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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1857
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[73]

No. 6. 1857.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 1½ bis 2 Bogen. 0 Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Spekulation und Freundschaft.
Novelle von August Schrader.


Ⅰ.

Im Jahre 18.. feierte die Residenz den Geburtstag des regierenden Fürsten durch besondere Festlichkeiten. Der geliebte Landesherr war fünfzig Jahre alt und hatte an diesem Tage die Zügel der Regierung fünfundzwanzig Jahre lang kräftig und weise geleitet. In allen Schichten der Bevölkerung gab sich heute das Bestreben kund, Dank, Verehrung und Freude auszudrücken.

Die Ressource der Residenz, eine Gesellschaft, die fast alle höheren Beamten und angesehenen Bürger sowie die Offiziere der kleinen Garnison zu ihren Mitgliedern zählte, gab in dem großen Rathhaussaale einen glänzenden Ball. Der Fürst selbst hatte versprochen, einige Stunden der Gast seiner Unterthanen zu sein.

Wir betreten um elf Uhr den großen, glänzend erleuchteten Saal. Die Tafel ist vorüber, und man tanzt die Polonaise. Die fürstliche Kapelle exekutirt meisterhaft Spohr’s herrliche Polonaise aus Faust.

Unter den Säulen des Orchesters erblicken wir zwei Männer, die mit großem Interesse dem Tanze zusehen. Der eine von ihnen, eine stattliche Gestalt, ist der neue Kammerpräsident Seldorf, der vor sechs Wochen aus K. angekommen und seit dieser Zeit sein Amt verwaltet. Seldorf mochte fünf- bis sechsundvierzig Jahre zählen; er war, trotzdem sein Haar schon zu bleichen begann, ein schöner Mann zu nennen. Sein großes dunkeles Auge verrieth einen hohen Grad von Geist und Energie des Charakters. Die geschäftige Fama erzählte, daß er sich von seiner Frau, mit der er unglücklich gelebt, habe scheiden lassen, und daß er seit zwölf Jahren vergebens nach einer Gattin suche, die allen seinen Anforderungen entspreche. Die Frauen belächelten den wählerischen Kammerpräsidenten, und die Männer suchten einen andern Grund seines Junggesellenstandes.

Der zweite Mann, der ihm zur Seite stand, war der Kanzleirath Bronner, eine kurze dicke Gestalt. Bronner hatte ein volles, rothes Gesicht, mit kleinen, listigen, grauen Augen, einer breiten Nase, aufgeworfenen Lippen und fettem Kinn. Das starke schwarze Haupthaar und den Backenbart von derselben Farbe trug er kurz geschoren. Unter der rothen Gesichtsfarbe zeigten sich, wenn man ihn in der Nähe sah, unzählige feine Pockennarben. Der Kanzleirath gehörte zu den Beamten, die sich weder auszeichnen, noch etwas in ihrem Dienste zu Schulden kommen lassen; er war ein Rad in der großen Geschäftsmaschine, das sich ruhig dreht, um den ganzen Mechanismus im Gange zu erhalten. Er hatte keine Feinde, aber auch eben so wenig Freunde. Wer ihn jetzt neben dem Präsidenten sah, war der Meinung: er will sich insinuiren. Vielleicht war diese Meinung nicht falsch.

Dem Kammerpräsidenten schien die Begleitung des kleinen Mannes nicht unangenehm zu sein, denn er sprach viel und freundlich mit ihm.

„Herr Kanzleirath,“ sagte er, „die Gelegenheit, meine neue Umgebung näher kennen zu lernen, ist so günstig, daß ich sie nicht ungenützt vorübergehen lassen kann. Darf ich dabei um Ihre Unterstützung bitten?“

„Ich stehe zu Diensten, Herr Präsident!“ antwortete eifrig der schwarze Mann. „Wer, wie ich, zwanzig Jahre in der Residenz lebt, kennt nicht nur alle Personen, sondern auch, ohne es zu wollen, alle Verhältnisse.“

Die Reihen der Tänzer zogen im langsamen Polonaisenschrtte an den Beobachtern vorüber, die sich das Ansehen gaben, als ob sie ein gleichgültiges Gespräch unterhielten. Der Kammerpräsident ließ sich Auskunft über mehrere Personen ertheilen. Plötzlich fragte er: „Ist jener alte Herr mit der Brille und dem blauen Fracke nicht der Kassenrendant Ernesti?“

„Ganz recht, Herr Präsident.“

„Und wer ist die junge Dame, die er führt?“

Der Kanzleirath, der sonst so rasch geantwortet hatte, schien diesmal in Verlegenheit zu gerathen.

„Welche Dame meinen Sie?“ fragte er gedehnt.

„Die Tänzerin des Kassenrendanten!“ wiederholte der Präsident.

In diesem Augenblicke ging das bezeichnete Paar vorüber.

Die junge Dame, vielleicht zwanzig Jahre alt, zeichnete sich nicht nur durch ihre reiche und gewählte Toilette aus, sondern auch durch ihre frische, fast blendende Schönheit. Sie schien sich ihrer besonderen Vorzüge bewußt zu sein, denn stolz, als ob sie die Königin des Festes wäre, schritt sie an der Hand ihres greisen Tänzers durch den Saal. Das folgende Paar hielt sich augenfällig in bescheidener Entfernung.

„Diese Dame,“ flüsterte der Kanzleirath, „ist ein Problem, das man umsonst zu lösen sich bemüht; sie lebt seit einem Jahre unter dem Namen Cäcilie von Hoym in unserer Residenz. Niemand weiß mehr als ihren Namen, daß sie das schöne Haus neben dem Schloßqarten allein bewohnt, eine Equipage hält und nie weder Gesellschaften gibt, noch besucht. Ihre Anwesenheit auf unserem Balle hat alle Welt in Erstaunen gesetzt. Der Kassenrendant Ernesti führte sie mit seiner Gattin ein. Wie man sich heimlich in’s Ohr flüstert, hat sich die schöne Cäcilie der besondern Protektion unseres allergnädigsten Fürsten zu erfreuen.“

[74] „Ah!“ sagte gedehnt und lächelnd der Präsident. „Demnach läßt sich der Besuch des Balles leicht erklären. Der Kassenrendant handelt ohne Zweifel im höhern Auftrage.“

„Und doch,“ fuhr Bronner fort, „da fällt mir ein, daß Fräulein von Hoym eine Freundin hat. Da ist sie.“

„Wo?“

„Die weißgekleidete Dame mit der rothen Schleife auf dem Busen.“

Ein junges Paar erschien. Der Tänzer war ein Mann von achtundzwanzig bis dreißig Jahren, schlank und kräftig gewachsen und einfach schwarz gekleidet. Die Tänzerin war eine Frau von drei- oder vierundzwanzig Jahren, eine üppige Blondine mit einem rosigen Teint. Die runden Schultern und der schlanke Hals, von keinem Flor bedeckt, waren weiß wie Alabaster. Der volle Arm lief in ein kleines Händchen aus, das ein weißer Handschuh eng einpreßte. Ihre biegsame Taille war fast schmächtig zu nennen. Das zierliche Füßchen trug sie in einem weißen Atlasschuhe. Das schwere blonde Haar, das über der weißen Stirn einen Wellenscheitel bildete, schmückte eine natürliche rothe Kamelie.

Bei dem Erblicken dieses Paares zuckte der Präsident leicht zusammen; man sah, daß er mühsam die Gleichgültigkeit zu bewahren suchte, mit der er bis jetzt das Gespräch geführt hatte. Der Blick der jungen Frau fiel zufällig auf ihn – sie erröthete und senkte die Augen.

„Diese also wäre die Freundin des Fräuleins von Hoym?“ fragte der Präsident seinen Nachbar.

„Die einzige Freundin, wie man weiß. Beide sollen sich zärtlich einander zugethan sein.“

„Und wer ist diese weiße Dame?“

„Die Gattin des Mannes, der sie führt – des Regierungssekretairs Bergt.“

„Seine Gattin!“ murmelte der Präsident.

„Sie sind kaum ein Jahr verheirathet. Ganz recht, nächsten Monat wird es ein Jahr sein, daß er sie sich aus K. holte. Man spricht, daß die schöne Frau ihrem Manne ein nicht unbedeutendes Vermögen zugebracht habe – und ich glaube es, da der Sekretair, der nur fünfhundert Thaler Gehalt bezieht, vortrefflich eingerichtet ist; er hat kürzlich noch ein Haus gekauft, sein Garten ist ein kleines Paradies, das nur von der jungen Frau und Fräulein von Hoym betreten wird.“

Die Unterhaltung stockte. Der Präsident beobachtete noch eine Zeit lang den Tanz, dann setzte er sich an einen Tisch, der unter dem Orchester in einer Nische stand. Bronner wagte nicht, ihm zu folgen, er blieb, halb seinem Vorgesetzten zugewendet, an der Säule stehen.

„Henriette hier, und verheirathet!“ flüsterte er vor sich hin, als ob diese Entdeckung ihn in ein schmerzliches Erstaunen versetzte. „Wie schön sie ist als junge Frau! Ich wünsche dem Sekretair Glück, viel Glück!“

Die Polonaise war zu Ende. Die Herren führten die Damen zu den Plätzen zurück. Noch ehe der nächste Tanz begann, erschien der Fürst. Der Präsident trat ihm entgegen, und schloß sich den ihn begleitenden Personen an. Eine Deputation von Damen erschien, um den Landesvater zu beglückwünschen. Henriette sprach ein kurzes, aber sinniges Gedicht mit einer Anmuth und Grazie, daß der Fürst mit sichtlicher Rührung dankte und sie um den nächsten Walzer bat. Der Tanz begann, und man sah die reizende Henriette am Arme des Fürsten durch den Saal schweben. Wer die Damenwelt einer kleinen Residenz kennt, vermag den Neid zu ermessen, den diese Auszeichnung erregte. In der Nähe des Präsidenten saßen zwei Frauen, die sich vielleicht mehr als jede andere Hoffnung gemacht hatten, an der Hand des Fürsten zu erscheinen. So leise das Gespräch dieser Damen auch geführt ward, dem Präsidenten, der ganz Aufmerksamkeit für den Tanz zu sein schien, entging nicht ein Wort davon.

„Die Frau des Sekretairs macht sich nicht übel – wenn sie auch ein wenig frivol aussieht. Meinen Sie nicht, Frau Landreceptorin?“

„Ich finde keinen Geschmack an dieser Blondine, meine liebe Hofkommissärin. Wissen Sie, daß ich sie jetzt zum ersten Male deutlich sehe?“

Die Frau Landreceptorin, eine bereits vierzigjährige Dame, beobachtete durch ihr Lorgnon den Fürsten und Henrietten, die allein tanzten, da die übrigen Paare sich ehrfurchtsvoll zurückgezogen hatten.

„Die Bekanntschaft mit Fräulein von Hoym verschafft ihr diese Ehre!“ flüsterte die erste Dame, die wir Hofkommissärin nennen gehört haben. „Sehen Sie nur, wie sie sich brüstet.“

„Ich glaube, das Weib trägt eine Diamantbroche auf dem Busen!“ fügte ziemlich laut die Landreceptorin hinzu.

„Das sollte mich nicht wundern!“

„Der Sekretair hat fünfhundert Thaler Gehalt. Was läßt sich mit einer solchen Summe anfangen? Ja, eine kokette Frau ist ein kostspieliges Ding. Um alle ihre Wünsche zu befriedigen –“

„Macht der schwache Mann Schulden, mehr, als er je zu bezahlen im Stande ist.“

„Man sagt es, meine liebe Hofkommissärin; aber ich glaube nicht daran, da die Freundschaft des Fräuleins von Hoym – –“

„O, glauben Sie nur daran, meine liebe Freundin!“

„Wie?“ fragte die Landreceptorin, die überrascht das Lorgnon absetzte und ihr mit Bändern und Nadeln reich geschmücktes Haupt der Nachbarin zuwandte. „Wissen Sie das genau?“

„Sehr genau. Fräulein von Hoym braucht ihre Revenüen selbst.“

„So! Und ich glaubte, daß sie die einzige Freundin unterstützte.“

„Würde in diesem Falle der Sekretair Schulden machen?“

„Ich glaube kaum.“

„Mein Mann hat einen Wechsel des Sekretairs in Händen –“

„Nicht übel!“ flüsterte die Landreceptorin.

„Aber unter uns gesagt!“

„Ei, das versteht sich von selbst! Was unter Freundinnen gesprochen wird, bleibt ein Geheimniß.“

„Ich würde Ihnen nichts verrathen haben,“ fuhr die Hofkommissärin fort, „wenn ich Ihnen nicht hätte beweisen wollen, daß die kokette Madame Bergt ihren armen Mann ruinirt.“

„Ja, so sind die Frauen nach der Mode! Apropos, wie hoch beläuft sich denn die Wechselschuld?“

„Viertausend Thaler!“

„Mein Gott! Mein Gott!“

„Nicht wahr, das ist enorm?“

„Der Sekretair ist kaum ein Jahr verheirathet.“

„Und schon drückt ihn eine solche Schuldenlast.“

„Wie wird es in drei bis vier Jahren mit ihm aussehen?“

„Vielleicht setzt man auf diesen Tanz gewisse Hoffnungen –“

„Das ist möglich!“

„Aber ich habe nichts gesagt.“

„Nicht ein Wort, verlassen Sie sich darauf!“

Die beiden Freundinnen setzten schweigend ihre Beobachtungen fort. Wenn sie wüßten, daß sie schon zu viel gesagt hatten! Der Präsident zog sich mit ernsten Mienen zurück, und ging in einem leeren Nebenzimmer so lange auf und ab, bis der Tanz zu Ende war und der Fürst seine Tänzerin dem Sekretair übergab, mit dem er sich einige Augenblicke huldvoll unterhielt. Nach einer Stunde verließ der Landesherr den Saal. Ein Vivat, mit Pauken und Trompeten ausgebracht, begleitete ihn. Von diesem Augenblicke an ward der Ball lebhafter, und man gab sich ungezwungen den Freuden des Tanzes hin.

Das Orchester begann eine Galoppade. Da trat ein junger Offizier zu Fräulein von Hoym und bat um ihre Hand für den nächsten Tanz. Sie erhob sich, und flüsterte ihm lächelnd zu:

„Endlich!“

„Ja, endlich!“ flüsterte auch er. „Cäcilie, Sie hatten mir eine schwere Prüfung auferlegt. Die Stunde der Anwesenheit unseres Fürsten ist mir zu einer peinlichen Ewigkeit geworden.“

„In welchem Tone sagen Sie mir das, Albert! Wollen Sie mir Vorwürfe machen?“

„O, Verzeihung, Cäcilie, Sie zu sehen und Ihnen fern bleiben zu müssen –“

„Auch ich leide, wie Sie, mein lieber Freund!“ antwortete die junge Dame, indem sie den schönen jungen Mann von siebenundzwanzig Jahren mit einem schmachtenden Blicke ansah. „Aber glauben Sie mir, es ist zu unserem Glücke nöthig, daß der Fürst bis zu einer gewissen Zeit von unserer Liebe nichts ahnt.“

„Dieses unglückselige Geheimniß!“ murmelte Albert.

„Mißtrauen Sie mir?“

„Nein, nein, denn ich liebe Sie zu sehr!“

[75] Beide traten zum Tanze an. Auch Henriette erschien an der Seite ihres Mannes. Nach beendetem Tanze saßen die beiden jungen Frauen allein auf einem Divan, während die Männer sich unterhielten. Der Kammerpräsident beobachtete sie verstohlen aus einem Winkel des Saales. Bronner, der Kanzleirath, trat zu ihm.

„Störe ich, Herr Präsident?“

„Nein, Sie kommen mir im Gegentheil sehr gelegen. Da ich nicht tanze, gewährt mir ein Ball kein Vergnügen.“

„So befinden wir uns in einem gleichen Falle – ich will nicht sagen, in gleicher Verlegenheit.“

„Dieser Verlegenheit können wir uns bald entziehen. Begleiten Sie mich nach Hause.“

„Ich stehe zu Diensten, Herr Präsident.“

Beide verschwanden aus dem Saale. Gleich darauf traten sie, in ihre Mäntel gehüllt, auf den Marktplatz. Es war eine sternenklare, warme Septembernacht. Die Glocke der nahen Stadtkirche schlug eins. Die beiden Männer gingen die Straße hinab über den Schloßplatz. Es schien, als ob der Präsident absichtlich so lange geschwiegen, bis er sicher war, von keinem unberufenen Ohre belauscht zu werden.

„Sie haben mir heute einen wesentlichen Dienst geleistet, Herr Kanzleirath,“ begann der Präsident. „Die nähere Kenntniß aller jener Personen war mir nicht nur von großem Interesse, sondern auch von Nutzen. Zählen Sie darauf, daß ich Ihnen nach Kräften nützlich zu sein suchen werde.“

„O, das ist Alles, was ich wünsche, Herr Präsident.“

„Ich habe Sie liebgewonnen, und bitte Sie, mich als Ihren Freund zu betrachten. Es ist mir von jeher Bedürfniß gewesen, einen Vertrauten zu besitzen, mit dem ich in schwierigen Fällen mich berathen kann. Meine Stellung ist eine so schwierige, daß ich sie ohne fremde Hülfe nicht gut ausfüllen kann. Stehen Sie mir mit Ihrer Erfahrung zur Seite, und machen Sie mich auf das aufmerksam, was Ihnen in unserm beiderseitigen Interesse der Beachtung werth erscheint.“

Bronner hatte Mühe, seine große Freude zu verbergen. Mehr konnte er nicht wünschen, mehr hatte er nicht gewollt. Aber er war schlau genug, die Bedingung herauszumerken, die der so eben geschlossenen Freundschaft zum Grunde lag. Hätte der Präsident ihm diese Aufforderung schriftlich gegeben, so würden wir füglich gesagt haben, der Kanzleirath verstände zwischen den Zeilen zu lesen. Bronner wäre nicht erschreckt gewesen, hätte der Präsident ihm mit dürren Worten gesagt: „mein Herr, ich werde für Sie Alles thun, wenn Sie mein Spion sein wollen.“ Er sprach von Ehre, von Vertrauen, von Hingebung, Uneigennützigkeit und Hochachtung.

Der scharfsinnige Präsident hatte längst seinen Mann erkannt; er wußte, wie viel er ihm zumuthen durfte, wußte aber auch, wie weit er gehen mußte, um sich eine imponirende Stellung ihm gegenüber zu erhalten.

„Der Fürst ist gut,“ fuhr der Präsident fort, „und wie mir scheint, wird man seine Gutherzigkeit mißbrauchen, wenn die Energie seines ersten Raths nicht dazwischen tritt. Die Frauenscene, an deren Spitze Fräulein von Hoym stand, hat mir nicht gefallen. Die junge Dame ist unbestritten sehr schön, und was für Erfolge Frauenschönheit in der Politik schon errungen, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Ich hasse dergleichen Einflüsse, und suche sie ohnmächtig zu machen. Es ist dies in mir, ich möchte sagen, zum Instinkte geworden. Fräulein von Hoym scheint die junge, ebenfalls reizende Gattin des Sekretairs Bergt unter ihre Flügel genommen zu haben, und der Mann – –“

„Nun, und der Mann?“ wiederholte Bronner in ängstlicher Spannung.

„Der Mann wird dabei nicht leer ausgehen.“

„Wie meinen Sie das, Herr Präsident?“ fragte gedehnt der Kanzleirath.

„Ich meine, daß der Sekretair Bergt Ihnen wie mir gefährlich werden kann. Der Sekretair berichtet das, was er berichten will, seiner Frau; die Frau berichtet es ihrer Freundin, und die Freundin läßt es in einer süßen Stunde an den Fürsten gelangen. Auf diesem sehr einfachen Wege umgeht man uns. Wie diese Berichte nun mitunter ausfallen, wie man diese und jene meiner Maßregeln deutet – wer kann es wissen? Bergt arbeitet in Ihrem Departement, vergessen Sie das nicht; darum seien Sie auf Ihrer Hut, und beobachten Sie genau den Gatten jener Frau, die heute mit dem Fürsten getanzt hat. Diese Warnung mag Ihnen der erste Beweis der Freundschaft sein, die ich für Sie hege. Uebrigens zählen Sie unter allen Umständen auf mich, denn ich bin stets bereit, dem Weiberregimente entgegenzutreten.“

Der Präsident hatte eine furchtbare Saat in das Herz des armen Kanzleiraths gesäet, der die Tüchtigkeit seines Sekretairs mehr als jeder Andere kannte. Die Furcht vor dem fleißigen und intelligenten Arbeiter war es eben, die ihn zwang, sich um jeden Preis die Protektion des neuen Präsidenten zu erwerben. Und nun mußte er hören, daß der Protektor diese Furcht, wenn auch aus andern Gründen, mit ihm theilte. Er mußte sich eingestehen, daß Seldorf nicht nur einen scharfen Blick besaß, daß er auch wirklich einen Freund an ihm gefunden hatte. Die Situation war bedenklich. Seldorf bemerkte mit großer Genugthuung, daß der von ihm gestreute Samen des Argwohns Wurzel gefaßt hatte, denn Bronner ging schweigend wie ein Mann neben ihm, den eine Nachricht tief ergriffen hat. So gelangte man an das Haus, das dem Präsidenten zur Wohnung angewiesen war, und dem Haupteingange des Schlosses gegenüber lag.

„Gute Nacht, Herr Kanzleirath!“ sagte der Präsident, indem er dem neuen Freunde die Hand reichte.

Er fühlte, wie die Hand des Freundes zitterte.

„Gute Nacht, Herr Präsident!“

„Seien Sie vorsichtig und verschwiegen.“

„Aber ich werde auch Ihnen ergeben sein bis in den Tod!“

Seldorf zog die Glocke an seinem Hause. Bronner verschwand in dem Schatten der Nacht.




Ⅱ.

Der Tag, der dem Balle folgte, war ein Sonntag. In der Residenz herrschte eine wahrhaft englische Sonntagsstille. Nur um die Zeit, als die Glocken zur Kirche riefen, waren die Straßen von geputzten Leuten belebt, die mehr aus Gewohnheit, als aus Bedürfniß ihre Andacht vorrichten wollten.

Der Sekretair Bergt saß mit seiner Frau beim Frühstück. Das Thema der Unterhaltung bildete natürlich der Ball. Henriette hatte bereits vollständig Toilette gemacht; sie war frisch und duftig wie eine Rose im Mai. Keine Spur in ihrem reizenden Antlitze verrieth, daß ihr der größte Theil der gewöhnlichen Nachtruhe abgegangen war. Sie plauderte lebhaft, geistreich und mit einer Liebenswürdigkeit, die den Gatten berauschte. Die einjährige Ehe hatte die Leidenschaft der beiden jungen Leute nicht abzukühlen vermocht.

Wenn die Frau Landreceptorin und die Frau Hofkommissärin auf dem Balle von der glänzenden Einrichtung des Sekretairs gesprochen, der nur einen Jahresgehalt von fünfhundert Thalern bezog, so hatten sie Recht. Bergt bewohnte ein ziemlich geräumiges, mit Eleganz und mit Luxus ausgestattetes Haus. Wenn man nun bedenkt, daß Henriette ihrem Manne, der nur auf seinen Gehalt angewiesen war, keine Morgengabe zugebracht hatte, so mußte man sich die natürliche Frage vorlegen: wer hat den Sekretair in den Stand gesetzt, die Anschaffung dieser kostbaren Einrichtung zu bestreiten? Die Medisance kleiner Städte, und vorzüglich kleiner Residenzen, ist boshafter als die großer. Es läßt sich diese Medisance mit dem Bisse kleiner Vipern vergleichen, der giftiger ist, als der Stich einer Klapperschlange. Ueber den Sekretair und seine Gattin hatte man viel gesprochen, viel angenommen und viel vermuthet, vorzüglich seit der Zeit, daß Henriettens und Cäciliens Freundschaft bekannt geworden war. Die junge Frau selbst glaubte an ein Privatvermögen ihres Mannes, und dieser hütete sich aus Eitelkeit, ihr diesen Glauben zu zerstören. Wir sagen aus Eitelkeit, denn die Liebe ist mit der Eitelkeit so innig verbunden, wie der Stolz mit dem Reichthume. Die Eitelkeit auf das Bewußtsein, die schöne, von so vielen begehrte Henriette verdankt dir allein das Glück, das sie umgibt, war gleich groß wie seine Liebe. Henriette war dankbar für die Sorge ihres Mannes; sie war ihm das, was sie ihm sein sollte – eine reizende Frau. Die kleinste Anordnung, die sie in dem Hause getroffen, hatte einen gewissen persönlichen Zauber, den nur Frauen von geläutertem Geschmacke einzuhauchen verstehen.

„Henriette,“ sagte Bergt, „über Fräulein von Hoym ist diese Nacht viel gesprochen.“

[76] „Ich glaube es!“ gab sie lächelnd zur Antwort.

„Auch über Dich, die Du ihr stets zur Seite warst. So oft Du tanztest, waren Aller Augen auf Dich gerichtet. Selbst der neue Präsident gab dem Kanzleirath seine Verwunderung zu erkennen.“

„Der alte Präsident von Seldorf?“ rief sie lachend, um ihre Verlegenheit zu verbergen. „Der graue Sünder schien mehr Aufmerksamkeit für Cäcilien, als für mich zu haben.“

„Und dies geschieht natürlich aus Klugheit, weil er einem gewissen Gerüchte glaubt –“

„Otto, schenkst auch Du der Medisance Glauben?“ sagte Henriette, indem sie ihren Gatten mit einem vorwurfsvollen Blicke ansah. „Kannst Du es nicht über Dich gewinnen, da zu vertrauen, wo Deine Frau vertraut?“

„Ich wiederhole Dir, mein Kind, daß ich in Angelegenheit dieser Art für meine Frau sehen und handeln muß. Du läßt Dich in Deiner Gutmüthigkeit verblenden. Vergiß nicht, daß wir in einer kleinen Residenz leben, daß wir erst kurze Zeit verheiratet sind, und daß eine liebenswürdige Frau, die sich glücklich in der Ehe fühlt, beneidet und nicht selten auch gehaßt wird.“

„Otto, der geachtete greise Rendant Ernesti hat Cäcilien auf den Ball geführt, er hat die Polonaise mit ihr getanzt – ich bitte Dich, dies zu bedenken. Oder zweifelst Du, daß der alte Mann im Punkte der Ehre eben so streng denkt und handelt, als Du?“

„Der Rendant ist ein würdiger Mann, er ist selbst mein väterlicher Freund, dem ich großen Dank schulde. Aber, Henriette, er fühlt anders, als Dein Mann – er sieht mit den Augen des Verstandes, während ich mit dem Herzen sehe. Ich verhehle nicht, daß ich mich gewundert habe, als ich ihn mit Fräulein von Hoym in den Saal treten sah. Dieser Einführung liegt ein Geheimniß zum Grunde, ich bleibe dabei. Was sich für den greisen Rendanten schickt, schickt sich nicht für uns. Henriette, willst Du mir das Glück, das mir Dein Besitz bereitet, in seiner ganzen Ausdehnung erhalten, so vermeide das Aufsehen, das durch Deinen öffentlichen Umgang mit Cäcilien hervorgerufen wird.“

Der Sekretair umarmte seine Frau und küßte ihr die Stirn, als ob er durch diese Zärtlichkeit seiner Bitte mehr Nachdruck geben wollte.

„Und gestehe es nur,“ fügte er hinzu, „Du ahnst wenigstens das Geheimniß, von dem ich spreche, wenn Du es auch aus Freundschaft nicht kennen willst.“

Henriette legte ihre schönen Hände auf Otto’s Schultern, und sah ihn einige Augenblicke mit einem schalkhaften Lächeln an.

„Mein Freund,“ sagte sie dann, „hast Du denn keine Augen? Hast Du denn nicht gesehen, daß auch Albert Ernesti mit Cäcilien getanzt hat?“

„Gewiß, ich habe es gesehen. Albert ist ein junger Mann, Offizier –“

„Und ein Offizier ist ein Mann von Ehre!“ rief rasch die junge Frau.

„Dafür halte ich den jungen Ernesti!“

„Nun, erräthst Du das Geheimniß immer noch nicht?“

„Nein!“

„So muß ich es Dir vertrauen: Albert liebt Cäcilien, und sie liebt ihn. Würde der alte Ernesti diese Liebe billigen, wenn er sich und seinen Sohn dabei compromittirt sähe? Und hat er sie nicht öffentlich dadurch gebilligt, daß er die junge Dame einführte? Kann und darf ich mich jetzt zurückziehen, ohne den Rendanten, dem Du Dank schuldest, zu kränken? Ich kenne das Geheimniß dieser Liebe, ich allein, und darum erlaube mir, daß ich den Lästerzungen noch für einige Zeit Trotz biete. Wie wird man staunen, wenn Albert seine Verlobung ankündigt! Cäcilie ist reich, sehr reich, und sobald sie über ihr Vermögen verfügen kann, wird der Verlobung nichts mehr entgegenstehen, als der Konsens des Fürsten, dessen Albert als Offizier bedarf.“

„Zweifelt man an der Erlangung desselben?“ fragte der Sekretair.

„Ja und nein!“ antwortete Henriette lächelnd.

„Was soll das heißen?“

„Dieser Frage liegt ein Geheimniß zum Grunde, mein lieber Freund, das ich selbst nicht kenne, und das vielleicht nur dem alten Ernesti bekannt ist. Aber was es auch sein möge – die Ehre Cäciliens betrifft es wahrlich nicht. Und nun beruhige Dich, die Zeit wird Alles aufklären. Jetzt werde ich Cäcilien einen Morgenbesuch abstatten, sie erwartet mich um elf Uhr zur Chokolade. Gibst Du mir die Erlaubniß dazu?“

Otto willigte zwar aus Rücksicht für den Rendanten ein, aber seine Bedenken waren nicht vollständig beseitigt. Er ging in sein Zimmer, nachdem er Henrietten noch einmal Vorsicht anempfohlen hatte. Die junge Frau nahm Hut und Shawl, und schlüpfte über die einsame Promenade nach dem Hause, das die Freundin bewohnte.

Der Sekretair wollte sich bis zu Tische mit einigen dringenden Dienstarbeiten beschäftigen, und holte dazu die betreffenden Papiere hervor. Noch hatte er nicht begonnen, als die Magd eintrat, und ihm einen Brief überreichte. Als er die Adresse betrachtete, drückte sich eine unangenehme Ueberraschung in seinen Zügen aus; diese Ueberraschung ging in Bestürzung über, als er den Brief las, der folgende Zeilen enthielt:

 „Mein Herr!
„Seit drei Monaten ist der Wechsel abgelaufen, auf dessen Grund Sie mir viertausend Thaler schulden; ich würde Ihnen mit Vergnügen noch eine längere Frist gestatten, wenn ich binnen acht Tagen nicht eine Zahlung zu leisten hätte, die, wenn sie nicht erfolgt, meinen Kredit erschüttert, selbst vernichtet. Sie wissen, daß ich kein reicher Mann bin, und daß eine Summe von viertausend Thalern in meinen Verhältnissen schwer wiegt. Tragen Sie Sorge, bis nächsten Sonnabend die Schuld zu tilgen, ich würde sonst, so leid es mir thut, gezwungen sein, gerichtliche Hülfe in Anspruch zu nehmen. Ich bin Geschäftsmann und Familienvater, und kann unter keiner Bedingung ferneren Aufschub gestatten.
 Spanier, Hofkommissär.“

Dem armen Sekretair trat der kalte Schweiß auf die Stirn; er stützte den Kopf und starrte die verhängnißvollen Zeilen an, die ihn so eindringlich an seine peinliche Situation mahnten. Henriette kannte das Opfer nicht, das er seiner Liebe gebracht, sie ahnte nicht, daß das Haus sammt Mobiliar dem Hofkommissär verschrieben war, der den Schuldner auch noch in Wechselhaft bringen konnte. Zum ersten Male schlug sich Bergt an die Stirn, indem er murmelte: „Du hast es gut gemeint, aber du hast zu viel gethan, du hast leichtsinnig gehandelt!“ Er wußte, wie schwer es war, in der kleinen Stadt, selbst in dem ganzen Lande eine solche Summe aufzutreiben. Der Werth der Grundstücke war tief herabgesunken, und wer lieh ihm auf ein Haus, das keinen praktischen Vortheil bot, als ein bequemes Wohnen, viertausend Thaler? Spanier war ein Jude, mithin unbeugsam, wie alle Juden, wenn es sich um Geld handelt. Welches Mittel sollte er ergreifen, um sich aus dieser fürchterlichen Lage zu ziehen? Er wagte es nicht, an den Eclat zu denken, den die Strenge des Juden herbeiführen konnte. Verzweiflungsvoll durchmaß er sein elegantes Arbeitszimmer, dessen Möbel ihm drohend entgegenglänzten.

Da fiel ihm Cäcilie ein, die ein großes Vermögen besitzen sollte. Wie anders aber konnte er mit ihr verhandeln, als durch Henrietten? Seine Eitelkeit, sein Stolz sträubten sich gegen diesen Schritt. Und würde Henriette darauf eingehen, der Freundin ihre Armuth zu entdecken? Welch ein Schlag war das für die arme Frau, die sich in dieser Umgebung so glücklich fühlte?

„Nein, nein,“ rief er aus, „ehe es dahin kommt, werde ich versuchen, was möglich ist! Aber an wen wende ich mich? An den Juden? Nein, nein, als ich vor drei Monaten um Frist nachsuchte, stand ich wie ein Bettler vor ihm. Aber für wen bettele ich denn?“ fragte er sich plötzlich. „Wem bringe ich das Opfer dieser Demüthigung? Henrietten, meiner angebeteten Gattin!“

Er bezwang seinen Stolz, und ging zu dem Juden. Die Leute, die ihm in der Straße begegneten, grüßten freundlich, selbst ehrfurchtsvoll. Ah, wenn sie gewußt hätten, was in der Seele des armen Sekretairs vorging, den sie für reich und glücklich hielten!

(Fortsetzung folgt.)



[77]

Die Gartenlaube (1857) b 077.jpg

Nonne und Offizier.

In dem Lazareth zu Varna lagen Kranke ohne Zahl; zu den Schrecken des Krieges hatte sich noch das Gespenst der Cholera gesellt. Hier stöhnte ein Verwundeter, dort rief ein Sterbender mit heiserer Stimme um einen Trunk frischen Wassers. Das anwesende Heilpersonal konnte nicht allen Wünschen und Anforderungen mehr genügen, die Aerzte waren geistig und physisch erschöpft und die Wärter durch den Tod selber dezimirt. Die Noth war auf das Höchste gestiegen, da öffneten sich eines Tages die Thüren des Lazareths und mehrere Frauen in dunklen Gewändern mit weißem Schleier den sie zurückgeschlagen hatten, schwebten durch den Krankensaal. Bei ihrem Anblick kehrte das Vertrauen in das Herz der Kranken wieder zurück. Sie hatten ja die unermüdlichen Pflegerinnen, die „barmherzigen Schwestern“ erkannt, welche, von gläubigem Heldenmuth beseelt, sich dem schwierigen Amt der Krankenpflege unterzogen.

Vivent les soeurs grises!“ rief ein alter Sergeant, dem man so eben eine Kugel aus dem Arm gezogen hatte. „Jetzt fürchte ich nicht, daß der Brand in meine Wunde kommt.“

[78] „Es sind die Engel des Himmels, die er zu unserer Hülfe schickt,“ entgegnete ein junger Soldat mit einem tüchtigen Säbelhiebe im Gesicht.

„Sag’ lieber, daß es Helden sind,“ meinte der grauköpfige Sergeant; „Soldaten des lieben, guten Gottes. Sie haben und brauchen mindestens eben so viel Kourage, wie Unsereins, und ich möchte lieber hundert Mal einer russischen Batterie gegenüberstehen, als in so einem verpesteten Lazarethe ewig leben.“

Während dieser und ähnlicher Gespräche gingen die Nonnen von Bett zu Bett, Trost und Hülfe spendend, hier eine Wunde verbindend, dort den brennenden Lippen eines Cholerakranken Medizin und erfrischendes Getränk reichend. Unter ihnen zog besonders eine Nonne die allgemeine Aufmerksamkeit und Bewunderung auf sich; sie hieß Schwester Veronika und schien unermüdlich in ihrem schwierigen Amt. Schlank und zart wie eine Lilie gewachsen, besaß sie eine eiserne Energie, welche sie alle Anstrengungen und Beschwerden glücklich überwinden ließ. Ihr edles, bleiches Gesicht und die Feinheit ihres Wesens flößte selbst dem rohesten Soldaten Achtung ein. In ihrem Benehmen vereinte sie weibliche Zartheit und Milde mit einem würdevollen Ernst. Bald war Schwester Veronika der Liebling aller Kranken, der Schutzengel des ganzen Lazareths. Die Aerzte begegneten ihr mit der größten Hochachtung und von den Leidenden wurde sie wie eine Heilige angebetet.

„Hol’ mich der Teufel!“ rief der alte Sergeant, der unter ihrer Pflege genesen war, „wenn die Schwester nicht das Kreuz der Ehrenlegion verdient.“

„Was sagt Ihr da?“ fragte der junge Soldat. „Das kann doch Euer Ernst nicht sein. Der Orden wird nur an Männer für bewiesene Tapferkeit vergeben.“

„Als wenn so eine Frau,“ brummte der Alte, „nicht mehr Muth besitzt, als wir Alle miteinander, Monsieur Gelbschnabel!“

Allmälig leerte sich unter der Pflege der Nonnen das Lazareth, die Cholera verschwand nach und nach, und die Genesenen wurden entweder als Invaliden entlassen, oder geheilt zu ihren Regimentern zurückgeschickt. Auch die Nonnen traten ihren Rückweg nach Frankreich an, nur Schwester Veronika blieb noch zurück. Sie hatte sich von der Oberin die Erlaubniß ausgewirkt, an dem Feldzuge in der Krim Theil zu nehmen, und die Verwundeten auf dem Schlachtfelde zu pflegen. Bald war sie im Lager vor Sebastopol so bekannt und beliebt, wie einst in dem Lazareth und Cholerahospital zu Varna. Sie schreckte nicht vor der Wuth und den Gefahren des Krieges zurück. Mitten im Kampfe und Kugelregen, während der Tod seine blutige Ernte hielt, sah man die unerschrockene Nonne zwischen den Reihen der Krieger einherwandeln, um die Verwundeten zu verbinden und ihnen Hülfe zu bringen. Die Hand des Himmels schien sie sichtbar zu beschützen, denn trotzdem sie sich täglich den größten Gefahren aussetzte, blieb sie doch unberührt.

In dem Feldlazareth entwickelte sie ihre größte Thätigkeit, und so mancher wackere Soldat hatte ihr das Leben und die Erhaltung seiner Glieder zu verdanken. – So kam der Tag von Inkerman, jene blutige Schlacht zwischen den Verbündeten und den Russen. Vorwärts stürmten die französischen Bataillone gegen den Feind, dessen Geschütz von den Höhen Verderben und Tod in die Reihen der tapfern Soldaten sandte. Schwester Veronika blieb stets in der Nähe des Heeres, um sogleich Hülfe zu leisten, wo dieselbe erforderlich wäre.

„Alle Wetter!“ rief der Sergeant, der sie im Vorbeimarschiren erkannte, „da ist ja die Nonne wieder.“

Er hatte keine Zeit, sie zu begrüßen, denn im Sturmschritt eilte das Regiment vorüber, um sich auf die russische Infanterie zu stürzen, welche wie eine eherne Mauer auf dem Hügel stand. Zweimal prallte der Angriff ab, und die Franzosen mußten sich zurückziehen. Der Oberst war geblieben, und der älteste Kapitain hatte seine Stelle eingenommen. Zum dritten Male wollte dieser die zusammengeschmolzenen Truppen gegen den Feind führen, aber die ermüdeten und furchtbar dezimirten Soldaten schienen zu zaudern.

„Schämt Euch, Kameraden!“ rief da der Sergeant. „Dort steht Schwester Veronika und sieht auf uns. Die fürchtet sich nicht vor den Kugeln.“

Aller Blicke wendeten sich nach der Seite hin, wo die Nonne eben damit beschäftigt war, einen verwundeten Offizier im Kugelregen zu verbinden. Sie kniete neben dem Getroffenen nieder und stillte mit Charpie und Binden das hervorströmende Blut. Bei diesem Anblick brach das ganze Regiment einstimmig in einen Beifallsruf aus, und stürmte mit frischer Kraft auf den Feind. Bei dem Lebehoch, das ihr gebracht wurde, färbte eine leichte Röthe das edle Gesicht der Nonne.

„Ich danke Ihnen mein Leben,“ hauchte der verwundete Offizier mit schwacher Stimme. „Ich werde Ihnen das nie vergessen!“

Noch manchem Verwundeten leistete die Nonne an diesem Tage den gleichen Dienst, bis auch sie selbst ihrem Schicksal erlag. Eine feindliche Kugel traf sie mitten in ihrer segensreichen Thätigkeit. Erschöpft von großem Blutverlust sank sie besinnungslos auf den Rasen hin. - Spät am Abend eilte der Sergeant mit seinem jungen Freunde über das blutige Schlachtfeld. Der helle Mond beleuchtete die furchtbare Schreckensscene.

„Stöhnt nicht ein Verwundeter?“ fragte der Sergeant.

„Ich höre nichts,“ entgegnete der junge Soldat.

„Alle Wetter!“ rief der Graukopf, „da liegt eine Nonne, Schwester Veronika, wenn ich nicht irre. Vorwärts, angefaßt! Wir wollen sie nach der Ambulance bringen und sehen, ob sie noch zu retten ist.“

Die beiden Soldaten hoben sanft die verwundete Nonne vom Boden auf und trugen sie in das nächste Lazareth, wo der Arzt die Wunde untersuchte. Das Bein war von der Kugel zerschmettert und es mußte zur Abnahme desselben geschritten werden. Groß war die Theilnahme, welche die tapfere und muthvolle Nonne fand. Ihre Genesung ging rasch von Statten und schon nach einigen Wochen konnte sie den Krankensaal verlassen und der Feier beiwohnen, welche auf dem Schlachtfelde von Inkerman von der ganzen Armee abgehalten wurde. Nach dem im Freien veranstalten Gottesdienst sollte die Tapferkeit belohnt werden. Der General en chef verlieh denjenigen Kriegern, welche sich am meisten ausgezeichnet hatten, den Orden der Ehrenlegion. Schon war manche tapfere Brust damit geschmückt, als mit einem Male ein weiblicher Name ertönte.

„Schwester Veronika!“ rief der General.

„So treten Sie doch vor,“ raunte der Sergeant der Nonne zu; „Ihr Name wird gerufen.“

Mit zitternden Schritten und gesenktem Haupte schritt die Schwester auf den General zu, der ihr das Kreuz mit einigen ergreifenden Worten überreichte. Ein Beifallsgemurmel zog von Regiment zu Regiment durch die Reihen der tapfern Krieger, welche sich über diese ungewöhnliche Anerkennung freuten.

Mehr als ein Jahr war seit jener Begebenheit vergangen. Die siegreichen Truppen waren in ihre Heimath zurückgekehrt. Auch Schwester Veronika hatte die Krim verlassen und war auf der Rückreise in ihr Kloster nach Lyon gekommen. Sie ging – es sind jetzt kaum einige Wochen her – eben über den Platz belle cour, als ihr ein Offizier entgegenkam, der zu dem eben ausgeschifften Regimente gehörte. Beim Anblick der Nonne, welche statt des einen Beines einen Stelzfuß trug und sich auf einen Stock stützen mußte, eilte der Lieutenant ihr mit freundlichem Gruße entgegen.

„Welch’ ein Glück!“ rief er leuchtenden Blickes aus. „Ich habe nicht geglaubt, Sie hier zu finden. Nun kann ich doch wenigstens Ihnen noch einmal meinen Dank für die liebevolle Pflege ausdrücken, die sie mir, wie so vielen meiner Kameraden, zu Theil werden ließen.“

Mit diesen Worten ergriff der Offizier den Arm der überraschten Nonne und ging mit ihr auf dem Platze auf und nieder im Gespräch. Schwester Veronika, die ihn bald wieder erkannte, erkundigte sich nach so manchem ihrer vielen Schützlinge, nach dem Schicksale seiner Kameraden, so wie nach seinem eigenen. Besonders wunderte sie sich, an seiner Brust nicht den Orden der Ehrenlegion zu erblicken, der die ihrige schmückte. Ihre zarten Fragen nach diesem unerklärlichen Umstande, da ihr seine Tapferkeit hinlänglich bekannt war, wich der Offizier verlegen aus und so bald sie darüber sprach, erröthete er sichtbar.

Unterdeß erregte der vertraute Spaziergang des Offiziers mit der Nonne, welche noch überdies durch ihren Stelzfuß auffiel, die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden. Bald sammelte sich das Volk um die Beiden und darunter viele Soldaten von dem zurückgekehrten Regimente.

„Straf’ mich Gott!“ schrie der alte Sergeant, „da ist unsere Schwester Veronika wie sie leibt und lebt.“

[79] „Ein Lebehoch für Schwester Veronika!“ rief der junge Soldat in seinem frischen Enthusiasmus.

Die anwesenden Soldaten grüßten militairisch die Nonne am Arme des Offiziers.

„Dort ist ja auch der wackere Sergeant,“ sagte sie, „der mir das Leben gerettet hat.“

Sie reichte dem Graukopf die Hand, welche dieser mit der ganzen Galanterie eines alten, französischen Militairs respektvoll an seine Lippen führte. Dazu sprach sie einige Worte des innigsten Dankes.

„Es ist nicht der Rede werth,“ sagte der gerührte Sergeant, „aber dort steht ein Mann, der mehr für Sie gethan hat, als wir Alle.“

Dabei deutete der Alte auf seinen Offizier, welchen die Nonne fragend ansah.

„Ja, ja!“ fuhr der geschwätzige Alte fort, ohne sich an die Drohungen und Winke des Offiziers zu kehren, „der Herr Lieutenant hat das Kreuz der Ehrenlegion ausgeschlagen, weil er sie für würdiger dafür gehalten hat.“

„Still, Sergeant!“ rief der erröthende Offizier.

„Und wenn ich Morgen wegen Insubordination erschossen werden sollte, ich muß die Wahrheit sagen. Das hat der Herr Lieutenant gethan.“

„Ich bin nur meiner Ueberzeugung gefolgt,“ sagte jetzt der Offizier mit fester Stimme, „und alle Kameraden theilen meine Ansicht. Es gibt noch eine Tapferkeit, welche höher steht als der Muth des Mannes: es ist dies die weibliche Opferfähigkeit.“

„Ein Lebehoch für Schwester Veronika und unseren Lieutenant,“ rief der junge Soldat und alle seine Kameraden stimmten jubelnd ein.

Am Arme des Offiziers kehrte die Nonne in ihr Kloster zurück. Ehrfurchtsvoll hatte das anwesende Publikum ein Spalier gebildet, durch das die beiden „Tapferen“ gingen; Schwester Veronika in ihre Zelle und der Offizier in das Leben und vielleicht zu neuem Kampfe. Ganz Frankreich aber spricht in diesem Augenblicke von der „tapfern Schwester Veronika,“ und durch alle Zeitungen, deutsche und französische, läuft die Notiz von dem Erscheinen der braven Nonne mit dem hölzernen Beine und dem Orden auf der Brust am Arme des dankbaren Offiziers.

Max R.


Lichtbilder.
I.

Eine der interessantesten Erfindungen der Neuzeit, diejenige, welche wohl am meisten bekannt geworden und im alltäglichen Leben, in Kunst und Wissenschaft angewandt ist, um schnell und wohlfeil ein treues, wahres Bild einer Person, eines Gegenstandes, einer Landschaft zu erhalten, ist unstreitig die Photographie, die Kunst, mit Hülfe der Physik und Chemie durch das Sonnenlicht Bilder zu erhalten. In allen Kreisen der Gesellschaft hat sich das Lichtbild, das Resultat der Einwirkung (Reaktion) des Lichts auf gewisse chemische Verbindungen, eingebürgert; durch Lithographie und Xylographie vervielfältigte Portraits gefeierter Männer der Gegenwart sind häufig Kopieen von Lichtbildern, Illustrationen belehrender oder unterhaltender Schriften basiren zum Theil auf Photographieen; und wie der Reiche mit Freude und Stolz die von Meisterhand gefertigten großen Papierbilder seiner Lieben, die in prächtigen Goldrahmen die Wand seines Zimmers schmücken, betrachtet, so ist nicht minder der arme Handwerksbursch im Besitz eines kleinen Wachstuchbildes (Panotypie) glücklich, das ihn als Schutzgeist auf seinen Wanderungen in nahe und ferne Länder begleitet. –

Schon seit langer Zeit kannte man die schwärzende Einwirkung des Sonnenlichtes auf gewisse farblose Silberverbindungen und versuchte, dieselbe zur Anfertigung von Bildern zu benutzen, allein erst Niépce und Daguerre war es vorbehalten, nach vielen mühsamen Versuchen ein Verfahren aufzufinden und festzustellen, haltbare Bilder zu erzeugen, jene schönen, bald allgemein beliebten Lichtbilder, die nach dem Erfinder des noch jetzt gebräuchlichen Verfahrens Daguerre, DaguerreotypenPlattenbilder – genannt wurden.

Das Material für diese Bilder ist eine versilberte Kupferplatte, die, nachdem sie auf das Sorgfältigste gereinigt – geschliffen – wurde, durch Joddämpfe – Jodiren – mit einer leichten Schicht Jodsilber, welches für das Licht äußerst eindrucksfähig ist, bedeckt wird. Die so zubereitete Platte, die durch die Kasette – ein mit einem Schieber verschließbarer Rahmen – vor jeder fremden Einwirkung des Lichts geschützt ist, wird nun in die, vorher genau eingestellte Camera obscura gebracht und eine kurze Zeit, deren Dauer von verschiedenen Umständen bedingt ist, durch Oeffnen der Kasette und des Objectivs der Camera obscura, der Einwirkung des Lichts ausgesetzt. Die Camera obscura, ein vom Neapolitaner Porta im 17. Jahrhundert erfundener Apparat, von Voigtländer in Wien zur Anfertigung Daguerre’scher Bilder besonders konstruirt, besteht aus einem Kasten, an dessen einer Seite das Objectiv sich befindet, ein Messingrohr, welches die Linse, eine Combination convex geschliffener Crownflintgläser enthält, deren Güte wesentlich die Erzeugung eines guten Bildes bedingt; an der andern Seite ist eine matt geschliffene Glasplatte, durch welche hindurch man den aufzunehmenden Gegenstand sieht und, durch Verlängerung oder Verkürzung des Objectivrohrs mit Hülfe einer Mikrometerschraube, das Bild bis zur höchsten Schärfe einstellt, auf die Weise angebracht, daß sie weggenommen und durch die Kasette, welche die präparirte Platte enthält, ersetzt werden kann.

Nach der dem Daguerreotypisten durch Uebung genau bekannten Zeit, schließt er nach der Aufnahme die Camera obscura und die Kasette, und ruft das Bild, von dem auf der Platte jetzt nichts zu sehen ist, durch Quecksilberdämpfe hervor, worauf er es in ein Bad – Lösung – von unterschwefligsaurem Natron legt, und es endlich durch einen Goldüberzug haltbar macht – fixirt –, den er mit einer Chlorgoldlösung, welche er auf das Bild gießt und durch eine untergestellte Spirituslampe erhitzt, erzeugt. Es versteht sich von selbst, daß die beschriebene Behandlung, sowohl vor, als auch nach der Exposition der Platte in der Camera obscura, in einem vom Tageslichte vollkommen abgesperrten Raume, den man durch künstliche Beleuchtung erhellt, stattfinden muß.

In der Camera obscura hatte das durch die Linse einfallende Licht auf der jodirten Platte eine, wie schon angedeutet, für das Auge nicht sichtbare Veränderung hervorgebracht; die dem Lichte am meisten ausgesetzt gewesenen Stellen aber haben die Eigenschaft erlangt, den Quecksilberdampf in unendlich feinen Perlen zu verdichten, während an den Stellen, die vom Lichte nicht getroffen wurden, ein solcher Niederschlag nicht erfolgt. Durch das Abspülen des Bildes in einer Lösung von unterschwefligsaurem Natron – Natronbad – wird nun der Ueberzug von Jodsilber an den vom Lichte nicht getroffenen Stellen gelöst, und durch vorsichtiges Begießen mit reinem Wasser von der Salzlösung gereinigt, worauf endlich durch die Vergoldung dem Bilde der schützende Ueberzug gegeben wird, der dasselbe vor Zerstörung bewahrt, denn die das Bild zeichnenden Quecksilberkügelchen – der Chemiker Dumas berechnete ihren Durchmesser zu 1/800 eines Millimeters – sind mit dem Silber der Platte chemisch nicht verbunden, sind daher sowohl verwischbar, als auch einer Veränderung ihrer Lage durch Verdampfung – Quecksilber verdunstet, wenn auch sehr wenig, schon bei gewöhnlicher Temperatur – unterworfen, wodurch das Bild ohne schützende Decke nach und nach vollständig verschwinden würde.

Das Daguerreotyp ist fertig, der Silberspiegel der Platte bildet den dunklen Grund, auf welchem die mehr oder weniger hellen Parthieen durch den mehr oder minder dicht abgelagerten Quecksilberstaub gezeichnet hervortreten.

Welch großes Aufsehen die Erfindung von Niépce und Daguerre in allen Kreisen machte, mögen folgende Worte Arago’s[1]

[80] andeuten, denen ich einige, aus derselben Quelle geschöpfte geschichtliche Notizen vorausschicke.

Die photographischen Untersuchungen des Niépce, eines Physikers in Chalons sur Saone sollen bis zum Jahre 1814 zurückgehen; 1826 fanden seine ersten Verhandlungen mit Daguerre, einem Maler in Paris, statt, nachdem er durch die Indiscretion eines Pariser Optikers erfahren hatte, daß Daguerre sich damit beschäftige, die Bilder der Camera obscura zu fixiren. Die ersten Arbeiten Daguerre’s rühren also vom Jahre 1826 her. Die Verbindungsurkunde Niépce’s und Daguerre’s zur gemeinschaftlichen Ausforschung photographischer Methoden ist vom 14. Dec. 1826.

„Ein Jeder, der die Daguerre’schen Bilder gesehen,“ sagt Arago, „wird daran denken, welchen unendlichen Nutzen man aus diesem Verfahren während der egyptischen Expedition gezogen haben würde; ein Jeder wird sich von der Idee überrascht fühlen, wenn im Jahre 1798 die Photographie bekannt gewesen wäre, wie man heute die treuen Abbilder der egyptischen Embleme besitzen würde, deren die gelehrte Welt durch die Habsucht der Araber, den Vandalismus gewisser Reisenden für immer beraubt ist. Um die Millionen und aber Millionen von Hieroglyphen zu copiren, welche selbst das Aeußere der großen Monumente in Theben, Memphis, Karnak bedecken, würden Legionen von Zeichnern zwanzig und mehrere Jahre brauchen. Mit dem Daguerreotyp kann ein einzelner Mensch in kurzer Zeit diese ungeheure Arbeit vollenden.“

„Es fragt sich, ob die Kunst selbst von diesem Verfahren einen Nutzen zu erwarten hat? Paul Delaroche hat diese Frage beantwortet. Dieser berühmte Maler sagt unter Anderem darüber: „das Verfahren Daguerre’s ruft einen sehr wesentlichen Fortschritt in der Vervollkommnung gewisser wesentlicher Erfordernisse der Kunst hervor und wird selbst für die geschicktesten Maler Gegenstand der höchsten Aufmerksamkeit werden. – Der Maler wird in diesem Verfahren ein Mittel besitzen, um Sammlungen von Studien zu machen, welche er sonst nur nach langer Zeit, mit großer Mühe und weniger vollkommen sich würde verschaffen können, wie groß auch immer sein Talent sein möchte.“ – Nachdem er mit schlagenden Gründen die Besorgnisse derer widerlegt hat, welche sich einbildeten, die Photographie würde den Künstlern und namentlich den Kupferstechern schaden, schließt Delaroche mit den Worten: „Mit einem Worte, die bewunderungswürdige Entdeckung Daguerre’s ist ein unendlicher Dienst, den er der Kunst geleistet hat.“

In Bezug auf die Hoffnungen, die sich die Männer der Wissenschaft von der Photographie machen, fährt Arago folgendermaßen fort: „Die Daguerre’sche Platte ist viel empfindlicher gegen die Wirkung des Lichts als alle andern bisher bekannten Substanzen. Niemals konnten die Strahlen des Mondes, wir wollen nicht einmal in ihrem natürlichen Zustande sagen, sondern concentrirt, im Brennpunkte der größten Linse, im Brennpunkte des größten Hohlspiegels einen bemerkbaren physikalischen Eindruck hervorrufen. Die Daguerre’schen Platten indessen bleichen sich unter dem Einflüsse dieser Strahlen und der späteren Behandlung so sehr, daß wir hoffen dürfen, photographische Karten von unserem Trabanten zu erhalten, und dadurch in wenig Minuten eine Arbeit auszuführen, welche bisher zu den schwierigsten Arbeiten der Astronomie gehörte. Mit gleicher Sicherheit wird man photometrische Versuche über die absolute Helligkeit der Sterne anstellen und auch hierdurch der Astronomie die größten Vortheile von dieser Entdeckung gewähren können.“

„Bei dem Mikroskop wird die Erfindung Daguerre’s in gleicher Ausdehnung seine Anwendung finden, und durch einen merkwürdigen Umstand auch in der Meteorologie. Daguerre hat nämlich bemerkt, daß die Morgen- und Abendstunden, welche gleich weit vom Mittag entfernt sind, in denen also auch die Sonne gleich hoch steht, dennoch nicht gleich günstig für die Anfertigung der Lichtbilder sind. So bildet sich in allen Jahreszeiten, bei fast völlig gleich scheinenden Bedingungen in der Atmosphäre ein besseres Bild um 7 Uhr Morgens, als um 5 Uhr Nachmittags, um 9 Uhr Morgens als um 3 Uhr Nachmittags.“

„Die Erfindung Daguerre’s nimmt also unser Interesse in vierfacher Weise in Anspruch, von der Seite der Neuheit, der artistischen Wichtigkeit, der schnellen Ausführung und der wissenschaftlichen Hülfsquelle.“

Fast gleichzeitig mit dem Bekanntwerden der Daguerre’schen Erfindung trat ein Engländer, Fox Talbot, mit einer in ihrem Prinzip gleichen, in der Art der Ausführung sowie durch den Effekt viel bedeutenderen Darstellungsweise von Lichtbildern hervor, die bald einen unglaublichen Aufschwung nehmen und die Plattenbilder fast vollständig verdrängen sollte, von Lichtbildern auf Papier, die mit Leichtigkeit in jeder Größe, und bei einmal gelungener Aufnahme in beliebiger Anzahl kopirt erhalten werden können; jene schönen Bilder, die unter den Namen Photographien oder (nach dem Erfinder) Talbotypien (Talbot selbst hatte ihnen den Namen Kalotypen gegeben) bekannt sind.

Das Verfahren zur Erzeugung der Talbot’schen Lichtbilder erleidet deshalb eine wesentliche Aenderung von der Daguerre’schen Methode, weil man gezwungen ist, zur Darstellung derselben erst negative Bilder anzufertigen, d. h. solche, auf denen das Verhältniß von Licht und Schatten umgekehrt, die dunkelsten Schatten weiß, die stärksten Lichter ganz schwarz erscheinen, und man erst mit Hülfe dieser negativen Bilder, durch Uebertragung auf ein zweites für Lichteinwirkung empfänglich gemachtes Papier, im Stande ist, positive Bilder, d. h. solche, in welchen Licht und Schatten in den richtigen Verhältnissen erscheinen, darzustellen.

Zur Darstellung des negativen Papiers wird gutes, in der Masse gleichförmiges Maschinenpapier auf die Weise mit Jodsilber überzogen, daß man das Papier zuerst in eine Jodkaliumlösung (-bad) legt und es dann, nachdem es zwischen weißem Löschpapier abgetrocknet wurde, in einem Silberbade (einer Auflösung von salpetersaurem Silberoxyd, der etwas Essigsäure zugesetzt wurde) schwimmen läßt. Das im Dunkeln bereitete negative Papier ist fertig, wird, am besten frisch und noch feucht, zwischen Glasscheiben in der Kasette befestigt, und nun zur Aufnahme wie bei den Plattenbildern geschritten. Nach beendigter Exposition hebt man das Papier, auf welchem von einem Bilde noch nichts zu sehen ist, von den Glasscheiben ab und bringt es in das Hervorrufungsbad, eine gesättigte Gallussäurelösung, in welchem hinreichend vom Lichte getroffene Bilder sehr schnell in den feinsten Details sichtbar werden. Das aus dem Hervorrufungsbad genommene, mit Wasser abgespülte negative Bild wird nun, wie das Daguerreotyp, in ein Bad von unterschwefligsaurem Natron gebracht und fixirt, worauf man es abwäscht und trocknet, um es dann zu kopiren. d. h. auf positives Papier zu übertragen.

Zum Präpariren des positiven Papiers wählt man Chlorsilber, das man auf die bei Bereitung des negativen Papiers angegebene Weise durch gegenseitige Zersetzung des Chlornatriums oder Chlorammoniums mit salpetersaurem Silberoxyd auf Papier erzeugt. Das trockne positive Papier wird im Kopirrahmen (einem Bilderrahmen mit Glas ähnlich) mit dem negativen Bilde und der Glastafel bedeckt und, je nach der Beleuchtung, kürzere oder längere Zeit, die dem Photographen durch Uebung bekannt ist, dem Lichte, wo möglich dem Sonnenlichte ausgesetzt. Das nun erhaltene positive Bild wird hierauf, um das vom Lichte nicht getroffene unveränderte Chlorsilber zu entfernen, durch unterschwefligsaures Natron in der angeführten Weise fixirt, dann gewaschen und getrocknet.

Alle die auf die angegebene Weise dargestellten Bilder bedurften mehr oder weniger der kunstgeübten Hand eines Malers, um weniger gut ausgeprägte Stellen mit Hülfe des Pinsels zu verbessern (Retouche).

Um diesem Uebelstande abzuhelfen, um die Kopien des negativen Bildes (der Schablone) so scharf als möglich zu machen, suchte man dasselbe durch Tränken mit Wachs durchscheinender zu machen, und wurde mit Erfolg belohnt, man erhielt kräftigere Kopien; eine Erfindung der Neuzeit aber sollte das Material des negativen Bildes bald vollständig ändern. Die Eigenschaft der von Schönbein und Böttger entdeckten Schießbaumwolle, sich in Aether zu lösen und beim Verdunsten dieses Lösungsmittels ein vollständig durchsichtiges Häutchen zu hinterlassen, wurde bald in der Photographie benutzt, um die negativen Bilder vollkommen durchsichtig zu erzeugen.

Zu dem Ende überzieht man eine genau in die Kasette der Camera obscura passende Glasplatte mit gelöster Schießbaumwolle, mit Collodium, welches man vorher mittelst einer Jodverbindung (man bedient sich dazu gewöhnlich des Jodkaliums, Jodammoniums oder Jodcadmiums) jodirte und taucht sie, noch ehe das Lösungsmittel des Collodiums vollständig verdunstet war, in ein Silberbad, bis die Collodiumschicht vollständig opalisirt (die Stärke des Opalisirens ist dem Praktiker genau bekannt). So zur Aufnahme vorbereitet, wird die Glasplatte in der Camera obscura exponirt, [81] mit einer Lösung von Pyrogallussäure das Bild auf derselben hervorgerufen, im Bade von unterschwefligsaurem Natron fixirt und auf diese Weise vollendet schöne Schablonen erzielt, deren Kopieen wenig oder keiner Retouche bedürfen.

Groß ist bereits der Nutzen, den Wissenschaft und Kunst aus dem so vervollkommneten Verfahren der Photographie erzielen, bereits rüsten sich Reisende nach fernen und fremden Ländern mit der Camera obscura und photographischen Präparaten aus, um unauslöschliche Spiegelbilder alles Neuen, Interessanten und Schönen zu sammeln und, nach Hause zurückgekehrt, mit Leichtigkeit die Resultate ihrer Reisen in beliebiger Anzahl zu kopiren; und mehr und mehr bewahrheiten sich die Erwartungen und Hoffnungen der größten Männer unserer Zeit in Wissenschaft und Kunst, die sie vor sechzehn Jahren, bei Gelegenheit der Veröffentlichung des Daguerre’schen Verfahrens durch die Akademie der Wissenschaften in Paris aussprachen. –
Oswald Hautz.




Streifereien in Nord- und Südamerika.
Aus den Tagebüchern eines früheren schleswig-holsteinischen Hauptmanns.
Mitgetheilt von Julius v. Wickede.
I.
Aus Mendoza. – Glück und Sehnsucht nach einem deutschen Buche. – Eine Erbschaft und Ueberfahrt nach Amerika – Ankunft in New-York. – Ein Engagement. – Der ehemalige Hauptmann als Omnibuskutscher. – Die Peitsche statt des Degens. – Das Kutscher- ein Herrenleben. – Zusammentreffen mit frühern Bekannten – Streit und Kampf mit Spritzenleuten. – Der Dienst wird gekündigt.

Aus Mendoza, am Fuße der Cordilleren, sende ich diese Tagebücher, die ein Kourier hoffentlich sicher nach Buenos Ayres befördern wird, von wo sie dann wohl ihren Weg zu Schiffe nach Hamburg und so auch in Deine Hände finden werden. Willst Du Einiges von dem wahrheitsgetreuen Inhalte desselben in deutschen Zeitschriften mittheilen, so bin ich damit zufrieden, und sendest Du mir alsdann zum Danke dafür einige gute historische Bücher unter wohlbezeichneter Adresse, so werde ich Dir ungemein verbunden dafür sein.

Ich bin nach hiesigen Begriffen jetzt ein wohlhabender, ja selbst ein reicher Mann, habe weite Landstriche, aus denen man in Deutschland schon ein halbes Dutzend Landgüter schneiden könnte, besitze Hunderte von Pferden und Rindern, und nenne als theuerstes Gut ein geliebtes Weib und einen kräftigen Sohn mein, aber nach dem Lesen eines geeigneten deutschen Buches sehne ich mich oft vergebens. Wer mir in diesem Augenblicke Droysen’s „Leben von York“ brächte, der sollte sich gern dafür das fetteste Rind oder das schnellste Roß aus meinen zahlreichen Heerden suchen können. Tüchtig herumtummeln habe ich mich aber müssen, bevor ich mir dies jetzige Eigenthum erwarb, denn die gebratenen Tauben sind mir nicht in den Mund geflogen, wie man in Deutschland zu sagen pflegt, das wird Dir der Inhalt dieses Tagebuches auch beweisen. Mit Nichtsthun gründet man in Nordamerika, Kalifornien und auch hier in Mendoza sein Glück nicht, sondern man muß gar hart arbeiten, sich sehr viele Entbehrungen aller Art auferlegen, und sich über Manches dabei hinwegsetzen, was man in Europa nicht möchte, ja selbst nicht könnte. Wer zu allen diesen Dingen nicht geistige Energie noch körperliche Kraft und Gesundheit genug besitzt, der wandere ja nicht aus, sondern bleibe, wenn irgend möglich, zu Hause in den altgewohnten Verhältnissen. Doch nun zu meinen bisherigen Schicksalen und Kreuz- und Querfahrten in New-York, New-Orleans, Kalifornien, Chili und den Cordilleren.

Im Februar 1851 verließ ich, wie Du weißt, unsere kleine schleswig-holsteinische Armee, die ohnedies aufgelöst werden sollte, und hatte zuerst die Absicht, eine mir angebotene Hauptmannsstelle in der für Brasilien angeworbenen Legion anzunehmen, aber sehr Vieles gefiel mir nicht in der ganzen Art und Weise, wie diese Legion organisirt wurde, schlug daher die Hauptmannsstelle aus und freue mich noch heute darüber, daß ich es gethan habe.

Glücklicher Weise erbte ich gerade zur rechten Zeit von einer alten Tante die Summe von 6000 Thalern, und nun stand mein Entschluß fest, mir in Amerika irgendwo eine neue Heimat damit zu gründen. Meinen treuen Hansen, einen ehrlichen Schleswiger, den ich während der drei Kriegsjahre stets als Ordonnanzsoldaten bei mir gehabt, beschloß ich mitzunehmen, wozu sich dieser brave anhängliche Mensch auch gleich bereit erklärte, und so schiffte ich mich denn im März 1851 in Bremerhafen auf einem nordamerikanischen Schiffe nach New-York ein. Sowohl Kapitain wie sämmtliche Matrosen waren echte Nordamerikaner, und ich konnte daher schon auf der Reise den Charakter derselben hinlänglich studiren.

Im höchsten Grade sind dieselben fast immer selbstsüchtig, anmaßend und übermüthig, wenn man ihnen irgendwie diesen Uebermuth hingehen läßt, und was man in Deutschland liebenswürdig nennt, wird man bei den Nordamerikanern höchst selten finden. Mit diesen vielen schlimmen Eigenschaften verbinden sie aber große Thatkraft, kaltblütigen Muth und eine zähe Ausdauer in Allem, was sie beginnen, die wirklich bewundernswerth ist. Auch sind sie in vielen Fällen sehr zuverlässig und erfüllen ihr Versprechen, weil die eigene Klugheit ihnen sagt, daß in kaufmännischer Hinsicht Rechtlichkeit gewöhnlich vortheilhafter wie Unredlichkeit sich bezahlt machen.

Die erste Landung in New-York ist nicht angenehm, und der arme Auswanderer erhält auf Kosten seines Geldbeutels oft harte Lehren und sehr handgreifliche Beweise, in welchem ungastlichen und selbstsüchtigen Lande er jetzt angekommen. Die unverschämteste Zudringlichkeit umlagert ihn von allen Seiten, und wer die Augen nicht recht offen hat und gleich von vornherein möglichst selbstbewußt auftritt, kann sicher sein, daß er überall geprellt wird. Mir passirte dies zwar nicht, aber ich war Augenzeuge, auf welche infame Weise so viele meiner deutschen Landsleute von diesem nichtsnutzigen amerikanischen Volke geprellt, und dann noch ausgelacht und als Dummköpfe verspottet wurden.

Mein Hansen und ich bildeten ein kräftiges Paar und fluchten so herzhaft darein, daß alle die vielen Mäkler, Wirthshauslocker, Kofferträger und wie die Leute sonst noch heißen, welche wie die Raubvögel auf die sehr zu bedauernden Auswanderer losstürzen, um sie zu plündern und auf jegliche Weise zu betrügen, bald von uns abließen. Sie mochten wohl einsehen, daß bei uns nur Grobheiten, aber keine Dollars zu holen wären, und wenn sie auch hinter uns her lachten und schimpften, als wir unsere nicht allzuschweren Koffer selbst an das Land trugen, auf einen Karren setzten und dem Besitzer davon befahlen, nach einem deutschen Boarding house, welches mir schon in Bremerhafen als reell empfohlen war, zu fahren, so ließ man uns doch sonst in Ruhe.

Acht Tage blieb ich mit Hansen in diesem recht guten Gasthause, erholte mich gründlich von den Strapatzen der Seereise und streifte den ganzen Tag in den Straßen ven New-York umher, um mir die Charakteristik derselben genau anzusehen. Ich sah Vieles, welches mir durch seine Großartigkeit wirklich imponirte, aber noch viel mehr, was mir entschieden mißfiel. Es zeigte sich besonders in dem ganzen Straßen- und Wirthshausleben ein solcher Mangel an Takt und Zartgefühl und eine so rohe Selbstsucht, ein so unverhülltes Streben nach Geldgewinn, als den einzigen Zweck des Lebens, daß ich schon damals den festen Entschluß faßte, unter keinen Umständen mich hier in New-York niederzulassen. Lernen konnte ich aber viel und nahm mir daher vor, mich wenigstens noch einige Monate hier aufzuhalten; jedoch hatte ich nicht minder Lust, mein kleines Kapital unthätig im Wirthshause zu verzehren, und so beschloß ich denn nun, mich für meine Person wie auch für Hansen nach einer lohnenden Beschäftigung umzusehen. Der Zufall, welcher überhaupt eine große Rolle im menschlichen Leben spielt, half uns hierbei schneller als wir gedacht hatten.

Nicht weit von unserem Kosthause befanden sich nämlich die weitläufigen Ställe und Höfe eines großartigen Omnibus-Etablissements, in dem für den gewöhnlichen Gebrauch über hundert sehr starke und tüchtige Pferde gehalten wurden. Pferdeliebhaberei ist nun von jeher meine Hauptleidenschaft gewesen, und so stand ich denn häufig auf diesem Hofe und sah dem Zufahren der Pferde und dem ganzen Treiben daselbst mit vielem Interesse zu. Dem Unternehmer dieses Omnibus-Etablissements, ein sehr reicher Mann, [82] mußte mein häufiges Verweilen auf seinem Hofe aufgefallen sein, denn er trat eines Morgens an mich heran und frug: ob ich mich denn so sehr für das Zufahren von Pferden interessire und auch etwas davon verstehe? Beides konnte ich mit gutem Gewissen bejahen, denn von Jugend auf hatte ich eine große Neigung für das Fahren und Reiten gehabt und mich wirklich auch in Ersterem gut geübt. Besonders der Unterricht, den ich im Fahren mit den Geschützen bei dem alten Artilleriehauptmann in Posen erhalten, als ich auf zwei Jahre zur Dienstleistung bei unserer Artillerie kommandirt war, hatte mich ziemlich ausgebildet und mir namentlich auch in der Theorie des guten Fahrens und in der richtigen Benutzung der Kräfte der Zugthiere Kenntnisse verschafft.

Der Omnibusbesitzer, ein sehr schlau spekulirender Amerikaner, verlangte nun Beweise von meiner Fahrkenntniß, und da gerade vier Pferde zusammen eingefahren wurden, – denn bei dem sehr belebten Verkehr im Broadway von New-York ist es von großer Wichtigkeit, daß die Gespanne sehr gehorsam sind, – so zeigte ich ihm gleich auf dem Hofe, daß ich wirklich Peitsche und Leitseil mit vieler Geschicklichkeit zu führen verstehe. Dem Amerikaner schien dies zu gefallen, denn er trug mir darauf ein Engagement als Omnibuskutscher mit zwölf Dollars wöchentlicher Bezahlung an.

Im ersten Augenblicke stutzte ich wohl etwas, daß ich, der langgediente Offizier, der Sprößling einer altadeligen Familie, jetzt Omnibuskutscher werden solle; dann aber daran denkend, daß ich nicht mehr in Deutschland, sondern in Nordamerika sei, nahm ich die Stelle an. Zwei Tage lang fuhr ich mit einem anderen Kutscher neben mir auf dem Bocke, damit ich die nöthigen Lokalkenntnisse erlangte, dann wurde ich regelmäßiger Kutscher, der ganz in seine Tour eintrat. Es war freilich ein großer Unterschied zwischen meiner früheren Stellung und der jetzigen, aber man muß die nordamerikanischen Sitten berücksichtigen, um es erklärlich zu finden, daß ich dieselbe angenommen habe, obgleich ich noch einige Tausend Thaler baares Vermögen bei der New-Yorker Bank deponiren konnte. Kaufte ich mich sogleich an oder unternahm ein eigenes Geschäft, ohne die nordamerikanischcn Verhältnisse genau zu kennen, – wie dies leider so manche deutschen Auswanderer thun, – so hatte ich die ziemlich sichere Aussicht, arg betrogen zu werden und schweres Lehrgeld von meinem Vermögen zu bezahlen, und diese unangenehme Erfahrung wollte ich doch, wenn irgend möglich, vermeiden; aber gerade in meiner jetzigen Stellung als Omnibuskutscher in einem sehr großen Etablissement hatte ich vielfache Gelegenheit, mich über Manches, was ich gern genau wissen wollte, recht gründlich zu unterrichten. Das Verhältniß eines solchen Kutschers zu dem Besitzer der Unternehmung war hier übrigens ganz anders, als wie es in Europa der Fall sein würde; ich war sein Gehülfe, nicht aber sein Diener, für einen bestimmten Zweck engagirt und hatte ich diesen erfüllt, eben so gut mein eigener Herr, wie der Besitzer selbst. Jede, auch die kleinste Versäumniß von meiner Seite wurde von dem Stallinspektor mit einer Geldbuße bestraft, auch stand uns gegenseitig das Recht der dreitägigen Kündigung zu; im Uebrigen kümmerten wir uns nicht im mindesten um einander. Der ganze Stalldienst und die Pferdewartung ging mich nichts an und wurde von eigenen Stallknechten, größtentheils Negern, besorgt; ich mußte nur zur bestimmten Zeit auf meinem Bocke sitzen und bis zur festgesetzten Stunde fahren, worauf ich dann die Zügel und Peitsche fortlegte und ruhig meiner Wege ging. Meine Fahrzeit war abwechselnd einen Tag zehn, den zweiten zwölf und den dritten sogar vierzehn Stunden in einem bestimmten Umkreise; jeden zehnten Tag hatte ich aber völlig frei für mich. Alle vier Stunden wurden frische Pferde vorgespannt, und während dies geschah und der Omnibus nachgesehen wurde, ob er vielleicht schadhaft geworden, konnte ich in Eile ein Stück gutes Fleisch verzehren und auch ein Glas Brandy dazu trinken.

So war ich denn Omnibuskutscher auf dem Broadway in New-York geworden und führte statt des Degens die Peitsche in meiner Rechten. An meine früheren Verhältnisse durfte ich freilich nicht mehr zurückdenken, sonst kann ich aber nicht leugnen, daß ich mich gar nicht so ungemüthlich fühlte. In einen sehr bequemen und weiten warmen Rock von weißgrauem Tuche gehüllt, bei schlechtem Wetter einen Regenmantel darüber, einen breitkrämpigen Wachstuchhut auf dem Kopfe, saß ich stolz auf meinem Kutschbocke, führte Peitsche und Zügel mit sicherer Hand, rauchte gemüthlich meine Cigarre und schaute mit philosophischer Ruhe das rings um mich herum sich entfaltende Gewühl einer großen Weltstadt.

Da der Besitzer bald einsah, daß ich besser wie seine übrigen Kutscher, welche meist Irländer waren, fuhr, und besonders auch auf die jungen Pferde alle mögliche Rücksicht nahm, so erhielt ich stets die neuesten und besten Gespanne, die man noch sicherer einfahren lassen wollte, und es machte mir oft großes Vergnügen, stets so ein paar feurige tüchtige Rosse von meinem hohen Bocke aus zu lenken. Auch setzten sich häufig Passagiere auf das Verdeck, so daß ich viel Neues hörte und kennen lernte und mich bei meinen Fahrten nicht wenig in den Sitten und Verhältnissen des Landes unterrichten konnte. Hatte ich einige freie Stunden, so zog ich mich gut an und ging in irgend ein Gast- oder Kaffeehaus ersten Ranges, machte auch an den mir zukommenden freien Tagen, wenn die Witterung es mir erlaubte, Ausflüge in die nähere oder weitere Umgebung der Stadt, wobei ich meine Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die Betreibung der Landwirthschaft richtete.

Wenn ich in diesen Gasthäusern vornehmer Klasse auch bisweilen Passagiere traf, die ich vor einer Stunde vielleicht noch als Kutscher gefahren hatte, so machte dies nichts aus, und sie wunderten sich keineswegs, mich jetzt in ihrer Gesellschaft zu sehen, wie das in Deutschland entschieden der Fall sein würde, wenn ein Omnibuskutscher an dem Tische eines Gasthauses ersten Ranges zu Mittag essen wollte. In Nordamerika gibt im öffentlichen Verkehr nur das Geld einem Menschen seinen Werth, einen andern Maßstab kennt man hier gar nicht. Hat Jemand den Beutel voll Dollars, so besucht er theure Restaurationen und den ersten Rang im Theater und Niemand nimmt Anstoß, ihn an diesen Plätzen zu finden, gleichviel, welche Beschäftigung er auch sonst treiben mag; fehlt ihm aber Geld, so wird er stets über die Achsel angesehen, und als ein untergeordnetes Wesen betrachtet, und wenn er noch so viel Kenntnisse, geselligen Anstand und andere vortreffliche Eigenschaften besäße. Mit meinen zwölf Dollars per Woche, die ich regelmäßig empfing, reichte ich aber gerade aus, um recht gut zu leben, und mich mit passender Kleidung, reichlicher, kräftiger Nahrung, einem gesunden, freundlichen Schlafkämmerlein und dem nöthigen Taschengelde für den zehnten freien Tag zu versehen. Ersparungen machte ich nicht, brauchte aber auch von meinem Gelde, das mir unterdeß hohe Zinsen trug, nichts auszugeben, lernte dabei geläufig Englisch sprechen, besonders in der Art, wie es die Nordamerikaner der untern Stände reden, machte gar viele nützliche Erfahrungen, und konnte somit sicher zufrieden sein, daß ich vorerst Kutscher geworden war, und mich nicht sogleich irgendwo angekauft hatte, wie es so viele deutsche Einwanderer, die noch einiges Vermögen besitzen, leichtsinniger Weise thun.

Freund Hansen erhielt eine einträgliche Stelle als Hufschmied in unserm Etablissement, und verdiente bald eben so viel, wie ich selbst. Wir wohnten in zwei Kammern neben einander, und wenn wir zu Hause waren, ließ Hansen es sich nie nehmen, mich Herr Hauptmann zu nennen, und ganz so zu bedienen, als sei er noch mein Ordonnanzsoldat; auch putzte er mir regelmäßig die Stiefeln, und war in jeder Hinsicht voll der aufrichtigsten Treue und Ergebenheit für mich.

Ein seltsames Zusammentreffen, das mich recht lebhaft an meine früheren Verhältnisse erinnerte, begegnete mir, als ich wohl schon acht Monate Omnibuskutscher war. Ein sehr wohlhabend gekleideter Amerikaner saß hinter mir auf dem Decke des Wagens, und fixirte mich lange mit sehr aufmerksamen Blicken. Das Gesicht dieses Mannes kam auch mir ungemein bekannt vor, doch konnte ich mich nicht recht besinnen, wo ich ihn schon früher gesehen haben mochte. Endlich, am Haltplatz, als die Pferde gewechselt wurden und ich eine freie Viertelstunde hatte, redete mich dieser Herr auf sehr höfliche Weise in gutem Deutsch an, fragte nach meinem Namen und ob ich nicht früher als preußischer Offizier einige Zeit in Koblenz in Garnison gestanden. Ich hatte keinen Grund, dies zu verschweigen, und erinnerte mich nun auch genau des Mannes, der damals als junger, reicher Amerikaner einige Wochen in Koblenz gelebt, und viel mit mir verkehrt hatte. Derselbe wunderte sich nun freilich nicht wenig, mich jetzt als Omnibuskutscher in New-York wiederzusehen, billigte es aber, als ich ihm die Ursache meines jetzigen Dienstes erzählte, daß ich auf solche Weise mir zuerst eine gründliche Kenntniß der nordamerikanischen Verhältnisse erwerben wollte, bevor ich mich ankaufte. Alles, was rein praktisch ist, wird der wahre Nordamerikaner [83] stets zu würdigen wissen, darauf kann man sich sicher verlassen.

Am andern Morgen kam dieser Herr, der große Güter in Virginien besaß, zu mir, und bot mir unter sehr günstigen pekuniären Bedingungen eine Verwalterstelle auf denselben an. Ohne mich weiter zu bedenken, schlug ich dies Anerbieten aus, denn es schien mir, daß ich in solcher Stellung in eine größere Abhängigkeit gerathen würde, wie jetzt als Omnibuskutscher, denn ich brauche mich um meinen Dienstherrn nicht im Geringsten zu bekümmern; auch hatte ich damals schon den festen Entschluß gefaßt, mich nicht in den nordamerikanischen Freistaaten für immer niederzulassen, denn je mehr ich die Geldgier und den gänzlichen Mangel an jeder Gemüthlichkeit, der daselbst herrschte, erkannte, desto mißfälliger wurden mir die dortigen Verhältnisse. Ein wohlhabender Mann wäre ich wahrscheinlich in nicht zu langer Zeit auch in Nordamerika geworden, aber dies schien mir doch mit dem Aufgeben aller sonstigen Annehmlichkeit zu theuer erkauft zu sein.

Ich hatte damals den Entschluß gefaßt, nach Kalifornien zu gehen, und gefielen mir, wie sehr wahrscheinlich war, auch die dortigen Zustände nicht, nach Chili oder einem anderen südamerikanischen Staate mich zu begeben. Dort waren doch wenigstens mehr Romantik und freiere, naturwüchsigere Zustände, und ich brauchte nicht täglich mit diesen mir widerwärtigen Yankees, die nur immer und ewig von ihren Dollars den Mund voll haben, zu verkehren. Es ward mir übrigens die Freude, meinem virginischen Freunde, dem es Leid zu thun schien, daß ich sein gewiß gut gemeintes Anerbieten ausschlug, zwei ehemalige schleswig-holsteinische Unteroffiziere, wirklich brave Leute, die hier in bedrängten Verhältnissen lebten, zur Mitnahme anempfehlen zu können, was er denn auch that, so daß diese beiden Männer eine gute Stellung bekamen.

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, gerade ein Jahr als Omnibuskutscher zu fahren, allein nach Verlauf von zehn Monaten trat ein Ereigniß ein, welches mich früher von meinem Kutscherbocke vertrieb. Zu den mancherlei Unannehmlichkeiten, die das Straßenleben in New-York darbietet, gehört auch mit das zuchtlose Treiben mancher sogenannter Feuerlöschkompagnien. Brände kommen fast täglich in dieser Riesenstadt vor, und es gehört mit zu den Belustigungen der jungen Burschen, welche vielfach die Mannschaft dieser Spritzen bilden, dann in rasender Eile mit denselben durch die Straßen zu jagen. Alles überzufahren, was ihnen nicht schleunigst aus dem Wege geht, und überhaupt dabei jeden nur möglichen Unfug zu treiben. Menschenfreundlichkeit ist bei diesem Eifer zu retten, nicht im Mindesten ein Beweggrund, denn es wird mit den Spritzen eben so gejagt, wenn sie von der Brandstätte zurückkehren. Das nichtsnutzigste Gesindel von der Welt ist oft bei diesen Spritzen vereinigt, und wer Rohheit und Brutalität so recht in einem Menschen vereinigt finden will, der sieht nur zu viele Exemplare hiervon unter der Spritzenmannschaft. Ich hatte mich schon wiederholt geärgert, wenn ich als Kutscher mit meinem schweren Omnibus diesen ganz unnöthig daher rasenden Spritzen ausweichen mußte, und es war schon oft zu Zänkereien und Drohungen zwischen mir und manchem dieser Burschen gekommen.

Eines Abends ziemlich spät war wieder eine solche Spritze, die zu einem brennenden Hause hinjagte, fast in die Räder meines Wagens gerathen, obgleich ich weit genug ausbog; es hatte einen deftigen Wortwechsel zwischen mir und der Spritzenmannschaft gegeben. Eine Stunde später, als die Spritze von dem inzwischen gelöschten Brande zurückkehrte, begegne ich derselben wieder auf dem Broadway, und obgleich ich auch diesmal weit genug auswich, um eine genügende Passage frei zu lassen, merkte ich recht wohl, daß die größtentheils stark betrunkenen Spritzenleute absichtlich auf mich zufuhren, um einen Streit herbeizuführen. Jetzt ging auch mir die Geduld aus, und ich schämte mich, diesen übermüthigen Burschen zum Gegenstand ihrer Laune dienen zu sollen. Die Passagiere des Omnibus bestanden nur aus fünf bis sechs deutschen Eisenarbeitern, unter denen mein Hansen sich zufällig auch befand; der Kondukteur war ein streitlustiger, kleiner krausköpfiger Irländer, der gleich mir einen gerechten Haß gegen diese Spritzenleute hegte. Mein Gespann bestand aus zwei sehr kräftigen, feurigen Rossen, die schon etwas aushalten konnten. So beschloß ich denn, es auf einen tüchtigen Zusammenstoß ankommen zu lassen, wich nicht weiter, als bis zur Hälfte aus, und hieb mit meiner Peitsche zwischen die Pferde drein, so daß diese im vollen Galopp ansprangen.

Wie ich gedacht, geschah es auch; mein schwerer, stark gebauter Omnibus faßte die leichte Spritze von der Seite, und fuhr sie dann in Trümmern. Ein Wuthgeschrei entstand unter der gesammten Spritzenmannschaft, die wohl an dreißig Köpfe stark sein mochte, und Einige sprangen vor, um meinen Pferden in die Zügel zu fallen, während ein Bursche sogleich ein Pistol aus der Tasche zog, und auf mich abfeuerte, so daß mir die Kugel den rechten Oberarm leicht verletzte. Ich hieb aber jetzt noch mehr auf meine Pferde ein, diese bäumten sich auf, rissen die Menschen, die sie am Zügel halten wollten, zu Boden, so daß Einer derselben vom Rade überfahren wurde, und im vollen Galopp jagte ich nun die schon ziemlich leere Broadwaystraße entlang, hinter mir her der wüthende Haufe der Spritzenmannschaft, von denen noch Einige ihre Pistolen uns nachfeuerten. An der Ecke, wo unsere Stallgebäude sich befanden, mußte ich anhalten, und hier entspann sich ein heftiger Kampf zwischen uns und unsern Verfolgern, die uns bis dahin nachgestürzt waren.

Die Kutscher, Stallleute, Schmiedegesellen, die in der Nähe waren, kamen uns mit eisernen Stangen, Knitteln, Wagenspeichen und ähnlichen Geräthschaften, mit denen sich schon ein guter Schlag führen läßt, zu Hülfe. Nach hartnäckiger Gegenwehr, wobei es auf beiden Seiten an blutigen Köpfen und zerschlagenen Gliedern nicht fehlte, glückte es uns endlich, unsere Angreifer in die Flucht zu schlagen, bei welcher Gelegenheit ich noch einen Messerstich in den Unterleib erhielt, der glücklicher Weise aber wegen der dicken Kleidung, die ich trug, nicht tief eindrang, und mir weiter nicht viel schadete. Meinem Feind aber schlug ich mit dem dicken Ende meines sehr starken Peitschenstieles so über den Kopf, daß er auf der Stelle zu Boden stürzte, und gewiß lange Zeit zu seiner Heilung bedurft haben wird.

Die Konstabler, die anfänglich zu schwach waren, um die erbitterten Parteien von einander trennen zu können, sammelten sich endlich in so großer Zahl, daß sie die Ruhe wieder herstellen und uns auseinander bringen konnten. Sie versuchten zwar Einige von uns zu arretiren, allein wir entkamen ihnen und erreichten glücklich unsere Quartiere.

Zwei Tage mußte ich zu Hause bleiben, um meine Verletzungen wieder etwas ausheilen zu lassen, erst dann konnte ich ausgehen. Der Besitzer des Omnibus-Etablissements kündigte mir sogleich den Dienst, weil er befürchtete, ich würde noch mehr Streit mit diesen Spritzenkompagnien bekommen, und zog mir als echter Amerikaner zugleich die sechs Dollars ab, die ich von ihm zu fordern hätte, indem er behauptete, sein Wagen habe bei diesem Tumult einige Beschädigung erhalten. Mir war diese Kündigung ganz gleichgültig, da ich doch schon selbst den Entschluß gefaßt hatte, sowohl meinen Kutscherposten wie auch New-York zu verlassen. Ich wollte vorerst nach Kalifornien gehen, um mir die dortigen Zustände zu besehen, dann aber, wenn dieselben mir nicht gefielen, die südamerikanischen Republiken besuchen, um mir in diesen irgend einen Platz zur festen Niederlassung auszuwählen. Mein alter Hansen wollte sich nicht von mir trennen und gab sogleich seine gute Beschäftigung auf, bei der er schon täglich an zwei Dollars verdienen konnte. Er hatte sich in den zehn Monaten, die wir in New-York verlebt, nahe an hundert Dollars gespart, während bei mir, der ich doch einige höhere Ansprüche an das Leben machte, die Ausgaben den Einnahmen gleichgekommen waren.




Ein Stück Weges in Persien.

In Persien wird jetzt viel marschirt. Einige fürchten eine neue Auflage des östlich-westlichen Krieges. Persien soll, heißt es, den russischen Weg nach Indien bahnen durch das „Thor“ Herat. Frankreich macht auf die Insel Karrack an der Mündung des Euphrat Anspruch. Die Engländer wollten sie zur Operationsbasis gegen Persien machen. Die Russen an der persischen Grenze

[84]
Die Gartenlaube (1857) b 084.jpg

Der Sialekpaß in Persien.

[85] operiren unter General Chrulieff. Die Engländer sind im persischen Meerbusen angekommen und haben Buschir bereits genommen. Die Truppen des persischen Schach streiten noch für den Besitz „des Schlüssels zu Indien.“ Dadurch bekömmt dieser Boden ein Interesse für uns. Wir kennen etwas davon, besonders durch den Maler Jules Laurens, der die neueste Autorität über Persien, M. Hommaire de Hell, auf seinen Reisen durch Oberpersien begleitete und unter vielen anderen Ansichten nach der Natur auch die beifolgende, den Paß durch den Kaukasus in Oberpersien, den berühmten Sialekpaß, auch kaspisches Thor genannt, zeichnete. Es ist dies der wichtigste strategische Weg durch die furchtbare kaukasische Gebirgskette, durch welchen auch Alexander der Große vor zwei Jahrtausenden (333 vor Chr. Geb.) gegen den letzten Perserkönig Darius Codumanus zog, um der Perserherrschaft ein Ende zu machen. Der furchtbare Hohlweg ist nicht länger, als eine Stunde, aber dabei schwieriger für eine Armee, als ein Marsch über ein halbes Land. In der Regel ziehen blos Karavanen oder räuberische Horden hindurch, aber in Kriegszeiten wird sich dies natürlich ändern. Die Felsen auf beiden Seiten, oft überhängend und den hellen, blauen Himmel oben verschließend, sind nach den Messungen Rawlinsons 700 bis 1000 Fuß hoch. Der Weg hinwärts, hindurch und darüber hinaus ist todt und grimmig felsig, nur mit zahlreichen Ruinen ehemaligen Lebens aus verschiedenen Reichen und Jahrtausenden bestreut. Am Ausgange des großen Schluchtweges hebt sich der Boden und die Kaukasuskette streckt sich in unabsehbare Weiten mit schneebedeckten Häuptern (Demarendspitze) und dem Veramiumthale in der Nähe. Die Höhenausgänge sind nicht zugespitzt, wie in den Alpen, sondern zeichnen sich durch kantige und abrupte Grenzlinien aus, durch todtes Felsengebiet ohne Spur von vegetabilischem oder animalischem Leben. Ein kleiner Fluß mit untrinkbarem Glaubersalzwasser windet sich schlangenartig durch dieses furchtbare Felsenthor.

Das Auge sucht vergebens einen Ausgang, einen Steg, welcher das Steigen erleichtert. Es gehört die ganze Kraft und Geschicklichkeit der Maulthiere dazu, die ganze Geduld und Kaltblütigkeit ihrer Führer, um sich in diese Irrgänge der spitzigsten, schlüpfrigen Felsen zu wagen, welche senkrecht von den schrecklichsten Abgründen durchschnitten und von noch höheren, unzugänglichen Steinmassen überragt werden. In Persien wird nichts gebaut und nichts verbessert, und vergeblich wartet man nach jedem Winter, der neue Unglücksfälle brachte, daß in diesen gefährlichen Passagen Wege gebahnt werden. Um so erstaunlicher ist es daher, mitten in diesen Bergen, auf den gefährlichsten, spitzesten Abhängen die Reiter auf unserm Bild zu erblicken, welche diese gefährlichen Engpässe passiren. Es sind Bakhtiari und Mamaceni, zwei Stämme, welche im Westen von Farsistan und an der Grenze des alten Susiana wohnen und denen auf den sonnverbrannten Zügen ihr alterthümlicher Ursprung geschrieben steht. Groß und kräftig, haben sie eine hohe Stirn, gerade Nase und schwarze lebhafte Augen. Ihre wie Schmelz glänzenden Haare fallen in zwei sorgfältig frisirten Locken über die Schultern. Eine gelbliche Filzmütze, eine eng um die Hüften liegende Tunika, Gamaschen und nicht selten ein langer Mantel, Aba genannt, ist ihre Kleidung. Ein furchtbarer lederner Gürtel mit silbernen, erhabenen Verzierungen enthält große Pistolen, ein Guama oder Dolch, ein Messer und ein ganzes Arsenal von Mordwerkzeugen. Als Reiter verdienen sie das Lob, welches Xenophon schon ihren Voreltern zollte; sie sind, wenn auch unbekannt mit unsern Reitkünsten, eben so elegante wie feste Reiter. Sie schlafen mitten in den gefährlichen Hohlwegen auf den Hälsen ihrer Pferde, und rauchen gemüthlich ihre Pfeife, Gualione genannt, indem sie sich am Wohlgeruche des Rauches ergötzen. Sie machen sich aber auch kein Gewissen daraus, während des Winters in diesen Engpässen die heroischen Räuber zu spielen, und mit den Börsen der unglücklichen Karavanen zu liebäugeln, welche in einsamen Abgründen in ihre Hände fallen.




Neapel und seine Zustände.[2]
II.

Das Leben im jetzigen schönen Neapel ist todt und nur im Tode Leben. Wenigstens werden die üblichen, südlich-leidenschaftlichen Klagen am Sarge geliebter Todten noch nicht censirt und verboten. Es ist noch ganz die „conclamatio,“ das offizielle, oft gemiethete und bezahlte Geheul um Todte bei den alten Römern. Sobald ein Licht an Mund und Nase gehalten den Tod eines Menschen bewiesen hat (eine andere Untersuchung gibt es nicht), wird die Leiche angekleidet, mit Lichtern umstellt und das Haus für Jedermann offen gehalten, damit er theilnehmend in das allgemeine Geheul einstimmen könne. Es ist wie bei Hochzeiten, wo auch Jeder (wenigstens auf dem Lande) Zutritt hat, denn das Sprüchwort sagt: „Von einem Hochzeits- und einem Leichenfeste darfst Du Niemand abweisen.“ Auch bei Hochzeiten brennen geweihete Kerzen. So hat man die charakteristischen Ausdrücke für die Ehe: „das Leben zwischen zwei Kerzen.“ Für das Sterben hat man die alte euphemistische Umschreibung: „die Fußsohlen gegen die Thür strecken,“ wie sie schon vor Christi Geburt bei den Römern gewöhnlich war. Seit Jahrtausenden schlief dort Niemand mit den Füßen gegen die Thür, seit Jahrtausenden wurde jeder Leichnam mit den Füßen zuerst hinausgetragen.

Man findet dieselbe Sitte, deren Verletzung unbedingt einen zweiten Todesfall nach sich ziehen würde, auch noch mitten unter deutschen Bauern und Abergläubigen. Unverheirathete Personen werden mit einem Palmenblatte oder Strauße in den gefalteten Händen zur Katakombe, welche das Grab vertritt, getragen, eben so mit einem Kranze um den Kopf, verheirathete mit einem Rosenkränze zwischen den gekreuzten Händen. Auf dem Lande um Neapel sind noch kostbare Leichenprozessionen Mode. Man verkauft, versetzt und borgt so viel man kann, um Gefolge, Kerzen, Priester und Trauernde zu miethen und eine Messe zu bezahlen. So war es schon, mit Ausnahme der christlichen Zuthaten, zu Virgil’s Zeiten, der in der Aeneide eine Leichenprozession ganz eben so schildert. Aber die Beerdigung selbst ist grausenhaft. Besondere Innungen, die Confratelli, haben sie ausschließlich in ihrer Hand. Die Hinterbliebenen eines Verstorbenen schicken zu ihnen. Diese besorgen eine Stelle zum Beerdigen und lassen fragen, ob der Kopf des Todten aufbewahrt werden solle. Im üblichen Bejahungsfalle senden sie einen Karolin und eine Flasche Essig, worauf die Confratelli den Kopf abschneiden, von Haut und Gehirn reinigen, blank poliren und in der Kirche unter die Sammlung aufnehmen, numerirt und mit dem Namen beschrieben. Am „Todtenfeste“ werden einige besonders in gutem Priesterandenken stehende Schädel aus der Sammlung mitten in der Kirche mit Kerzen und Kruzifix ausgestellt und von der andächtigen Menge angestarrt. Reiche Todte werden in Grabgewölbe und sonst in Gräber aufgenommen, die Armen aber in eins der 365 tiefen Felsengrablöcher geworfen. Die arme Leiche wird an die Mündung der Höhle getragen, hier aller, oft geborgten Kleidung beraubt und nackt in eine Lage gebracht, aus der sie mit einem geschickten Stoße hinabgestürzt werden kann. In der tiefen Höhle sind an den Seiten hervorragende Felsen angebracht, welche brechen helfen müssen. Unten liegen Leichen in jeder Art von Verstümmelung und jedem Grade von Verwesung. Ein Stoß: die Leiche knattert nieder, sich im Falle die Knochen zerbrechend und unten morsche Gebeine und Schädel mit lautem, dumpfen Gekrache zerschmetternd.

Das ist eine eigenthümliche Begräbnißart, die unseres Wissens nirgend in der Welt ähnlich praktizirt wird. Andere mit Todtenkultus verbundene Gebräuche sehen menschlicher aus und kommen in verschiedenen Modifikationen auch in andern Ländern vor. Ganz menschlich und natürlich ist die neapolitanische Sitte, den Hinterbliebenen eines Verstorbenen (der nur vierundzwanzig Stunden unbegraben liegen bleiben darf) Speisen und Getränke aus der Nachbarschaft zu schicken, weil man voraussetzt, daß sie in ihrer Trauer nicht an Kochen und Braten denken können und sie auch bis zur Beerdigung nie Feuer im Hause machen. Manche setzen die Enthaltsamkeit von Feuer auch nach der Beerdigung ihrer Familienglieder fort und werden nicht selten auf vierzehn Tage mit Maccaroni, Fleisch und Früchten versehen. Diese Sitte [86] ist schön und uralt. Schon Juvenal, der alte römische Satyriker, schildert die Trauer in Verbindung mit dem Hasse des Herdfeuers und rauchlosen Schornsteinen, und das „nie ausgehende Feuer auf dem häuslichen Herde“ galt als sprüchwörtlicher Ausdruck für glückliches Familienleben.

Ueberhaupt haben sich unter den gewöhnlichen Leuten in und um Neapel trotz der vielen Priester noch viel altheidnische, römische Glaubensartikel erhalten, z. B. der, daß die Seelen der Verstorbenen während des Todtenfestes auf der Erde spazieren gehen und die Ihrigen besuchen. Viele Familien lassen deshalb Speisen und Getränke während der Nacht auf dem Tische, damit die Seelen der Geliebten sich gütlich thun können. „Wir ließen allemal einen Teller Maccaroni auf dem Tische,“ erzählte eine Frau, „und Großmutter pflegte zu sagen, daß Großvater oder Oheim vielleicht kämen, um davon zu essen. Doch obgleich die Maccaroni sehr hübsch zubereitet und mit geriebenem Parmesankäse bestreut waren, fanden wir sie am Morgen stets unberührt. Aber Großmutter meinte dann, die Geister hätten keinen Hunger gehabt und schon vorher etwas Besseres genossen.“

Wir finden dieselbe Sitte schon vor Jahrtausenden bei den alten Römern, wenn sie ihre Silicernia feierten. Was der menschlichen Natur in ihrer Einfalt und Gläubigkeit entspricht, das können alle Herrscher und Häscher nicht ausrotten, erschiene es dem Aufgeklärten auch noch so unsinnig. Der natürliche, ungebildete Mensch braucht für die Liebe der hingeschiedenen Lieben ein Band, das er, wenn er’s einmal in Glaube und Liebe gefunden, sich nicht zerreißen läßt. Sie sind damit besser daran, als die Aufgeklärten, welche mit allem Scharfsinn und aller Gelehrsamkeit keinen Ariadnefaden entdecken, der sie durch das schauerliche Labyrinth zwischen dem Diesseits und einem vom Glauben geschaffenen Jenseits zu leiten im Stande wäre.

Uebrigens können sich die Neapolitaner am wenigsten über Behinderung ihres Aberglaubens durch Aufklärung beklagen. Sie haben’s nicht einmal bis zu dem Leo’schen „Bildungsdr…“ gebracht. Zwar hat das Volk seine Literatur, seine Bibliotheken sogar, aber es kann nicht lesen, und was es liest, ist blos erbaulich, aber nicht bildend. Treten wir an eine Volksliteraturwand heran, denn an den Wänden hängt sie fast immer angekleistert. Seht, wie die braunen Massen mit ihren gelben Gesichtern aus den Lumpen in die Höhe starren und studiren! Plakate, politische Aufklärung gebend! Plakate? Ja, zwar keine 1848er, aber doch Plakate: polizeiliche Verordnungen nämlich, wie gestern, wie seit Wochen, seit Monaten, seit Jahren, etwas über eine Eisenbahn, einen neuen Sänger auf dem San Carlotheater u. s. w. Was geht dem Lumpengesindel der neue Sänger an? Sie haben ihn nie gehört, werden ihn nie höreu, gehen, aber nach Hause und diskutiren lebhaft über seine Tugenden und Fehler, da die Polizei hier gar nicht eingreift.

In den meisten großen Straßen finden wir Volksliteratur angeklebt und an Bindfaden aufgesteckt, gewöhnlich mit fürchterlichen Holzschnitten auf dem Titel, wie die Volksliteratur in England, mit Holzschnitten, die mit dem Texte oft in gar keinem Zusammenhange stehen und deshalb um so mysteriöser wirken: „Krieg zwischen Katz’ und Maus,“ „die Geschichte von Florindo und Chiarastella,“ „Geschichte der Mörderin Marcia Basile, enthauptet wegen höchst schauderhaft zu lesender Ermordung ihres Ehemannes zu Gunsten ihres Liebhabers.“ – So etwa sieht die Volksliteratur in Neapel aus, etwa ebenso wie just in dem gebildeten, freiesten England.

Es gibt auch Buchhändler in Neapel mit Büchern, wie: „Reime zu Ehren der heiligen Jungfrau, aus dem dreizehnten Jahrhundert“ – „Der Fall der Republik in England“ – „Der Monat Juni geweiht dem heiligen Blute unseres Herrn Jesus Christus“ – „Sammlung guter Bücher für Tugend und Wahrheit“ u. s. w. Letztere Sammlung wird von der Regierung begünstigt und zur Verbreitung empfohlen. In einem Buche für Kinder: „Prosa und Verse, nützliche Speise für die Fasttage“ kommen Rezepte gegen verschiedene Uebel und Landplagen vor, z. B. „Was ist gut gegen einen Demagogen?“ Antwort des Kindes: „Ein Galgen. Die Anwendung desselben kurirt ihn in wenig Minuten.“ – „Was ist gut gegen einen ehrgeizigen Demagogen?“ „Der Pranger mit Halseisen, weil ihn dann alle Leute ansehen.“ So geht es fort bis zum Schlusse. Der Inhalt sieht ganz so aus, als hätte Professor Leo in Halle das Buch geschrieben.

Die Neapolitaner arbeiten und leben nicht, sie gehen, wenigstens viele blos müßig und in’s Theater. Das Theater ist ihre Gesellschaft, ihr Besuchszimmer, wo man Freunden und Bekannten in den Logen seine Aufwartung macht, und so die Kostspieligkeit des Gesellschaftgebens zu Hause spart, ihr Eins und Alles. Es ist immer zum Drücken voll, zum Dampfen heiß und immerwährend der gräßlichste Spektakel, so daß man vor Bravo’s, Beifallsgebrüll und Mißfallengezisch nicht einmal das immerwährende Gesumse und Geplauder der Logen hören kann. Viele neapolitanische Familien leben in der größten Armseligkeit zu Hause, und essen sich nicht einmal in Maccaroni satt, blos um mit ihrer Equipage auf dem Corso und persönlich in einer Theaterloge zu brilliren.

Freilich auch das Theater ist neuerdings durch polizeiliche Verbote verödet und verwüstet worden, und wie die ehemals berühmten Karnevalsfreuden jetzt aussehen mögen, davon zeugt ein pikantes Erlebniß. In dem herrlichen, heiteren, berühmten San Carlotheater, dessen berühmte Sängerinnen jetzt in London, Petersburg u. s. w. zu finden sind, nur nicht im San Carlotheater, sollte ein Karnevalsball gefeiert werden. Der englische Korrespondent, dem wir die heutige Mittheilung überhaupt verdanken, bezahlte also seine drei Schillinge Entrée und ging, erstaunt über die schweigsamen Hallen und Gänge, hinein, um die berühmten neapolitanischen Karnevalslustbarkeiten zu sehen. Ringsum starrte Alles von Soldaten, Helmen und Bayonnetten, glitzernd in blendender Beleuchtung von tausend Lichtern.

„Ich zählte 110 Soldaten und Polizeibeamte inwendig, ohne die Kavallerie außerhalb, und sieben Ballgäste. Sieben in dem großen ungeheuern Gebäude! Drei in bajazzoartigem Kostüm gehen sehr ernst und schweigsam Arm in Arm. Einer steht und tritt allein umher; dort ein Fünfter im schwarzen Domino wie ein Leichenbitter. Ein Sechster, Engländer, steht am Eingänge, ich bin der Siebente. Das Orchester bläst und dutet von Oben in die leeren Räume herab und ich denke eine Minute nach der andern, daß die lustigen Leute nun bald plötzlich zu Tausenden hereindrängen werden. Aber es erscheint nur manchmal ein gar pflichteifriger Polizeibeamter und mustert uns Sieben nach einander, ob er nichts zum Verbieten, Wegnehmen, Einstecken erspähen könne. Endlich kommt eine nicht polizeilich und nicht militairisch angethane Person, der Billetabnehmer, der nichts abzunehmen hat und aus Langeweile in die Leere hereintritt. Ich frage ihn:

„Ist der Ball vorüber?“

„Nein, noch nicht angegangen.“

„Wenn fängt er an?“

Der Billetabnehmer lächelt und deutet mit dem vorsichtigsten, kaum bemerkbaren Kopfnicken auf ein großes Polizeiplakat an der Wand. Dies löst das Räthsel auf einmal. Alles Salz und Gewürz zu ihrem nationalen Feste war verboten worden, so daß die Leute beschlossen hatten, anderswo oder lieber gar nicht zu soupiren. Das Polizeiplakat verbot nämlich alle möglichen Dinge, welche dem Balle die alte nationale Lustigkeit gegeben haben würden, alle Arten von Witz und Humor, wie ihn das Volk erfunden hat und den sie bis zum Wahnsinn lieben. Das Polizeiplakat enthielt außerdem eine lange Liste von Masken und Charakteren, die nicht erscheinen, eine noch längere Liste von Gegenständen, über welche die Leute nicht sprechen sollten. Nun wunderte ich mich nicht mehr über uns traurige Sieben, die sich während der ganzen Stunde, die ich aushielt, nicht vermehrten. Als Vier verschwunden waren, ließ ich zwei Eremiten zurück und ging davon. Nein, ich ward von einem Bayonnett aufgehalten und mit dem Befehle zurückgetrieben, daß ich links abgehen müsse, dies rechts hier sei der Eingang, der natürlich wegen der Menge imaginärer Hereindrängender nicht als Ausgang passabel sein dürfte. So ging ich einsam mit hohlklingendem Wiederhall meiner Schritte über die Bretter, welche die Welt Neapel bedeuten, rechts ab, voll von einer ganz neuen Wahrheit.

Nun erst habe ich eine Vorstellung von einer Regierung, so furchtsam, daß sie den Gedanken nicht ertragen kann, man spreche von ihr, seien es auch nur lustige Maskenball- und Karnevalsgäste. Ich begreife nun das südliche, leicht erregbare Volk und die entsetzlichen Eisenmassen, die man für nöthig erachtet, es niederzuhalten. Ach, diese politischen Untersuchungen, dieses Menscheneinfangen und diese Gefängnisse – sie sind furchtbar in diesem schönen Lande!

Jemand, der nach Neapel gereist war, um dort seine Gesundheit [87] von der warmen, heitern, weichen Luft herstellen zu lassen, schreibt über das Gefängniß- und Fangwesen so:

„Es ist mir nicht möglich, mit Ruhe diesen Hafen und diese Herrlichkeiten der Natur zu genießen. Neulich weidete ich mein Auge an dem herrlichen Farbenspiele des ruhigen Sonnenunterganges, und sah hinunter weit über den farbig aufglänzenden Meerbusen. Nicht lange und ein langer Transport Gefangener ward an mir vorbeigetrieben, Gefangene wegen gewöhnlicher Polizeivergehen und Gefangene wegen politischer Gesinnungen. Die Handgelenke Aller waren mit starken Stricken so fest auf dem Rücken aneinander gebunden, daß Vielen die Hände furchtbar aufgeschwollen waren. Dabei trieben die Soldaten mit ihren Gewehren bald den Einen, bald den Andern, der Ermüdung und Ermattung verrieth. Es waren lauter „Condannati“ (Verurtheilte) zu sechs bis zehn Jahren.

Da das Königreich beider Sicilien keine Kolonieen hat, kann es diese Unglücklichen nur im Lande selbst verbannen; sie werden gewöhnlich auf öden Inseln an der Küste untergebracht, wenn nicht in die furchtbare Festung auf der Insel Maretimo eingegraben. Die Gefangenen zerfallen in zwei Klassen: Schuldige und Unschuldige, oder condannati, prozessorisch Verurtheilte oder auch im Prozeß Freigesprochene, die aber dennoch wegen verdächtiger Umstände im Gefängnisse bleiben müssen; die zweite Klasse besteht aus Untersuchungsgefangenen, die von der Polizei gefangen, in deren Händen bleiben, ohne daß sie so leicht zu einer Entscheidung über ihre Lage kommen. Diese Letzteren „alla disposizione della Policia“ sind durchweg am schlimmsten dran. Die condannati wissen doch, wie lange? und ihre Natur kann sich bald gegen das Schrecklichn ihrer Lage abstumpfen, da es einen Anfang und ein Ende hat, eine Gestalt.

Aber die Unschuldigen und auf einen bloßen Verdacht, auf die Denunciation eines Feindes hin polizeilich Verhafteten können nicht einmal erfahren, in wie viel Jahren sie einmal wirklich untersucht werden, wessen sie beschuldigt sind und auf wie viele Jahre sie dann zu dulden haben. Verhaftung und Einkerkerung auf bloßen Verdacht hin kommt leider sehr oft vor, und zwar in der Regel auf den Rath von Herren, die bezahlt, und sonst in jeder Weise bevorzugt werden, damit sie überall Zutritt haben und horchen und nach Herzenslust denunciren können.

Ich sah eine Truppe Condannati bei ihrer Ankunft im Exile auf einer Insel. Der Sbirro, Polizeibeamte, präsentirte sie dem Richter der Insel, und übergab ihm deren Akten. Nachdem ihre Namen vorgelesen waren, überließ man sie ihrem Schicksale. Sie können essen, was sie bezahlen können und wohnen, wo sie wollen. Sie bekommen von der Regierung täglich etwa drei Silbergroschen. Arbeit und Verdienst gibt’s nicht auf solchen Inseln und im Ueberdrusse präsentirt sich mancher den Behörden mit der Versicherung. daß er „Enthüllungen“ machen könne. „Enthüllungen“ sind ein sehr gesuchter Artikel bei aller despotischen Polizei. Der Enthüllungskandidat wird sofort nach Neapel geschickt und dort „vernommen.“

Die Gefängnisse in und um Neapel stecken voller Verhafteter aus allen Ständen, die nur auf den bloßen Verdacht hin oft Jahre lang sitzen. Jeder Schurke, der einen Gegner seiner Lüste und Launen beseitigen will, denuncirt ihn mindestens als „liberalen Philosophen.“ Das reicht hin, um ihn mitten aus seinem Kreise zu reißen und desto länger unter Schloß und Riegel zu halten, je unbestimmter die Beschuldigung ist. Und nichts wird so grimmig verfolgt, als die heillose Furcht vor „liberalen Philosophen.“ Ein einziger Wink, daß ein unabhängiger Mann „gefährliche Meinungen“ habe, reicht hin, ihn des Nachts aus dem Bette zu zerren und einzusperren. Ein armer, halb blödsinniger Mann, der wegen solcher gefährlichen Meinungen („opinioni“) gesessen hatte, sagte kläglich, ohne das Wort nur zu kennen: „Ich bin bestraft worden wegen Pirioni und weiß nicht mal, wer Pirioni ist.“

Die Zahl Derer, die wegen Opinioni oder Pirioni oder wegen eines Verdachts hin in Gefängnissen liegen und vergessen sind, soll groß sein. Ein neuer Gefängnißdirektor fand in einem Kerker mehrere Dutzende, deren Schuld Niemand anzugeben wußte. Er schrieb deshalb an seine „Behörde“ und meinte, ob diese nicht vielleicht vergessen sein sollten. Die „Behörde“ konnte auch nichts ermitteln, so daß sie wirklich nach Jahren, die Einige im Kerker zugebracht hatten, entlassen wurden.

Unter den politischen Gefangenen ist besonders die Zahl der „crociati“ (Kreuzträger) sehr groß, Leute, die mit Kreuzen auf der Brust nach der Lombardei wallfahrteten, um gegen Oesterreich zu kämpfen. Sie wanderten hin unter Bewilligung ihrer Behörde und unter dem Beifalljauchzen aller Bürger auf ihrem langen Wege. Als Venedig gefallen war, brachte man sie nach Pescara, von da nach Ancona, von da in einem österreichischen Kriegsschiffe zurück nach Neapel. Hier wurden sie alle in Untersuchungshaft gebracht, und befinden sich noch darin, wenn sie nicht gestorben sind. Es waren oft Jungen von dreizehn bis vierzehn Jahren, als sie auszogen, jetzt sind’s Greise oder Leichen. Ich stand selbst am Todtenbette eines solchen Kreuzträgers. Er war vierzehn Jahre alt, der politische Verbrecher, und starb mit Thränen über seine Mutter, mit Thränen, wie sie nur ein nach der Mutter weinendes Kind vergießen kann. Einige Mitgefangene brachten etwas Geld zusammen, um ihrem Leidensgefährten vor dem Riesengrabloche der Armen zu retten, und ihn anständig begraben zu lassen. Dies ward ihnen als Verbrechen notirt und bestraft.

Eines Tages bemerkte ich ein elendes, zerlumptes Individuum mit dem Ausdrucke des Wahnsinns auf einem Felsen sitzend. Zwei Soldaten näherten sich ihm, um ihn zu binden. Ich fragte, was er verbrochen. „Blasphemie!“ war die Antwort. Er schimpfte in der That auf Himmel und Erde, denn er war wahnsinnig. Ich erfuhr hernach, daß es ein bekannter Mensch sei, den der Pöbel schon lange auf jede Weise verhöhnt und mit Steinen geworfen, so oft er sich sehen ließ. War er doch ein Piemonteser, ein Sardinier. Jeder glaubte daher, sich durch einen Steinwurf gegen ihn beliebt zu machen. Die Sardinier sind alle als vogelfrei in Neapel in Bausch und Bogen verfehmt. Das Entsetzlichste aber ist, daß der Wahnsinnige, geboren und unabhängig in Genua, dort als Neapolitaner denuncirt, und deshalb gewaltsam nach Neapel gebracht worden war (zu einer Zeit, als alle italienischen Regierungen ihre „Fremden“ auswiesen). Hier verrieth sich der seines Vermögens und seiner Heimath Beraubte durch seinen Dialekt als Piemonteser, und ward von dem Pöbel der ganzen Stadt mißhandelt, bis er wahnsinnig, von „Blasphemie“ überfließend, gebunden und arretirt ward. Er starb wahnsinnig unter den Händen der Polizei. Alles, was den Behörden nicht gefällt, wird als „Blasphemie“ angesehen und deshalb gepackt und eingesteckt. Es ist die größte Polizeitasche, worin alles Mögliche Platz findet. Wer etwas Unrechtes gesagt, auf etwas Verbotenes getreten, ein Königs- oder Marienbild unehrerbietig angesehen, wird wegen „Blasphemie“ eingesteckt und zwar ohne Ansehen der Person mit Spitzbuben und Mördern zusammen. Von den auf 10, 20, 25 Jahre oder auf Lebenszeit in Eisen Geschmiedeten (Alle, die wegen einer staatsgefahrlichen Handlung oder Theilnahme an einer geheimen Verschwörung verurtheilt wurden) wollen wir nicht sprechen. Was läßt sich über sie mit ruhiger Feder sagen?

Mit welchem Gefühle mögen jetzt die Neapolitaner nach der Lombardei blicken, wo ein hochherziger junger Kaiser den Regungen seines Herzens nachging und mit einem Worte eine Masse Glücklicher schuf und für sich und sein Haus die Liebe eines Landes erwarb, das bis jetzt kalt ihm gegenüber stand?




Blätter und Blüthen.

Momente aus dem Schiffsleben. Die Parthie Domino – erzählte uns der jungr A., der erst neulich aus Panama zurückgekehrt war, unsere regelmäßige Unterhaltung nach dem Abendthee – war beendigt, und wir zogen uns zurück auf das Sopha, um bei einer Cigarre ungestört der Unterhaltung nachgehen zu können. Der Wind, welcher sehr heftig blies, und das am Kap Horn so leicht erregbare und sehr hoch und kurz gehende Meer gewaltig aufwühlte, behielt noch immer dieselbe Richtung, welcher er bereits vier Tage gefolgt war, und die uns zwang, anstatt das Kap in zwei Tagen zu doubliren, bis zum 60. Grad südl. Br. hinabzugehen, um dann durch Laviren um die Falklandsinseln zu gelangen. Die See hatten wir von vorn und das Schiff bäumte sich auf und nieder, bald versinkend in den Wellenthälern, bald schwebend auf dem Wellenberge. Die Nacht war rauh [88] und kalt, so daß das Oel in den Lampen erstarrte, und nur höchst schwache Erleuchtung des Kajütensaales zuließ. Der Nebel lag dicht und schwer, Alles mit fast undurchdringlicher Finsterniß einhüllend. Rauschend rollten die Wogen über das Deck, wenn das Schiff, ein neuer französischer Klipper, mit seinem scharfen Vordertheile in den sich ihm entgegenstürzenden Wellenberg eindrang (wir gingen 10 Knoten). Es hatte sich unsrer eine weniger heitere Stimmung, als gewöhnlich, bemächtigt, ein Widerschein der trüben, kalten Natur, welche uns umgab; bald kam das Gespräch in’s Stocken und ruhig saßen wir da, Jeder mit sich selbst beschäftigt oder den Rauchwolken nachschauend. Plötzlich stürzte der Obersteuermann herab, und rief dem Kapitain einige Worte zu. Obgleich dies nur das Werk eines Augenblicks war, hatten wir doch den Sinn dieser Worte aufgefaßt, deren schreckliche Bedeutung uns sofort der Gedankenträumerei entriß. „Ein Schiff abordirt uns!“ Im Nu hatten wir den Kajütensaal durcheilt, waren die Treppe hinauf geflogen und starrten hinaus in die Nacht, unsern Feind suchend. Wir waren im Wellenthale und auf dem Gipfel der nächsten Welle sahen wir die dunkle Masse eines großen Dreimasters, der mit vollen Segeln und günstigem Winde auf uns herabstürzte. Der Kapitain sagte trocken: „Wir sind verloren – bereitet Euch vor!“ und still stand er am Mast, erwartend des Schicksals Wille; denn in seiner Macht stand nichts, der Gefahr zu entgehen, das Schiff konnte nicht gewendet werden wegen des ungünstigen Windes, und uns blieben nur wenige zwischen Leben und Tod entscheidende Augenblicke. Die Matrosen schrieen, beteten, sandten noch Abschiedsgrüße an die Heimath und die Lieben, Allen schien der Tod unvermeidlich und Jeder bereitete sich vor auf das kalte, nasse Grab. Der Gedanke, hier von diesen schwarzen, unheimlichen Wogen verschlungen zu werden, mochte Jedem fürchterlich sein, und veranlaßte einen Matrosen zu dem Ausrufe: „Hier zu sterben, heißt zweimal sterben!“ Gewiß, wäre er in dem blauen Meere und der linden Luft der Tropen gewesen, der Tod hätte leichter geschienen. Von dem andern Schiffe tönte lautes Fluchen und Schreien zu uns herüber, ohne daß wir die Personen selbst hätten erkennen können. Dumpf klangen die Glocken der beiden Schiffe durch den pfeifenden Wind und erhöhten das Unheimliche des Eindruckes. Und doch war Alles dies in nur wenige Augenblicke eingeschlossen, nur auf einen kurzen Zeitraum drängte sich diese Fülle von Gefühlen, kreuzten sich die Gedanken und flog der Geist in die Ferne zu dem, wovon Jeder für sich im Stillen Abschied nahm. Mein Entschluß zur Rettung, wenn solche möglich, war gefaßt. Das fremde Schiff, als das abordirende, war weniger gefährdet, als das unsrige, welches dem Stoße seine lange Seite darbot. Konnte ich ein Seil erfassen, so hatte ich Hoffnung, davon zu kommen. In der angstvollen Erwartung standen wir regungslos. Näher kam die drohende Masse, lauter wurden die Ausbrüche der Angst, jetzt war es noch wenige Ellen und ein Schrei des Entsetzens rang sich aus mancher Brust. Doch der Himmel war uns gnädig, das Meer selbst trat als Vermittler auf, eine herbeirollende Woge erhob uns und schleuderte den Feind hinter uns vorbei, uns nur die Seile des Gig fortreißend und den Bord des Hintertheils beschädigend. Lange noch standen wir, sprachlos dem sich bald im Nebel verlierenden Schiffe nachschauend, bis der fröhliche Ausruf der Matrosen uns zurückrief. Schnell waren die Gedanken an Gefahr verschwunden, und lachend gestand ein Jeder, daß er zwar den Tod nicht gefürchtet hatte, aber ein wärmeres Wassergrab diesem kalten am Kap vorgezogen haben würde.


Gutzkow’s Narrenwelt. – Bei jedem Neuen, das der Feder Karl Gutzkow’s entstammt, können wir darauf gefaßt sein, etwas Bedeutendem und Anregendem zu begegnen, irgend einer neuen Idee, einem kühnen Gedanken, einem Etwas, das aus den Tiefen des Seelenlebens hervorgezogen ist oder als Geheimnißvolles und Verstecktes in der Gesellschaft überall mitwirkend und bestimmend geruht hat. Schärfe der Urtheils im Allgemeinen, wie im Besonderen, Vielseitigkeit des Schaffens und Gestaltens, Reichthum an Ideen, Gedanken und Bildern und eine Gestaltungskraft, die auch die widerstrebendsten Stoffe zu bewältigen vermag, das sind die Vorzüge Gutzkow’s, die ihm Eingang in alle Volksschichten verschafften, die seinen Namen populär gemacht haben. Einen neuen Beweis für seine unerschöpfliche Produktionskraft mit allen Eigenthümlichkeiten, die wir eben erwähnten, gibt uns „die kleine Narrenwelt.“ 3 Bände. Frankfurt a. M., Verlag der literarischen Anstalt. 1856.

Das Ganze ist, so zu sagen, eine Aus- und Durchführung der mephistophelischen Worte: „der Mensch, die kleine Narrenwelt –,“ die auch dem Werke als Motto vorangestellt sind. All’ die kleinen menschlichen Schwächen und Eigenheiten, alles Das, was in uns oft so närrisch prickelt und pustet, all’ die tausend Widersprüche, denen wir im Leben an Andern und uns selber begegnen, und die wir doch nicht reimen können, all’ die Absonderlichkeiten und Eigenheiten, die z. B. in der Ehe zuweilen die Veranlassungen zu subtilen Verzweiflungen sind, finden wir in der „kleinen Narrenwelt“ mit überraschender Wahrheit und, was eben so viel werth ist, recht natürlich erklärt hingestellt, so das; wir bald einem guten Freunde zu begegnen glauben, den wir jetzt besser verstehen; bald der eignen Frau, die uns ferner kein Geheimniß mehr ist, bald, verzeih’ lieber Leser! uns selbst. Die Geschichten der Narrenwelt sind nicht lang ausgesponnene; es sind kleine Toilettenspiegel mit geschliffenem Glas; man erkennt sich darin bis auf die einzelnen grauen Haare, die wir der Wirklichkeit gern wegdisputiren möchten. So schildern uns „die Kourstauben“ in unübertrefflicher Charakteristik ein Weib, wie es viele gibt, die in schmeichelnder Selbsttäuschung sich für poetisch hält, Gedichte liest und einen Dichter sogar interessant findet. Die Art aber, wie dieser poetische Schleier fällt und die realistische Natur sichtbar wird, ist überraschend fein gedacht und eine der genialen Wendungen, an welchen Gutzkow in stofflichen Gestalten so reich ist.

Im zweiten Bande treffen wir auf eine längere Erzählung: „die Nihilisten.“ Hertha, als die Repräsentantin der modernen weiblichen Bestrebung nach dem Rechte eigenster Selbstbestimmung kommt in eine Reihe natürlich gedachter und spannend verwebter Verhältnisse, die ihr über das Herz, als den weiblichen Kopf, hinausgewachsen sind, so daß ihr die gewohnte Umschau, die einstige Klarheit abgeht. Constantin und Leonhard sind vortrefflich gezeichnet, gleichsam durchschnittene Menschen, in denen wir jede Faser, jede Arterie liegen sehen. Junker Hans ist eine Figur, die trotz aller Rauhheit und Derbheit dennoch unser Interesse festhält, einer jener drolligen Käuze, die am Schliffe der Civilisation absterben. Die Erzählung ist ein Gewebe des Natürlichen und psychologisch Tiefsinnigen und von spannendstem Interesse bis zum letzten Wort.

„Ein deutsches Dichterleben“ im 3. Bande gibt uns ein traurig, trübes Bild von der Existenz des deutschen Genius, wenn er nicht mit goldenen Flügeln geboren ist; Duller ist eine Aufforderung mehr an die deutsche Nation, ihre Geister zu schützen, daß sie nicht im Bildungsdienste des Volkes elend und gebrochen verkümmern! – All’ die kleinen Skizzen, Abhandlungen, Urtheile und Meinungen, an welchen „die kleine Narrenwelt“ so reich ist, sind mit jener Schärfe, Wahrheit und liebevollem Eingehen auf ihre Gegenstände geschrieben, daß sie den unwillkürlichen Eindruck des Gründlichen, Wahren und Richtigen machen. – Gerade die genaue Kenntniß von Welt und Menschen, wie sie Gutzkow besitzt, diese Schärfe der Beurtheilung und die immer pikante, an überraschenden Wendungen so reiche Sprache befähigen ihn vor Allen, die kleinen Narrheiten und Thorheiten, die wir zur beliebigen Auswahl in uns tragen und womit wir uns sogar zu Zeiten freundschaftlich aushelfen, an’s Licht zu ziehen und uns die Würmer zu zeigen, die sich in das Holz gebohrt haben, aus welchem wir uns im guten Glauben schnitzten, daß es vom besten Kerne sei!


Bürger’s Andenken. In der ersten Nummer der Gartenlaube dieses Jahres wird Bürger’s Grab erwähnt und darauf hingewiesen, wie dasselbe wieder aufgefunden, aber auch noch immer, gleich dem dornenvollen Leben des Dichters, verwahrlost sei.

Dornen und Disteln hat sich Bürger im Leben freilich reichlich durch eigene Schuld gepflanzt und durch seine Leidenschaft genährt, so daß er sich nach dem sittlichen Urtheile der Welt, das durch Schiller vorzüglich einen Ausspruch erhalten, kein Denkmal erworben hat; in der poetischen Nationalliteratur nimmt er jedoch, seiner Balladen wegen, einen eminenten Platz ein und die Musen Göttingens müssen deshalb mit Wehmuth auf ihres Lieblings Grab blicken, daß unter der durch Pietät geheiligten Akazie sich profanes Unkraut und Disteln eingenistet haben. Ob nun jener Blick der Musen die Jünger der Göttinnen an einem ihrer ersten Sitze in Europa zum Opfer eines würdigen Denkmales unter den Schatten der Akazie bewegen wird, muß die Zukunft lehren. Daß wenigstens eine würdige Ausschmückung des Grabes von den Priestern des Musentempels in Göttingen besorgt werde, erwartet man mit Recht und Zuversicht. Zur Berichtigung oben erwähnter Notiz muß aber für Auswärtige bemerkt werden, daß die Freunde Bürger’s bald nach dessen Tode ihm schon ein Denkmal „Urania

gesetzt haben, welches in dem vormals Ullrich’schen Garten aufgestellt und darauf in die Anlagen vor dem neuen Thore versetzt worden ist. Ob dieses der Bürger’schen Muse und dem Geschmacke ihrer Jünger, so wie den Anforderungen der Kunst genügt, kann ich nicht beurtheilen; mich hat es kalt gelassen und mich daran erinnert, daß fast alle Manen der Genossen des Göttinger Dichterbundes, trotz ihrer dichterischen Größe, wenig ober gar nicht durch äußere Denkmäler geehrt worden sind. In der Umgegend von Göttingen lebt jedoch Bürger’s Name noch frisch im Andenken. Noch zeigt man dem Wanderer zu Niedeck des Dichters alterthümliche Studirstube; noch führt man ihn oberhalb Benniehausen an den Negerborn, der aus neun Quellen sein Krystallwasser in die Garte sendet und dessen Najade Bürger (1774) besungen; noch geleitet man ihn auf die einige Stufen höher gelegene Felsenbank im Nußwäldchen, wo er in seinem „Sorgenfrei“ an Elisens Hand (seine erste Gattin) sich am Frühlingsmorgen gern aufhielt, um den köstlichen Anblick in’s Gartethal zu genießen, das er in seiner lieblichen Idylle: „das Dörfchen“ (1771) so schön gezeichnet, und wo er an der Seite seiner Molly (1773) im bleichen Mondenscheine, beim Tanze der Elfen, unter den Geistertönen des Uhus, sein Lied schuf: „Leonore fuhr um’s Morgenroth empor aus schweren Träumen etc.;“ noch macht man mit ihm, unter Gesprächen über des armen Dichtern Leben, einen Gang in das schaurig romantische Felsenthal bei Reinhausen, das den Namen des Unglücklichen führt und wo derselbe, entfernt von dem Geräusche der Welt und seinen Sorgen, mit den Musen verkehrte. Die genannte Gegend hat Bürger in seinen Balladen verewigt; die Umgegend verewigt dessen Namen.
S. –

Berichtigung. In der Gartenlaube Seite 709 von 1856 unter „Eine Kriegsrechnung,“ die nach einem Auszuge aun dem Berichte des französischen Kriegsministers gegeben ward, ist die Stelle: „jede Minute aus jedem Mörser“ u. s. w. offenbar ein Irrthum, der sofort einleuchtet. Da uns weder der Originalbericht, noch der Auszug jetzt gerade zugänglich ist, können wir die Stelle nicht durch bestimmte Zahlenangabe berichtigen. Es kommt ja auch hier nicht darauf an, sondern auf eine Vorstellung von den ungeheuern Kosten und Ausrüstungen.



Nicht zu übersehen!

Alle Einsendungen von Manuscripten, Büchern etc. etc. für die Redaktion der Gartenlaube sind stets an die unterzeichnete Verlagshandlung zu adressiren.

Leipzig.
Ernst Keil.

Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Comptes rendus T. IX. p. 250 ff., im Auszuge, Journal für praktische Chemie 18. p. 215.
  2. Siehe Nr. I. Jahrgang 1856 Nr. 44.