage Eurem uneigennützigen Antheil an Eures Vetters Angelegenheiten meine Bewunderung nicht –“ er behielt sie im Auge; keine Wimper zuckte in dem stolzen offenen Antlitz bei den prüfenden Worten – „aber verkennt meine gute Meinung nicht, wenn ich Euch rathe, anderen gegenüber mit diesem Antheil, insofern er die Wünsche unserer allergnädigsten Fürstin kreuzt, etwas mehr zurückzuhalten.“

Sie sah ihn groß an, als verstehe sie ihn nicht. Und er perstand sich selber kaum; seit wann lag es ihm ob, arme adlige Fräulein zu warnen vor den Folgen schlecht angebrachten Freimuthes? Wenn diese hochfahrende Jugend da sich bei Hofe in Ungnade bringen wollte, bei der lange nachtragenden, nein, wie alle beschränkten Naturen eigentlich nie verzeihenden Pfalzgräfin, so war das ihre Sache.

„Der Herr möge meinetwegen keine Sorge haben,“ entgegnete jetzt Polyxene stolz, aber nicht unfreundlich; „ich schreie meine Meinung nicht unnöthig aus. Daß sie die Frau Pfalzgräfin durch Euch erfährt, kann und will ich freilich nicht hindern. Gewiß, Ihre Hoheit ist viel zu fürstlichen Sinnes, um uns zu verargen, wenn wir an dem Unseren hangen und zu Veränderungen nicht willig sind.“

„Hoffen wir es,“ sagte Herr von Nievern. „Wir“; „am Unseren“! Ein sonderbares Mädchen, das sich – und offenbar in aller Harmlosigkeit – so mit dem Vetter für eins hielt; sie, deren Habe federleicht wog, mit ihm, dem Besitzenden!

„Darf ich den Herrn Landforstmeister ersuchen, zu verweilen und als Tischgast mit uns vorlieb zu nehmen, jetzt, da er sich seines Geschäftes entledigt hat?“ hob jetzt der Oberst wieder an, mit ernsthaftester Höflichkeit. Und nun machte auch Polyxene unwillkürlich einen Schritt nach Nievern hin, wie um die Einladung zu unterstützen. Sie schämte sich plötzlich vor sich selber. Was war ihr nur in den Sinn gekommen, ihrer geringen Hinneigung zu dem Kavalier heute so offen nachzugeben! Sie hätte das gern wieder gut gemacht, denn der Verstoß gegen die gute Lebensart beschwerte 1hr Gemüth. Aber Herr von Nievern lehnte die Einladung ohne Zögern und mit höflicher Bestimmtheit ab. „Gestärkt hatte ich mich ja schon nach meinem Morgenritt, wenn anders das nöthig gewesen wäre,“ sagte er mit lächelndem Blicke, nach der Flasche und den Gläsern deutend. „Jetzt ist es hohe Zeit, daß ich in die Stadt zurückkehre. Gestattet mir, mich zu beurlauben.“ Dabei hatte er den Hut vom Stuhle neben der Thür aufgegriffen und hielt ihn in der Hand, so daß die langwallende Feder den Erdboben berührte, während er den hübschen Kopf vor dem Obersten und seinem Neffen und dann ritterlich noch etwas tiefer vor der Dame neigte.

Aber hier brach durch die gewohnten Formen etwas von der absonderlichen Freiheit durch, welche die Bewohner der Herrenmühle sich gegen das bloße Ceremonienwesen wahrten. „Verweilt doch wenigstens, bis Euer Pferd vorgeführt ist,“ schlug Herr von Gouda vor, und nun rief Lutz lebhaft: „Das Pferd? Auf welchem seid Ihr gekommen, Herr von Nievern? Auf dem dunkelbraunen Engländer? Ich gehe, zu bestellen, daß er herausgebracht wird!“ und damit war er leichtfüßig hinaus.

„Vielleicht beliebt es Euch, so lange im Garten zu wandeln, Herr von Nievern,“ sagte Polyxene, immer in dem Bestreben, etwas von ihrer bisherigen Rauhheit wieder gut zu machen. „Der Oheim hat sehenswerthe holländische Tulpen darin gezogen.“

„Mit Vergnügen folge ich Euch, mein Fräulein,“ erwiderte Herr von Nievern artig und ließ der Schlanken den Vortritt. [249] Der Oberst schloß sich an und so stiegen sie die Treppe mit dem schweren dunkeln Holzgeländer hinab. Sie hatten den Hof quer zu überschreiten und gelangten dann durch das Thürchen eines zierlichen Stakets in den Garten.

Herr von Nievern sah sich von hier noch einmal nach dem Hause um, dem langen Gebäude mit dem gewaltigen steilen Dach, aus dem zwei Reihen Fensterluken übereinander ganz wunderlich wie zahlreiche schläfrige Augen schauten, denn die Ziegelbekleidung des Daches hing in geschwungener Linie wie ein tief niederfallendes Augenlid über jedem. Alles war dunkelgetönt, zeitgeschwärzt und verwittert. Mönche, die Kugelherren genannt – von ihrer Kopfbedeckung Kogel oder Kugel, wie der alten Bräuche kundige Leute wissen wollten – hatten das Haus gebaut; das bestätigte der Herr von Gouda jetzt dem Landforstmeister, welcher eine Bemerkung über den Namen des Anwesens hingeworfen hatte. „Sie bauten es Anno 1410; die Jahreszahl ist dort in dem Schlußstein des niedrigen Gewölbbogens über der Thür zu lesen,“ fuhr Herr von Gouda fort. „Diese Kugelherren waren aber keine Müßiggänger und Schlemmer wie viele andere Mönche. Sie gehörten auch keinem der großen geistlichen Orden an, jener Pflanzen welschen Bodens. Ein Landsmann von mir, ein Niederländer, Geert Groot mit Namen, hat ihre Brüderschaft gestiftet. Sie nannten sich ‚Brüder vom gemeinsamen Leben‘ und dies Leben brachten sie unter Betreibung von allerlei nützlichen Handwerken hin, außerdem daß sie beteten, sangen, lasen und schrieben.“

450px

Fischauktion.
Nach einem Gemälde von G. Cain.

„Brave Leutchen,“ sagte Herr von Nievern beifällig, „Und hierorts scheinen sie Müller gewesen zu sein, wenn ich mir den Namen dieser Besitzung richtig deute. Hoffentlich“ – er lächelte und kniff nachlässig die hübschen Augem halb zu, während sie noch einmal über das schläfrige Hausdach schweiften – „hoffentlich haben die Vorfahren unseres jungen Freiherrn ihnen nicht auf allzu unmanierliche Weise das Handwerk gelegt. Oder sind die Leyens nicht die direkten Nachfolger der Kapuzenleute gewesen?“

„Haus und Hof sind durch Kauf im Jahre 1663, wenn ich mich recht erinnere, aus den Händen der Ordensbrüder in die von Maximilian von Leyen gelangt,“ nickte Herr von Gouda. „Wir dürfen annehmen, es sei bei dem Handel ehrlich zugegangen. Wie Ihr richtig vermuthet, betrieben die geistlichen Herren die Mühle hier, die aber mit der Zeit verfallen ist. Es sind die Gebäude dort hinten am Graben gewesen ..“

„Ja, dort liegt noch ein gewaltiger Mühlstein, tief eingesunken in die Erde und mit Gras überwachsen,“ sagte hier Fränlein Polyxene. „Und das Wehr ist noch da, oberhalb des Gartens, und beim Mühlenbau die Schleuse. Und der Graben ist noch immer voll und tief. Es war die stete Angst der Wärterinnen, wir möchten dort zu Schaden kommen.“

„Ja, der Graben ist an einer Stelle so tief, daß selbst ein Mann darin ertrinken könnte,“ fiel hier Ludwig, der wieder hinzugetreten war, mit einiger Wichtigkeit ein, „gerade da, wo früher der Steg drüber lag. Den hat aber Polyxene fortnehmen lassen, weil es gefährlich sei.“ Er lachte lustig.

„Du meinst wohl, ich ginge seitdem nicht mehr hinüber, Polyxenchen? Mit einem Brette, das gerade langt von einem Ufer zum anderen, und einer Stange zum Stützen habe ich es schon oft genug fertig gebracht, wenn ich rasch auf die Landstraße wollte, der Frau Pfalzgräfin vier weiße Rosse und den Galawagen vorbeikommen zu sehen, oder dergleichen!“ Polyxene drohte ihm nur ruhig mit dem Finger. „Früher glaubte ich, daß es nichts Prächtigeres auf der Welt geben könnte als diese Schimmel,“ plauderte der Knabe weiter, vertraulich zu Herrn von Nievern gewendet, dessen männliche Jugend und heiter bequemes Wesen ihn anziehen mochte. „Jetzt aber denke ich weit anders.“

„Nun, und wie denkt Ihr?“ fragte der Landforstmeister lächelnd.

Auch Ludwig lachte und blinzelte vertraulich zu ihm hinüber. [250] „Das vordere Handpferd hat den Spat; das zur Linken verliert den Schweif und ist ein elender Klepper, wird wohl auch immer ein solcher gewesen sein, nur daß ich das damals noch nicht verstand; und steif im Kreuze wegen ihres hohen Alters sind sie jetzt alle.“

„Ihr seid ein scharfer Kenner, junger Herr,“ lächelte Herr von Nievern wohlgefällig. „Für den Dienst, den die Pferde zu verrichten haben, sind sie übrigens noch tauglich genug. Aber nun gestattet, daß ich den Tulpenflor hier bewundere. Ah, das ist ja prächtig!“

Sie gingen nun alle eine Weile zwischen den steifen buntprangenden Blumenreihen hin, wobei Herr von Gouda das Lob, welches seine Tulpen erhielten, nicht ohne Wohlgefallen zwar, aber mit stets unvermindertem Ernst entgegennahm. Wäre sein Gesicht eine Fastnachtslarve von der feierlichen Sorte gewesen, es hätte nicht unbewegter bleiben können.

Herr von Nievern, der ein offenes Auge für die äußere Welt hatte und von seinen Reisen her gewohnt war, sich aufmerksam umzusehen, betrachtete Blumen und Sträucher genau und mit verständigem Blick. Er fragte nach diesem und jenem und trat dann neben Polyxene, wie um eine stolze Blüthe besser zu betrachten, die aus einer grünen Scheide spitzer Schilfblätter an schlankem Speerschaft emporgeschossen war. „Welch schöne Blume!“ sagte er. „Mich dünkt, ich habe sie noch nie gesehen.“

„Auch ein Pflegling des Oheims,“ entgegnete Fräulein von Leyen, und Herr von Nievern meinte: „So treibt Ihr neben den Fortifikationswissenschaften, welchen Ihr, wie man weiß, privatim obliegt, auch diese ganz friedliche Kunst der Gärtnerei, Herr Oberst, und zwar mit Meisterschaft?“

„Ich versuche allerlei, und diese Varietät der Iris war mir von Kennern in Holland, zu denen ich in Beziehung stehe, empfohlen worden,“ sagte Herr von Gouda trocken. „Es ist übrigens keine große Kunst dabei, Gewächse aus Zwiebeln zu ziehen.“

Indessen hatte sich Polyxene zur Seite gebückt und mit einem Messerchen, welches sie bei sich trug, gefällig eine der Blüthen abgeschnittn. Sie reichte dem Kavalier den schlanken Stengel mit seiner Wehr scharfer Blätter, die ihn am unteren Ende noch fest umschränkten und knapp durchgelassen hatten, und mit der bläulichen halb erschlossenen Blüthe und sagte dabei freundlich: „Die neue Blume theilt etwas mit den Erinnerungen aus des Oheims Soldatenzeit, durch ihren Namen. Man heißt sie Schwertlilie.“

„Schwertlilie,“ wiederholte er langsam, nahm den schlanken wehrhaften Schaft mit der zarten Blüthe aus der Hand, die ihn bot, und umfaßte dabei Mädchen und Blume mit einem eigenthümlichen Blicke, dem jetzt die Worte folgten, rasch und nur so laut gesprochen, daß sie allein sie verstehen konnte: „Das ist ein vortreffliches Symbol für Euch, Fräulein.“

Polyxene, wider ihre Art, verwirrte sich ein wenig bei dieser Sprache der Galanterie, die sie hier nicht erwartet hatte. Aber war es denn eine Schmeichelei gewesen, die da eben an ihr Ohr gedrungen war? Oder nicht vielmehr eine spöttische Herausforderung? Und war er es gewesen, von dem sie gekommen war? Von dem Mann, der jetzt, als wisse er gar nichts mehr davon, so ruhig neben dem Obersten von Gouda herschritt und ihm zuhörte und das Fräulein in diesem Augenblick gar nicht zu beachten schien? Polyxene wunderte sich über eine solche Fertigkeit in kleinen Verstellungen, und ihre Wangen blieben, solange der Landforstmeister noch im Garten verweilte, unwillig geröthet.

Er seinerseits schien nicht zu merken, daß er das Fräulein wieder erzürnt hatte. Die Blume behielt er in der Hand, und als er wenige Minuten später sein am Gartenstaket vorgeführtes Pferd bestieg – einen schlanken kräftigen Braunen englischer Zucht, dem Junker Lutz viel Aufmerksamkeit schenkte – da schob er die Blüthe mit einer gewissen Sorgfalt vorn durch das Bandelier seines Degens und blitzte gleich darauf das Fräulein, indem er vor allen Dreien ritterlich den Federhut schwenkte, mit einem Blicke des Verständnisses an ... ob sie auch sehe, wo er die symbolische Blume geborgen habe! Der Lilienstengel reckte sich da steif und wenig anschmiegsam hervor. Und Fräulein Polyxene war überzeugt, daß der lustige Kavalier und Günstling der Pfalzgräfin sie damit zum besten habe.

Sie trug das mit Würde. An den Herrn von Nievern dachte sie von da ab etwa wie an einen Feind; doch hinderte sie ihr Stolz daran, sich allzu sehr durch ihn verletzt zu fühlen, oder wenigstens, es sich einzugestehen.

(Fortsetzung folgt.)




Das Krankenhaus.

Von Dr. Fr. Dornblüth.


Die Sorge für die allgemeine Gesundheit verlangt, daß auch der Kranken gedacht werde. Ist es ja doch für das Gemeinwohl von größter Wichtigkeit, daß sie selbst möglichst schnell wieder zu voller Arbeitskraft und Erwerbsfähigkeit gelangen, daß sie andere möglichst wenig darin stören, und daß endlich ansteckende und übertragbare Krankheiten eingeschränkt und an der Weiterverbreitung nach Möglichkeit gehindert werden! Für einen großen Theil der Bevölkerung sind diese Zwecke nur durch Krankenhäuser erreichbar.

Für alle Kranke, welchem Stande und welcher Vermögenslage sie auch angehören mögen, sind die Hauptbedingungen des Genesens – neben ihrer eigenen Widerstandskraft – die gleichen. Wenn auch manche leichte Gesundheitsstörung fast unbeachtet vorübergeht, ohne daß der Betroffene sich besonderer Schonung und Pflege unterwirft, so ist es doch keine Frage, daß oftmals früher oder später schwere Leiden daraus hervorgehen, die durch ein rechtzeitiges Einschreiten zu lindern, abzukürzen oder zu verhindern gewesen wären. Unzähligemal hat sich aus einem einfachen Brustkatarrh die Schwindsucht, aus einer Erkältung eine schwere Lähmung, aus einer Verletzung ein dauernder Schaden entwickelt!

Jene Bedingungen der Genesung nun, die wenigstens bei jeder die Arbeitsfähigkeit störenden Erkrankung beansprucht werden müssen, sind zunächst Ruhe des Körpers und des Geistes, damit weder innere noch äußere Einflüsse die Natur hindern, ihre ganze Kraft zur Ueberwindung der Krankheit einzusetzen. Dann gehört dazu gesunde Luft; den Kranken, die nicht hinausgehen können, um sie aufzusuchen, die an Zimmer und Bett gefesselt sind, ist sie noch nothwendiger als den Gesunden, die sich doch nur vorübergehend in ihren Wohn- und Schlafräumen aufzuhalten pflegen und die jedenfalls dem schädlichen Einfluß schlechter Luft besser widerstehen können. Für Typhuskranke, für Schwerverwundete und solche, die große Operationen überstanden haben, ist reine Luft geradezu eine Lebensbedingung. Die durch die Krankheit geschwächten Kräfte können ferner nur durch genau passende Ernährung gehoben werden, und wie die Wohnung, so ist das Bett für alle Schwerkranken und Langeliegenden noch viel wichtiger als für Gesunde. Daß endlich richtige Pflege und ärztliche Behandlung einerseits die Genesung befördern, andererseits aber auch die Leiden mindern können, bedarf wohl keines Beweises. Nicht wenige Kranke werden zwar auch unter sehr schlimmen Verhältnissen, trotz fehlender Ruhe, trotz schlechter Luft und mangelhafter oder gar falscher Ernährung, trotz ungesunder Wohnung und Lagerung, trotz ungenügender Pflege und Behandlung wieder gesund, aber mit wie viel mehr Leiden und Sorgen, wie oft langsamer und unvollkommener, als wenn sie das gleiche Leiden unter günstigeren Verhältnissen durchzumachen gehabt hätten! Wenn es sich auch nicht zahlenmäßig feststellen läßt, so weiß doch jeder Arzt, daß Feuchtigkeit und Mangel an Luft und Licht in den Wohnungen Unbemittelter, daß fehlerhafte Ernährung, mangelnde Pflege, Sorgen und Kummer ob der hereinbrechenden Noth alle seine Anstrengungen, sein Wissen und sein Können nur zu oft vergeblich machen!

Die Chirurgie hat durch viele Tausende von Erfahrungen als unerschütterlichen Grundsatz festgestellt, daß bei der Behandlung von Wunden strengste Reinlichkeit – in kunstgemäßer Ausführung Asepsis (Fäulnißlosigkeit) genannt – unumgängliche Bedingung für den günstigen Ausgang ist, und daß unter der Herrschaft der Asepsis Operationen, an welche vor wenig Jahrzehnten der kühnste und geschickteste Arzt kanm zu denken wagte, mit beinahe sicherem Erfolge gemacht werden. Aber auch die innere Medizin, bei der freilich die Erfolge weniger augenscheinlich und sozusagen [251] handgreiflich zu Tage liegen, hat gelernt und gezeigt, daß bei Reinlichkeit, sorgsamer Pflege und zweckmäßiger Ernährung auch die schwersten Krankheiten oft ohne weiteres Zuthun günstig verlaufen, jedenfalls viel günstigere Bedingungen der Genesung bieten, ja daß jene Genesungsbedingungen oft mächtiger sind als alle sonstige Kunst des Arztes.

Bei allen übertragbaren gefährlichen Krankheiten, besonders also bei Diphtherie, bösartigen Masern und Scharlach, bei Typhus und Cholera, kann nur durch vollständige Absonderung der Kranken und ihrer Pfleger von den Wohnungsgenossen die Gefahr der Ansteckung vermieden und die Desinfektion der Kranken sowie ihrer Gebrauchsgegenstände und Wohnräume sicher durchgeführt werden. Die Absonderung und Desinfektion liegt aber nicht bloß im Interesse der übrigen Familienglieder, Wohnungs- und Hausgenossen allein, sondern auch im Interesse der Gemeinde, der es darauf ankommen muß, bösartige Krankheiten so eng wie möglich einschränken und von den anderen Gemeindemitgliedern fern zu halten. Gerade bei der Cholera haben wir jetzt wieder gesehen, wie wichtig es ist, die ersten Opfer sofort streng abschließen und die von ihnen ausgehenden Krankheitskeime zu vernichten. In zahllosen Fällen von Einschleppung ist es dadurch gelungen, die Bildung neuer Krankheitsherde und die Weiterverbreitung der Seuche zu verhindern.

Von allen diesen Gesichtspunkten aus erscheint die Wohnung der Kranken meist wenig geeignet. Selbst die Familienwohnung des Begüterten und die Familienpflege läßt oft sehr viel zu wünschen übrig. Handelt es sich aber um Einzelnstehende und Arme, so kann, namentlich bei ansteckenden Krankheiten, schweren Verletzungen und Geisteskrankheiten, nur ein zweckmäßig zugerichtetes Krankenhaus den Bedürfnissen entsprechen, was denn auch zum Heil der Kranken und der allgemeinen Gesundheit mehr und mehr anerkannt wird. Freilich giebt es noch immer, besonders unter denjenigen, welche bei vernünftiger Ueberlegung gar nicht zweifelhaft sein könnten, viele Leute, die das Krankenhaus scheuen und fürchten und im Nothfall nur mit Zittern und Zagen hineingehen. Es mag dies zum Theil daher rühren, daß diejenigen, welche einmal im Krankenhause gewesen sind, sich meistens weniger seiner Wohlthaten als seiner Unannehmlichkeiten erinnern und durch die Schilderung der letzteren Mitleid und Bewunderung zu erregen trachten. Noch schlimmer wirken die nicht selten in Romanen, Novellen und Zeitungen zu findenden Beschreibungen der Schrecknisse in den Krankenhäusern, besonders auch in den Irrenanstalten. Im Beginn der Hamburger Choleraepidemie hat man ja davon schaurige Proben gelesen. Diese Erzählungen von der schrecklichen kopf- und herzlosen Wirthschaft in den Hamburger Hospitälern, die durch angeblich genaue Einzelheiten den Glauben an ihre Wahrheit erweckten, sind durch die Berichte selbst beobachtender deutscher und englischer Aerzte, welche die Ordnung, die Sorgfalt und theilnehmende Pflege daselbst nicht genug zu rühmen wußten, hinterher freilich als Erfindungen oder als urtheilslose Wiedergabe von Gerüchten gebrandmarkt worden. Aber ihre Wirkung hat sich darin gezeigt, daß Kranke und deren Angehörige oftmals erklärten: lieber im eigenen Hause den Tod erwarten, als sich dem Krankenhause anvertrauen! Ein Schritt weiter führt dann zu den mittelalterlichen Greuelscenen, die in Rußland ihre Auferstehung gefeiert haben, wo die Aerzte totgeschlagen und die Spitäler zerstört wurden.

Heute besitzt so ziemlich jede größere oder mittlere Stadt, ganz abgesehen von den Universitätsstädten, ein oder mehrere Krankenhäuser, die allen Ansprüchen der Wissenschaft und Praxis gerecht werden. Aber auch kleinere Städte und Verwaltungsbezirke haben in neuerer Zeit vielfach Krankenhäuser erhalten, die nicht nur der wirklichen Noth begegnen, sondern den Zwecken der Pflege und Heilung von Kranken aufs beste dienen. Während die Gesetze über Haftpflicht, Unfall- und Krankenversicherung darauf hingeführt haben, daß das Krankenhaus die weitaus beste und billigste Einrichtung zur Behandlung der Versicherten bildet, ist es das große Verdienst eines Privatarztes, des Sanitätsraths Dr. Mencke in Wilster, Holstein, durch seine bereits in dritter Auflage erschienene Schrift „Welche Aufgaben erfüllt das Krankenhaus kleiner Städte und wie ist es einzurichten?“ (Berlin, Verlag von Th. Chr. Fr. Enslin, 1891) gezeigt zu haben, wie ein solches Anwesen beschaffen sein muß. „Das Büchlein enthält,“ wie das Gutachten des Kgl. bayerischen Obermedizinalausschnsses – Berichterstatter Geheimrath Dr. von Ziemssen – sagt, „alles zur Anlage und Einrichtung eines kleinen Krankenhauses Wissenswerthe, in einer höchst klaren und ansprechenden Weise dargestellt, und zwar enthält es nicht bloß die Dinge, welche bautechnisch, hygieinisch und administrativ von Wichtigkeit für eine solche Anstalt sind, sondern auch vielerlei, was für das Zustandekommen einer solchen Wohlthätigkeitsanstalt von Wichtigkeit ist.“ Daneben verdienen besonders der Bericht des Geheimrath Dr. von Kerschensteiner an die XVI. Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege (Brauuschweig 1890) über „Krankenhäuser für kleine Städte und ländliche Kreise“ und die sich daran knüpfenden Verhandlungen der Versammlung eingehende Beachtung, indem sie gleichfalls die Zweckmäßigkeit, die Anlage, Einrichtung und Verwaltung derselben klar machen.[1]

Es handelt sich dabei nicht um große und kostspielige Bauten, sondern das kleine Krankenhaus tritt, wie Kerschensteiner sagt, bescheiden auf: ein mäßig großes Hauptgebäude mit den nächsten unentbehrlichen Nebengebäuden, einem Garten und allenfalls noch einem Stück Wiese, Acker oder Wald dazu, das ist das ganze Besitzthum, dessen eine solche Anstalt bedarf. Sie soll Gemeinde- oder Bezirkseigenthum sein, kann aber der Wohlthätigkeit nicht ganz entbehren, sei es der Schenkungen und milden Stiftungen Einzelner oder der ständigen Beihilfe von Vereinen. Erstes Erforderniß ist ein guter Baugrund. Wird eine nicht geeignete Baustelle zum Geschenk angeboten, so soll man lieber darauf verzichten; denn ein Fehler in der Wahl des Platzes ist nie wieder gut zu machen. Der Grnnd muß trocken und frei von Zersetzungskeimen, ein gewachsener oder „Mutterboden“ sein und darf auch durch den Betrieb nicht feucht oder verunreinigt werden.

Reichliches Wasser ist nöthig, ebenso gute Lüftung der Räume, die aber bei richtiger Anlage keiner künstlichen Mittel bedarf, sondern durch Fenster und Thüren, sowie durch die Ofenheizung genügend geregelt werden kann. Außer zwei Sälen, je einem für männliche und weibliche Kranke, einem Badekabinett und den erforderlichen Räumen für die Haushaltung, das Pflegepersonal und den Arzt, dessen Zimmer zugleich als Untersuchungs- und Operationszimmer dient, ist ein Gelaß zur vorübergehenden Aufnahme von Geisteskranken, die selbstverständlich möglichst bald einer Irrenanstalt zu übergeben sind, nothwendig. Endlich ist erforderlich ein Nebengebäude mit zwei Zimmern für ansteckende Kranke, eine Leichenkammer, eine Waschküche mit Trockenboden, ein Desinfektionsraum und eine Requisitenkammer.

Ein Desinfektionsraum, in welchem durch strömenden Wasserdampf Wäsche, Betten und Kleider der nach ansteckenden Krankheiten zu Entlassenden desinfiziert werden, ist unbedingt nothwendig, denn nur dadurch kann die Weiterverbreitung der Ansteckungskeime verhütet werden; und wenn man den Bewohnern der Stadt und der umliegenden Ortschaften Gelegenheit bietet, nach Fällen von Scharlach, Masern, Blattern, Diphtherie, Typhus, Rothlauf oder dgl. die Wäsche und Geräthschaften der Genesenen oder Verstorbenen hier desinfizieren zu lassen, so kann dadurch nicht bloß die Wirksamkeit des Krankenhauses weit über seine Mauern hinaus erweitert, sondern sogar ein Beitrag zu seiner Unterhaltung aufgebracht werden.

Die Nützlichkeit eines Gartens für den Haushalt und als Aufenthaltsort für die Genesenden, die sich oft auch gern in ihm beschäftigen werden, bedarf keiner besonderen Hervorhebung. Zweckmäßig ist es, in der Nähe des Hauptgebäudes einen Platz freizuhalten zur gelegentlichen Errichtung einer Baracke von einfachster Bauart, die sich beim Auftreten einer Epidemie oder für den Kriegsfall als nothwendig erweisen kann. Die jüngste Choleraepidemie mit ihren zahlreichen Verschleppungen spricht beredter als alle Worte für die Nützlichkeit solcher Absonderungsanstalten; denn nur mit ihrer Hilfe ist es möglich gewesen, zu verhindern, daß nicht an jeden verschleppten Cholerafall neue Erkrankungen und Ortsepidemien sich angeschlossen haben.

Und nun zum Schlusse noch einmal ein Wort von der Desinfektion! Für die pilzartigen Krankheitskeime ist Hitze, besonders in der Form des strömenden Wasserdampfes, der sichere Tod, und dieses Verfahren ist darum bei allen Gegenständen, wo es ohne Schädigung angewendet werden kann, am zuverlässigsten. Die chemischen Mittel, welche demselben Zwecke dienen sollen, müssen [252] sehr innig einwirken und deshalb eingerieben oder eingebürstet werden (z. B. an Möbeln, Wänden, Thüren und Fußböden), oder sie müssen vollkommen mit den zu desinfizierenden Dingen, z. B. mit den verschiedenen Absonderungen und Ausscheidungen der Kranken, gemischt werden und längere Zeit auf dieselben einwirken. Die sogenannte prophylaktische oder vorbauende Desinfektion hat keinen vernünftigen Zweck; denn wo keine Krankheitskeime zu vernichten sind, da ist sie überflüssig, und wo deren etwa vorhanden sind, da erreicht sie dieselben nicht, da die innige Mischung unterbleib. Ja, sie kann sogar schaden, wenn man mit ihr sich geschützt zu haben glaubt und nun andere Vorsichtsmaßregeln, besonders die immer nützliche und nothwendige Reinlichkeit vernachlässigt. Man kann nur in den Seufzer einstimmen, den Robert Koch schon vor Jahren ausgestoßen hat: „Möge endlich die sinnlose Vergeudung sogenannter Desinfektionsmittel am unrechten Orte unterbleiben!“




Freie Bahn!
Roman von E. Werner.
(14. Fortsetzung.)


Erich stand regungslos an seinem Platze, durch die geschlossene Thür von Cäciliens Zimmer drang jedes Wort Wildenrods zu ihm.

„Sei vernünftig, Cäcilie! Hast Du denn jede Selbstbeherrschung verloren? Du mußt Dich beim Abschied wieder den Gästen zeigen, Erich kann jede Minute kommen. Nimm Dich zusammen!“

Keine Antwort, nur dies krampfhafte trostlose Weinen.

„Ich habe etwas dergleichen gefürchtet, darum suchte ich Dich auf, aber auf einen solchen Ausbruch war ich nicht vorbereitet. Cäcilie, hörst Du mich nicht? Du mußt Dich fassen.“

„Ich kann nicht!“ stieß Cäcilie mit halb erstickter Stimme hervor. „Laß mich, Oskar! Ich habe lächeln und lügen müssen den ganzen Tag lang, muß es wieder thun, wenn ich mit Erich im Wagen sitze – ich sterbe, wenn ich mich nicht einmal, nur ein einziges Mal ausweinen kann.“

Der Bruder mochte wohl einsehen, daß er hier mit dem herrischen Tone nichts ausrichtete, seine Stimme klang milder, als er entgegnete: „Das ist wieder die unselige Leidenschaftlichkeit Deiner Natur, Du solltest Dir sagen, daß Du ihr in dieser Stunde am wenigsten nachgeben darfst. Ich habe alles gethan, um Dir Dein Glück zu sichern, und Du –“

„Mein Glück?“ wiederholte Cäcilie mit tiefster Bitterkeit. „Wozu die Lüge, Oskar – wir sind ja allein! Du hast mich täuschen können, so lange ich noch ein gedankenloses Kind war, aber Du kennst den Tag, der mir die Augen öffnete. Du hast Dir nur den Weg zu Deinem eigenen Glücke bahnen wollen, als Du alles daran setztest, mich mit Erich zu verloben. Du wolltest Herr werden in Odensberg, deshalb mußte ich das Opfer sein.“


„Und wenn ich dies Ziel im Auge hatte, so hob ich Dich mit mir empor zur Höhe,“ rief Wildenrod mit Nachdruck. „Ich habe es Dir oft genug gesagt, daß es sich für uns beide hier um Sein oder Nichtsein handelte. Als ein Opfer betrachtest Du Dich? Du hast heute fürstliche Huldigungen empfangen, und als jene endlosen Massen an Dir vorüber zogen, da ist es Dir doch wohl klar geworden, welche Bedeutung der Name, den Du jetzt trägst, in der Welt hat. Und das Leben in Odensberg, das Dich immer schreckte, bleibt Dir erspart. Ihr kehrt nach Italien zurück, Erich betet Dich an, er hängt nur an Deinen Blicken und wird Dir keinen Wunsch versagen, Dich mit allem überschütten, was der Reichthum zu geben vermag, Was verlangst Du weiter von Deiner Ehe? Das ist Glück, und Du wirst es mir dereinst noch danken.“

„Nie! Niemals!“ rief die junge Frau außer sich. „O wäre ich doch diesem Glücke entflohen, aber Du – Du banntest mich mit der furchtbaren Drohung, dem Beispiel unseres Vaters zu folgen, und ich mußte bleiben, um Dich zu retten. Du ahnst nicht welche Qual ich seitdem ausgestanden habe bei all der Güte und Zärtlichkeit Erichs. Ich habe ihn nie geliebt, werde ihn nie lieben, und jetzt, wo die Kette unzerreißbar geschmiedet ist, jetzt fühle ich, daß sie mich erdrücken wird. Ich möchte lieber in den Tod als in seine Arme!“

Sie verstummte plötzlich. „Was war das?“ fragte sie hastig.

„Was?“

„Ich weiß nicht – es klang wie ein Seufzer!“

„Einbildung! Wir sind allein, ich habe uns vor Lauschern gesichert. – Was soll dieser verzweifelte Ausbruch? Ist Dir etwa jetzt erst an Deinem Vermählungstag klar geworden, daß Du einen andern liebst? Weißt Du die Wahrheit nicht oder willst Du sie nicht wissen? Ich ahnte sie seit dem Tage, wo Du mit Egbert Runeck auf dem Albenstein warst. Du bist ja wie von Sinnen gewesen bei dem bloßen Gedanken, von diesem Manne verachtet zu werden, vor ihm als Abenteurerin dazustehen. Ich habe Dich nicht mahnen, nicht aufschrecken wollen – Nachtwandler weckt man nicht auf ihrem gefährlichen Wege. Jetzt aber ist es Zeit, aufzuwachen. Seit dieser Egbert in Dein Leben getreten ist –“

„Nein! nein!“ unterbrach ihn Cäcilie mit angstvoller Abwehr.

„Ja!“ sagte Oskar mit eisiger Bestimmtheit. „Denkst Du, es sei mir entgangen, wie Du heute morgen, während ich als Brautführer mit Dir zur Kirche fuhr, totenbleich wurdest und dann wie gebannt nach der einen Stelle im Walde blicktest? Du hattest ihn bemerkt, der vermuthlich gekommen war, um Dich noch einmal zu sehen. Er stand freilich fern genug, halb verborgen hinter den Bäumen. In solcher Entfernung erkennt man nur seinen Todfeind oder den Mann, den man liebt – und wir haben ihn beide erkannt.“

Die junge Frau antwortete nicht und widersprach nicht, ihr Schweigen gestand alles zu. Jetzt aber war es Oskar, der aufschreckte. Er hatte nebenan ein Geränsch wie von einer leise zufallenden Thür gehört, und von einer unbestimmten Ahnung ergriffen, öffnete er hastig die nach dem Salon führende Thür. Täuschung! Der Salon war leer, der Riegel noch vorgeschoben. Aber ein Blick auf die Kaminuhr überzeugte den Freiherrn, daß es die höchste Zeit sei, die Unterredung zu beendigen; er kehrte zu seiner Schwester zurück.

„Ich muß wieder in den Saal,“ sagte er gedämpft, „und auch Du mußt Dich zur Abreise fertig machen. Du hast Dich ausgeweint, jetzt bedenke, was Du Dir und mir schuldig bist! Du bist Erichs Gattin, und morgen schon liegen Meilen zwischen Dir und jenem anderen, den Du hoffentlich nie wiedersiehst. Ich habe dafür gesorgt, daß er hier in Odensberg nicht mehr schaden kann, und Du wlrst ihn vergessen, denn Du mußt.“

Er riegelte die Thüre auf und klingelte dem Kammermädchen, das er fortgeschickt hatte, um mit Cäcilie allein zu sein. Die verweinten Augen der jungen Frau konnten in dem Abschied von dem Bruder ihre Erklärung finden, trotzdem wollte er sie keinen Augenblick mehr sich selbst überlassen. Erst als Nannon eintrat, verließ er das Zimmer.

Unten in der Eingangshalle begegnete der Freiherr einem Diener, der den Handkoffer und Reisemantel Erichs trug, und fragte im Vorbeigehen flüchtig: „Herr Dernburg ist wohl noch in seinem Zimmer?“

„Nein, Herr Baron, er ist oben bei der jungen gnädigen Frau,“ lautete die verwunderte Antwort.

„Noch nicht, ich komme eben von meiner Schwester.“

„Ich sah den jungen Herrn aber doch selbst die Treppe hinaufgehen,“ wagte der Diener zu entgegnen. „Es war etwa vor einer halben Stunde. Haben der Herr Baron ihn denn nicht gesprochen? Er trat in Ihr Zimmer durch die kleine Tapetenthür.“

Wildenrod wurde bleich bis in die Lippen, an diesen Eingang hatte er nicht gedacht. Wenn Erich wirklich im Salon gewesen war, wenn er gehört hatte, was – Oskar wagte es nicht, den Gedanken auszudenken, er ließ den Diener stehen und eilte nach der Wohnung seines Schwagers.

Im ersten Zimmer war niemand, als der Freiherr aber die Thür des Schlafgemachs öffnete, fuhr er unwillkürlich zurück.

[253]
500px

Beredte Sprache.
Nach einem Gemälde von F. Simm.

[254] Erich lag auf dem Boden ausgestreckt, anscheinend leblos, mit geschlossenen Augen. Das Haupt war zurückgesunken und die Brust, der Anzug, der Teppich ringsum überströmt mit hellem rothen Blut, das noch immer in einzelnen Tropfen von den Lippen floß.

Wildenrod bedurfte keiner weiteren Erklärung, der Anblick sprach deutlich genug. Mitten in seinem vermeinten Glücke war dem jungen Ehegatten die Binde von den Augen gerissen worden. Er hatte es aus dem Munde seiner angebeteten Frau selbst hören müssen, daß sie ihn nie geliebt habe, daß sie lieber in den Tod wolle als in seine Arme. Jeder andere wäre da losgebrochen und hätte seinem Zorne, seiner Verzweiflung Luft gemacht, der arme Erich hatte weder die Kraft noch den Muth dazu. Stumm hatte er die Todeswunde empfangen und lautlos war er gegangen, um hier zusammenzubrechen und sich zu verbluten.

Einige Sekunden lang stand Oskar wie erstarrt, dann riß er an der Klingel, hob mit Hilfe des herbeieilenden Dieners den Bewußtlosen auf und befahl, den Doktor Hagenbach zu rufen, möglichst ohne Aufsehen, und den Unfall einstweilen noch zu verschweigen.

Schon nach wenigen Minuten erschien der Arzt. Er hörte schweigend den Bericht Wildenrods an, während er Puls und Herzschlag prüfte, dann richtete er sich empor und sagte leise: „Holen Sie Ihre Schwester, Herr Baron, bereiten Sie sie auf das Schlimmste vor. Ich lasse Herrn Dernburg und Maja rufen.“

„Sie fürchten –?“ fragte Oskar ebenso leise, aber Hagenbach schüttelte den Kopf.

„Hier giebt es weder Furcht noch Hoffnung mehr. Holen Sie die junge Frau – vielleicht kommt er noch einmal zum Bewußtsein.“

Eine Viertelstunde später wußte das ganze Haus, daß Erich Dernburg, den man eben noch strahlend von Glück gesehen hatte, im Sterben liege. Es war nicht möglich gewesen, die Unglückskunde zu verschweigen, sie flog wie ein Lauffeuer umher. Im Tanzsaal brach die Musik jäh ab, die Gäste standen in angstvoll flüsternden Gruppen bei einander, die Dienerschaft lief mit verstörten Gesichtern umher – es war wie ein Blitzstrahl in die Freude des Festes gefahren.

Im Schlafzimmer war die Familie um den Sterbenden versammelt. Doktor Hagenbach bemühte sich noch mit allerlei Hilfeleistungen, aber man sah es ihm an, daß er nichts mehr davon erwartete. An der Seite des Lagers kniete die junge Frau, in dem weißen Brautgewande, das sie noch nicht abgelegt hatte, als die Unglücksbotschaft kam, thränenlos, totenbleich. Sie ahnte irgend einen geheimen furchtbaren Zusammenhang.

An der anderen Seite stand Dernburg, in stummem Schmerze, die Augen unverwandt auf seinen Sohn gerichtet, dem er jedes Opfer hatte bringen wollen, um ihn sich zu erhalten und der ihm nun doch entrissen wurde. Maja schluchzte an der Brust des Vaters. Wildenrod wagte es nicht, ihr und dem Sterbebette zu nahen, er hielt sich stumm und finster im Hintergrund. Er hatte sein Spiel verloren geglaubt, jetzt sollte er es dennoch gewinnen. Der Arme, dessen Leben sich da so langsam verblutete, konnte keine Anklage mehr aussprechen, sondern nahm mit sich in das Grab, was er gehört und was ihm den Tod gegeben hatte.

Regungslos, mit geschlossenen Augen lag Erich da und schien kaum zu leiden; sein Atem ging leiser und leiser, und jetzt legte der Arzt die Hand nieder, an der er bisher die Pulsschläge gezählt hatte. Cäcilie sah es und errieth die Bedeutung.

„Erich!“ schrie sie auf. Es war ein Ruf der Verzweiflung, der Todesangst, und er schreckte den Sterbenden auf aus seiner Bewußtlosigkeit. Langsam schlug er die Augen auf, der schon vom Tode umflorte Blick suchte das geliebte Antlitz, das sich über ihn beugte, aber aus dem Blicke sprach ein so grenzenloses Weh, eine so tiefe stumme Klage, daß Cäcilie schaudernd zusammenbebte. Es war nur ein Augenblick des Bewußtseins, der letzte – noch ein tiefer Athemzug der wunden Brust, und alles war vorüber.

„Es ist zu Ende!“ sagte der Arzt leise.

Maja sank laut aufweinend an der Leiche ihres Bruders nieder, und auch über Dernburgs Wangen rollten ein paar schwere Thränen, als er die erkaltende Stirn des Sohnes küßte. Dann aber wandte er sich zu der jungen Frau, hob sie sanft empor und schloß sie in die Arme.

„Hier ist jetzt Dein Platz, Cäcilie,“ sagte er mit tiefer Bewegung. „Du bist die Witwe meines Sohnes, bist meine Tochter – Du sollst in mir einen Vater finden!“




In der Stadt, die zugleich die Bahnstation für Odensberg und dessen ganze Umgegend war, lag das Wirthshaus zum „Goldenen Lamm“, ein bekannter und besuchter Gasthof. Die unmittelbare Nähe des Bahnhofes und der lebhafte Verkehr, der stets zwischen diesem und den Dernburgschen Werken stattfand, brachte dem Hause viel Zuspruch. Alles, was von Odensberg kam oder dorthin wollte, pflegte im „Goldenen Lamm“ einzukehren, das auch hinsichtlich seiner Leistungen im besten Rufe stand.

Der ursprüngliche Besitzer war längst tot, aber seine Witwe hatte ihm einen Nachfolger gegeben in der Person des Herrn Pankratius Willmann. Dieser war einst als einfacher Gast hergekommen, in der Absicht, sich nach einer kleinen Anstellung in der Stadt umzuthun, hatte es aber dann vorgezogen, sich um die reiche Witwe zu bewerben und in das behagliche Nest zu setzen. Das war ihm denn auch geglückt und er befand sich sehr wohl dabei. Er überließ es seiner Frau, in Küche und Keller zu schaffen, und behielt sich den angenehmeren Theil der Pflichten vor, die Gäste zu unterhalten und ihnen an seinem eigenen Beispiel zu zeigen, wie vortrefflich die Küche des „Goldenen Lammes“ sei.

Es war an einem trüben, rauhen Oktobertage, der den Herbst schon recht fühlbar machte, als der kleine halbverdeckte Wagen des Doktors Hagenbach vor dem Wirkhshaus hielt; der Doktor selbst aber saß mit seinem Neffen in dem behaglichen Herrenstübchen, das im oberen Stock lag und nur bevorzugten Gästen offen stand. Dagobert war zur Reise gerüstet; er sollte mit dem nächsten Zuge nach Berlin fahren, um dort die Hochschule zu beziehen. Der Aufenthalt in Odensberg schien dem jungen Mann trotz der strengen Zucht seines Onkels nicht schlecht bekommen zu sein, denn er sah weit wohler und gesünder aus als im Frühjahr.

Herr Willmann, der es sich nicht nehmen ließ, den Doktor selbst zu bedienen, hatte wehmüthig berichtet, daß es ihm allerdings besser gehe, seit er die ärztlichen Vorschriften streng befolge, daß er aber beinahe dabei verhungert sei. Hagenbach hörte ganz ungerührt zu und verordnete die Fortsetzung der bisherigen Lebensweise, ohne sich an das Entsetzen des dicken Lammwirthes zu kehren.

„Es geht heute bei Ihnen recht lebhaft zu, Herr Willmann,“ sagte er. „Da unten im Gastzimmer schwärmt es wie in einem Bienenstock. Sie haben große Wahlversammlung, wie ich höre, die ganze Sozialdemokratie der Stadt tagt bei Ihnen? Es ist jedenfalls ein gutes Zeichen, daß die Herren sich gerade das ‚Lamm‘ ausgesucht haben, das deutet wenigstens auf friedliche Absichten.“

Herr Willmann faltete die Hände und machte ein wahres Jammergesicht. „O Gott, Herr Doktor, spotten Sie nicht, ich bin in heller Verzweiflung. Ich habe im vorigen Jahre den neuen Saal herstellen lassen, zu harmloser und erbaulicher Unterhaltung, es ist der größte in der ganzen Stadt – und nun halten die Umstürzler, die Revolutionäre, die Anarchisten darin ihre Zusammenkünfte – es ist fürchterlich!“

„Wenn es Ihnen so fürchterlich ist, warum nehmen Sie dann die Umstürzler ins Haus?“ fragte Hagenbach trocken.

„Soll ich denen etwas verweigern? Sie würden mir Haus und Geschäft ruinieren, vielleicht sogar Dynamit legen!“ Der Wirth schauderte bei dieser entsetzlichen Vorstellung. „Ich habe es nicht gewagt, Nein zu sagen, als dieser Landsfeld kam und meinen Saal forderte. Ich zitterte vor diesem Menschen, ja wahrhaftig, ich zitterte an allen Gliedern.“

„Das wird dem Herrn Landsfeld sehr schmeichelhaft gewesen sein,“ meinte der Doktor und that einen kräftigen Zug aus dem vor ihm stehenden Bierglase, während Willmann zu klagen fortfuhr:

„Aber wie stehe ich nun da vor meinen anderen Gästen, sie werden es mich entgelten lassen – und was wird Herr Dernburg dazu sagen!“

„Herrn Dernburg wird es vermuthlich sehr gleichgültig sein, ob die Sozialisten im ‚Goldenen Lamm‘ oder anderswo tagen, [255] und seine Kundschaft verlieren Sie dadurch auch nicht ... er ist doch noch nie bei Ihnen abgestiegen.“

„O, Herr Doktor, wo denken Sie hin, in meinem bescheidenen Hause! Die Odensberger Herrschaften fahren immer gleich zur Bahn. Jedoch die sämtlichen Herren Beamten kehren bei mir ein; ich bin ja überhaupt auf den Verkehr mit Odensberg angewiesen und möchte um keinen Preis –“

„Es mit einer Partei verderben!“ ergänzte Hagenbach. „Natürlich, das ist Geschäftssache. Nicht wahr, Runeck soll heute sprechen? Da wird in Ihrem großen Saale kein Plätzchen leer bleiben, und Sie haben einen hübschen Verdienst.“

Herr Pankratius Willmann hob abwehrend beide Hände und blickte nach der Decke hinauf. „Was frage ich nach dem Verdienst! Aber ich kann mein Geschäft in diesen schweren Zeiten nicht zu Grunde gehen lassen. Ich bin Familienvater, habe sechs Kinder –“

„Nun, die schweren Zeiten sieht man Ihnen nicht an,“ spottete der Doktor. „Uebrigens haben Sie in diesem Augenblick wieder eine merkwürdige Aehnlichkeit mit Ihrem seligen Vetter, dem Wüstenmenschen, der blickte gerade so wehmuthsvoll gen Himmel. Aber komm, Dagobert, wir müssen aufbrechen sonst versäumen wir den Zug.“

Er trank sein Bier aus und stand auf. Der dicke Lammwirth begleitete ihn bis zur Hausthür und bat noch einmal de- und wehmüthig, Herrn Dernburg doch gütigst mittheilen zu wollen, daß er einerseits fest zur Partei der Ordnung und Autorität halte, aber daß er als Familienvater und bei diesen fürchterlichen Zuständen –“

„Ich werde ihm sagen, daß Sie wieder einmal das Opfer Ihres Berufes sind,“ unterbrach Hagenbach das Klagelied. „Zittern Sie nur ruhig weiter und streichen Sie das schöne Geld ein. Ihr Bier ist vortrefflich und die Herren wissen das ohne Zweifel zu schätzen. Es wird sie menschlicher stimmen und das ‚Goldene Lamm‘ retten, wenn es zum äußersten kommt.“

Herr Willmann schüttelte bei dieser leichtfertigen Auffassung der Dinge sanft und vorwurfsvoll das Haupt und verabschiedete sich mit einer tiefen Verbeugung von seinen Gästen, die nach dem nur einige hnndert Schritt entfernten Bahnhof hinübergingen, wo der Zug schon vorgefahren war. Während Hagenbach mit seinem Neffen über den Bahnsteig schritt, hielt er ihm noch eine eindringliche Abschiedsrede. „Das eine möchte ich mir ausgebeten haben, daß Du in Berlin ordentlich studierst und nicht auf Dummheiten verfällst wie zum Beispiel dieser Runeck,“ sagte er mit Nachdruck. „Der war bis dahin ganz vernünftig, in Berlin ist er aber unter die Umstürzler gegangen. Junge, ich sage Dir, wenn Du Dir dergleichen einfallen läßt –“

Er machte ein so grimmiges Gesicht, daß der blonde Dagobert erschrak und betheuernd die Hand auf die Brust legte. „Ich gehe nicht unter die Umstürzler, lieber Onkel, gewiß nicht,“ versicherte er mit rührender Aufrichtigkeit.

„Einen besonderen Fang würden sie auch nicht an Dir machen,“ meinte der Doktor geringschätzig. „Aber Du bist leider zu allerlei Dummheiten angelegt. Ich hoffe nur, daß jenes verrückte Gedicht ‚An Leonie‘ Dein erstes und letztes gewesen ist, wenigstens habe ich Dir den Standpunkt nachdrücklich genug klar gemacht. – Doch da wird schon das Zeichen zur Abfahrt gegeben! Hast Du Dein Handgepäck? Dann steig' ein, und glückliche Reise!“

Er schlug die Wagenthür zu und trat zurück. Dagobert athmete förmlich auf, als er sich durch die solide Wagenwand von seinem Onkel getrennt sah, denn in seiner Brusttasche ruhte ein langes rührendes Abschiedsgedicht „An Leonie“. Der junge Dichter hatte zwar nach jenem ersten mißglückten Versuche es nicht wieder gewagt, der Angebeteten diesen Erguß seiner Gefühle in die Hände zu spielen, aber er hatte beschlossen, ihn von Berlin aus brieflich zu senden, mit der Versicherung, daß seine Liebe ewig sei, wenn die rauhe Welt sich auch trennend zwischen ihn und den Gegenstand seiner Sehnsucht dränge.

Diese „rauhe Welt“ in der Gestalt des Doktors stand auf dem Bahnsteig und winkte noch einen Abschiedsgruß, als der Zug sich jetzt in Bewegung setzte. Dann suchte Hagenbach den Stationsvorstand auf und erkundigte sich, ob der Berliner Schnellzug etwa Verspätung habe.

„Nein, Herr Doktor, der Zug kommt pünktlich in zehn Minuten,“ versetzte der Beamte. „Sie erwarten jemand?“

„Den jungen Grafen Eckardstein, der heute eintreffen will.“

Der Stationsvorstand machte ein verwundertes Gesicht. „Graf Viktor kommt? Es hieß ja, es hätte ein unheilbares Zerwürfniß zwischen ihm und seinem Bruder gegeben damals im Frühjahr, als er so urplötzlich abreiste. Dann steht es wohl schlimm in Eckardstein?“

„Wenigstens so, daß Graf Viktor davon benachrichtigt werden mußte. Er ist der einzige Bruder.“

„Ja, ja – der Majoratsherr ist unvermählt,“ ergänzte der Beamte bedeutungsvoll. „Wollen Sie nicht in das Wartezimmer treten, Herr Doktor?“

„Ich danke, ich bleibe draußen, es handelt sich ja nur noch um einige Minuten.“

Hagenbach blieb nicht der einzige Wartende, Landsfeld erschien mit einem Trupp Arbeiter, die offenbar auch jemand empfangen wollten, denn sie pflanzten sich auf dem Bahnsteig auf und unterhielten sich laut und erregt über die bevorstehende Wahlversammlung. Endlich brauste der Zug heran. Er brachte ziemlich viel Reisende, die hier auf der größeren Haltestation ausstiegen, und einige Minuten lang herrschte ein ungewohntes Gewühl in der Bahnhofshalle.

Hagenbach schritt suchend an der Wagenreihe entlang, als er plötzlich die hohe Gestalt Runecks vor sich sah, der eben den Wagen verlassen hatte. Beide stutzten im ersten Augenblick, dann machte Egbert eine rasche Bewegung, als wollte er auf den Arzt zutreten; aber Landsfeld hatte ihn bereits entdeckt und drängte sich mit seinen Gefährten heran mit lärmender Begrüßung umringten sie den jungen Ingenieur, nahmen ihn in die Mitte und brachten, als sie den Bahnhof verließen, ein stürmisches Hoch auf ihn aus.

„Der Herr Volkstribun segelt in recht hübschem Fahrwasser,“ brummte der Doktor ärgerlich. „Eine nette Ueberraschung, die er Herrn Dernburg da beschert hat! Ich bin nur neugierig, was unsere Odensberger dazu sagen. Die sind auch dabei und, wie es scheint, in ziemlicher Menge.“

Er beschleunigte seinen Schritt, denn er sah eben den jungen Grafen Eckardstein in Begleitung eines älteren Herrn aus dem letzten Wagen steigen. Auch Viktor bemerkte den Arzt und eilte ihm entgegen „Es ist doch nichts vorgefallen in Eckardstein?“ fragte er hastig.

„Nein, Herr Graf, der Zustand des Kranken ist seit vorgestern unverändert. Da ich aber gerade an der Bahn war, wollte ich Sie doch empfangen.“

„Herr Doktor Hagenbach,“ wandte sich der junge Graf an seinen Begleiter. „Mein Onkel, Herr von Stetten!“

Hagenbach verbeugte sich, er kannte den Namen und wußte, daß er den Bruder der verstorbenen Gräfin Eckardstein vor sich hatte. Stetten reichte ihm die Hand.

„Sie behandeln also meinen Neffen, Herr Doktor?“

„Jawohl, Herr von Stetten, ich wurde auf ausdrücklichen Wunsch des Hausarztes zugezogen. Mein Kollege wollte die Verantwortung nicht allein übernehmen.“

„Da hatte er vollkommen recht. Seine Nachrichten lauteten so bedenklich, daß ich mich entschloß, Viktor zu begleiten. Die Sache ist ernst?“

„Eine Lungenentzündung ist immer ernst,“ versetzte der Arzt ausweichend. „Wir müssen auf die kräftige Natur des Kranken bauen. Immerhin hielten wir es für Pflicht, dem Herrn Grafen die Gefahr nicht zu verschweigen in der sein Bruder schwebt.“

„Ich danke Ihnen dafür,“ sagte Viktor gepreßt. Er sah bleich und erregt aus; der Gedanke, den Bruder, von dem er in bitterem Unfrieden geschieden war, vielleicht auf dem Sterbebett wiederzusehen, bedrückte ihn offenbar schwer. Er verhielt sich meist schweigsam, während Stetten die eingehendsten Fragen that und sich ausführlich über den Zustand des Majoratsherrn unterrichten ließ. Draußen vor dem Bahnhof hielt ein Eckardsteinscher Wagen, und der Doktor verabschiedete sich von den beiden Herren mit dem Versprechen, morgen früh nach dem Schlosse zü kommen. Dann ging er nach dem „Goldenen Lamm“ hinüber, um seinem Kutscher zu sagen, daß er sich zur Abfahrt bereit machen solle.

(Fortsetzung folgt.)




[256]

Von der Elbe zur Biela.

Von Th. Gampe. Mit Zeichnungen von R. Püttner.
Nachdruck verboten.
Alle Rechte vorbehalten.
Die Gartenlaube (1893) b 256.jpg

Schloß Weesenstein.

Es ist nun einmal nicht anders, je reichere Ströme Menschenblut über ein Stück Erde dahingeflossen sind, je mehr fühlen sich spätere Geschlechter von ihm angezogen. Eine Stadt, eine Burg ohne Geschichte ist langweilig wie ein Mensch, der nichts erlebt hat, und die langweiligste Fläche kann zu einer Ebene von Marathon werden einzig durch den Reiz geschichtlicher Großthaten.

Nun, an historischem Salze wird es bei unserer heutigen Tagfahrt über das Erzgebirge hinweg, von der Elbe zur Biela, nicht fehlen, eher liegt die Gefahr eines Zuviel nahe; namentlich am Höhepunkt unserer Wanderung, wo wir den böhmischen Tieflandkessel vor uns haben. In diesem Kessel ist seit einem halben Jahrtausend so ungewöhnlich viel Geschichte zusammengebraut worden, daß wir ihn den „klassischen Boden der Schlachtfelder“ nennen könnten.

Aus der zweiten Station von Dresden ab, in Mügeln, verlassen wir die große sächsisch-böhmische Bahnlinie und benutzen die Müglitzthalbahn, eine Nebenlinie, die bei Geising sich bis dicht unter die Kammerhebungen des Erzgebirges heranschlängelt.

Diese Bahn, ferner eine wunderschöne Straße, welche eher einem Promenadenweg gleicht, und ein carnalittrother Bergfluß theilen sich in die enge, oft schluchtartige Sohle des Müglitzthales und geben eine große Reihe überaus anmuthiger und romantischer Landschaftsbilder.

Bei dem Städtchen Dohna fahren wir an der ersten geschichtlichen Stätte vorüber.

Hier saß der letzte böhmische Vasall in meißnischen Landen, der Burggraf Jeschke von Dohna. Die wenigen Trümmer seiner einstmals sehr umfangreichen Burg stellen zugleich die letzten Ueberreste der slavischen Herrlichkeit auf sächsischem Boden dar. Die deutschen Edelleute der Gegend hatten den überaus streitbaren böhmischen Standesgenossen nicht sehr lieb; und so kam es zu allerhand Reibereien, denen Jeschke nicht ohne ritterliche Tugenden trotzte. Beim großen Adelstanz 1401 auf dem Rathhaus zu Dresden war auch Jeschke erschienen, und den Meißnischen zum Trutz tanzte er über Gebühr oft mit dem schönsten Edelfräulein des Balles. Das verdroß die Meißner gar sehr und besonders den Ritter Körbitz auf Meusegast, der ein Burgnachbar des Jeschke war. Er stellte dem Jeschke ein Bein noch dazu ein geharnischtes, und der stolze slavische Edelmann lag mit seiner schlanken Tänzerin am Boden. Aufspringen und dem Körbitz „eine hineinlangen“ war das Werk eines Augenblicks; dann schlug er sich tapfer durch seine Feinde und kehrte heim aus seine Burg.

Was er aber nun that, war zuviel. Die ganze Umgebung suchte er heim mit Semgen und Brennen, er äscherte die Dörfer seiner Feinde ein, bis Markgraf Wilhelm von Meißen ins Mittel trat, mit dem Aufgebot einer ziemlich stattlichen Heeresmacht den Landfriedensbrecher bändigte und Dohna vollständig in Trümmer legte. Jeschke suchte einen letzten Schutz auf der benachbarten Burg Weesenstein, konnte sich jedoch auch hier nicht halten und entwich nach viertägiger grimmiger Gegenwehr über die Berge nach Böhmen. Damit war das letzte slavische Bollwerk in meißnischen Gauen dem Deutschthum anheimgefallen.

Schloß Weesenstein, ein echter alter Rittersitz auf einzelstehendem Fels inmitten eines tiefen Thaleinschnitts, ist heute Eigenthum der sächsischen Königsfamilie. In besonderer Gunst stand das romantische Nest bei dem König Johann, der hier abseits von der glanzvollen Tyrannei eines Thrones gelehrten und dichterischen Arbeiten nachhing. Die klassische anteübersetzung des „Philalethes“ ist hier entstanden. Auch Friedrich Wilhelm IV von Preußen liebte die einsame Bergfeste, er sprach des öfteren als Gast bei seinem Freunde, dem König Johann, vor. Da ist ein kleiner Söller vorhanden, welcher nur wenigen Raum gewährt, dafür aber romantisch wie ein Adlernest am Felsen über der Müglitz hängt. Hier saßen die beiden Monarchen und führten stundenlang die angeregtesten Gespräche; der eine gab den bekannten „Esprits", der andere die gelehrte Tiefe und eine poetische Lebensauffassung.

[257]
300px

Im Schloßhof von Lauenstein.

Die mehr als 100 Zimmer des Schlosses enthalten als Schmuck nicht weniger denn 800 Bildnisse fürstlicher Personen, eine Sammlung, gleich dankbar für Kunstkenner wie für Geschichtsforscher. Höchst seltsam erscheint die Bauart der trotzigen Bergfeste. Der alte Meister, der die erste Anlage schuf, stülpte seinen Bau über einen ziemlich spitzen und steilen Felsen, ähnlich wie eine Haube über den Haubenstock. Die späteren Zuthaten wurden zu Füßen der älteren Gebäude gleichfalls dicht an den Felsen gruppiert, so daß die Rückwände sehr häufig vom Naturfelsen selber gebildet werden. Dieser tritt denn auch auf den Gängen, in den Zimmern, in der Kirche, kurz, im ganzen Schlosse vielfach zu Tage. Einige Gemächer sind ganz aus ihm herausgemeißelt, auch der Thurm besteht ziemlich hoch hinauf aus eitel Gneisfelsen. Die drolligsten lokalen Verschiebungen ergaben sich aus dieser Bauart. Die Pferdeställe liegen im dritten Stockwerk, zwei Treppen höher als die Wohnräume. In die Keller muß man noch höher hinauf, hinter den obersten Stockwerken sieht man nicht, wie man sonst gewohnt, in die Tiefe hinab, man tritt vielmehr ebenerdig hinaus, so daß der Neuling ganz irre wird. Ganz oben in den Eingeweiden des Felsens liegt eine Folterkammer. Schon der Raum ist furchtbar! Die Mehrzahl der heutigen Menschen würde sich hier wahrscheinlich zu jeder Missethat bekennen, nur um aus diesem schauerlichen Gewölbe hinaus – und sei’s auch an den Galgen – zu kommen. Die Folterwerkzeuge würden überflüssig sein.

Ueber den Thalwänden droben, unfern von Weesenstein, liegt das Rittergut Maxen mit seinem neu hergestellten gothischen Thurme. Das ist die Geburtsstätte einer großen humanistischen Idee. Hier berieth der einstige. Besitzer Major Serre mit Karl Gutzkow den Plan zur deutschen Schillerstiftung.

Auch in der Geschichte des Siebenjährigen Krieges hat Maxen eine wichtige Rolle gespielt, doch davon an einer anderen Stelle!

Die Bahn führt uns vorüber an Glashütte, der Uhrmacherstadt mit ihrer Uhrmacherschule. Die Häuser haben hier noch einmal so viele Fenster wie anderwärts, und nirgends beobachtet man so genau die „wirkliche Zeit“. Die „Gartenlaube“ hat der Stadt und ihrer Industrie schon früher (Jahrg. 1879, Nr. 13) eine Beschreibung gewidmet, wir können also die Zeit nutzen und weiterfahren.

400px

Schloß Bärenstein.

An den Gehängen des Müglitzthales liegen noch zwei Schlösser, Bärenstein und Lauenstein. Beide sind für den Stift des Zeichners, wie man so sagt, „dankbare Objekte“, nicht so für die Feder des Schriftstellers, sie gleichen eben jenen hübschen, aber langweiligen Menschen; die nichts erlebt haben. Das Aufregendste in der Geschichte dieser stolzen malerischen Schlösser ist etwa eine fremde Einquartierung, ein Dachstuhlbrand oder, wenn es hoch kommt, ein Besitzwechsel. Ueber Bärenstein herrscht jetzt die Familie Lüttichau; rührende Pietät gegen einen in Frankreich gefallenen Sprossen ihres Geschlechts hat sie fast alle Zimmer mit Erinnerungen an den jungen schönen Offizier schmücken lassen. Das weit ältere Lauenstein, heute im Besitz eines Grafen Hohenthal, liegt zum Theile in Ruinen, die ihres malerischen Eindrucks nicht verfehlen.

Hier verlassen wir den schier endlosen Thalzug und streben geradeswegs der Kammhöhe des Erzgebirgs zu. Nackt und frierend liegen die Dörfer da oben auf kahler Höhe, „im Wind“, sagt der Bauer sehr treffend. Das Leben hier oben hat manche tiefe Eigenart, der Mensch drängt sich hier ganz anders an den Menschen heran wie in glücklicheren Gegenden. Die Poesie der vom gemüthlichen Kachelofen freundlich durchwärmten Rockenstuben liegt wie ein Duft über den Wohnstätten. Wie urbehaglich es sich da sitzt und plaudert, wenn die Elemente draußen um die Hütte toben und die Stürme über die Hochebene dahinfegen, als gälte es, alles Lebendige zu vernichten! Hinter dem Ofen und auf der breiten Ofenbank liegen oder sitzen die feiernden Holzknechte, um den Tisch gruppieren sich die zierlichen Frauengestalten und fertigen mit geschmeidiger Hand kunstvolle Arbeiten an, singen mit dem Stubenvogel um die Wette, plaudern aus vollem guten Herzen [258] oder führen harmlose Wortgefechte, die regelmäßig mit einer allgemeinen Lachsalve endigen. Lose Burschen bauen wohl inzwischen die Hausthür mit einer Schneemauer zu, daß die Spinnerinnen und Strohflechterinnen den Heimweg verlegt finden, oder spielen „Gescheeche“ an den zugefrorenen Fenstern, um die Gesellschaft da drinnen „grufeln“ zu machen. Und daß die Liebe dabei sich gar nicht um das rauhe Klima kümmert, sondern auch hier ihre Rosen zeitigt, versteht sich ja wohl von selbst.

Der Müglitzthalbahn ist schon am Fuße der Kamm-Erhebung vom vielen Steigen der Athem ausgegangen, sie hat sich nicht entschließen können, den Kamm zu erklimmen; wir müssen uns daher auf die Beine machen und zu Fuß die Hochebene überschreiten, wo wir die Dörfer Fürstenau und Voitsdorf berühren. Auf böhmischem Grunde, nicht fern von der Grenze, erhebt sich ein mäßiger Hügel, der Mückenberg, und auf ihm ein großer hölzerner Bau, das Mückenthürmchen. Von der Seite, von der wir heranwandern, sieht es eigentlich nach gar nichts aus, man vermuthet einen jener zahlreichen in den letzten Jahren entstandenen Aussichtsthürme ohne Aussicht. Aber wie verblüfft bleibt man stehen, wenn man mit einem Schlage den ganzen weiten Bielathalkessel von Brüx, Dux und Teplitz herab bis nach Aussig und dem Schreckenstein an der Elbe liegen sieht!

Der ortskundige Sachverständige würde hier vortreten und sagen: „Das, meine Herren, sind die bizarren Schuttkegel des böhmischen Mittelgebirges mit dem weltberühmten Milleschauer, dem schon Alexander von Humboldt ein großes Loblied gesungen hat; hier können Sie den Lauf des Elbstroms in den schluchtartigen Einbuchtungen der imposanten Basaltgruppen verfolgen, wie er sich dann durch das Elbsandsteingebirge klemmt und endlich, gegen Norden gesehen, die deutsche Tiefebene gewinnt. Zu Ihren Füßen fällt der südliche Steilhang des Erzgebirges ab, gegen Osten hin schiebt sich dieses in immer großartigeren Bergmassiven gegen das böhmische Tiefland vor. Die weite Thalsohle mit den Tausenden von Schornsteinen ist eins der großartigsten und ausgiebigsten Braunkohlenbecken der Erde, und wenn Sie Geschichte haben wollen, so sehen Sie sich die zahlreichen Ruinen, Klöster und Schlösser an! Oder wünsche Sie Fernsichten? An hellen Tagen soll indigoblau der Isarkamm, der Böhmerwald, das Riesengebirge und sogar der Kreuzberg bei Berlin und der Weiße Berg bei Prag sichtbar sein!“

400px

Das Mückenthürmchen.

Aber so ganz klare Tage soll es sehr selten oder auch noch nie gegeben haben, und das ist gar kein Schade! Mit dem Suchen nach den Einzelheiten verliert man meist den Gesamteindruck und bezahlt damit die kleinen Gewinne sehr theuer. Wer zerschneidet gern ein Gemälde von Meisterhand in seine Theile!

Fast großartiger noch als der landschaftliche ist der geschichtliche Ausblick von diesem Mückenberge aus. Böhmen ist, wie ich es bereits nannte, der „klassische Boden der Schlachtfelder“, hier ist Blut geflossen für den Glauben, für dynastischen Hader, für die Rasse, für die Jesuiten, für die Freiheit, für den Papst und für den Huß, für den Ehrgeiz und – für nichts!

Ein guter Theil dieser Schlachtfelder liegt in unserem Gesichtskreis. In der Tiefe, fast zu unseren Füßen, links von Teplitz erhebt sich ein mäßiger Hügel, „Bihana“, auch „Bihanj“ geheißen. Seine freundlichen, ziegelbedachten weißgetünchten Meierhöfe, seine wohlangebauten Fluren schimmern jetzt so friedlich herauf, daß wir Mühe haben, in ihm eine der blutigsten Wahlstätten zu sehen. Hier wurde im Juni 1426 die furchtbarste aller Hussitenschlachten geschlagen. unter einem Busso von Vitzthum waren die Meißner Heervölker vom Mückenberg herabgestiegen, um für des Papstes Herrlichkeit die Hussiten zu bekriegen, die unter Korybut von Prag an der Biela ein Lager geschlagen hatten, Die waffengeübten, geharnischten Meißner glaubten, ein leichtes Spiel mit den Hussiten zu haben, die ja eigentlich nur Bauernheere waren, Sie hatten sich schwer geirrt; wohl trugen die Hussiten keine Harnische, dafür aber hatten sie ihre Brust mit glühendem Haß gepanzert. Mit Sensen und Dreschflegeln stürmten sie auf die Gegner ein, und als die Sonne hinter den Kamm des Erzgebirgs hinabsank, lagen 16000 Erschlagene äuf dem Hügel Bihana. Der Rest der Meißner rettete sich über den Mückeberg in die festen sächsischen Städte.

Ehe wir die blutigen Spuren der Geschichte von unserer hohen Warte aus weiter verfolgen, sei ein freundlicheres Bild eingestreut! Unfern der Biela bei Staditz liegt auf einer kleinen Anhöhe ein merkwürdiges Denkmal; kein Reiter, keine Menschengestalt ist darauf zu schauen, sondern – ein Ackerpflug! Man nennt es das „Pschemysl-Denkmal“; es verewigt eine Sage oder eine mit sagenhaften Zügen durchsetzte Geschichte von wahrhaft patriarchalischer Einfalt und Großartigkeit: Libussa, die ebenso schöne als kenntnißreiche und gütige Gründerin von Prag, sitzt zu Gericht über einen böhmischen Großen, Ihr gerechtes Urtheil dünkt ihn ungerecht, er schilt sie ein Weib mit langem Haar und kurzen Sinnen und will lieber sterben, als noch für der einem Weibe dienen. Seine Standesgenossen dringen in Libussa, doch endlich aus ihrer Mitte einen Gemahl zu wählen, und obwohl schwer gekränkt, entschließt sie sich dennoch endlich, dem Wunsche der Großen stattzugeben. Voll Unruhe harren diese dem Morgen entgegen, an welchem die vielumworbene Fürstin einen Gatten aus der Mitte der Edelleute wählen soll. Libussa ersteigt in der Nacht vorher einen hohen heiligen Berg und befragt bekümmerten Herzens die Göttin Klimba, was sie thun soll. Diese antwortet:

„Auf, wohlauf, Libussa, steige nieder,
Hinterm Berge dort an Bielas Ufer
Soll dein weißes Roß den Fürsten finden,
Der Gemahl dir sei und Stammes Vater,
Fährt da emsig mit zwei weißen Stieren,
In der Hand die Ruthe seines Stammes,
Und hält Tafel da auf eisern’m Tische.“[2]

Das weiße Roß Libussas übernimmt wirklich den Führerdienst und geleitet die Gesandten der Königin nach jenem Acker an der Biela, der heute das Denkmal trägt. Ein schlichter Landmann führt gedankenvoll seinen Pflug und treibt mit einer Haselgerte seine Stiere an. Voll Erstaunen, daß ein so Geringer König von Böhmen und der Gemahl der schönen Libussa werden soll, rufen ihn die Edelleute an – er aber hört anfänglich nicht und pflügt stolzen Sinnes weiter. Als sie ihm die Krone reichen und ihm den Fürstenmantel überwerfen, zürnt er ihnen, daß sie ihn seinen Acker nicht zu Ende pflügen lassen. Endlich geht Pschemysl – so hieß der Landmann – auf ihre Wünsche ein, steckt seine Gerte ins gelockerte Erdreich und siehe, augenblicklich grünt und blüht sie vor den Augen der verwunderten Magnaten auf zu einem Haselstrauch.

Und Pschemysl, der Denker ... kehrt den Pflug um,
Langet Käs’ und Brot aus seiner Tasche,
Heißt sie niedersitzen auf die Erde,
Legt die Mahlzeit auf den Pflug mit Eisen:[3]
„Haltet denn mit Eurem Fürsten Tafel!“

Die Großen fragen:

„Herr, wozu der sondre Tisch von Eisen?“

Pschemysl antwortet:

„Und Ihr wisset nicht, auf welchem Tische
Stets ein König isset? Eisen ist er.“ –
Damit stand er auf und stieg aufs schöne
Weiße Roß, das scharrt und triumphieret.

Die Großen legen ihm jetzt Fürstenschuhe an und wollen [259] die Bastschuhe wegwerfen, die er bis dahin getragen; doch ihr König bittet:

„Laßt mir meine Schuh’ von Lindenrinde
Und mit Bast von meiner Hand genähet,
Daß es meine Söhn’ und Enkel sehen;
Wie ihr Königsvater einst gegangen.“

Die Fürstentugenden des schönen Königspaares treiben denn auch im Lande Böhmen die herrlichsten Blüthen. So lange der Haselstrauch grünte, d. h. so lange die Könige den Pflug mehr als das Schwert ehrten, gebrach es nie an Brot, und so lange die Bastschuhe im Prager Königsschloß zu schauen waren, kehrte nie Uebermuth und Stolz dort ein. Kein Herrscherpaar, sondern ein Vater und eine Mutter walteten über Böhmen, und die Sage erzählt noch weiter von der überaus glücklichen und langen Regierung des edlen Fürstenpaares Primislaus und Libussa. Doch am Schlusse klagt sie bitter:

„Weh’, ach weh’, die Ruthe ist verdorret
Und die armen Schuhe sind gestohlen
Und der Eisentisch ist güldne Tafel!“

Nun wieder aus der schönen Sage in die blutige Geschichte zurück! Unfern des Hügels Bihana, unserm Standpunkt auf dem Mückenberg näher, aber nicht sichtbar, liegt ein anderes Schlachtfeld, auf welchem gleichfalls Tausende um eines Größenwahnes willen ihr Leben lassen mußten. Die Schlacht bei Dresden im Jahre 1813 war geschlagen, alle Heerstraßen über den Kamm des Erzgebirges waren bedeckt mit den Truppen der Verbündeten, die sich geordnet zurückzogen. Das letzte Mal vor der Entscheidungsschlacht bei Leipzig hatte Napoleons Glücksstern aufgeleuchtet, und mit einem gewissen Uebermuth verfolgten seine Generale den geschlagenen Gegner. Der russische Heerführer Ostermann hatte sich für seinen Rückzug den östlichsten Paß über Nollendorf ausersehen. Vandamme folgte ihm mit Ungestüm, und schon bei Pirna am Kohlberg begannen erneute Kämpfe. Ostermann wehrte sich wie verzweifelt und machte in der Nähe von Nollendorf den letzten und stärksten Vorstoß, um die Franzosen nach Sachsen zurückzudrängen. Vergebens, er konnte die Höhen nicht halten, wurden ins Thal hinabgedrängt, und Vandamme folgte bis in die Gegend von Kulm. Aber nicht zu seinem Heile!

400px

Das Bergstädtchen Graupen.

Rings auf den Feldern zu unsern Füßen lagerten die Preußen unter General von Kleist. Der Kanonendonner drüben im Osten verzog sich mehr und mehr nach der Tiefe, und jetzt war die Zeit gekommen, die Falle, in die sich der heißblütige Vandamme begeben, zuzuziehen. Kleist eilte mit seinen Truppen über die Höhen nach dem Nollendorfer Paß, verlegte diesen und griff die Franzosen im Rücken an. Die Oesterreicher richteten ihren Angriff gegen die Flanke, und in der Front gingen die Russen aufs neue vor. So wurde Vandamme durch einen glücklichen Schachzug an den Steilhang des Erzgebirges, also buchstäblich an die Wand gedrückt. Das ganze französische Armeecorps wurde gefangen. Drei großartige Denkmäler bei Pristen und Arbesau ehren die gefallenen Preußen, Oesterreicher und Russen. An die Franzosen erinnern nur noch einige mit Unkraut überwucherte Erdhügel.

Aber damit ist die Schlachtenchronik unseres Thalkessels noch nicht erschöpft. Im Jahre 1040 schlug Kaiser Heinrich II. zwischen dem Bihana und Kulm den slavischen Herzog Bretislav von Böhmen. Am 11. Februar 1126 fochten die Herzöge Sobeslav und Lothar wider einander zwischen Kulm und Graupen. Gegen Norden hin auf den Höhen, welche die Altstadt Dresden dem Blicke entziehen, wurde am 26. und 27. August die vorhin erwähnte Schlacht bei Dresden geschlagen. In derselben Richtung, zwei Meilen näher am Mückenberg, bei dem schon genannten Maxen, erhebt sich eine Bergkuppe, die im Volksmunde „der Finkenfang“ genannt wird. Hier nahm der österreichische General Daun am 21. November 1759 den preußischen General Fink mit 12,000 Mann gefangen.

An den Dreißigjährigen Krieg erinnern mehrere Burgruinen, so die auf dem Schloßberg zu Teplitz und einige andere am Fuße des Mittelgebirges. Hinter den Zacken dieses Gebirges breiten sich die Felder von Lobositz aus, und in derselben Luftlinie liegt Kollin, zwei Namen von gar verschiedenem Klang in Preußens Kriegsgeschichte. Und wer am 3. Juli 1866 auf dem Mückenberg stand, der konnte, so berichten die Einwohner von Obergraupen, die Kanonen von Königgrätz aufblitzen und die Flammen der brennenden Dörfer zum Himmel lohen sehen.

Doch nun genug der blutigen Erinnerungen! Wir nehmen Abschied von dem Mückenthürmchen, steigen gegen 500 Meter abwärts ins Land und treten ein in das hochgegiebelte Bergnest Graupen.

Wie heimlich sitzt es sich hier in den Schenkgärten der Rosenburg oder auf der Wilhelmshöhe, wo König Wilhelm IV. jahrzehntelang allsommerlich einkehrte, um Mensch unter Menschen zu sein. Mit seligem Behagen schweift das Auge immer und immer wieder über die reichgeformte Landschaft, und wenn erst der Abend hereinbricht und die zahlreichen Flammengarben der Industriestätten emporflackern, die tausend Lichter der Städte und Dörfer des Bielathales herüberschimmern und die vielen Eisenbahnzüge mit ihren Gluthaugen das Dunkel durchkreuzen, da füllt sich das Herz mit wohliger Genugthuung über die unverwüstliche Volkskraft in diesem merkwürdigen Lande, das so oft von Leidenschaften durchwühlt und von Kriegsvölkern zertreten worden ist.


  1. Abgedruckt in der „Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege“. XXIII, 1.
  2. Aus Herders „Stimmen der Völker in Liedern“
  3. Es ist noch heute zuweilen üblich, daß die Pflüger den Pflug umkehren und die stets blanke Unterfläche der Pflugschar als eine Art Tisch benutzen.



Blätter und Blüthen.


Ein Dichter „für Herz und Haus“. Wer kennt nicht den Herrn v. Miris der „Fliegenden Blätter“, den Sänger jener heiteren Lieder, die unter dem Titel „Von mir is’s“ gesammelt erschienen sind, den schalkhaften Verfasser der „Lustigen Naturgeschichte“ und der „Lustigen Botanik und Mineralogie“! Nur wenige aber werden wissen, daß hinter diesem Pseudonym und dem Humor, der unter solcher Flagge segelt, ein Dichter voll innigen Ernstes, voll ursprünglicher Poesie sich verbirgt – Franz Bonn, ein bayerischer Jurist, seit 1881 Präsident der Domänenkammer des Fürsten von Thurn und Taxis in Regensburg. Bonn hat sich seit langen Jahren – er ist am 30. Juli 1830 zu München geboren – mit Glück auch in der erzählenden und dramatischen Dichtung versucht, aber als Lyriker ist er erst in seinem letzten Werke (Regensburg, J. Habbel) hervorgetreten, indem er seine ernsten Gedichte zu einem Bande vereinigte, der die einfache bezeichnende Ueberschrift trägt: „Für Herz und Haus“. Es sind die alten vertrauten Stoffe deutscher Poesie, die er behandelt; Lenz und Liebe, Vaterland und eigenen Herd, Elternglück und Kindeslust besingt er in schlichtem Tone, in der ungekünstelten Sprache wirklichen dichterischen Empfindens, und überall tritt uns dabei jenes warmfühlende Herz entgegen, das der Verfasser schon früher, namentlich in seinen preisgekrönten „Goldenen Regeln und Sinnsprüchen für den Thierschutzverein“, gezeigt hat. Besonders das Kleine und Alltägliche ist es, was Bonn poetisch erfaßt und verklärt, an dem er sich als einen rechten Dichter „für Herz und Haus“ beweist. Als Probe möge hier das Gedicht „Der alte Regenschirm“ folgen:

Seht ihr den alten Mann dort langsam geh’n,
Den Regenschirm im Arm? – Ob hell und rein
Der blaue Himmel auch, voll Sonnenschein,
Ihr werdet niemals ohne Schirm ihn seh’n.

[260]

Und doch – wär’s schade, wenn den alten Flaus,
Den Filzhut, der von Alter grün und Staub,
Ein Regen träf’?! Doch fürchtet er’s. Ich glaub’,
Er ginge ohne Schirm nicht aus dem Haus.

Und ist’s ein Schirm, was er da traget, noch?
Ein alt Gestell, geflickt und halb zerfetzt
Hängt dran der Zeug, vom Tragen abgewetzt,
Fürwahr ein schlechter Schutz! ’s ist Loch an Loch!

Und doch, er trägt ihn stets. O wüßtet ihr,
Wie werth der alte Regenschirm ihm ist!
Ach, unter ihm hat er sein Lieb geküßt,
Es sind nun sicher fünfzig Jahre schier.

Wie oft schlich er, von diesem Schirm gedeckt,
Sich an ihr Haus, und mit ihr Hand in Hand,
Vom großen sichern Dache überspannt,
Hat Kuß und Glück er vor der Welt versteckt.

Er trug den Schirm an jenem Tag bei sich,
Da man begraben einst sein holdes Lieb.
Er stand ganz fern – verstohlen wie ein Dieb
Weint unter seinem Schirm er bitterlich.

Und vor der Welt hat ihn der Schirm verhüllt,
Wenn er in seines Lebens bitt’rer Noth
Sich oft gekauft für einen Kreuzer Brot,
Als Mittagsmahl, das kaum den Hunger stillt.

Es ist der Schirm sein Freund – sein bester Halt,
Der Einzige, der niemals ihn betrog,
Ihn nie verließ und niemals ihn belog –
Sie wurden beide miteinander alt.

Morsch das Gestell, schadhaft der Ueberzug!
Was kümmert beide Licht und Sonnenschein?!
Bald wird der Himmel wieder trübe sein,
Zum Regnen giebt’s – zum Weinen Grund genug!


Eine Fischauktion. (Zu dem Bilde S. 249.) Der Künstler fuhrt uns in die Fischhalle einer großen französischen Stadt und versetzt uns in eine höchst charakteristische und lebendige Scene, in eine Fischauktion. In den letzten Tagen hat an den Küsten ein heftiger Nordweststurm gewüthet, der Unheil genug anrichtete, aber auch für die nächste Zeit einen guten Fang verhieß. Sobald sich daher der Aufruhr legte, sind die Fischer mit ihren Booten hinausgeeilt. Und der „Segen des Meeres“ war reich, fast uberreich; schwer beladen kehren die Fahrzeuge zurück. Sie brauchen nicht weit zu segeln, schon vor der Flußmündung treffen sie einige „Fischdampfer“, deren Aufgabe es ist, den Fischerbooten ihre zarte, leichtverderbende Beute abzunehmen und rasch auf den Markt der nächsten großen Hafenstadt zu bringen, während die Fischer selber ihren Bug sofort wieder nach See wenden, um einen neuen Fang vorzubereiten.

In der Stadt wartet man bereits auf die frische silberschuppige Ware, auf die köstliche Seezunge, den edlen Steinbutt, die zarte Makrele wie auf die in Massen auftretenden Sippen der Kabeljaus, Schellfische, Häringe etc., die für wenige Sous eine vortreffliche, für eine große Familie ausreichende Mahlzeit liefern.

Da nun besonders nach einem Sturme im Atlantischen Ocean und im „Kanal“ das Angebot auf dem Fischmarkt so groß zu sein pflegt, daß die Händler befürchten müssen, der größte Theil der appetitlichen Meeresbewohner könne dem schnellen Verderben anheimfallen, so wird rasch eine Auktion veranstaltet, zu der sich nicht nur, wie in Deutschland bei ähnlicher Gelegenheit, die Gasthofbesitzer und Kleinhändler einfinden, sondern auch die Köchinnen guter Häuser, praktische Hausfrauen, die hier für geringes Geld etwas Gutes erstehen können.

Prächtige, lebenswahre Gestalten zeigt uns der Künstler bei dieser Gelegenheit. Der alte Mann mit den scharf geschnittenen Zügen, der einen Korb voll Makrelen mit Kennerblicken mustert, die hübsche junge Frau, welche in resoluter Haltung wartet, bis ihre Ware dran kommt, die bei ihren Fischen sanft entschlummerte Alte sind echte Gestalten eines französischen Fischmarktes; und nicht minder ist das der Auktionator selber, der, auf einem Tischchen stehend, eben auf einen tüchtigen Rochen bieten läßt, welcher vor ihm auf dem feuchten kühlen Estrich liegt.

Der Rochen, dieses häßlichste aller Meerthiere, das wir in Deutschland kaum zu sehen bekommen, ist auf den französischen und englischen Fischmärkten eine gewöhnliche Erscheinung; wir erkennen es auf unserem Bilde an dem platten, fast kreisrunden Körper, der mit einem langen schmalen, mit Stacheln besetzten Schwanze geschmückt ist. Kaum ein anderer Fisch, den Häring ausgenommen, gestattet so mannigfache Zubereitung, und da sein Fleisch zudem sehr wohlschmeckend ist, so ist er bei reich und arm heliebt.

Es sei mir hier gestattet, den Hausfrauen gleich ein Rezept mitzutheilen, welches eine liebenswürdige Französin mir anvertraut hat. Es betrifft den frischen Häring, der auch an den deutschen Küsten massenhaft gefangen und auf den Hauptmärkten zu lächerllch billigen Preisen angeboten wird, aber leider viel zu geringe Beachtung findet, weil man nicht recht versteht, ihn zuzubereiten.

Die frischen Häringe werden ausgenommen, gewaschen, von den Köpfen befreit und mit dem Rücken nach unten nebeneinander in einen Fischkessel gelegt, dessen Boden mit Zwiebelscheiben, Lorbeerblättern, Citronenscheiben und Pfefferkörnern zu belegen ist. Ueber die Fische gießt man kaltes Wasser, das durch einen tüchtigen Guß Essig stark säuerlich gemacht und mit dem nöthigen Salz versehen ist. Man läßt die Häringe langsam zum Sieden kommen, aber nicht völlig kochen, rückt sie vom Feuer, nimmt sie vorsichtig heraus, legt sie in eine Porzellanschüssel und gießt die heiße Brühe sammt den Gewürzen darüber. Erkaltet, sind die Fische von herrlichem, zartem Geschmack und finden namentlich bei Herren weit größeren Beifall als die theueren „Delikateßhäringe“ in Büchsen. H. P.     

Die Flucht der Vestalinnen aus Rom. (Zu dem Bilde S. 244 u. 245.) Der Maler Hektor Le Roux, der Bruder des Genremalers Eugen Le Roux, sucht sich die Stoffe für seine Gemälde mit Vorliebe aus dem altgriechischen und altrömischen Leben, und ganz besonders gerne greift er düstere, schicksalsschwere Augenblicke heraus. So auch auf dem Bilde, das wir in unserer heutigen Nummer wiedergeben. Die Vestalinnen, jenes vornehme römische Frauenkollegium, welches das Heilige Feuer zu unterhalten und das „Palladium“, ein altehrwürdiges Holzbild der Minerva, zu behüten hatte, müssen fliehen von der Stätte ihres geweihten Kultus, weil der Feind sie bedroht. Sie haben sich auf Boote gerettet und fahren den Tiber hinab – nicht ohne ihre kostbaren Schätze, das Heilige Feuer und das alte Götterbild, mit sich zu nehmen. Düster lastet der Himmel über der Landschaft, düster schauen die Jungfrauen in die Zukunft, soweit nicht Gram und Erschöpfung sie in Schlaf gesenkt haben, Auf diese tiefernste Stimmung hat gewiß auch der Maler den Hauptnachdruck bei seinem Bilde gelegt, sie sichert ihm den Eindruck auf das Gemüth des Beschauers. Denn Le Roux’ Darstellung hält wohl vor einer künstlerischen Prüfung stand, dem Historiker und Archäologen aber giebt sie manchen Grund zu Fragen und zu Zweifeln.


KLEINER BRIEFKASTEN.


Fr. St. in Eßlingen. Das ist allerdings ein ganz respektabler Krebs. Noch größere Krebse will man freilich früher gesehen haben. In der Kosmographie des Sebastian Münster, welche erstmals 1544 erschien und nachher viele Auflagen erlebte, finden sich auf einem Holzschnitte, der das Meer mit allen möglichen und unmöglichen Thieren bevölkert darstellt, auch Krebse, die mindestens die Größe eines Walfisches gehabt haben müssen. Etwas kleiner, aber immerhin noch ein Riesenkerl, war der Krebs, von welchem in der Beschreibung der Reise zweier württembergischer Fürsten nach Berlin vom Jahre 1613 die Rede ist. Bei dem Städtchen Neustadt bei Koburg berichtet dieselbe: „Im Wirthhaus ist ein großer Krebs auf eine Tafel gemalt, 5 Spannen lang, jede Scheer zwei Spannen, hat gewogen 54 Pfund. Ist gefangen zu Treumünda (Travemünde) 2 Meilen von Lübeck Anno 1602 und Herzog Johann Kasimir (von Koburg) verehrt worden.“ Jedenfalls hat die Phantasie des Herstellers der Tafel den Krebs, der wirklich gefangen wurde und wohl ganz besonders groß war, noch gehörig auswachsen lassen, so daß er nach dem Tode Maße annahm. welche er zu Lebzeiten nie erreicht hätte.

Fr. B. in Bergen. Am meisten Arme, d. h. in öffentlicher Unterstützung stehende Personen, hat im Verhältniß zu seiner Bevölkerungszahl der Ortsarmenverband Posen, wo beinahe 11 Arme auf 100 Einwohner kommen. Im großen und ganzen haben die großen Städte verhältnißmäßig höhere Armenziffern als die kleinen. In Berlin z. B. kommen auf 100 Einwohner 6,12, in Königsberg 8,36, in Frankfurt a. M. 8,36 Unterstützte. Andererseits zählte das kleine Wismar mit seinen 15000 Einwohnern nach der Statistik von 1885 nicht weniger als 8,6 Arme auf 100 Bewohner. Wir entnehmen diese Angaben dem „Ersten Jahressupplement“ von Meyers Konversationslexikon (Leipzig, Bibliographisches Institut); dort finden Sie genaueren Aufschluß über die neuere deutsche Armenstatistik.

Th. B. in Brooklyn. An und für sich geschieht ja in dem Hervorziehen geschichtlicher Gedenktage jetzt vielfach des Guten zu viel. Immerhin aber mag diese Sitte weiter gepflegt werden, denn sie wird doch manchmal eine vergessene Größe oder ein vergessenes Verdienst wieder in Erinnerung bringen. Den litterarischen Hilfsmitteln zur Auffindung solcher Gedenktage hat sich im vorigen Jahre ein weiteres hinzugesellt, Karl Wörles Geschichtskalender (Leipzig, Abel und Müller), ein Buch von handlichem Umfang und sachgemäßer Anordnung. Ueber die Auswahl der einzelnen Ereignisse, welche der Verfasser in seine Liste aufgenommen hat, wird man z. Th. abweichender Ansicht sein können. Doch thut das dem Werthe des Werkes keinen Abbruch. Es wird auch Ihnen für Ihre Zwecke gute Dienste leisten.



Inhalt: [ Verzeichnis des Inhaltes von Heft 15/1893 - z. Zt. nicht transkribiert. ]




[ Folgt Verlagswerbung von J. G. Cotta für Werke von WIdmann, Fulda und Anzengruber
wird derzeit nicht transkribiert.]




Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner. Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig. Druck von A. Wiede in Leipzig.