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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1860
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1860) 481.jpg
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[481]

No. 31. 1860.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Sigrid, das Fischermädchen.
Von Theod. Mügge.
(Schluß.)

Kein Strauch und kein Halm war auf der Klippe zu sehen, wohin Gullik den Sack mit dem Seehunde geschleppt hatte. Zerrissen und ausgewühlt lagen die Felslager, zertrümmert und zerborsten von vieltausendjährigen Stürmen. Nur aus manchen Fugen wucherten schilfige Fäden, die im Winde raschelten, und unten stöhnte das Meer, wenn es gurgelnd in die tiefen Höhlungen drang, die es in zeitlosen grimmigen Kämpfen geschaffen. Wenn Winterstürme wütheten, flog die Brandung über die Klippe fort und zwischen den Felslagern senkten sich tiefe Köcher hinab, die von Eis und Schnee ausgefressen, zerbröckelt und zermürbt waren und auf deren Grunde schlammiges Wasser dunstete. Zu einem solchen Loche schleifte Gullik den Sack, blieb dabei stehen und sah hinunter. Es war mehr als zehn Fuß tief, von allen Seiten steil und fast rund. Bartflechten hingen darin nieder bis auf die schwarze, zitternde Flüssigkeit, die den Boden bedeckte.

Ein paar Augenblicke starrte Gullik vor sich hin, dabei falteten sich seine harten Hände zusammen, er stand in tiefen Gedanken. Darauf aber ließen sich seine Finger los, und langsam kamen die Worte über seine Lippen: „Es muß so sein, also mag’s geschehen!“ Und indem er mit der linken Hand nach dem Sacke griff, faßte seine rechte in die Tasche; er zog dort sein Messer heraus, ließ aber die Scheide darin stecken. Es war ein langes scharfes Messer, wie es die Fischer zum Ausweiden der Fische bei sich führen. Mit einem Schnitt ist der stärkste Kabeljau damit von oben bis unten aufgerissen, die scharfe Spitze trennt ihm Kehle und Kopf. Gullik hielt es in seiner vollen Hand so gefaßt, wie es zu Stoß und Schnitt nöthig war, und während er sich bückte und die Schnur vom Sacke zurückschlug, schlossen sich seine Finger fester um den Griff des Messers, als wollte er rasch sein blutiges Werk thun. Da wühlte sich der graue dicke Kopf des Seehundes aus der Umhüllung hervor, und die Freude, welche das Thier empfand, dem Gefängniß entronnen zu sein und den wohlbekannten Beschützer nun zu sehen, drückte sich in seinen glänzenden Augen und schnellen, schmeichelnden Bewegungen aus. Er kroch zu Gullik’s Füßen, blickte zu ihm auf und leckte seine Hand. Das Gesicht des Fischers zuckte, das Messer zitterte in seinen Fingern, er hob den Arm auf und ließ ihn wieder sinken, er konnte es nicht vollbringen. Seinen Kopf richtete er zum Himmel empor, kreischend flogen die Seeschwalben über ihm, unter seinen Füßen stöhnte in den Höhlen die Brandung, als läge da ein Sterbender. Das mahnte ihn wieder an sein sterbendes Kind.

„Nein, nein,“ sagte er entschlossen und hart, „du mußt daran. Besser du als er, Gott steh’ dir bei!“ Und damit griff er dem Hund in’s Genick, preßte ihn mit aller Kraft zusammen und zückte das Messer auf dessen Augen. Aber indem sein Arm niederfahren wollte, hörte er eine Stimme dicht neben sich, die ihn anschrie, und im Schrecken ließ er den Hund los.

Thorkel Ingolf stand dicht bei ihm; ein stieres Entsetzen kam über den Fischer, und da er ihn ansehen wollte, vermochte er es nicht, er mußte die Augen niederschlagen. Thorkel sprach kein Wort, aber der Hund benutzte seine Freiheit, er kroch zu ihm hin, Schutz bei ihm zu suchen. Da fuhr ein grimmiger Zorn durch Gullik’s Brust. Sein Arm mit dem Messer streckte sich, sein kaltes Gesicht schwoll an, er athmete schwer. „Bist Du da, Du elender Kerl?“ schrie er. „Hast noch nicht genug Unglück über mich gebracht? Willst Deinen Hexenhund haben, mir die Plagegespenster weiter in’s Haus zu bannen?“

„Wie sprichst Du so, Gullik Hansen?“ antwortete Thorkel. „Weißt Du nicht, daß ich gern Dir nur Liebes thun möchte?“

Der Fischer schwieg, seine Augen rollten noch immer. „Wie kommst Du hierher?“ fragte er endlich.

„Das geht natürlich genug zu,“ sagte Thorkel. „Ich stand gestern dicht an Deinem Fenster, als Grete Dir rieth, den armen Hund grausam zu martern und zu tödten, damit Anders gesund werde. Ich wollte das nicht leiden, Gullik, wollte Dir sagen, welche Sünde es sei, darum fuhr ich hierher auf die Klippe, noch ehe Du kamst, und erwartete Dich.“

Gullik blickte noch immer finster. „Was schlichst Du Dich an mein Fenster?“ fragte er.

„Auch das will ich Dir sagen. Ich hatte am Abend vorher schon Sigrid ein Mittel für den Kranken gebracht, in Meldalsgaard hatte ich es für ihn bekommen. Es wird ihn gesund machen.“

„Du brachtest ihm ein Mittel?“ rief Gullik entsetzt. „Willst Du ihn morden?“

„Sei verständig,“ sagte Thorkel. „Das Mittel ist von einem berühmten Doctor in Christiania und wird Anders wohlthun, denn seine Krankheit ist sicherlich nichts, als wiederholtes hartes Fieber. Gestern schon ist es danach fortgeblieben, heute wirkt es sicherlich noch besser. Der mir das Mittel gab, wird selbst mit Dir sprechen, und Du mußt den Doctor holen, was Du gleich hättest thun sollen, statt der bösen alten Grete zu glauben, die so schlecht ist, wie ihr Sohn Clas.“

Da fuhr Gullik auf, es war halb Aerger, halb Scham. „Schiltst Du ihn,“ drohte er, „Du, der so viel Schlimmes that

[482] und, was gute Leute Dir boten, mit Undank vergolten hat? Clas ist wacker, aber Du – Du gehst mit Schande und Lügen um!“

Thorkel blieb ruhig, doch sein Gesicht wurde ernst und seine Augen groß. „Wann hast Du je gehört, daß ich lüge?“ antwortete er. „Nimmer wird Schande über mich kommen, hüte Du Dich davor und hüte Dich vor Clas. Du hattest ihm den Hund gegeben, ihn nach dem Langfjord zu bringen, dort traf ich ihn an, als er ihn eben mit dem Sack in’s Wasser werfen wollte, damit er elend dabei umkomme. Da ich zu ihm sprang, stürzte er mich hinein, mitten zwischen den steilen Klippen von Röe, und noch glaubt er, daß ich tief unten bei den Trollen liege. Eilig machte er sich fort, nahm mein Fahrzeug mit und war sicher, mich erschlagen zu haben.

Aber der Hund kam in die Höhe und ich auch. Ich brachte ihn aus dem Sack und wir schwammen beisammen; die Ebbe half uns glücklich heraus bis nach Bedöe. Dort ließ ich den Hund weiter schwimmen, ich wußte wohl, daß er den Weg zu Dir zurück finden würde; mehr als einmal war er früher schon mit mir in dem Langfjord gewesen. Ich aber ging weiter und die Nacht durch bis zum Morgen, wo ich nach Meldal’s Gut kam. In dem Gaard bin ich bis jetzt gewesen, dahin führte mich Gottes Hand, ich kam zur rechten Zeit.“ – Er schwieg ein Weilchen und setzte dann hinzu: „Du siehst wohl, daß Clas Gorud ein böser Schelm ist, der keine schlechte That fürchtet. Seine Mutter hat den Plan gemacht, Dich zu verlocken, durch Aberglauben und Bosheit mich von Dir zu stoßen und zu verderben. Du sollst ihm Sigrid geben, mir will er meine Stelle nehmen, möchte auch wohl gern Dein Erbe sein, wenn Anders stürbe; aber von dem Allen wird nichts werden. Ich denke, Du glaubst es mir, Gullik Hansen.“

Der Fischer antwortete nicht und regte sich nicht. Endlich blickte er Thorkel fest an und fragte: „Ist das Alles wahr, Thorkel, ist es so geschehen?“

„Es ist kein falsches Wort darin,“ sprach Thorkel. „Willst Du meine Hand jetzt nehmen?“

Gullik blickte ihn nochmals an, darauf hob er seine Hand auf. „Ich will,“ sagte er, „bei Gottes Wort! Ja, ich will! – Jetzt setze Dich nieder und laß uns reden.“




8.

Als Herr Schiemann am Nachmittage dieses Tages seinen Aufsichtsmann Clas zu sich hereinrufen ließ, stand der reiche Kaufmann eben vor dem goldrahmigen Spiegel und steckte eine kostbare, mit funkelnden Steinen besetzte Nadel in seine Halstuchschleife. Auf dem Tische lag ein feiner prächtiger Blumenstrauß, daneben stand ein Kästchen von gepreßtem Leder, und weiterhin sah Clas eine Kette von Granatsteinen mit großem Schloß, wie stattliche Bauerntöchter solche als Sonntagsputz tragen. Das Kästchen war geöffnet, mit weißem Atlas gefüttert, darin glänzte ein Goldschmuck, wie Clas ihn nie gesehen. Herr Schiemann trug einen neuen schwarzen Frackrock, eine weiße Weste, gelbe Handschuhe, und der weiße Halskragen stand ihm steif über den rothgelben Bart und die hohlen Backen bis an die Mundwinkel. Da er sah, wie Clas vor Verwunderung Mund und Nase aufsperrte, fing er an zu lachen und kam auf ihn zu.

„Nun, Clas,“ sagte er, „der alte Horngreb ist sicherlich zwar ein falscher Kerl, mit dem wir bald abrechnen wollen, aber er hat uns doch den guten Rath gegeben, unsere Sachen schnell in Richtigkeit zu bringen und keine unnütze Zeit zu verlieren. Da liegt mein Brautgeschenk für Jungfrau Else; bringe Du Deiner Sigrid, was Du hast, nimm ihr aber auch die Kette da mit und hänge sie ihr um den Hals; sie wird wohl stille halten.“

„Ja, ja, Herr!“ rief Clas erfreut, „viel tausend Dank alle Zeit!“

„Im Uebrigen bleibt es, wie ich bestimmt habe,“ fuhr Herr Schiemann fort. „Morgen werde ich mit Dir zum Landrichter gehen, mein Recht auf Dich übertragen und die Schrift aufnehmen lassen. Sobald wir die Stelle zugesprochen bekommen, sorge ich für die Einrichtung, das kannst Du Gullik und Sigrid sagen, auch werde ich selbst mit ihnen sprechen. Bringe sie Beide hinauf in’s Pfarrhaus, wenn Du fertig bist, und jetzt mach’, daß wir hinüber kommen, es wird bald dunkel werden.“

Clas sprang nach dem Boote, trug die Kissen auf den Steuersitz, und gleich darauf kam Herr Schiemann, den Blumenstrauß in der Hand. Alle Leute, die ihn sahen, staunten ihn an. Er setzte sich in das Boot, und Clas arbeitete so rasch, als hätte er doppelte Kräfte. Das Fahrzeug lag bald unter der Kirche, und als der reiche Bräutigam sich frohgelaunt entfernt hatte, lief der arme schnell in seine Hütte, schrie seine Mutter an, ihm die Sonntagsjacke zu bringen, sein rothes Seidentuch und die neuen Schuhe. Grete warf die Pfeife fort und schrie: „So ist’s gut, Clas, jetzt haben wir sie. Geh Du hin und dann bring’ sie her. Ich will mich auch putzen, wie’s einer Brautmutter zukommt, und will rothen Grütze kochen und Heringe braten. Der Fang ist heute gut gewesen. Gullik’s Boote kamen beide voll von Fischen. Er stand darauf. „Hast Glück gehabt, Gullik?“ schrie ich ihm zu. „Ja, ja,“ antwortete er. „Ist Alles in Ordnung!““

Sie knüpfte ihm das Seidentuch um, kicherte und nickte dabei. „Nun geh,“ sagte sie, „bist schmuck und bist willkommen. Der Hund liegt in den Hexenlöchern von Onen, und Thorkel dazu; Keiner mehr wird Dir Sorge machen.“

Clas ging stolz lachend fort; was konnte ihm jetzt noch fehlen? Er schritt auf Gullik’s Haus zu, und eben trat die rothe Abendsonne aus den Wolken und leuchtete über den Fjord fort auf die Trolltinden von Romsdalen. Da stand oben der ganze Hochzeitszug, den der heilige Olaf einst in Stein verwandelt hatte. Der heidnische König mit seiner schönen Tochter, die Priester und der riesige Bräutigam mit allen Hochzeitsleuten, den Fiedlern und Fahnenschwenkern schienen lebendig zu werden. Es war dem Clas Gorud, als winkten sie ihm und fingen an zu springen und zu tanzen. – „So soll’s auf meiner Hochzeit sein,“ sagte er. „Alles soll tanzen, was Beine hat, und Keiner soll fort, so lange er gerade stehen kann; es muß wenigstens zwei Tage lang gegessen und getrunken werden.“

In dem Augenblick hörte er Sigrid’s helle Stimme und wie sie laut sprach: „Ja, ja, Else und ich, wir wollen beisammen unter der Krone gehen.“

Clas zog die Granatenschnur aus seiner Tasche; was er hörte, machte ihn jubiliren. Er hielt die Schnur hoch, sprang um die Ecke des Hauses und schrie: „Das sollst Du, Sigrid, und sollst –“ da hielt er plötzlich inne.

Vor ihm lag der höllische Hund gerade vor Sigrid’s Füßen, und sie mit ihren Händen um eines Mannes Hals, der eben seinen Kopf aufrichtete und zu ihm hinschaute. War’s wahr, oder that’s wiederum der höllische Neck und blendete seine Augen? War’s ein Gespenst, ein Schatten, ein Trug? In den Schrecken des Anblicks mischte sich Clas Gorud’s Wuth. Er faßte die Granatenkette in seiner Hand zusammen und schleuderte sie gegen das Gebilde. „Verfluchter Spuk!“ schrie er, „ich will Dich zermalmen!“

Aber indem er dies sagte, war Thorkel Ingolf schon an ihm, hatte ihn mit beiden Händen gefaßt und hoch aufgehoben. Er rannte mit ihm an die Wand, daß es krachte. Dann hob er ihn von Neuem auf und ließ ihn wieder fallen, darauf zum dritten Male, ohne zu sprechen, schleuderte ihn über die Steine fort zu Boden. Nun wurde er festgehalten. An dem einen Arm hielt ihn Sigrid, am andern Gullik Hansen. – „Halt ein,“ sagte der Fischer, „er hat genug. Geh fort mit ihm, Sigrid, geh hinein, Thorkel.“ Clas lag wie todt, das Blut floß ihm aus dem Munde. –

Zu derselben Zeit hatte auch Herr Peter Schiemann seine Werbung im Pfarrhause angebracht, wo der Pfarrer Jöns Bille ihn einige Zeit warten ließ, ehe er zu ihm hereintrat. Herr Jöns hatte seinen großen schwarzen Rock angezogen und sah sehr feierlich aus, als er sich verbeugte.

„Nun,“ sagte Herr Schiemann lachend und ihm die Hand schüttelnd, „ich glaube, Sie haben mich erwartet, mein werther Freund?“

„Das habe ich allerdings,“ antwortete der Pfarrer, „da Sie gestern so gütig waren –“

„Ohne alle Umstände!“ rief der reiche Kaufmann, „Sie dürfen mit mir keine Umstände machen, hätten im bequemen Hausrocke bleiben sollen, theuerster Freund. Wo ist Fräulein Else?“

„Ich denke, sie wird im Garten sein,“ sagte Herr Bille.

„So darf ich sie wohl aufsuchen, sobald ich –“ Herr Schiemann lachte. „Ich darf doch?“ fragte er. „Ich möchte ihr diese Blumen bringen und etwas fragen, wenn ich Ihre Erlaubniß dazu habe. Was es ist? Aufrichtig, ich hoffe, Sie wissen es. Es ist kein Geheimniß.“

„Sie haben Else der Ehre gewürdigt, Ihre Blicke auf sie zu [483] richten,“ sagte Herr Bille mit würdiger Haltung, indem er ebenfalls lächelte und seine Hände faltete.

„Sprechen Sie nicht von Ehre!“ rief Herr Schiemann, „ich werde glücklich sein, wenn Sie mich mit Allem, was ich habe, als Sohn auf- und annehmen. Wollen Sie?“

Er sagte dies sehr zuversichtlich, aber der Pfarrer machte ein süßes Gesicht, wiegte den Kopf dabei und antwortete: „Was könnte mir größere Freude gewähren? Aus dem Grunde meines Herzens bin ich Ihnen dankbar.“

„So erlauben Sie, daß ich Else aufsuche?“ unterbrach ihn der ungeduldige Bräutigam und stand auf.

Herr Bille hielt ihn mit einem sanften Handwinken zurück. „Warten Sie noch, geehrter Herr Schiemann,“ sagte er, – „noch ein Umstand, – hm! ja, dieser ist es. Sie wissen, daß meine Tochter – Else – Sie haben gehört, wie deren frühere Neigung für Erik Meldal –“

„Das sind alte Geschichten, ich frage nichts danach!“ fiel Herr Schiemann großmüthig abwehrend ein. „Schweigen wir davon, hochverehrter Freund.“

„Dennoch,“ sagte Jöns Bille und hielt ihn wieder fest – „dennoch ist ein Umstand eingetreten – ja wohl, ein Umstand, der sehr sonderbar ist.“

„Was ist es?“ fragte Schiemann.

„Eine Nachricht, die – die – Sie wissen es nicht, und ich habe es auch nicht gewußt, daß Erik Meldal noch einen Verwandten von seiner Mutter Seite besaß. Die Großmütter, glaube ich, waren Schwestern – aber man hatte sich in der Familie so ziemlich vergessen, wie das nicht selten geschieht; kümmerte sich nicht um einander.“

„Nun, dieser Vetter oder dergleichen?“ unterbrach ihn Schiemann.

„Er wohnte in Moß, und Erik Meldal lernte ihn kennen.“

„O!“ rief der Handelsherr lachend, „so ist es wohl der Gutsbesitzer, der mit seiner Tochter nach Frederikshall kam, worauf der lustige Lieutenant ihr nachreiste? Hat er sie geheirathet?“

„Das ist nicht geschehen, aber –“

„Er hat sich mit ihr verlobt?“

„Auch das nicht,“ erwiderte Herr Bille, verlegen räuspernd. „Dieser Vetter ist im vorigen Jahre gestorben.“

„Ja freilich, dann mußte er die Trauerzeit abwarten, doch nun wird wohl bald Hochzeit sein?“

„Lassen Sie mich ausreden,“ sagte der Pfarrer. „Die Tochter war eine Pflegetochter, schon etwas bei Jahren. Sie hat jedoch das ganze hinterlassene Vermögen geerbt, und das war beträchtlich.“

„Um so besser!“ lachte Schiemann; „der leichtsinnige Patron wird sich an ihr Alter nicht kehren, wenn’s mit dem Gelde seine Richtigkeit hat.“

„Es ist vom Heirathen überhaupt nicht die Rede!“ rief Herr Bille heftiger. „Es ist ein altes elendes Frauenzimmer, aber das Testament konnte angegriffen werden. Wenn dies jedoch geschehen sollte, mußten Untersuchungen angestellt, mußten Advocaten zu Rathe gezogen werden, mußte nach Christiania und Moß gereist werden. Erik Meldal hatte weder Muth noch Lust dazu, er hatte auch kein Geld, um die Reisen und Schritte zu machen. Aber Thorkel ließ ihm keine Ruhe, und endlich schrieb er heimlich an seinen Vater, der borgte sich zweihundert Thaler bei Ihnen und schickte sie ihm.“

„Das Geld gab er darauf gewiß dem Lieutenant?“ fragte Herr Schiemann und verzog sein Gesicht.

„Das that er. Erik reiste nach Christiania und nach Moß, und jetzt ist ein Vergleich mit der Pflegetochter abgeschlossen worden, wonach sie Beide die Erbschaft theilen. Er kommt dadurch zu einer beträchtlichen Summe.“

Herr Schiemann hatte eine Zeit lang ernsthafter zugehört, jetzt aber rief er vorwurfsvoll spottend: „Und das glauben Sie, mein verehrter Freund? Solche Märchen wollen Sie sich doch nicht aufbinden lassen?!“

„Es ist Wahrheit!“ rief Herr Bille würdevoll. „Mein Sohn schreibt es mir aus Christiania, und diesen Brief sammt gültigen Beweisen habe ich heute erhalten von – von –“

„Von mir!“ sagte Jemand hinter dem Herrn Schiemann, und da er sich überrascht umwandte, als er die kräftige volle Stimme hörte, sah er die Thür weit geöffnet. Mitten darin stand der Lieutenant Erik Meldal, an seiner Hand Fräulein Else. Hinter den Beiden aber erblickte er Sigrid und Thorkel Ingolf, und ganz hinten standen der Fischer Gullik Hansen und der Verwalter Horngreb von Meldalsgaard.

Herr Schiemann sah mit einem Blick die ganze Gesellschaft, kehrte sich dann wieder ab, steckte seinen Blumenstrauß hastig in die Tasche und griff nach seinem Hute.

„Das sind allerdings Gottes Schickungen,“ sprach Herr Bille mit süßem Gesicht. „Er hat es so gefügt, und Sie werden einsehen, lieber, geehrter Freund, daß – daß -–“

„Ich gratulire! gratulire!“ rief Herr Schiemann, und beugte sich rechts und links, „habe nichts weiter hinzuzufügen.“

„Bleiben Sie doch,“ sagte Herr Bille und faßte nach seiner Hand.

„Dringende Geschäfte!“ antwortete der Kaufmann. „Ein ander Mal. Leben Sie wohl, Herr Pfarrer, leben Sie wohl!“

„Nur noch ein Wort!“ begann Erik Meldal und trat näher. „Sie sind so freundlich gewesen, sich meiner in jeder Weise anzunehmen, auch verschiedene Schuldbriefe einzukaufen, die auf Meldal haften. Ehe ich mich verheirathe und mein Gut bewohne, möchte ich diese Documente einlösen.“

Schiemann blickte zu ihm auf. Es war ein stattlicher junger Mann, so recht „Einer vom alten Stamme“, und seine Augen blitzten stolz und verächtlich. „Ja so!“ rief Schiemann, „Ihre Schuldbriefe! Das kann morgen geschehen und muß geschehen!“

„Halten Sie die Papiere bereit,“ antwortete Meldal. „Horngreb wird Ihnen das Geld bringen.“

„Warte noch, ich muß Dir auch etwas sagen,“ sprach Thorkel und hielt den Eiligen abermals auf. „Auch meines Vaters Verschreibung mußt Du herausgeben, das Geld ist schon in meiner Tasche. Ich habe es dringend, denn hier ist Sigrid, die, so schnell es geht, am Torsfjord wohnen will; der Pastor soll uns heut noch aufschreiben, Erik auch.“

Herr Schiemann sagte nichts, er konnte vor Grimm nicht sprechen. Thorkel aber ließ seine Hand nicht los, sondern drückte ihm die Granatenkette hinein, die er aus seiner Tasche holte. „So,“ sagte er, „das nimm mit, Sigrid will sie nicht. Und höre, schicke dafür Deinem Manne, Clas, den Doctor aus Molde. Er hat einen schlimmen Fall gethan. Ich habe es ihm vorher gesagt, der Seehund ist sein Unglück gewesen!“

Da lachte Sigrid hell auf, und wie sie es that, stimmten die Anderen alle ein, nur Gullik blieb ernsthaft, und der Pastor lächelte leise. Herr Schiemann stürzte wüthend zur Thür hinaus, doch das Gelächter folgte ihm nach, er hörte es noch, als er über den Platz lief. Vier Wochen darauf standen der junge Herr von Meldalsgaard und Thorkel Ingolf neben den beiden Bräuten am Altar, und noch erzählen die Leute von dieser Hochzeit, wie lange keine gewesen. Herr Schiemann zog bald darauf aus Molde fort; die Leute erzählten zu viel von ihm und seiner Brautwerbung, was Spott brachte. Clas Gorud aber geschah, wie er es verdient und sich verschworen. Seine rechte Hand war vom Fallen gebrochen, blieb lahm und verdorrte. Endlich kam er elend um in Trunk und Schande, und nun wär’s der alten Grete übel ergangen, wenn Thorkel und Sigrid nicht für sie sorgen halfen bis an ihr Ende.




Ein einsames Herz.
Von F. Brunold.
(Schluß.)

Nach einer kurzen Pause erwiderte der Geheimrath dem alternden, einsamen Mädchen: „Aber es sind mehrere Hundert, wenigstens dreihundert Thaler, zum Einkauf in die Stiftung nöthig.“

„Auch das weiß ich,“ rief sie freudig entschieden; „denken Sie nicht, daß ich, wenn ich an eine solche Zuflucht dachte, nicht auch für dieselbe gespart haben würde. Ich weiß, ich werde mir diese Summe vollständig ersparen.“

„Ersparen?“ fiel der Rath erstaunt und doch auch wieder [484] etwas ungläubig ein, „ersparen von Ihrem geringen Verdienst, der oft zum Lebensunterhalt nicht zureichend sein mag? Hunderte ersparen? Das ist unmöglich!“

„Unmöglich?“ lächelte sie und ihr Auge glänzte in heiligem Feuer. „Sie kennen die Charakterfestigkeit der Frauen nicht! Ich bedarf Weniges – und ich habe gespart.“

Der Geheimrath schüttelte noch immer wie ungläubig das Haupt; endlich sagte er: „Ich will Ihnen glauben; ich will thun, was Sie verlangen. Ist’s möglich, so soll Ihr Wunsch erfüllt werden. Doch um dies Eine bitte ich: betrachten Sie mich von heute ab als Ihren Freund, und wenn es nur gelingt, Ihnen die Aufnahme zu verschaffen, und Ihnen die erforderliche Summe zum Einkauf mangelt – lassen Sie mich das Fehlende ergänzen.“ Der Rath schwieg.

Sie aber sprach, freundlich lächelnd: „Nicht ergänzen, nur vorstrecken das etwa Fehlende, das ich dann nach und nach abzuzahlen gedenke. Damit Sie aber nicht fürchten, daß Ihre Güte zu bedeutend in Anspruch genommen werden möge, erlauben Sie mir –“

„Doch nicht etwa, Ihre Ersparnisse zu sehen?“ rief der Geheimrath in komischer, freundlicher Hast. „Nein, nein! ich will nichts wissen, nichts sehen –“ und schnell eilte er zur Thür hinaus.


Und nun! welch reizendes Bild! Am Flügel sitzt ein junges Mädchen – und singt. Und die Worte, die der Lippe entströmen, klingen so metallvoll, glockenrein, daß es eine unaussprechliche Freude gewährt zuzuhören. Jetzt geht die Thüre auf. Sie, die wir kennen, tritt leise ein. Sie bleibt zögernd stehen, sie lauscht den Worten des Liedes – und ein Zug recht schmerzlich süßer Freude lagert sich auf ihrem Gesicht. Endlich wendet die Sängerin den Kopf und wird so die Lauschende gewahr. Mit dem freudigen Ausruf: „Tante, meine liebe, beste Tante,“ fliegt sie auf, umschlingt sie mit ihren vollen, weichen, schönen Armen und drückt ihren Mund auf den ihrigen. „Wie Du mich erfreut hast durch Dein Kommen! Und gerade heute mußt Du kommen, wo Alle aus dem Hause sind, wo ich allein bin, Dich ganz genießeu kann – und Dir Alles thun, was Dir Freude macht.“

„Ja, ja!“ sagte die Angekommene und streichelte ihrem Lieblinge die Wange; „nennst mich auch Tante, und ich bin’s auch dem Herzen nach. Bist mein Prachtmädel! War mir heut’ so eigen zu Muth, es hielt mich nicht daheim! So bin ich denn nun gekommen – und sollst mir Etwas singen – singen, bis ich ruhig geworden sein werde.“

„Und das will ich von ganzem Herzen thun,“ sagte das junge Mädchen und kauerte sich nieder zu den Füßen der Verehrten. „Ich will Dir alle meine neuesten, schönsten Lieder singen – bis Du selber sagen wirst: nun hör’ auf. Hab’ Dich ja so lieb! Und bist Du es nicht gewesen, die meine Bitte bei den Eltern unterstützte, als ich bat, mich dem Theater widmen zu dürfen?“

„Denk’ auch daran Recht gethan zu haben!“ sagte die Tante und streichelte dem Lieblinge das blonde Haar. „Bist mit Leib und Seel’ Sängerin, und der liebe Gott hat Dir eine Stimme gegeben, daß es Sünde wäre, wenn Du sie einrosten ließest. Doch Eins, Kind, was Du werden willst, werde es ganz; nur was man ganz erfaßt hat, bringt Glück und Freude – und die Schmerzen, die nicht fehlen – trägt man auch. Und nun sing’ mir Deine Lieder, Kind, aber nicht Deine neuen, sondern die alten, die ich kenne und die mir lieb sind!“

Die Sängerin nickte, sie stand auf, sie ging zu ihrem Instrument und sang. Es waren einfache Lieder, die ihrer Brust entströmten. Und sie mit ihrem einsamen Herzen, mit ihren Jahren voll Gram, mit ihrem Tropfen Glück und Lebensfreude, sie saß in der Ecke des Sophas, hatte die Augen geschlossen und ließ diese Lieder, diese Melodien vorüberrauschen, durch ihre Seele ziehen, wie Windharfenklang, wie einen Gruß aus ihrer Heimath Jugendland. Die Sängerin sah sich um, und unbemerkt, unbeachtet hub sie plötzlich nun, im süßen Wohllaut ihrer Stimme, der Träumenden Lieblingslied zu singen an. Aus vollem Herzen sang sie jetzt:

Find’st Du auf Deinen Wegen
Ein Herz, das treu Dich liebt;
Denk’, daß Dir wird ein Segen,
Den Gottes Hände legen
Auf’s Haupt Dir, ungetrübt.

Die Ruhende öffnete das Auge, sie lauschte; sie hob sich leise auf und schritt zur Singenden. Derselben ihre Hand auf das Haupt legend, sagte sie: „Hab’ Dank! ’s ist ein wahr Wort, das dort im Liede steht. Und wenn auch Du, mein Liebling, einst findest, was Dir Dein Herz rascher schlagen macht – dann, Kind – dann laß still und einzig allein die Liebe walten. Denk’, daß Du jede Minute, die Du ihm und Dir verbitterst, Dir selbst von Deinem schönsten Glück entziehst. Und wenn er kommt und Dich um Etwas bittet, schlag’s ihm nicht ab, so Du’s erfüllen kannst; denn die Liebe zeigt sich mehr in dem, was man bittet, als was man gewährt. Geht’s nicht, kannst Du den Wunsch ihm nicht erfüllen, dann, dann versüß ihm die abschlägige Antwort wenigstens durch große Freundlichkeit, durch ein herzinnig Wort, durch doppelte Liebe und Güte. Er muß sehen, daß die Nichtgewährung Dir mehr Schmerz verursacht, als die Erfüllung ihm je Freude bereiten könnte. Kind! Kind! wir können unendliches Glück auf Erden spenden – und Leid bereiten, das, wie der Name in der Baumrinde, nie verwächst! Laß still die Liebe walten.“ Bei diesen Worten rollten die Thränen ihr aus den Augen, und sie vermochte sie nicht zu halten, wenn sie auch zu lächeln versuchte.

Das junge Mädchen schlang ihre Arme um den Hals der Weinenden, dann rief es: „O, ich weiß es, Du hast viel, unendlich viel gelitten; aber vergiß, vergiß ihn – er war Deiner Liebe nicht werth!“

„Nicht werth?“ rief die Weinende und wischte in Hast die Thränen aus den Augen, sodaß diese wieder in voller Klarheit zu leuchten begannen. „Nicht werth?“ sagte sie, wie voll Unwillen; „und wären wir die Besten der Menschen, wir – wir sind niemals des Glückes werth, das ein Augenblick herzinniger, reiner Liebe bringt. Nein, nein! sprich mir so nicht. Die Liebe ist des Lebens Paradies – und wer daraus vertrieben wird, der hat es stets auch mit verschuldet. Schilt mir die Liebe nicht, sprich nicht gering von Ihm!“

Beide schwiegen. Endlich sagte das junge Mädchen: „Tante, liebe, beste Tante! nur eine Frage: Lebt er noch? Hast Du nie, nie von Ihm erfahren?“

Die Gefragte nickte mit dem Kopf, sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn und sagte leise: „Ich weiß Alles. Man will es nicht und erfährt es doch; es ist als trüg’s der Wind uns zu. Er ist gegenwärtig ein hochgestellter Beamter, sein Name wird oft genannt – aber glücklich, nein, glücklich ist er nicht. Hätte mein Schmerz, mein Gebet Erhörung gefunden, er müßte es geworden sein.“ Doch wie über sich selber zürnend ob des Gesagten rief sie schnell: „Laß uns abbrechen; es taugt nicht, alte Geschichten aufrühren; geh, sing’ mir das Lied zu Ende – und dann – dann will ich heimgehen – und arbeiten.“

Und das junge Mädchen schritt lautlos wieder zu dem Instrument, setzte sich nieder und sang, während die Thränen ihm in die Augen traten: <poem>Ohn’ Maß und Ziel und Zeiten Blüht’s um Dich allerwärts; Und Engel Dich begleiten, Glaubt an die Ewigkeiten Der Liebe nur Dein Herz.

Drum, steht Dir Lieb’ zur Seite, Pfleg’ sie durch Wort und Blick; Denk’, was das Herz erfreute, War Liebe, sonst wie heute; Die Liebe nur bringt Glück.<poem>

Die Sängerin schwieg. Sie aber, die zugehört hatte, stand auf und sagte: „Dank’! Nun muß ich gehen! Ade! Grüß’ Dein Mütterlein – und meine Thür find’st stets offen.“


Der Geheimrath hatte sich keinen Gang verdrießen lassen; er war, wie man zu sagen pflegt, von Pontius zu Pilatus gelaufen, bis er endlich seinen Zweck erreicht sah – und der einsam Harrenden die Erfüllung ihres Wunsches zusichern konnte. Jahre, viele Jahre vielleicht mußten muthmaßlich noch vergehen, ehe die Aufnahme erfolgen konnte, da der Tod noch manche Bewohnerin des Stiftes abzurufen hatte, ehe für sie ein Plätzchen offen wurde; aber die Hoffnung dazu war doch da. Und sobald die Einkaufssumme nur erst entrichtet war, was schon jetzt geschehen sollte, konnte sie sich als eine Genossin des Magdalenenstiftes betrachten. Er kam, er brachte die Nachricht – und sie, sie dankte es ihm aus vollem Herzen.

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Die Gartenlaube (1860) b 485.jpg

Erzschlitter am Gonzen in der Schweiz.

[486] „So wäre also mein Alter gesichert,“ sagte sie; „ich weiß, wohin ich mein Haupt zur Ruhe legen kann.“

„Und das Geld?“ fragte er und wollte noch Mehreres hinzusetzen. Doch sie fiel ihm sofort in die Rede, indem sie sagte und eine flüchtige Röthe ihre Wangen überhauchte: „Ja! das Geld! Es ist nicht ganz beisammen; ich dachte, offen gesagt, nicht, daß Ihnen diese Erreichung meines Wunsches sobald gelingen würde, zumal ich weiß, wie Viele sich ganz vergeblich bemühen; aber sehen Sie, ich habe die Jahre her gespart, was möglich; ich denke, es wird so sehr viel an der erforderlichen Summe nicht fehlen.“ Mit diesen Worten ging sie zur Commode, zog den Kasten heraus und holte einen ziemlich schweren Beutel mit Geld hervor. „Sehen Sie, das ist mein Schatz; wollen Sie ihn an sich nehmen und das Fehlende mir vorschießen? Ich denke so lange zu leben, daß Sie nichts verlieren sollen,“ setzte sie lächelnd hinzu, während der Rath mit Erstaunen das Geld nahm, es ausschüttete und zu zählen begann. Und er zählte und zählte; und je mehr er zählte, desto größer wurde seine Verwunderung. Endlich hielt er inne und sein Gesicht auf die lächelnd ihn Betrachtende richtend, sagte er:

„Mein Gott! das sind ja bedeutend mehr als zweihundert Thaler! Und dies Alles haben Sie erspart, erspart von dem Verdienst Ihrer Hände Arbeit? Wie ist dies möglich? Wie haben Sie dies angefangen?“

„Einfach,“ sagte sie und lächelte dabei zum ersten Mal glückselig zufrieden. „Ich hab’ nur ordentlich Buch, d. h. im Kopf, geführt, denn zum Schreiben war nicht Zeit. Einnahme und Ausgabe habe ich streng berechnet. Was mich sättigte, wußte ich; was ich zur Kleidung bedurfte, war leicht zu berechnen – und da fand sich bald, wie viel ich von jedem Thaler, den ich einnahm, zurückzulegen hatte – wenn ich anders etwas vor mich bringen wollte. Anfangs, in jüngeren Jahren, wurde es mir freilich schwerer, hätte manchmal Dies oder Jenes gern gekauft, auch wohl dies oder jenes kleine unschuldige Vergnügen mir gestattet – aber hat man nur der ersten Versuchung widerstanden, die übrigen machen sich leichter.“

Der Geheimrath lächelte, und von leichter Freude gestachelt, sagte er scherzend: „Bei Gott! Sie sollten Finanzminister werden; ich glaube, Sie brächten den Staat auf einen grünen Zweig.“ Doch sogleich wieder ernst werdend überzählte er noch einmal das Geld und sagte, sich zum Abgehen anschickend: „Ich besorge Alles sogleich zur Casse und lege das Fehlende zu. In einer Stunde sende ich Ihnen die betreffenden Quittungen und Documente. Wie leicht hätte Ihnen dies Geld gestohlen werden können!“

„Bei mir hätte es Niemand gesucht,“ sagte sie freundlich und geleitete ihn zur Thür hinaus. Er ging. Sie blieb. Einsam blieb sie, wie vordem, Tag ein, Tag aus arbeitend, jede Stunde nützend, keine Minute unbeachtet lassend.

Der Geheimrath sah ihr Licht bis spät in die Nacht hinein leuchten, und wieder vor Tagesanbruch fand er sie schon emsig nähen am Fenster. Die Freundinnen kamen nach wie vor, und wenn sie nicht selber kam, schickten sie die Kinder; auch die Sängerin, der Alternden blühender Liebling, fehlte nicht. Sie kamen Alle, und Niemand schien es zu bemerken, daß die von Allen Tante Gerufene älter und älter wurde; daß sie seltener denn früher ausging, immer spärlicher kam, ihre Lieblinge zu besuchen. – Sie hatte nicht Zeit, Besuche zu machen; die Arbeit schaffte nicht mehr wie ehedem; sie mußte schon oftmals die Nadel ruhen lassen oder das Auge für Augenblicke schonen. Was konnte es schaden? Niemand wußte es ja, daß sie des Nachts ein Stündchen zu den übrigen Arbeitsstunden zusetzte; sie mußte sich sputen, damit auch den letzten Rest des Vorschusses dem Rathe abzuzahlen ihr möglich werde – und das Alter bedarf ja auch des Schlafes weniger, als die Jugend; der Tod ist nahe – und dann hat man Zeit genug, im Grabe zu schlafen.

Es war im Winter wieder; eine Kleinigkeit war nur noch zu tilgen – dann – dann war die ganze Summe gedeckt. Alles Uebrige hatte sie bereits in den Jahren nach und nach abbezahlt; nur die letzten wenigen Thaler fehlten noch. Endlich war die Arbeit, an welcher sie so emsig genäht, beendet. Wohl ist es bereits Abend geworden. Es schneit und stürmt auf den Straßen. Was thut’s? Sie ist ja oft in solchem Wetter ausgegangen. Wird die Arbeit berichtigt, kann sie ihre Reslschuld noch heute dem Geheimrath abzahlen. Der Gedanke macht sie jubeln. Sie steht ohne Schulden, ohne Sorgen da – dann kann der Tod kommen, ihre Bücher sind in Ordnung. Soll und Haben stimmt genau. Sie geht. Sie achtet des Wetters nicht; sie achtet es nicht, daß sie sich den Tag über schon unwohl gefühlt. Hut und Mantel wird schützen. Die Arbeit im Arm schreitet sie muthig dahin. Es ist ein garstig Wetter. Sie liefert die Arbeit ab, sie empfängt das Geld; sie trägt es mit hochklopfender, keuchender Brust dem Geheimrath hin und schleicht sich müde fröstelnd nach Hause. Andern Tages war sie krank.

Der Geheimrath sah ihr Stübchen Abends dunkel bleiben; er fand sie früh des Morgens nicht am Fenster sitzen. Das beunruhigte ihn mehr, als er es sich selbst gestehen mochte. Er konnte nicht zögern, er mußte zu ihr gehen, zumal er Freudiges ihr zu verkündigen gedachte. Er kam und fand sie krank, recht krank auf dem Lager. Mild verweisend sagte er ernst: „Und Sie schickten nicht einmal zu mir? Wenn ich nun nicht gekommen wäre? Sie müssen machen und gesund werden – der Tod hat im Magdalenenstift Rast gehalten. Ihr Stübchen ist binnen kurzem leer.“

Die Kranke lächelte schmerzlich. „Ich werde dies Asyl nicht mehr bedürfen,“ sagte sie matt. „Gott hat mein Gebet erhört; ich scheide von hier – zur ewigen Ruhe.“

Und als der Geheimrath dies nicht Wort haben wollte, als er von baldiger Genesung, von besseren Tagen sprach, schüttelte sie das Haupt und sagte: „Wollen Sie mir die Ruhe nicht gönnen? Mein Tagewerk ist gethan; ich mache drüben im Stift einer Anderen Platz, die der Ruhe dort vielleicht mehr benöthigt ist, als ich es wäre, und die sich der Wohlthat mehr erfreuen wird, als ich es wohl jemals gethan hätte. Leben Sie wohl – und nehmen Sie vor meinem Scheiden meinen herzinnigen Dank.“

Der Geheimrath vermochte nichts mehr zu sagen; er ging – und sendete den Arzt. Es war zu spät! Alle Pflege, alle Liebe, alle Sorgfalt, die der Kranken von allen Seiten zu Theil wurde, vermochten nicht, den Tod zu bannen. Sie blieb wochenlang krank. Die Lerchen sangen, die Schwalben kamen wieder, ohne Genesung zu bringen. Anfangs April war sie gestorben. Als der Arzt kam und dem Geheimrath den Tod verkündete, sagte dieser: „Sie war beim Himmel ein ehrenwerther Charakter; der Hinblick auf dies weibliche Wesen hat mir oftmals Muth gegeben – wo ich schon verzagen wollte.“ Und mit der Hand auf den Actentisch zeigend, sagte er, nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit und Geringschätzung: „Sehen Sie dort diesen Stoß Papiere – es sind alles Bittgesuche! O, wie beschämt die Todte alle Diese! Sie hat nie ein Bittgesuch um Unterstützung eingereicht, sie hat gearbeitet, so lange sie zu arbeiten vermochte; sie hat gedarbt und sich gekümmert – aber sich nie auf Anderer Hülfe verlassen, oder den Staat mit Bittgesuchen belästiget. Und jene Bittenden dort – es sind Männer, Männer, die von Noth und Sorge sprechen, während die Frauen sich in Sammet und Seide kleiden. Sie bücken sich bis zur Erde, wenn sie eine Remuneration errungen haben – und feinden sich doch auch wieder gegenseitig bis auf den Tod an, wenn Der oder Jener wenige Thaler mehr erhalten hat, als die Andern nach ihren neidischen Ansichten meinen, daß ihm zukomme. O, wie viel ehrenwerther steht jenes Mädchen da! Und wir Männer wagen die Frauen das schwächere Geschlecht zu nennen! Der Todten gebührte, wie selten einer Andern, die Krone, das Glück des Lebens; ihr gebührt, wie Niemandem sonst, der reichste Blumenschmuck auf dem Sargesdeckel.“

Und was er sprach, was er dachte, er suchte es zur That, zur Wahrheit zu machen. Er ging zu seinen Freunden, die alle durch ihn längst von der Gestorbenen wußten, die ihren Werth bereits erkannt hatten, da sie noch lebte. Sie kamen alle. Alle kamen sie aus innerster Ueberzeugung, mit einem Herzen voll Hochachtung, voll Liebe und Trauer. Sie kamen, wie der reiche Fabrikant kam, für den die Verstorbene im Leben so thätig gearbeitet hatte, und der es fühlte, daß er seine treueste, zuverlässigste, beste Nähterin verloren habe; wie die Freundinnen kamen, wie deren Kinder gekommen waren, mit Blumen in den Händen, mit Thränen in den Augen. Sie stehen Alle am Sarge. Und während der Geistliche sprach, während er der Verdienste der Geschiedenen gedachte, ging den Einzelnen der Trauernden das Leben der Todten im Schmucke der Erinnerung, im Geiste des Friedens, der Milde und der Liebe vorüber.


Die Rede ist beendet, der Sarg wird aufgehoben, der Leichenwagen nimmt ihn auf. Noch eine kurze Zeit, und man senkt ihn [487] in die Gruft. Die Erde fällt auf den Sarg. Der Hügel erhebt sich; der letzte Act eines Menschenlebens ist vorüber. Gerade, als der Trauerzug sich in Bewegung setzte, fuhr eine elegante Kutsche am Hause vorüber; ein einzelner Herr saß in derselben. Er sah den Zug, er wußte wer gestorben war – er wendete sich ab, er mochte nichts sehen, nichts hören, nichts wissen. Er war auf’s Neue befördert worden, er fuhr zum Minister – um seinen pflichtschuldigen Dank abzustatten.

Vorüber! nur vorüber!
’s ist Alles ja ein Hauch;
Und Du, Du einsame Thräne
Verschwinde, vergehe nur auch.

Was drängst Du heißer Gedanke
Dich wieder in’s Herz hinein:
Warum? warum geschah es?
Könnt’ es nicht anders sein?




Das Eisenbergwerk im Gonzen.
Von H. A. Berlepsch (in St. Gallen).
(Mit Abbildung.)

Ein jähstolziger, wildaufstrebender Schweizerberg, den jährlich Tausende und Tausende deutscher Vergnügungsreisende von der Thal-Ebene aus anstaunen, ohne den Versuch zu seiner Besteigung zu machen, soll den Vorwurf zu nachstehendem kleinen Landschaftsbilde abgeben. Er hat eine doppelte Berechtigung, unter den bevorzugten Genossen seines schönen Heimathlandes genannt und beachtet zu werden; denn nicht nur bietet er von seinem Gipfel aus großartige Umblicke auf einen Theil der östlichen Schweizer Alpen, sondern er hat auch kulturhistorische Bedeutung und antiquarisches Interesse. Dies ist der Gonzen im Canton St. Gallen.

Seit der im Sommer 1858 stattgehabten Eröffnung der vom Bodensee nach Chur führenden Eisenbahn ist das St. Gallisch-österreichische Rheinthal nicht sowohl ein Wanderziel der Touristen, als vielmehr eine beliebte und immer mehr in Aufnahme kommende Route für alle diejenigen geworden, die auf den Allerwelts-Rigi steigen, die viel besungenen Tell-Orte am Vierwaldstätter See besuchen, und von da aus in’s Mekka und Medina der Schweiz – in’s geliebte Berner Oberland pilgern wollen. Und in der That kann derjenige Tourist, der, aus Deutschland kommend, gleich mit beiden Füßen in die volle Alpenpracht hineinspringen und seine Tour möglichst genußreich einrichten will, keinen befriedigenderen und vortheilhafteren Weg wählen, als diesen. Früher, wenn man in Lindau oder Friedrichshafen (wo die bayerischen und würtembergischen Eisenbahnen enden) den deutschen Boden verließ und, vom Dampfschiff über den Bodensee getragen, die Schweiz in Rorschach oder Romanshorn betrat, verfolgte man die sehr gut conservirten, aber nichts weniger als interessanten Straßen durch das ackerbautreibende, fruchtbaumgesegnete, aber ziemlich ebene Thurgau oder durch das Mousselin webende, freundliche Toggenburg, und langte gegen Abend in Zürich an. Jetzt gehen auch durch diese Strecken Eisenbahnen, – aber die Landschaft blieb natürlich die gleiche, wie früher; sie bietet nichts Außerordentliches, um deswillen man doch die weite Reise macht. Wie ganz anders das alpenumragte, von hohen Firnzinken eingeschlossene, ruinengeschmückte, lachende breite Rheinthal! Sofort beim Eintritt eröffnet es eine Reihe von Gebirgsbildern, die ununterbrochen abwechselnd, immer sich verschiebend, umgestaltend und wie dissolving views in neue reizende Landschaften übergehend, zu den malerisch-überraschendsten gehören, welche die Schweiz aufzuweisen hat. Gleich drüben links stufen sich die Vorarlberger Alpen auf, denen dann ein tiefer, ungemein prächtiger Einblick in’s Montafun und auf die zackenreiche Kette des Rhätikon mit den schneebedeckten Kulmen der Scesaplana, des keckgeformten Zimberspitz, des Gallinakopfes etc. bis zum vergletscherten Silvretta-Massiv folgt, während rechts der patriarchalische Sentis mit seinen Vasallen und den beiden Vorposten Kamor und Hoher Kasten, dann später der Alvier, la Gauschla, die Grauenhörner, und ganz in der Perspektive der Kalanda nacheinander aufmarschiren. Heitere, formenschöne Vordergrund-Gruppen beleben die mit hochstengeligem Mais und Weinreben bepflanzte Thalsohle, und halten die Schaulust durch den jagenden Wechsel ihrer Verwandlungen in unausgesetzter Spannung. Und alle diese pittoresken, wandernden Decorationen kann man vom weich gepolsterten Sopha des Waggon aus während der dreistündigen Fahrt bis Sargans an sich vorübergleiten lassen. Darum erkennt das einmüthige Urtheil der gebildeten Reisewelt diese Eisenbahn als eine der an landschaftlichen Genüssen reichsten auf dem ganzen europäischen Continente an.[1]

In Sargans wäre das Ziel für unsere Bergpartie zum Gonzen. – Offen gestanden, für zarte Damen, für altersschwache Herren oder knielahme Männer, für Touristen, die keinen festgenagelten, derben, dicksohligen Bergschuh an den Füßen verleiden mögen, ist unser Gonzen nichts; er verlangt gesunde, steiglustige Beine, etwas Ausdauer im Muskelspiel, leicht athmende Lungenpumpen und frische vernünftige Augen, die, wenn der Weg hie und da ein wenig schmal wird und an einer Tiefe vorüberführt, nicht gleich dem Gehirn schwindelsüchtige Reflex-Komödien vorgaukeln. Wer zu weichlich oder zu schwach ist, folge uns lieber nicht; er bleibe im Wagen und setze seine in ihren Effecten sich immer noch steigernde Reise auf der Eisenbahn längs des Wallensee zum idyllischen Zürichersee fort. – Wem aber oben genannte Requisiten nicht mangeln, wer Proviant an flottem Humor, offenen Sinn für die Pracht der schönen Alpenwelt hat, und vom Wetter begünstigt wird, der nehme den Bergstock zur Hand, etwas zu essen in die Tasche und steige mit uns aus. Mit dem Gonzen macht er eine Vorstudie zur Besteigung höherer Berge.

Da liegt der imposante Koloß mit seiner breiten, wettertrotzigen Felsenstirn, wie ein vorgeschobener Sturmbock, an dem der unbändige Föhn (Südwind) seine Kräfte brechen soll. Er ist eine natürliche Weg- und Wanderscheide, ein dem Touristen von den Alpen aufgeworfenes Fragezeichen, an dessen Fuß drei Schienengleise ineinander münden. Links hinüber geht’s in’s Land der „alten drei Bünde“ im Hohen-Rhätien (Graubünden) nach Chur und über die Berge (Julier, Splügen, Bernhardin) nach Italien, – rechts hinein aber an den felsenumgürteten, rebellisch-wilden Wallensee und in die Urcantone der schweizerischen Eidgenossenschaft. Unwillkürlich fragt jeder Fremde auf dem Sarganser Bahnhofe nach dem Namen unseres Gonzen, denn der Bursch kommt ihm doch zu originell vor. – Denke Dir, lieber Leser, ein weites, rings von hohen Gebirgszügen eingeschlossenes Thaldreieck, an dessen Winkeln sich breite, in der Tiefe duftigblau verschleierte Ausgänge öffnen. In Mitte desselben stehest Du, und drüben an der einen abgrenzenden Wand steigt einige tausend Fuß hoch, ziemlich steil, ein dicht mit Buchen überwaldeter breiter Bergsockel auf. Es ist ein ganz respectabler Gesell, der sich mit vielen der renommirten Höhen- und Aussichtspunkte Mitteldeutschlands messen darf. Aus diesem wächst nun, abermals wieder ein paar Tausend Fuß hoch, senkrecht ein riesiges Felsenfrontispice, kahl, vegetationsentblößt, stolz und starr. Das ist der Gonzen, in dessen Eingeweiden die ältesten Eisenbergwerke der Schweiz und wahrscheinlich aller germanischen Länder sich befinden. Schon vor jenen Zeiten, in denen die Römer sich Helvetiens bemächtigten, und ihre Colonien und Städte (Aventicum = Wifflisburg, Vindonissa = Windisch, Curia Rhätorum = Chur, Arborfelix = Arbon etc.) anlegten, also vor dem vierten Jahrhundert, muß hier Eisen gewonnen worden sein. Denn vor ungefähr dreißig Jahren wurden in unmittelbarster Nähe von Plons, wo gegenwärtig noch das Eisenerz des Gonzen geschmolzen wird, keltische Gräber, aus großen rothen Schieferplatten erbaut, gefunden, und bei den zu Asche zerfallenden Gerippen lagen Eisenschlacken, ein Zeichen also, daß es Eisenschmelzer waren, die hier zur Ruhe bestattet lagen. Wären es Römergräber gewesen, so [488] hätte man sicher Münzen, Thongefäße oder irgend andere, auf weitere Cultur-Entwickelung hinweisende Beigaben gefunden. Denn der Römer verleugnet sich nirgends: wo er seinen Fuß hinsetzte, ließ er irgend ein Denkmal seiner Anwesenheit zurück. Gräber aus der späteren christlichen Zeit können es eben so wenig gewesen sein. da Plons nie eine Kirche und einen Kirchhof hatte, sondern, wie auch noch heute, immer nach Mels eingepfarrt war (was unserem Standpunkte eine Viertelstunde gegenüber liegt).

Außerdem findet man droben im Bergwerk noch Stollen (horizontale Gänge), die mit dem Meißel ausgehauen sind, also aus den Zeiten vor Erfindung des Schießpulvers (13. Jahrhundert) herrühren. Dies ist das eine culturhistorisch sehr interessante Moment. Aber ein zweiter Umstand beschäftigt unsere Aufmerksamkeit in noch höherem Grade. Bei den meisten Bergwerken muß der Grubenmann durch senkrecht niedergehende Schachte erst tief in’s Erdinnere hinabsteigen, ehe er zur Erzader kommt; hier müssen umgekehrt die Bergleute erst 2200 Fuß am Berge hinauf steigen, um geraden Weges in die Stollen einfahren zu können. Dies ist bei den meisten schweizerischen Bergwerken der Fall.

In dieser Höhe herrscht denn ein seltsames, mehr als bei einem anderen Bergwerke an das Märchenschaurige, Sagengeheimnißvolle erinnerndes Treiben. Aber es sind keine Motive aus dem koboldischen Gnomen-Reiche, welches die phantastische Poesie in die unterirdischen Höhlen und Gänge der Bergwerke verlegte, und jedem dieser zwergenhaften Erdmännlein mit langem Bart einen funkelnden Diamant verlieh, den es an der Stirn als leuchtende Lampe trägt, – es sind eher Figuren, die uns aus dem mittelalterlich-unheimlichen Gebiete der goldsuchenden Venetianer und ihrer mysteriösen Verbündeten, aus der zigeunerhaften Waldromantik her bekannt sind, gewissermaßen Reminiscenzen aus dem Faustsagen-Cyklus.

Wir steigen bergauf an dem altersgrauen, auf Felsen stehenden Schlosse Sargans vorbei, durch Wiesen, in denen malerische, tiefbraune Holzhäuser mit steinbelasteten Dächern stehen, und treten in schattigkühlen Buchenwald, Links, drüben überm breiten Seezthal, erschließt sich der Einblick in das schluchtig geöffnete Weißtannenthal und auf die duftig überhauchten Bergweiden der Ragazer, Melser und Flumser Alpen. – Da begegnen wir den ersten Merkmalen des Bergbaues, dem Erzplatz, wo die rothgrauen Eisensteine von den Schlittern abgeladen werden, um durch Pferde- oder Eseltransport hinüber in die Hochöfen von Plons geschafft zu werden. Der waldige Hohlweg wird steiler, dämmeriger. Jetzt kommen Staffagestudien für Landschaftsmaler, wie sie kein Berg der Schweiz schöner und in größerer Auswahl liefert. Zwischen der Säulenhalle der glattrindigen, dichtbelaubten Buchen haben Sturztrümmer, graue Felsenbrocken in allen Größen und Figuren ihre Lagerstätte aufgeschlagen, und überlassen in indifferenter Ruhe es der verschämt jungfräulichen Waldvegetation, sie lebensvoll bunt zu schmücken. Zerstreute Sonnenlichter, welche durch das Blättergewölbe der vollen Laubkuppeln sich einstehlen, um mit den Orchideen und Mairiesli heimlich einen Augenblick zu kosen, fallen in ihrer Strahlenbrechung violett-dämmerig auf den Boden und contrastiren so wunderbar zu der übrigen Farben-Zusammenstellung, daß sie, vom Maler wiedergegeben, als kokette Erfindung, als outrirte Effecthascherei gelten würden.

Was leuchtet dort so schimmernd hell zwischen den weißgrauen Stammsäulen hindurch, wie verborgenes Mauerwerk? Es ist die Waldkapelle in lauschiger Einsamkeit, von grünen Reflexen überzittert. Ein Ort für stille Selbsteinkehr, mag wohl schon mancher der Bergknappen, wenn er auf’s Neue an seinen gefährlichen Broderwerb ging, hier frommer, inbrünstiger gebetet haben, als drunten in der großen Dorfkirche oder bei den Kapuzinern zu Mels. Ungeachtet der vielen hineingehangenen Heiligenbildlein sieht das kleine Gotteshaus weder katholisch noch protestantisch aus; es hat gar keine confessionelle Färbung, sondern erscheint in seiner großen Einfalt wie ein dem Welt-Cultus der Natur errichtetes Heiligthum. Wer Lessings schwärmerisches Bild: „die Kapelle im Walde“ kennt, hat hier ein Original zu dem genialen tiefempfundenen Meisterwerke.

Ein schriller Ton durchfährt den Wald und schreckt uns aus der elegischen Stimmung auf. Er kommt aus dem um eine Felsenecke biegenden Hohlwege herab. Nun mischen sich menschliche Stimmen, Zurufe, hallend hinein, und das knatternde, knirschende Geräusch wird lauter, breiter, voller. Da erscheint droben in der hohlen Gasse ein Mann, braunroth vom Kopf bis zu den Füßen, der mit energischem Kraftaufwande einen Schlitten zurückzuhalten sich bemüht. In wahrhaft athletischen Bewegungen, kämpfend gegen die auf ihn eindringende Schwere, legt er sich in die halbmondförmig aufragenden Schlittenkufen wie der personificirte active Widerstand. Jetzt überwältigt ihn der Druck; mit beiden Beinen stemmt er sich in den aufgewühlten steinigen Sand, daß Staubwolken rundum aufdampfen. Er geht nicht mehr, er gleitet, wie auf der Eisbahn, mit der Last herab; seine dick mit Eisen beschlagenen Holzschuhe durchschneiden das am Boden liegende Geröll wie der Kiel eines Schiffes die Wogen. Jetzt steuert er scharf auf eine Felsenecke zu; dort zerschellt es ihn, wenn er anprallt. Aber trotz der jagenden Hast, mit der der Braune herabkommt, ist er seines Fahrzeuges mächtig; mit lautem Zuruf wirft er die schwere Last herum, die kreischend über die Steine hinschleift. Jetzt sehen wir auch, wem der Zuruf galt; hinter dem mit 20 Centnern Eisenstein beladenen Schlitten ist ein Gehülfe des eigentlichen Schlitters bemüht, die enteilende Last zu hemmen und mittelst schwerer eiserner Ketten die treibende Wucht zu schwächen. Jetzt schleifen sie an uns vorüber, mit freundlichem Gruß unseren Gruß erwidernd. Sie halten an. Es gehören Pferdeknochen und Löwenkraft dazu, täglich zwei Mal die entleerten Schlitten auf den Schultern zwei Stunden hoch hinauf zu tragen, an die Mündungen der Gruben, um dann, ebenfalls zwei Mal, in beschriebener Weise, bei einer Neigung von durchschnittlich 30 Grad, wieder herab zu fahren.

Es gibt sauere Beschäftigungen im Erwerbsleben, die jedes Stücklein trockenen Brodes mit Thränen netzen; aber es gibt wohl kaum eine zweite, bei welcher eine größere Consumtion der Kräfte stattfindet. Wir werden es fühlen, wenn wir wieder hinabsteigen, wie empfindlich der andauernd jähe Fall des Weges unsere Kniee und Schenkel berührt; und doch gehen wir frei, völlig Herr unserer Bewegungen, unserer Zeit, unserer Kräfte. Nun denke man sich das rasend-forcirte Ineinanderstauchen der Knochen, die verzweifelte Anspannung aller Sehnen und Bänder des Schlitters, wenn er seiner ihn drängenden Last mächtig bleiben will. Man sollte glauben, es seien Männer von Stahl und Eisen. Und doch sehen sie gar nicht so herkulisch aus. Sechs Franken (1 Thlr. 18 Ngr.) ist der Tagelohn für je zwei Männer eines Schlittens. Nun wähne man aber nicht, einem todtmüden, lebensmatten, mit der Welt zerfallenen Proletariate, wie dem in den englischen Steinkohlengruben, zu begegnen, dem die Leiden der gesellschaftlichen Stellung mit tiefgeätzten Linien in’s Antlitz gezeichnet sind, – im Gegentheil, es ist ein heiteres, redseliges, lachlustiges Volk, das sich nur immer darüber wundert, wie man eine solche Leidenschaft für die Besteigung der Berge haben könne. Eine kurze Rast in Mitte der im Walde gelagerten Schlitter, wenn sie ihre schweren Fahrzeuge auf Kopf und Schultern wieder bergan tragen, gewährt viel Unterhaltung, vorausgesetzt, daß man ihren Oberländer Dialekt versteht. Mitunter wird man bei der Ankunft von irgend einer Seite her angeredet, ohne den Sprecher entdecken zu können; endlich erblickt das suchende Auge ganz nahe, im rothen dürren Buchenlaub, den in der Farbe gleich rothen Schlitter am Boden hingestreckt, der sammt seinen Cameraden in schallenden Lachjubel ausbricht, uns vexirt zu haben. So gefahrvoll die Beschäftigung ist, so wenig namhafte Unglücksfälle kommen vor; sie scheinen in Gottes besonderer Obhut zu stehen. So ereignete es sich am Dienstag vor Pfingsten (dieses Jahres), daß von der Felswand herunterstürzende Steine einem Manne den auf dem Kopfe getragenen Schlitten total zerschmetterten, ohne ihm selbst den mindesten Schaden zuzufügen.

Nach zweistündigem, ziemlich strengem Steigen durch den Wald lichtet sich’s, und wir gelangen endlich an’s hölzerne Knappenhaus. Alles um und um ist bolusroth, die Wände, die Treppen, das Dach, der Erdboden, der gemüthliche Obersteiger Bärtsch, der uns bewillkommnet, ja sogar der ursprünglich mausgraue Hauskater. Hier wird, will man in eine der drei Gruben einfahren, der Erlaubnißschein des Hütten-Verwalters von Plons abgegeben. Kaffee, Brod und frisches Wasser ist Alles, was Gastfreundschaft an Erquickung bieten kann; darum ist Proviant in der Reisetasche von Nöthen. Während wir an dem prächtigen Niederblick in’s Rheinthal uns erfreuen, kommt die Schaar der Grubenarbeiter eisenklappernden Trittes zum Mittagbrod (11 Uhr). Wie der Müller von seinem Geschäftsbetriebe weiß, der Kaminfeger rußschwarz ist, so feuern diese Leute in hochkupferrother Farbe. Es würde diabolischer [489] Mephistophelismus aus den weißglänzenden Augen leuchten, wenn nicht der gutmüthige Gruß und der von strenger Arbeit ermüdete schwerfällige Gang uns rasch trösteten, daß hier durchaus keine Teufeleien zu befürchten sind. Nicht einmal von Geistern und Unholden werden sie geneckt, denn ihre Gruben sind gesund, werden weder von „bösen und schlagenden Wettern“, noch von Wildwassern heimgesucht, und das feste Gestein (blauschwarzer Kalk) bürgt dafür, daß kein Stollen „nachfällig“ werde. Von einem einzigen traditionellen, geisterhaften Anzeichen wissen sie zu erzählen, das noch in unseren Zeiten repetirt, und dies ist folgendes: Wenn die Knappen im ziemlich unergiebigem Gestein arbeiten und die Oeffnung neuer reichhaltiger Erzgänge bevorsteht, so geschieht es, während sie ahnungslos im Knappenhause beim Essen sitzen, daß vom Bergwerke her, über die Steine bis auf die hölzerne Stiege laute Tritte erschallen, als ob dreißig und mehr Arbeiter mit schweren, eisenbeschlagenen Schuhen sich näherten. Die Knappen springen hinaus – aber Nichts ist zu hören, noch zu sehen, nur der Waldbach rauscht durch die einförmige Stille.

Imposant, schaurig, großartig ist der Eingang zur mittleren Grube. Wir stehen am Fuße der beinahe 2000 Fuß hohen Felsenwand. Diese ist gespalten; eine fast senkrechte Schlucht klafft wie eine riesige Wunde uns entgegen. Nach dem Berg-Innern zu verdüstert es sich geheimnißvoll. Bergdohlen umflattern die Klüfte, in denen sie nisten, mit schwirrendem Geschrei, das wie in einer Kirche wiederhallt. Hoch droben gähnen schwarze, höhlenartige Löcher, und daneben klebt eine dunkele Holzbaracke im Gestein wie ein angebautes Schwalbennest. Das ist die Grubenpforte. Von dieser gleiten in jähen, aus rohen Baumstämmen construirten Rinnen die guten und schlechten Erze polternd hernieder. Hei! glitzert es da wie californische Beute und peruanischer Ueberfluß von den im brennenden Sonnenschein goldgelb flimmernden Schwefelkiesen, diesem hüttenmännischen Unkraute, das alle Metalle im Ofen verdirbt. Wie gar oft im Menschenleben äußerer Prunk und Glanz innere Gehaltlosigkeit und moralische oder geistige Fäulniß verdecken muß, während gediegene Charaktere voll inneren Werthes schlicht, anspruchslos, einfach dahergehen, so auch hier. In der Neben-Rinne kommt das unscheinbare, aber köstliche, gehaltvolle Mangan-Erz herab, das wie hellgrauer Kalkstein aussieht. – Es geht an’s Klettern; steil hinauf, neben der Kluft, führt eine pfadähnliche Zickzacklinie an blühenden gelben Alpenprimeln und feuerroth leuchtenden Eriken (im Volksmunde „Brüsch“ genannt) vorüber, zu einem schmalen Felsenband, und über dieses in die Schlucht hinein. Das ist ein unheimlicher Aufenthalt, der unwillkürlich an Lenau’s Faust erinnert, wo er die erste Bekanntschaft mit dem bösen Geiste macht:

„Da plötzlich wankt und weicht von seinem Tritt
Ein Stein und reißt ihn jach zum Abgrund mit;
Doch faßt ihn rettend eine starke Hand
Und stellt ihn ruhig auf den Felsenrand:
Ein finstrer Jäger blickt in’s Aug’ ihm stumm
Und schwindet um das Felseneck hinum.“

Hier brausen im Winter und Frühjahr die Lauinen mit donnerndem Krachen hernieder und füllen die breite, hohe Schlucht nach und nach mit ihren abgelagerten Schneemassen aus. Kein Bergmann, kein Schlitter würde es wagen, im Winter den Weg, den wir soeben passirten, zurückzulegen. Darum führt im Innern des Bergwerkes ein sogenannter Winterweg von der mittleren Grube zu der hinter dem Knappenhause sich öffnenden vorderen Grube.

Um ein Bild vom Inneren des Grubenbaues zu geben, müßte das, was allen Lesern aus anderen Bergwerksbeschreibungen schon genugsam bekannt ist, wiederholt werden. Lange, nachtdunkele Gänge, bald ganz horizontal, bald etwas steigend oder fallend, der laufende Hund (Grubenwagen) auf den Schienen, dumpfschallendes Hämmern der Arbeiter, wandernde Grubenlichter, donnerndes Knallen beim Sprengen und rasselndes Fallen des Gesteins nach dem Schuß, das Alles ist, wie gesagt, allgemeiner Natur. Nur eine Eigenthümlichkeit verdient Erwähnung. In der Grube Nr. 1, wo hauptsächlich reichhaltiger Magnet- und Rotheisenstein gewonnen werden, ist die Lagerung gen N.-O. abfallend vielfach geknickt und gebogen und darum der Gang der Stollen auch ein wellenförmiges Auf- und Absteigen. In der mittleren Grube dagegen, wo vorherrschend kohlensaures Mangan-Erz exploitirt wird, steht der Gang fast vertical, sodaß die Stollen aus hölzernem Einbau über grausen schwarzen Tiefen, früher abgebauten Gängen, eingesprengt sind. Das Bergwerk wird seit 1824 auf’s Neune durch Herrn Neher von Schaffhausen betrieben und gewinnt jährlich ca. 40,000 Centner 40 bis 60 Procent haltendes Erz.

Um endlich auf die Spitze des Gonzen zu gelangen, bedarf es nochmaligen 11/2stündigen Steigens; erst geht es an einer etwa 50 Sprossen zählenden, in die Felsenwand senkrecht mit Ketten befestigten Leiter hinauf (hierzu bedarf es eines schwindelfreien Kopfes), dann übers Ochsenälpli immer auf Rasenboden und zwischen einzelnstehenden Wettertannen ansteigend zu dem 5643 Fuß überm Meer erhabenen Gipfel (also 100 Fuß höher als der Rigi). Die Aussicht erschließt sich besonders gen Ost und Süd. Die Spitzen, welche man da droben sieht, hier einzeln aufzuzählen, dürfte den Leser wenig interessiren. Wer hinaufgeht, orientirt sich mit Hülfe einer guten Karte bald. Möge rüstigen Alpenfreunden die Besteigung des Gonzen hierdurch angelegentlichst empfohlen sein.




Des blinden Kindes Klage.

Ich klage nicht, daß ich nicht seh’
Des Lenzes Zauberglanz,
Des Himmels köstlichen Azzr,
Der Sterne milden Kranz,
Nicht, weil der Schönheit eitles Gut
Für mich ein Traumgesicht –
Trifft nie des Meeres Pracht mein Blick,
Darüber klag’ ich nicht!

Der Vogel, der so lieblich singt,
Man sagt, er sei nicht schön –
Die Blüthe, deren Duft entzückt,
Soll oftmals farblos stehn.
O nein! die Schönheit reizt mich nicht,
Sie ist wohl bettelarm –
Ein andrer Wunsch mein Herz bewegt,
Mein Herz so liebeswarm.

Mein kleiner Bruder führet mich
Zum duft’gen Veilchenhain -
Ich kenne seinen leichten Schritt,
Für mich wie Sonnenschein;
Und meiner Mutter süßes Wort
Ist mir, wie Saitenspiel
In ihrer Näh’ des Himmels Glück,
Der Seligkeit Gefühl!

Wenn bei der Theuren Zärtlichkeit
Mein ganzes Sein erbebt,
Wenn mich des Vaters Arm umschlingt,
An seine Brust mich hebt –
Dann füllt mit Thränen sich der Blick,
Ich weine, weil ich blind:
Der Liebe Augen seh’ ich nicht,
Ich armes, armes Kind!



[490]
Deutsche Bilder.
Nr. 4.
Schill und seine Reiterzüge.
Von Schmidt-Weißenfels.
(Schluß.)

Die große Nationalverschwörung in Deutschland gegen Napoleon war damals in ausgebreiteter Weise organisirt. Bis tief nach Oesterreich hinein, ja bis an den kaiserlichen Hof reichten die Fäden, und Stadion wie Gentz unterhielten eine bedeutende geheime Verbindung mit Preußen und den dortigen Patrioten Scharnhorst, Gneisenau und Hauptmann Bauer. Der Tugendbund bildete die Vereinigung der patriotischen Ideen; von hier aus gab man die Winke und Zeichen, ihm ließ man verstohlen die Pläne der Häupter der Bewegung zugehen, um für sie Propaganda zu machen. Daneben existirten andere geheime Vereine, wie z. B. die Gesellschaft der Vaterlandsfreunde, welche in gleicher Weise für die Erhebung arbeiteten und Geldmittel sammelten, um im entscheidenden Moment mit ihnen die Ausrüstung der vorbereiteten Guerillabanden zu ermöglichen. Zwischen allen bestand ein gewisser, wenn auch loser Zusammenhang, und alle erwarteten die allgemeine Erhebung Deutschlands in dem Augenblick, wo Oesterreich den Krieg gegen Napoleon unternehmen würde.

Ferdinand von Schill war eingeweiht in diese Verhältnisse: er stand mit dem Tugendbund in Verbindung, noch inniger mit der Gesellschaft der Vaterlandsfreunde. Hirschberg und Dörnberg waren seine Vertrauten, sogar von Oesterreich her hatte man mit ihm angeknüpft. Andere Patrioten, mehr leidenschaftlich als vorsichtig, forderten ihn auf, auf eigene Faust zu handeln, wenn es so weit sei; man brachte ihm fast gewaltsam die Meinung bei, daß er sich nur zu zeigen brauche, um ein Volk in Waffen um sich zu sehen. Schill selbst gab sich, phantastisch wie er war, und leidenschaftlich, mit außerordentlichem Eifer, aber auch mit Unvorsichtigkeit diesen Hoffnungen, die man auf ihn setzte, hin. Die übertriebenen Schilderungen der Vorbereitungen, der vorhandenen Mittel täuschten ihn und ließen ihn sowohl die Kampflust des Volks, als auch seine eigene Bedeutung überschätzen. Katt und Dörnberg drängten ihn überdies, mit ihnen gemeinschaftlich loszubrechen, ja, der zum Kampf bereiten Bevölkerung in Westphalen ein Zeichen zu geben, daß er ihr Führer sein werde. Geheime Agenten kamen und drängten auch, und Schill gab Briefe an die Eingeweihten mit und Proclamationen, welche das Volk heimlich bearbeiten sollten. Nun brach auch der Krieg Oesterreichs gegen Napoleon aus; die Oesterreicher rückten nach Baiern vor, das Volk in ganz Deutschland gährte: ein Funke, und die Flammen der Erhebung mußten hoch und gewaltig emporschlagen.

Katt hatte unvorsichtiger Weise im Anfang April das Signal zum Aufbruch gegeben, während allgemein angenommen war, dasselbe sollte der erste entscheidende und zuversichtlich erwartete Sieg der Oesterreicher sein. Er hoffte im Einverständniß mit Bewohnern Magdeburgs diese Festung zu überrumpeln; aber die Vorschnelligkeit seines Beginnens warnte den Feind, und der Handstreich auf Magdeburg, sowie der ganze Katt’sche Aufstand mißlangen gänzlich. Nun begann die wachsame Polizei König Jerome’s ihr Werk, und das Mißgeschick wollte, daß man in Magdeburg den westphälischen Landmann aufgriff, der Schill die Botschaft gebracht, sich an die Spitze der Insurrection zu stellen, und dem der unvorsichtige Husarenmajor seine Briefe und Proclamationen anvertraut. Man sandte diese Papiere nach Cassel, legte sie dort dem preußischen Gesandten vor, und der mußte wohl oder übel darüber an seine Regierung berichten. Ein vertrauter Freund und Patriot, der spätere hannoversche General von Bothmer, setzte Schill von dieser unerwünschten Enthüllung im Geheimen in Kenntniß.

Schill sah sich bedroht; das Mildeste, was er zu erwarten hatte, war das Schicksal des Freiherrn von Stein, der ein halbes Jahr früher aus Preußen nach Oesterreich geflüchtet war. Aber damit wurde die Erhebung, deren Erfolg ja so sicher schien, einer kräftigen Stütze beraubt, Schill selbst um alle seine Hoffnungen betrogen. Der lebhafte Mann war eine Beute der Unruhe und Unentschlossenheit; sollte er gehen, sollte er bleiben, sollte er versuchen, auf eigene Hand die Insurrection zu bewirken? Das letztere schien ihm nach Allem, was man ihm berichtet, leicht zu sein, und dann war’s ja kühn, verwegen, ein echter Husarenstreich, wie er zu Schill paßte! Die eingehenden Nachrichten bestärkten ihn überdies in diesem Entschlüsse. Es kam ein Bote von Dörnberg, der ihm meldete, daß er am 21. April mit seinen Haufen losgegangen sei und nun auf seine Unterstützung rechne; es gelangte das falsche Gerücht nach Berlin, Erzherzog Karl habe bei Hof gesiegt, und man glaubte, weil man es so heiß erwünschte, so fest daran, daß Chazot, damals Commandant von Berlin, für den 27. April die Parole „Karl und Hof“ gab.

Nun hielt’s den kühnen Reiterführer nicht länger. Mag’s kommen, wie es will, jetzt oder nie mußte er losschlagen. Ohne seine Absicht zu verrathen, machte er schnell seinen Plan; nur Adolf von Lützow, den späteren Freischaarenheld, und Lieutenant Baersch, seinen Freund, weihte er in das Geheimniß: er wollte nach Magdeburg. Auf seine Leute konnte er zählen; die gingen, das wußte er, mit ihm, und wär’s in die Hölle.

Am Nachmittag des 28. April zog Schill mit seinem schmucken Husarenregiment zum Hallischen Thore hinaus, anscheinend um, wie gewöhnlich, dasselbe exerciren und mit Sack und Pack manövriren zu lassen. Und richtig, hinter Berlin fanden mehrere Evolutionen des Regiments statt. Dann aber zog man stracks in der Richtung nach Potsdam los; auf dem Wege dahin ließ Schill plötzlich Halt machen und verkündete in begeisterter Rede, so wie’s ihm eigen war, seinen Entschluß, den Kampf aufzunehmen gegen die Gewalt des fremden Tyrannen. Unterstützung sei ihm sicher, schon sei der Aufstand in Hessen losgebrochen. Wer ihm aber nicht folgen wolle, der möge sich nicht scheuen, es zu sagen, und heimreiten. Aber es rückte sich kein Mann; Alle, vom Ersten bis zum Letzten, jubelten ihrem kühnen Führer zu, und so ging’s denn unter lustigem Trara fort über Potsdam nach der Elbe. In Berlin glaubte man indessen, Schill habe einen unerwarteten Uebungsmarsch unternommen. Man sandte ihm einen Officier nach, um ihm diese Eigenmächtigkeit zu verweisen und ihn zurückzubeordern; Schill zog ihn in’s Vertrauen, und der Officier kehrte nach Berlin zurück. Dies Ereigniß bestärkte die Husaren wohl noch in der Meinung, ihr Führer handle im Einverständniß mit der preußischen Regierung.

Schon am letzten April erfuhr Schill, daß auch Dörnberg’s Handstreich mißlungen sei. So war denn an einen Ueberfall Magdeburgs nicht mehr zu denken, und die Schaar rückte deshalb auf Wittenberg zu. Der dortige sächsische Commandant setzte keinen Widerstand entgegen, ließ die Husaren vielmehr ruhig durch die Stadt ziehen. Am 2. Mai gelangte Schill nach Dessau. Ein feuriger Aufruf sollte die gehoffte Insurrection jetzt in’s Leben rufen. „Alles,“ sagte der kühne Officier, „greife zu den Waffen; Sensen und Piken mögen die Stelle der Gewehre vertreten … Wer feig genug ist, sich der ehrenvollen Aufforderung zu entziehen, den treffe Schmach und Verachtung.“ Er, der’s nicht besser wußte, rief jubelnd in die Welt hinein, daß die Oesterreicher gesiegt, die Hessen im Aufstande seien. „Auf zu den Waffen! Bald wird die gerechte Sache siegen, der alte Ruhm des Vaterlandes wiederhergestellt sein. Auf zu den Waffen!“ Und nun ging’s weiter, überall auffordernd zum Kampf, überall das zagende Volk begeisternd. Man kam nach Sternberg; Streifpikets des schon durch Zulauf vermehrten Corps wandten sich in’s Land hinein, nach Halle; Schill selbst zog aus Cöthen los, wo man dem franzosenfreundlichen Fürsten den Marstall leerte, die vorhandenen Waffen wegnahm, dessen Leibgarde auflöste und einen Theil derselben zum Uebertritt in das Schill’sche Corps bewog.

Da trafen Hiobsposten ein, welche den kühnen Mann an sich selber irre werden ließen. Die Dörnberg’sche Schilderhebung war vollständig gescheitert; die Oesterreicher, anstatt gesiegt zu haben, waren an der Donau geschlagen worden und auf dem Rückzug nach Wien; ein Courier von Berlin brachte ihm die ernste und drohende Mahnung, sofort umzukehren. Schill war wie gebrochen. War es denn jetzt noch möglich, umzukehren, mit Spott und Hohn zurückzugehen, um sich dem Kriegsgericht zu stellen? War denn [491] durch diese Nachrichten mit einem Male Alles verloren, keine Aussicht mehr auf die so eifrig betriebene Erhebung? Das Letztere mußte sich Schill mit Trauer eingestehen; hatten ihn die Tage bisher schon belehrt, daß man ihm den Kampfmuth der Bevölkerung übertrieben geschildert hatte, und daß diese lange noch nicht genug zur Erhebung vorbereitet war, so sah er ein, daß nach dem mißglückten Aufstand der Hessen und den niederdrückenden Nachrichten aus Oesterreich vollends nicht mehr auf eine rege und aufopfernde Theilnahme des Volkes zu rechnen war. Er berief seine Officiere und hielt Kriegsrath mit ihnen über das, was zu thun. Die Genossin des Unglücks, die Uneinigkeit, hatte bereits Erfolge gemacht, um so mehr, als Schill, gebeugt und unschlüssig, mit seinem kühnen Selbstvertrauen nicht mehr Alle mit sich fortriß. Wenn auch Alle einmüthig sich für den Kampf entschieden, so wollten die Einen sich doch nach Oesterreich durchschlagen, die Andern den alten Plan beibehalten und auf Cassel rücken; Schill selbst schlug vor, nach dem Norden vorzudringen, um möglicherweise die erwartete Diversion englischer Truppen am Rhein und an der Weser unterstützen zu können. Diese Ansicht trug den Sieg davon.

Inzwischen war ein Corps rheinbündischer Truppen von Magdeburg her herangerückt, um die Schill’sche Schaar zu versprengen. Das kam dem Husarenmajor, der Feuer, Muth und Kampf bedurfte, gerade recht, und er zog ihnen mit seinen Reitern frischweg entgegen. Sein Corps bestand jetzt aus 400 Husaren, 60 reitenden Jägern und etwa 50 Mann Infanterie.

Am 5. Mai stieß er bei Dodendorf, unweit Magdeburg, auf den Feind, der, sechs Compagnien und zwei Geschütze stark, sich in drei Quarré’s aufgestellt hatte. Vier Compagnien darunter waren westphälische Truppen, und Schill versuchte deshalb, sie zum Ueberlaufen zu bestimmen. Aber vergeblich. So geschah denn der Angriff. Im Nu sprengten die Schill’schen Husaren die Quarré’s, warfen den Feind zurück, nahmen 170 Mann gefangen und erbeuteten eine Menge erwünschten Gepäcks, Waffen und Fahnen. Freilich war der Sieg theuer erkauft, sieben Officiere waren erschossen, drei schwer verwundet – worunter Lützow –, zwei gefangen. Der Verlust der Mannschaft betrug über hundert Mann. Ueberdies konnte der Sieg, bei der Schwäche des Corps, in nichts ausgebeutet werden, und Schill mußte nach wie vor an Rettung vor der Gefahr denken.

Hoffnung zu fassen für ihn und seine Unternehmung war fast unmöglich. Ein Decret König Jerome’s bezeichnete Schill’s Corps als eine Räuberbande, befahl „darauf Jagd zu machen“ und setzte auf Schill’s Einlieferung einen Preis von 10,000 Francs. Ein Parolebefehl des Königs von Preußen vom 8. Mai mißbilligte Schill’s „unglaubliche That“ in den strengsten Worten und legte jedem preußischen Soldaten die unbedingte Verpflichtung auf, sich ruhig zu verhalten; zugleich wurde eine Untersuchung über die eigenmächtige Handlungsweise des kühnen Majors eingeleitet. Napoleon endlich bezeichnete Schill in einem Bulletin vom 9. Mai als „brigand“, sein Unternehmen als ein „lächerliches“; zugleich wurde ein 10,000 Mann starkes Observationscorps an der Elbe gegen dieses „lächerliche Beginnen“ aufgestellt, und der General Gratien mit meist holländischen Truppen zur Verfolgung Schill’s abgeschickt. Und nun noch der Sieg der Franzosen über die Oesterreicher! Wie sollte da noch ferner auf Theilnahme der Massen gerechnet werden können? wie war es möglich, an einen Erfolg einer solchen Handvoll Leute, mochten sie auch noch so kühn sein, zu glauben?

Und Schill selbst glaubte nicht mehr daran; die Verzweiflung bemächtigte sich seiner, und er spähete nur noch, wohin er sich zu retten vermöchte. Er hatte sich nach dem Gefecht bei Dodendorf nach Stendal und Arneburg gewandt, und hier waren 160 Mann mit vier Officieren unter Quistorp’s Commando zu ihm gestoßen. Es waren Truppen des leichten Infanteriebataillons, das seinen Namen führte und unter ihm bei Colberg gefochten. Begeistert für Schill waren sie heimlich, noch ehe der Parolebefehl des Königs erlassen war, aus Berlin gezogen, um unter ihrem alten Führer zu kämpfen. Wohl richtete dies Schill’s Hoffnung für einen Augenblick auf; aber nur zu schnell sank sie wieder im Angesicht der Unmöglichkeit des Erfolges. Und damit ward der kühne Mann unschlüssig, hartnäckig, verbittert. Grolmann war zu ihm gekommen und hatte ihn beschworen, nach Westphalen aufzubrechen, wo für den Aufstand am meisten vorbereitet sei; er weigerte sich, zog planlos umher, verschwendete kostbare Tage mit nutzlosen Märschen, während die Franzosen sich in Uebermacht zu seiner Verfolgung aufmachten. Endlich, gedrängt und von drohenden Gefahren umgeben, entschloß er sich, nach Pommern aufzubrechen, um von Stralsund aus mit den britischen Schiffen in der Ostsee in Verbindung zu kommen, sich vielleicht mit seinen Getreuen nach Spanien zu retten.

Am 13. Mai brach er nach Mecklenburg auf, besetzte Dömitz und indem er dort seine Infanterie zurückließ, damit sie den verfolgenden Feind aufhalte und über den von ihm eingeschlagenen Weg irre führe, zog er mit seinem Corps gegen Wismar und Stralsund, benachrichtigte auch zu gleicher Zeit den Admiral der englischen Ostseeflotte von seinem Vorhaben. Während nun die Dömitzer Infanterie, kaum 400 Mann stark, sich weidlich mit den Truppen Gratiens herumschlug und sich darauf glücklich nach Rostock zurückzog, war Schill mittlerweile in Eilmärschen auf Stralsund marschirt. Am 24. Mai stieß er bei Damgarten auf eine Abtheilung Truppen, welche der französische Gouverneur ihm entgegenwarf. Schill vernichtete dieses weit überlegene Corps fast vollständig, und nun hatte er den Weg auf Stralsund frei.

Es war am 25. Mai. Die Artillerie Stralsunds feierte eben mit Kanonensalven den siegreichen Einzug Napoleons in Wien. Da sprengte plötzlich Schill mit dreißig Jägern und fünfzehn Husaren in die Stadt, hinter ihm her kam die übrige Schaar, und nun ging’s flugs über die Kanoniere her, die nach verzweifelter Gegenwehr zusammengehauen wurden. Stralsund war wirklich von Schill erobert. Noch einmal flammte der alte Muth und das alte Selbstvertrauen in dem kühnen Reitersmanne auf; aber ein Prüfen der Umstände ertödtete ihn schnell. Woher sollte man Mannschaften nehmen, die Wälle zu vertheidigen, die Festungsartillerie zu bedienen, Schanzen zu errichten? Das ganze Corps war höchstens sechszehnhundert Mann stark und zur Hälfte Reiterei! Auch gab es schon Zaghafte und Unzufriedene unter ihnen, und Schill klagt in einem Parolebefehl darüber: „es sei der sehr unglückliche Ton im Corps eingerissen, seine Befehle willkürlich abzuändern oder gar nicht zu befolgen.“ Und doch that er, als wenn er sich in Stralsund zu halten vermöge, freilich wohl mit dem Hintergedanken, daß die Engländer in Rostock landen und ihm zu Hülfe eilen würden. „Meine Arbeiten an der Wiederherstellung der Werke,“ schrieb er damals an Erzherzog Karl, „sind von einem solchen Erfolge, daß ich dreist behaupten kann, das demolirte Stralsund werde sich, gleich einem andern Saragossa, nicht allein gegen den anrückenden Feind, sondern auch noch größeres Corps auszeichnen.“ War dies Selbsttäuschung oder wirkliche Ueberzeugung?

Am 31. Mai kam Gratien mit 6000 Mann meist holländischer und dänischer Truppen vor Stralsund. Auf alle drei Thore der Festung begann der Angriff; die Vorwerke wurden erstürmt, die Wälle erstiegen, die dort aufgestellten Geschütze genommen. Ueberall zurückgeworfen, sammelte Schill seine Reiterei auf dem Marktplatz; aber der siegende Feind ließ ihm nicht Zeit dazu, er stürmte auf den Straßen heran, warf sich auf die ungeordneten Reiterschaaren und versprengte sie nach allen Richtungen. Jetzt hieß es: rette sich wer kann! Schill selbst, von verzweiflungsvollem Muth erfüllt, brach mit einem Reiterhaufen in die Feinde, hieb Alles vor sich nieder, ohne doch vor dem Uebermaß der Feinde Luft zu bekommen. Ein wüthendes Handgemenge entspann sich, Mann gegen Mann focht und mit einer Erbitterung ohne Gleichen. Schill’s Säbel blitzte unaufhörlich in der Luft; sein Roß bäumte sich hoch auf, erdrückte einen Haufen Dänen, sprang über ihn fort in eine Seitenstraße hinein. Auch hier drang der Feind vor. Verzweifelt stürzte sich Schill auf den ihm entgegenkommenden holländischen General Carteret und hieb ihn mit einem Streich vom Pferde – aber in demselben Augenblick traf ihn ein Schuß, er sank herab, und die Bajonnete der dänischen Musketiere bohrten sich in seinen Leib. – Der kühne Reitersmann war todt; in ein Haus, gegenüber dem Rathhause, brachte man ihn und ließ ihn dort entkleidet auf dem Boden eines Zimmers liegen. Er war unentstellt, selbst in den Wangen war noch das Roth des Lebens, so kurz und schnell hatte er geendet!

Furchtbar war der Kampf gewesen in Stralsund; der Feind hatte grausame Verluste erlitten, das Schill’sche Corps sein Leben theuer verkauft. Aber es war fast gänzlich erschlagen, erschossen oder gefangen, kaum zweihundert davon retteten sich aus diesem Gemetzel nach Preußen. Napoleonische Grausamkeit richtete über die Unglücklichen, welche lebendig in die Hände der Häscher gefallen [492] waren. Man brachte sie nach Braunschweig, an 600 Mann; deutsche Officiere verurtheilten sie, meist zur Galeere, viele zum Tode. Die elf gefangenen Officiere indessen wurden nach Wesel geschafft und als „zur Bande von Schill“ gehörig am 16. September vor ein französisches Kriegsgericht gestellt und laut eines Gesetzes aus der Revolutionszeit wegen Diebstahls mit Einbruch oder Straßenraub zum Tode verurtheilt. Noch am selben Vormittag wurden diese elf Helden, von denen unr einer das dreißigste Jahr überschritten hatte, auf einer Wiese bei Wesel erschossen. Es waren zwei Brüder von Wedell[2], der eine zwanzig, der andere dreiundzwanzig Jahr alt, ein Herr von Keller, Jahn, Gabain, von Flemming, von Kessenbringk, von Trachenberg und drei von Schill zu Officieren ernannte junge Leute aus Berlin, Schmidt, Felgentreu und Galle. Zwei und zwei zusammengebunden gingen sie dem Tode muthvoll entgegen; sie brachten ihrem Könige noch ein Hoch aus, dann commandirten sie selber Feuer! Nur Einen hatten die Kugeln nicht getödtet; er riß sein Kleid auf und rief, auf sein Herz deutend: „Hierher, Grenadiere!“ Und sie schossen ihn in’s Herz. Es war Blut der Märtyrer, das hier floß, und ein Same erstand daraus, ein Haß gegen das napoleonische Regiment, durch den vor Allem der Thron des Usurpators zertrümmert wurde. Sie hatten für’s Vaterland, für die Freiheit gefochten, muthig ihr Leben dafür hingegeben; das war ein Beispiel, welches nicht ohne Früchte blieb und den Heldenmuth der Schill’schen Schaar frisch im Gedächtniß Aller erhielt, mit sammt dem Haß gegen deren Rächer, mit sammt der Hoffnung auf Befreiung Deutschlands. Max von Schenkendorf, als er Schill’s Tod besang, weissagte diese Stunde:

Tag des Volkes! Du wirst tagen,
Den ich eben feiern will,
Und mein freies Volk wird sagen:
„Ruh in Frieden, treuer Schill!“

Schill’s Leichnam wurde in Stralsund begraben, man weiß nicht wo. Man hatte das Haupt vom Rumpf getrennt und in Weingeist nach Cassel gesandt, damit sich König Jerome „lustick“ darüber mache. Nachdem Se. westphälische Majestät dies gethan, schenkte er den Kopf des „Räubers“ dem Naturforscher Brugmans in Leyden, und dieser ließ ihn im naturhistorischen Museum unter Ungeheuern und Mißgeburten in einem Glase aufbewahren. Umsonst hatte der wackere Nettelbeck im J. 1820 Hardenberg gebeten, die Auslieferung dieser patriotischen Reliquie zu erwirken; vergeblich hatten sich andere Freunde des Helden deshalb verwandt – erst am 24. September 1837 wurde dieser patriotische Wunsch erfüllt, nachdem zwei Jahre zuvor schon, am 31. März 1835, die preußische Armee den zu Wesel Erschossenen ein Denkmal errichtet hatte. Ferdinand von Schill’s Haupt wurde feierlich bei seinen gemordeten Waffengefährten zu Braunschweig beigesetzt. [3]



     Soeben wird nachfolgender Aufruf erlassen:
Aufruf
zu Beiträgen für
ein Denkmal auf dem Grabe Schill’s.
„Ihm ward kein Stein zum Gedächtniß gestellt!“

So sang klagend der ehrwürdige selige Arndt schon vor 47 Jahren, und – bis heut hat Deutschland dem Vorkämpfer für seine Freiheit, dem Bahnbrecher der Heldenzeit von 1813-1815 die Ehrenschuld nicht abgetragen. Bei der würdigen halbhundertjährigen Gedächtnißfeier seines Todes am 31. Mai 1859 zu Stralsund ward der Wunsch für ein Grabdenkmal Schill’s wieder rege; die Unterzeichneten traten freudig zu einem Ausschüsse für Errichtung eines solchen Denkmals zusammen. Durch den Reinertrag einer kleinen Schrift („Ferdinand von Schill und die halbhundertjährige Gedächtnißfeier seines Todes in Stralsund. Mit Beilagen“) und durch sonstige Gaben sind zwar bereits über 100 Thaler eingekommen, worüber in Nr. 25 der hiesigen Zeitung Rechenschaft gelegt worden; soll aber das beabsichtigte Grabdenkmal einigermaßen ein würdiges werden, so sind noch 500 bis 600 Thaler erforderlich. Daher die vertrauungsvolle dringende Bitte an alle Vaterlandsfreunde, uns für den edeln Zweck Beiträge zukommen zu lassen.

Die Redactionen der deutschen Zeitungen werden die Güte haben, die eingebenden Beiträge gefälligst entgegenzunehmen und uns zukommen zu lassen. Jeder der Unterzeichneten ist gleichfalls bereit, Beiträge, namentlich durch Privatsammlungen zusammengebrachte, anzunehmen. Sowohl über diese Gaben, wie über das Denkmal selbst soll seiner Zeit Bericht erstattet werden.

Der nun verewigte E. M. Arndt hat sich stets, selbst noch in seinem letzten Lebensjahre, für Ferdinand von Schill verwandt. Ein Denkmal für denselben ist gleichsam ein Vermächtniß für den treuen Arndt. Das letzte seiner Gedichte (Ende Januar 1859 verfaßt) war der Gedächtnißfeier des von ihm hochverehrten Helden gewidmet. Wir schließen unsere Aufforderung mit der sechsten Strophe dieses Gedichtes:

„Ja, als die Wucht von Schanden
Den Nacken Deutschlands bog,
Ist Einer aufgestanden,
Der stolz den Degen zog.
Als Viele wie Memmen erblichen
Und kuschten feig und still,
Ist Er nicht ausgewichen:
Sein Name klinget Schill!“

Stralsund, im Julimonat 1860.

Francke, Rathsherr. v. Haselberg, Stadtbaumeister. Lübke, Stadtbaumeister. Dr. Zober, Professor.




Garibaldi in Palermo.
Aus zwei Briefen eines deutschen Malers im Garibaldi’schen Freicorps.

Ja, auch ich habe mich den Garibaldi’schen Streitern angeschlossen und längst Pinsel und Palette und die öligen Farben-Päckchen im alten, verfallenen Rom weggeworfen. Ich kenne wenigstens 150 Deutsche aus allen möglichen Ständen und Gegenden, die sich neben Russen und Engländern, Franzosen und Ungarn, Polen und Griechen als italienische Freischaaren unter dem bezauberten und bezaubernden Commando-Stabe unseres Oberhauptes geltend zu machen suchen. Die schweizerischen Söldner, die die Ersten waren, die Fahnen ihres „Brodherrn“ zu verlassen und zu uns zu fliehen, zähle ich gar nicht mit. Sie werden aber mit uns fechten, d. h. gegen Schweizer, gegen Landsleute, die „drüben“ blieben. Schweizer im Lager der Legitimität und Schweizer im Lager der Revolution, Beide gegen gleich baare Bezahlung – eine hübsche Moral, die darin liegt! Die Fürsten können daraus sehen, daß Freiheit mit denselben Mitteln gefördert werden kann, mit denen diese Bourbonen bis dahin den vollendetsten Despotismus, die Inquisition und Gerichtsverfahren mit der raffinirtesten Tortur aufrecht erhielten. Auch der stupideste, religiöse Fanatismus, der Wunderglaube und alle die Früchte der polizeilichen Priesterherrschaft, unter der die Sicilianer zu treuen Unterthanen ihres göttlichen Königs erzogen wurden, alle diese Mittel des Despotismus haben sich jetzt gegen ihn bewaffnet. Jetzt ist ihnen Garibaldi der Heilige. Sie schwören darauf, daß mit seiner Ankunft auf Sicilien die heilige Mutter Gottes und Jungfrau vom Himmel herabstieg und ihn unverwundbarer machte, wie einst eine heidnische Göttin den Achilles, der wenigstens seine schwache Ferse behielt. Die Sicilianer würden den als Ketzer behandeln, der von einer Achilles-Ferse Garibaldi’s spräche. Und doch hat er eine: er ist ein tüchtiger Haudegen von Stahl und Eisen, von diamantener muthiger Ausdauer, aber wegen der Ehrlichkeit und Gradheit seines Wesens schwach als Diplomat. Ja, so weit sind wir in der Diplomatie gekommen, daß die herrlichsten Mannestugenden in ihrem Kreise zur Schwäche, zum Verbrechen werden.

Wie göttlich er aber hier verehrt wird, zeigte sich niemals glänzender, rührender, volksthümlicher, als am 2. Juli, dem Feste der heiligen Rosalia, der Schutzpatronin Palermo’s. Ihre Klosterkirche [493] steht auf dem 2000 Fuß hohen Monte Pellegrino am Nordwestende des Hafens, unzugänglich für gewöhnliche Beine und Nerven, da der Weg sich an der steilen, zackigen Felsenmasse in furchtbaren Zickzacks über gebrechliche, morsche Brücken und wankende Bogen, auf schmalen Stegen an Abgründen entlang, in scharfen Kanten und Biegungen hinaufwindet. Und dennoch hatte sich der Kegel oben und die Kirche schon bei guter Zeit am Morgen mit Andächtigen gefüllt, und immer noch strömten Wallfahrer hinauf, um vor dem Bild der Heiligen zu knieen und für Garibaldi zu danken, für Garibaldi zu bitten, Garibaldi leben zu lassen, den Namen Garibaldi weit hinaus in den sonnigen, blauen Himmel, über das lachende, strahlende, unendliche Meer hinzujauchzen. Die Hauptfeierlichkeiten fanden unten statt: Processionen durch die Straßen und Gottesdienst in der Santa-Rosalia-Domkirche. Ich habe nichts davon gesehen, da ich meinen Urlaub dazu benutzte, den ganzen Tag auf den lichten, sonnigen, himmlischen Höhen des Monte Pellegrino zuzubringen, frei zu athmen, mich der schönen, überirdischen und doch irdischen Seligkeit dieser Luft, dieses Lichtes, dieser Aussicht zu freuen, an die dunkele, ferne Heimath zu denken, von Freiheit zu träumen, auf Freiheit, auf glückliche Völker zu hoffen und der Todtengebeine, der in Ketten lebendig Halbverweseten, der von Ketten bis auf die Knochen durchgeriebenen, eiternden Glieder, der furchtbaren Schatten und Schreckensgestalten zu vergessen, die nach unserm Einzuge tausendweise aus dem Kerker wankten. Zwanzigtausend Gekerkerte und Gekettete wankten durch die geöffneten Gefängnißthore. Wie Viele waren verhungert, zu Tode gemartert worden, um über- und unterirdische Räume mit Gebeinen zu füllen! Ueberall in versteckten Winkeln und Löchern Menschengebeine, Todtengerippe zwischen Mauern, unter den Fußböden unterirdischer Kerkerlöcher, in den Höfen – Gott, und deshalb, weil sie den größten Tyrannen, der je einen Thron einnahm, nicht als von Gott bestellten Landesvater liebten oder wenigstens in dem Verdacht gestanden hatten, ihn nicht zu lieben! Und bis zu Garibaldi, wie wirthschaftete die Polizei für den 21jährigen Jüngling des neapolitanischen Thrones?

Jedes Polizei-Revier hatte seine Tortur-Bureaux. Sie wurden in Sicilien unter Direction des Oberbüttels Maniscalco, in Neapel unter Ajossa für die Ehre dieses Thrones verwaltet. Sie ließen zunächst jeden Tag tausende von Hieben austheilen, wobei oft Knochen zerschlagen und Fleisch aus dem Körper gerissen wurden. Aber so gnädig kamen nur die absolut Unschuldigen weg. Alle Unschuldigen, an deren Unschuld man nicht glaubte und die nichts zu gestehen hatten, wurden durch verschiedene Instrumente ermahnt, zu bekennen, zu gestehen. Wenn man ihnen den Kopf zwischen die Beine band und sie so liegen ließ, bis sie aussagten, was man ihnen schuld gab, waren sie verhältnißmäßig noch glücklich gegen die, die auf einen eisernen Rost gebnnden wurden, unter welchem man Feuer anmachte, in welches Feuer manchmal auch Schwefel geworfen ward. Dieses Rösten war eine besondere Liebhaberei des Polizei-Directors Pontillo. (Ich höre eben, daß ihn das Volk verbrannt hat, aber ohne Rost und Schwefel.) Andere bedienten sich gern des von Luigi Maniscalco (einem Vetter des Oberbüttels von Sicilien) erfundenen „Engelsinstruments“. Es ist sehr einfach, aber diabolisch in höchster Vollendung: ein dicker eiserner Ring, inwendig sehr breit, auf einer Seite mit einem Kolben an einer Schraube versehen. Man steckt einen Arm oder ein Bein des Angeklagten in den Ring und dreht die Schraube, welche den Kolben gegen das Glied drückt, bis es zerquetscht ist. Die einfachen Daumenschrauben mittelalterlichen Angedenkens wurden auch sehr häufig gebraucht, aber die eifrigen Diener seiner apostolischen Majestät zogen immer das imposantere Engelsinstrument vor.

Manchmal wurden Angeklagte an Händen und Füßen zwischen zwei Mauern horizontal schwebend aufgehangen, damit ein auf den so hängenden Körper springender königlicher Beamter Arme, Schultern oder Beine aus den Gelenken reiße. Neben dem Engelsinstrumente wandte man auch in manchen Bureaux die Kopfbinde an, ein Engelsinstrument, in welches man den Kopf steckte, um die Hirnschale zu drücken oder zu zerquetschen. Mit einem andern Schrauben-Apparate, den die Cannibalen die Lorgnette nannten, drehte man durch Einschrauben zwischen dem Augapfel das Auge zum Kopfe heraus. In der Nähe des Meeres, besonders am öden Cap Zafferana, trugen die Polizeidiener fast alle Tage große Säcke in’s Wasser. In jedem Sacke steckte ein Mensch. Man wirft ihn in’s Wasser und läßt ihn darin, bis er sich nicht mehr rührt. Dann zieht man ihn heraus, sieht zu, ob er wieder zu sich kommt, und fragt den Aufathmenden, ob er bekenne. Weigert er sich, wird er wieder in den Sack gebunden und in’s Wasser geworfen, bis er wieder ganz still ist und es auch oft für immer bleibt. So wurde Giovanni Vienno in Messina, ein nobler, angesehener Bürger, von der Polizei ermordet. In Monreale fielen ein alter Vater und seine Tochter, eine verheirathete, schwangere Frau, in dem Verdacht, daß sie Patrioten seien. Den alten Mann knutete man direct todt; die Tochter aber wurde erst vollständig entkleidet und dann erst zu Tode gepeitscht. Und die Glücklichen, welche sich durch Flucht retten in sichere Gebirgsschluchten, werden sie etwa steckbrieflich verfolgt? Nein, so väterlich ist man hier nicht für den jungen Landesvater. Ueberhaupt floh niemals ein anständiger Mann mit Angehörigen, weil man sich dann der Letzteren bemächtigte. Man dachte an Casimiro Arsimano, der vorher erfuhr, daß die Polizei ihn suche. Er floh in die Gebirge. Die Polizei nimmt seine Frau und bindet sie auf den Brenn-Rost, die Polizei nimmt seine Söhne und bindet sie auf den Brenn-Rost, die Polizei nimmt seine Töchter und bindet sie auf den Brenn-Rost. Sie wurden des Verbrechens beschuldigt, den Gatten und Vater in der Flucht unterstützt zu haben und zu wissen, wo er sich verborgen halte.

Unter den Gerippen und lebendig in Ketten Halbverfaulten im großen Gefängnisse zu Palermo fand man auch zwei an eine Kette geschmiedete Unglückliche liegen, rie erst losgehauen und dann getragen werden mußten, weil Beide sich nicht mehr auf den durchgeriebenen Beinen halten konnten. Man forschte, was die Beiden verbrochen hätten. Der Eine, seit Jahren öfter in Tobwahnsinn ausbrechend, hatte dem Andern durch seine furchtbaren Zuckungen und Bewegungen die Kette lief in’s Fleisch gerieben, und er sie sich selbst. Er hatte, schon wahnsinnig, seine Geliebte ermordet. Den Andern bezeichnete die verhörte Polizei als politischen Verbrecher; aber kein Buch, kein Aktenstück gab Auskunft, wessen er beschuldigt worden war. Auch hatte er selbst nie etwas davon erfahren. Er war nie verhört worden – seit den fünf Jahren seiner Ketten, die er mit dem wahnsinnigen Mörder gemeinschaftlich getragen.

Dies ist nicht etwa ein ausgesuchter Fall. Du würdest mir nicht glauben, wenn ich Dir noch ganz andere Thatsachen und Erlebnisse erzählte. Lies Gladstone’s, des englischen Finanzministers, Buch über die neapolitanischen Gefängnisse: da findest Du’s haarklein, daß Hunderte und immer wieder Hunderte Jahre lang in Untersuchungshaft schmachteten, ohne daß sie je verhört wurden, bis selbst die Gefängnißbeamten vergessen hatten, weshalb sie im Kerker seien. Gladstone erzählt specielle Beispiele, wie sich auswärtige Gesandte eines oder des anderen so Gefangenen speciell annahmen, und sich die Polizeibehörden Mühe gaben, herauszufinden, wer ihn und weshalb verhaftet habe, ohne etwas ermitteln zu können.

Und diese Bomben, dieses Verwüsten blühender Städte, dieses ungeheure Blutvergießen 1849 und 1860! Ist’s möglich, jetzt im Jahre 1860 des Heils, der Religion der Liebe? Und im Namen und auf Befehl eines 21jährigen Jünglings! Im 21. Jahre! In diesem Alter lieben, glauben, hoffen, schwärmen andere Jünglinge für alles Schöne, Edle, Ideale, und in diesem Alter martert und mordet dieser unsäglich elende Mensch! –

Solche Cannibalismen schreib’ ich Dir aus Palermo „Felice“, der Glücklichen, schon von Herodot und Diodorus dem Sicilier vor Jahrtausenden der große Garten, das glückliche Gestade, Paradies der Erde genannt, aus Palermo mit den leuchtenden Gärten, wo „im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn“, Palermo mir dem ewig lachenden blauen Himmel über sich, den zum Westthore hereingrüßenden Bergen, deren heiße Luft durch das vom Osten hereinlachende Meer gekühlt wird, aus der Hauptstadt des süßesten, glücklichsten Nichtsthuns in offenen Kaffeehäusern, Casino’s, Barbierläden und feenhaften Aquijaoli. In ersteren streckt und dehnt sich der junge, heruntergekommene Adel und macht viel Aufwand mit seinen fünf bis zehn Tari oder Silbergroschen, die er täglich zu verzehren hat; in den Casino’s spielt und tanzt man, in den Barbierstuben, oft bloßen offenen Plätzen auf der Straße selbst, wird geklatscht und gelacht, und die Aquijaoli oder Wasser- und Limonaden-Kneipen strahlen, duften und sprudeln allen Ständen und Classen und Geschlechtern, die müde und durstig sind, für fabelhaft billige Preise himmlische Erquickung. Auf goldenen [494] Säulen ruht der Eingangs-Balken, durch welchen das in krystallener Helligkeit fontainensprudelnde Eiswasser, die Blumen, die Früchte, die bethauten Bäume schon wonnig herauskühlen auf die heiße Straße. Und wie leicht und paradiesisch unschuldig – die braunen Kinder laufen massenweise, bis auf ein Paar Badehosen, ganz nackt umher, und auch das gewöhnliche erwachsene Volk trägt nach unsern Begriffen unverschämt wenig auf den Gliedern – wie leicht und locker lebt man hier! Ich wollte, ich könnte Dir einige Genrebilder aus den beiden Hauptstraßen schicken, aus dem Cassaro und der Maqueda.

Cassaro oder Via Toledo und die Via Maqueda – diese beiden Hauptstraßen mit seltsamen Balcons – durchschneiden die Stadt rechtwinkelig und in vier ziemlich gleiche Theile. Die meisten andern Straßen sind freilich eng, krumm, winkelig, voller Wäsche und Handwerker, die alle um die Wette auf der Straße arbeiten, und dabei lachen und scherzen, als thäten sie Alles blos des Zeitvertreibes wegen. Welche Füllhörner des Glücks und Segens gießen hier Klima, Luft und Sonne, Berge und Thäler, Land und Wasser auf diese Sterblichen – und wie zerrissen, zerschossen, verrenkt, verfallen, verwittwet und verwaist sind diese Häuser und Straßen und 180,000 Bewohner! Wir haben deren Zahl um 20,000 vermehrt, und fast täglich kommen neue Schaaren zu Wasser und zu Lande an, um Garibaldi zu dienen, ihn zu vergöttern, unter seinen Fahnen Italiens Freiheit zu erkämpfen. Unzählige dieser Freiwilligen sind, wie es scheint, kaum 15–16 Jahre alt, allerdings hier ein viel reiferes Alter, als im Norden, aber doch noch kein Mannes-, kaum ein Jünglingsalter. Wir sind in und um Palermo ihrer 20,000; in den Provinzen werden eben so viel – und täglich mehr – Freiwillige einexercirt. Ich weiß nicht, wie Viele von uns auf dem Recognoscirungswege nach Messina sind; überhaupt erfahren wir wenig von den eigentlichen Plänen unseres Führers. Nur als Unzufriedenheit über Verzögerungen in Benutzung unseres Sieges, über den täglich aufgeschobenen Marsch gegen Messina laut ward, ließ er bekannt machen, daß er nichts ohne Macht auf dem Wasser thun könne, und zehn große Dampfer aus Amerika erwarte, andere in England vorbereitet würden.

Nach den Aufregungen und Gefahren der ersten Tage haben wir immer ziemlich gute Zeit gehabt. Doch ist diese hoffentlich bald vorüber: es heißt, daß wir gegen Messina marschiren werden, d. h. über Felsen und Schluchten, die uns das Leben wohl sauer genug machen. Mehrere unserer Truppen sind gegen Catania vorgerückt, ohne welches gar kein strategischer Landweg nach Messina möglich ist. Die zehn Dampfer, welche Garibaldi in Amerika kaufen läßt, können vor August nicht hier sein. Bis jetzt haben wir acht Kriegsdampfer für Operationen von der Seeseite. – Die Sicilianer sind und werden keine Soldaten. Unser Kern besteht noch aus den Mannschaften, die mit ihm von Peschiera kamen, sahen, siegten. Unsere Uniformirung ist sehr einfach und zweckmäßig. Wenn ich Dir sage, wie ich aussehe, so hast Du ein Bild von Allen. So denke Dir mich in einer kurzen grauen Kattunjacke mit blauen und weißen Streifen, kurzen grünen Hosen und Leder-Gamaschen vom Knie an und derb gesohlten Schuhen; auf dem Kopfe sitzt ein leicht aufgedrückter, an einer Seite aufgekappter Hut mit wehenden Federn. Einige von uns haben Rifles, die meisten aber noch Musketen, die aber in den Händen echter Garibaldianer viel wirksamer wurden, als die besten Schußwaffen. Er verlangt von jedem seiner Krieger, daß er dem Feinde immer so bald als möglich mit dem Bajonnet zu Leibe gehe, in dessen Gebrauch denn auch Alle täglich tüchtig geübt werden. Von Gepäck ist bei uns keine Rede, keine Spur von Lederzeug, Tornister etc.; nichts als ein Leinwandsäckchen an der Seite mit Patronen und einem Stück Maccaroni-Teig. Jeder ist der freie Mann, stets fähig und fertig, zu schießen, und besonders zu stechen und mit dem Bajonnete einen 15–20 Fuß weiten Kreis von Lebensgefahr um sich herum zu schlagen.

Für den jungen Adel Italiens hat er desto mehr Staat machende freiwillige Husaren aufgeputzt, die nicht kämpfen, sondern blos im Stabe dienen und recognosciren. Wenn sie reiten, fliegt die rothe Schnuren-Jacke hinter ihnen her. Ihre in der Regel nicht sehr muskulösen Lenden und Schenkel stecken in grauen, schwarzgestreiften Beinkleidern. Der Helm leuchtet, unter ihm blitzen schöne, schwarze, feurige Augen.

Freilich nur Wenige können sich dieser oder auch nur unserer Uniformirung rühmen. Die Massen von Freiwilligen, die vom Meere her und aus den Bergen herbeiströmen, können vorläufig gar nicht eingekleidet werden, und ein Gewehr ist Alles, was ihnen bisher verabreicht werden konnte, wenn sie nicht schon mit einem solchen kamen. Aber der Vorrath von Musketen ist erschöpft. In England wurden für gutes, baares Geld neue bestellt, ebenso Dampfschiffe, aber in diesem Falle scheinen die Engländer unser Geld nicht haben zu wollen. Hat ihnen Palmerston besseres gegeben? Unsere ärgsten Feinde sind nicht in Neapel, sondern in London und Paris, von wo aus man die neue neapolitanische „Constitution“ gegeben hat, um den jungen „konstitutionellen König“ und seine „Engelsinstrumente“ zu schützen. Gib Acht!




Bürgersleute.
Nr. 2.
Bürgermeister Bartholomäus Blume, der letzte Held Marienburgs.
[4]

Am 8. August d. J. sind vierhundert Jahre vergangen, seitdem ein edler Mann, den der berühmte Geschichtsschreiber Johannes Vogt den letzten Helden Marienburgs nennt, auf dem Blutgerüste sein Leben endete. Dieser Mann hieß Bartholomäus Blume und war Bürgermeister von Marienburg.

Bekanntlich war der deutsche Ritterorden, der im Jahr 1191 bei der Belagerung der Stadt St. Jean d’Acre zum Schutze deutscher Pilger im heiligen Lande gegründet wurde, im Jahre 1230 nach Preußen gekommen, um hier mit dem Schwert in der Hand die heidnischen Altäre zu zertrümmern und das Kreuz des Christenthums aufzupflanzen. Die Blüthe des deutschen Adels befand sich damals unter den Rittern, und darum gelang es ihnen mit Hülfe deutscher Kreuzfahrer die heidnischen Bewohner des Landes, freilich erst nach einem 53jährigen, blutigen Kampfe, zu unterjochen. Unter der Leitung kräftiger Meister blühte nun Preußen rasch empor, so daß der Wohlstand der Bewohner eine fast unglaubliche Höhe erreichte. Auch Kunst und Wissenschaft blühten damals frischer und freier am Weichselstrome, als in dem von Raubrittern und Mönchen niedergedrückten deutschen Bruderlande. Solcher Wohlstand, solche Macht und Größe erregte aber in dem Nachbarstaate, dem damals umfangreichen Polen, nicht geringe Eifersucht. Gelegenheit zu blutigen Händeln zwischen den Rittern und Polen fanden sich daher oft; jedoch gingen die Ritter stets siegreich aus diesen Kämpfen hervor. Mit der Zeit aber erlahmte die alte Kraft und Energie des Ordens. Viele Ritter ergaben sich, obgleich sie Armuth, Keuschheit und Gehorsam gelobt hatten, einem wüsten, wilden Leben, und der Orden fing an sich innerlich aufzulösen. Um diese Zeit fand die Schlacht bei Tannenberg (1410) statt, in welcher die Ritter von den Polen gänzlich geschlagen wurden. Wenige Tage nach der Schlacht, in welcher 100,000 Streiter, unter ihnen auch der Hochmeister Ulrich von Jungingen, den Tod fanden, standen die Feinde vor der Marienburg, der Residenz des Meisters. Die starke Feste wurde aber tapfer von dem löwenmüth’gen Comthur Heinrich von Plauen vertheidigt, und unverrichteter Sache mußten die Polen nach einer mehrwöchentlichen Belagerung abziehen. In dem darauf folgenden Frieden zu Thorn erhielt der Orden zwar seine früheren Besitzungen wieder zurück; jedoch mußte er eine ungeheure Summe Kriegsentschädigung und Lösegeld für die gefangenen Ordensbrüder entrichten. Das Land mußte diese Summe aufbringen, und das fiel schwer. Da außerdem das Land durch Mißwachs, Pest, Ueberschwemmungen und Viehseuchen heimgesucht wurde, so entstand überall Unzufriedenheit.

Die täglich mehr entartenden Ritter konnten sich nicht mehr die nöthige Achtung erwerben, und so kam es denn, daß die Unzufriedenheit [495] des Landes sehr bald in offene Empörung gegen den Orden ausbrach. Im Jahre 1440 stifteten viele preußische Städte und Edelleute zu Marienwerder einen Bund, den sogenannten preußischen Städtebund, der den Zweck hatte, falls der Hochmeister der mehr und mehr um sich greifenden Verarmung nicht abhelfe, sich selbst Hülfe zu verschaffen. Obgleich der Papst diesen Städten mit dem Bann und der Kaiser mit der Reichsacht drohte, so löste sich der Bund doch nicht auf, vielmehr suchte er Schutz und Hülfe bei dem König von Polen, der ihm Beides versprach. Thorn kündigte zuerst dem Hochmeister den Gehorsam auf; 1454 Danzig, und viele andere Städte folgten. Nachdem die Aufständischen in kurzer Frist 56 Burgen erobert hatten, beschlossen sie, den Hochmeister in seiner eignen Residenz zu belagern. 6000 Danziger, verstärkt durch Polen und böhmische Söldner, legten sich vor die Marienburg und forderten zunächst die Stadt zur Uebergabe auf. An der Spitze derselben stand aber der wackere Bürgermeister Bartholomäus Blume, der tief entrüstet über den Verrath war, den der Städtebund am Vaterlands geübt hatte. Er ertheilte auf das verrätherische Ansinnen der Belagerer keine Antwort, sondern stellte sich an die Spitze der Marienburger Bürger und machte einen Ausfall, in welchem er den Gegnern vielen Schaden zufügte. Bei einem zweiten Ausfall tödtete er 700 Danziger, worauf sämmtliche Belagerer, nachdem ihnen Proviant und sämmtliches Geschütz abgenommen war, eiligst die Flucht ergriffen. Viele Flüchtlinge fanden den Tod in den Fluthen der Weichsel.

Unterdessen war aber der König von Polen herangerückt. Er hatte sich in Thorn, Elbing und Danzig huldigen lassen und zog jetzt gegen die starke Ordensburg Konitz. Die Danziger, unterstützt durch Polen und Böhmen, legten sich wieder vor die Mauern Marienburgs. Blume übernahm abermals die Vertheidigung der Stadt und trieb die Danziger zum zweiten Mal in die Flucht. Zu gleicher Zeit hatten auch die Ordensritter den König von Polen bei Konitz in die Flucht getrieben, und der Hochmeister Ludwig von Erlichshausen athmete wieder auf. Doch im folgenden Jahre kamen die Feinde mit einem zahlreichen Kriegsheere abermals nach Preußen, und der Hochmeister sah sich genöthigt, um ihnen die Spitze zu bieten, deutsche und böhmische Söldner in Dienst zu nehmen. Als diese aber ihren Sold verlangten, konnten sie nicht befriedigt werden. Der Hochmeister hatte bereits die Neumark für 60,000 Goldgulden an den Markgrafen Friedrich von Brandenburg verkauft; jetzt blieb ihm nichts übrig, als die Ordenshäuser den Söldnerhäuptlingen zu verpfänden; auch die Marienburg befand sich darunter. Dem Abkommen gemäß sollte nun die Bürgerschaft Marienburgs ihres Eides gegen den Hochmeister entlassen werden und den Söldnerhäuptlingen huldigen. Als Blume davon Kunde erhielt, erklärte er: „Nur aus Zwang will uns der Hochmeister des Eides entlassen. Er ist aber unser Herr und spricht unsere Sprache, und so lange noch ein einziger Ordensritter im Lande weilt, werden wir keinem Andern den Eid der Treue leisten.“ Die Söldnerhäuptlinge drängten den Hochmeister, Blume nochmals zur Eidesleistung aufzufordern. Der schwache Mann that es; Blume aber erklärte im Namen der Marienburger: „Wir stehen allhier, und ehe wir den Söldnern schwören, wollen wir sterben!“ Als die Hauptleute weder durch Bitten noch durch Drohungen zum Ziele gelangten, verkauften sie für 436,000 Gulden sämmtliche Ordensburgen, darunter auch die Marienburg, an den König von Polen. Am 6. Juni 1457 öffneten die Söldner den Polen die Thore des herrlichen Schlosses, und weinend verließ der Hochmeister den berühmten Sitz seiner Vorfahren. Er floh nach Mewe und von hier in einem kleinen Kahne über das frische Haff nach Königsberg, wo fortan die Hochmeister bis zum Jahre 1525 residirten.

Blume gab aber die gute Sache seines Landesherrn und seiner deutsch gesinnten Marienburger noch nicht auf. Als er vernahm, daß der Orden in Ostpreußen Vortheile im Kampfe gegen die Polen errungen habe, faßte er den heldenmüthigen Plan, die Marienburg seinem rechten Herrn wieder zu erobern. In Gemeinschaft mit dem tapfern Comthur von Stuhm, Bernhard von Zinnenberg, wollte er die Stadt und das Schloß Marienburg überrumpeln. In einer finstern Herbstnacht des Jahres 1457 rückten etwa 1200 Mann, geführt von Blume und Zinnenberg, vor das Marienthor der Stadt. Die polnische Thorwache wurde niedergehauen und die Besatzung der Stadt gefangen genommen; ein Sturm auf die Burg mißlang aber, weil die Mannschaft durch den Lärm in der Stadt aufmerksam geworden war. Der Comthur Bernhard von Zinnenberg verließ am Morgen die Stadt, die nun Blume mit der Bürgerschaft und wenigen Kriegsleuten gegen die Polen vertheidigen sollte. Und diese Vertheidigung kostete Schweiß und Blut! Tagelang wurde die Stadt von der Burg aus beschossen, so daß man auf den Straßen seines Lebens nicht mehr sicher war; Blume aber wußte Rath. Er ließ die Brandmauern der Häuser durchbrechen, und schaffte auf diese Weise eine sichere Verkehrsstraße. Im Jahre 1458 legten sich 6000 Danziger vor die Stadt. Blume griff sie an und rieb sie fast ganz auf. Im Jahre 1459 rückte aber ein Heer von 40,000 Polen heran. Vom Schloß und vom Lager her wurde nun ein furchtbares Geschützfeuer gegen die Stadt eröffnet, und gewaltige Belagerungsmaschinen zertrümmerten die Mauern. Blume aber bewährte seinen Heldenmuth; denn mit kühner Todesverachtung besserten die Marienburger unter seiner Leitung die schadhaften Stellen wieder aus und wiesen die Feinde überall siegreich zurück. Da außerdem nach einigen Monaten ansteckende Mankheiten im polnischen Heere ausbrachen, so mußte der König unverrichteter Sache die Belagerung aufheben.

Im Jahre 1560 lagerten sich abermals 50,000 Polen und Danziger vor die Mauern Marienburgs. Der Feind schloß jetzt die ganze Stadt enge ein und verhinderte jede Zufuhr, denn man wollte durch Hunger zwingen, was man nicht durch Waffengewalt erreichen konnte. Leider stieg denn auch die Noth in der belagerten Stadt auf eine entsetzliche Höhe. Zwar rückte der Hochmeister zweimal herbei, um seiner treuen Stadt Mannschaft und Proviant zuzuführen, stets wurde er aber von dem weit überlegenen Polenheere geschlagen, und so konnte er seine Absicht nicht erreichen. Blume’s Heldenseele aber zagte nicht. Seiner Anordnung gemäß sollten die Frauen, Kinder und Greise die Stadt verlassen und sich auf die Dauer der Belagerung anderwärts ein Unterkommen suchen. Alle waren zu diesem Opfer bereit. Als jedoch 5000 Weiber und Kinder zu den Thoren hinauszogen, wurden sie von den Polen wieder in die Stadt gedrängt.

Obgleich die Noth in der Stadt nun von Stunde zu Stunde stieg, so dachte doch noch Niemand an Uebergabe. Da verrieth aber ein Danziger Knecht, ein geborner Marienburger, dem Feinde eine Stelle, wo die Stadtmauern nur auf leichten Bogen ruhten, die ohne Mühe untergraben werden konnten. Sofort machte sich der Feind an das Werk, während er vom Schloß aus Minen nach der Stadt hin anlegte. Unter solchen Umständen wäre ein längerer Widerstand Wahnwitz gewesen, und deshalb knüpften die Rathsherrn, ohne daß sich Blume daran betheiligte, Verhandlungen mit dem königlichen Schloßhauptmann an. Dieselben endeten mit der Uebergabe Marienburgs an die Polen. Der tapfere Held, der drei Jahre lang dem mächtigen Polenkönig nicht gewichen war, sollte seinen Feinden ausgeliefert werden.

Am 6. August 1460 hielt der König seinen Einzug in die schwer geprüfte Stadt, und zwei Tage darauf fiel in einer Thurmzelle das Haupt Blume’s unter dem Beile des Henkers. Seine Leiche wurde geviertheilt, und dann nagelte man die einzelnen Theile an die Thore der Stadt und des Schlosses. Das war die Rache eines Polenkönigs gegen einen Mann, der seinem Herrn und seinem Lande treu geblieben. Blume’s Besitzungen wurden eingezogen und dem Woiwoden von Pommerellen, Otto von Machwitz, geschenkt. Gewissensbisse veranlaßten diesen Mann wahrscheinlich, einen Theil der eingezogenen Güter der Wittwe Blume’s zurückzugeben.

Tragisch endete der brave deutsche Mann, der tapfere Kämpe gegen Landesverrath und Slaventhum. Blume gehört zu den seltenen Charakteren, die aus einem Guß zu sein scheinen, und die ihr Leben freudig für eine Idee, für das als recht Erkannte einsetzen. Deshalb wurde ihm auch, wie es bei solchen Eisen- und Granitmenschen oft der Fall ist, die Märtyrerkrone zu Theil.

Vierhundert Jahre sind seit jener Blutthat vergangen; das damals so mächtige Polen ist in ein Nichts zerfallen; Blume’s Name aber wird noch in den Annalen preußischer und deutscher Geschichte glänzen, wenn auch nochmals 400 Jahre über die Ruinen des Thurms, in welchem sein edles Haupt fiel, dahingerauscht sind. Möge diese kurze Skizze der Immortellenkranz sein, den am 8. August d. J. seine Grabstätte verdient hätte.
O. L.



[496]
Blätter und Blüthen.

Deutsche Dienstmädchen in Amerika. (Aus einem Privatbriefe an den Herausgeber der Gartenlaube.) Hier ist der Mangel an deutschen Dienstmädchen sehr groß, und es ist gräßlich, was ein Hausvater zu leiden hat, dessen Frau nur deutsche Mädchen gebrauchen kann. 10 bis 15 Dollars per Monat erhalten diese hübschen Landsmänninnen ohne die geringste Schwierigkeit, und es ist überhaupt ein Glücksfall, wenn man eine in drei Monaten erhält, noch mehr Glück aber, wenn man sie drei Monate hält, denn sie verheirathen sich alle, alt oder jung, hübsch oder häßlich, wenn sie kaum warm geworden sind. Irische Mädchen kann man zu Hunderten zu 5 bis 7 Dollars haben, aber weder die deutschen noch amerikanischen Familien wollen sie. Das Schlimmste bei unsern Landsmänninnen ist nur, daß sie nicht arbeiten wollen: Stiefelputzen, Scheuern, Waschen und Bügeln das thun diese feinen Damen selten oder gar nicht; sie wollen die Stuben in Ordnung halten und sich, wie sie sagen, „im Allgemeinen nützlich machen“, nur keine schwere oder schmutzige Arbeit, sonntags flaniren sie um 1 oder 2 Uhr, wie die Gräfinnen geputzt, aus oder werden von ihren Liebhabern abgeholt, gehen auf die erste Gallerie in’s Theater oder in’s Concert, und kehren je nach Bequemlichkeit um 12 oder 2 Uhr nach Hause. Außerdem haben sie einen halben Tag in der Woche und bedingen gleich aus, daß sie Besuche annehmen dürfen. Bevor man sie engagirt, muß man sie im ganzen Hause herumführen, ob auch Alles nobel ist, ob überall, in den Stuben und Kammern, im Vorsaale und auf der Treppe, ja selbst in der Küche Teppiche und Wachstuch liegt; muß ihnen ihr Zimmer und ihr Bett zeigen, und wenn es ihnen nicht gefällt, so sagen sie ganz gemüthlich: „Ich denke, es wird mir doch wohl nicht gefallen.“ Sind sie zufrieden gestellt, so sagen sie: „Well, ich will es mal einen Monat versuchen!!“ Die Ursache dieses Uebels liegt in der Art der Amerikaner, Haus zu halten. Erstlich nehmen sie blos deutsche Mädchen, und zweitens halten sie so viele Dienstboten, daß es wirklich lächerlich ist. Familien mit zwei Kindern haben oftmals ein Dutzend dienstbarer Geister, welche tausende von Dollars jährlich kosten und das ganze Jahr in Nichtsthun, im Putzen, Schmarotzen und Extravaganzen zubringen, dafür aber glänzend bezahlt werden. Deutsche Köchinnen erhalten nicht selten 30 bis 10 Dollars per Monat!

Wenn Du uns zwanzig Schiffe, mit 5000 Dienstmädchen jedes, her überschicken könntest, würden sie in 24 Stunden alle „vergriffen“ sein, und in sechs Monaten würde durch ihre Verheirathung der Bedarf ebenso groß sein, als vorher. In ähnlichem Verhältnisse stehen hier die männlichen Arbeiter zu ihren Brodherren und dem Publicum; Alle sind Gentlemen und wollen als solche behandelt werden; Maurer und Tischler, Anstreicher und Handlanger sind mit zwei Dollars nicht zufrieden; sie müssen wie Rentiers leben, und ihre Frauen die Damen spielen; dann versammeln sie sich, wenn die Arbeiten drängen und keine Hand entbehrt werden kann, und sagen einfach: „Vom nächsten Montag an verlangen wir drei Dollars, statt zwei, oder wir striken (stellen ein).“ Was kann man thun? Das Haus ist fertig bis auf das Dach, jeden Tag kann ein Platzregen kommen und das Gebäude ruiniren, so denkt man: „Well, ein Tausend mehr oder weniger–“ und bewilligt die Forderung.

Unsere politischen Verhältnisse sind auf dem besten Wege, endlich geschlichtet zu werden; zwar bekümmert sich die große Mehrzahl gar nicht um Politik, dafür sind aber die professionellen Politiker um so lauter und machen ein Geschrei, daß dem Furchtsamen die Haare zu Berge stehen möchten. Die Ansprüche der sclavenhaltenden Staaten haben eine tüchtige Maulschelle bekommen, und es wird nicht lange dauern, so werden sie ganz zu Kreuze kriechen. Am 4. November ist Neuwahl des Präsidenten; bis dahin wird viel geschwatzt und gestritten weil die Aemterjäger für ihren Beutel fürchten: am 5. November aber ist Alles wieder so ruhig als zuvor, und kein Mensch spricht von Politik. Diese politische Aufregung wiederholt sich alle 4 Jahre; auswärtige Zeitungen, welche den wahren Grund nicht kennen (es handelt sich blos um die Besetzung von Stellen und deshalb um eine Summe von tausend Millionen Dollars), prophezeien Blutvergießen und Bürgerkrieg, während wir in der allervollkommensten Ruhe unsern Scat spielen und unser Lagerbier trinken.


Der Thüringerwald. Fast gibt es für mich keinen schönern und erfreulichern Beweis des geistigen Fortschritts (und der materielle ist ja da mit auf das Engste verbunden), als der alljährlich sich vermehrende Besuch der schönen deutschen Gebirge, und besonders des so ungemein reizenden und lieblichen Thüringerwaldes, des grünen Herzblattes Deutschlands. Welch eine gewaltige Umwandlung in der Zeit des letztvergangenen Halbjahrhunderts, die ich mit dem leiblichen Auge gesehen habe! In meiner Kindheit besuchten nur die nächsten Gebirgsbewohner, und zwar in spärlicher Anzahl, und einige muthige Gothaer an schönen Sommersonntagen den Inselsberg, dessen dürftige Gastwirthschaft freilich nicht lockend war. Meine Mutter galt für kühn, daß sie, meinem Drängen nachgebend, mit mir den Berg bestieg. In den Wochentagen fand sich selten einmal ein einsamer Wanderer dort ein, und andere Berge des Gebirgs zum Vergnügen zu begeben, wäre etwas Unerhörtes gewesen. Die köstlichsten Thäler, die imposantesten Wald- und Felsenpartien standen einsam und öde, allein dem für ihre Reize gleichgültigen Fuße des Jägers, Holzhauers und Köhlers zugänglich. Heut zu Tage kann man in den Thälern und auf den Bergen des nordwestlichen Thüringerwaldes in einer Stunde Hunderten von städtisch gekleideten Wanderern beiderlei Geschlechts begegnen, meist Deutschen aus allen Gegenden des Gesammtvaterlandes, und vorzüglich Berlinern. Die Poesie der Gebirgsnatur ist durch die heitere Erscheinung dieser Besucher ungemein erhöht und wirkt hinwiederum erhebend, belebend, vergeistigend auf diese zurück. Ein neuer Geist ist in diesem Geschlechte erwacht, der physische und moralische Drang nach den freien Höhen, nach der „Freiheit des Bergs“, „wo der Odem dem Gottes haucht“, nach Bewegung und Streben nach oben, nach Licht, Luft, Fernsicht und Schönheit des Gebirgs. Wie die Mauern und Thore der Städte gefallen sind, so hat sich die Scheu unserer Eltern vor den Gebirgen in uns in Lust und Liebe zu ihnen verwandelt, und die Worte des Dichters finden aus die jetzt lebende deutsche Welt die schönste Anwendung:

„Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle an s Licht gebracht!“

In meiner Jugend gab es denn auch nur ein eben erschienenes Buch über den Thüringerwald, das starke wissenschaftliche Werk voll v. Hoff und Jacobs; heute gibt’s eine ganze Literatur des Gebirges. Einheimische und Fremde haben sich beeifert, den Thüringerwald zu beschreiben, und fast jedes Jahr bringt ein neues schönes Buch, das uns die Reize des Gebirgs verführt. Nur allein zwei Berliner Schriftsteller haben in den letztvergangenen Jahren Beschreibungen des Thüringerwaldes drucken lassen. Und in der That verschönert sich die Physiognomie des Gebirgs so außerordentlich schnell, daß die neuen jährlichen Beschreibungen keineswegs als überflüssig erscheinen. Mein vor zwanzig Jahren erschienenes „Wanderbuch durch den Thüringerwald“ ist heute größtentheils veraltet.

Ein neues in diese specielle Gebirgsliteratur einschlagendes, mit einer Menge Holzschnitten illustrirtes und schön ausgestattetes Werk ist: „Heinrich Schwerdt’s Album des Thüringerwaldes. Leipzig, Georg Wigand.“ Der Verfasser, geborner Thüringer und Pfarrer in seinem Geburtsorte Neukirchen bei Eisenach, ist mit warmer Liebe und großem Eifer all sein Werk gegangen, und man sieht und fühlt es der Schöpfung auf jeder Seite an, daß ihr Schöpfer etwas Gutes und Tüchtiges hat liefern wollen. Er bespricht die Schönheiten des heimischen Gebirgs mit entsprechendem Pathos, der auf den Leser daheim oder auf der Gebirgswanderung den gewünschten Eindruck nicht verfehlen kann. Das Buch besteht, wie Herzogs „Thüringerwald“, aus alphabetisch geordneten Artikeln, doch ist man einigermaßen verwundert, darin Halle, Merseburg, Naumburg, Corbetha und andere Ortschaften zu finden, welche doch vom Gebirge weit entfernt liegen. Der Verfasser gibt in der Einleitung eine etwas gezwungene Erklärung dieser Anomalie. So viel Mühe sich der Verfasser auch gegeben haben mag, seine statistischen Angaben richtig zu machen, so hat er doch gerade nicht selten in Partien gefehlt, die ihm nahe liegen. Uebrigens wird das Buch den Besuchern des Gebirgs bald genug ein lieber Begleiter werden, und die intelligenten derselben werden gewiß den humanen Verfasser und die Verlagsbuchhandlung zu Dank verpflichten, wenn sie die kleinen Irrthümer selbst verbessern und diese Verbesserungen dem Einen oder dem Andern zuschicken, sodaß eine hoffentlich bald zu veranstaltende zweite Auslage dem Ideale näher gerückt wird, welches dem Verfasser vorschwebte. Kenner der Holzschneidekunst wollen die Illustrationen gerade nicht rühmen.

L. Storch.


Das Debusskop. Die Lehre von dem Winkelspiegel hat in dem Kaleidoskop eine in der ganzen Welt bekannte Anwendung gefunden, und wohl die meisten der Leser werden sich all den mannichfaltigen Bildern ergötzt haben, welche dieses mit so großem Beifall aufgenommene Zauberglas zu schaffen vermag. Dennoch läßt sich nicht in Abrede stellen, daß das Kaleidoskop manches zu wünschen übrig läßt. Einmal fehlt es den Bildern, die nur durch eine enge Oeffnung gesehen werden können, an Reinheit und Schärfe, anderntheils geben sie durch die leiseste Erschütterung der Hand für immer dem Auge verloren. Diesen Mängeln hat das auf gleichem Princip ruhene Debusskop in der einfachsten und trefflichsten Weise abgeholfen. Statt des Glases sind nämlich polirte Silberplatten in Anwendung gebracht, welche die Bilder in einer Schönheit, Schärfe und Klarheit darstellen, die nichts zu wünschen übrig lassen. Sodann ist das Instrument so construirt, daß es auf die untergelegten Gegenstände der verschiedensten Art, Farbenklexe, Seidenfäden, Moosstückchen, Perlen, zerrissene Spitzen oder Bänder etc. aufgesetzt wird. Die in unendlicher Mannichfaltigkeit aus den einfachsten Stoffen erzeugten Figuren bleiben demnach ruhig und fest vor den Augen liegen und können in aller Bequemlichkeit abgezeichnet werden, bis es dem Beschauer beliebt, durch eine leise Umdrehung oder Verrückung des Instruments sich ein anderes Bild her vorzurufen. Aus diesen wenigen Andeutungen erklärt sich hinlänglich die schnelle Verbreitung, welche dieser von mehreren Professoren nach seinem Erfinder, dem Stellerrath Debus in Schönberg bei Darmstadt, benannte Apparat in der kurzen Zeit seines Erscheinens gefunden hat. Wer ein zu gleich den Schönheitssinn bildendes Unterhaltungsmittel sucht, oder wer durch seinen Beruf auf die Auffindung von Mustern mannichfacher Art angewiesen ist, der findet in dem Debusskop einen Rathgeber und Helfer, der ihn nie im Stiche läßt, sondern ihn bei jeder Zuratheziehung mit neuen und sichern Fingerzeigen überrascht und erfreut.

Unter diesen Umständen konnte es an Nachbildung des Instruments nicht fehlen; nur schade, daß dadurch auch schon ungenaue und unreine Exemplare in den Handel gekommen sind.


Nicht zu übersehen!

Briefe und Sendungen für die Redaction der Gartenlaube sind stets an die

Buchhandlung von Ernst Keil

zu richten.


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Wer auf seiner Rigi- oder Berner-Oberlands-Fahrt das pompöse Rheinthal profitiren will, dem rathe ich in Rorschach zu übernachten (Krone, Hirsch oder Schiff), – Morgens sechs Uhr mit dem ersten Zug bis Ragaz (wenn er den Gonzen nicht besteigen will, zu fahren, das hochromantische Taminathal bis Bad Pfäffers (1 Stunde) zu Fuß zu gehen, die heißen Quellen zu besuchen, Nachmittags bis Sargans zurück, längs des wildprächtigen Wallensee nach Glarus zu fahren, dort zu übernachten und am andern Tage mit Eisenbahn bis Rapperschwyl, von da per Dampfschiff auf dem Zürichersn nach Zürich. Wer meinen Rath befolgt, wird mir’s Dank wissen.
  2. Ein dritter Bruder, Heinrich von Wedell, der bei Dodendorf gefangen worden, wurde zur Galeere verurtheilt und schmachtete vier Jahre in dem gräßlichen Bagno. Nachdem er durch den Sturz Napoleon’s, wie so viele andere seiner Schill’schen Schicksalsgenossen, seine Freiheit wiedererhalten, trat er in preußische Dienste und bekleidete noch vor Kurzem als General die Gouverneurstelle in Luxemburg. So viel wir wissen, lebt dieser ehemalige Schill’sche Offieier noch.
  3. Soeben wird nachfolgender Aufruf erlassen: Aufruf zu Beiträgen für ein Denkmal auf dem Grabe Schill’s
  4. Das dankbare Marienburg hat beschlossen, seinen letzten Helden dadurch zu ehren, daß es am 8. August d. J. vor dem schönen Rathhause, das schon zur Zeit jener schweren Belagerung stand, seine vom Bildhauer Freitag in Danzig gearbeitete Büste aufstellen wird.