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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1857
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1857) 557.jpg
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[557]

No. 41. 1857.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Onkel und Neffe.
Novelle von A. S.
(Fortsetzung.)
III.

Die Solitüde, wie der Consul sein Landhaus nannte, lag in einer einsamen Gegend Westphalens. Von dort bis zur nächsten Eisenbahn hatte man einen Weg von fünf Meilen zurückzulegen, und bis zu den nächsten Dörfern wenigstens eine Stunde. Ein düsterer Tannenwald schloß die Besitzung ein, die mit Recht den Namen Solitüde verdiente, denn sie lag so still und einsam, daß der Bewohner sich rühmen konnte, allein zu sein, wenn er den langen Joseph nicht als einen Menschen, sondern als eine Maschine betrachtete. Frau Katharina, die Haushälterin, diente dem Consul schon seit fünfzehn Jahren; sie hatte mit ihrem Manne, von dem sie geschieden war, traurige Erfahrungen gemacht, und war, mit einer Art Männerhaß im Herzen, ihrem Herrn von Bremen aus gern in die Einsamkeit gefolgt. Joseph, der Kammerdiener, hatte das Glück der Ehe nie gekostet; er war in dem Waisenhause erzogen, und der Vater des Consuls, ein ehrbarer Cigarrenhändler, hatte den vierzehnjährigen Knaben nach der Confirmation zu sich genommen, um ein gottgefälliges Werk zu verrichten, und sich einen guten Laufburschen zu erziehen. Der arme Laufbursche bekam viel Rippenstöße, aber wenig zu essen. Die den Waisenknaben eigene Schüchternheit bildete sich durch die harte Behandlung zur Menschenscheu aus, und Joseph ward nach und nach die Maschine, die pünktlich auf den Befehl gehorcht, ohne sich eine Betrachtung zu erlauben. Dem Consul war so eine Maschine recht, und er behielt sie nach dem Tode des Vaters zur fernern Benutzung bei. Der Bediente war eben so alt, wie sein Herr, und hatte sich, man kann es wohl sagen, in die närrischen Gewohnheiten desselben eingelebt. Der gute Bursche war wohl der einzige in der Welt, der den Consul für wirklich krank hielt. Frau Katharina, welche die Küche besorgte, erlaubte sich einige Zweifel, denn der enorme Appetit des Hausherrn ließ auf eine vortreffliche Gesundheit schließen. Der Zufall hatte hier drei Menschen zusammengeführt, die vollständig zu einander paßten, und vielleicht ist hierin die Ursache mit zu suchen, daß sich die bizarren Charaktere so ungestört ausbildeten.

Woher kam es aber, daß der Consul bei allen seinen Eigenheiten für Louise Bronner ein so lebhaftes Interesse hegte? Sollte die Verpflichtung, deren er in dem Briefe an den Neffen erwähnte, allein der Grund sein? Der Verfasser kennt ein Geheimniß aus dem Leben des braven Mannes, das er den Lesern der Gartenlaube indiscret mittheilt, um seiner Erzählung innern Zusammenhang zu geben.

Herr Dewald war Kaufmann; er hatte von seinem Vater, dem Cigarrenhändler, ein hübsches Vermögen geerbt, mit dem er ein Handelshaus einrichtete. Leberecht Dewald hatte einen Bruder, den er veranlaßte, den größten Theil seines väterlichen Erbes mit in das Geschäft zu geben. Beide Brüder waren fromm und gottesfürchtig, sie gingen jeden Sonntag in die Domkirche, um für das Gedeihen ihres Handelshauses inbrünstige Gebete zum Himmel zu senden. Leberecht, der Firmaträger, hatte trotzdem kein Gluck, alle seine Spekulationen schlugen fehl, und er schloß einen Accord mit seinen Gläubigern. Auch der eigene Bruder ward mit einer geringen Summe abgespeist. Um diese Zeit bemächtigte sich die Liebe des frommen Jünglings von achtundzwanzig Jahren; er sah Meta Möller, die sittige Tochter eines Schiffsmaklers, von der man sagte, daß sie ein Vermögen von hunderttausend Thalern habe. Leberecht besuchte die Erbauungsstunden, die der überaus fromme Makler an drei Abenden der Woche in seinem Hause hielt, sang und betete brünstiger und lauter, als alle andern Glieder der Versammlung, und nistete sich in der Gunst des Vaters ein, während die schöne Meta nichts von ihm wissen wollte. Leberecht ward schwermüthig, und weinte oft heiße Thränen, natürlich nur in Gegenwart des Vaters. Zugleich aber brachte er in Erfahrung, daß Meta im Geheimen einen weltlich gesinnten jungen Kaufmann liebte, der bei einem Banquier arbeitete. Dieser Commis hieß Bronner. Leberecht verfehlte nicht, die saubere Entdeckung dem frommen Schiffsmakler mitzutheilen. Es fand eine heftige Scene zwischen Vater und Tochter statt. Die Tochter blieb fest in ihrer Liebe, und der Vater ward vor frommer Entrüstung krank. Leberecht wachte Tag und Nacht an dem Krankenbette, betete mit dem Makler, und machte auch mit ihm das Testament. Dieses Testament ward mit der ausdrücklichen Bestimmung bei dem Gerichte deponirt, daß es an dem Hochzeitstage Meta’s eröffnet werden sollte.

Der kranke Schiffsmakler starb, und ward mit großem Pompe begraben. Ein Jahr später heirathete Meta ihren Bronner. Der junge Gatte trug auf Eröffnung des Testamentes an. Der Erblasser bestimmte darin, daß Meta seine Universalerbin sein solle, wenn sie Leberecht Dewald ihre Hand gereicht habe, daß sie aber nur eine Ausstattung von fünftausend Thalern erhalten würde, wenn sie mit einem Andern zum Altare getreten sei. Bronner begann einen Proceß gegen den Universalerben, den er der Erbschleicherei bezichtigte; Dewald aber gewann diesen Proceß, weil er nachwies, daß Meta ein angenommenes Kind des Schiffsmaklers Möller sei, mithin keine legalen Ansprüche habe. Das Gerücht [558] sagte, Meta sei die Tochter eines Auswanderers, der in einer Herberge Bremens seinen Geist aufgegeben habe. Möller, der Schiffsmakler, habe sich großmüthig des vierjährigen Mädchens angenommen, da der Vater keine Papiere hinterlassen, aus denen seine Heimath zu ermitteln gewesen.

Bronner hatte nun zwar eine arme, aber eine schöne, liebenswürdige Gattin, die ihm eine Tochter, jene Louise, gebar, die wir bei Wilhelm Dewald kennen gelernt haben. Bronner blieb Commis, ward aber nach zehn Jahren seiner Stelle verlustig, da der Banquier starb, und die Erben das Geschäft auflösten. Nun trat eine traurige Zeit für die arme Familie ein. Der alt gewordene Commis fand keine passende Stelle, es wollte ihn kein Chef fest engagiren, da er stets kränklich war. Meta starb bald darauf am Zehrfieber. Die Lage Bronner’s ward so traurig, daß er die Unterstützung seiner Mitmenschen in Anspruch nehmen mußte. Er wandte sich auch an Dewald, der ein großer Kaufmann geworden war. Leberecht unterstützte ihn wirklich mit kleinen Summen, bis der alte Commis starb. Louise fand Aufnahme bei ihrer Freundin Albertine, die später Wilhelm Dewald, den Neffen des Consuls, heirathete.

Seit Bronner’s Tode, der fünf Jahre vor dem Beginne unserer Erzählung erfolgt war, hatte sich Leberecht nur wenig in seiner Geburtsstadt aufgehalten. Er hatte mit dem langen Joseph große Reisen gemacht, bis er endlich seine Solitüde kaufte, um auszuruhen. Den Titel Consul hatte er erhalten, weil er früher einmal die Consulatsgeschäfte eines kleinen überseeischen Landes verwaltet hatte. In Bremen sprach man nur wenig noch von dem alten Leberecht Dewald, denn er hatte keine Freunde, die ihn liebten, und keine Feinde, die ihn haßten; er war mit der Zeit eine vergessene Person geworden.

Wie man sieht, hatte der Consul die Absicht, ein ähnliches, an Bedingungen geknüpftes Testament zu machen, wie der Schiffsmakler Möller. Sollte ihn dabei die Erinnerung an die schöne Meta leiten? Oder sollte er Bronner wirklich das Versprechen gegeben haben, für seine Tochter zu sorgen?

Beobachten wir den Sonderling.

Am Tage nach dem Besuche Alexanders von Windheim ging der Consul, in einen Pelz gehüllt, nach dem Forsthause. Der Herbsttag war klar und schön, wenn auch frisch. Das alte Gebäude in dem desolaten Zustande lag in der reinsten Sonnenbeleuchtung da. Der Consul hatte es lange nicht gesehen, er war erstaunt über die herabhängenden Fensterladen, das zerrissene Ziegeldach und die des Kalks beraubten Wände.

„Hier will der Edelmann wohnen?“ murmelte er vor sich hin. „Wahrlich, der arme Mensch muß vollständig mit der Welt zerfallen sein. Ach, und vielleicht ist er glücklicher, als ich!“

Er wollte die Thür öffnen; sie war verschlossen. Auf sein Klopfen öffnete sich ein Fenster im ersten Stocke, und das bärtige Gesicht eines Dieners guckte heraus.

„Ist Herr Alexander von Windheim zu Hause?“

„Ja, mein Herr!“

„Kann ich ihn sprechen?“

„Er liegt noch im Bette. Wen soll ich anmelden?“

„Den Consul Dewald.“

„Auf den Befehl meines Herrn soll ich den Herrn Consul einlassen, so oft er kommt. Ich bitte, warten Sie ein wenig.“

„Der Mann findet Gefallen an mir, wie ich an ihm!“ lachte Leberecht.

In dem Innern des Hauses ließen sich die Schritte des Dieners vernehmen, der die Treppe herabkam. Gleich darauf ward die Thür geöffnet, die fast zusammenbrach, als sie aus dem Schlosse glitt. Jene dumpfe Luft, die sich in lange verschlossenen Häusern bildet, quoll dem Eintretenden entgegen. Kopfschüttelnd stieg er die mit Schmutz bedeckte Treppe hinan.

„Wie heißt Er, mein Freund?“ fragte er den Diener.

„Tobias, Herr Consul!“

„Ein biblischer Name. Er gefällt mir.“

„Mir nicht, Herr Consul!“ brummte der alte grämliche Diener.

„Warum?“

„Weil mein alter Namensvetter blind war, und weil ich vielleicht dieses Schicksal mit ihm theile. Je älter ich werde, je schwächer wird mein Auge.“

„Füge Er sich dem Willen Gottes.“.

„Ich muß wohl, Herr Consul.“

„Und werde Er weise, wie Tobias.“

„Wollen einmal sehen, wie weit wir es hier bringen.“

Tobias öffnete eine Thür. Der Consul trat in ein Giebelzimmer, das noch ziemlich gut erhalten war. Die wenigen Möbel, die man Tags zuvor aus der Villa herübergeschafft hatte, machten es wohnlich. Alexander von Windheim hatte das Bett verlassen; er empfing den Gast im Schlafrocke, der, wie alle seine Kleider, höchst elegant war. Die Männer begrüßten sich wie alte Freunde, trotzdem sie sich nur erst einen Tag kannten.

„Hier also wollen Sie wohnen?“ fragte er.

„So lange ich kann, und wenn es möglich ist, so lange ich lebe!“ antwortete Alexander, indem er sich eine Cigarre anzündete, die er aus einem gefüllten Reisekoffer genommen hatte. „Des Lebens unter den Menschen bin ich so müde, daß mir diese Einsamkeit Erholung gewährt. Herr Consul, ich erlaube mir eine wichtige Frage an Sie zu richten.“

„Was wollen Sie wissen?“

„Gibt es Frauen in dieser Gegend?“

„Außer meiner Haushälterin, einem alten Weibe, keine.“

„Man kann also die nächsten Waldungen durchstreifen, ohne fürchten zu müssen, einem jener Geschöpfe zu begegnen, die zur Plage der Männer geschaffen sind?“

„Zuverlässig, mein Herr.“

„Gut; so ist eine Furcht beseitigt, die mich die ganze Nacht gequält hat.“

„Fürchten Sie denn die Frauen?“

„Wie Gespenster, wie Dämonen. Oft erscheinen sie mir im Traume, und ich wache erschreckt auf. Die eine streckt die Hand nach mir aus, die andere droht mit dem Finger, als ob ich sie beleidigt hätte; eine dritte grinst mich höhnend an, eine vierte will mich umarmen, eine fünfte lächelt wie eine Sirene, singt auch wohl dabei – Herr Consul, ich könnte Ihnen fünfzig solcher Traumgestalten nennen, und alle sind sie verführerisch schön. Ist das nicht seltsam? Aber je mehr mich diese Geschöpfe plagen, je mehr hasse und verachte ich sie. In zweiter Linie stehen die jungen Männer. Mein Gott, welche jammervolle Gesellschaft bilden diese Leute! Sie haben weder Sitten, noch Manieren; weder wissenschaftliche noch gesellige Bildung – und dabei sind sie falsch und treulos, wie die Frauen!“

Bei dem letzten Bekenntnisse lächelte der Consul still vor sich hin. Dann sagte er: „Ich freue mich, Sie so reden zu hören. Mein Herr, ich bin ein alter Felsen, an dem die Wogen des Lebens branden – das heißt, mein Geist ist durch die Philosophie zu einem Felsen geworden; mein armer Körper ist gebrechlich, wie ein Rohr, das ein Windhauch umknicken kann. In Bezug auf die Männer denke ich gerade wie Sie; aber die Frauen will ich doch nicht ganz verdammen, denn sie besitzen für mich ein gewisses Etwas – wie soll ich sagen? Die Frauen sind – nun Sie werden mich schon verstehen!“

„Vollkommen, vollkommen, Herr Consul! Ich bin ganz Ihrer Ansicht; es gibt keine Regel ohne Ausnahme, und mitunter findet man noch Tugend bei einer Frau. Aber das ganze Geschlecht ist schwach, es läßt sich leicht verführen.“

„Sprechen wir nicht mehr über dieses Capitel!“ sagte unruhig der Consul. „So viel steht fest, daß uns Beiden die Welt arg mitgespielt hat, und darum wollen wir uns von ihr zurückziehen. Ruft mich der Herr ab, so soll er mich bereit finden, seinem Rufe zu folgen.“

Alexander bot seinem Gaste eine Cigarre. Der Consul nahm sie, brannte sie an, und begann mit großem Wohlbehagen zu rauchen.

„Ich stehe auf dem Punkte, mein Testament zu machen,“ sagte er schmauchend. „Da ich wohl annehmen darf, daß Sie Ihren Entschluß festgestellt haben, so bitte ich Sie, mit mir den Kauf abzuschließen.“

Es war dies eine Vorsicht Leberecht’s, der wissen wollte, wie er eigentlich mit dem ihm fremden Edelmann daran sei. Der Geldpunkt ging ihm auch heute noch über Alles, die Casse war sein Barometer.

„Schließen wir ab,“ sagte Alexander fest. „Was fordern Sie für dieses Haus und den dazu gehörigen Garten?“

„Fünftausend Thaler.“

„Hier sind fünftausend Thäler!“

Der junge Mann holte ein Portefeuille aus einem zierlichen [559] Reisekoffer, nahm die Summe in Banknoten heraus, und legte sie auf den Tisch.

„Gut, Herr von Windheim.“

„Morgen hole ich mir von Ihnen Quittung und Kaufcontract.“

Beide reichten sich die Hand, als Zeichen des Abschlusses.

„Ich erwarte Sie zum Frühstücke, mein Herr; nach dem Frühstücke werden wir auf die Jagd gehen! Gute Gewehre finden Sie vor.“

Der Consul steckte das Geld ein, nahm Abschied und ging nach Hause.

„Dieser Edelmann hegt Ansichten von der Welt, die mich trösten!“ murmelte er vor sich hin. „Die Menschen sind schlecht, grundschlecht, und vorzüglich die Männer. Wahrhaftig, diese Uebereinstimmung unserer Ansichten macht mir den Mann lieb und werth.“

Denselben Abend brachte der Landpostbote Wilhelm Dewald’s Brief. Der Consul las ihn mit großer Genugthuung.

„Er hat die Tochter Meta’s und Bronner’s schon geheirathet!“ sagte er im Selbstgespräche. „Ich habe es mir gedacht, denn Wilhelm hatte das schöne Mädchen immer sehr gern. Das ist gut, recht gut! Ach, wäre ich nur nicht so krank, dann würden sich meine alten Tage vielleicht noch freundlich gestalten.“

Nachdenkend ging er eine Viertelstunde im Zimmer auf und ab. Sein Gesicht verfinsterte sich und mehr als einmal kniff er die Lippen zusammen, als ob er einen geheimen Groll unterdrücken wollte.

„Nein, es ist gut so, recht gut!“ rief er aus. „Der Teufel soll mich nicht wieder beim Schopfe packen, um mich von dem betretenen Wege zurückzuziehen. Was nützt mir denn das große Vermögen, wenn ich Nachts nicht schlafen kann? Dem Edelmanne erscheinen die Frauen, um ihn an seine unglückliche Liebe zu mahnen, und mir erscheinen sie, um – –“

Er nahm die Bibel von dem Tische, schlug eine bezeichnete Stelle auf und las mit lauter Stimme:

„Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den wir [b]ei Gott haben sollten!“

Dann setzte er sich zu Tische und nahm ein kräftiges Mittagsessen ein. Nach Tische warf er ein Gewehr über die Schulter, pfiff einem großen Jagdhunde und ging in den Forst. Der Consul hatte heute Glück auf der Jagd: nach einer Stunde schon barg seine Tasche einen Hasen und zwei Hühner. So beladen schritt er rüstig einem Dorfe zu, dessen kleine ärmliche Häuser zerstreut am Walde lagen. Eine Brücke, welche die niedern Ufer eines Baches verband, führte ihn auf den Gottesacker. Rasch, als ob er den stillen Ort der Todten fürchtete, ging er um das Kirchlein, dessen weiße Mauern freundlich von der Nachmittagssonne beleuchtet wurden; dann eilte er der Pfarrwohnung zu, die hundert Schritte von der Kirche entfernt lag. Der Pfarrer, ein freundlicher Greis, empfing ihn in seinem Studierstübchen.

„Herr Pastor,“ sagte der Consul, „ehe ich mich setze, erlauben Sie mir, daß ich in die Küche gehe und Mutter Helenen den Inhalt meiner Jagdtasche abliefere. Uebermorgen ist’s Sonntag, die gute Wirthschafterin kann einen Hasen gebrauchen.“

„Sie sind sehr freundlich, Herr Consul,“ antwortete schmerzlich der Pastrr; „aber Helene wird mir wohl keinen Hasen wieder braten.“

„Warum? Warum?“

„Sie ist sehr krank.“

„Die arme Frau!“

„Der Arzt, der mich so eben verließ, meint, daß sie den nächsten Sonnenaufgang nicht mehr erleben wird.“

Erschüttert stellte Leberecht sein Gewehr in eine Ecke.

„Vielleicht folge ich ihr bald nach!“ murmelte er. „Ja, ja, Herr Pastor, mit meiner Gesundheit steht es schlecht, ich kann Ihnen das nicht oft genug wiederholen. Man hält mich für stark; aber ich bin schwach, sehr schwach!“

Der Pastor schüttelte sein greises Haupt.

„Wie dem auch sei, Herr Consul,“ antwortete er, „dieser Gedanke hat sein Gutes.“

„Wie so, Herr Pastor, wie so?“ fragte Leberecht rasch.

„Wer sich für krank hält, wird stets sein Ende vor Augen haben, und wer sein Ende vor Augen hat, handelt als ein guter Mensch. Ach, wie Wenige gibt es, die an den Tod denken! Dächte Jeder an den Tod, der doch sicher nicht ausbleibt, wir würden nicht so viel schlechte Menschen haben.“

„Sie haben recht, Herr Pastor, ganz recht; die Welt ist durch und durch verderbt, Alles lebt in den Tag hinein. Einer zwickt, zwackt, plagt und betrügt den Andern, ohne zu bedenken –“

„Daß dort oben der höchste Richter einst fragen wird: Mensch, wie hast Du auf der Erde gelebt? Warum hast Du das, das und das gethan? Du kennst meine Gebote und hast sie nicht befolgt.“

„Herr Pastor,“ sagte Leberecht, als ob er dieses Gespräch abbrechen wollte, „Mutter Helene ist also gefährlich krank?“

„Schon seit drei Wochen. Sie haben uns länger als einen Monat nicht besucht.“

„Weil ich krank, sehr krank war! Auch ich stehe im Begriffe, mein Testament zu machen, und Sie, mein würdiger Freund, sollen darin bedacht werden. Ich weiß, Ihre Pfarre trägt wenig ein, an Ersparnisse haben Sie nicht denken können, die Pension, deren Sie bedürfen, wird gering ausfallen – ich denke an Sie, Herr Pastor!“

„Ach, Herr Consul, wie gut sind Sie! Es ist ein Glück, daß der Himmel Sie mit irdischen Gütern so reichlich gesegnet hat, Sie, der Sie einen so guten Gebrauch davon machen. Wie wird sich Helene freuen, wenn ich ihr diese Nachricht mittheile!“

„Führen Sie mich zu ihr, ich werde sie ihr selbst mittheilen.“

„Kommen Sie, kommen Sie, Herr Consul, die Kranke hat oft nach Ihnen gefragt!“

Der Pfarrer führte den Gast in ein Giebelstübchen, dessen Fenster nach dem Friedhofe hinausgingen. Eine alte Bäuerin saß am Tische und strickte.

„Sie schläft!“ flüsterte sie den Eintretenden entgegen, indem sie auf die geschlossenen Gardinen eines großen Himmelbettes deutete – „schon eine Viertelstunde.“

„Stören wir sie nicht!“ murmelte der Consul. „Ich komme in einigen Tagen wieder.“

„Nur einen Blick!“ flüsterte der Pfarrer, indem er leise die Vorhänge auseinanderzog.

Der Consul faltete unwillkürlich die Hände, als er das freundliche Gesicht eines alten Mütterchens in den schneeweißen Kissen sah. Tausend Furchen, vielleicht mehr von Gram als von Alter erzeugt, durchzogen dieses bleiche Gesicht mit den schmalen Lippen. Eine weiße Nachthaube mit feinen Spitzen bedeckte den Kopf, in dessen Schläfen sich einige weiße Löckchen zeigten. Ruhig und mild, wie die herbstlose Abendsonne, die vor dem Fenster in dem gelben Weinlaube webte, waren die Züge der regungslos Schlummernden. Die magern Hände lagen gefaltet, als ob die Kranke gebetet, auf der Brust, die von keinem Athemzuge gehoben ward. Die Augenlider mit den langen weißen Wimpern waren halb geschlossen, und das starre Auge sah auf die Brust herab.

„Mein Gott, mein Gott,“ flüsterte der Pastor, der die Kranke scharf angesehen hatte, „das ist nicht die Ruhe des Schlafes – nein, wahrlich nicht – sehen Sie das gebrochene Auge, die starren Lippen –!“

Bestürzt schwieg er einige Augenblicke. Dann ergriff er die Hand Mutter Helenen’s. Thränen rannen über die gefurchten Wangen des Greises, indem er mit bebender Stimme sagte: „Sie schläft den ewigen Schlaf – ihre Hand ist starr und kalt, die Hand, die zwanzig Jahre für mich gearbeitet hat! Helene, Helene, treue Seele! Ja, sie antwortet nicht mehr! Ihr Auge ist gebrochen, ihre Lippen sind stumm! Helene, Du hast einen sanften Tod gehabt, den Tod der Gerechten!“

Weinend neigte sich der greise Pfarrer, küßte die starre Hand und legte sie auf die Brust zurück. Dann blieb er ruhig stehen und ließ seinen Thränen freien Lauf, die wie Perlen auf die schwarze Tuchweste rannen. Das Antlitz Mutter Helenen’s, von der Abendsonne beleuchtet, schien dem Trauernden Trost zuzulächeln. Das waren wirklich die Züge eines Menschen, der ohne Kampf und in der Hoffnung auf ein besseres Leben aus dieser Welt verschieden ist.

Dem Consul ward seltsam zu Muthe; zitternd wandte er sich ab und trat zu dem Fenster. Da sah er die Gräber, Leichensteine und Kreuze des Friedhofes. Er verließ das Sterbegemach und flüchtete sich in das Zimmer des Pastors, das die Aussicht in den Garten bot. Bald erschien auch der Greis, der seine Fassung wiedererlangt hatte.

„Nun stehe ich allein in der Welt,“ sagte er; „die letzte treue Seele hat mich verlassen. Mein Haus wird öde und leer sein, [560] da die schaffende Hand der guten Helene fehlt. So schwindet Alles nach und nach hin, bis auch die Reihe an mich kommt.“

„Herr Pastor, ich weiß Ihren Schmerz zu würdigen, da ich die Verstorbene gekannt habe. Wissen Sie, daß ich mir vorgenommen hatte, ihr ein Legat auszusetzen? Schade, daß sie gestorben ist.“

„Sie hat stets mit großer Liebe von Ihnen gesprochen, Herr Consul, und wenn Sie kamen, freuete sie sich wie ein Kind.“

„War Helene mit Ihnen verwandt, Herr Pastor?“

Der Pfarrer schien Trost darin zu finden, von der Verstorbenen zu sprechen; er ward redselig.

„Nein, sie war nicht mit mir verwandt, ich kenne nicht einmal ihre Familie.“

„Aber, wie ist sie denn zu Ihnen gekommen?“ fragte der Consul.

„Ihnen, lieber Herr, kann ich es erzählen; es weiß es bis jetzt kein Mensch. Nehmen Sie Platz, mir wird die Brust leichter, wenn ich mich aussprechen kann. Es sind diesen Herbst zwanzig Jahre, als ich eines Abends von meinem Filialdorfe zurückkehrte, wo ich mich länger, als ich eigentlich sollte, bei einem fröhlichen Kindtaufsschmause aufgehalten hatte. Mein Weg führte mich an dem Posthause vorbei, das dort unten an der Chaussee liegt. Als der Posthalter mich sieht, ruft er mich an. „Herr Pastor,“ sagt er, „in meinem Hause liegt eine fremde Dame schwer krank; sie hat ihre Reise unterbrechen und hier bleiben müssen. Der Arzt erklärt ihre Krankheit für bedenklich, und auch die Dame muß ihr nahes Ende fühlen, denn sie verlangt einen Geistlichen. Ich wußte, daß Sie zurückkehren würden, und habe Sie erwartet.“ Ohne Zögern ließ ich mich zu der Kranken führen; sie war eine Dame von vielleicht dreißig Jahren, aber trotz ihrer Blässe schön. Lächelnd streckte sie mir ihre vor Fieberhitze brennende Hand entgegen und sagte:

„Ich fühle, daß ich sterben muß, darum ersuche ich Sie, mir in meinem letzten Stündlein beizustehen und ein Geheimniß zu empfangen, das ich nicht mit mir aus der Welt nehmen möchte. Zuvor aber muß ich Ihnen, da Sie ein protestantischer Pfarrer zu sein scheinen, das Bekenntniß ablegen, daß ich eine Katholikin bin.“

„Madame,“ antwortete ich, „wir haben hier weit und breit keinen katholischen Geistlichen, darum erachte ich es um so mehr für Christenpflicht, Ihnen die Segnungen der Religion angedeihen zu lassen, die unser Herr für Alle gestiftet hat. Ich bin der Diener des Gottes, den alle Christen, ohne Unterschied der Confession, verehren. Wollen Sie sich mir anvertrauen, so werde ich mein Amt redlich verwalten.“

„Ich bin eine arme, unglückliche Frau!“ begann sie schluchzend. „Ein gewissenloser Mann hat mich meines Vermögens und meines Kindes beraubt. Vielleicht habe ich dieses Unglück verdient, aber Gott bestraft mich doch zu hart.“

„Haben Sie sich eines Vergehens wegen Vorwürfe zu machen?“ fragte ich.

„Hören Sie mich an, ob ich schuldig bin. Nach dem Tode meines ersten Mannes, mit dem ich zwar nur zwei Jahre, aber sehr unglücklich verheirathet war, zog ich mit meiner zweijährigen Tochter nach Köln, wo ich ruhig von dem Ertrage eines Gutes leben wollte, das mir mein Vater als Erbtheil hinterlassen hatte. Da lernte ich einen jungen Mann, einen Maler kennen, der mich und mein Kind portraitirte. Die heftigste Leidenschaft erfaßte mich für den Künstler, ich nahm seine Bewerbungen an und ward seine Frau, in der Hoffnung, nun das Glück zu finden, das mir in meiner ersten Ehe versagt gewesen war. Ein Jahr verfloß und ich hatte allen Grund, mich glücklich zu preisen. Da plötzlich bemächtigt sich meines Mannes eine Schwermuth, die mich tief bekümmerte. Ich dringe in ihn und er gesteht mir endlich, daß er leichtsinnig eine Heirath mit einer Schweizerin geschlossen habe, die er nicht lieben könne. Diese seine erste Frau befinde sich in Köln und scheine ihn zu suchen. Von ihrem heftigen, rohen Charakter wäre Alles zu fürchten. Er bat mich um Verzeihung, daß er mir dieses Geheimniß verschwiegen habe, aus Furcht, ich möchte ihm meine Liebe und meine Hand entziehen; er schwor, daß er nur aus Leidenschaft zu mir gesündigt habe. Ich verzieh um so leichter, da auch ich ihn leidenschaftlich liebte. Wir verließen Köln und wohnten still und eingezogen. Aber auch hier fand mein Mann keine Ruhe; er sagte mir, daß er die Papiere nachgemacht habe, die zu unserer Trauung erforderlich gewesen. Es bot sich mir eine günstige Gelegenheit, mein Gut zu verkaufen, und wir beschlossen, mit den erlösten hunderttausend Thalern nach Amerika auszuwandern. Mein Mann reist mit dem Kinde nach Bremen voraus und nimmt unser Vermögen mit sich, während ich in Köln die letzten Geschäfte besorge. In dem Augenblicke, als ich in die Post steigen will, verhaftet man mich; ich soll aussagen, wo sich mein Mann befindet, der wegen Bigamie und Fälschung von Papieren angeklagt ist. In dem Verhöre stand mir seine erste Frau gegenüber, eine derbe, rohe Schweizerin, mit der ein gebildeter Mann unmöglich leben konnte, obgleich sie hübsch von Gesicht war und einen schönen Körper hatte. Ich begriff die Gefahr meines armen Mannes und beschloß, ihn dadurch zu retten, daß ich aussagte, er wäre mit meinem Vermögen davongegangen, wohin könnte ich nicht sagen. Dadurch vermehrte ich zwar seine Schuld, aber ich rettete ihn, den ich für schuldlos hielt, vom Verderben. Was er gethan, hatte er ja aus Liebe zu mir gethan. Nachdem ich beschworen, daß ich um seine erste Liebe nicht gewußt, als ich ihm die Hand reichte, entließ man mich. Sechs Wochen waren darüber vergangen. Ich reiste nach Bremen, fand aber weder meinen Mann, noch mein Kind. Mit einer Summe von dreitausend Thalern, wegen der ich in Köln zurückgeblieben war, schiffte ich mich nach New-Nork ein, dem verabredeten Ziele. Ich kam an. Ein Jahr lang suchte ich in der großen Stadt – Alles war vergebens. Mein Geld war zu Ende und ich ging mit kummervollem Herzen nach Europa zurück. Jetzt bin ich auf der Reise nach meiner Heimath begriffen, die ich wohl nicht wiedersehen werde. Das ist die Geschichte meines Lebens. Herr Pastor, nehmen Sie dieses Taschenbuch, es enthält die Namen meiner Familie und meines Mannes. Oeffnen Sie es, wenn ich todt bin, damit Sie wissen, wer die Unglückliche war, deren Sie sich angenommen. Ich schwöre im Angesichte Gottes, daß ich die Wahrheit gesagt habe!“

„Nachdem ich ihr die Tröstungen der Religion ertheilt, trat eine heftige Krisis ein; ich übergab sie dem Arzte, der zurückgekehrt war, und ging nach Hause. Damals lebte meine Gattin noch; ich theilte ihr den Vorfall mit. Wir empfanden das innigste Mitleiden mit der armen Frau, deren Lebensglück durch so seltsame Umstände vernichtet war. Am nächsten Morgen machte ich mit meiner Gattin einen Spaziergang nach dem Posthause; der Postmeister sagte uns, daß die Kranke die Krisis überstanden habe und wahrscheinlich genesen werde, sie habe schon nach mir gefragt. Wir gingen zu ihr; schmerzlich lächelnd empfing sie uns. Meine Therese nahm sich ihrer freundlich an. Als die Kranke das Bett verlassen konnte, hatte sich zwischen den beiden Frauen ein Freundschaftsband geknüpft, das ich nicht zerreißen mochte. Der erste Gang der Fremden war der in unsere Pfarre. Ich ließ mich gern bereit finden, sie so lange in meinem Hause aufzunehmen, bis sie völlig zur Weiterreise gestärkt sei. Es verflossen Wochen, Monate – die Fremde, die sich Helene nannte, blieb. Da trat die langwierige Krankheit meiner armen Frau ein, und Helene war ihr sieben Jahre die treueste Pflegerin; sie allein leitete die Wirthschaft, sie allein wachte bei der Kranken, bis der Tod den furchtbaren Leiden derselben ein Ende machte. Von da an blieb Helene meine treue Wirthschafterin, und ich muß ihr heute nachsagen, daß sie eine treue Seele war, die ihr Leiden mit Muth und Ergebung getragen hat.“

Der Consul hatte mit ernstem Gesichte zugehört; es standen große Schweißtropfen auf seiner hohen Stirn, als der Pfarrer seine Erzählung schloß. Er schien unschlüssig zu sein, ob er gehen oder bleiben sollte.

„Die arme Frau!“ murmelte er.

Der Pfarrer trocknete seine Thränen.

„Herr Pastor,“ fragte der Consul mit Anstrengung, „warum haben Sie mir den Familiennamen Helenens und den ihres zweiten Mannes nicht genannt?“

„Weil ich ihn nicht weiß!“ antwortete treuherzig der alte Pfarrer.

„Sie wissen ihn nicht?“

„Nein, denn ich habe das Portefeuille noch nicht geöffnet. Und wozu auch war es nöthig? Bedurfte es eines Namens, um die arme Frau mehr zu lieben? Sollte ich sie durch Mißtrauen kränken? Ich erfülle treulich ihren Wunsch; nun ist sie todt, sobald ich ihre Hülle der Erde übergeben habe, werde ich das Portefeuille öffnen.“

[561] „Die Sache interessirt mich,“ sagte der Consul, indem er hastig aufstand. „In einigen Tagen sehen Sie mich wieder –“

„Dann werde ich Ihnen den Namen unserer unglücklichen Freundin nennen.“

Leberecht verließ das Pfarrhaus und eilte nach seiner Villa, die er, in Schweiß gebadet, erreichte, als der letzte Sonnenstrahl verschwunden war. Joseph empfing ihn und half ihm beim Auskleiden.

„Wann wollen der Herr Consul zur Nacht speisen?“

„Ich bin krank, Joseph!“

„Man sieht es Ihnen an, lieber Herr.“

„Nicht wahr, mein Gesicht ist bleich, mein Auge matt, meine Lippen beben vor Frost?“

„Ja, Herr Consul.“

„Bringe mich zu Bett!“

„Soll ich den Arzt holen?“

„Nein! Hu, wie mich friert!“

Leberecht schauderte wirklich wie ein Fieberkranker zusammen. Er legte sich zu Bett.

„Joseph, lies mir aus der Bibel vor.“

„Ja, Herr Consul!“

Der lange Diener setzte sich neben das Bett, befestigte eine Hornbrille auf seiner Nase und begann in einem feierlichen Tone zu lesen. Nach einer Viertelstunde verrieth ein lautes Schnarchen, daß der Kranke eingeschlafen war. Joseph erhob sich, legte die Bibel bei Seite und ging in ein freundliches Zimmer neben der Küche, um mit der Haushälterin ein gutes Abendessen zu genießen. Von dem kranken Herrn war keine Rede, die Domestiken wußten, daß er am nächsten Morgen wieder genesen sein würde. Und so kam es. Um neun Uhr erschien Alexander von Windheim zum Frühstück und um zehn Uhr ging er mit dem Consul auf die Jagd. Das Hauptthema ihres Gesprächs war die Verderbtheit der Welt.

(Fortsetzung folgt.)




Die Adelphi-Bogen in London.

Wer in London gewesen ist, wird sich unter den Hauptverkehrsstraßen gewiß des ewigen Wagengedonners und Menschengewühls erinnern, womit der breite, lange „Strand“ zwischen Westend und City an der Themse entlang fortwährend bersten zu wollen scheint. Diese Hauptverbindungsader zwischen Westend (speciell Westminster) und der City, der Strand, ist breit genug und London fabelhaft groß. Aber die beinahe drei Millionen Menschen haben duraus nicht Raum darin. Zwischen den Tausenden und Zehntausenden von Häusern und Palästen gehen stets etwa 30,000 Menschen umher, die sich durchaus kein Dach und Fach über den Kopf, geschweige ein Bett verschaffen können. Auf den Straßen duldet sie des Nachts die Polizei auch nicht, wenn sie liegen bleiben, jedoch ohne sie zu arretiren. Wer unter polizeilichem Dache schlafen will, muß sich durch ein besonderes Verbrechen diesen Vorzug erkaufen. Die „Obdachlosen von Profession“ lieben aber das polizeiliche Obdach so wenig, daß sie durchaus nichts dafür geben, nicht einmal ein Verbrechen. Sie ziehen ihre Freiheit „unter der Erde“ aller polizeilichen Fürsorge vor. Sie begraben sich lieber lebendig, um frei zu bleiben, statt sich durch die Anstrengung eines Verbrechens Obdach zu verschaffen. Auf der Erde ist des Nachts kein Platz, keine Schlafstelle, kein Bett für sie. So verkriechen sie sich unter Brücken, Thorwege, Wagen, in offen liegende Gas- oder Wasserröhren, in unvollendete, zerfallene Häuser, oder wickeln sich in Straßenwinkeln auf den Steinen zu unförmlichen Haufen zusammen, um sich gegenseitig – Alt und Jung beiderlei Geschlechts – schlafend mit ihren Lumpen zu erwärmen. Die Polizei, welche dies nicht dulden darf, geht solchen Haufen Unglück gern aus dem Wege, da sie das schlafende Elend höchstens aufstören, ihm aber kein Obdach verschaffen kann. Die fetten Vorsteher der Armen- und Arbeitshäuser, für welche das Publicum fabelhafte Massen Armensteuer zahlt, halten ihre Thore gern geschlossen, und weisen oft die von Polizei und Magistrat unterstützten Ansprüche der Aermsten und Elendesten ab. Die Obdachlosen von Profession wohnen nirgends, und der Anspruch des letzten, tiefsten Elends auf’s Armenhaus braucht gesetzlich blos berücksichtigt zu werden, wenn ein jahrelanger Aufenthalt in dem betreffenden Bezirke nachgewiesen wird.

Dies erklärt die beispiellos massenhafte, tiefste Armuth und allnächtlich dreißigtausendfache Obdachlosigkeit in der reichsten, größten, unter der schwersten Armensteuer seufzenden Stadt der Welt.

Wo und wie alle übernachten, diese Dreißigtausend, wie sie durch Nacht und Nebel, Regen, Kälte und Schnee immer wieder hindurchkommen, und jeden Tag wieder die reichste Stadt der Welt mit den elendesten, schmutzigsten Lumpen bedecken, bleibt ein Wunder. Nur solche unterirdische Herbergen, wie die „Adelphi-Bogen“ am Strand, erklären es einigermaßen. Die kleinen Nebenstraßen im Süden des Strandes laufen ganz steil hinunter in die Themse. Nur ein Theil dieser südlichen Abläufer, Adelphi genannt, steht ganz eben und wohlhabend bis an die Themse auf ungeheuern Steingewölben, die vom Flusse und den Nebenstraßen her in mannichfaltigen Windungen unter den „Adelphi-Gebäuden“ hinlaufen. Dies sind die berüchtigten „Adelphi-Bogen“ („Adelphi-Arches“), welche nun schon seit Monaten in den englischen Zeitungen eine hervorragende, locale Rolle spielen. Man hat sie erst neuerdings entdeckt, und London ist voller Erstaunen darüber, wie das so oft vorkommt. Jahrhunderte lang mitten in der großbritannischen Hauptstadt schreiende Uebel bestehen ruhig mitten unter Crösus’ und höchster Civilisation fort, ohne daß ein „respektabler Mensch“ jemals etwas davon hört, bis die Presse sich einmal plötzlich eines solchen, Jahrhunderte lang schreienden Uebels bemächtigt und es zum Tagesgespräch macht. Das dauert eine Zeit lang, bis ein anderes schreiendes Uebel Mode wird, und das schreiende überschreit.

Das unterirdische Leben und Streben in den Adelphi-Bogen wurde zunächst durch den Geruch entdeckt. Die respektablen Bewohner darüber klagten der Polizei, daß es von unten auf immer unerträglich röche. Zugleich klagte man, daß es Nachts da unten nicht geheuer sei, und diabolischer Höllenlärm zuweilen heraufdringe. Am Aergsten sei’s Sonntags während des Gottesdienstes, den die Polizei von Außen schützen muß, so daß sie während der Zeit alle die Tausende von Greisen, Kindern, Mädchen und Jungen, welche allerhand Eßwaaren und Leckerbissen durch alle Straßen mörderlich ausschreien, vertreibt. Viele flüchten sich dann unter die Adelphi-Bogen, in welche die Heiligkeit des Sonntags nicht hinabdringt, so daß dort nun während des Gottesdienstes immer der originellste, anarchischste Sonntags-Wochenmarkt entsteht und skandalös in die öde, düstere Langeweile des obern englischen Sonntags thatsächlich heraufstinkt.

Ich machte zwei Höllenfahrten in diese Unterwelt, eine bei Tage und die andere bei Nacht, um die unterste Schicht, auf welcher sich der verworrene, feudal verrottete, stolze, von Allen, die sie nicht kennen, bewunderte Bau der englischen Gesellschaft erhebt, von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen.

Ich stieg hinunter aus dem Getöse und dem Lädenglanze des Strandes in eine Nebenstraße, und bog dann (mit zwei tapferen Freunden) rechts ab in lange, dunkele, überwölbte Passagen mit finster gähnenden Nebenpassagen und feuchten, dumpfen Kellergewölben. Oben war trockne Hitze. Hier hauchte uns auf schmierig-schlüpfrigem Wege eine kalte, feuchte, stinkende Verwesung entgegen. Es sind die Triumphbogen des tiefsten Elends, die Ehrenpforten materiellen und moralischen Auswurfes aus der reichsten und größten Stadt der Welt. Vergebens gähnen die Kloakenthore von der Themse unten herauf, um den hier aufgehäuften Schmutz zu verschlingen. Der Auswurf hat hier seine Residenz, sein Schloß: hier darf nicht gereinigt werden. Hier darf nie ein Sonnenstrahl sich sehen lassen, weder einer vom Himmel, noch ein menschlicher aus einem edeln Herzen. Das Edelste und Schönste erstarrt hier, wird hier zusammengedrückt oder als sinnloses Entsetzen davon gejagt. Wäre ich doch auch sofort davon geflohen, wenn meine tapfern Freunde mir nicht zugeredet hätten. Es galt, diese Welt kennen zu lernen. Also immer weiter, immer tiefer! Unsere Worte klangen uns selbst fremd, wie dunkel verhallende, uns selbst unverständliche Stimmen böser Dämonen, die bald aus schwarzen [562] Seltenhöhlen, bald aus grauroth umhoften Gasflammen (der Sonne und der Sternenwelt dieser unterirdischen Colonie) zu kommen schienen. Die spärlich und matt leuchtenden Glasflammen verschleiern die Oede und den Schmutz mehr, als sie ihn zeigen. Im Uebrigen sieht man nichts, als hier und da einen Stein, ein verfaultes Stück Brett, einen Schmutzhaufen in den Winkeln der Bogen – die Kopfkissen und Schlummerrollen der jetzt wandernden, in der Oberwelt handelnden, bettelnden, stehlenden, in unzähligen, fabelhaften Weisen um das nöthige Kupfer speculirenden Bevölkerung. Am Tage bleibt blos die Ausstattung, das Mobiliar dieser Paria’s zurück, der Schmutz, die gleichmäßige, auch während der Hundstage mit kaltem Schauer überrieselnde, feuchte, schmutzige Kälte, die verschimmelte Trostlosigkeit dieser Tropfsteinhöhlen des tiefsten Jammers der Menschheit. Es ist schauerlich still hier unten. Desto donnernder und die dicken Mauerbogen in ihren Fugen erschütternd knattert ein schwerer Wagen durch einen der Hauptbogen heran. Im trüben Gaslichte erglänzt das Eis, womit er beladen ist. Es sind Eiskeller hier unten, aus welchen Conditoren und Apotheker ihren kühlenden Trost für die fiebernde Oberwelt beziehen, außerdem Bier- und Wein- und sonstige Waarenlager, grimmig fest mit eisernen Thoren und Riegeln verschlossen. Die Eislager zeichnen sich in diesen dauerhaft kalten Regionen noch durch eine besonders eisige Atmosphäre aus, welche die Bewohner dieser Urwelt stets so lange sorgfältig vermeiden, als irgendwo noch Winkel und Abhänge unbesetzt ober vielmehr unbelegt sind.

Das ist die Architektur und Physiognomie dieser Unterwelt bei Tage. Ihr Leben kann man nur bei Nacht sehen.

Es war nach elf Uhr Abends, als wir zum zweiten Male in diese Dante’sche Hölle Londons eindrangen. Einzelne ermüdete Wanderer und Familiengruppen mit Kindern an den Lumpcn der Mutter hängend und auf deren Armen tiefschlafend hingesunken, selbstständige Jungen und Mädchen, zum Theil mit Bruchstücken von Körben und Waaren darin (Wasserkresse, Wallnüsse, Meerschnecken, gekochte Schafpfoten, geräucherte, faule Fische u. s. w.) wandern von verschiedenen Richtungen herein. Hier und da kauern und liegen schon Lumpen einzeln oder zusammengehuddelt auf den schmutzigen Steinen oder an die feuchte Mauer gelehnt. Andere stieren oder lugen noch umher, eine besonders günstige Schlafstelle zu ermitteln, noch Andere schreien noch lustig ihre Waarenreste aus, und hier und da findet sich sogar ein Käufer. Zwei oder drei Mal begegneten wir Policemen, die mit ihren Blendlaternen grell und schnell in dunkele Lumpenhaufen hineinblitzten, um vielleicht irgend einen bekannten, geschäftsmäßigen Verbrecher zu entdecken und mit Bezug auf eine neueste Unthat, die in deren „Geschäftskreis“ fällt, zu untersuchen.

Horch, was wird dort ausgeschrieen? Betten?

„Betten! Betten! Betten! ’n Penny für die Nacht, nur’n Penny! Wasser, Seife und Feuer zum Kochen – Alles für’n Penny! Jetzt ist Ihre Zeit, Ladies und Gentlemen, jetzt ist Ihre Zeit!“

In den niedrigsten Winkeln, wo noch Hoffnung auf den miserabelsten kupfernen Gewinn ist, stellt sich die Speculation und die Geldmach-Leidenschaft dieses furchtbaren Babylon ein und versucht und macht Geschäfte und Geld.

„Betten! Betten! Betten! ’n Penny für die Nacht, nur ’n Penny! Wasser, Seife und Feuer dazu – Alles für ’n Penny!“

Das Individuum, aus dessen schrillem, heiserem Halse dieses Evangelium der Nacht verkündigt wird, ist der Gesandte eines menschenfreundlichen Juden, der in einer der schauderhaftesten Winkelstraßen bei Coventgarden ein sogenanntes „Logir-Haus“ mit den Vorschriften der Parlamentsacte nicht ganz im Einklange hält, ohne dafür verrathen und bestraft zu werden. Er und die, welche ihn zur Strafe ziehen könnten, wissen recht gut, wie man’s macht, um geschäftsmäßig dem Parlamente und der Polizei zu trotzen.

„Penny die Nacht! Penny die Nacht! Noch mehr Ladies und Gentlemen, die für ’n Penny gut schlafen wollen? Jetzt ist Ihre Zeit! Penny die Nacht, only one penny!“

Für Manchen dieser obdachlosen Unterweltler, die noch im Beginn ihrer Laufbahn stehen und denen die Adelphi-Bogen und das menschenfreundliche Judenhaus noch neu sind, kommt diese frohe Botschaft wie die Stimme eines versöhnenden Friedenengels aus der Gesellschaft oben – seinem grimmigen Feinde. Anderen verursacht die Verkündigung derselben frohen Botschaft Magen- und Gewissensbisse. Sie haben keinen Penny oder wollen ihn zum Frühstück sparen. Ungefähr ein halbes Dutzend finden den Penny und contrahiren für ein Bett mit Wasser, Seife und Feuer zum Kochen. Einige Neulinge zahlen sogleich, Andere halten ihr kostbares Goldstück zurück, um erst zu sehen, was ihnen dafür geboten wird.

„Penny die Nacht! Penny die Nacht! Noch mehr Ladies und Gentlemen, die Nachtquartier, Bett, Wasser, Seife und Feuer zum Kochen für ’n Penny wünschen?“

Keine Candidaten mehr. Unter 3–400 Ansiedlern in dieser Unterwelt blos sechs oder sieben, die einen Penny für solch’ ein kostbares Nachtquartier haben oder erübrigen können. Also alle die Uebrigen siedeln sich in dieser Unterwelt an? Nein! Hört, welch’ seltsame Scene!

„Welche Lady oder welcher Gentleman,“ schreit der Juden-Agent, „wünscht ein Nachtquartier für’n Farthing?“[1]

„Ich und ich und ich! Ich auch! Auch ich!“ schreien unzählige Stimmen durcheinander und drängen sich zu dem Menschenfreunde.

„Gut! gut! Wart’t ’mal!“ schreit er abwehrend. „Kann irgend ’n Gentleman oder ’ne Lady hier ein Nachtquartier mit Federbett erster Classe, Kopfkissen, Nachtquartier, Wasser, Seife und Feuer zum Kochen für ’n Farthing erwarten? I, da ist ja die Seife allein mehr werth!“ (Ganz gewiß, wenn sich Einer der Candidaten damit rein wüsche.)

„Na, denn halt’t uns nicht weiter für’n Narren, Gov’nor![2] Wir sind müde. Wozu denn nun das Geschrei?“

Aber der Menschenfreund läßt seine Gelegenheit nicht fahren.

Er weiß, wie man auch aus der versunkensten Armuth noch Geld auskitzeln kann.

„Je vier Ladies oder Gentlemen geben Jeder ’n Farthing. Macht ’n Penny. Die Vier werfen dann (mit einer Münze) und wer zuerst Kopf hat (wessen Geldstück geworfen zuerst die Seite mit dem Kopfe oben hat), der hat das Bett gewonnen mit Wasser, Seife und Feuer zum Kochen. Das ist unser Geschäft!“

Ueber Dante’s Hölle stand: „Wer hier eintritt, lasse die Hoffnung zurück!“ In Londons Hölle zieht sie mit ein. Keine menschliche Lage, kein in den tiefsten Schmutz zusammengetretenes Elend, kein abgejagtes, zum letzten Athemzuge niederbrechendes Menschenherz, wo nicht die Hoffnung noch ein letztes Trostfünkchen erwecken könnte. Auch hier gibt’s noch materielle und moralische Vermögensgrade. Ehrgeiz, Trost, Hoffnung auf eine günstige Drehung des Glücksrades – man findet sie gar noch unter den Adelphi-Bogen. Mancher Marquis, nach dem „Herzog“ strebend, mancher geheime Rath mit dem „vierten“ und auf den Adlerorden dritter Classe hoffend, mancher Crösus, um das letzte Tausend zur vollen Million kämpfend, blickt mit matterer Aufregung auf die entscheidende Wendung, als diese je vier Farthing-Lotteriespieler auf den Fall ihrer dem Schicksal in die Höhe geworfenen Münzen. Welch’ eine Spannung, wenn der Farthing in die Höhe geworfen wird und klanglos unter der Laterne in den Schmutz fällt! Welch’ strahlende Freude in dem verkümmerten Gesichtsschmutze des Glücklichen, der das Bett gewann! Mancher fordert das Schicksal mit einem zweiten Farthing noch einmal heraus, blos um der Lust der Aufregung willen. So bildet der Judengesandte unter der Gaslaterne manche Spielergruppe von je vier Personen mit eifrig stierenden Zuschauern. Das Glück der Gewinnenden, die glühende Beredsamkeit des Judengesandten, der die himmlischen Freuden eines Federbettes erster Classe für’n Penny malt, treiben manche Hand hinunter in unentwirrbare Labyrinthe von Fetzen und Lumpen, um den irgendwo verkrochenen Farthing auszuforschen und damit das Glück herauszufordern.

Nachdem der Judengesandte aus allen Taschen die letzten Farthings herausgezaubert und aus je vier Spielern einen Glücklichen extrahirt hat, geht er mit seinen Penny-Candidaten und seinen glücklicheren Farthing-Auserkornen wie ein Werber mit seinen Rekruten ab, um je Vier auf einen Sack voll Stroh und Werg und zwölf bis sechzehn Personen ohne irgend eine Rücksicht auf Alter und Geschlecht in je eine miserable kleine Höhle des Judenhauses zusammenzupferchen.

[563] Nachdem so die Aristokratie unter den Adelphi-Bogen ausrangirt ist, schiebt und huddelt sich das zurückbleibende letzte, hoffnungslose Elend auf den schmutzigen Steinen zusammen, wie es eben gehen will, um bleicher, schmutziger, schleichender einen neuen trostlosen Tag oben zu erwarten. Es wird still unten. Deshalb wird eine jämmerlich winselnde Säuglingsstimme schauerlich vernehmlich. Sie dringt matt und heiser aus einer fernen Schlucht hervor. Wir treten näher. Eine ferne Laterne wirft ihren schwachen Schimmer auf ein bläuliches, versunkenes Muttergesicht. Gott, diese zusammengebrochene, zitternde Gestalt ist eine Mutter! Das Kind schweigt einen Augenblick und saugt mit aller seiner Kraft an verwelkten ausgetrockneten Brüsten, um nach der neuen, vergeblichen Anstrengung noch elender und schwächer zu winseln. Die Mutter kauert bewegungslos, aber bei näherem Anblick, während wir in unsere Taschen griffen, hörten wir ihren gurgelnden, fieberischen Athem und sahen das Zucken ihrer weißen, knöchernen Finger. Sie sank mit ihrem Gesichte tiefer und wehrte unsere gebotene Gabe ab. – Dies durchrieselte uns wie ein Blick in das tiefste, unsäglichste Elend des Menschenherzens.

Andere Hände streckten sich aus und umringten uns, aber kräftige. Wir sahen so viele Greisengerippe und krankes Elend heraufschimmern, daß wir standhaft abwehrten und überzeugt, daß hier das aufopferndste Mitleiden ohnmächtig sei und just in die noch kräftigsten Hände fließen werde, uns so schnell als möglich zurückzogen.

Die abwehrenden, zitternden Finger der sich verhüllenden Mutter blieben vor meinen Augen; die ohnmächligen Winseltöne des Säuglings in meinen Ohren. Sie war glücklich gewesen, hatte geliebt und vertraut. Als die Welt die Folgen sah, stieß man sie von sich, der Begründer ihres Lebensglückes lachte sie aus oder war spurlos verschwunden. Sie wollte nun unter das tiefste Elend sich selbst versenken. Die Themse war nahe. Zwei Tage darauf stand in den Zeitungen unter unzähligen Unglücksfällen und Verbrechen auch, daß man einen weiblichen Leichnam und ein Kind in der Themse gefunden habe.




Das Zuckerrohr, sein Anbau und seine Bearbeitung.
Das Vorkommen des Zuckers im Pflanzenreich überhaupt. – Die verschiedenen Formen des Zuckerrohrs. – Die Anlage einer Zuckerplantage. – Die Art der Zuckerpflanzung. – Die Entwickelung des Rohres und seine Reife. – Die Ernte. – Die verschiedenen Zuckermühlen.

Das Vorkommen des Zuckers im Pflanzenreich ist sehr allgemein; er entwickelt sich bei den meisten Sämereien während des Keimens; man findet ihn in der Blume, aus den Honigdrüsen der Krone ausgeschieden, die zuweilen als eigene Organe auftreten; er scheidet sich durch Hautöffnungen an der Oberfläche reifer Trauben und Feigen aus. Der Zucker ist nämlich einer der gewöhnlichen Nahrungsstoffe der Pflanze und deshalb ebenso häufig vorhanden, wie Gummi, doch findet man ihn nicht wie das Gummi in eigenen Gängen abgelagert, sondern im aufgelösten Zustande im Pflanzensaft. Er wird in und von denselben Zellen gebildet, in welchen sich das Mehl entwickelt, und hat überhaupt eine sehr große Affinität zu diesem. Deshalb sieht man die Zucker und die Mehlbildung zu verschiedenen Perioden im Leben der Pflanze mit einander abwechseln; im reifenden Samen geht gewöhnlich die Zuckerbildung der Mehlbildung voraus, so z. B. bei den Kornarten, bei Erbsen u. s. w.; beginnt der reife Samen den Lebenscyklus der neuen Pflanze beim Keimen, dann wird dieses Mehl wiederum in Zucker und Gummi umgebildet und auf diesem Phänomen beruht z. B. die Malzbereitung. In der Holzsubstanz finden wir gegen den Winter und während desselben viel Mehl in den Markstrahlen abgelagert; im Frühjahre, wenn der Saft nach den Knospen in die Höhe steigt, wird es wieder in Zucker und Gummi aufgelöst.

Man kennt im Pflanzenreich verschiedene Arten Zucker, von denen die wichtigsten Rohrzucker, Schleimzucker oder Syrup, Traubenzucker oder Honigzucker, Mannazucker u. a. m. sind; zuweilen findet man in einer und derselben Pflanze mehrere Zuckerarten vereinigt, so ist der krystallinische Rohrzucker und der unkrystallinische Schleimzucker beim Zuckerrohr zugegen. Da man durch längeres Kochen in Wasser den Rohrzucker in Schleimzucker umändern kann, so ergibt sich schon daraus ihre nahe Verwandtschaft.

Vom Zuckerrohr, so wie von allen Pflanzen, die Jahrtausende unter Cultur des Menschen gewesen sind, kennt man mehrere Formen, die von Einigen als besondere Arten angesehen werden, und die ihre Eigenthümlichkeiten bei der verschiedenartigsten Behandlung und dem verschiedensten Boden behalten. In Amerika findet man vier solcher Formen, von denen besonders die beiden ersten die wichtigsten sind und auf deren ausschließliche Cultur man sich mehr und mehr beschränkt.

Die erste Form ist das ostindische Rohr (Canna creolla im spanischen Amerika), das seit langer Zeit in Amerika angebaut worden ist und deshalb von den jetzigen Amerikanern als eine inländische Pflanze betrachtet wird. Die zweite Form ist das otaheitische Rohr, das die Spanier Canna habanera nennen, weil es zuerst nach Havanna gebracht ward und von dort aus nach dem Festlande hinübergeführt wurde. Die dritte Form ist das blaue oder gestreifte Rohr (Canna veteada), das als eine besondere Art angesehen wird und unter dem Namem Saccharum violaceum Tussac aufgestellt worden ist. Endlich ist die vierte Form das sogenannte braune Rohr (Canna morena), an einzelnen Stellen das gespaltene Rohr (Canna reventador) genannt, es ist das schlechteste von allen und wird ausgerodet, wo man auf den Plantagen aufmerksam darauf wird.

Wir werden zuerst über den Anbau des Otaheitirohr’s sprechen, weil es sowohl in Bezug auf den Zuckergehalt, als auf die Lebensdauer das vortheilhafteste ist, dessen Verbreitung deshalb beständig zunimmt und das nur wegen klimatologischer und geognostischer Verhältnisse daran verhindert wird, das ostindische Rohr zu verdrängen.

Im Allgemeinen ist Waldboden für das Otaheitirohr am dienlichsten, doch hat man in den letzten Jahren in Amerika die Meinung verlassen, daß der Savannenboden zur Zuckerproduction gänzlich unbrauchbar sein sollte. Wenn man in den wellenförmigen Grassavannen nicht gerade die höchsten Plateaus wählt, die wegen des starken Abspülens in der Regenzeit am unfruchtbarsten, in der trockenen Zeit am trockensten sind und aus einem harten eisenhaltigen Thone bestehen, sondern sich vielmehr an die Abdachungen und an die Vertiefungen zwischen den Hügeln hält und dann das Zuckerrohr in parallelen Furchen pflanzt, welche auf den Abhängen horizontal laufen, wodurch das Fortspülen der guten Erde verhindert wird, und nicht nach der alten indianischen Methode vom Gipfel des Hügels nach dem Thalgrund zu pflanzt, wodurch die Furchen in der Regenzeit ebenso viele Canäle werden, durch welche die gute vegetabilische Erde in die Thalvertiefungen hinabgespült und das ganze Terrain nach dem Verlauf einiger Jahre für die Pflanzencultur gänzlich unbrauchbar wird, – so hat die Erfahrung gezeigt, daß man sehr gut das Otaheiti-Zuckerrohr auch in solchen Gegenden bauen kann, was ein großer Vortheil für diejenigen Orte ist, in denen man bereits bedacht sein muß, die Wälder zu schonen.

Man beginnt gewöhnlich mit der Anlage einer Zuckerplantage, indem man den Hochwald mit Beginn der trockenen Jahreszeit niederschlägt; nachdem die gefällten Stämme drei bis vier Monate zum Austrocknen gelegen haben, werden sie angezündet und man läßt durch das Feuer den Pflanzenwuchs zum Vortheil des Bodens, der durch die Asche gedüngt wird, verzehren. Die Reste, welche durch das erste Abbrennen nicht vernichtet worden sind, werden in Haufen gesammelt und angezündet und das Land ist nun zur Bearbeitung offen. Die sämmtlichen Baumwurzeln bleiben in der Erde, da es zu kostspielig sein würde, sie auszuroden, und da ohnedies durch ihr langsames Verfaulen dem Felde eine bedeutende Menge Nahrungsstoff zugeführt wird, jedoch ergibt es sich von selbst, daß man einen solchen Boden nicht mit dem Pfluge öffnen kann, sondern hierzu Ackerbaugeräthe benutzen muß, die vollkommen zweckmäßig und bereits seit Jahrtausenden bei den alten Indianern in Gebrauch gewesen sind. Das wichtigste dieser Geräthschaften ist die sogenannte Tlalacha, ein sechs bis acht Pfund [564] schweres Eiseninstrument mit einem Schafte, auf der einen Seite eine Axt, auf der andern eine Hacke darstellend und auf diese Weise also gleichzeitig dazu geeignet, Baumwurzeln zu durchhauen und den Boden aufzugraben. Das andere Instrument wird Tencole genannt und ist ein kurzschaftiges, axtartiges Krummmesser zum Kappen des Buschwerks, zum Reinigen des Zuckerrohrfeldes u. dgl. dienlich. In den innern Theilen Mexico’s, wo das Zuckerrohr gefunden wird und wo das Land waldfrei, während der Boden sehr steinig ist, wird ein Ackerbaugeräth gebraucht, das man Coa nennt, ein halbmondförmiger Spaten, der sich gut dazu eignet, die Erde zwischen den Steinen aufzugraben und sie an den Seiten aufzuwerfen. Zu denjenigen Waldgegenden, wo das Zuckerrohr bereits seit längerer Zeit gebaut wird und wo der Wald zur Anlage neuer Zuckerrohrfelder niedergehalten wird, wird er nicht ohne Weiteres niedergebrannt, sondern die Bäume werden zerschlagen und alsdann auf Mauleseln in das Zuckerhaus transportirt. Der Verbrauch des Brennholzes auf einer Zuckerplantage ist nämlich sehr bedeutend; auf einer Plantage, welche 20,000 Arrobas[3] Zucker producirt, werden unter den Kesseln und in den Trockenhäusern 4–6000 Faden Holz jährlich verbraucht.

Nachdem das Land gerodet ist, werden die Furchen angezeichnet, welche mit einem scharfen Instrument geöffnet werden sollen, man nennt diese Operation rayar. Die Furchen werden darauf geöffnet und acht Zoll tief, so wie am Boden sechs Zoll breit gemacht und in einem Abstande von 3 bis 41/2 Fuß, je nach der Beschaffenheit des Bodens, parallel gezogen. In diese Furchen werden abgehauene Stücke Zuckerrohrs (semilla) 1/2 Elle lang der Länge nach so gelegt, daß zwei Stücke einander gegenüber an den äußersten Rand der Furche gelegt werden, und ein drittes Stück

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legt man in die Mitte zwischen das vorhergehende und nachfolgende Seitenpaar. Man nimmt zum Anpflanzen am liebsten das halbreife Rohr, weil es saftiger ist und sich länger in der Erde bei eintretender Dürre vor dem Keimen hält; oder auch die abgehauenen Spitzen des Zuckerrohrs, die man sonst nur zu Grünfutter gebraucht, weil sie nicht viel Zucker enthalten. Bei einem Besuche auf einer Zuckerrohrplantage in Matlaluca bei Don Gabriel Torrens erinnere ich mich, vorzügliche Felder mit Otaheitirohr gesehen zu haben, das auf die einfachste und billigste Weise von der Welt gepflanzt worden war, indem die Rohrstücke schräg in Löcher hineingebracht wären, die man mit einem spitzen Pfahl in Entfernung von einer Elle in den Boden gesteckt hatte. Doch nur da, wo der Erdboden sehr reich und das Klima feucht ist, kann diese einfache Methode mit Glück angewandt werden.

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Auf einigen Stellen wird die sogenannte peruanische Zuckerpflanzungsmethode angewandt, nach welcher das Rohr horizontal und gleichsam in Radien in sogenannten Ollas (Töpfen oder Gruben), die mit passenden Zwischenräumen und von 11/2 Ellen Diameter gegraben werden, niedergelegt wird.

Nachdem das Rohr in die Furchen oder in die Gruben niedergelegt Worten ist, wird es mit zwei Zoll Erde bedeckt, und es richtet sich dann nach der Feuchtigkeit der Regenzeit, wie schnell die jungen Schüsse hervorkommen. Die Regenzeit ist unleugbar die beste Jahreszeit zum Pflanzen des Zuckerrohrs, und in dieser Zeit liegt das Rohr selten länger als 20 bis 29 Tage in der Erde, bis es zu keimen beginnt; man kann indessen ohne Risico Zuckerrohr zu jeder Jahreszeit pflanzen, nur liegt es dann zuweilen 8 bis 10 Wochen in der Erde, bevor es keimt. Gleich nachdem das Feld von den feinhervorschießenden Zuckerrohrhalmen grün geworden ist, wird es sorgfältig von allem Unkraut gereinigt, und etwas lose Erde wird mit der Hacke um das Rohr aufgehäuft. Jeden zweiten Monat oder je nach den Umständen wird diese Reinigung wiederholt, und jedesmal wird dann zugleich etwas mehr Erde gegeben, so daß die früheren Furchen nach 4 bis 5 Reinigungen eben so viele Erhöhungen darstellen. Das Zuckerrohr wächst besonders in der Regenzeit, entwickelt aber nicht vielen Zucker; während der trockenen Jahreszeit ist die Entwickelung in die Länge unbedeutend, aber das während der Regenzeit gebildete, saftige, grüne Rohr reift nach, und die Zuckerausscheidung geht reichlicher vor sich. Die während der trockenen Jahreszeit gebildeten Glieder sind kürzer und holziger, die Knoten härter und dicker, die Zwischenglieder dagegen besonders zuckerhaltig.

Das Otaheitirohr erfordert im Allgemeinen 18 bis 22 Monate, um zur Reife zu gelangen, doch gibt es so glückliche locale und klimatische Verhältnisse, unter denen es nicht mehr als 11 bis 12 Monate bedarf, um bis zur Vollkommenheit zu gedeihen. Die Reife des Rohres erkennt man an mehreren sichern Zeichen. Die Blätter verwelken von unten nach der Spitze zu, das Rohr nimmt eine canariengelbe Farbe an, welche an der Sonnenseite selbst ins Röthliche spielt; das abgehauene Rohr, während mehrerer Tage in die Sonne gelegt, schrumpft weder zusammen noch bekommt es Spalten. Das untrüglichste Zeichen gibt indessen die Probe über den Zuckergehalt des Rohrs im Kochhause. Mit dem Aërometer geprüft, zeigt nämlich der Saft des völligreifen Rohres 111/2 bis 14°, während der des unreifen Rohres höchstens 10 bis 11° zeigt.

Der Unterschied im Product ist beinahe unglaublich. 420 Kannen Saft aus reifem Rohr geben 450 bis 500 Pfund Melado[4] von 37 bis 38° dem specifischen Gewicht nach; dieselbe Quantität Saft aus unreifem oder verkrüppeltem Rohr gibt im günstigsten Falle 350 bis 400 Pfund. Außer dem Nachtheil, welchen man in der Ausbeute hat, wenn das Rohr zu früh geschlagen wird, kommt noch hinzu, daß der Melado aus reifem Rohr, nachdem er kalt geworden, viel dicker ist und sich während mehrerer Monate hält, wogegen der aus unreifem Rohr dünn wird und sehr leicht in saure Gährung übergeht.

Das Zuckerrohr wird mit krummen Messern dicht über der Wurzel geschlagen, die Blätter werden abgestreift, und die Spitze gekappt, welche Theile man zum Füttern, zum Dachdecken, oder auch die letzteren, wie bereits angeführt, zum Pflanzen verwendet. Das Rohr wird darauf in Bündel zu 25 Stück zusammengeschnürt, nachdem das ungewöhnlich lange Rohr durchhauen worden ist, um den Transport zu erleichtern, derselbe wird vermittelst Maulthieren oder auf Karren zur Mühle bewerkstelligt. Die Länge des reifen Zuckerrohrs ist äußerst verschieden, von 6 bis 20 Fuß; als Mittellänge kann indeß 10 bis 12 Fuß angegeben werden.

Die Zuckermühlen sind in Amerika von sehr vcrschiedner Construction, und wir können hier nicht auf die nähere Beschreibung derselben eingehen. Es mag genügen, wenn wir anführen, daß man alle Formen findet, die einfachen und äußerst unvollkommenen altindianischen Handmühlen[5], die plumpen spanischen Mühlen mit Holzwalzen, welche durch Hülfe von Ochsen oder Maulthieren bewegt werden, die verbesserten amerikanischen mit horizontalen oder perpendiculairen Metallwalzen, oberschlächtige und unterschlächtige Wassermühlen, sowie auch die vorzüglichsten Dampfmühlen. – Eine Zuckermühle mit drei Walzen, welche von acht Maulthieren in Bewegung gesetzt wird, und acht bis zehn Stunden arbeitet, kann 7500 Stück Rohr auspressen, die hundert Barilen Saft (Caldo), gleich 3400 Kannen, geben. Diese 7500 Stück Rohr wachsen auf einem Terrain, welches 24 Furchen der Zuckerpflanzung, eine jede von 90 Ellen Länge, enthält.

In der Zuckermühle sind zwei Trapicheros damit beschäftigt, das Rohr nach den Walzen zu tragen; bei diesen sind zwei Metedores so hingestellt, daß der eine das Rohr zwischen die Walzen steckt, während der andere das zerquetschte Rohr auf der entgegengesetzten Seite in Empfang nimmt, das wiederum durch die obersten Walzen gebracht wird, worauf es der vorderste Metedor empfängt und als ausgepreßt fortwirft. Zwei Bargasseros tragen das ausgepreßte Rohr aus der Mühle und zwei Arrieros treiben die Maulthiere, welche zu vier und vier im Geschirr gehen. In den waldlosen Gegenden wird das ausgepreßte Rohr zum Zuckerkochen benutzt und liefert gerade die nothwendige Quantität Feuerung zum Kochen der Saftmasse, die aus derselben gepreßt wurde. Um das zerquetschte Rohr auszubreiten und zu trocknen, sind dann noch zwei Volteadores nothwendig.

(Schluß folgt.)



[565]
Die Dichterdenkmäler in Weimar.

Die schwerste Last, die einem Menschen auferlegt werden kann, ist die eines ererbten großen Namens. Die Person eines so Belasteten verschwindet ganz unter dem Namen; er ist niemals er selbst, sondern stets nur der Sohn seines Vaters. Was er thut, vergleicht die Welt mit dem, was sein Vater that; was er vollbringt, bleibt deshalb immer hinter dem zurück, was sein ruhmgekrönter Vater vollbrachte, und wenn er sich scheut, eine Art Wettkampf mit diesem zu wagen, schreibt man es sofort seinem Unvermögen zu. Vor Andern sich auszuzeichnen, ist überall

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Ernst Rietschel.

und zu jeder Zeit nur durch mühevolle Anstrengungen zu erreichen, fast unmöglich wird es dem, welcher überdies und vor allem den Glanz seines eigenen Namns überbieten muß.

In ganz ähnlicher Lage befindet sich eine Stadt, die reich ist an großen Erinnerungen. Im rastlosen Wetteifer mit den andern hat sie auch noch mit diesen ihren Erinnerungen zu kämpfen; denn schwer ist es, einen ruhmvollen Namen sich zu erwerben, schwerer, denselben zu erhalten und zu behaupten, am allerschwersten dem bereits erlangten noch größeren Glanz zu verleihen.

Aber – große Erinnerungen sorgsam zu Pflegen, das Andenken an eine ruhmvolle Vergangenheit immer frisch und lebendig zu erhalten, ist auch ein Ruhm. Nicht alle können Großes thun, aber Pflicht eines Jeden und Ehre für Jeden ist es, das Große anzuerkennen und darauf hinzuweisen, um die Nacheiferung stets wach zu erhalten.

Weimar, das reicher an Erinnerungen an glänzende geistige Thaten ist, als irgend eine andere Stadt in Deutschland, vergißt zu seinem Ruhme nie, daß es einst die geistige Hauptstadt des großen Vaterlandes war, und ist jeder Zeit bestrebt, sich selbst und die Welt daran zu erinnern.

Jedes Kind dort kennt die Häuser, in denen sonst Wieland, Goethe, Schiller wohnten. Straßen und Plätzen hat die Stadt die Namen ihrer großen Männer beigelegt: der Töpfermarkt ist der Herder-Platz geworden, am Theater die Wielandstraße, der Platz vor dem Frauenthor der Wieland platz und die Linde dort die Wielandslinde; der „Plan“ heißt nun der Goetheplatz, die „Esplanade“ die Schillerstraße und Schiller’s Haus das Schillerhaus, das die Stadt ankaufte, um es unentweiht dem Gedächtniß des Dichters zu wahren.

Auch das Fürstenhaus Weimars ist jeder Zeit bemüht gewesen, die Erinnerung an die große Dichterzeit lebendig zu erhalten. Ein glänzendes Zeugniß dafür ist, daß die sterblichen Ueberreste Goethe’s und Schiller’s in der Fürstengruft beigesetzt wurden; ein anderes sind die mit Recht berühmten Dichterzimmer im Schlosse. In dem Tempelherrnhause im Park thront überdies Jupiter-Goethe, das kolossale Marmorbild des Dichters, und welchen Reichthum an Büsten und Bildern enthält die Bibliothek! Es braucht nur an die kolossale Büste Schiller’s von Dannecker und an die Goethe’s von David erinnert zu werden.

Die Plätze der Stadt schmücken sich allmählich mit den Erzbildern derer, die den Ruhm Weimars geschaffen haben. Zwar ist bis jetzt noch nichts gethan worden, einen Platz mit einem Bilde Amaliens zu zieren, der eigentlichen Begründerin der geistigen

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Die Gartenlaube (1857) b 566.jpg

Die Goethe-Schillergruppe in Weimar.

Größe Weimars; aber wir hoffen, man werde das bisher Versäumte nachholen. Seit dem Jahre 1850 bereits steht das eherne Bild Herder's, des Predigers der Humanität, an seiner Kirche; am 3. Septbr. d. J. wurde der Grundstein zu einem würdigen Denkmale Karl August's gelegt, den man eben so gut einen bürgerlichen Fürsten als einen fürstlichen Bürger nennen kann; an einem Tage endlich, am 4. Septbr., sank die Hülle von drei ehernen Dichtergestalten, Wieland, Goethe und Schiller. Die Festlichkeiten, unter denen jene Grundsteinlegung und diese Enthüllung erfolgten, sind so vielfach geschildert worden, daß wir hier wohl darüber schweigen können. Nur das eine kann und darf nicht unerwähnt bleiben, was dem Ganzen die Weihe gab und lange in Jedem nachklingen und nachwirken wird, der das Glück hatte, die Weimarischen Septemberfeste mit feiern zu könnnen: [567] ich meine, daß Alle, die aus Osten und Westen, aus Süden und Norden des Vaterlandes herbeigekommen waren, sich einmal – was leider! so selten geschieht – stolz als Deutsche fühlten und bei dem Blicke auf die Gefeierten sich sagen konnten und sich sagen mußten: „sie waren unser.“

Mancher fragt freilich wohl, warum auch Wieland ein Denkmal erhalten, denn es heißt ja, er stehe uns sehr fern. „Er ist,“ sprach der Redner bei der Enthüllung der Wielandstatue, „dem Blüthentage ewig schöner Wirkungen ein vorangehender Morgenbote gewesen und wie sein Leben, so ist sein Name, sein Gedächtniß, sein Bild untrennbar von jenen herrlichen Gestalten, die Karl August’s gepriesene Palatine waren und sein werden. Darum als König Ludwig von Baiern zu Weimarischen Ehrenbildnissen das Erz anbot, geschah es mit der Bedingung, daß der Plan das ganze Viergestirn unseres Ruhmes, Wieland wie Herder, Goethe und Schiller umfassen müsse, um mit ihres Beschützers, des preiswürdigen Karl August’s Gestalt sich zu krönen. Dankbare Erinnerung, in tausend Seelen lebend, hat zusammengewirkt, uns diesen erhebenden Augenblick zu bereiten. Der Künstler Begeisterung, das Aufgebot aller Kräfte unserer kleinen Bevölkerung und des großen Vaterlandes, Darbringungen von Fürsten, von edlen Privatleuten aus allen Grenzen Deutschlands und über sie hinaus haben sich vereinigt zu einem Pulsschlage der Nation. Dieser Puls des edelsten Blutes hat uns hier versammelt, auf daß erhöhet in gediegener bleibender Gestalt Er uns erscheine, dessen Leben hingeflossen ist wie eine Quelle zur Erfrischung und Erheiterung des Geistes der Nation, daß die Verehrung der spätesten Enkel ihn grüße, wie die unserige jetzt – den unsterblichen Wieland.“

Das Erzbild ist ein Werk des Bildhauers Gasser in Wien und es bestand rühmlich die schwere Probe, mit dem Meisterwerke Rietschel’s sich vergleichen lassen zu müssen, dem es noch weit über die hochgespannte Erwartung hinaus gelungen ist, Goethe’s majestätisches Haupt zu bilden,

„Welchem Phöbus die Augen, die Lippen Hermes gelöset,
 Und das Siegel der Macht Zeus auf die Stirn gedrückt;“

wie das gleichsam von dem Abglanz einer idealen Welt verklärte Antlitz Schiller’s zu gestalten,

 „… hinter dem, in wesenlosem Scheine,
 Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine,“

und dessen Wangen glüheten

     „von jener Jugend, die uns nie entfliegt,
     Von jenem Muth, der, früher oder später,
     Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt.“

Der erste Anblick dieses Doppelbildes, als die Hülle fiel, wirkte zündend auf die erwartungsvoll umherstehenden Tausende, etwa wie ein überraschend geistvoller, ein genialer neuer Gedanke wirkt: er erfüllte die Seele mit inniger Befriedigung, mit rührender Freude und mit stolzer Bewunderung des Großen und Schönen, das der Menschengeist zu schaffen vermag. Aber mit Bewunderung wird man immer und immer wieder vor diese Meisterschöpfung treten.

Was ist in ihr, das so gar mächtig wirkt? Ist es nur die hohe Kunst des Meisters, der jene Dichtergestalten geschaffen? Frankfurt hat sein Goethe-, Stuttgart sein Schiller-Standbild. Beide sind Meisterwerke und beide werden bewundert, aber Niemand wird sie mit den Empfindungen betrachten, welche die Gruppe in Weimar hervorruft. Ist es eine arithmetische Steigerung der Bewunderung, weil hier zwei Statuen beisammen stehen? Gewiß nicht. Ist es der Kranz des Ruhmes, der sie verbunden hält? Auch er ist es nicht. Ist’s, weil dieser Kranz, wie der Redner bei der Enthüllung sprach, zugleich „Dein Kranz ist, mein deutsches Volk, der Kranz, mit dem sie Dich königlich geschmückt haben vor allen Völkern der Erde?“ Nein. Es ist das Band der Freundschaft, das unsre beiden größten deutschen Geister vereinigt, jene Freundschaft, die, als sie noch lebten und wirkten, die glänzendste Zeit unserer Literatur schuf, jene neidlose Verbindung, in der sie, einander gegenseitig unterstützend, fördernd und berathend, neben einander dem höchsten Ziele menschlichen Strebens zu wanderten. Es ist das Gefühl, das, wenn auch sich nicht klar bewußt, in Jedem bei dem Anblick der Gruppe sich regt, daß wir in ihr das Symbol der höchsten Entwickelung der beiden Seiten des deutschen Geistes vor uns haben: jene die ganze Welt umfassende, zu allen Höhen und allen Tiefen dringende, wie die stets nach Idealem strebende und nach höhern Welten sich aufschwingende. Fest im Bewußtsein seiner weltbeherrschenden Macht schaut Goethe auf uns nieder; emporstrebend, als bedürfe er die Erde kaum, blickt Schiller nach oben. Was Beide für Deutschland werden konnten und geworden sind, konnten sie nur durch innige Vereinigung werden. Das wissen, das fühlen wir alle, und mehr als sonst tritt es uns nahe vor ihren vereinigten Erzgestalten in Weimar.

Daß Rietschel gerade dies so bewundernswürdig darzustellen vermochte, ist seine Meisterschaft, die ihn so hoch erhebt. Er hat zwar schon manches Kunstwerk geschaffen, namentlich die Lessing-Statue in Braunschweig, aber keines, das sich mit dieser Gruppe zu messen vermag. Bekanntlich lebt Ernst Rietschel (geb. 15. Feb. 1804 zu Pulsnitz in der Lausitz) als Professor an der Akademie in Dresden, der er auch seine erste Kunstbildung von 1820 an verdankt. Im Jahre 1826 ging er nach Berlin, um da seine Studien bei dem Meister Rauch fortzusetzen, den er 1829 nach München begleitete, um da mit ihm einige Aufträge auszuführen. Ein Jahr später machte er eine Reise nach Italien, aber schon 1831 kam er zurück, um das Monument zu arbeiten, das dem verstorbenen König Friedrich August im Zwinger zu Dresden errichtet werden sollte. Leipzig besitzt drei Werke von ihm, den Fronton an dem Augusteum, das Denkmal Thaer’s und die Kreuzabnahme im Museum. Allgemeinen Beifall fand zuerst sein Lessing in Braunschweig, jenes Bild, das er zuerst in moderner Kleidung, ohne die herkömmliche antike Gewandung, darzustellen wagte. Man erkannte darin ziemlich allgemein einen großen Fortschritt und daß es einer ist, fühlt man vor der Goethe-Schillergruppe, die uns um Vieles fremder erscheinen würde, wäre sie in antiker Gewandung dargestellt.
Diezmann.


Blätter und Blüthen.

Zwei Schweizermädchen. Die Zeiten der Geßner’schen Idylle und der sentimental-naiven Anschauungen, denen z. B. eine Oper, wie die Winter’sche „Schweizerfamilie“, ihre Entstehung und den Beifall des Publicums verdankte, sind längst vorüber. Wie Alles in der Welt der Mode unterworfen ist, so kamen auch in unserer Literatur die Schweizermädchen aus der Mode – und wie sie in den letzten Jahren wieder darin erschienen, in den Dorfgeschichten ihres Landsmannes Jeremias Gotthelf, war es eine andere Generation. Der Realismus hatte die Idylle vertrieben und oft die Poesie mit ihr. Es war eine natürliche Reaction, die in solchen Fällen noch immer erfolgte. Die zarten zerbrechlichen Gestalten der einstigen Alpenhirtinnen traten als plumpe Bauerdirnen vor uns hin, die weder für das Theater noch für die feinen Stahlstiche der eleganten goldbedruckten Taschenbücher passen wollten – und mit verächtlichem Lächeln wendete man sich ab von den naturwüchsigen Töchtern der Alpen, die man einst zu feenhaften Geschöpfen idealisirt hatte. Aber, wie immer, liegt auch hier die Wahrheit in der Mitte. Die Schweiz ist uns kein verschlossenes Wunderland mehr, wenn sie auch immer und ewig ein Wunderland bleiben wird! Es sind nicht nur wenige Auserwählte, Glückliche, welche es zu sehen bekommen. Tausende reisen alljährlich auch aus Deutschland dahin und lernen aus eigener Anschauung kennen, was früher nur von einigen Touristen gesehen und geschildert ward und was die Dichter nur aus Büchern kannten und durch ihre blühende Phantasie oft mährchenhaft ergänzten. Finden wir nun auch bei eigner Anschauung in den Schweizermädchen keine zerbrechlichen niedlichen Nippesfigürchen, sind es meist starkknochige robuste Gestalten, so ist ihre Landestracht, nach den verschiedenen Cantonen verschieden, doch immer poetisch und ideal, besonders den geschmacklosen unserer sächsischen Landmädchen gegenüber, und wir sind immerhin genöthigt, den Schweizerinnen manchen Vorzug zuzugestehen.

Und so will ich auch jetzt von zwei Schweizermädchen erzählen, die dem Canton Graubünden angehören.

Der Canton Graubünden ist einer der merkwürdigsten Cantone der ganzen Schweiz. Auf einem Flächenraume von kaum anderthalb hundert Quadratmeilen finden wir ein verworrenes Labyrinth der Thäler, von den höchsten Bergen eingezäunt. Schon der Gothenkönig Dietrich von Verona nannte dies Land ein Netz (retia, daher Rhätien genannt) aus Gebirgen gestrickt. Die Berge erstrecken sich meist jäh und kühn in zackigen Formen vom niedrigsten Thalboden bis in die höchsten Lüfte. Ewiger Schnee deckt ihre mehr denn 13,000 Fuß hohen Gipfel. Schneefelder und Gletscher senken sich von ihnen herab. Aber unten in den Thälern ist eine üppige Vegetation reifer Früchte des Südens und auf den Almen finden unzählige Heerden ihre Weide. Darin besteht der eigentliche Reichthum den Landes. Eben so verschieden wie sein Klima und sein Boden sind auch seine Bewohner. Einige sprechen italienisch, Andere deutsch, noch Andere uraltladinisch und romanisch, welches sich aus Jahrhunderten vor unserer [568] Zeitrechnung erhalten hat, da der rhätische Volksstamm der Hetrusken vor den Grausamkeiten der Galen aus Italien in diese Wildnisse floh. Jede dieser Sprachen spaltet sich nach den Thälern wieder in besondere, oft stark abweichende Mundarten. Die Hälfte der Bewohner ist katholisch, die andere reformirt.

Einige Stunden abwärts von dem Ursprunge des Inn oder Oen, der aus dem dunklen stillen Bergsee Lago di Lugni fließt, liegt am Fuß des Berges Albula im obern Engadin dicht am Inn das Dörfchen Maduleine und am jenseitigen Gebirge, im Schatten seiner Arvenwälder, das Dorf Camogasco. Gegenüber, auf hohem Felsenhügel, zwischen Gebüschen ragt die Ruine der Burg Gardovall düster über das Thal hinweg, ein viereckiger wohlerhaltener Thurm unter anderem verfallenen Gemäuer. In Camogasco wohnte einst das schönste Mädchen des Thales. Es blühte wie eine Blume in Liebreiz, Anmuth und Bescheidenheit still verborgen und sorgsam gepflegt in der Hütte seines Vaters Adamo, eines hochgeachteten Landmannes, der auf dem Erbgute seiner Altvordern unabhängig saß und immer da der Erste war, wo Hülfe in der Noth, Rath und Beistand, Muth und Entschlossenheit verlangt wurde. Er liebte und hütete seine Tochter, wie seinen Augapfel, die noch von keiner anderen Liebe wußte, wie der zu ihrem Vater, obwohl die Augen aller jungen Engadiner mit Wohlgefallen und mit Bewunderung, doch auch bescheidener Zurückhaltung an ihr hingen.

Aber, da sah sie auch der Edelherr vom Schlosse Gardovall, der Burgvogt des Gotteshauses, der hier unumschränkt herrschte, Willkür und Gewaltthat übte und zu den Lüstlingen gehörte, vor denen keine Schönheit sicher ist. Schon mehr als einmal war er ihr begegnet und die wildeste Leidenschaft in ihm aufgewacht. Aber der Zauber ihrer Unschuld und Sittsamkeit hatte ihn in Schranken gehalten. Aber bald grollte er mit sich selbst, daß ein einfaches Dorfkind es wagen dürfe, ihm zu widerstehen. Was er Aug’ im Auge nicht den Muth hatte ihr zu sagen, sollten Andere für ihn thun. So sandte er seine Knechte nach Camogasco und ließ Adamo’s Tochter zu sich auf sein Schloß entbieten, sie solle bei ihm wie eine Fürstin leben.

Adamo erschrak nicht weniger als seine Tochter über diese Botschaft. Aber er verbarg vor den Ueberbringern derselben seine Bestürzung und ließ dem Burgvogt sagen, er möge sich nur bis zum Morgen gedulden, dann wolle er ihm die Tochter selbst zuführen, die er erst vorbereiten müsse für das unerwartete Glück. Mit dieser Antwort zogen die Diener befriedigt von dannen. Adamo aber durchwachte die ganze Nacht und ging in seinem Dorfe aus einer Hütte in die andere. In den ersten Sonnenstrahlen des Morgens schritt Adamo festlich gekleidet durch’s Thal von Maduleine, an seiner Seite die schöne, wie eine Braut geschmückte Tochter, ein Gefolge von Bauern, alle paarweise, gab ihnen das Geleit, und so bewegte sich der lange Zug zu Schloß Gardovall hinauf.

Der Schloßherr hatte die Nahenden schon von fern gesehen und eilte ihnen ungeduldig aus den Pforten des Schlosses entgegen. Ohne den ehrerbietigen Gruß der Männer zu erwiedern, trat er zu der zitternden Jungfrau, die sich, leichenblaß, an ihren Vater klammerte, wollte sie von diesem losmachen und küssend in seine Arme ziehen. Da hielt der Vater seinen Zorn nicht länger in den Schranken. Er zog einen Dolch hervor und stieß ihn in die Brust des Tyrannen, dem nicht Gottes Gesetz, nicht des Menschen ewiges Recht heilig war. Das war das Zeichen der Landeserlösung. Auch die Männer, die ihn begleitet hatten, zogen ihre Schwerter hervor und drangen in die Thore des furchtbaren Schlosses. Die Rächer schienen aus der Erde zu wachsen. Ueberall, hinter Felsen, aus Dickichten und Gebüschen sprangen bewaffnete Landleute hervor, das Schloß ward erstürmt, die Knechte und Söldner des Burgherrn wurden erschlagen und über den stürzenden Zinnen von Gardovall schwebten gluthrothe Flammen.

Seit jenem Tage wurde das Land unter den Innquellen vom Druck des Zwingherrn befreit. Es kaufte sich um 900 Gulden im Jahre 1494 von den Hoheitsrechten frei, die das Gotteshaus Chur bis dahin darüber gehabt hatte.

Dies ist das eine Schweizermädchen, von dem man in Graubünden erzählt. Der Vergangenheit gehört es an, und die Geschichte hat sogar seines Namens vergessen. Das zweite gehört der Gegenwart, und was dort von der Romantik der Sage umwoben, erscheint hier in der so oft mit Unrecht verschrieenen Wirklichkeit.

Aber es giebt auch kaum eine poetischere Gegend, als dies hier von Romanen bewohnte Engadin- und Albulathal. Es ist eines der schönsten Hochthäler der Schweiz, das in seinem grünen Schooße, 6000 Fuß über dem Meere, zwischen seinen Arven- und Lärchenwäldern und zauberhaften Seen eine Menge freundlicher Dörfer trägt, darinnen die malerischsten Schweizerhäuser und andere von künstlerischerer Bauart, die an die Nachbarschaft Italiens mahnt. Die Firnen und Gletscher des Bernina, Malaja, Sextimer, Albula, Scaletta und vieler andern umfassen das reizende Landschaftsbild wie mit einem ungeheuern Silberrahmen. Und welche Wunder haben hier sonst noch Natur und Kunst gehäuft! Da führt von Chur und Thusis die Straße nach dem Splügen, die herrliche Bernhardinstraße. Da ist die herrliche Via mala. Eine Brücke führt über die schwarze Nolla, die Straße über eine enge Felsenschlucht, in der senkrecht der Rhein braust. Senkrechte, thurmhohe Felswände, nur Holzstangen begrenzen den Abgrund, schwarze Tannen zwängen sich durch bemooste Felsblöcke, und an jener düstern Stelle, „das verlorne Loch“ genannt, scheint sich schauerlich die Welt zu schließen. Aber ein Tunnel führt hindurch. Wie staunenerregend ist der kühne Bau der zwei Rheinbrücken bei Rongella, unter denen 300 Fuß tief der Rhein dahin braust. Dann der Heinzenberg und endlich das Dörfchen Sarn, oberhalb des Albulathales, der Wohnort unseres Schweizermädchens.

Sein Name ist Nina Camenisch, eine Naturdichterin. Es erschien von ihr 1856 in Chnr ein Bändchen „Gedichte eines bündnerischen Landmädchens“, herausgegeben von Otto Carisch. Sie ist die Tochter eines Landmannes in Sarn, ward daselbst 1828 geboren, und genoß keinen andern Unterricht, als den ihrer Dorfschule und ein Jahr lang denselben in Bern. Jahr aus, Jahr ein lebt sie bei ihren Eltern in dem kleinen Sarn, und da hier die Landleute keine Mägde halten, wo Töchter im Hause sind, so verrichtet sie den Sommer über jede ländliche Arbeit auf dem Felde, mäht das Heu am Abgrunde, und wendet es auf der Wiese, hütet die Kühe, und beschickt die ganze ländliche Wirthschaft. Im Winter spinnt und webt sie im Hause, und ihr größtes Glück ist es dann, Zeit zum Schreiben und Dichten zu gewinnen. Sie ist zufrieden mit ihrem kleinen stillen Leben, einfach und fröhlich bei der Arbeit. Mit den Ihrigen spricht sie Schweizerdeutsch, doch ist sie auch des Hochdeutschen ziemlich mächtig und schreibt darin. Ihre äußere Erscheinung unterscheidet sich nur durch ein ernstes Wesen von der anderer Schweizermädchen. Ihre Gestalt ist mittelgroß, robust und ziemlich plump, eben so sind ihre Gesichtszüge gewöhnlich, aber mit einem angenebmen, wohlthuenden, wenn nicht anziehenden Ausdruck. Ihr Elternhaus ist ein kleines Schweizerhaus mit niederer enger Hausthür, die in eine enge mit Steinen gepflasterte Hausflur führt. Eine kleine Treppe leitet aufwärts zu einem Vorplatz, von dem eine Thür rechts in die Wohnstube, links in die „gute Stube“ führt, die Nina’s Dichterzimmer ist. Ihr Himmelbett befindet sich darin, eine Lade neben dem großen alterthümlichen Ofen, ein paar Tische und Holz- und Polsterstühle, rings der Wände laufen Bänke, ein Bücherschrank mit schweizerischen Büchern und ein Geschirrschrank. Der Schmuck des Zimmers ist ein ziemlich großer Spiegel, darunter ein paar schlechte Bilder und ein eingerahmtes Zweiglein von Haaren, das auf eine gemalte Lyra geheftet, am Fenster ein rothwollenes Ampelsäckchen mit Schmelz. Und hier dichtet dies einfache Schweizermadchen Gedichte, um die nicht nur unsere dichtenden Salondamen, sondern eben so wohl unsere frommen und glatten Lyriker sie beneiden möchten. Es ist Tiefe der Empfindung, Wahrheit und Natur in diesen Gedichten; eine wahre Frömmigkeit, die eben so innig an den Hochaltären der Alpen betet, als den Frieden und die Resignation des Klosters würdigt (die Verfasserin ist Katholikin); Begeisterung für das schöne Vaterland, auch in seinen historischen Erinnerungen, wie in dem schönen Gedicht „die Schlacht von Granson“, wo sie singt:

„Es ist kein minnig Liedlein,
Klingt leibhaft, wie der Tod;
Doch wie ein Tod von Helden:
Ein herrlich Morgenroth,
Der Freiheit Tag verkündend.
Ihr jungen Rittersleut,
Es ist der Tag von Granson,
Dem ich die Harf’ geweiht!“


Ludwig Storch schrieb neulich einer jungen protestantischen Dame, die durchaus nicht begreifen konnte, daß ein Katholik oder ein Jude in seinem Glauben eben so glücklich leben und sterben könne, wie ein Protestant, folgende treffliche Worte in’s Album:

Der Geist des Alls hat unser Aug’ verhüllt,
Wir suchen ihn, doch auf verschied’nen Wegen.
Wenn Dich die rechte Sehnsucht nur erfüllt,
So kommt er Dir auf jedem Pfad entgegen.

Und wenn Dein Herz in warmer Liebe schlägt,
So lösen leis’ sich Deines Auges Binden.
Wer Gott im reinen treuen Herzen tragt,
Wird ihn all überall auf Erden finden.




Mit dem 1. Oktober begann ein neues Quartal der bei Ernst Keil in Leipzig erscheinenden Zeitschrift:
„Aus der Fremde,“
Wochenschrift für Natur- und Menschenkunde der außereuropäischen Welt,
redigirt von A. Diezmann.
Wöchentlich ein Bogen mit und ohne Illustrationen. Vierteljährlich 16 Ngr.

Unsere Zeitschrift beschäftigt sich mit Land und Leuten weit und breit, auf dem ganzen Erdenrunde. Sie gibt nicht Erdichtetes, sondern Wahrheit, aber, was sie erzählt, bestätigt gar oft den altbewährten Spruch: „Wirklichkeit ist seltsamer als Dichtung.“ Sie gibt nicht trockne Reiseberichte; sie beschreibt vielmehr Erlebnisse in der pikantesten und kleidet ihre Schilderungen in die eleganteste und anmuthigste Form; denn, was gelesen zu werden verdient, soll auch angenehm zu lesen sein. Ihr Feuilleton ist stets reich und neu. – Die große Verbreitung, welche die Fremde seit ihrem kurzen Bestehen gefunden hat, beweist am besten die Gediegenheit des Blattes.

Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an.

Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Ein Farthing, die niedrigste englische Münze, ist der vierte Theil eines Penny und ein Penny ist gleich zehn Pfennigen.
  2. Gov’nor = Governor = Gouverneur (geehrter Herr, ironisch).
  3. Eine Arroba sind 25 spanische Pfund.
  4. Melado ist der stark eingekochte Zuckersaft, woraus die corrumpirten creolisch-englischen Benennungen Malassa und Molasses entstanden sind.
  5. Damit man sich nicht darüber wundere, daß ich der Zuckermühlen bei den alten Indianern erwähne, nachdem ich vorhin gesagt, daß das Zuckerrohr erst mit den Europäern nach Amerika gekommen ist, muß ich bemerken, daß die alten Mexicaner seit Jahrhunderten vor Ankunft der Spanier den Zucker kannten und zubereiteten, jedoch nicht aus dem Zuckerrohr, sondern aus Maisstroh, Ohne Kenntniß der Pflanzenphysiologie und Pflanzenchemie hatte die Erfahrung sie gelehrt, diejenigen Resultate zu benutzen, welche die Wissenschaft den Europäern erst kürzlich geboten hat. Indem sie nämlich die Spitze und die Blüthenkolben von dem Mais abbrachen, zwangen sie denselben, in dem Zuckerstadium zu bleiben, und sie verwandelten also eine mehlliefernde Kornart in ein zuckerhaltiges Rohr, dessen Saft ebenso, wie der des Zuckerrohrs, ausgepreßt wurde.