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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1874) 219.jpg
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[219]

No. 14.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Die zweite Frau.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Von E. Marlitt.


(Fortsetzung.)


Diese ausdrucksvoll verächtliche Geberde Mainau’s war nicht zu ertragen – der Hofprediger erhob sich mit hervorbrechendem Ungestüm, aber der alte Herr umklammerte mit beiden Händen seinen Arm und versuchte, ihn wieder an seine Seite niederzuziehen.

„Raoul, ich begreife Dich nicht! Wie kannst Du den Hofprediger so beleidigen, und noch dazu in Gegenwart Ihrer Hoheit, der Frau Herzogin?“ rief er mit halberstickter Stimme.

„Beleidigen? … Habe ich denn von gefälschten Wechseln oder dergleichen gesprochen? … Ich frage Dich selbst: lehrt der orthodoxe Theologe die Dinge, wie sie sind? Muß er nicht Vieles – das so sonnenklar ist, wie der Satz, daß zweimal zwei vier ist, und in alle Ewigkeit bleiben wird – hartnäckig verneinen, wenn er auf seiner Basis bleiben will? Läßt er nicht Weltenkörper unverrückbar feststehen, die nach des ewigen Schöpfers Willen und Gesetzen gehen müssen? Läßt er nicht Weltereignisse, die durch den kraftvollen Geist und Willen Einzelner und das Gesammtwirken von Völkerschaften nothwendig heraufbeschworen werden, durch übersinnliche gute und böse Dämonen bewerkstelligen? Stellt er nicht den heiligen Hokuspokus der Bittgänge und Wallfahrten über alle Wirksamkeit des denkenden Arztes, über die vom Allerschaffer uns verliehenen heilsamen Mittel, ja, über Gottes Weisheit selbst, dem er eine Veränderung seiner ewigen Maßregeln abzuzwingen vorgiebt?“ –

Der Hofmarschall schlug sprachlos die Hände zusammen und sank in seinen Stuhl zurück. „Um Gotteswillen, Raoul, ich habe Dich noch nie in der Weise vorgehen sehen.“

„Ach ja“ – versetzte Mainau die Achseln zuckend – „Du hast Recht; ich habe mich eigentlich nie in diese Dinge gemischt. Man ärgert sich nur über die schwachen Argumente und Waffen des Gegners, der in der Bedrängniß hinter seinen Schild mit der Devise ‚Bei Gott ist kein Ding unmöglich‘ – im Siegesbewußtsein flüchtet; und schließlich, wer läßt sich wohl gern die schwarzen Wespen um die Ohren summen, wenn er Gottes schöne Welt liebt und sie – genießen will? … Aus dieser Friedfertigkeit bin ich nur ein wenig aufgerüttelt worden durch das Hexenvernichtungsproject im indischen Garten, das meinem Kind um ein Haar das Augenlicht gekostet hätte. Ich hege Mißtrauen gegen den Religionsunterricht, bei welchem derartiges Unkraut so lustig fortgedeihen kann, und meine, mit der Radicalcur müsse man schleunigst bei den jungen Köpfen anfangen, denn die alten, die noch zu vielen Tausenden die schöne Erde verderben sind doch nicht mehr zu bessern.“

„Wie ungerecht, Baron Mainau! so denken Sie in Wirklichkeit über die heilige Einfalt?“ rief die bigotte Hofdame, die nicht länger an sich zu halten vermochte. „Haben Sie nicht neulich selbst gesagt, daß Sie dieselbe an den Frauen lieben?“

„Das sage ich heute noch, meine Gnädige,“ entgegnete er, in seinen leicht frivolen Ton verfallend. „Eine schöne, glatte, weiße Stirne unter seidenem Lockenhaar, die nicht grübelt, ein süßer, rother Mund, der harmlos plaudert – wie bequem für uns! … O ja, ich liebe diese Frauen, aber ich – bevorzuge sie nicht.“

„Und wenn das seidene Lockenhaar erbleicht und dem süßen, rothen Mund das kindlich ausdruckslose Lächeln nicht wohl mehr anstehen will, dann legt man das Spielzeug in die Ecke – wie, Baron Mainau?“ fragte die Herzogin scharf – sie ließ mit nachlässiger Grazie die Reitgerte figurenzeichnend über die Tischplatte hingleiten, wobei die brillantenen Tigeraugen farbige Blitze umherschleuderten.

„Wollen es diese Frauen anders, Hoheit?“ fragte Mainau kalt lächelnd zurück.

„Ei, da wird man schleunigst sein Latein, seine botanischen und chemischen Studien, mit denen man in der Backfischzeit wahrhaft gepeinigt worden ist, hervorsuchen müssen,“ lachte die fürstliche Frau hart auf. „Man sagt mir nach, daß ich rasch und leicht auffasse – vielleicht hat sich auch mit den Jahren der innere Trieb eingestellt – es käme auf einen Versuch an. … Was meinen Sie dazu, Baron Mainau, wenn ich Sie bei Ihrer Rückkehr aus dem Orient mit einer lateinischen Anrede begrüßen und dann in mein Laboratorium führen würde, um Sie mit allen möglichen gelehrten Experimenten zu regaliren?“

„Hu, ein Blaustrumpf in salopper Toilette, mit ungeordnetem Haar!“ rief Mainau in ihr Spottgelächter einstimmend. „Hoheit, diese Antipathie wurzelt unausrottbar in meiner Seele – ich bilde mir aber plötzlich ein, es könnte Frauengeister geben, die mit einigem Verständniß den Spuren der Natur nachzugehen und deren Wunder, gleich den Männern, aufzuschließen suchen, die bei klarem Blick den unüberwindlichen Trieb haben, selbstständig, ohne das Gängelband der Tradition, zu denken und den Erscheinungen und Dingen auf unserem Planeten bis auf den Grund zu folgen – wobei sie diesen Trieb jedoch erst in [220] zweiter Linie berücksichtigen, indem sie sich sagen, daß das Behüten der heiligen Herdflamme, das Zusammenhalten ‚des Hauses‘ mit weichen, linden, und doch starken Armen ihre Hauptlebensaufgabe sei.“

„Mein bester Baron Mainau, vielleicht findet sich ein großer Künstler, der Ihnen eine solche Frau – malt,“ rief die Hofdame, in ein spöttisches Kichern ausbrechend, während sich die Herzogin mit einer ungestümen Geberde erhob.

Liane hatte in dem Moment, wo Mainau und der Hofprediger so hart und ingrimmig aneinander geriethen, die Arme um Leo’s Schultern gelegt und war mit ihm in die entfernteste Fensternische getreten. Die Wetterwolken draußen entluden sich in einem prasselnden Regen, der breitströmend an den Scheiben niederklatschte. In einem dicken, grauen Dampf gleichsam versunken, bogen und neigten sich schattenhaft, wie Gespenster, die, an Ort und Stelle gebannt, zu fliehen versuchen, drüben die Baumwipfel unter dem zerzausenden Sturm, und auf den Rasenflächen standen bleifarbene Teiche. Durch die niederstürzenden, erlösenden Wassermassen zuckte längst kein Blitz mehr; aber dort am Tische, dem die junge Frau den Rücken kehrte, war es beängstigend gewitterhaft – lehnte sich doch plötzlich der seltsame Mann unerwartet gegen die leise, aber fest gehandhabte Bevormundung auf, die er bisher stillschweigend ignorirt, weil er – in seinem Lebensgenuß nicht gestört sein wollte – ja, er ging noch weiter, er verwarf frühere Ansichten; war das dieselbe Caprice, in Folge deren er die Verheirathung mit der protestantischen, vermögenslosen Frau durchgesetzt hatte, oder ein wirklicher innerer Umschwung?

Die junge Frau wandte sich nicht um – auch nicht, als sie die Stühle heftig rücken und den Hofprediger mit seinen festen, majestätischen Schritten nach der Glasthür zu gehen hörte – gleich darauf trat Mainau an den Schreibtisch und stieß hörbar den Kasten zu. Fast in demselben Moment rauschte eine Schleppe; ein süßer Jonquillenduft – das Lieblingsparfüm der Herzogin – flog in die Nische, und plötzlich legte sich ein Arm um die weiche Taille der jungen Frau. „Sie haben eine verführerische Gestalt, schöne Frau,“ zischelte ihr die Herzogin in das Ohr; „aber bemühen Sie sich nicht – ich nehme es mit diesen weichen, linden und doch starken Armen auf – Sie müssen unterliegen – Sie scheitern an der unerbittlich festgehaltenen Reise.“

Die Lippen, die das aussprachen, waren weiß wie Schnee und zogen sich krampfhaft nach innen – ein furchterweckendes Medusengesicht, das die erschrockene junge Frau in der That förmlich versteinerte.

„Lasse meine Mama gehen – Du thust ihr ja weh,“ rief Leo, indem er sich zwischen die beiden Damen drängte; aber schon trat die Herzogin zurück.

„Ei behüte, mein kleiner Mann, wie könnte ich das wohl über das Herz bringen!“ scherzte sie heiter auflachend und trat vor den Spiegel im Hintergrunde des Saales, um sich den Hut tiefer in die Stirn zu rücken und die in der hereinströmenden schweren Regenluft sich auflösenden Locken höher zu stecken; die Hofdame eilte herbei, ihr zu helfen.

Währenddem verließ Liane die Fensternische und kam in Mainau’s Nähe – noch schlugen ihre Pulse heftig in Folge des Schreckens. „Lasse Dich nie wieder von der Frau berühren – ich will es nicht haben,“ gebot er finster mit unterdrückter Stimme, so daß nur sie es hören konnte und unwillkürlich stehen blieb.

„Himmel, was für ein Wetter! – Wie fatal! Mein Arminius wird in Schönwerth übernachten müssen,“ rief die Herzogin in demselben Moment – sie stand zwar mit dem Rücken nach dem Saale, aber ihre großen Augen funkelten aus dem Spiegel herüber. „Wollen Sie die große Güte haben, mich heimfahren zu lassen, Baron Mainau? – Ich muß zurück – es ist schon fast zu spät.“

Mainau erbot sich, sie selbst zu fahren, da er die unbändigen Apfelschimmel anderen Händen nicht überlassen dürfe, und ging hinaus, um Befehl zu geben und im Vorbeigehen dem angekommenen Hofmeister einige begrüßende Worte zu sagen.

Als sei nichts vorgefallen, setzte sich die Herzogin noch einmal neben den Hofmarschall, der sich in ein grimmiges Schweigen gehüllt hatte, und plauderte, auch den Hofprediger in das Gespräch ziehend, unbefangen über alltägliche Dinge, bis Mainau im Regenmantel zurückkehrte, die Apfelschimmel schnaubend drunten an der Freitreppe hielten, und zwei Lakaien mit aufgespannten Schirmen sich draußen vor der Glasthür postirten.

„Wollen Sie mitkommen?“ fragte sie den Hofprediger.

Er entschuldigte sich mit einer Schachpartie, die er dem Hofmarschall für die späten Abendstunden zugesagt habe, und wich ruhig zurück, als Mainau neben ihm unsanft und klirrend die Glasthür aufriß.

Die schöne Fürstin schwebte verbindlich grüßend an Mainau’s Arme hinaus, und ächzend kehrte der Hofmarschall an seinen Stuhl zurück. „Bitte, schließen Sie die Thür, Herr Hofprediger!“ sagte er mürrisch und sank in die Polster. „Sie hätten sie vorhin nicht aufmachen sollen, liebster Freund – ich wagte nicht zu protestiren, weil es auch Ihre Hoheit zu wünschen schien – aber diese miserable Luft schlug mir wie Blei in die Beine; morgen bin ich todtkrank – dazu der furchtbare Aerger, der Grimm, der mir die Kehle noch zuschnürt. … Bitte, fahren Sie mich in mein warmes Schlafzimmer; dort will ich mich sammeln und warten, bis hier der Kamin geheizt ist – es ist bitter kalt geworden. … Allons, Leo, Du gehst mit mir!“ rief er dem Knaben zu, der sich an die junge Frau schmiegte.

„Ich möchte gern bei der Mama bleiben – sie ist so allein, Großpapa,“ sagte das Kind.

Die Mama ist nie allein – sie empfängt ‚die Naturgeister‘ und braucht uns nicht,“ versetzte der alte Herr malitiös. „Komm nur hierher!“ Er griff nach der widerstrebenden Hand des Knaben und zog ihn mit sich, während der Hofprediger den Rollstuhl zur Thür hinausschob.




20.


Die junge Frau trat wieder in das Fenster. Eben verbrauste das letzte Rollen des fortfahrenden Wagens – jetzt fuhr sie, in die weißen Atlaskissen geschmiegt, mit den Apfelschimmeln durch den Wald – die Frau mit dem schönen Medusengesichte, die ihn liebte mit verzehrender Gluth, die ihre fürstliche Hoheit vergaß, ihren berüchtigten Hochmuth abwarf, und in seiner Nähe nichts war, als das leidenschaftlich anbetende Weib voll glühender Eifersucht. … Warum hatte er das junge Mädchen aus Rudisdorf an seine Seite geholt? Warum hatte er nicht am Fürstenhofe gefreit? Er wäre mit offenen Armen empfangen worden und hätte glücklich werden können mit ihr, die ihm ja durchaus nicht gleichgültig war – die Begegnung im Walde am Hochzeitstage tauchte in grellen Farben vor der jungen Frau auf – da lag ein Geheimniß. „Sie scheitern an der unerbittlich festgehaltenen Reise,“ hatte ihr die Herzogin zugeflüstert – noch fühlte sie den heißen Athem der Frau an Hals und Ohr – welche Bemühung sollte denn scheitern? Sie hatte Alles aufgeboten, ihre Pflichten zu erfüllen, aber – Gott sei Dank – ihr Stolz war ihr treu geblieben; sie hatte nie auch nur einen Finger gerührt, um Mainau’s Liebe zu erringen – darin irrte sich die Frau Herzogin; aber sie hatte Recht mit ihrer Behauptung, daß die Reise das lose geknüpfte Band vollständig lösen werde, selbst wenn Liane ihren Entschluß fortzugehen nicht mehr ausführen wollte. … Es war doch niederschlagend! Wenn er nach Jahr und Tag zurückkehrte, dann wußte Niemand mehr, daß einmal eine Gräfin Trachenberg nach Schönwerth geschleppt worden war, um dort eine Reihe unglücklicher Tage voll Prüfung und Anfechtungen zu verleben; er selbst hatte draußen die unerquickliche Erinnerung abgeschüttelt und kam, um endlich die schöne Hand zu ergreifen, die sich ihm in gebührender Sehnsucht entgegenstreckte.

Unwillkürlich fuhr die junge Frau mit der krampfhaft geballten Hand nach dem Herzen – was quälte sie plötzlich für ein unerklärliches Weh? War es denn so schrecklich, verstoßen zu werden um einer Anderen willen? … Sie dachte an den Moment, wo er ihr verboten hatte, sich von der Herzogin berühren zu lassen – was war da sein Motiv gewesen? Doch nur die Eifersucht – er gönnte ihr, seiner Frau, diese Gunstbezeigung nicht. … Sie vergrub das Gesicht in den Händen – was für eine erbärmliche Schwäche überkam sie! …

Langsam verließ sie das Fenster, um sich in ihre Zimmer zurückzuziehen. Sie ging an dem Schreibtische vorüber und blieb [221] plötzlich wie festgewurzelt stehen – an dem Kasten steckte noch der Schlüssel; Mainau hatte vergessen, ihn abzuziehen, und dem Hofmarschall war es „in seinem furchtbaren Aerger und Grimm“ nicht eingefallen, ihn zurückzufordern. … Das Herz der jungen Frau klopfte heftig – da drin lag das Papier, an welchem Gabriel’s Schicksal hing – nur einmal mochte sie es herausnehmen; sie wußte, daß man solche Documente ganz anders prüfen müsse, als mit dem bloßen Auge. Aber „der Raritätenkasten“ mußte aufgezogen werden; er war fremdes Eigenthum und den Schlüssel hatte man aus Versehen stecken lassen. … War es nicht unehrlich, das Papier herauszunehmen? Nein, sie legte es ja unverletzt wieder an Ort und Stelle, und es zu prüfen, hatte ihr Mainau selbst zur Pflicht gemacht und zu dem Zwecke die Papierrolle dem Hofmarschalle abverlangt. Sie zog rasch entschlossen den Kasten auf – das verhängnißvolle rosenfarbene Billet ihrer Mutter lag vor ihr – wie von einer Viper gestochen, wich ihre Hand zurück, als sie es zufällig berührte – sie griff nach dem obersten, offen daliegenden Blatt – es war das, welches sie suchte.

Athemlos flog sie, das Papier in der Tasche, hinunter in ihre Appartements, und nach wenigen Minuten lag es unter dem Mikroskop, dem treuen Gehülfen bei ihren Studien. … Unwillkürlich prallte sie zurück und schauerte in sich zusammen – da unter dem unerbittlichen Glas lag sonnenklar und erwiesen ein scheußlicher Betrug. Jeder sorgsam ausgeführte Buchstabe war vorher mit Bleistift vorgezeichnet gewesen – was man mit bloßem Auge nicht zu entdecken vermochte, hier trat es als breiter Schatten fast bei allen diesen so ungezwungen scheinenden Zügen neben dem festen Tintenstrich heraus, und da, wo die Tinte selbst dünner aufgetragen war, schimmerte die Linie des Bleistiftes klar durch. … Es war eine mühevolle Arbeit gewesen – der Fälscher hatte die einzelne Buchstaben aus vorhandenen Schriftstücken zusammensuchen müssen, um sie zu den Worten, die er zu schreiben wünschte, zusammenzusetzen. … Wer aber hatte das gethan? Und wozu? Der Zettel war ohne gerichtliche Zeugen geschrieben – man hatte mithin nur gefälscht, um einen moralische Zwang auf eine wichtige Stimme auszuüben, die in der Angelegenheit mitsprechen durfte, und das – war Mainau; er hatte ihr ja selbst gesagt, daß er anfänglich zu Gunsten des Knaben aufgetreten sei. … Handelte es sich hier einzig um Geld und Gut, oder wirkte auch der religiöse Fanatismus mit? … Da stand ja auch: „Die Frau aber soll und muß die heilige Taufe empfangen, zur Rettung ihrer Seele –“

Die junge Frau warf sich auf das Ruhebett – ihre Pulse schlugen heftig, und durch die Glieder lief ein nervöses Zittern – sie mußte erst ruhiger werden – in dieser Aufregung durfte sie Niemand begegnen. … Mainau war doch eine edle Natur – um seinen gerechten Widerspruch zu beugen, mußte man zum Betruge greifen; die Verführung zu einem wirklichen Unrecht durfte es nicht wagen, ohne geschlossenes Visir an ihn heranzutreten. Das Papier mußte vorläufig an seine Stelle zurück – sie konnte mit dieser Enthüllung nur wirken, wenn sie es vor seinen Augen aus dem Schubfach nahm – ihre Mundwinkel zuckten schmerzlich – er hätte jedenfalls weit eher sie, die neu Eingetretene und Mißtrauische verdächtigt, als es für möglich gehalten, daß in seinem Schönwerth, diesem Sitz der Ehrenhaftigkeit und Sittenstrenge, solche Dinge vorgehen könnten. … Erfahren aber mußte er die Thatsache – es galt, Gabriel zu retten.

Leise huschte sie in den Saal zurück. Man hatte unterdessen den Kamin geheizt. Die schweren Damastvorhänge fielen zugezogen an den hohen Fensternischen nieder, und vor der Glasthür lagen festschließende Eichenholzflügel. Nur als schwaches, eintöniges Murmeln drang das unermüdliche Rauschen und Gießen des Regens herein. Der Theetisch war bereits vorgerichtet, und die große Kugellampe unter wohlthätig grünem Schleier brannte inmitten der weißgedeckten Tischplatte – sie erhellte dürftig den weiten Raum – dunkel, in unförmlichen Gruppen, standen die Polstermöbel an den fernen Wänden, in die Ecken aber drangen nicht einmal die ungewissen Ausläufer des smaragdgrünen Lichtes, und nur vor dem Kamin breitete sich behaglich der volle, gelbe Schein der brennenden Scheite über das glänzende Parquet.

Die junge Frau sah sich scheu um – es war Niemand da. Beruhigt trat sie an den Schreibtisch, zog den Kasten auf, und in ihm selbst die Rolle sorgfältig wieder zurechtschiebend und auseinanderfaltend legte sie den Zettel hinein – in diesem Augenblick wurde ihre Hand erfaßt und gleichsam bei der That im Schubfach selbst festgehalten – sie war nicht einmal fähig, aufzuschreien, das Blut trat ihr im entsetzten Schrecken so rasend schnell nach dem Herzen, daß sie zu sterben meinte – halb zusammenbrechend, sah sie mit versagenden Blicken in das Gesicht – des Hofpredigers. Er erfing sie in seinem Arm, und die hülflose Gestalt an seine Brust drückend, zog er wiederholt die Hand, die er noch festhielt, an seine brennenden Lippen.

„Fassen Sie sich, theure Frau! Ich habe es allein gesehen – es ist Niemand außer mir im Salon,“ flüsterte er in weichen, tröstenden Tönen.

Diese Stimme gab ihr sofort die Besinnung zurück. Sie riß sich los und schleuderte seine Hand von sich. „Was haben Sie gesehen?“ fragte sie mit wankender, klangloser Stimme; aber ihre schöne Gestalt reckte sich empor in stolzer Haltung. „Enthalten diese Schubfächer Gold- und Silberwerth? … Habe ich – stehlen wollen?“

„Wie könnte ich hinter dieser königlichen Stirn einen solchen Gedanken vermuthen! – Eher[WS 1] würde ich das Andenken meiner – Mutter mit einem so häßlichen Verdachte beflecken als Ihre himmlisch reine Seele – Glauben Sie mir das! … Sie werden diesen Ausspruch freilich nicht begreifen können, denn eben durch die Kindesliebe getrieben stehen Sie hier. … Gnädige Frau, wer will es Ihnen verargen, wenn Sie den kleinen Brief, mit welchem man Sie peinigt und demüthigt, vernichten wollen?“ – Er nahm das Billet aus dem Kasten. – „Verbrennen wir diesen rosenfarbenen Zeugen der mütterlichen Verirrung gemeinschaftlich!“

Mit einem raschen Griffe entriß sie ihm den Brief und warf ihn an seine vorige Stelle. „Ist das nicht Diebstahl? Ist er an mich gerichtet?“ zürnte sie. „Er bleibt wo er ist. Mit einem Unrechte kann ich den Flecken vom Rufe meiner Mutter nicht wegwischen.“ Sie wich zurück und trat an die andere Ecke des Schreibtisches, als könne der Raum zwischen ihr und diesem Priester, der gewagt hatte, sie zu berühren, nicht weit genug sein. Der grüne Lampenschein fiel auf ihr lieblich edles Profil – es erschien steinern in seinem stolzen Ausdrucke wie eine Camee. … Er hatte aber versucht, ihr eine Schlinge um den Hals zu werfen; bei weniger Energie, ja nur bei einem augenblicklichen Schwanken der Bestürzung, wäre sie ihm rettungslos verfallen gewesen – er mußte erfahren, daß sie ihn durchschaue. „Wie können Sie die Stirn haben, mir die Hand zu einer lichtscheuen That bieten zu wollen?“

„Sie verkennen meine Motive absichtlich und stellen sich mir feindlich gegenüber, wo Sie können,“ sagte er mit schmerzlicher Bitterkeit – der Ton, in welchem er sprach, hatte etwas tief Leidenschaftliches; er war nicht gemacht, das mußte sie selbst zugeben; – „und doch haben Sie keinen treueren Freund auf Erden als mich.“

„Ich habe zwei Freunde – meine Geschwister – eine andere Freundschaft suche ich nicht,“ versetzte sie.

Er schlug bei dieser eisigkalten Zurückweisung die geballten Hände vor die Brust, als habe er einen Schuß empfangen – mit unheimlich glimmenden Augen trat er ihr einen Schritt näher. „Gnädige Frau, hier in Schönwerth sollten Sie nicht eine so stolze, verletzende Sprache führen,“ sagte er mit heiserer Stimme. „Hier, wo Sie wurzellos am Boden hängen, wo Sie der Spielball eines jeden Windhauches sind –“

„Gott sei Dank! vom Standpunkt meiner Grundsätze hat er mich nicht um eine Linie verdrängen können.“

„Was fragt die Welt nach diesem innern Halt, die Welt, die sich über Ihre schiefe Stellung hier im Hause, über das Motiv, in Folge dessen man Sie zur Frau von Mainau gemacht hat, lächelnd die demüthigendsten Dinge zuraunt!“

Sie wurde noch blässer als vorher. „Wozu sagen Sie mir das?“ fragte sie mit ungewisser Stimme. „Uebrigens kenne ich ‚die Motive‘, in Folge deren ich hier bin – ich soll Leo Mutter und dem verwaisten Hause Herrin sein – eine Stellung, die mein Frauengefühl in keiner Weise verletzt,“ fügte sie mit ungebeugter stolzer Haltung und kühler Ruhe hinzu.

Diese Gelassenheit erbitterte ihn sichtlich.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Wort in der Vorlage nicht erkennbar, ergänzt von hier und hier

[222] „Wohl – wären Sie es in Wirklichkeit gewesen!“ sagte er rasch. „Aber der Mangel einer Herrin ist in Schönwerth wohl selten empfunden worden. Die vorgerückten Jahre und die Respectabilität des Hofmarschalls machen eine dame d’honneur bei Festivitäten vollkommen überflüssig, und das Hauswesen versteht er ja zu controliren, wie kaum eine Frau; Leo aber soll die militärische Carrière machen – er wird Schönwerth und die mütterliche Obhut früh verlassen müssen – diese Motive sind schwerlich in Betracht gekommen; die Haupttriebfeder ist Rachedurst, glühender Rachedurst gewesen; ich weiß nicht, ob das Gefühl einer Frau auch unverletzt bleibt, wenn man ihr mittheilt, daß sie einzig und allein gewählt worden ist, um eine Andere zu züchtigen, um derselben ein entsetzliches Weh in einer Art und Weise zuzufügen, wie sie sich raffinirter und grausamer nicht denken läßt.“

Die großen, grauen Augen der jungen Frau starrten den Sprechenden wie entgeistert an; aber gerade dieses schmerzliche Verstummen, dieser Blick voll unverhüllten Schreckens ließen ihn hart und unerbittlich fortfahren: „Wer Baron Mainau kennt, der weiß, daß sein ganzes Thun und Wesen auf den Effect berechnet ist. Hören Sie, wie er hier zu Werke gegangen ist! Er hat in seinen Jünglingsjahren eine hochgestellte Dame leidenschaftlich geliebt, und sie hat diese Liebe ebenso glühend erwidert; durch ihre Angehörigen aber ist sie gezwungen worden, zu entsagen, um den höchsten Rang im Lande einzunehmen – Baron Mainau mag vielleicht nicht ganz im Unrechte sein, wenn er das strafbare Untreue nennt; in den Augen aller Eingeweihten aber war es ein furchtbares Hinopfern für Standespflichten. … Der Tod hat die Frau, die nie aufgehört, ihn zu lieben, wieder frei gemacht; der armen Dulderin in Hermelin und Purpur ist ein neues Morgenroth aufgegangen – sie hat all den schweren Fürstenglanz abwerfen wollen, um in der elften Stunde noch eine liebende und geliebte Gattin und glücklich zu werden – wem ist es je geglückt, die wahren Absichten, den Endpunkt des Handelns bei Baron Mainau zu berechnen? … Er hat ungezwungen, in liebenswürdigster Weise während der Trauerzeit mit der Dame verkehrt und sich wahrhaft teuflisch unbefangen gezeigt bis zu dem Moment, wo sie, glühend vor Liebe und seliger Hoffnung, seine Werbung um ihre Hand erwartet, und er ihr, angesichts des ganzen Hofes, kaltblütig seine Verlobung mit – Juliane, Gräfin von Trachenberg, anzeigt. – Das hat allerdings einen ungeheuren Effect gemacht – es war ein satanischer Triumph.“

Die junge Frau hatte die verschränkten Hände auf den hohen Aufsatz des Schreibtisches gelegt und preßte die Stirn darauf. Sie hätte sich am liebsten tief im Schooß der Erde vergraben mögen, um nur diese mitleidslose Stimme nicht mehr zu hören, die ihrem Familienstolze, ihrer weiblichen Würde und ihrem – ja, ihrem Herzen nie zu heilende Wunden schlug.

„Was nach dieser Komödie kommen mußte, das war ihm sehr gleichgültig,“ fuhr der Hofprediger in überstürzter Hast fort – es klang, als geize er mit jedem Augenblick, in welchem er dieser Frau endlich einmal allein, ohne Zeugen, gegenüberstand. „Für Pflichtgefühl hat ja die Seele dieses Mannes keinen Raum, wie er schon seiner ersten hinreißend liebenswürdigen, edlen Gemahlin gegenüber durch die rücksichtsloseste Vernachlässigung bewiesen“ – jetzt hob sie das Gesicht; er log, der Priester, edel war jene Frau nicht gewesen, die bei jedem Widerspruch mit den Füßen gestampft und mit Messern und Scheeren um sich geworfen hatte – „auch sie hat er einst an seine Seite gerissen, lediglich um der fürstlichen Dame zu beweisen, daß er sich aus ihrer Untreue nichts mache. … Gnädige Frau, sie war noch zu beneiden im Vergleich zu der Zweiten, die er seiner verletzten schrankenlosen Eitelkeit opfert – ihr stand der Vater zur Seite – die zweite Frau hat auch ihn gegen sich, ja, er ist ihr furchtbarster Feind. … Er weiß jetzt, daß die Einsegnung dieser verhaßten zweiten Ehe nichts als die Besiegelung eines unerhörten Racheactes gewesen ist, er weiß, daß die fürstliche Dame Alles aufbieten wird, doch noch zu siegen, und er ist ihr eifrigster Verbündeter – der Stammtafel der Mainau wird freilich der fürstliche Name mit dem Nimbus der Souverainetät einen beneidenswerthen Glanz verleihen –“

„Ich frage Sie nochmals: wozu sagen Sie mir das Alles?“ unterbrach sie ihn plötzlich – sie hatte ihre feste, hoheitsvolle Haltung wieder errungen. „Ich gehe ja freiwillig, wie sie Alle wissen – ich werde der Frau Herzogin und ihrem Verbündeten wenig Mühe machen – aber so lange ich den Namen Mainau nicht abgeschüttelt, so lange dulde ich nicht, daß der Mann, dem ich angetraut bin, vor meinen Ohren verunglimpft wird, mag er noch so schuldig sein. Ich bitte, das im Auge zu behalten, Hochwürden. … Uebrigens will ich nicht entscheiden, was schwerer zu verdammen ist, ob der Leichtsinn des Weltmannes, oder die Frivolität des Priesters, der, um jenen Frevel wissend, im erschütternden Gebet den Segen des Himmels auf das unwürdige Spiel herabfleht – der Eine zertritt Frauenherzen, ganz im Sinne der meisten seiner Standesgenossen, der Andere aber lästert Gott, indem er den Altar zur Bühne herabwürdigt, wo er als glücklich begabter Schauspieler agirt.“ – Sie sprach laut, heftig; sie vergaß alle Vorsicht, alle Selbstbeherrschung. „Dieses Schönwerth ist ein Abgrund, und zu Mainau’s Ehre sei es gesagt, er weiß es nicht – er geht unbewußt an finsteren Thaten vorüber, die gleichsam die Luft des Schlosses erfüllen; er ahnt nicht, daß die Documente, auf welche er sich im guten Glauben stützt, gefälscht sind –“ sie verstummte erschrocken; der Hofprediger fuhr mit einer so ausdrucksvollen Geberde empor, als gehe ihm plötzlich ein Licht auf – blitzschnell griff er in den Kasten, nahm das obenaufliegende Papier und hielt es prüfend in den Lampenschein.

„Sie meinen dieses Document, gnädige Frau? Die Gelehrte, die Denkerin hat es mikroskopisch untersucht und hat entdeckt –“

„Daß es mit Bleistift vorgeschrieben ist,“ sagte sie fest.

„Ganz recht, mit Bleistift ist jeder Buchstabe auf der Fensterscheibe nachgezeichnet und dann mit Tinte überzogen worden,“ bestätigte er vollkommen ruhig; „ich weiß das ganz genau, weiß auch, daß es eine mühevolle, nervenangreifende Arbeit gewesen ist, denn ich – ich selbst habe dieses Document verfaßt und geschrieben – o, nicht diesen Abscheu, gnädige Frau! Gilt es in Ihren Augen so gar nichts, rührt es Sie nicht, daß ich mich vor Ihnen demüthige und rückhaltslos bekenne? … Sie könnten getrost diese Hand berühren – nicht um Geld und Gut, nicht um irdische Macht und Ehren, sondern in Verwirklichung hoher Ideen hat sie gehandelt. … Hätte ich nicht ebenso erfolgreich diesem letzten Willen irgend eine Schenkung an Capitalien oder Grundbesitz zu Gunsten meines Ordens anfügen können? Baron Mainau glaubt an die Echtheit des Documentes; er würde auch eine solche Verfügung nicht angetastet haben – und der alte Herr, der Hofmarschall – nun, er hätte aus guten Gründen glauben müssen. Ein solcher Raub aber lag mir fern – ich wollte nur die zwei Seelen, die heidnische der Mutter für die Taufe, und die des Knaben für die Mission. … Unser Jahrhundert haßt und verfolgt diese selbstlose Hingebung einer glühenden Mannesseele an den Priesterberuf als Fanatismus – man bedenkt nicht, daß eiserne Bande, um einen Feuerkern gelegt, die Flammen zum Himmel lodern machen und –“

„Ketzer verbrennen,“ warf sie in eisigem Tone ein und wandte sich ab.

Er zerdrückte den Zettel in der geballten Hand. „Sie lodern nicht mehr,“ murmelte er mit erstickter Stimme – der Mann kämpfte schwer mit einem furchtbaren inneren Aufruhre. „Nicht das inbrünstigste Gebet, nicht die verzweifeltste Selbstkasteiung vermögen sie wieder anzufachen – mich verzehrt eine andere Gluth.“ – Er streckte ihr die Hand mit dem zerknitterten Papiere hin. „Gnädige Frau, Sie können mich der Fälschung anklagen – mit zwei Worten und diesem überführenden Documente können Sie Gabriel befreien, mich von meiner vielbeneideten Stellung herabstürzen und mir allen Einfluß, alle Macht rauben, die ich über Hochgestellte besitze – thun Sie es! Ich will stillhalten, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken – werfen Sie mich meinen zahlreichen Feinden hin – nur gestatten Sie, daß ich – wenn Sie Schönwerth verlassen haben werden – in Ihrer Nähe leben darf!“

Sie sah ihn mit großen Augen wie versteinert an – war er wahnwitzig? … Ihre schöne Gestalt wuchs gleichsam vor ihm empor. „Sie vergessen, Hochwürden, daß mein Bruder als Patronatsherr von Rudisdorf die Pfarrerstelle nur an protestantische Geistliche vergeben darf,“ sagte sie mit leichtbebender Stimme, aber kaltlächelnd über die Schulter zurück.


(Fortsetzung folgt.)


[223]
Frauen der französischen Revolution.
Von Rudolf Gottschall.
1. Madame Tallien.
Die Gartenlaube (1874) b 223.jpg

Madame Tallien.
Nach einem altfranzösischen Kupferstich.

Eine große Zeit, die alle Kräfte des Handels und Duldens entfaltet, läßt auch die Frauen mehr in den Vordergrund treten. So geschah es vor Allem in der französischen Revolution, in welcher einige von ihnen eine hervorragende Rolle spielten. Mitten in dem Kampfe auf Leben und Tod, in dem die Parteien sich befehdeten, mitten in den Gräueln der Schreckensherrschaft sehen wir die Schönheit und den Geist hochbegabter Frauen sich licht abheben von dem dunkeln Hintergrunde. Es lebte in ihnen etwas, was an die schöne Griechin Aspasia erinnerte; aber die krampfhaften Zuckungen der Zeit ließen ihr innerstes Wesen nicht zu voller Geltung kommen. Alles drängte zur That – und so wurden Frauen zu Heldinnen, welche von der Natur für die Kreise schöner Weiblichkeit bestimmt waren. Manche von ihnen theilten das Loos jener Marie Antoinette, welche in der ersten Epoche der Revolution eine so bedeutsame Rolle spielte; sie verfielen dem Beile der Guillotine; Andere retteten sich in eine ruhigere Zeit hinüber – den Salon einer Roland verschüttete der Krater der Revolution; der Salon einer Tallien war das erste Asyl einer feineren Bildung nach den Schrecknissen des Sansculottenthums.

[224] Madame Tallien – welch ein abenteuerliches Leben hat sie geführt! Unter wie vielen Namen ist diese erste Schönheit der Revolution, deren Zauber sich Niemand zu entziehen vermochte, in den Jahrbüchern der Geschichte verzeichnet: Theresa de Cabarrus, Madame de Fontenay, Madame Tallien, Princesse de Chimay – aber wie oft sie den Namen und die Ehe wechselte – sie selbst blieb bis in ihr Alter fast unverändert! Mochte sie im Amazonencostüme der Revolution, in der durchsichtigen Gaze der Merveilleuses als Griechin der Salons und Fee des Luxembourg, mochte sie in dem prinzeßlichen Hofcostüme der Restauration erscheinen – es war immer dasselbe ebenso schöne wie reizende Gesicht mit den tiefen strahlenden Augen, den großen schöngeschwungenen Augenbrauen, der feinen Nase, den üppigen Lippen, dem schalkhaften Lächeln, eines jener Gesichter, die einen unvergeßlichen Eindruck machen, die das Imponirende mit dem Verführerischen, geistige Bedeutung mit entzückender Grazie und dem Ausdrucke des Seelenvollen und Geistreichen wunderbar vereinigen, Züge, die den Meißel des Bildhauers herausfordern.

Madame Tallien war eine französirte Spanierin wie Eugenie Montijo; sie wurde 1775 zu Madrid geboren als Tochter des spanischen Finanzmannes, spätern Ministers, Grafen Cabarrus, welcher mit der Kühnheit und Begabung eines John Law dem Danaidenfasse der spanischen Finanzen einen Boden zu geben suchte. Therese Cabarrus erhielt eine vorzügliche Erziehung, lernte französisch, italienisch, selbst etwas lateinisch sprechen und mußte das Schloß Caravanchel, welches gegenwärtig der Gräfin Montijo gehört, mit Paris vertauschen, der hohen Schule der europäischen Bildung, wo sie bei einem Freunde ihres Vaters, dem Parlamentsrathe de Boisdeloup, auf der Insel Saint-Louis abstieg. Die Schönheit des dreizehnjährigen Mädchens erregte Aufsehen; mit spanischer Lebendigkeit sang sie ihre sevillanischen Lieder und tanzte im Carneval 1788 die Jota, den Castagnettentanz der Heimath, in graziösester Weise. Ihr ganzes Wesen, ihre Art zu sein und zu sprechen, hatte die volle Gluth des Südens.

Hier im Hause Boisdeloup’s machte sie die Bekanntschaft eines älteren Parlamentsraths, Devin, Marquis de Fontenay, eines geistreichen Don Juan in sehr vorgerückten Jahren, der ein Freund der Frauen und des Spieles war, so feierliche Amtsmienen er sich gelegentlich zu geben wußte. Der Marquis gewann durch seine Liebenswürdigkeit und Beredsamkeit das Herz des sechszehnjährigen Mädchens; sie wurde Marquise von Fontenay und glänzende Feste auf Schloß Fontenay, die ganz Paris von sich sprechen machten, folgten der Hochzeit.

Der Parlamentsrath gehörte nicht zu den Männern der alten Schule, welche sich gegen die Bewegung der Zeit feindlich absperrten. Dazu war er zu klug, auch nach seinem ganzen Naturell nicht dafür geschaffen, gegen den Strom zu schwimmen. So empfing Frau von Fontenay nicht blos die Vertreter der alten Aristokratie, die Montmorency und Larochefoucauld, auch die Lafayette und Lameth und später alle hervorragenden Männer der Constituante, Mirabeau und Barnave, selbst Robespierre und Camille Desmoulins in ihren Salons und in ihrem Schlosse. Es war damals die Zeit der Hirtenfeste, und es ist wunderbar, wie diese pastoralen Erheiterungen, denen eine poetische Liebe zur Natur zu Grunde lag, noch in den Sturm und Drang der beginnenden Revolution hineinreichten. Marie Antoinette hatte ihr Trianon und die Marquise von Fontenay eiferte in ihrem Schloßparke dem fürstlichen Beispiele nach. Noch in späteren Lebensjahren erinnerte sie sich gern eines arkadischen Festes, zu welchem selbst der gefeierte Hirtendichter Florian vom Schlosse des Herzogs von Penthièvres herübergekommen war. Der Marquis hatte im Schatten des Parks mehrere Orchester aufgestellt, welche die beliebten Melodien des Devin du village, der Rosière de Salency und andere spielten; junge weißgekleidete Mädchen empfingen am Gitterthore des Parkes mit Blumensträußen die Pariser Gäste; man speiste im Schatten von Kastanienbäumen; man trank auf die Schönheit der Marquise und improvisirte Verse auf ihre spanischen Augen und ihren französischen Geist. Abwechselung in das Fest brachte ein heftiger Windstoß, welcher fast den Tisch umwarf und einige Perrücken entführte. Auch Maximilian Robespierre wurde seiner Perrücke beraubt. Er ahnte damals nicht, daß die reizende Marquise, Notredame de Fontenay, später als Notredame de Thermidor einen Sturm entfesseln sollte, der ihn auch seines Kopfes beraubte.

Nicht lange darauf ließ die Marquise von der berühmten Portraitmalerin Lebrun ihr Bild malen. Es fiel dieser Künstlerin schwer, mit dem Zauber der Natur zu wetteifern, und ein großer Freundeskreis war versammelt, um zu prüfen, in wie weit es ihr gelungen, und einzelne Verbesserungen für ihre künstlerische Leistung vorzuschlagen. Unter den Anwesenden befand sich auch der Publicist Rivarol. Da trat ein junger Corrector in den Saal, ein Manuscript in der Hand; er suchte Rivarol, dessen Handschrift die Setzer und er selbst nicht zu entziffern vermochten. Es war ein schöner Jüngling mit feurigen Augen, von stattlicher Haltung und kühnem Wesen. Frau Lebrun, die mit ihrem Malerauge diese Vorzüge rasch erkannt hatte, rief ihn als Unparteiischen herbei, daß er sein Urtheil über das Bild abgebe. Er verglich es unerschrocken mit dem Originale, dessen tiefe, glühende Blicke ihn trafen. Er rieth, das obere Augenlid etwas mehr herabzuziehen, damit der Glanz der Augen durch den Schatten der Wimpern sich hebe, und dem Munde einen geistreicheren Ausdruck zu geben durch eine leise Hebung der Mundwinkel; er rühmte den Gedanken der Künstlerin, die Marquise mit dem großen beschattenden Hute zu malen, welcher dem Bilde durch das Spiel der Lichter jenen Ton gebe, wie ihn Velasquez liebt. Man war erstaunt über den Kunstsinn des schlichten Jünglings, der sich bald darauf mit dem Manuscripte in der Hand wieder entfernte.

Ein anderes Mal war die Marquise zum Besuch bei ihrer Freundin, der Gattin des gefeierten Deputirten Charles von Lameth. Sie gingen im Garten spazieren, als Abends ein junger Mann, Briefe in der Hand und sehr beschäftigt, zu ihnen trat und sich nach Lameth’s Bruder Alexander erkundigte. Frau von Lameth theilte ihm mit, daß dieser nicht hier anwesend sei, und ersuchte ihn gleichzeitig, einige weiße Rosen von einem benachbarten Rosenstrauch für die Marquise zu pflücken. Er that dies und überreichte der Letzteren die Blumen mit etwas theatralischem Anstand. Dabei fiel eine Rose aus dem Bouquet, welche der junge Mann anstandslos für sich behielt zur Erinnerung an diesen Augenblick. Er hatte die Schönheit wiedererkannt, die er einst unter dem Hut à la Velasquez im Atelier der Frau Lebrun gesehen; denn jener kunstsinnige Corrector und dieser galante Schreiber waren eine und dieselbe Person. Als er sich entfernt hatte, entwarf Frau von Lameth ihrer Freundin ein wenig schmeichelhaftes Bild des jungen Mannes, der ebenso leichtsinnig wie träge sei, trotz seiner geistigen Begabung, und den ihr Schwager sobald wie möglich entlassen werde.

Setzer, Corrector, Advocatenschreiber – und zwei Jahre darauf einer der furchtbaren Gewalthaber der französischen Revolution, vor welchem eine der ersten Städte Frankreichs erzitterte! Welche unglaubliche Wandlung des Geschicks in dieser Zeit des gewaltthätigen Umschwungs! Jener junge Mann trug den Namen Tallien, und damals ahnte die schöne Marquise noch nicht, daß sie selbst einst diesen Namen führen werde.

Tallien gab bald darauf seine subalternen Stellungen auf; er wurde Journalist; sein „Ami des citoyens“ hatte großen Erfolg; sein Name fand ein Echo in Paris. Er wurde in die Commune gewählt und sprach als Vertreter der Pariser Gemeinde, als Vertheidiger ihrer Beschlüsse und des 10. August im Convent. „Die Männer des 10. August,“ sagte er, „verlangen nichts als Gerechtigkeit; sie wollten nur dem Willen des Volkes gehorchen.“ Seine Rede war schwunghaft und unerschrocken; er klagte den Convent an, indem er die Commune vertheidigte. Auf der Tribüne befand sich eine Hörerin, auf welche diese Kühnheit bei so großer Jugend, diese stolze drohende Haltung tiefen Eindruck machte. Sie applaudirte mit den andern; es war die Marquise von Fontenay.

Höher gingen die Wogen der Revolution. Die furchtbaren Metzeleien des 2. Septembers fanden statt, für welche man den Pariser Gemeinderath verantwortlich machte. Auch Tallien, der ihm angehörte, wurde als Septembermörder bezeichnet, so sehr er auch später jede Mitschuld an diesen politischen Morden abzulehnen suchte. Er wurde inzwischen in den Convent gewählt, wo er unter den entschiedensten Männern des Berges Platz nahm. Er donnerte gegen Ludwig den Sechszehnten als einer der Unerbittlichsten. Als der Convent seine Tribunen und Legaten aussandte, um die rebellischen Städte des Landes zu züchtigen, erhielt auch Tallien eine wichtige Mission. Das reiche Bordeaux ergriff die Partei der Girondisten und empörte sich gegen den [225] Convent. Tallien wurde als Proconsul der Republik hingesandt, um die Empörung zu dämpfen. Die treugebliebenen Sectionen errangen den Sieg. Die Guillotine begann ihre blutige Arbeit. Die angesehensten Männer der Stadt bestiegen das Schaffot. Zwar wüthete Tallien nicht, wie Collot d’Herbois mit seinen Füsilladen in Lyon oder Carrier mit seinen Noyaden, den massenhaften Ertränkungen in Nantes, aber er war ein fanatischer Jacobiner, der seine Schuldigkeit that. Auch war er kein Spartaner wie Robespierre und Saint-Just, sondern er hatte Sinn für den Luxus, der seiner früheren Lebensstellung so fremd gewesen war. Alle Proconsuln der Republik schwelgten bei üppigen Gelagen, während vor ihrer Thür Kanonen aufgepflanzt waren und ganze Compagnien Wacht hielten. Und daß Tallien kein Republikaner war von jener antiken, unbestechlichen Tugend – das sollte Bordeaux und Frankreich bald erfahren.

Der Dichter der „Lucrèce“, Ponsard, hat ein schwunghaftes Drama geschrieben: „Le lion amoureux“. Der Held desselben ist ein feuriger Conventsdeputirter, der von der Liebe zu einer aristokratischen Schönheit gebändigt wird. Er hätte diesen Stoff auch treu nach der Geschichte behandeln können, und dann würde das Stück geheißen haben: Tallien in Bordeaux.

Der Marquis von Fontenay flüchtete vor der gesteigerten Bewegung der Revolution, welcher er schon durch seinen alten Adel verdächtig war, mit seiner jungen Gattin nach Spanien, um dort auf dem Schlosse der Schwiegereltern ein Asyl zu finden. Im Hafen von Bordeaux war ein Schiff bereit, unter Segel zu gehen, welches mehrere hundert Bordelesen aus den angesehensten Familien trug, die vor der Schreckensherrschaft flüchteten. Da weigerte sich der Capitain plötzlich, abzusegeln, weil die von ihm geforderte Summe nicht voll im voraus eingezahlt werden konnte. Therese kam dazu; es ergriff sie auf’s Tiefste, daß wegen einer kläglichen Summe Geldes so viele Männer und Frauen dem Verderben geweiht werden sollten. Sie ließ sich vom Capitain die Liste der Passagiere geben; sie gab ihm dafür das Geld – und das Schiff lichtete die Anker, nachdem die Schiffsmannschaft noch einen kurzen Kampf mit der erbitterten Volksmenge bestanden hatte. Theresa aber wurde von ihr umringt und mit Mißhandlungen bedroht; sie weigerte sich, die Liste herauszugeben, die sie zerriß – und nur das zufällige Hinzutreten Tallien’s errettete sie vor der Wuth des Pöbels. Freilich konnte er die Marquise nicht gegen die Verhaftung schützen, welche der Präsident des Revolutionstribunals über sie verhängte, nachdem ihm der Frevel zu Ohren gekommen war, dessen sie sich schuldig gemacht hatte.

So wanderte Theresa in den finstern Kerker, in dessen Strohlager die Ratten ihr unheimliches Spiel trieben. Noch zur Zeit ihres späteren Glanzes, als die Modetracht des Directoriums erlaubte, die Füße unverhüllt zu zeigen, gefiel sich Theresa darin, auf die Narben der Rattenbisse aus dem Kerker von Bordeaux hinzuweisen, die freilich neben dem glänzenden Schmucke der Zehen, den Rubinen und Smaragden, verschwanden. Tallien hatte Madame de Fontenay wiedererkannt; er ließ sie sich im Gefängniß durch den Schließer vorführen. Wenn auch im düstern Kerker – bei dieser Begegnung zwischen einer zwanzigjährigen jungen Frau und einem fünfundzwanzigjährigen Conventsdeputirten konnte nur die Liebe das Wort führen. Mit ihren großen, thränenfeuchten Augen sah Theresa den Machthaber an; ihre schönen bleichen Züge waren eingerahmt von dem üppigen Gelock; sie bekannte, daß sie eine Freundin der Republik und der Revolution sei – und sie war es! Denn mitten unter den verdammenswerthen Gräueln waren die großen Gedanken der Zeit in den Herzen der Jugend lebendig, und geistreiche Frauen eiferten dem Beispiele einer Manon Roland nach. Konnte Madame von Fontenay nicht für den „Berg“ werden, was jene für die Gironde gewesen war? Tallien dachte im Stillen daran. Noch hüllte er sich in die Toga des Proconsuls, spielte den unerbittlichen Schreckensmann; er sprach die Hoffnung aus, die Unschuld der Marquise und ihres Gatten werde vor dem Revolutionstribunal zu Tage kommen; sie aber sträubte sich, vor diesem Tribunale zu erscheinen; sie sei als die Tochter eines Grafen, die Frau eines Marquis schon von Hause aus verurtheilt. Tallien’s wilde Blicke und strenge Mienen hielten nicht lange Stand; zu groß war der Zauber der jugendlichen Schönheit, die vor ihm auf den Knieen lag; er erhob sie, er zog sie an sein Herz: „Ich wage meinen Kopf, doch Du sollst frei sein, Bürgerin.“

Und so geschah es. Theresa wurde frei, ebenso ihr Gatte, der eilends nach Spanien flüchtete. Die Ehe war unglücklich gewesen; der Marquis war ein Wüstling ohne Herz. Theresa blieb in Bordeaux zurück; sie wurde die Geliebte Tallien’s und die Schutzgöttin der Stadt. Ehescheidungen, soweit man sie überhaupt für nöthig hielt, machten damals, nach dem Civilgesetze der Revolution, wenig Umstände. Bald hatte die spanische Kleopatra den Antonius der Bergpartei gänzlich unterjocht; eine wahnsinnige Leidenschaft, die er vor aller Welt zur Schau trug, bemächtigte sich seiner. Unter dem Zujauchzen des Volkes fuhr sie mit ihm in glänzender Equipage durch die Straßen, bekleidet mit den leichten Gewändern der griechischen Statuen, welche die Schönheit ihrer Formen nicht verhüllten, in der einen Hand eine Pike, die andere anmuthig auf die Schulter des Proconsuls gestützt, als die Göttin der Freiheit. Und wohl hatte das Volk von Bordeaux ein Recht, sie mit Jubel zu begrüßen; sie hatte den wilden Löwen gezähmt; Tallien vergaß seine blutige Sendung; die Milde wurde die Losung statt des Schreckens. Unermüdlich suchte Theresa ein Opfer nach dem andern zu retten, einen Namen nach dem andern auf der verhängnißvollen Liste zu streichen, mit Thränen in den Augen, daß sie nicht alle streichen konnte.

Wunderbare Contraste der Zeit! Der rohe Sansculottismus auf der Straße, die Guillotine vor den Fenstern – und im Hause des Proconsuls das Boudoir einer kunstsinnigen Schönheit, welche dem Zeitalter der Medicis anzugehören schien. Marquis von Parry, der, um seinen Vater zu erretten, sich an die gnadenspendende „Göttin der Freiheit“ wendete, wurde in dieses Boudoir geführt. Er beschreibt es uns in seinen Denkwürdigkeiten. „Es war das Boudoir der Musen: ein geöffnetes Piano, Noten auf dem Pulte; eine Guitarre auf dem Sopha, eine Harfe in einem Winkel; weiterhin eine Staffelei mit einem kleinen Gemälde, eine Büchse mit Oelfarben, Pinsel auf einem Tabouret, ein Tisch mit Zeichnungen, eine Elfenbeinpalette, ein offener Schreibtisch mit Papieren, Memoiren, Petitionen, eine Bibliothek, deren Bücher in Unordnung dastanden, als wenn sie oft benutzt würden, ein Stickrahmen, auf dem ein Atlasstoff ausgespannt war.“ Der Gesammteindruck des Boudoirs begeisterte den galanten Marquis zu der Anrede:

„Ihre Talente sind allseitig, Madame, aber Ihre Güte kommt ihnen gleich und Ihre Schönheit könnte sie verdunkeln.“

Doch so gnädig sich Theresa den Aristokraten erwies, ihr Herz gehörte der Revolution; nur wollte sie das Erbarmen mit der Freiheit verschwistern. Um ihre Popularität zu vermehren, erschien sie oft in den Clubs und ergriff dort das Wort. Hier trug sie ein Amazonencostüm, einen Hut mit tricoloren Federn, wie unser Bild sie nach einem Gemälde von Debucourt darstellt.

Tallien wurde inzwischen von Bordeaux zurückberufen; an Denunciationen gegen seine Milde hatte es bei den Pariser Machthabern nicht gefehlt. Doch Robespierre brauchte noch seine Bundesgenossenschaft im Kampfe gegen Danton; erst später kam es zu einem Bruche, der zum Sturze des Dictators führen sollte. Hier war es, wo Therese ihre weltgeschichtliche Rolle spielte. Am 5. Floréal erschien sie noch vor dem Convent, als eine Priesterin der Barmherzigkeit; sie entwickelte in einer langen Rede ihre republikanischen Tendenzen, ihre Ansichten über Frauenemancipation. Sie verwarf die Mannweiblichkeit und das Amazonenthum; aber sie verlangte, daß auch die Frauen dem Dienste des Vaterlandes sich widmen sollten, und zwar indem sie alle in die heiligen Asyle des Unglücks und der Leiden gerufen würden, um dort die Unglücklichen zu pflegen und ihnen Trost zu spenden. Sie sollten sich den Namen „Bürgerin“ verdienen; sie selbst aber wollte eine der Ersten sein, um sich einem so herrlichen Dienste zu widmen.


(Schluß folgt.)




[226]
Mit Hassan beim Scheikh Ali.


Ich hatte den Schakal in den Bergen des Mokattam gejagt und kehrte, von der Sonne durchglüht, nach Cairo zurück.

„Was war das Resultat Ihrer Jagd?“

„Haben Sie viel Wild gesehen?“

„Lohnt es sich der Mühe, bei so erschlaffender Hitze Berg auf und ab zu laufen?“ – so drangen meine Bekannten in mich, als ich in den Garten meines heimathlichen Hôtel du Nile trat und die Flinte von der Schulter nahm, deren Last die ungeduldigen Frager lachend prüften. Ich kam ihnen, gering gesagt, thöricht vor. Bei so viel Hitze auf die kahlen Berge zu laufen und ein beschauliches Leben unter den Palmen des Gartens zu vermeiden, wo Gaukler, Schlangenbändiger, Verkäufer in bunter Tracht ihre sonderbaren Thiere und Künste zeigten und ihre prächtigen Waaren anpriesen – dazu gehörte nach Ansicht der kaffeeschlürfenden Schlaraffen allerdings ein gewisser Grad von Wahnsinn. Ich stand ihnen Rede und Antwort, aber schwieg von den Reizen der Natur, von dem weiten Blicke über das grüne Nilthal zu den Pyramiden hinüber, von den weißen Minarets Cairos, die aus Palmen und Sykomoren schauten – das verstand man nicht.

In der Nähe der Herren, mit denen ich sprach, standen mehrere Araber, die sich als Dragomanen für eine Fahrt auf dem Nile den Fremden erboten. Der Jagdanzug, den ich trug, und die Flinte erregte ihre Aufmerksamkeit.

„Mein Herr,“ redete mich Einer von ihnen französisch an, als ich mich nach meinem Zimmer begab, „Sie sind ohne Führer zur Jagd gegangen und haben nichts erlegt; ich biete Ihnen meine Dienste an. Sie sollen mit mir zufrieden sein.“

„Mein Herr, ich garantire Ihnen ein halbes Dutzend Schakals, wenn Sie mit mir gehen,“ sagte ein Anderer.

„Und ich,“ flüsterte mir ein Dritter zu, als ich meine Thür aufschloß, „bringe Sie binnen heute und drei Tagen auf eine Hyäne zu Schuß.“

Das ließ sich hören. Ich betrachtete den kühnen Sprecher näher und nahm ihn zu weiterer Verabredung in mein Zimmer mit. Es war ein kleiner brauner Kerl mit ungeheurem Schnurrbarte und großer Nase – ein neuer Louis Napoleon, nur fehlten ihm die freundlichen Augen und die großen Stiefel; dafür hatte er einen katzenartigen, lauernden Blick und ein Paar elegante englische Jagdgamaschen, die in absolutem Widerspruch zu seiner syrischen Tracht standen.

„Wie heißt Du, mein Freund?“ redete ich ihn an.

„Hassan nennt man mich, und ganz Aegypten bis hin zum blassen Nil und dem Sudan kennt meinen Namen,“ lautete die bescheidene Antwort.

„Das genügt mir, wenn es wahr ist. Doch was mache ich mit Dir, wenn ich innerhalb dreier Tage keine Hyäne geschossen habe?“

„Sie krümmen mir kein Haar, denn Sie haben entweder vorbei geschossen oder werden am vierten Tage zum Ziele gelangen.“

Gegen die Logik des ersten Satzes hatte ich nichts einzuwenden, die des zweiten war überraschend. Doch genug. Hassan sollte mein Führer werden. Ich traute auf mein gutes Glück und das schlaue Gesicht des Arabers. Ich erklärte bei Besprechung der Ausrüstung Zelte und Koch für überflüssig. Die Dauer der Abwesenheit von Cairo schien mir zu gering, um große Umstände zu machen. Nur Gesellschaft fehlte mir, und die führte mein guter Stern mir bald zu.

Ein stolzer junger Spanier, Marquis C., den ich unlängst hatte kennen lernen und der mir Löwenjagden in Algier erzählte, schloß sich mit Vergnügen der Partie an. Im Selbstgefühl seiner jugendliche Kräfte hielt auch er Alles für überflüssig, was irgend zur Bequemlichkeit beitragen konnte, und baute darauf, daß seine genaue Kenntniß der arabischen Sprache uns Thür, Bett und Küche jeder ägyptischen Häuslichkeit öffnen würde. – An die Wüste dachte der gute Junge nicht. Unsere Ausrüstung bestand schließlich aus Büchse, Munition, einer großen algerischen Decke und einer Zahnbürste, welch letztere Hassan als zur Jagd für vollkommen unbrauchbar erklärte.

Am Morgen des nächsten Tages begaben wir uns zur Eisenbahnstation in Boulak, um nach der Stadt Fayûm zu fahren, die wir zum Ausgangspunkt unserer Excursionen erkoren hatten. Nach zweistündigen Warten langte endlich der Zug an, und eine Rücksprache mit dem Locomotivführer, begleitet von dem unvermeidlichen „Bakhschisch“ (Trinkgeld), brachte den Zug in eine möglichst beschleunigte Gangart. Schon auf der nächsten Station wurde drei Stunden auf einen Pascha gewartet. Der Stationschef warf auf unsere dringende Bitte um Beförderung einfach den Kopf zurück und blieb bei seinem rauhen „la“ (Nein).

Also Geduld. Die Klänge eines Saiteninstruments lockten uns nach einem Palmwäldchen am Nil. Ein Araber präludirte und sang in seinen Gutturaltönen ein Liebeslied. Als Zuhörer figurirten Kinder, die mit Jubel die obscönen Scenen des Liedes begrüßten. Taubenschwärme zogen uns von der Scene ab, und eine besondere Kiebitzart, von der uns Hassan erzählte, daß sie im Rachen des Krokodils Käfer und Maden fräßen und sich vermittelst ihrer eigenthümlichen Haken am oberste Gelenk der Flügel den Ausgang erzwängen, wenn sich etwa einmal der große Rachen schließen sollte, ließ uns für eine Weile die Langeweile vergessen. Wir erlegten einige der seltsamen hübschen Thiere und ergötzten uns an der Gewandtheit, mit der junge Araber die geschossenen Vögel aus dem Nil holten.

Laute Klagetöne führten uns nach dem kleinen Stationsgebäude zurück. Der Herr Stationschef ließ einem armen Eisenbahnarbeiter, der wenig oder gar nichts begangen hatte, die Bastonade geben. Der absolute Herrscher dieses Gebietes war jedoch liebenswürdig genug, auf unsere drohende Einrede die weitere Ausführung der Execution fallen zu lassen. Das waren die Ereignisse bis zur Ankunft des Paschas und dem Abgange des Zuges.

Der hohe Herr setzte sich zu uns in’s Coupé und verzehrte, durchdrungen von der Würde seiner Erscheinung, ein Stück Hammelbraten, während er die Finger an den Polstern der Bänke reinigte. Die Gegend wurde mehr und mehr einförmig, bis die Bahn einen Theil der Wüste durchschneidet. Hier sahen wir in der Entfernung aufgescheuchte Gazellen flüchten. Ein Wolf, der ganz in der Nähe des Dammes in einer Grube sein Mittagsschläfchen hielt und der beim Herrannahen des Zuges mit allen Geberden der Furcht das Weite suchte, ließ unsere Jagdpassion in hellen Flammen auflodern.

Endlich am Abend langten wir in Fayûm an. Die Stadt liegt, umgeben von Wasser, in sumpfiger Gegend. Prächtige Sykomoren beschatten das Eingangsthor, und der eigenthümliche Charakter desselben lieferte die besten Studien für mein Skizzenbuch.

„Wo schlafen wir?“ fragte ich Hassan, der sich als aufmerksamer, wenn auch sehr redseliger Führer zu documentiren schien.

„In einem Hause auf weichen Strohmatten, bei sprudelndem Wasser, Ihr Herren, und Allah wird Euch milden Schlaf geben,“ lautete die vielversprechende Antwort.

Das Haus war eine verlassene, halb eingestürzte Lehmhütte; die weichen Strohmatten waren nur stückweise vorhanden; der Quell bestand aus einer Cisterne mit verfaultem Wasser, und den milden Schlaf verwandelte Allah durch großes und kleines Ungeziefer, vom tückischen Scorpion bis zum heiteren Floh, zu einer Hölle, deren Qualen nur durch die Aussicht auf Erlösung am kommenden Morgen zu ertragen waren. – Laß dir deine Illusionen nicht rauben, poetisches Volk!

Früh wurde aufgebrochen. Ein weißhaariger Araber, der von den Fayûmer Bürgern angestellt war, Raubthiere in den Gemeindepflanzungen zu tödten, und durch die an seinem Leibgurt befestigten Hyänen- und Wolfsohren, freilich vergeblich, darzuthun versuchte, daß er mit seinem alten verrosteten Feuerschloßgewehre die Thiere erlegt habe, schloß sich auf unsern Wunsch als Führer der Partie an. Unsere Behauptung, die Scalpe gehörten räudigen crepirten Hunden an, wies er mit Entrüstung zurück, und sein Zorn war um so gewaltiger, als er seine Lügen von Ungläubigen durchschaut sah.

Beförderungsmittel waren kleine magere Esel, die jedoch im Gegensatze zu den unserigen munter trabten und selbst ohne [227] besondere Anfeuerungsmittel Terrainhindernisse jeder Art überwanden. Schwierig hingegen war das Lenken der Thiere, denn ohne Zaum, ohne Sattel und Decke brachten ihre Besitzer sie uns. Wir legten unsere algerischen Decken ohne Gurt auf den Rücken des Esels, stiegen hinauf, nahmen die Büchse vor uns und empfahlen unsere Knochen der Gnade Allahs. Schon nach wenigen Minuten lag der stolze Spanier mit Decke und Flinte im Sande; ich folgte unmittelbar seinem Beispiele, weil ich gewagt hatte, mich umzusehen.

Der Weg zog sich durch die sumpfige Niederung Fayûms, und unaufhörlich mußten kleine Wassergräben passirt werden. Anfangs stürzten wir bei jedem Hinderniß in den Schmutz, bis endlich Lehrgeld genug gezahlt war und wir mit Sicherheit vom erhöhten Standpunkte die Gegend betrachten und nach Beute auslugen konnten.

Prächtige Silberreiher, Sumpfvögel aller Art erreichte das tödtliche Blei, nur größeres Wild entzog sich unseren Nachstellungen. Zur Mittagszeit hatten wir die sumpfige Niederung passirt und machten am Rande der Wüste an einer Felswand Halt. Hassan unterstützte unsere Absicht, hier die Nacht zu erwarten, weil wir vermutheten, daß Raubthiere aus der Wüste am späten Abende die Wasserflächen des Sumpfes aufsuchen würden. Unsere kleinen Vorräthe waren bald erschöpft, und schon für den Abend waren wir genöthigt, uns einige selbsterlegte Tauben und Becassinen zu braten.

Die Sonne senkte sich blutroth und vergoldete die Stämme eines Palmenwaldes in der Ferne. In den Wasserflächen der Niederung spiegelten sich die glühenden Wolken. Langsam zogen Reiher zu ihrem Nachtquartiere in den Wipfeln der fernen Palmen. Es war Zeit, unsere Posten einzunehmen. Hinter losgetrennten Steinen an der Felswand, die den Saum der Wüste bildet, legten wir uns in Hinterhalt, nachdem Hassan im Sumpfe die Spuren von Wölfen und Hyänen bemerkt zu haben glaubte. Nach kurzer Zeit erschien auf dem Felsen in einiger Entfernung ein Thier, das den Kopf weit vorstreckte, als wolle es die Niederung besser übersehen. Ich faßte unwillkürlich meine Büchse fester. Da schallte ein langgezogener klagender Ton von der Höhe herab – und wie das Brausen einer sich brechenden Woge tönte ein Geheul aus den Sümpfen als Antwort. Das eigenthümliche musikalische Schauspiel wiederholte sich fort und fort, und ich schlich unter dem Schutze der Steine dem sonderbaren Musikdirector näher. Es war ein Wolf, der seine Brüder auf die genahte Stunde des Raubes aufmerksam machte, so wie der Iman am Abende vom Minaret die Gläubigen zum Gebete ruft. Meine Bemühungen, dem Raubthiere näher zu kommen, blieben fruchtlos.

Mit zunehmender Dunkelheit huschten allenthalben dunkle Gestalten um mich her. Ich drückte mehrfach mein Gewehr ab, – vergebens! Ermüdet von den Strapazen des Tages und den Aufregungen des Anstandes, lagerte ich mich auf die Decke neben dem Feuer, das von Hassan und Mohamed, dem greisen Nimrod, unterhalten wurde, und versuchte zu schlafen. Der blasse Spanier schien unermüdlich.

„Erzähle mir von Deinen Jagden im Sudan, Hassan,“ begann er ein Gespräch, das mehrere Stunden andauern sollte.

Hassan mußte griechisches Blut in den Adern haben – ein Araber fände nie Geschmack an solchem Geschwätz. Ich lauschte seinen Worten; das Ungeziefer, das sich in meiner warmen Decke wohler fühlte, als ich, vertrieb mir den Schlaf. Kühner und freier wurden Hassan’s Erzählungen. Von seltsamen Abenteuern ging er zu unglaublichen über, von gut erfundenen Geschichten zu monströsen Lügen. Die Augen des Spaniers glänzten. Die glühende Phantasie des Südländers überlegte nicht.

„Hören Sie, G.,“ rief er mir schließlich begeistert zu, „Sie haben nichts Dringendes in Cairo vor; ich habe nie etwas zu thun – wir gehen nach Sudan, um Löwen zu jagen.“

„Schlafen Sie, liebster Marquis!“ war meine ärgerliche Antwort, „und sammeln Sie Kräfte für Ihre kühnen Pläne! Ich werde Ihnen morgen meine Meinung sagen, auch Hassan, dem großen Dichter Aegyptens.“

Die ersten Strahlen der Sonne trieben uns aus unserem Lager. Am Rande der Wüste führte der Weg weiter. Bald durchschritten wir ein sandiges Stück Land, bald wieder einen Sumpf. So ging es den ganzen Tag. Hin und wieder erlegten wir einen Geier, einen Adler, einen merkwürdigen Sumpfvogel – das war Alles. Selten einmal begegneten uns Menschen. Vermummte Beduinen mit langen Flinten auf kleinen zottigen Pferden galoppirten, ohne unseren Gruß zu erwidern, vorüber. Wir befanden uns in einer recht gottverlassenen Gegend.

Hassan war guten Muthes. Er fand am Spanier einen eifrigen Verehrer seiner Abenteuer, und der Mund stand ihm nicht still. Es schien mir bisweilen, als blicke er mit seinen Luchsaugen lange in die Ferne und als hätte er geheim mit dem alten Mohamed zu reden. Ich achtete nicht weiter darauf; mein Interesse war zu ausschließlich auf Natur und Wild gerichtet. Wieder war der Abend genaht. Wieder heulten Wölfe und Schakals, aber der Ort für Hyänenjagd schien nicht gefunden zu sein. Wir kamen diesmal sogar nicht zum Schusse, und Hassan mußte alle Beredsamkeit aufbieten, um am Feuer die zornige Laune des Spaniers zu betäuben, was erst gelang, als er einem Löwen seine Büchse bis zum Schafte durch den Rachen in die Eingeweide gestoßen hatte.

Trotz der Insecten gelang es mir diesmal zu schlafen. Auch der Spanier träumte. Mitten in der Nacht schreckte ihn ein blutiger Kampf mit dem Könige der Wüste aus dem Schlafe, und sein Hülferuf erweckte auch mich. Ich griff nach der Büchse und sah mich erschrocken um.

„Ich habe geträumt,“ sagte er schläfrig und legte sich auf die andere Seite.

Ein riesengroßer brauner Käfer, den ich in diesem Augenblicke in meinem Barte fing, ließ mich des Schlafes vergessen. Ich tödtete das Ungeheuer und rieb mir die Augen. Das Feuer war halb ausgebrannt, und Mohamed schlief daneben, zusammengekauert sitzend. Wo war Hassan? Ich stand auf und suchte ihn in der Nähe. Vergebens! Mohamed meinte, er sei einem Wolfe nachgegangen, der das Feuer umkreist hätte. So viel Jagdpassion traute ich ihm nicht zu. Ich griff zu der Büchse und patrouillirte die Umgegend ab. Heulende Schakals zogen mich weit ab nach allen Richtungen. Hassan war verschwunden. Was mochte ihn bewegen, so weit fortzulaufen? Ich weckte den Spanier und machte ihn auf das sonderbare Betragen unseres Dragomans aufmerksam. Er blieb einige Augenblicke nachdenkend; dann behauptete er, Hassan würde uns einen Wolf bringen, dessen Fell in Cairo als unsere Trophäe gelten könnte. Gegen Anbruch des Tages kam Hassan ermüdet ohne Trophäe zurück, aber sichtlich verlegen, uns wach zu finden. Er hatte nicht nur einen Wolf, sondern sogar einen kleinen Panther verfolgt, deren es in dieser Gegend keine giebt. Der Spanier griff erregt zu seinem Gewehre und Dolche, um die Verfolgung weiter fortzusetzen. Ich erklärte hingegen dem unsichern Führer ganz fest, daß, wenn ich nicht bis zum Abende auf eine Hyäne geschossen hätte, ich direct nach Cairo zurückkehren würde. Der Spanier stimmte erst nach längerer Debatte ein. Gegen Morgen, in der nächsten Nacht sollten wir am Ziele sein, so schwor Hassan bei den Augen seines Vaters.

Bis zum Nachmittage zog sich der Weg durch die Wüste, dann wieder am Rande des Sumpfes an einem Höhenzuge entlang. Ich war hinter den Uebrigen zurückgeblieben, um einen Geier zu schießen, der auf einem Felsenvorsprunge nach Beute spähte. Schon wollte ich schießen, als das Thier eilig davonflog und unweit davon ein braunes Gesicht, halb verhüllt durch die Kuffia, hinter einem Felsblocke hervorlugte. So schnell, wie es erschien, war es verschwunden – ich glaubte mich fast getäuscht zu haben. In dieser Einsamkeit erschien mir die Erscheinung eigenthümlich. Ich blieb aufmerksam, ließ jedoch nichts gegen meine Gefährten verlauten. Ich sah mich häufig um, blieb hin und wieder zurück, und in der That, die seltsame Erscheinung wiederholte sich. Da traf es sich, daß in einem Graben des Sumpfes mehrere junge Araber standen, um Rohr zu schneiden. Ich erklärte, daß wir unter allen Umständen zwei oder drei dieser braunen Burschen als Führer und Treiber zur Jagd mitnehmen müßten, es sei ein Wink des Schicksals, daß wir sie meilenweit von jeglicher Behausung entfernt getroffen hätten.

Hassan’s heftiger Widerspruch bei dieser so natürlichen Veranlassung bestärkte, ja bestätigte fast meinen Verdacht, daß er etwas Uebles gegen uns im Schilde führe, und ich bestand um so mehr auf meiner Forderung. Die jungen Kerle folgten unserm Rufe und fragten nach unserm Begehre. Sie waren [228] nur mit einem weißen Kopftuche bekleidet, wenn nicht der Schlamm, der sie von der Brust bis zum Fuße bedeckte, auch eine Kleidung zu nennen war. Der Spanier in seinem schlechten Arabisch schloß den Vertrag, und die Toilette war bald gemacht. Die langen Flinten warfen sie über die Schultern, und mit zufriedener Miene folgten uns die beiden Stärksten der Gesellschaft.

Hassan wurde sichtbar nachdenkend, und ich beschloß nunmehr, den Spanier in meinen Verdacht einzuweihen. – Ich erzählte ihm meine Beobachtungen.

„Wir schießen ihn über den Haufen,“ war seine christliche Erwiderung, und die blitzenden Augen schienen seine ernstliche Absicht zu bestätigen.

„Ueben Sie Ihre Lynchjustiz, wenn Sie seine Schuld erwiesen haben, lieber Marquis!“ antwortete ich dem heißblütigen Iberier, „aber denken Sie daran, daß uns mit seinem Tode nicht geholfen ist. Wir werden beobachtet und können auch ohne Hassan überfallen werden. Seine Absicht scheint darauf hinzugehen, uns nächste Nacht im Schlafe zu überrumpeln. Die Kerls fürchten am Tage unsere Büchsen, denn die Gelegenheit für einen Ueberfall wäre heute öfter schon günstig gewesen. Ich glaube vielmehr, daß wir versuchen müssen, ein sicheres Unterkommen für die Nacht zu finden. Hassan kann am Tage nicht mehr mit seinen Spießgesellen conferiren.“

„Sie haben Recht,“ antwortete der Spanier, dem entschieden meine kaltblütige germanische Ueberlegung imponirte; „wir begeben uns in den Schutz arabischer Gastfreundschaft. Unsere neugewonnenen Führer werden uns vor Sonnenuntergang noch unter ein gastliches Dach bringen. Dörfer muß es in dem Sumpfe geben. Wozu hätten die braunen Kerls das Schilf in den Gräben geschnitten?“

„Machen Sie uns die Araber zu sicheren Freunden!“ unterbrach ich das Gespräch. „Wir müssen für alle Fälle gerüstet sein.“

Er winkte die munteren Gesellen heran, während Hassan fünfzig Schritte vor uns mit seinem zweifelhaften Mohamed nichts von unserer Gegenverschwörung ahnte.

„Wollt Ihr Euch Geld verdienen?“ begann der Spanier seine diplomatische Aufgabe.

„Du weißt, daß blinkende Goldstücke unsere Weiber zieren,“ lautete die zustimmende Antwort.

„Wir haben jetzt nichts bei uns. Führt Ihr uns jedoch heute Abend zum Scheikh des nächsten Dorfes und bringt Ihr uns sicher – versteht wohl! – ohne daß Jemand gewagt hätte, uns anzugreifen, binnen zwei Tagen nach Fayûm zurück, so erhält Jeder von Euch drei Goldstücke. Geht Ihr den Handel ein?“

„Allah vergelte Dir die Liebe zu Deinen armem Brüdern, Herr! Gras wird wachsen auf der Schwelle Deiner Feinde; der Schlaf wird Deine Diener fliehen, und sie werden über Dich wachen, wie die Löwin über ihr Kind.“

Das genügte. Wir trauten den ehrlich gemeinten, bilderreichen Worten. Die Jünglinge bethätigten sofort ihre ernste Absicht uns zu schützen. Sie hefteten sich an unsere Fersen und blieben jedes kleinen Winkes gewärtig. So holten wir Hassan ein, der einen passenden Platz für unser Mittagsmahl gefunden hatte und sich anschickte, das Feuer anzulegen. Wir lagerten uns und schickten die Esel auf Grasung. Ich hatte Hassan’s Gewehr ergriffen und prüfte die Güte desselben.

„Es ist englisches Fabrikat,“ so rühmte er, „mag die Gazelle noch so flüchtig, die Taube noch so schnell sein, weit in der Ferne erreicht sie das Blei aus meiner Büchse.“

„Wenn ich jetzt also abdrückte,“ sagte ich und wendete das gespannte Gewehr gegen ihn, „bist Du unfehlbar ein todter Mann?“

„Ja, Herr!“

„Nun, so rühre Dich nicht von der Stelle, wenn ich nicht wahr machen soll, was ich fragte,“ setzte ich plötzlich mit drohender Stimme hinzu, „und höre mir aufmerksam zu!“

Das Holz entsank seinen Händen und er starrte mich sprachlos an.

„Du bist gestern Nacht,“ so fuhr ich fort, „bei den Beduinen gewesen; heute führst Du uns, so weit Du kannst, in die Wüste. Deine Spießgesellen folgen uns seit frühem Morgen, und in der Nacht, wenn wir ermüdet von der vergeblichen Hyänenjagd am Feuer schlafen, ziehst Du uns aus und läßt uns hülflos in der Einöde liegen, meilenweit von jeder menschlichen Ansiedelung – ich will nicht glauben, daß Du uns umbringen willst, wie jener Dragoman, der ohne den jungen Ungarn im verflossenen Jahre aus diesen Gegenden heimkehrte und log, der Unglückliche sei in den Sümpfen versunken. Nimm Dich in Acht! Beim geringsten Zeichen, das Du giebst, bei der geringsten Widersetzlichkeit, beim ersten Worte, das Du mit Mohamed und den Anderen wechselst, jage ich Dir eine Kugel durch den Kopf! Die beiden Führer weisen uns den Weg zum nächsten Scheikh – und jetzt vorwärts! Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

„Allah soll mich blind machen, wenn ich Euch verrathe,“ stieß Hassan hervor, der, durch die Entdeckung ganz fassungslos, ernstlich für sein Leben fürchtete. Er warf dem Spanier einen scheuen Blick zu, der bedenklich mit seinem Revolver spielte und „Canaille!“ zwischen den Zähnen murmelte.

„Schwöre nicht bei einem Gotte, den Du nicht anbetest! Du bist Grieche und lachst über den Propheten. Du hast Deine arabische Komödie nicht fein genug gespielt,“ rief ich ihm zu, während ich meinen Esel einfing, um ihm die Decke aufzulegen.


(Schluß folgt.)




Der Sinai des Dr. Beke.


Durch alle englischen Zeitungen geht die Nachricht, Dr. Beke, ein bekannter britischer Geograph und Reisender, der auch vielfach auf dem Gebiete der biblischen Ortskunde thätig gewesen ist, habe den wahren Sinai der Schrift entdeckt. Angesehene deutsche Tagesblätter und Zeitschriften nehmen diese überraschende Nachricht ohne Vorbehalt auf und fragen bisher wenig oder gar nicht nach den Gründen, welche den greisen Geographen bestimmt haben, eine nicht einmal auf der sogenannten Sinaihalbinsel gelegene Höhe für „den Berg des Herrn“ zu erklären. Einer Aufforderung der Gartenlaube nachkommend, wollen wir es versuchen, den Lesern zu zeigen, wie viel oder wie wenig von der vielbesprochenen Entdeckung des gelehrten Engländers zu halten sei. Dr. Beke hat gewiß in gutem Glauben das Telegramm verfaßt, welches seinen Namen so schnell in ganz Europa bekannt machte, und die Energie, mit welcher der Siebenziger eine beschwerliche Reise zu einem wenigstens ihm selbst genügenden Ziele brachte, ist immerhin bewunderungswerth. Leider können wir aber nicht umhin vorauszusagen, daß der Glanz seiner Entdeckung eben so schnell untergehen wird, wie er aufgegangen ist, und die Kritik das, was Dr. Beke zuversichtlich seinen „Fund“ nennt, bald als seine wenig begründete „Vermuthung“ in die Anmerkungen von Specialwerken über biblische Geographie verbannen wird.

Dr. Beke hatte wiederholentlich und eifrig die Ansicht, der Sinai müsse ein Vulcan gewesen sein, ausgesprochen und vertheidigt. Die Stelle 2. Buch Mose Cap. 10. V. 18: „Und das ganze Volk sah die Donner und die Flammen und den Posaunenschall und den rauchenden Berg“ führt fast von selbst auf eine solche. Um seinen „Vulcan der Gesetzgebung“ zu finden, unternahm er die beschwerliche Reise nach Aegypten; der Vicekönig, welcher gut empfohlenen Gelehrten gern seine Unterstützung leiht, stellte ihm den kleinen Dampfer „Erin“ zur Verfügung, und so gelangte unser Reisender, trotz widrigen Wetters auf dem rothen Meere, an die Spitze des Golfs von Akaba, in deren Nordwesten sich auch die längst bekannte Insel Geziret el Firaun (Insel des Pharao) befindet, deren Vorhandensein ihn vielleicht auf den mindestens abenteuerlichen Vorschlag führte, die Juden nicht, wie man bisher allgemein annahm, durch den Golf von Suez, sondern durch den von Akaba*[1] schreiten und den Pharao in ihm ertrinken zu lassen.

[229] Unter der Führung des Schechs der Beduinen vom Alauwinstamme folgte er dem Wadi (trockenes Flußbett) el Ithem nach Nordosten und schlug am selben Tage sein Lager am Berge Bârghir auf, den die Araber auch Gebel en Nûr (Berg des Lichts) nennen sollen. Ein furchtbares Gewitter erinnerte ihn hier an die Bibelworte: „Und der Berg (Sinai) brannte im Feuer bis hoch in den Himmel bei Finsterniß, Gewölk und Donner.“ Am folgenden Morgen schickte er seinen Freund Mr. Milne, einen jungen Geologen, zur Erforschung des Berges aus. Dieser fand zuerst einen Stein mit einer halb verloschenen kufischen (altarabischen) Inschrift, in der sich noch die Worte „Ja Allah“ (O Gott), erkennen ließen. Bei einem umgefallenen Granitblocke sollen die Beduinen ihre Andacht verrichten und ein Heiliger, Sidi Ali Ibn Elim, soll vor Zeiten aus Syrien hierher gekommen sein, um zu beten. In einer Schlucht fand Mr. Milne ein Mauerstück neben einer Quelle, und etwa hundertfünfzig Ellen von dieser entfernt vier große Blöcke von demselben Granit, aus welchem der Berg besteht. Drei von ihnen standen aufrecht, einer war umgestürzt; alle trugen sehr undeutlich eingekratzte und verwitterte sogenannte sinaitische Inschriften. Auf der Spitze des Berges lagen zahlreiche Schädel und Hörner nebst einigen Knochen von Schafen, die sämmtlich schon vor längerer Zeit geschlachtet worden zu sein schienen. Hier sollten Mose und der Herr miteinander geredet haben, und die Araber ebendeswegen an dieser Stelle beten und opfern. Einige Felsblöcke waren so stark ausgewaschen, daß sich in ihnen weite höhlenartige Oeffnungen zeigten, was Dr. Beke sehr wichtig erscheint, weil es 2. B. Mose Cap. 33, V. 22 heißt, der Herr wolle, wenn er vorübergehe, Mose in eine Kluft des Felsens, also in eine Höhle, stellen. Außerdem weist der Entdecker darauf hin, daß sein Sinai wie der der Schrift von allen Seiten sichtbar sei und sich zu seinen Füßen ein Lagerplatz für viele Menschen befinde.

Sehen wir nun, welches Gewicht Dr. Beke’s Argumente haben. Er stützt sich auf folgende Umstände: Der Name „Berg des Lichts“ soll nach einem dunklen Gerüchte der Stelle der Zusammenkunft Mose’s mit Gott zukommen; es finden sich auf Felsen des Gebel en Nûr sinaitische Inschriften; an seinem Fuße breitet sich eine für ein Lager geeignete Fläche aus; er ist weithin sichtbar; man bringt Opfer auf seiner Spitze dar, bei denen man des Mose gedenkt; Traditionen sind vorhanden, die diese Höhe mit Mose in Verbindung bringen; der Berg enthält eine Höhlung, in der sich der Gesetzgeber verborgen haben könnte, und endlich befindet sich am Fuße des Gebel en Nûr ein Thal, dessen Name Ithem an das Etham der Bibel erinnert. Alles dies veranlaßt ihn, seine Lieblingshypothese, der Sinai müsse ein Vulcan sein, aufzugeben und einen Berg ohne Rauch und Posaunenschall, in dessen Umkreise es aber zeitweise entsetzlich hell blitzt und furchtbar laut donnert, auf’s Zuversichtlichste für den Sinai der Schrift zu erklären. Einige von diesen Gründen sind nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen; ja sie würden auf ernstlichere Berücksichtigung Anspruch erheben dürfen, wenn nicht ähnliche und kräftigere Denen zu Gebote ständen, welche andere Berge für den Berg der Schrift halten. Ernstlich in Frage gekommen sind bisher nur die Gebel Musa-Gruppe mit dem Kloster der sinaitischen Mönche griechischer Confession im Südwesten der Sinaihalbinsel und der anderthalb Tagereisen weiter nach Nordwesten zu gelegene majestätische Serbâl.

Die Namen aller drei sind bedeutungsvoll. Der Gebel Musa hat seinen Namen „Mosesberg“ wohl erst in später Zeit empfangen, in dem Serbâl ist längst eine uralte Cultusstätte (auch wegen seines Namens) erkannt worden, und wenn es weiter nach Osten hin einen Gebel en Nûr giebt, so kann auch dieser von den auf Bergeshöhen opfernden Nabathäern bestiegen worden sein, die dort den Gestirnen, die sie anbeteten, ihre Dienste dargebracht haben mögen.

Aber heißt dieser Berg zweifellos Gebel en Nûr oder „Berg des Lichts“? Bisher war er nur unter dem Namen Gebel el Bârghir bekannt und Beke suchte nach einem Gebel en Nûr, von dem er in Aegypten gehört hatte, auf ihm habe Gott mit Mose gesprochen. Jedenfalls wird er den Schech, der sein Führer war, nach dem „Berge des Lichts“ gefragt haben, und wer die Wüstensöhne kennt, der muß wissen, wie schnell sie bereit sind, derartige Fragen nach Gutdünken zu beantworten. Ein Firman des Vicekönigs zwang den Schech der Alauwin, Dr. Beke zu begleiten, und je schneller er diesen finden ließ, was er suchte, je eher konnte er hoffen, von seiner ferneren Führung losgesprochen zu werden. Indessen mag der Gebel el Bârghir immerhin auch Gebel en Nûr heißen. Namen beweisen hier gar nichts, denn auf diesem ganzen Gebiete und selbst in dem wüsten Theile des nordöstlichen Aegypten wimmelt es von Stellen, die nach Mose benannt sind. Wir kennen zwanzig Mosesbrunnen und die Gelehrten der großen englischen Expedition (Wilson, Palmer und Holland), denen die Aufgabe gestellt war, das „Heilige Land“ zu durchforschen, und die ihre Aufgabe vortrefflich lösten, werden gewiß einem Dutzend Moseshöhen begegnet sein.

Die sogenannten Sinaitischen Inschriften, die Beke’s Begleiter an dem Gebel en Nûr gesehen hat, sollen für des greisen Touristen Vermuthung sprechen; aber sie sind selten und unleserlich, während an der Gebel Musa-Gruppe und besonders am Serbâl viele und deutliche Inschriften dieser Art von uns selbst und von Anderen gesehen, copirt und veröffentlicht worden sind. Uebrigens finden sie sich in der ganzen Arabia Peträa, ja bis nach Syrien hin, und haben gar nichts mit dem Auszuge der Israeliten zu schaffen, weil sie, wie sie selbst lehren, in den der Verbreitung des Christenthums in diesen Gegenden vorausgehenden Jahrhunderten von Heiden in das Gestein gekratzt worden sind.

Der Leipziger Professor Eduard Friedrich Ferdinand Beer hat ihr Verständniß zuerst erschlossen und der gleichfalls in Leipzig lehrende Friedrich Tuch die Entzifferungsversuche seines zu früh verstorbenen Collegen sichergestellt und nach jeder Richtung hin verwerthet.

Es war zu erwarten, daß sich in der Gegend von Akaba Nabathäische Inschriften finden würden; aber sie können, wie wir sehen, von Dr. Beke höchstens als Beweismittel dafür herangezogen werden, daß heidnische Nabathäer den „Berg des Lichts“, vielleicht um hier zu opfern, besucht haben. Und der Lagerplatz unter dem Gebel en Nûr! Ein solcher (das große und geräumige Wadi er Râha) findet sich auch am Sinai der Mönche am Fuße des Râs es Sassafeh und, wenn auch in kleineren Dimensionen (das Wadi Feirân), am Serbâl. Die majestätische Höhe des Gebel en Nûr wird von der der beiden anderen Berge um mehrere tausend Fuß übertroffen. Die Araber bringen dem Andenken an die Zusammenkunft des Musa (Mose) mit dem Herrn sowohl auf dem Gebel Musa, wie auf dem Serbâl Opfer dar. Die Traditionen, von denen Dr. Beke zu erzählen weiß, sind äußerst dürftig, während am Serbâl und am Sinai der Mönche früh aufgezeichnete Ueberlieferungen in Fülle vorhanden sind und alte Opferstätten mit dem Namen des Gebel Munâgât, d. i. des Berges der Unterredung (des Mose mit Gott), heute noch existiren.

An der Gebel Musa-Gruppe wird für jede Scene des großen Gesetzgebungsdramas ein nach derselben benannter Schauplatz gezeigt; hier aber haben die Mönche die Stellen, welche ihnen passend schienen, ausgewählt und bezeichnet. Am Serbâl ließe sich schon eher an manchen Stellen an alte Traditionen denken. Freilich ist es mit diesen Ueberlieferungen, so reich sie auch scheinen mögen, traurig genug beschaffen, denn es ist durchaus nicht anzunehmen, daß man zur Zeit der ersten Christen, welche sich als Anachoreten und Coenobiten in diesen felsigen Einöden niederließen, den Berg der Gesetzgebung mit Sicherheit zu bezeichnen im Stande gewesen sei; steht es doch fest, daß das ganze Alte Testament von keinem Besucher des Sinai mit einziger Ausnahme des flüchtigen Elias zu berichten weiß, und daß die Arabia Peträa vor den ersten christlichen Einwanderern viele Jahrhunderte lang von heidnischen Stämmen bevölkert ward, die nicht das Geringste von Mose und der Gesetzgebung zu wissen vermochten.

Durch die christlichen Einsiedler erhielten Höhen und Thäler ihre biblischen Namen, und die frommen Väter zeigten sich nicht sonderlich vorsichtig bei ihrer Wahl. Jede größere Eremitengruppe wünschte eine der heiligen Stätten auf ihrem Gebiete zu besitzen, und so konnte es kommen, daß räumlich ziemlich weit auseinanderliegende Localitäten mit den gleichen heiligen Namen belegt wurden. Der Serbâl scheint von den ersten Anachoreten, erst von späteren die Gebel Musa-Gruppe für den Berg des Herrn gehalten worden zu sein. Als der Islâm in [230] diese felsigen Wüstenei einzog, folgten die Anhänger des Propheten ohne Bedenken den besser als sie unterrichteten Mönchen. Der Gebel Musa ist ihnen der von Mohammed heilig gehaltene Sinai. Hier werden dem Mose Opfer in Mengen geschlachtet. Am Serbâl ist gleichfalls die alte Tradition lebendig geblieben. Auch in der zu ihm gehörenden Höhe des Gebel Munâgât befindet sich ein Steinkreis, in dem die Beduinen irgend eine kleine Votivgabe niederlegen, Opfer darbringen und dabei folgende bezeichnende Verse zu singen pflegen: „O Platz des Zwiegesprächs des Mose! Wir suchen Deine Begünstigung. Behüte Dein gutes Volk und wir wollen Dich jedes Jahr besuchen!“ – Was wollen gegen diese Darbringungen und Traditionen diejenigen bedeuten, von denen Dr. Beke zu erzählen weiß?

Was die Höhlen in dem Gefels des „Berges des Lichts“ angeht, so können sie sich wohl kaum mit den gleichfalls durch Verwitterung entstandenen am Serbâl messen, welche der Geologe Fraas eingehend beschrieben hat. Gedenkt man am Gebel en Nûr wirklich des Mose, so ergiebt sich daraus weiter nichts, als daß auch hier Eremiten gehaust und dem Andenken des großen Gesetzgebers, als dessen Nachfolger sie in die Wüste gegangen, eine Stätte geweiht haben, denn zwischen den Tagen des Auszugs der Israeliten und dem Vordringen des Islâm bis nach Akaba haben auch hier (und dafür sprechen gerade die sinaitischen Inschriften) viele Jahrhunderte lang Heiden gehaust.

Sollte das Gemäuer an dem Quell, welches Mr. Milne auffand, keiner Eremitenklause angehört haben? Und wie kommt das biblische Etham (Wadi Ithem) hierher? Der strenggläubige Beke wird es schwer haben, die dritte Station der wandernden Juden an den Fuß des Sinai zu verlegen, wenn er auch, und das ist ganz ungeheuerlich, den Pharao in dem Golfe von Akaba ertrinken läßt. Ist das ägyptische Heer mit seinen Wagen durch das unwegsame Hochgebirge gezogen, oder folgte es den Israeliten durch das Rothe Meer auf der Route, die der Dampfer „Erin“, welcher Dr. Beke nach Akaba führte, in zehn Tagen zurücklegte? Die Berichte über den Auszug haben sicher eine historische Grundlage, sind aber erst, nachdem sie längst legendarische Formen angenommen, niedergeschrieben worden. Wollte man Mr. Beke’s Hypothese annehmen, so wäre man gezwungen, an Stelle dieser Grundlagen eine Reihe von neuen Wundern zu setzen, von denen der mit der natürlichen Möglichkeit an den meisten Stellen wohlvereinbare biblische Bericht nichts weiß.

Das Gewitter, welches Dr. Beke am Fuße des Gebel en Nûr erlebte, mag sehr heftig gewesen sein; ja es muß den greisen Bibelforscher tief erschüttert haben, denn es läßt sich annehmen, daß sich während der furchtbaren Donner und Blitze, die den Gebel en Nûr in diesem Winter, wie den Sinai bei der Gesetzgebung, umzuckten, Dr. Beke’s Ueberzeugung, er stehe vor dem Berge des Herrn, gekräftigt, ja vielleicht erst gebildet habe. Eindrücke entscheiden aber nichts in historischen und geographischen Fragen und wir möchten bezweifeln, ob das Unwetter, das unseren Entdecker bei seinem neuen Sinai überfiel, einen majestätischeren Verlauf genommen habe, als dasjenige, welches uns im Wadi Laboi zwischen dem Gebel Musa und Serbâl überfiel, und das wir in unserem „Durch Gosen zum Sinai, aus dem Wanderbuche und der Bibliothek“ beschrieben haben. Man sieht, mit wie großem Rechte Dr. Beke von einem neuen Sinai spricht! Er stellt, wie wir gezeigt zu haben glauben, an die Freunde der biblischen Geographie das leider sehr bestimmt ausgesprochene Ansinnen, ein besser erwiesenes Altes zu Gunsten eines schlechter erwiesenen Neuen aufzugeben.

Was würde man von einem wenn auch noch so redlich gesinnten Archäologen sagen, der ankündigte, daß er ausziehe, um die Vaterstadt des Homer zu suchen und der, vierundzwanzig Stunden nachdem er den Boden Griechenlands betreten, in die Heimath telegraphiren wollte: „Ich habe, obgleich kein neues schriftliches Zeugniß meine Ansicht unterstützt, mit Sicherheit die Heimath des Sängers der ‚Ilias‘ zu entdecken das Glück gehabt!“?

Georg Ebers.




Aus der Stadt des ersten protestantischen Bündnisses.


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Das Lutherhaus in Schmalkalden.


Wenn man, mit der Werrabahn von Eisenach kommend, die Station Wernshausen erreicht hat, so bemerkt man links ein Seitenthal, durch dessen Oeffnung die grünen Berge des Thüringer Waldes grüßend herniederschauen. Eine erst kürzlich vollendete Zweigbahn führt in diesem Thale aufwärts bis zu der Stadt Schmalkalden, die dem Leser der Gartenlaube aus der Reformationsgeschichte und als Geburts- und Sterbeort des Componisten der „Wacht am Rhein“ dem Namen nach bereits bekannt ist.

Besteigen wir den wartenden kleinen Zug! Er führt uns im Fluge über die nette eiserne Werrabrücke, an den Dörfern Nieder- und Mittelschmalkalden, Haindorf und Aue mit den Eisenwerken von Utendörffer und Eichel vorüber, der ehrwürdigen Stadt zu.

Bald liegt sie vor uns, zwischen anmuthigen Höhen, am Fuße des Questenberges, auf dessen Vorsprunge das Schloß Wilhelmsburg thront. Die altmodischen, bunten Häuser sind um die stattliche Hauptkirche geschaart, wie die Küchlein um die Henne, wenn der Habicht in der Luft kreist und ihr ängstliches Glucksen vor der Gefahr warnt, und doppelte Ringmauern umgeben schützend Stadt und Schloß. Es ist die Bauart des Mittelalters, die dem Bedürfnisse der Sicherheit alle anderen Rücksichten opferte. Aber kein bärtiger Geselle mit der Blechhaube auf dem Kopfe und der Armbrust auf der Schulter macht mehr die Runde hinter den schmalen Schießscharten; der breite Wallgraben ist ausgefüllt und in freundliche Gärten verwandelt; die Mauern sind stark verwittert und stellenweise halb verfallen. An drei Punkten ist der graue Doppelgürtel ganz durchbrochen, und Vorstädte sind über ihn hinaus an den Ufern der hier sich vereinigenden Schmalkalde und Stille entlang gewachsen. Ringsum ziehen sich Gärten, Baumpflanzungen und wogende Saatfelder an den Bergwänden hin, und im Hintergrunde erheben sich rechts die schroffen, tannengekrönten Gipfel der Stillersteine und die steilen Buchwaldkuppen der Asbacher Berge, während links von der Queste der majestätische zweitausendsiebenhundert Fuß hohe Höhnberg, mit einem prachtvollen Mantel von dunkeln Tannenwäldern

[231]
Die Gartenlaube (1874) b 231.jpg

Ansicht von Schmalkalden. Nach der Natur aufgenommen von H. Heubner.

[232] und frischgrünen duftigen Waldwiesen bekleidet, das altersgraue Felsenhaupt in die klare, blaue Frühlingsluft emporreckt und stolz herabsieht auf den mit gekrümmtem Rücken zu seinen Füßen kauernden Haderholz mit der zähen, röthlichen Porphyrklippe, auf die Menge der umliegenden niedrigeren Waldberge, stillen, lauschigen Wiesgründe und halbversteckten, lieblichen Dörfer. Trillernd steigen die Lerchen über den Kornfeldern in die Höhe. Schaaren schreiender Schwalben tummeln sich über den braunen Ziegeldächern, und aus den blühenden Obstgärten tönt der melodische Gesang der Grasmücken und der schmetternde Schlag der Finken.

Und doch ist es weniger die schöne Umgebung als die Geschichte Schmalkaldens, die unser Interesse in Anspruch nimmt.

Die Entstehung der Stadt ist, wie die vieler anderen, in undurchdringliches Dunkel gehüllt und mit Sagen umwoben. Eine derselben nennt den Grafen Smalko im achten Jahrhundert, eine andere sogar Julius Cäsar als den Erbauer; aber das schmale Thal mit seinem kalten Wasser bietet eine bessere Erklärung des Namens, und der römische Imperator ist bekanntlich nie in diese Gegend gekommen. Dieselbe gehörte, nach der Zertrümmerung des mächtigen Reiches der Thüringer durch die Sachsen und Franken, zu dem zwischen Rhön und Thüringer Wald gelegenen fränkischen Gau Grabfeld und ist wahrscheinlich, des vortrefflichen Eisensteins wegen, schon lange besiedelt gewesen, ehe sie von Bonifaz, der hier das Bild des Götzen Svantevit zerstört haben soll, zum Christenthume bekehrt wurde. Der Ort besteht wenigstens schon tausend Jahre; denn im Jahre 874 schenkte die reiche Kunhild dem Kloster in Fulda ihre Güter im Grabfelde, und die Schenkungsurkunde erwähnt unter den Ortschaften auch Smalacalta, welches eine Villa (Gut, Hof, Weiler) genannt wird. Nachdem die Gaugrafschaft erblich geworden, kam Schmalkalden als Heirathsgut der Gräfin Gisela an ihren Gemahl, Kaiser Konrad den Zweiten, der es ihrem Vetter Ludwig dem Bärtigen schenkte. Als dessen Nachkomme, Ludwig der Heilige, der Gemahl der heiligen Elisabeth, mit Kaiser Friedrich dem Zweiten in’s gelobte Land ziehen wollte, versammelte er hier seine Familie, seine getreuen Räthe und Freunde. Er übertrug seinem Bruder Heinrich Raspe die Regierung und die Sorge für die Seinigen und nahm einen thränenreichen Abschied von Weib und Kindern. Diese riefen ihm noch weinend nach: „Gute Nacht, lieber Vater! Viel tausend gute Nacht, herzgüldener Vater!“

Zwei Bilder, das eine von Schwind’s Meisterhand, auf der Wartburg, das andere in der Elisabethenkirche zu Marburg, verherrlichen diese rührende Scene. Es war am 24. Juni 1227, als der fromme Fürst mit einem stattlichen Gefolge von zweihundert Rittern und Reisigen „oppido suo Smalcaldin“ (aus seiner Stadt Schmalkalden), wie der alte Chronist sagt, den Zug antrat, von welchem er nicht wiederkehren sollte; in Otranto raffte ihn im Alter von nur achtunddreißig Jahren eine bösartige Seuche weg. Nach dem Tode Heinrich Raspe’s, der sorglos und pflichtvergessen Thüringen an sich gerissen, kam die Stadt noch vor Ende des Thüringer Erbfolgekrieges an Hermann den Zweiten von Henneberg, einen Sohn des Grafen Poppo des Siebenten und der Jutta, der Schwester der letzten thüringischen Landgrafen. Das Henneberger Geschlecht hielt große Stücke auf die neue Besitzung; namentlich begünstigte sie Fürst Berthold der Siebente. Er wählte sie zur Residenz, umgab sie mit Mauern, wirkte ihr reichsstädtische Freiheiten aus und bestimmte in seinem Testamente, daß sein Herz daselbst aufbewahrt werden sollte. Im Jahre 1360 erwarb sie der hessische Landgraf durch Kauf zur Hälfte, und dieses Fürstenhaus besaß sie hinfort mit den Hennebergern gemeinschaftlich bis 1583, wo sie durch das Aussterben der letzteren ganz an Hessen fiel.

Inzwischen war der großartige Kampf für Geistes- und Gewissensfreiheit entbrannt, in welchem deutscher Geist und Muth, deutsche Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und sittliche Kraft die tausendjährigen, von herrschsüchtigen Päpsten geschmiedeten Fesseln brachen und die durch willkürliche, starre Dogmen und verknöcherte Formen zum bloßen äußerlichen Cultus herabgesunkene christliche Religion wieder zur innersten Herzensangelegenheit machten. Mit der Reformation tritt der Name des bescheidenen Städtchens in den Vordergrund der Weltgeschichte, und diese seine Glanzperiode verdient eine genauere Betrachtung.

Wie die aufgehende Sonne mit ihren Strahlen die grauen Nebel zertheilt und lichtscheue Eulen in ihre dunkeln Schlupfwinkel scheucht, so zerriß Luther’s Lehre und Bibelübersetzung das große Spinnengewebe, mit welchem Päpste und Concilien das reine Evangelium umhüllt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt hatten, und verbreitete Schrecken unter der unwissenden und lasterhaften Geistlichkeit. Es war Licht geworden, und massenhaft war der Abfall von der „alleinseligmachenden Kirche“. Mochte das Wormser Edict den „Ketzer“ Luther mit all seinen Anhängern und Beschützern in die Reichsacht erklären und seine Schriften streng verbieten; mochte der Kaiser, dem ersten Speier’schen Reichstag zum Trotz, geheime Instructionen zur Ausrottung der neuen Lehre ergehen lassen; mochten die katholischen Fürsten zu diesem Zwecke einen Bund schließen; mochte der Reichstag zu Augsburg die evangelische „Secte“ mit dem Interdict und der weltlichen Macht bedrohen, wenn sie nicht binnen sechs Monaten in den Schoß der katholischen Kirche zurückkehrte: es schreckte weder den kühnen Reformator, noch die protestantischen Fürsten und das Volk. Täglich wuchs die Zahl der Evangelischen. Aber Vorsicht war der drohenden Haltung der katholischen Mächte gegenüber geboten; darum beriefen die Häupter der Protestanten ihre Glaubensgenossen nach Schmalkalden zum Abschluß eines Bündnisses, das im März 1531 auch zu Stande kam. Von 1529 bis 1543 sind dort überhaupt neun Versammlungen gehalten worden; die wichtigste war die im Jahre 1537.

In den ersten Tagen des Februar jenes Jahres belebten sich die nach Schmalkalden führenden Straßen mit glänzenden Zügen von Fußvolk, Reitern und Wagen, mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen und Standarten. Fünfundzwanzig evangelische Fürsten und Herren, zunächst die Häupter des Bundes, der biedere Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen und der ritterliche Landgraf von Hessen Philipp der Großmüthige, dann die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, die Fürsten Wolfgang, Georg und Joachim von Anhalt, die Grafen Albrecht und Gebhard von Mansfeld, die Herzöge Philipp von Pommern, Ulrich von Würtemberg und Philipp von Braunschweig-Grubenhagen, die Grafen Heinrich von Schwarzburg, Wolfgang und Georg von Henneberg, vier Grafen von Nassau, die Markgrafen Johann und Georg von Brandenburg, die Herzöge Ruprecht von Zweibrücken, Friedrich von Liegnitz und Heinrich von Mecklenburg, jeder mit einem zahlreichen Geleite edler Vasallen und handfester Krieger, zogen unter dem Geläute aller Glocken und den Klängen kriegerischer Musik, von den begeisterten Jubel- und Hochrufen einer zahllosen Menschenmenge begrüßt, in die festlich geschmückte Stadt ein. Ihnen hatten sich die Gesandten des Königs von Dänemark und der Städte Ulm, Augsburg, Straßburg, Kempten, Constanz, Eßlingen, Memmingen, Lindau, Schwäbisch-Hall, Magdeburg, Braunschweig, Hamburg, Bremen, Soest, Minden, Nordhausen, Vacha, Salzungen etc. angeschlossen. Im Gefolge der Fürsten waren ferner zweiundvierzig der hervorragendsten Gottesgelehrten, darunter vor allen Luther, der Gegenstand allgemeinster Begeisterung und Verehrung, dann Melanchthon Bugenhagen, Spalatin, Jonas, Agricola, Amsdorf, Menius, Mykonius, Buzer, Melander, Fontius, Kraft, Schnabel, Corvinus, Draconites, Noviomagus und andere.

Von katholischer Seite waren erschienen der alte Graf Wilhelm von Henneberg, der angeblich gegen die Versammlung protestirt hatte, und der kaiserliche Vicekanzler Held mit mehreren Räthen, wozu später noch der päpstliche Legat Peter Forst, Bischof von Acqui, kam.

Die Bundesfürsten nahmen ihre Wohnung auf dem Schlosse Wallrab, an dessen Stelle jetzt die Wilhelmsburg steht; das Gefolge war in den herrschaftlichen Häusern, die Abgeordneten und Theologen waren in Gasthäusern und Privatwohnungen untergebracht.

Am 7. Februar, einem Donnerstage, wurden nach einem feierlichen Gottesdienste in der Hauptkirche die Verhandlungen auf dem Rathhause eröffnet. Der kaiserliche Gesandte trug der Versammlung vor, daß der Papst auf Verwendung des Kaisers ein allgemeines Concil nach Mantua ausgeschrieben habe, und lud zum Besuche desselben ein. Man erwiderte, mit dem Papste, der offen Partei gegen die Evangelischen ergriffen habe, könne man sich nicht einlassen; jetzt gebühre es dem Kaiser, wie einst Constantin gethan, ein Concil anzuordnen; eine italienische Stadt [233] gewähre ohnehin nicht die nöthige Sicherheit, auch sei es billig, daß deutsche Angelegenheiten auf deutschem Boden entschieden würden; man verwerfe also das Concil ganz und gar. Auf die Forderung von Hülfe gegen die Türken und Franzosen erklärte der Kurfürst, daß weder er noch seine Bundesgenossen sich zur Stellung von Hülfstruppen entschließen könnten, ehe ein dauerhafter Friede im Innern gesichert sei. – In den folgenden, theils im Rathhause, theils im Gasthofe zur Krone und in Luther’s Wohnung gehaltenen Versammlungen schritt man zur Ordnung von Bundesangelegenheiten und zur Berathung der „Schmalkalder Artikel“, einer neuen von Luther verfaßten Bekenntnißschrift, die von den Fürsten, Abgeordneten und Theologen einstimmig angenommen und am 24. Februar unterschrieben wurde.

An demselben Tage, wo sich die Evangelischen durch diesen Act entschiedener als je vom Papste und der katholischen Kirche losgesagt hatten, kam der Legat an mit zwei päpstlichen Schreiben an den Kurfürsten. Johann Friedrich empfing ihn kalt; der Landgraf ließ ihn gar nicht vor, sondern entfernte sich, um dem kranken Luther einen Besuch zu machen.

Dieser war am Stein heftig erkrankt und wurde von den entsetzlichsten Schmerzen gefoltert. Aber weder diese, noch die drohende Todesgefahr vermochten den gewaltigen Mann zu beugen. Er blieb sich gleich im felsenfesten Vertrauen auf den Sieg der guten Sache, gleich auch in seiner Liebe und in seinem Hasse. Mit fester Hand hatte er auf seinem Bette die Artikel unterschrieben mit den Worten: „In Gottes Namen! Ich kann nun in Frieden hinfahren! Beiß Dir die Zähne an diesen Artikeln aus, Papstdrache!“ Und nun verlangte er heim, um Weib und Kind noch einmal zu sehen, und damit seine Feinde nicht sagen könnten, er sei nach Schmalkalden gefahren, das Concil zu verwerfen, aber dort habe ihn die Hand des Herrn getroffen. Am 26. Februar bestieg er mit seinen Freunden Bugenhagen und Spalatin, seinem Famulus Tipontius und dem aus Erfurt herbeigeholten Arzte Dr. Sturz den kurfürstlichen Wagen, der ihn nach Wittenberg bringen sollte. Weinend und wehklagend umstanden ihn seine Freunde und Verehrer; da lehnte er sich aus dem Schlage heraus und rief ihnen zum Abschiede mit lauter Stimme zu: „Lebt wohl, lebt wohl! Gott erfülle Euch mit Haß gegen den Papst!“ In dem nahen Tambach, auf der anderen Seite des Gebirges, trat unerwartet Besserung in seinem Befinden ein. Er schrieb dies seinem Freunde Melanchthon und sandte den Famulus mit dem Briefe zurück. Als Tipontius an der Wohnung des Legaten vorüberkam, schrie er so laut, daß dieser es hören mußte: „Luther lebt!“ Dann brachte er den besorgten Freunden die frohe Kunde.

Bis zum 6. März blieben die Verbündeten noch, dann zog Jeder seine Straße; das Städtchen wurde wieder still; die Einwohner kehrten zu ihren gewohnten Beschäftigungen zurück, und von all der Pracht und Herrlichkeit blieb nur die Erinnerung.

Schwere Zeiten brachen später herein; erst der schmalkaldische, dann der dreißigjährige Krieg, in welchem die Stadt von beiden Parteien abwechselnd gebrandschatzt, geplündert und angezündet wurde, von den Kaiserlichen, weil sie protestantisch, von den Schweden, weil sie dem auf Seiten des Kaisers stehenden Landgrafen von Hessen-Darmstadt verpfändet war. Mehr als einmal griffen die verzweifelten Bürger zu den Waffen und vertrieben die verwilderten Kriegerschaaren, wofür sich diese freilich jedesmal blutig rächten.

Trotz dieser und anderer Stürme sind die aus der Reformationszeit merkwürdigen Gebäude noch wohl erhalten, so daß sich ein Gang durch die unregelmäßigen, aber reinlichen Straßen reichlich lohnt.

Hat man von den zierlichen Bahnhofsgebäuden aus den Altenmarkt erreicht, so fällt einem zunächst die imposante Kirche in die Augen, in deren hohen gothischen Hallen im Jahre 1537 vier Wochen lang Tag für Tag die berühmtesten Gottesgelehrten der damaligen Zeit vor einem glänzenden Auditorium predigten. Nicht weit davon steht das alte, steinerne Rathhaus; in dem Rathszimmer hinter jenem großen Bogenfenster wurden die Hauptversammlungen gehalten. Gegenüber ist das Gasthaus zur Krone, ein anderes Versammlungshaus, wie ein daran angebrachtes Wappen und ein Schild anzeigen. Gehen wir von hier über die „Salzbrücke“, die enge Steingasse hinauf, so fällt uns dort, wo sie auf den Luthersplatz (ehemals Töpfermarkt) mündet, am Fuße des Schloßbergs ein Haus auf, aus dessen Giebelseite ein Schwan hervorragt. Das ihn umgebende Schild zeigt rechts das Siegel Luther’s (Herz, Kreuz und Rose), links das Melanchthon’s (die eherne Schlange) und die Inschrift: „Versammlungshaus der evangelischen Stände und Theologen bei Verfertigung der Schmalkalder Artikel. Anno 1537.“ Dies ist das Lutherhaus. Dort oben im Eckzimmer des zweiten Stocks mit den gemalten Fensterscheiben wohnte der große Reformator bei dem hessischen Rentmeister Balthasar Wilhelm; dort unterschrieb er auf seinem Schmerzenslager die Artikel. Das Haus ist im Wesentlichen unverändert geblieben, nur hat sein jetziger Besitzer, Herr Feodor Wilisch, das Erdgeschoß für seine Buchhandlung eingerichtet.

Wir setzen unsern Weg fort durch die Herrengasse, über den Neumarkt, durch die Weidebrunnergasse, an jenem großen steinernen Hause vorbei, wo der Legat wohnte, und wir gelangen nach dem Weidebrunnerthore, der bedeutendsten der Vorstädte. Sprühende Essen, pfauchende Blasbälge, der Klang der Hämmer und das Geräusch der Feilen bekunden, daß Vulcan hier seine Werkstatt aufgeschlagen, und hier werden bis auf den heutigen Tag „Schmalkalder Artikel“ gemacht; freilich keine kirchlichen Bekenntnißschriften, sondern die unter diesem Namen bekannten Eisenwaaren.

Schmalkalden ist jetzt ein betriebsames Städtchen von fast sechstausend Einwohnern, das die geschätzten Erzeugnisse seiner Maschinen-, Ahlen-, Striegel-, Löffel-, Zangen- und anderen Fabriken in alle Welt versendet. Auch hat es ein heilkräftiges Sool- und Mineralbad.

Hiermit sind wir mit einem Male aus der großen Vergangenheit wieder in der nüchternen Gegenwart angelangt. Nüchtern ist sie und doch auch groß und der Reformationszeit in manchen Stücken ähnlich, denn auch sie ist eine Zeit des Kampfes zwischen dem (diesmal unfehlbaren!) Papste und dem protestantischen Deutschland. Aber welch wunderbare Wandlungen von damals bis jetzt! Das durch jenen Religionsstreit zerrissene und geschwächte Vaterland ist wieder geeint und mächtiger als je zuvor; die deutsche Kaiserkrone prangt auf einem protestantischen Haupte, und weise Gesetze gewähren jedem Deutschen freie Religionsübung.
Hugo Simon.




Blätter und Blüthen.


Ein Wort zum Wehren und Klären. Durch ein harmloses Gelegenheitsgedicht, „Eine Weihe“ betitelt, welches ich dem Erstgeborenen meines Freundes Häckel (Professor der Zoologie und Anatomie in Jena) gewidmet und die Gartenlaube der Veröffentlichung werth gehalten hatte, ist ein Theil der orthodoxen Geistlichkeit und ihres Anhanges dermaßen in Harnisch gerathen, daß er über mich, meine Dichtung und das Blatt, welches „sich erfrecht“, so etwas aufzunehmen, in wahren Zorn und Zeter ausbricht. In einem halben Dutzend frommer Kirchenblätter wie in einer reichen Zahl von Zuschriften, die bald an die Redaction der Gartenlaube, bald an mich gerichtet sind, fährt der heilige Glaubenseifer noch täglich fort, sich Luft zu machen, und verursacht mir und meinen gleichgesinnten Freunden ein Ergötzen, das ich kaum beschreiben kann. Wollte ich mit einer hübschen Blumenlese daraus dieses Blatt schmücken, so würde ich auch wohl dem verehrten Leser ein vergnügtes Viertelstündchen bereiten, doch fürchte ich, Solches dürfte zu weit führen.

Ich begnüge mich denn, nur einige Angriffspunkte hier zu beleuchten, von denen ich annehmen darf, daß sie auch von allgemeinem Interesse sein werden. Interessant schon ist es, anzusehen, wie vollkommen blind der orthodoxe Eifer macht. Alle nämlich kommen darin überein, ich wolle die Welt mit einem neuen Taufformulare beglücken, was mir im Traume nicht eingefallen ist.

Ich habe, wie gesagt, Nichts als ein echtes Gelegenheitsgedicht verfaßt, in welchem ich versuche, einen Weiheact voll Schönheit und Sinnigkeit zu schildern, so recht geschaffen für das Kind eines freisinnigen Naturforschers, insbesondere für den Sohn Häckel’s, des begeisterten und berühmten Kämpfers und Weiterbilders der großen tiefsinnigen Ideen eines Geoffroy St. Hilaire, Lamarck, Goethe und vor Allem Darwin’s. Ja, um falschen Auffassungen von vorn herein vorzubeugen, stehen die Worte der Widmung „ausgedacht und dargebracht dem Erstgebornen seines lieben Ernst Häckel“ mit gesperrter Schrift gleich darüber. Aber das hilft Alles nicht. Wollen oder können die Orthodoxen es nicht fassen, genug, ich soll eine neue Taufe einführen wollen. –

Vor Allem hat man sich natürlich an dem rein Aeußerlichen gestoßen, daß ich nämlich über den jungen Erdenbürger einen Becher Weins ausgießen lasse. – Ich kann indessen versichern, dabei an das sogenannte Reinigungsbad der christlichen Taufe kaum gedacht zu haben, wohl aber


Hierzu die „Allgemeinen Anzeigen zur Gartenlaube“, Verlag von G. L. Daube & Comp.

[234] daran, daß der Wein schon im classischen Alterthum das schöne Symbol von Glück, Naturkraft und Natufreude war. Darum fand ich es schön und sinnvoll, auch den Kleinen unter den Worten:

„Einst werde zu Theil dir im Ueberfluß
Des Daseins hochherrlicher Vollgenuß!“

damit überströmen zu lassen. Wird doch auch die Schiffstaufe mit glückbedeutendem Weine vollzogen. Nur das Christenthum hat den Kelch mit Wein zum schauerlichen Symbol des Bluttrunks gemacht.

Fern vor allem war mir der auch nur leiseste Gedanke einer frivolen Verspottung der christlichen Taufe, wie mich deren Einige beschuldigen möchten. Ich bin wahrlich der Allerletzte, welcher den Stab bricht über irgend eine Religionshandlung, sie gehöre dem Heiden-, dem Juden-, dem Christenthum, dem Islam oder dem Buddhaismus an, wenn sie nur nicht durch Unsittlichkeit oder Unschönheit mein Gefühl verletzt. Solchen Hochmuth haben allein die Orthodoxen jener verschiedenen Religionen, die da glauben, daß nur sie in der Wahrheit wandeln, während unsere große Partei in allererster Linie die volle Gleichberechtigung jeder ehrlichen Religionsäußerung auf ihre Fahne schreibt.

In Bezug auf die Anfangsverse meines Gedichtes schelten mich Einige jener lichtscheuen Schaar geradezu einen Sonnenanbeter. Es heißt dort:

„Das ist die Sonne, die hohe, die helle,
Des Lichts und der Wärme erhabene Quelle etc.

Freue Dich ihrer, strebe zum Licht,
Sonst verdienst Du sie nicht.“

Freilich, wenn das schon Sonnenanbetung ist, dann treibe ich allerdings solche, denn ich freue mich ihrer wirklich und strebe zum Licht.

Andere sahen in der ganzen Dichtung sogar den „crassesten Götzendienst“. Für diese habe ich gar keine Antwort. Wieder Andere finden nur eine Gotteslästerung in dem Worte „Allmutter Erde“. Diesen sage ich einfach: Wenn Ihr keine dichterische Sprache verstehen könnt, müßt Ihr auch keine Gedichte lesen und noch weniger sie beurtheilen. Nach Einem soll ich dem Christenthume feind sein aus purem Schönheitsfanatismus. Da ich nun unter Schönheit nicht blos die äußere, die der Formen, Farben und Verhältnisse verstehe, sondern auch die innere, die sittliche und geistige Schönheit, so danke ich diesem Herrn auf’s Wärmste für solch schmeichelhaftes Compliment, das ich mit stolzer Freude annehmen würde, wenn ich es schon dürfte. Wie aber aus solchem Schönheitsfanatismus eine Feindschaft mit dem Christenthume gefolgert werden kann, verstehe ich nicht. Das ewig Wahre und Herrliche des Christenthums, sein ethischer Kern nämlich, wird jedem Schönheitsfanatiker heilig sein, auch wenn das Unschöne und Widersinnige mancher Dogmen ihn abstoßen sollte.

Am meisten habe ich wohl das Herz eines Herrn E. Sulze empört, dessen Organ, „Die Leuchte“, in Chemnitz erscheint, und dem mein Gedicht Anlaß giebt, eine ganze Nummer jenes Blattes mit Taufbetrachtungen zu füllen. Es ist geradezu unbegreiflich, wie ein vernünftiger Mensch die so einfache und klare Sprache meiner Dichtung so gänzlich mißverstehen kann. Wo ist Natur- und Menschenvergötterung darin, wie er mich deren beschuldigt? – Wo sieht es aus, als ob „das Kind der Sonne übergeben würde“? – Wo ist ein Leser, der bei meinen Worten in Bezug auf die Erde:

„Sie sollst Du erforschen, sie sollst Du erschließen,
Strebe und streife,
Schwelge und schweife,
Dringe hinein,
Sie sei Dein, sie sei Dein –“

nicht sofort ebenso an die geistige Beherrschung wie an die materielle gedacht hat? – Wo endlich ist Jemand, der da glaubt, ich habe bei den Worten:

„Einst werde zu Theil Dir in Ueberfluß
Des Daseins hochherrlicher Vollgenuß“

in frivoler Weise nur an materielle Genüsse gedacht, wie mir Herr Sulze zutraut? Doch genug von Diesem! Daß solche Kirchenlichter eine Tageshelle, wie die sonnenfreudige Gartenlaube sie liebt, nicht gut vertragen können, ist ja bekannt, denn schön und feierlich strahlen sie nur, wenn rings eine mystische Dämmerung herrscht. –

Daß man von verschiedenen Seiten das Gedicht selbst fade, unschön und langweilig gefunden hat, berührt mich noch weniger. Das ist eben Geschmackssache. Auch ich habe jede orthodoxe Predigt und jedes fromme Gedicht nicht immer übermäßig interessant und geistvoll finden können.

Zuschriften und Zustimmungen von nah und fern, von bekannter und unbekannter, genannter und ungenannter Hand beruhigen mich über meine Dichtung vollkommen und sagen mir sogar zu meiner hohen Herzensfreude, wie Vielen ich damit aus tiefster Seele ein wahrhaft lösendes Wort gesprochen habe.

Meine Dichtung stellt als unser Aller Aufgabe und Ziel „der Menschheit Vollendung“ hin. Giebt es ein höheres für uns, so nenne man mir’s; ich werde dankbar dafür sein.

Eines aber rufe ich hiermit dem ganzen orthodoxen Clerus und seinem Anhange zu: So Jemand in meiner Dichtung auch nur einen einzigen Gedanken nachweist, der mit dem Geiste des Christenthums im Widerspruche steht, bin ich sofort bereit, Alles zu widerrufen.

Rechtenfleth, im März 1874.

Hermann Allmers.     




Ein nothgedrungener Protest. Kaum ist die neueste Marlitt’sche Novelle „Die zweite Frau“ in unserem Blatte bis zur Hälfte zum Abdrucke gekommen, und schon lassen drei fingerfertige Dramatiker, Karl Viereck, Hugo Busse und Paul Blumenreich, Personen und Handlung dieser Erzählung über ebenso viele Berliner Bühnen, über die Bretter des Vorstädtischen, des Réunion- und des Belle-Alliance-Theaters gehen. Wenn wir uns schon früher gegen ähnliche Gewaltstreiche, welche theilweise von denselben Dramatiseurs an den Novellen unseres Blattes verübt wurden, auflehnten, so müssen wir gegen dieses neueste dreifache Attentat, auch im Namen der Verfasserin der Erzählung, um so eindringlicher protestiren, als es sich gegen das noch völlig unabgeschlossene Geisteswerk einer allbeliebten Schriftstellerin richtet. „Die zweite Frau“ wird den Lesern der Gartenlaube erst Ende Mai oder Anfang Juni vollendet vorliegen, und bis jetzt sind der Fortgang der Handlung der Novelle und die Entwickelung der in ihr geschilderten Charaktere lediglich unserer Redaction bekannt; nichts destoweniger haben die genannten Herren die Stirn, die ganz unfertige Erzählung aus höchsteigener Phantasie dramatisch zu Ende zu führen, während die noch ungedruckte Hälfte derselben in Handlung und Charakteren eine Entwickelung aufweist, die mit den willkürlichen Abschlüssen der Dramatiseurs nichts gemein hat. Da ein Gesetz, welches die deutschen Schriftsteller gegen die Uebergriffe der dramatischen Speculation schützt, leider noch immer nicht vorhanden, so bleibt uns nichts weiter übrig, als an den öffentlichen Gerechtigkeitssinn zu appelliren und die moralische Entrüstung aller rechtlich Denkenden gegen ein derartiges dramatisches Brigantenthum wach zu rufen.

Die Redaction der Gartenlaube.     




Erklärung. Wie ich mehrseits erfahre, wird die Beilage zu Nr. 10 der „Gartenlaube“, überschrieben „Ein Werk redlichen deutschen Fleißes“, dem Bibliographischen Institute in Hildburghausen zugeschoben und als ein anonymer Ausfall gegen das Spaarmann-Pierer’sche Conversationslexikon zum Vorwurf gemacht. Alledem entgegen erkläre ich hiermit, daß ich der Verfasser und alleinige Herausgeber dieser Beilage bin und die Verantwortlichkeit für deren Inhalt trage. Ich füge Dem noch hinzu, daß das Bibliographische Institut erst nachträglich von mir davon unterrichtet worden ist, daß diese „Beilage“ nicht von der Redaction der „Gartenlaube“, sondern ausschließlich von mir ausgegangen sei. – Ob meine Besprechung des betreffenden Werks eine gerechtfertigte war und ihren Zweck erreicht hat, mag das Publicum nach der Thatsache beurtheilen, daß nunmehr Herr Spaarmann selbst den ersten, kaum vollendeten Band seines „Pierer“ – trotz der vielen „brillanten Recensionen“ – für Maculatur erklärt, indem er in einem geschäftlichen Circular denselben neu bearbeiten, drucken und gegen den alten umtauschen zu wollen verspricht. Gewiß: „ein literarisches Ereigniß“!

Dr. Friedrich Hofmann in Leipzig.     




Kleiner Briefkasten.

F. S. in Berlin. Daß die Niederschlesisch-Märkische Eisenbahn-Direction von einem ihr zustehenden Rechte rücksichtslosen Gebrauch macht, indem sie einen dreiundachtzigjährigen Greis, welcher siebenundzwanzig Jahre ihr als Maschinenputzer gedient und aus Altersschwäche dienstuntauglich geworden, mit einem einmaligen „Gnadengeschenk von fünfundzwanzig Thalern“ pensionslos entläßt, ist ebenso traurig, wie die Thatsache, daß derselbe Greis als Kämpfer der Kriege von 1813 bis 1815 nur eine monatliche Militärpension von zwei Thalern bezieht; – aber es sollte diesem Veteranen Sündermann zu Sorau doch von seiner Heimathprovinz geholfen werden können, ohne alle Deutschen der Welt wieder durch die Gartenlauben-Posaune in Bewegung zu setzen. Die Adresse ist genannt; thue Jeder auf eigene Faust, wozu das Herz ihn treibt! – Für Ihre anderen Beilagen besten Dank! Zu gebrauchen sind sie nicht mehr.

Akademische Preisfrage: „Wie, wann und wo ist die Studentensitte des Salamanderreibens als Ehrenbezeigung entstanden?“ Erst zu Anfang der vierziger Jahre kam sie von Heidelberg her nach Jena; der Erfinder derselben kann demnach noch gar wohl selbst am Leben und im Stande sein, Licht in das Dunkel dieses akademischen Brauchs zu bringen.

Eine Beamtenwittwe sieht sich gezwungen, wenn auch mit schwerem Herzen, die selbst gesammelten, schön gebundenen und gut gehaltenen zwanzig Jahrgänge der Gartenlaube von 1853 an, also auch die in der Verlagshandlung gänzlich vergriffenen Bände, zu veräußern. Wir bitten Kaufliebhaber, uns ihre Angebote zu thun.

K. in Berlin. Wenn Sie in den Frühjahrsmonaten nach Dresden übersiedeln, können Sie sich selbst überzeugen. Der von Ihnen so liebenswürdig belobte Künstler Herbert König, unser langjähriger Mitarbeiter, wird dort im Monat Mai die vierte seiner Ausstellungen von Aquarellskizzen eröffnen und somit Ihnen Gelegenheit geben, mit eigenen Augen zu sehen und zu prüfen.

C. J. in Gutschina. Für Uebersetzungen hat unser Blatt keine Verwendung. Senden Sie uns gefälligst ein Couvert mit Ihrer russischen Adresse, damit wir Ihnen darin das Manuscript wieder zugehen lassen können!

Die Pommeranzen von H. Wenn man so liebenswürdig und eindringlich zugleich bittet, wie die beiden Briefstellerinnen aus dem Jerichow’schen Kreise, ist Widerstand unmöglich. Wie Sie sehen, sind wir in den letzten Nummern Ihrem Wunsche nachgekommen.

Frau P. L. in Bischofswerda. Ihr Manuscript, welches zum Drucke nicht geeignet ist, wurde uns als unbestellbar von der Post in Bischofswerda retournirt. Verfügen Sie gefälligst über dasselbe!

P. v. M. in H. Eine Charakteristik und ein Bild Bock’s erscheinen in einer der nächsten Nummern.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. * Die Sinaihalbinsel ist ein von hohen Felsengebirgen erfülltes Wüstenland, das sich in dreieckiger Form in das rothe Meer hineinschiebt. Der schmale Arm des letzteren, der sie im Westen bespült (der Golf von Suez), endet im Norden bei der Stadt Suez. An der nördlichsten Spitze des Meerbusens in ihrem Osten (Golf von Akaba) liegt, mehr nach Morgen hin, der Ort und das Fort von Akaba, in südwestlicher Richtung ihnen gegenüber Geziret el Firaun, die Pharaoneninsel.

Anmerkungen (Wikisource)