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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1857
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1857) 409.jpg
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[409]

No. 30. 1857.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen.   Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Der Herr Referendarius.
Erzählung vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“
(Fortsetzung.)

„Sie scheint Sie zu einem eingebildeten Narren gemacht zu haben.“

„Mein Herr, mich konnten Sie beleidigen; aber keine Beleidigung hoher Personen; das darf ich nicht dulden, weder in meiner Stellung als Vater, noch überhaupt in meinem Gewissen als Unterthan. Wollen Sie subscribiren?“

„Nein.“

„Sollte ich mich wirklich in Ihnen geirrt haben?“

„Zum Teufel, Herr –“

„Ich habe hohe Verbindungen hier, nicht blos in den Künsten und Wissenschaften –“

„Gehen Sie zum Teufel mit Ihren Künsten und Wissenschaften.“

„Auch bei der Polizei, mein Herr, und Sie haben vorhin gegen hohe Personen –“

„Kerl, ich schmeiße Dich zur Thüre hinaus.“

„Mein Herr, ich bin kein Bettler –“

„Aber ein unverschämter Lump!“

„Sie wollen also nicht subscribiren?“

„Den Rücken werde ich Ihnen bläuen!“

Der Herr Ehrenreich sprang zu einem spanischen Rohr, das in der Ecke stand. Das half. Mit einem behenden Satze war der würdige Herr aus der Stube und aus dem Gange hinaus.

„Madame!“ rief der Herr Ehrenreich, als er fort war. „Madame, kennen Sie einen Menschen, der Pfaffenhorst heißt?“

„Gewiß, mein Herr. Die Concerte seines sechsjährigen Kindes werden oft durch die Zeitungen angekündigt.“

„Also doch?“

„Sie werden aber in neuerer Zeit nicht mehr so fleißig besucht. Es gibt seit Kurzem zu viele solcher Wunderkinder hier in Berlin –“

„Dem Sitze der Künste und Wissenschaften!“

„Und sodann bleibt der Knabe nun schon seit drei Jahren immer sechs Jahre alt.“

„Ah, ich hatte es gedacht. Aber, der Bursche muß in die Höhe geschossen sein.“

„Ach, mein Herr, solche frühreife Kinder bleiben in ihrer körperlichen Ausbildung zurück.“

„Diese verdammte Geniefabrik!“

„Sie werden oft sogar absichtlich in ihrer äußeren Entwickelung zurückgehalten, durch Hunger, Kälte – damit man sie lange für sechs Jahre ausgeben kann.“

„Ei, dieses verdammte Berlin, dieser Höllenpfuhl der Künste und der Aufklärung! Laß den Kerl mir wieder vor die Augen kommen!“

Während dieses Gesprächs war die Thür zu der Wohnung wieder geöffnet worden, und zwar ohne daß geklingelt war. Eins von den Kindern der Frau Rohrdorf hatte zufällig an der Thür gestanden, draußen vor dieser Schritte gehört und geöffnet. Ein Mann hatte nach dem Herrn Ehrenreich gefragt, das Kind hatte ihm seine Stube gezeigt; er nahm seinen Weg dahin. Der Herr Ehrenreich hörte die Schritte im Corridor. Schnell lüftete er die Gardinen und blickte hinaus.

„Ah, ah, endlich!“ sagte er vergnügt.

Auch die Frau Rohrdorf hatte einen Blick durch die schmale Oeffnung der Gardine geworfen; zwar nur einen flüchtigen, aber sie schien damit genug gesehen zu haben. Sie fuhr beinahe erschrocken zurück.

„Der da!“ rief sie.

Der Herr Ehrenreich winkte ihr, ihn zu verlassen, und zwar durch seine Schlafstube, damit der Angekommene, den er in das Besuchzimmer einließ, sie nicht sehe. Sie ging.

Der Fremde war ein kleiner, schmächtiger, gewandter Mensch, mit einem blassen, aschgrauen Gesichte, glatt anliegenden schwarzen Haaren, grauen, verschleierten Augen, mit denen er in kein anderes Auge, aber desto schärfer, durchdringender und schneller überall sonst wohin sehen konnte. Wo man ihm auch begegnet sein mochte, man hätte gewiß zuerst an Uhr, Börse und Taschentuch gedacht und sich die Taschen zugehalten. Wäre man in einsamer Gegend auf ihn gestoßen, man würde sich eines plötzlichen Messerstiches von hinten oder einer Pistolenkugel in das Genick versehen haben. Der Herr Ehrenreich schien von dem Menschen gar nichts zu fürchten, den er vielmehr als einen Vertrauten behandelte.

„Was bringen Sie, Herr Henne?“ kam er ihm eilig und erwartungsvoll entgegen. „Haben Sie gefunden?“

„Leider noch nicht, Herr Ehrenreich.“

„Gar nichts? Keine Spur?“

„Auf einer Spur wäre ich schon –“

„Lassen Sie hören –“

„Vor allen Dingen Geduld, Herr Ehrenreich. Die Polizei darf immer nur leise und vorsichtig gehen, sonst drehet alle Welt ihr Nasen.“

„Mit Eurer verdammten langsamen Vorsicht. Ich denke, Räder, die gut geschmiert werden, fahren desto schneller.“

[410] „Wenn sie zu schnell fahren, wirft der Wagen um.“

Der Herr Henne hatte sich unterdeß angelegentlich, aber vorsichtig nach allen Seiten in dem Zimmer umgesehen; vorsichtig, als wenn der Herr Ehrenreich es nicht bemerken solle.

„Auf welcher Spur, Herr Ehrenreich? Sie wissen, er war ohne alle Spur verschwunden, nachdem er den großen Herrn genug gespielt und Geld genug durchgebracht hatte.“

„Gott verdamme den Burschen.“

„Ich meinte, Sie wollten ihn lieber mit heiler Haut wieder haben?“

„Erzählen Sie.“

„Die Polizei rannte sich vergebens die Beine nach ihm ab; selbst der Polizeidirector, der mit seiner feinen Nase Alles aufspürt.“

„Darum wandte ich mich an Sie; Sie waren mir besonders empfohlen.“

„Sie sollen sich in mir nicht geirrt haben. Also er war verschwunden. Kein Mensch sah oder hörte von ihm; in keinem Hôtel, in keinem Schauspiel, nicht auf der Straße, nicht in der Tabagie. Meine Freunde, die durch die ganze Stadt und überall hinkommen, hatten nichts von ihm gesehen. Auf einmal erfahre ich heute zufällig, daß schon seit vierzehn Tagen ein schmucker Bursch, mit einem verdammt vornehmen Gesicht, mit großen schwarzen Augen und einem kleinen schwarzen Schnurrbart –“

„Das ist er, das ist er! Wo treibt der Bursch sich herum?“

„Geduld, Geduld, Herr Ehrenreich. Er hat sich das Ansehen so eines jungen Künstlers gegeben.“

„Der Spitzbube! Aber, ja, ja, in der Residenz der Künste und Wissenschaften! – Weiter, weiter, Herr Henne.“

„Diesen Menschen nun hat man seit vierzehn Tagen, und vielleicht schon länger, tagtäglich um zwölf Uhr Mittags Arm in Arm mit einem jungen Mädchen –“

„Hol’ ihn der Teufel!“

„So einer Schneidermamsell –“

„Hol’ sie der Teufel!“

„Einer ganz hübschen Person, über den Spittelmarkt gehen sehen.“

„Wo ist Ihr Spittelmarkt?“ rief der hastige alte Herr, indem er schon nach Hut und Stock langen wollte.

„Geduld, Geduld, Herr Ehrenreich, es ist noch lange nicht Mittag, und Sie können es auch näher haben.“

„Näher? Was wollen Sie damit sagen?“

„Der junge Mensch hat zwar seine Sache recht listig angefangen. Auf dem Spittelmarkte war er nahe genug bei dem Molkenmarkte, dem Mittelpunkte unserer Polizei, und gerade um die Mittagszeit sind dort sämmtliche Polizeicommissarien von Berlin, Criminal- und Reviercommissarien zur Conferenz oder zum Rapport versammelt. Ach, mein Herr, Sie glauben nicht, was das für eine weise und wohlthätige Einrichtung unseres Herrn Polizeipräsidenten ist; alle Spitzbuben Berlins wissen jeden Tag genau, wo sie von halb zwölf bis ein Uhr die Berliner Polizei zu finden haben, und daß sie dann anderswo nirgends zu finden ist.“

„Herr,“ rief der ungeduldige Herr Ehrenreich, „was geht mich Ihre weise Polizei hier an?“

„Ich denke, viel. Indeß seit drei Tagen muß doch der junge Mensch sich auf dem Spittelmarkte nicht recht sicher mehr gefühlt haben; man hat weder ihn noch seine Blondine mehr gesehen. Auf einmal, heute Morgen um acht Uhr, hat man Beide wiedergefunden –“

„Beisammen?“

„Beisammen.“

„Und wo?“

„Hier, ganz in Ihrer Nähe.“

„In meiner Nähe?“

„Dieses ist nicht ihr einziges Zimmer, Herr Ehrenreich? Ich sehe kein Bette darin.“

„Was soll das?“

„Dieses Zimmer geht auf den Hof?“

„Sie sehen es ja.“

„Geht eins auf die Straße? Auf die Dresdener Straße?“

„Ja.“

„Kann man von da bis an die Ecke der neuen Dresdener Straße sehen?“

„Ich weiß den Teufel von Ihrer neuen Dresdener Straße.“

„Es kommt Alles darauf an. Darf ich Sie bitten, mich in das Zimmer zu führen?“

„Kommen Sie mit,“ sagte nach kurzem Besinnen der Herr Ehrenreich.

Der Herr Henne hatte mit einem gespannten Lauern seiner verschleierten Augen auf die Antwort gewartet. Seine Lippen zuckten wie triumphirend, als der Herr Ehrenreich die Thür zu seinem Arbeitszimmer öffnete, um ihn in dieses hineinzuführen; als er aber darin war, schien er nicht völlig befriedigt zu sein.

„Ah, man sieht hier ja nichts, als die Häuser gegenüber.“

„Was wollen Sie denn sehen?“

„Ich sagte es Ihnen schon, die Ecke der neuen Dresdener Straße. Wissen Sie, mein Herr, an dieser Ecke hat man heute den jungen Mann mit dem Mädchen gesehen; an dieser Ecke wird man ihn gewiß heute Mittag wiedersehen; denn um acht Uhr gehen die Schneidermamsells zur Arbeit und um zwölf Uhr kommen sie zurück.“

Der Herr Ehrenreich sah schnell nach seiner Uhr.

„Jetzt ist es halb zwölf.“

„Richtig, und wenn Sie noch ein anderes, drittes Zimmer haben, aus dem man weiter in die Straße hineinsehen kann –“

„Man kann.“

„So hätte ich folgenden Plan – Aber ich müßte vorher das Zimmer sehen.“

„Kommen Sie,“ sagte, ohne sich zu besinnen, der Herr Ehrenrenreich, und er führte den Mann mit dem lauernden verschleierten Blicke in seine Schlafstube.

„Ah, Herr Ehrenreich, vortrefflich, wie gemacht für meinen Plan. Sie wollen von dem Burschen nicht gesehen sein?“

„Nein! Darum gehe ich ja nicht einmal auf die Straße.“

„So haben Sie sich nur an dieses Fenster hier hinter die Gardine zu stellen. Jene Straßenecke dort links ist die der neuen Dresdener Straße; in diese geht er hinein und kann Ihren Augen nicht entgehen. Ich verfüge mich zu gleicher Zeit unten in die Straße selbst. Er kennt mich nicht, ich ihn freilich auch nicht; aber, so wie ein Bursch von der beschriebenen Gestalt vorbeigegangen ist, geben Sie mir einen Wink, daß es der Rechte ist; und ist er es, so haben wir ihn.“

„Um zwölf, Herr Henne?“

„Glocke zwölf. Haben Sie sich die Straßenecke genau gemerkt? Da unten, etwas links.“

Herr Ehrenreich sah scharf nach der bezeichneten Gegend, um sie sich recht genau zu merken. Ersterer sah sich unterdeß nicht minder scharf in der Schlafstube des alten kleinen Herrn um, und jetzt schien er völlig befriedigt zu sein.

„Ich gehe auf meinen Posten.“

„Ich werde auf dem meinigen sein.“

Der Herr Henne ging. Als er fort war, trat die Frau Rohrdorf zu dem alten Herrn in die Stube. Ihr Gesicht trug noch die Spuren, wenn auch nicht mehr des Schreckes, doch einer großen Aengstlichkeit.

„Wissen Sie, wer der Mensch ist, der bei Ihnen war?“

„Gewiß, Madame.“

„Sie kennen ihn?“

„Nun ja.“

Die Frau erschrak nochmals und sah den alten Herrn mit einem nicht zu verbergenden Mißtrauen an. Dieser bemerkte es.

„Was wissen Sie denn von ihm, Madame?“

„Mein Herr, der Mensch heißt Henne –“

„So heißt er.“

„Und ist einer der gefährlichsten Diebe von Berlin.“

„Potz Wetter, Madam, das muß ein Irrthum sein!“

„Leider nicht.“

„Er ist mir gerade von der Polizei empfohlen.“

„Ein um so gefährlicherer Spitzbube ist er.“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Bis vor einem halben Jahre hat er nur gestohlen und in Zuchthäusern gesessen, und wenn daher die Polizei ihn jetzt empfiehlt, so ist er Polizeivigilant geworden.“

„Das heißt, Madame?“

„Ein Spitzbube, den die Polizei gebraucht, andere Spitzbuben einzufangen, und dem sie dafür seine eigenen Spitzbübereien nachsieht.“

„Madame, mit solchen Geschichten gibt sich die Polizei hier ab?“

[411] „Nicht blos hier, mein Herr, überall. Es heißt, solche Menschen seien nun einmal unentbehrlich; man müsse unter zwei Uebeln das kleinere wählen.“

„Und die empfiehlt man sogar Fremden?“

„Das weiß ich nicht. Aber der Herr Polizeipräsident wird ihn Ihnen nicht empfohlen haben.“

„Nein, Madame.“

„Auch der Herr Polizeidirector nicht.“

„Auch er nicht.“

„Könnten Sie mir vielleicht anvertrauen, wer? Mein seliger Mann hat mir manche Persönlichkeiten der hiesigen Polizei geschildert.“

Der alte Herr besann sich, ob er antworten solle. In dem Augenblicke schlug es zwölf Uhr.

„Nachher, nachher, Madame, jetzt habe ich keine Zeit!“ drängte er kurz und gut die Frau zur Stube hinaus.

Er begab sich auf den Posten, den ihm Herr Henne angewiesen hatte. Er sah scharf genug nach der bezeichneten Straßenecke; er sah lange und unverwandt hin; aber den gesuchten jungen Mann entdeckten seine Augen nicht, weder allein, noch am Arme eines hübschen Mädchens. Nach einiger Zeit kam auch Herr Henne wieder zurück.

„Das war für heute nichts, Herr Ehrenreich.“

„So scheint es.“

„Man muß morgen Mittag hier und zugleich am Spittelmarkte aufpassen; ich werde es besorgen.“

„Thun Sie das. – Herr Henne, was ist denn ein Polizeivigilant?“

„Ein Polizeivigilant, Herr Ehrenreich?“

„Ich fragte danach.“

„Der klügere Theil eines Polizeibeamten.“

„Und ein Spitzbube?“

„Ein vormaliger.“

„Gottes Wunder!“

„Der sich gebessert hat, der zur Einsicht gekommen, ein ordentlicher Mensch geworden ist –“

„Und nun hilft, auch andere Leute auf den Pfad der Tugend zurückzuführen?“

„Richtig, Herr Ehrenreich; Sie scheinen genau unterrichtet zu sein. – Haben Sie mir noch etwas zu sagen?“

„Ich wüßte nicht.“

„So empfehle ich mich Ihnen.“

„Sie kommen doch morgen wieder?“

„Frühzeitig.“

Der Polizeivigilant entfernte sich.

„Frühzeitig!“ murmelte der Herr Ehrenreich hinter ihm her; „frühzeitig! Der Schuft sprach das Wort so sonderbar aus. – Pah, wenn er mir geholfen hat, kann er mir gestohlen werden; er weiß jetzt, daß ich ihn kenne.“ Er verzehrte darauf sein Mittagessen, das ihm die Frau Rohrdorf brachte.

„Madam, um vier Uhr bringen Sie mir zwei Tassen Kaffee; ich bin es so gewöhnt.“ Um vier bekam er zwei Tassen Kaffee.

„Madame, um sieben Uhr nehme ich mein Abendbrod, wie gestern, nichts mehr und nichts weniger, zu mir; dann brauchen Sie sich vor morgen früh sieben Uhr nicht weiter um mich zu bekümmern.“

Er erhielt zur bestimmten Zeit sein Abendbrod; die Frau mußte sich aber doch noch früher, als am andern Morgen sieben Uhr um ihn bekümmern.

Er hatte den Nachmittag mit Schreiben und Durchsehen seiner Papiere zugebracht. Mitunter war er in seine Schlafstube gegangen, um nach der von dem Polizeivigilanten ihm bezeichneten Straßenecke zu sehen; dies setzte er fort, bis es dunkel wurde. Nachdem er sein Abendbrod verzehrt hatte, arbeitete er noch eine Zeitlang, und um zehn Uhr legte er sich zu Bette. Vorher verschloß er vorsichtig die äußeren Thüren aller seiner drei Stuben; die Schlüssel aber ließ er inwendig in den Schlössern stecken, mit einer Art Genugthuung, als wenn er nun sicher sei, da die Thüren durch Nachschlüssel von außen nicht geöffnet werden könnten; die inneren Verbindungsthüren der Stuben legte er blos in ihr Schloß.

Besonders vorsichtig untersuchte er zuletzt den Verschluß des in der Schlafstube neben seinem Bette stehenden Kleiderschrankes, in welchem er bei seiner Ankunft das kleine, schwere Kästchen verschlossen hatte.

Der Schrank war fest zu; zum Ueberflusse überzeugte er sich noch, daß er den Schlüssel in seiner Westentasche führte. Die Weste hing über einer Stuhllehne unmittelbar vor seinem Bette.

Bald darauf schlief er ein, sollte aber auch bald wieder zu einem Abenteuer erwachen. Ein Geräusch weckte ihn und dauerte noch fort, als er plötzlich aus dem Schlafe auffuhr. Aber er gehörte zu den Menschen, die sofort im ersten Augenblicke des Erwachens noch keine klare Besinnung haben; diese kommt ihnen erst nach und nach; sie können sich deshalb auch von dem, was sie bis dahin gesehen oder gehört haben, keine Rechenschaft geben. So schien ihm nur das Geräusch, welches er hörte, in seiner Schlafstube zu sein, gar in der Nähe des Bettes. Weiter wurde ihm nichts klar, weder die Art des Geräusches, noch der Gegenstand, durch welchen oder an welchem es hervorgebracht wurde. Während er schnell seine Besinnung sammelte und im Bett sich aufrichtete, um zu horchen, wurde mit einem Male Alles still. Er hörte nicht das Geringste mehr, keinen Athemzug, kein Knistern eines Sandkörnchens, und konnte meinen, geträumt zu haben; er meinte das in der That. Es war in der Stube stockfinster; zu seinen „Gewohnheiten“ gehörte es auch, wie er sagte, in möglichst tiefer Dunkelheit zu schlafen. Er hatte daher nicht nur kein Nachtlicht brennen lassen, sondern auch die Vorhänge dicht vor die Fenster gezogen; so sah er auch in der Stube nichts. Nachdem er eine ziemliche Weile in die Stille hineingehorckt und in die Finsterniß hineingestarrt hatte, wollte er sich wieder hinlegen. Vorher nahm er seine Uhr, die auf dem Nachttische lag, dicht vor ihm an dem Kopfende des Bettes, und ließ sie repetiren; sie schlug zwölf Uhr und drei Viertel. Er dachte unwillkürlich an den Polizeivigilanten Henne, der mit so sonderbarem Ausdrucke ihm versprochen hatte, frühzeitig am Morgen wieder bei ihm zu sein. „Es wäre verteufelt früh!“ sagte er für sich. Indeß er hörte nichts weiter und legte sich wieder hin. Das „verdammte“ Wort: „frühzeitig“ ging ihm jedoch unaufhörlich im Kopfe herum, und er mußte immerfort horchen. Er hörte immer nichts und meinte doch immer, etwas hören zu müssen. Zuletzt, um seiner Sache ganz gewiß zu sein, kam er auf einen Einfall. Er stellte sich, als wenn er schlafe, und ahmte den schweren Athem eines Schlafenden nach, anfangs leise, dann nach und nach stärker, endlich schnarchte er. Auf einmal hörte er, mitten durch das Schnarchen, wieder ein Geräusch; es war am Fußende seines Bettes, dort wo der verschlossene Kleiderschrank stand. Er hörte eine Bewegung, als wenn Jemand leise auftrete; weiter hatte er nichts gehört; entweder hatte keine andere Bewegung stattgefunden, oder er hatte zu laut geschnarcht. Er beendigte nun seine schweren Athemzüge. In demselben Augenblicke hörte er auch gar nicht mehr. Rasch griff er nach seiner Weste, die auf dem Stuhle vor seinem Bette hing. Die Weste war noch da; er fühlte in die Tasche nach dem Schlüssel des Schrankes; der Schlüssel war fort.

„Donnerwetter!“ rief er laut.

Mit einem Satze sprang er zum Bette hinaus. Allein, wie muthig und unerschrocken der kleine, runde, alte Herr auch sein mochte, es war in der Stube stockfinster, und sein erster Sprung war daher – wohl nicht ohne Recht – zu dem Tische unter dem Spiegel, gegenüber dem Bette, wo das Licht stand, das er beim Schlafengehen ausgelöscht hatte, und neben dem Lichte eine Büchse mit Zündhölzern. Er griff nach den Zündhölzern, strich eins davon an der Wand und warf es weg, indem es nicht brannte. Er nahm darauf ein zweites und strich damit; es brannte aber eben so wenig, wie das erste.

„Verdammte Stadt des Lichts und der Aufklärung!“ rief er.

„Nicht einmal ordentliche Zündhölzer haben sie hier. Wie wird dieses Nest noch obscur werden!“

Mit einem vierten Hölzchen erst zündete er die Stearinkerze an. Dann sah er rasch in den ganzen Stube umher, bemerkte aber nichts Verdächtiges.

„Zum Teufel, wo steckt der Kerl?“

Waffen schien der alte Herr nicht bei sich zu führen; aber sein gutes, derbes spanisches Rohr stand an dem Tische. Er nahm es und begab sich damit auf die Wanderung zum näheren Nachsuchen; eilte dann zuerst an den Schrank, fand ihn aber verschlossen; blickte in jede Ecke der Stube, fand aber nichts darin; hinter jede Gardine vor den Fenstern, und fand nichts dahinter; leuchtete endlich auch unter die Bettstelle, es war ebenfalls leer darunter. „Der Kerl wird sich doch unterdeß nicht in mein Bett gelegt haben!“ Er hob, nicht ohne Vorsicht, die Bettstücke auf, unter und auf denen er gelegen hatte; das Bett war leer. „Gehört habe ich etwas, darauf schwöre ich!“ Er untersuchte die Thüren der Stube; [412] sie waren verschlossen, wie er sie gelassen hatte, als er zu Bette ging. „Der Kerl ist fort, wenn auch in unbegreiflicher Weise. – Aber mein Kästchen! Der Schrank ist verschlossen und der Schlüssel steckt nicht mehr darin. Wie überzeuge ich mich nur?“ Während er darüber nachsann, faßte er mechanisch nach der Weste, in deren Tasche der Schlüssel zum Schranke sich befunden hatte. „Alle Wetter, was ist denn das?“ Der Schlüssel war in der Tasche; wieder oder noch? „Habe ich geträumt oder war der Kerl ein Hexenmeister?“ Jetzt schloß er den Schrank auf. Das Kästchen war noch darin, an demselben Platze, auf den er es gestellt hatte, verschlossen, unversehrt. „Ich glaube wahrhaftig, ich habe nur geträumt; aber ich hörte doch das Geräusch deutlich, besonders das zweite Mal.“ Er durchsuchte zur Vorsicht die beiden andern Stuben; auch hier fand er nichts. Keine Spur zeigte, daß Jemand da gewesen war. Thüren und Fenster waren verschlossen und ohne Verletzung. Nur eins der Fenster in seiner Arbeitsstube war blos angelehnt, und die Klinken, mit denen es versehen war, hingen nicht in ihren Ringen; er erschrak darüber. „Sollte Jemand durch das Fenster gestiegen und wieder zurückgekehrt sein?“ Er untersuchte es genauer. Es schloß nicht ganz fest in den Rahmen ein; durch eine Ritze konnte man mit einem schmalen Instrumente, z. B. einem Messer, von außen hineinlangen und die Klinke aufheben, worauf das Fenster sich von selbst öffnete. „Möglich wäre es!“ Aber das Fenster führte auf die Straße, auf die auch bei Nacht nie völlig unbelebte und von den Gaslaternen erhellte Dresdener Straße. Es war im oberen Stock, wenigstens zwanzig Fuß über der Erde; ohne eine Leiter konnte man nicht hinaufsteigen. Er bückte hinaus und sah weder eine Leiter, noch einen Menschen.

„Es ist nicht wahrscheinlich, es ist nicht möglich,“ sagte er.

„Aber ein leichtsinniger Bursche war ich doch wohl, daß ich das Fenster unverschlossen gelassen habe. Und im Uebrigen habe ich geträumt, es ist kein Zweifel mehr.“

Er verschloß sorgfältig das Fenster, kehrte in sein Schlafzimmer zurück, löschte das Licht aus und legte sich wieder zu Bett.

Nach kurzer Zeit war er zum zweiten Male eingeschlafen.

Aber er erwachte auch zum zweiten Male durch ein Geräusch in seiner Stube. Diesmal war es stärker, als das erste Mal, er vernahm es deutlicher, und kam zur schnelleren Besinnung. Es war am Fußende seines Bettes, an dem Schranke, vielleicht sogar in demselben; ein harter Gegenstand schien laut hingefallen zu sein.

„Holla, Höh,“ rief im Bette aufspringend der kleine alte Herr.

„Wer ist da?“

Es war stockdunkel in der Stube, wie früher. Auf seinen Ruf erhielt er keine Antwort; er hörte auch nicht das geringste Geräusch mehr; eine Todtenstille herrschte in dem Zimmer.

„Da soll das Donnerwetter drein schlagen!“

Er sprang aus dem Bette, wieder zu dem Tische, auf dem das Licht und die Zündhölzer standen. Aber er konnte den Tisch nicht erreichen. Mitten auf dem Wege dahin umfaßten ihn zwei starke Arme von hinten, und suchten ihn niederzuwerfen. Aber der kleine alte Herr war trotz seines Alters und seines runden Bäuchleins ein stämmiger Gesell.

„Du kommst mir recht, Spitzbube!“

Er rang mit seinem Angreifer. Dieser hatte sich verrechnet.

Der alte Herr war ihm überlegen und anstatt zu Boden geworfen und dann wahrscheinlich geknebelt zu werden, warf nach kurzem Ringen der Herr Ehrenreich den Räuber zu Boden, und hielt ihm die Arme, daß der Mensch sich kaum rühren konnte.

In dem Kampfe war er mit dem Kerl bis an das Fenster gerathen; er hatte ihn auf die Fenstergardine geworfen, die durch den Fall mit niedergerissen wurde. Durch das freigewordene Fenster drang das Laternenlicht von der Straße in die Stube. Der Hcrr Ehrenreich sah, wie er einen jungen Menschen mit einem feinen, etwas blassen Gesichte, mit großen Augen in diesem Gesichte, und die kecke Oberlippe mit einem feinen schwarzen Schnurrbärtchen geziert, unter seinen Fäusten hielt. Daß der Mensch eher groß als klein war, hatte er schon während des Ringens mit ihm bemerkt.

„Verdammter Spitzbube,“ sagte Herr Ehrenreich. „Ich werde Dich lehren, in dieser Stadt der Aufklärung und des Lichtes die Leute in der Finsterniß und von hinten zu überfallen!“

„Spitzbuben, Räuber!“ wollte er sich nun durch das Fenster Succurs herbeirufen.

Aber in demselben Augenblicke fühlte er sich noch einmal von hinten gepackt, und zwar diesmal fester und von kräftigeren Armen, als das erste Mal, und ehe er sich besinnen konnte, bekam er zugleich einen furchtbaren Faustschlag auf den Kopf, daß ihm Hören und Sehen verging.

Es mußte ihm auf lange Zeit vergangen sein, wahrscheinlich von mehreren Schlägen, die er hinter dem ersten noch in den Kauf erhalten hatte. Denn als er wieder zur Besinnung kam, war der helle Tag längst angebrochen. Er war allein in seiner Stube, und lag an der Erde unter dem Fenster. Er wollte aufstehen, der Kopf war ihm zu schwer, er fiel wieder um. Jetzt erst besann er sich auf sein Nachtabenteuer. Er versuchte nochmals aufzustehen; es gelang ihm, schwer genug. Er ging zuerst an den Nachttisch, um zu sehen, wie viel Uhr es sei; seine goldene Repetiruhr war fort. Er ging an den Kleiderschrank, der Schrank stand offen, aber –

„Donnerwetter, was ist denn das? Sind denn auch die Spitzbuben hier anders, als anderswo? Will hier Jedermann etwas Besonderes, ein Genie sein?“

Er hatte das Kästchen, als er es in den Schrank brachte, unten auf den Boden gestellt, so daß die darüber hängenden Kleider es bedeckten. Als er nun in dem Schranke nachsah, fand er das Querholz, an welchem die Kleidungsstücke gehangen hatten, abgerissen; die sämmtlichen Kleider lagen bunt in dem Schranke umher, und er mußte lange umherwühlen und aufräumen, um unten auf den Boden zu gelangen. Und hier fand er sein Kästchen, verschlossen und unversehrt, wie er es auch in der Nacht gefunden hatte. Er öffnere es, indem er an einer geheimen Springfeder drückte. Es mußte auch an dem Inhalte nichts fehlen, denn er verschloß es sehr vergnügt wieder und stellte es an seinen Platz zurück. Dann warf er als ordentlicher Mann – er hatte seinen nächtlichen Kampf in bloßem Hemde bestanden – sich rasch in einige Bekleidung, und öffnete darauf die Stubenthür.

„Madame! Madame!“

Die Frau Rohrdorf schien schon lange auf den Ruf gewartet zu haben. Sie war sofort bei ihm.

„Wie sehen Sie aus, Herr Ehrenreich? Das ganze Gesicht ist Ihnen aufgeschwollen, Sie haben dicke Beulen auf dem Kopfe.“

„Ich glaube es, Madame, denn der Kopf ist mir verdammt schwer.“

„Was ist Ihnen begegnet, was für ein Geräusch war heute Nacht bei Ihnen?“

„Haben Sie etwas gehört?“

„Es kam mir vor, als wenn ich ein Schlagen und Fallen bei Ihnen hörte. Es war zwischen eins und zwei Uhr. Ich stand auf und lauschte hier an Ihrer Thür. Ich hörte darin gehen und flüstern. Nun hatten Sie mir zwar befohlen, ich sollte mich vor sieben Uhr nicht um Sie bekümmern, dennoch klopfte ich an, bekam jedoch keine Antwort. Gleich darauf hörte ich aber ein Fenster zumachen. Ich dachte mir, Sie hätten mit Jemanden auf der Straße durch das Fenster gesprochen, und als ich nichts weiter vernahm, ging ich zurück und legte mich wieder zu Bette.“

„Sahen Sie nicht auf die Straße, Madame?“

„Sie bewohnen alle meine Stuben, die nach der Straße liegen.“

„Hm, hm, Madame, sein Sie so gut, zur Polizei zu schicken. Ich hatte heute Nacht Besuch von Räubern.“

„Sie sind bestohlen?“

„Schicken Sie zur Polizei, Madame.“

Die Frau Rohrdorf sandte ihre Tochter Anna zu dem Polizeicomnnssarius des Reviers. Dieser traf schnell ein, mit ihm der Referendarius, der bei der Polizei seine Carriere machen wollte. Er wohnte in der Nähe. Als Criminalpolizeibeamter war er die Hauptperson. Er inquirirte. Ihm erzählte Herr Ehrenreich sein Abenteuer. Dem alten Herrn war der Kopf noch immer schwer; er konnte die Sache nicht recht begreifen. Auch der Referendarius und Reviercommissarius schüttelten über Manches bedenklich die Köpfe, gaben sich aber zuletzt zufrieden mit der genauen Beschreibung, die ihnen der Beraubte von dem jungen Menschen mit dem kleinen schwarzen Schnurrbärtchen machen konnte.

(Schluß folgt.)



 

[413]
Eine magnetische Dame.

„The public are respectfully informed that Miss Poole will give experiments in electro-biology etc. etc.“ (Das Publicum wird ergebenst benachrichtigt, daß Fräulein Poole Experimente in dem Lebensmagnetismus geben wird.)

Mit diesen Worten kündigten kolossale Anschlagezettel eine Vorstellung an, welche die überflüssigen Schillinge der Bewohner der kleinen Fabrikstadt M. im nordöstlichen England aus ihren Verstecken hervorlocken sollte. Es war dies ein Feld, auf dem der Aberglaube der Engländer alle Zügel schießen läßt. Ein Zufall führte mich in das kleine Städtchen, und da ich just nichts Besseres wußte, mir die Zeit zu vertreiben, beschloß ich den Humbug anzusehen.

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Erster Auftritt der magnetischen Dame.

Wir traten in die Town-Hall, ein blasses, gelangweiltes Gebäude, und hierin wiederum in einen öden, saalähnlichen Raum ohne jegliche andere Auszeichnung, als daß sich eine Reihe von Holzbänken, in dem feierlichen Arrangement einer Schulstube, hindurchzog. Auf diesen saß der Fabrikarbeiter mit Jacke und Mütze, in seiner ewigen Stellung, den Händen in den Hosentaschen, vor einer aus einem paar aufeinander gesetzter Tische errichteten Tribüne, und stierte den größten Humbug an, den die speculative Frechheit der Menschen vielleicht je ersonnen. Auf besagter Tribune erschien, beleuchtet von einer Gaskrone, die schmucklos, wie die kahlen Wände – Miß Poole, eine nicht zu junge, nicht zu hübsche und auch nicht zu anständig scheinende Dame in einem braun carrirten Thibetkleide, aus dessen kurzen weiten Aermeln ein paar herausfordernd-rothe Unterärmel hervorschienen. Die etwas ramponirten Züge der unter dem Protectorat der Fabrikarbeiter stehenden Dame fingen, nachdem sie ihre Pose eingenommen, an sich zu verfinstern, ihr Kopf senkte sich, und mit dem Blicke einer inspirirten dodonischen Priesterin streckte sie ihre beiden Hände über das Auditorium aus, und machte mit denselben zu wiederholten Malen die Bewegung, als ob sie dasselbe mit irgend etwas bewerfe.

Tiefe Stille im Saal; aber allmählich entsteht ein kleines Geräusch unter den Zuschauern, und man sieht einige der gemeinsten Verbrecher-Physiognomien die Gesellschaft verlassen und sich in schlaftrunkener Weise nach der Tribüne durcharbeiten.

Die Gartenlaube (1857) b 413 2.jpg

Magnetisirte.

Jetzt hatte Miß Poole ihre gedungenen Taugenichtse und die Vorstellung begann. Die Dame entwickelte nun nach und nach eine unglaubliche magnetische Kraft, die sich sofort äußerte, wenn sie dieses oder jenes Organ des Vagabonden mit ihrer Hand, ja selbst mit ihrem Battistschnupftuche, das sie fortwährend umherschleppte, berührte. Hier lachte der Eine laut auf, der soeben noch jämmerlich schluchzte, nur durch die Berührung der Lachmuskeln; dort blieb der Andere in einer Verzückung verrathenden Stellung wie angewurzelt stehen. Dann fing der Dritte an zu pfeifen und an den Wänden hinaufzufühlen, als ob er Tauben fangen wollte, die Andern folgten ihm nach und nach, bis sie allmählich anfingen, verschiedene Instrumente zu spielen, und dann plötzlich verstummten. Miß Poole nahm sich jetzt den einen ihrer Helfershelfer besonders vor; er hatte einen mit dickem, trocknem, blondem Haar bedeckten Kopf, und war dem Faulen aus Hogarth’s „Industry and Idleness“ wie aus den Augen geschnitten. Dieser schien der Matador der Bande zu sein.

Er mußte singen und wurde dabei von der geheimnißvollen Zauberin wie eine Drehorgel behandelt, indem sie ihn durch die zarte Berührung dieser oder jener Walze diese oder jene Melodie anstimmen und dann sofort in eine andere übergehen ließ, oder er mußte irgend eine Scene aus einer Tragödie declamiren, was er mit dem Pathos eines Bänkelsängers durchführte. Plötzlich fing einer nach dem andern der Uebrigen, die während dieser Zeit in Verzückung stehen geblieben waren, an zu lachen – nervös zu lachen. Sie umringten den Declamator, sie schütteten sich aus vor Lachen – während der große Mime im stolzesten Selbstbewußtsein seine Talente weiter entfaltete.

In diesen kleinen Scherzen ging es eine Weile fort, bis endlich die Hauptscene, eine Scene, ohne die eine englische Posse nicht zu denken ist – eine Prügelei – entstand, in der die Gruppe durch die Ruhe gebietende Magnetiseuse plötzlich wie ein Steinbild gefesselt in den verschiedenen Kampfstellungen verharrte, bis die Acteure, auch hieraus wieder erlöst, sich gegenseitig an die Nasen faßten, diese wie Blumen abpflücken wollten, und sich an dem lieblichen Dufte labten und dann endlich „Unsinn der Augenbanden losließ“ und eine größere Erholungspause das Ende der ersten Abtheilung anzeigte.

Die überirdisch ausgestattete Dame, die sich bei allen diesen Geschichten sehr maschinenmäßig ruhig verhielt, und nur auf etwas plumpe Weise ihre dicken, rothen Hände herumarbeiten ließ, drückte sich von Zeit zu Zeit das Battisttuch auf den Mund, und ich glaube, die Zauberin war noch nicht abgebrüht genug, um nicht selbst über die hanswurstigen Späße zu lachen. Ein verkommener Herr der Schöpfung, welcher während der Scenen, in denen es weder auf Hauen, noch auf Skandal, sondern nur auf stumme Ekstase ankam, einer kranken Geige jämmerliche Klagetöne entlockt hatte, war den Zwischenact hindurch der Schützer der Circe.

[414] Als die zweite Abtheilung mit ähnlichen Dummheiten begann, und bei den jungen Herrn das Organ des Diebstahls von der Dame geweckt wurde, und nun einigen Personen der leichtsinniger Weise auf den ersten Bänken sitzenden Haute volée Sachen mit bewundernswürdiger, fast an das Mögliche grenzenden Geschicklichkeit zu verschwinden anfingen, da dachten wir an das eigene Verschwinden. Wir hatten genug! Wir waren hinlänglich, bis zum Ekel gesättigt und mit dem Ausruf: „Herr Gott, ist es denn möglich?“ verließen wir den furchtbarsten aller Schwindel, der in der Verdummung des menschlichen Verstandes sein Leben findet.

L. Lffl.


Bilder aus dem Gefängnißleben.
Von Max Ring.
Nr. 2.[1]

Daß alle Karten- und andere Spiele im Gefängnisse streng verboten sind, versteht sich ganz von selbst; nichtsdestoweniger wird kein Verbot öfter übertreten. Zu Würfeln werden die übrig gebliebenen Brodkrumen benutzt und die Augen darauf mit einem Besenreis gezeichnet. Schwieriger ist die Herstellung der Karten, aber auch dafür sorgt der Scharfsinn. Der gefangene Mann reißt von den Hemden ein Stück Leinwand ab, das zuerst in Salzwasser steif gemacht und dann in kleinere Theile zerstückelt wird. Mit Hülfe von Ruß, Ziegelmehl und im Nothfalle selbst von Blut, werden die nöthigen Zeichen und Figuren in rohen Umrissen gemalt. Während des Spieles muß einer stets aufpassen und, sobald der Gefängnißwärter oder ein Beamter sich nähert, verschwinden die Karten mit Blitzesschnelligkeit, und die Gefangenen sitzen mit den unschuldigsten Mienen von der Welt wieder da.

Im Krankensaale selbst fand ich gerade heute mehr Patienten als sonst, da trotz aller Sorgfalt der Skorbut, eine leider häufig vorkommende Geißel der Gefangenen, mit ungewohnter Stärke wieder einmal ausgebrochen war. Die Krankheit entsteht in Folge der Einschließung, aus Mangel an frischer Luft und durch den Genuß einer mehr einförmigen und nicht allzu nahrhaften Kost. Sie äußert sich in Gestalt einer allgemeinen Säfteentmischung und Blutverderbniß durch zahllose blaue Flecke und bald größere, bald kleinere Blutaustretungen, besonders des Zahnfleisches und der weicheren Körperstellen. Wenn auch in der Mehrzahl der Fälle heilbar, so fehlt es doch öfters nicht an tödtlichem Ausgange durch vollständige Erschöpfung der Lebenskraft. Unter diesen Patienten dauerten mich am meisten einige politische Gefangene, welche sich noch dazu nur in Untersuchungshaft befanden und, vom Skorbut ergriffen, jetzt mitten unter den verworfensten Verbrechern lagen, in einer Gesellschaft von Leuten, welche meist zu dem Auswurf der Menschheit gehörten. Ich suchte, so viel es in meinen Kräften stand, ihre wahrhaft bemitleidenswerthe Lage zu verbessern und trug wenigstens Sorge, daß diese höchst gebildeten und ehrenwerthen Männer, welche schwer für ihre Ueberzeugung litten, abgesondert von den Uebrigen zusammengelegt wurden. Mehr vermochte ich nicht zu thun, da in dem Gefängnisse eine zwar gerechtfertigte, aber oft entsetzliche Gleichheit herrscht und ohne Ansehen der Person, des Bildungsgrades und selbst des Verbrechens verfahren wird. Dies ist ein Uebelstand, der besonders schwer solche Personen trifft, welche sich vorläufig nur in Untersuchungshaft befinden und häufig als vollkommen unschuldig später entlassen werden müssen. Sie leiden trotz aller Humanität, die man ihnen angedeihen läßt, unter solchen Verhältnissen nun doppelt. Wer entschädigt sie aber für all’ die überstandenen Qualen, wenn sie oft erst nach Monaten, selbst nach Jahren von aller Anschuldigung freigesprochen werden? Wer ersetzt ihnen ihre verloren gegangene Gesundheit, die täglichen Demüthigungen, die schlaflosen Nächte und all’ die Verluste an Geist, Körper und Vermögen? – Hier sollte das Gesetz und die Richter, als Ausleger desselben, mit besonderer Vorsicht verfahren und nur unter den gravirendsten Umständen die oft leicht ausgesprochene und schwer wieder gut zu machende Verhaftung beschließen. – Während ich noch im Krankensaale mit den Patienten beschäftigt war, ersuchte mich ein Wärter, den ebenfalls aus politischen Gründen verhafteten Grafen R.....lach auf seiner Zelle zu besuchen, indem dieser sich krank melden ließ. Derselbe hatte, in’s deutsche Parlament nach Frankfurt gewählt, nach der Auflösung desselben an den Sitzungen und Beschlüssen des sogenannten Rumpfes Theil genommen, weshalb er gegenwärtig unter der schweren Anklage des Hochverrathes stand, worauf bekanntlich nach dem Gesetze die Todesstrafe erfolgen soll. Bis jetzt war ich dem Grafen nie näher getreten und war daher auf seine Bekanntschaft gespannt, da ich bereits so viele und so verschiedene Urtheile über ihn gehört hatte. Während die Einen ihn für einen hirnverbrannten Schwärmer oder ehrgeizigen Demagogen verschrieen, sahen Andere in ihm einen der edelsten Männer des deutschen Vaterlandes, einen politischen Märtyrer voll der seltensten und vorzüglichsten Eigenschaften. Ich fand einen hohen, schlanken Mann von höchstens dreißig Jahren, mit echt aristokratischen Zügen, welche um so mehr bei der mir bekannten Gesinnung auffallen mußten. Sein ganzes Wesen drückte einen hohen Grad von Biederkeit und wohlthuendem Idealismus aus, welcher allerdings mir an Schwärmerei zu grenzen schien.

Er saß auf seinem einfachen Bette, das in einer Matratze, einem Keilkissen und einer wollenen Decke bestand; neben ihm eine jüngere Dame nicht auffallend schön, aber desto geistreicher aussehend. Die zärtlichste Liebe, welche fast an Anbetung für ihn grenzte, strahlte aus ihren tiefen, blauen Augen. Er stellte mir dieselbe als seine Gemahlin vor und sie richtete mit der Angst eines liebenden Herzens die Bitte an mich, den Gesundheitszustand des Gefangenen zu untersuchen und die nöthigen Anordnungen zu treffen. Einige Fragen reichten hin, um mir die Ueberzeugung zu verschaffen, daß ich es mit einem unbedeutenden Leiden zu thun hatte, und ich freute mich, die etwas übertriebenen Besorgnisse der Gräfin durch meine beruhigenden Worte zu verscheuchen. Ihre vorher bleichen Wangen belebten und färbten sich mit einem feinen, rosigen Hauch, wodurch ihr Gesicht einen lieblichen Reiz erhielt. Voll Dankbarkeit ergriff sie meine Hand, und als ich diese zurückzog, fühlte ich eine heiße Thräne darauf. Bald war ich mit dem Grafen in ein interessantes Gespräch verwickelt, das mich meine beschränkte Zeit vergessen ließ. Er gab mir ein lebendiges Bild von den politischen Vorgängen, den Parteien und Führern in der Paulskirche, er schilderte mit großer Frische die Ereignisse, die verschiedenen Intriguen, Scenen und zuletzt den blutigen Straßenkampf, welchem die Ermordung des Fürsten Lichnowski und Auerswald’s vorangegangen war. Mit größter Unparteilichkeit beurtheilte er die hervorragendsten Persönlichkeiten und Charaktere auf beiden Seiten; eben so wenig war er blind gegen die begangenen Fehler seiner Partei, die er einer eben so scharfen als wahren Kritik unterwarf. Je länger ich ihn reden hörte, desto mehr lernte ich sein gesundes Urtheil, sein gediegenes Wissen und vor Allem die Ehrenhaftigkeit seiner Gesinnungen und Festigkeit seines Charakters schätzen. Zuweilen mischte sich auch die Gräfin in unser Gespräch und sie zeigte sich in jeder Beziehung ebenbürtig eines solchen Gatten.

Von den allgemeinen Verhältnissen kamen wir auch bald auf die besonderen Schicksale des Grafen, welche in mehr als einer Beziehung mir interessant erschienen. Er war schon einmal von den Geschworenen seines Kreises von dem ihm zur Last gelegten Verbrechen freigesprochen worden, wogegen die Staatsanwaltschaft die Nichtigkeitsbeschwerde erhob. Von Neuem vor andere Geschworene gestellt, erklärte sich die Mehrzahl der zuständigen Richter für incompetent und verfügte die Freilassung des Grafen. Das Obergericht zu R..n leitete hierauf gegen die Richter, welche nur ihrer Ueberzeugung gefolgt waren, eine Untersuchung im Disciplinarwege ein und bestrafte einige durch Versetzung, andere derselben durch Entlassung aus dem Staatsdienste. Der Graf selbst wurde von Neuem verhaftet, da er trotz des dringenden Rathes seiner Freunde sich im Gefühle seiner Unschuld nicht zur Flucht entschließen wollte. Seine Angelegenheit wurde so zum dritten Male einem ganz fremden Schwurgerichtshofe überwiesen, ungeachtet die bedeutendsten Rechtsgelehrten diese Maßregel als eine ungesetzmäßige betrachteten. [415] Die ganze Provinz sah mit Spannung dem Ausgange des Processes entgegen, während er selbst mit wahrhafter Seelenruhe sein Schicksal erwartete. Die liebenswürdige Gräfin, die er gegen den Willen seiner Familie geheirathet hatte, da sie als arme Bürgerliche und noch dazu als eine getaufte Jüdin mit doppelten Vorurtheilen zu kämpfen hatte, war sogleich herbeigeeilt und theilte jede ihr gestattete Stunde im Gefängnisse mit ihrem Gatten. Niemals habe ich in meinem Leben ein ähnlich schönes Verhältniß zwischen Eheleuten kennen gelernt. Zwei reizende Kinder, ein kräftiger Knabe und ein holdes Mädchen, waren mit ihr gekommen, um den gefangenen Vater zu besuchen und durch ihre Gegenwart aufzuheitern. Dies thaten sie in der artigsten Weise und ihr kindliches Geplauder, ihre zärtlichen Liebkosungen, ihr heiteres Lachen waren ganz dazu geeignet, jede traurige Stimmung zu verscheuchen.

Beim Anblick dieser glücklichen Familie vergaß ich ganz und gar, daß ich mich im Gefängnisse befand, ich glaubte vielmehr, Zeuge der schönsten Häuslichkeit zu sein, nur wenn ich zufällig den besorgten Blicken der Gräfin begegnete, erinnerte ich mich wieder, daß das Beil des Henkers noch immer drohend über dem edlen Haupte ihres Gatten schwebte. Ich gelangte immer mehr zu der Ueberzeugung, daß überall, wo die Liebe wohnt, selbst im Kerker das wahre Glück zu finden sei. Seitdem wiederholte ich öfters meine Besuche in der Zelle des Grafen und ich darf wohl sagen, daß ich die Stunden, welche ich in seiner Gesellschaft und in der seiner liebenswürdigen Familie zubrachte, zu den genußreichsten und angenehmsten zählte. Wie ich später erfuhr, hatte die Gräfin einen eben so kühnen, als klug erdachten Plan zur Flucht ihres Mannes ersonnen, wobei sie mit einem seltenen Muthe und mit wahrhaft heroischer Aufopferung zu Werke ging. In meiner Eigenschaft als Beamter durfte sie mich nicht in’s Vertrauen ziehen, aber das hielt sie nicht ab, mich mit immer gleicher Freundlichkeit zu behandeln. Die Ausführung unterblieb hauptsächlich wegen des seltsamen Ausganges, den der Proceß des Grafen nahm. Zum dritten Male vor ein Schwurgericht gestellt, sprachen die Geschworenen über den Angeklagten ihr „Schuldig“ aus, wogegen die Richter von Neuem sich incompetent erklärten und die sofortige Freilassung des Grafen beschlossen, ohne Furcht und Scheu vor der Regierung, welche durchaus den Grafen verurtheilt wissen wollte. Jetzt riethen seine Freunde und auch ich ihm zur schleunigen Abreise, um sich nicht neuen Verfolgungen auszusetzen. Auf unser wiederholtes Drängen eilte er in Begleitung seiner Frau über die Grenze nach der Schweiz, wo er noch gegenwärtig in den angenehmsten Verhältnissen lebt, einer von den Wenigen, die ihrer Ueberzeugung unter allen Verhältnissen treu geblieben sind. Ergreifend war der Abschied für mich, die Gräfin händigte mir noch eine goldene Kapsel zum Andenken ein, welche das gemeinschaftliche Bild der mir theuren Familie enthielt.

Minder günstig gestaltete sich das Schicksal der übrigen politischen Gefangenen aus jener Zeit, welche meist zu langjährigen Strafen verurtheilt, das Loos der gemeinsten Verbrecher theilen müssen und häufig zu Arbeiten verwendet werden, deren sie vermöge ihrer Bildung und selbst wegen der Natur ihrer Verschuldung überhoben sein sollten. Oft äußerte ich darüber mein Bedenken vor mir befreundeten Richtern und sie stimmten mir bei, wenn ich für politische Verbrecher die Verbannung als die einzige entsprechende und zweckmäßige Strafe vorschlug, wobei ich freilich nicht an das pestartige Cayenne dachte.

Noch ein schwerer Gang war mir zu thun übrig, den zum Tode Verurtheilten, der morgen mit Anbruch des Tages hingerichtet werden sollte, in seiner Zelle zu besuchen. Unterwegs kam ich an der Gefängnißkirche vorüber, welche offen stand, da heute ausnahmsweise an einem Wochentage Gottesdienst stattfand. Ich konnte nicht vorbeigehen, ohne einzutreten. Ein trübes Licht fiel durch die matt geschliffenen Scheiben. Zu beiden Seiten saßen die Sträflinge, doch so, daß sie nicht miteinander in Berührung kommen durften. Außerdem war eine gehörige Anzahl von Aufsehern vorhanden, um jede verdächtige Annäherung zu vermeiden. Es war eine seltsame Gemeinde, welche sich hier vereinigte, um ihrem Gott zu dienen. Welch’ ein Ausdruck in den verschiedenen Physiognomiken, welch’ eine Gallerie von wechselnden Gestalten; hier die tiefste Reue und Zerknirschung, die an Verzweiflung grenzte; dort der finstere Trotz, der lästernde Hohn, oder der unverbesserliche Leichtsinn. Wie nachlässig hielt dort der freche Bursche das Gesangbuch, darüber hinauf zu dem Chore schielend, wo die Frauen ungesehen hinter dem Gitter ebenfalls ihre Andacht verrichteten. Sein Nachbar war ein junger Mensch mit blonden Gesichtszügen, der aus Leichtsinn nur gesündigt hat; er blickte mit tiefer Andacht in sein Buch und dachte wohl dabei mit Rührung der Zeit, wo er mit seinen frommen Eltern noch zur Kirche ging und nicht einschlafen konnte, bevor er gebetet hatte. Grimmig schaut der Wilde dort mit geballten Fäusten vor sich nieder, seine aufgeworfenen Lippen umspielt ein höhnisches Lächeln über den ganzen Pfaffentrug und das Gaukelspiel, wofür er die Religion hält; er selber glaubt nichts mehr und verachtet diejenigen unter seinen Schicksalsgefährten, welche sich jetzt an den Himmel anklammern, als ausgemachte Heuchler und Dummköpfe. Der schwarze Krauskopf in der Ecke wirft während des Gebetes einem entfernten Cameraden Blicke des Einverständnisses zu und sucht sich ihm durch Zeichen bemerkbar zu machen. Irre ich nicht, so verabreden sie ihre Flucht, oder eine falsche Aussage vor dem Richter, um sich loszulügen. Dennoch wurde ich von einer tiefen Andacht hier ergriffen und mit einer nie gekannten Rührung lauschte ich dem wunderbar fesselnden Gesange der Sträflinge. Erschütternd klang die Predigt des Geistlichen, der jetzt die Kanzel bestieg. Er schien von seiner Aufgabe erfüllt zu sein, in diesen erstorbenen Herzen den göttlichen Funken wieder zu erwecken und das Saatkorn des Heils auf solchen steinigen Boden auszustreuen. Als er im Verlaufe der Rede des zum Tode verurtheilten Delinquenten erwähnte und diese Gemeinde aufforderte, für seine Vergebung den himmlischen Richter zu bitten, da der irdische keine Gnade haben darf, da sah ich manches trockene Auge sich mit Thränen füllen, manche trotzige Lippe erbeben, die Wangen erbleichen und ein leises Schluchzen wurde hörbar in der stillen Kirche. Gerade im Gefängnisse hat die Religion mit ihrer segnenden, heilenden und tröstenden Kraft eine erhabene Aufgabe zu erfüllen, die allerdings meist durch übertriebenen Eifer, zelotische Strenge und pietistische Richtung nicht besonders gefördert wird.

Beim Herausgehen aus der Kirche begegnete ich noch einem seltsamen Zuge. Auf den Armen einer blassen Frau wurde ein weinendes Kind zur Taufe getragen; es war von der gefangenen Mutter im Kerker geboren und sollte jetzt in Gegenwart von Verbrechern in die Gemeinschaft der christlichen Kirche aufgenommen werden. Welche Schicksale hat diese arme Menschenpflanze ferner zu erwarten? – Es steht vielleicht am Anfange der fürchterlichen Laufbahn, welche der Hinzurichtende morgen gewaltsam beschließen wird. Mit diesen Gedanken noch beschäftigt, trat ich in die dunkele Zelle. Der Delinquent saß zwischen zwei Wächtern, welche ihn von nun an bis zum letzten Augenblicke nicht mehr verlassen dürfen. Sein Gesicht war blutleer, eine aschgraue Todtenfarbe lagerte bereits auf seinen eingefallenen Wangen, gespenstisch flackerten seine Augen wie Irrlichter umher. Niemals werde ich diesen hoffnungslosen und doch nach Hülfe ringenden Blick vergessen. So schonend als möglich suchte ich mich meines Auftrages zu entledigen, um seinen Gesundheitszustand, wie es das Gesetz forderte, zu constatiren. Ich nahm seine Hand und fühlte den Puls, der in unzählbaren Schlägen mir die innere Angst verrieth und wie ein zu Tode gehetztes Pferd dahinkeuchte. Trotzdem bestrebte sich der Verurtheilte, mir und den Wächtern gegenüber einen erheuchelten Muth zu zeigen, indem er mit Aufwand seiner letzten Willenskraft matt zu lächeln versuchte. Es war dies noch ein Rest menschlicher Eitelkeit, die man bei den meisten Verbrechern selbst im Augenblicke des Todes findet; sie setzen eine Art Ehre darein, wenigstens mit Muth und ohne Zeichen von Feigheit zu sterben. Besonders war dies früher der Fall, wo aus den Hinrichtungen noch ein öffentliches Schauspiel gemacht wurde und der Delinquent gleichsam eine Rolle spielte. Durch die neue Einrichtung fällt dieser Grund fort, und ich habe die Bemerkung gemacht, daß die Verurtheilten jetzt weit angegriffener und niedergedrückter dem Tode entgegengehen.

Der Verbrecher, der morgen hingerichtet werden sollte, war keineswegs von seiner Geburt zu einem ähnlichen Geschick bestimmt. Seine Eltern hatten ihm eine angemessene Erziehung gegeben, aber von Jugend auf zeigte er einen deutlich ausgesprochen Hang zur Verschwendung und zum liederlichen Leben, wobei es ihm vollkommen gleichgültig war, wie und womit er denselben befriedigte. Oefters hatte er seinen Eltern und Anverwandten bedeutende Summen entwendet, um diese mit seinen Spießgesellen, und besonders in Gesellschaft von ausschweifenden Frauen, zu verjubeln. Der strenge Vater hatte vielleicht allzu streng jeden möglichen Besserungsweg für den verlorenen Sohn angewendet; er gab ihn zum Militair, [416] weil er von der strengen Mannszucht sich einen Erfolg versprach, aber auch hier verfiel sein Sohn in seine früheren Fehler.

Um einer Dirne ein Geschenk zu machen, entwendete er einem Cameraden eine Uhr, und wurde deshalb hart bestraft und, was weit schlimmer war, in die zweite Classe der Ehrlosen gestoßen. Dies schien einen bedeutenden Eindruck auf ihn gemacht zuhaben; er ging in sich und diente fortan mit solcher Auszeichnung, daß er wieder zurückversetzt und sogar um einen Grad befördert werden sollte. Während des Feldzuges in Schleswig-Holstein hatte er bei vielen Gelegenheiten einen seltenen Muth und ein entschieden militairisches Talent bewiesen. Er wäre vielleicht, da es ihm auch nicht an der nöthigen Bildung fehlte, ein brauchbarer Soldat, sogar unter andern Verhältnissen ein Held geworden. Der allzu schnelle Frieden vereitelte diese Aussichten, und ein unglücklicher Streit, den er in der Trunkenheit mit einem Vorgesetzten hatte, brachte eine neue Bestrafung zu Wege. Seitdem waren wieder alle seine guten Vorsätze verschwunden; er überließ sich von Neuem den früheren Ausschweifungen und zwar so arg, daß er mit Schimpf von seinem Regimente fortgejagt werden mußte.

In dieser Lage getraute er sich nicht dem erzürnten Vater unter die Augen zu treten; er irrte längere Zeit herum, bis er bei einem Förster im Walde als Jägerbursche ein Unterkommen fand. Das Leben sagte ihm zu; die Bewegung im Freien, die Lust an der Jagd, das Auflauern der Wilddiebe entsprach vollkommen seiner Neigung zu einem mehr herumschweifenden, thätigen Leben. Auch hier legte er vielfache Proben seiner natürlichen Tapferkeit und Verwegenheit ab. Alles wäre gut gegangen, und der junge Mann vielleicht noch ein tüchtiger Jäger geworden, wenn er nicht auch hier bei seinem Besuche in der benachbarten Stadt in schlechte Gesellschaft gerathen wäre. Um die sich mehrenden Ausgaben zu bestreiten, ließ er sich verleiten, einem Wildhändler heimlich das von ihm geschossene Wild zu verkaufen, und somit seinen Brodherrn zu betrügen. Sein Vergehen wurde entdeckt, und er den Gerichten übergeben. Ein sechsmonatlicher Aufenthalt im Gefängnisse war der Wendepunkt seines Schicksals; er hatte dort mehrere Verbrecher von Profession kennen gelernt, deren gelehriger Schüler er jetzt wurde. Sie versahen ihn mit den nöthigen Anweisungen, ertheilten ihm Unterricht und weiheten ihn so vollständig in die Mysterien ihres schändlichen Gewerbes ein, daß der Lehrling bald zum Meister vorrückte.

Sein Muth, seine persönliche Tapferkeit, Bildung und Schlauheit gaben ihm bald eine hervorragende Stellung in der Gaunerwelt; hier fand er Gelegenheit, seine Talente und Eigenschaften zu verwenden, die ihm wahrscheinlich in einem Kriege eine ehrenwerthe und glänzende Stellung verschafft hätten. Auch fand er unter seinen Genossen die Achtung und Anerkennung, welche ihm die Gesellschaft versagen mußte. Bald leitete er die kühnsten Diebstähle, Einbrüche und Raubanfälle, welche die Aufmerksamkeit der Behörden im höchsten Grade erregten. Bei einem Ueberfall einer einsam gelegenen Mühle, deren Bewohner sich zur Wehre setzten, erschoß er mit eigener Hand den Eigenthümer. Ein Preis war auf die Entdeckung des Thäters gesetzt, und mit Hülfe eines bereits bestraften Verbrechers, der jetzt im Dienste der Polizei stand, gelang es, den Mörder zu ergreifen. Nur ein halbes Jahr hatte die ganze Laufbahn gedauert, die jetzt auf dem Schaffot ihr Ende finden sollte. Aus den Acten ging noch eine vollkommen erwiesene, merkwürdige Thatsache hervor, daß der Verurtheilte wenige Tage nach dem von ihm vollbrachten Morde mit eigener Lebensgefahr ein Kind vor dem Ertrinken gerettet hatte. Welche Widersprüche in einer Menschenbrust! Sein Vertheidiger hatte diesen Umstand in einem eingereichten Gnadengesuche geltend gemacht; nichts desto weniger wurde dasselbe zurückgewiesen und die Hinrichtung anempfohlen. –

Ich hatte so eben die Untersuchung beendet, und stand im Begriffe, den Unglücklichen zu verlassen, als eine schluchzende Frau in anständig bürgerlicher Kleidung in die Zelle trat.

„Mutter!“ schrie der Gefangene auf, und all seine mühsam errungene Fassung brach vor diesem Anblick zusammen.

Sie sank auf den Sessel hin, welchen ihr mitleidig einer der Wärter hinstellte, und bedeckte ihr schmerzenvolles Gesicht mit den abgemagerten Händen.

Es herrschte ein furchtbares Schweigen in der Zelle, eine wahre Todtenstille. Leise schlich ich mich fort, um nicht Zeuge der nun folgenden, erschütternden Scene zu sein. Ich sagte dem Verurtheilten nicht ein Lebewohl, da ich doch am Morgen des nächsten Tages ihn zum Schaffot begleiten mußte. So blieb er allein mit seiner Mutter; der Vater war, ihm fluchend, vor einigen Monaten gestorben; aber die Mutterliebe brachte Versöhnung, Ruhe und Frieden in dies elende, von Todesangst gequälte Herz. Wie ich später hörte, verlangte der Delinquent, nachdem ihn die Mutter verlassen, den Zuspruch des Geistlichen, welchen er bisher anzunehmen hartnäckig verweigert hatte. Er wurde dann ruhiger und schlief sogar noch einige Stunden, oder schien wenigstens zu schlafen. Welche Träume mögen einem solchen Schlummer zu Theil geworden sein, welche Gedanken ein solches Erwachen begleitet haben! – Als der Beamte ihn abzuholen kam, fand er ihn bereits angekleidet; mit langsamen, aber festen Schritten betrat er den Hof und sah das verhängnißvolle Gerüst, wo der Scharfrichter mit seinen Gehülfen ihn erwartete. Gefaßt hörte er die nochmalige Verlesung des Todesurtheils aus dem Munde seines Richters. Mit bewegter Stimme nahm er von diesem und von den übrigen Beamten Abschied. Seinem Wärter trug er, wie ich deutlich hören konnte, noch einen Gruß an seine abwesende Mutter auf. Jetzt bestieg er das Schaffot, seine Lippen schienen sich noch einmal zu bewegen, wie zum letzten Gebet; dann kniete er nieder, die Knechte befestigten das Haupt auf dem Block. Der erste Strahl der aufgehenden Sonne spiegelte sich in dem funkelnden Beil, das mit einem dumpfen Hiebe den Lebensfaden zerschnitt. Ich aber entfernte mich erschüttert und doch nicht von der Zweckmäßigkeit der Todesstrafe überzeugt.




Indien und dessen neueste Revolution.
(Vorstudie.)

Aus Indien, dem Wunder- und Zauberlande der Natur, Religion und Poesie, des ältesten Wissens (Veda), der gewaltigsten, süßesten urgermanischen Dichtungen mit dem schlanken, braunen, jungfräulichen Urbilde aller weiblichen Liebe, Sakontala, an deren Spitze, aus Indien zuckte neulich mit telegraphischem Blitze die Schreckenskunde von tausendfachem Mord und tausendfachem Brand durch England und Europa. Die braunen, mageren, ausgedörrten Eingebornen, seit Jahrtausenden in Brahma und Buddha Selbstvernichtung mit Leib und Seele als ihr höchstes Ziel in künstlicher Verkommenheit und Versenkung suchend, träumend und vegetirend wie ihre höchsten Gottheiten, die auf blauen Lotosblumen schlafen, voller Milde und Barmherzigkeit und erhabenster Selbstverleugnung in ihrer buddhistischen Moral, welche die höchsten vom Christenthume aufgestellten Pflichten der Feindesliebe und Kreuzigung aller Selbstsucht tausendfach überbietet, dieselben Eingebornen haben sich gegen die seit einem Jahrhundert civilisirenden und christianisirenden Engländer in Tigerwuth und Elephantenraserei erhoben und alles europäische Leben, das sie finden, mit Weib und Kind schonungslos und erbarmungslos gemordet und alle europäischen Bauten und Häuser, die sie erreichen konnten, in Flammen aufgehen lassen. Die alte Hauptstadt der indischen Hauptvölker mit ihrem Großmogul, Delhi, war nach den letzten Nachrichten in den Händen der Rebellen und in den umliegenden Städten brach dieselbe Wuth gegen alles Englische aus. Was nicht durch die Flucht entkam, wurde wüthend gemordet, Alt und Jung, Weib und Kind.

Wie müssen die Engländer dieses Jahrhundert lang civilisirt und christianisirt haben, um eine seit Jahrtausenden durch Despotismus und Religion geistig und körperlich ausgemergelte, zum schwachen, marklosen, heißen Sumpfpflanzenleben herabgedrückte Bevölkerung zu dieser bestialischen Tigermordwuth zu stählen und zuzuspitzen!

Wie ist’s nur so gekommen und was ist denn eigentlich geschehen? Suchen wir in gedrängtester Kürze etwas Antwort darauf zu geben.

[417] „Der Mensch ist, was er ißt,“ aber auch was er trinkt mit seinen fünf Sinnen, was ihm anerzogen und ausgezogen, eingebläut, weiß gemacht, angeschwärzt oder sonst irgendwie in der Wolle gefärbt wird. Der Mensch und das Volk ist vor allen Dingen, was es wohnt und so gewohnt wird, seine Geographie, aus der erst Sprache, Geschichte, Religion, Cultus und Physiognomie hervorgehen.

Am Südrande des asiatischen Kernhochlandes steigen die höchsten, weißen Zinnen der Erde, der Himalaja, auf deutsch der „Schneepalast,“ mit ewigem, zackigem, eisigem Tode über die üppige tropische Glut und Fruchtbarkeit nach dem Meere hin europagroß auslaufender Thäler empor. Weiter südlich wieder weiße Gipfel an Gipfel mit furchtbaren Schluchten dazwischen, noch viel weiter unten eine dritte Gebirgsschicht mit Wäldern von Birken, Tannen, Eichen, Fichten von Kirchthurmhöhe und kühler, frischer Fruchtbarkeit ringsum, mit einem westlich gestreckten Hügellande und einem östlich in Sümpfen und heißen, stillen, pflanzen- und blumenquellenden, krokodil- und tigertückischen Tiefthale, voll baumhoher, aus Fäulniß emporschießender Gräser und undurchdringlichen Gestrüpps, wofür man den besondern englischen Namen jungles, Dschungeln, auch im Deutschen gebrauchen muß. Krokodil- und tigertückisch, lotosblumenfeenhaft, äffen- und papageienkreischend und unsäglich farbenprächtig; Schlangen bunt in dickem, hohe Bäume überragendem Schlinggewächs ringelnd und züngelnd, graue, plumpe Elephantenheerden gegen geschmeidige, fleckige Leoparden und dickköpfige, gestreifte Tiger rüsselnd.

Der ungeheuere „Schneepalast“, 350 geographische Meilen lang, in einer Breite von 40–50 Meilen von Westen nach Osten ziehend und sich in europagroßen Terrassen nach dem Meere absenkend, bestimmt das Klima und die physische Geographie des Landes. Er schützt es vor sibirischen Winden und gießt die mächtigsten Ströme der Erde in tausend Armen und Seen herab, den Indus und den Brahmasehn (Burramputer) und den heiligen Ganges mit 58 großen, schiffbaren und unzähligen kleineren Nebenflüssen. Der heilige Ganges (die heilige „Ganga“) durchschwemmt und überfließt das Paradies der Mitte und befruchtet unabsehbare Thäler von Reißfeldern, Baumwollenwäldern, Zuckerrohrschilfmeeren, nährende Bananen und gigantische Feigenbäume. Aus seinen Nebenteichen quellen ganze Himmel von blauen Lotosblumenaugen. An einem Arme des Ganges oben (dem Flusse Yumna[2]) liegt die alte Hauptstadt der Arier, der germanischen Stämme, welche vor vielen Jahrtausenden Indien eroberten und die alten, schwarzen Urbewohner verdrängten oder als Paria’s fortleben ließen. Die alte Hauptstadt dieser Arier-Reiche, Delhi, einst Residenz des Großmoguls oder des Oberherrn aller andern indischen Staaten und jetzt noch Sitz der letzten Großmogul-Familie, war auch Hauptstätte der jetzigen Revolution, welche hier in Ermordung aller Engländer und Ausrufung eines Großmogul-Abkömmlings zum neuen Herrscher von Indien bestand. Delhi hat noch jetzt einen Umfang von sieben geographischen Meilen, aber die ehemalige Million von Einwohnern sank bald auf 300,000 und unter den Engländern auf 200,000 herab, so daß viele Ruinen und Wüsten und Höhlen für wilde und giftige Reptilien und Bestien mitten in der Stadt liegen. Von der Mitte des zwölften Jahrhunderts an ward es als Residenz afghanischer Herrscher eine große, prächtige Stadt, bekam aber erst seinen fabelhaften Glanz, als es in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts mit Babur Residenz der Großmoguls geworden war. Der letzte derselben mußte, von Mahratten und Afghanen bedrängt, 1802 den Engländern, die schon Herren vieler Theile Indiens geworden waren, weichen. Er ward abgesetzt, wie sie seitdem manche Dutzende von indischen Königen und Fürsten absetzten, ohne jemals nur „so zu thun,“ als ob sie den Leuten bessere Herren sein wollten, ohne jemals daran zu denken, was ihre Ausbeutung, ihre Auspressung mit Tortur für Folgen haben könne, geschweige an „Civilisirung und Christianisirung.“

Weiter vorn und an den fast durchweg englisirten und modernisirten Meeresküsten mit großen Städten, Häfen, Schiffen, Waarenhäusern, Läden und Handwerkern und Handelsleuten aller Art sieht es nüchterner und alltäglicher aus. Die großen Flüsse drängen sich in massenhaften, breiten, verschlungenen Armen durch sumpfige oder sonnengluthausgcdörrte Ebenen und meilenlange Mündungssumpfgebiete in den bengalischen Meerbusen, nur der Indus und einige andere Flüsse auf der andern Seite in den indischen Ocean, die meisten, die nicht aus dem Himalaja kommen, von dem Gebirgszuge der „westlichen Gauts“, der Bombayseite, östlich herunter. Der eigentliche geographische und culturhistorische Kern Indiens läuft mit dem heiligen Ganges durch das heiße, feuchte, üppige, oft überschwemmte und von gräßlichen Orcanen zerrissene Tiefland Bengalen, in dessen heißem, brütendem Klima die üppige, hochpoetische, kräftige Indra-Naturreligion der alten Arier zur peinigenden, scholastischen Priesterfrömmigkeit der Brahmanen und dem protestantischen Evangelium des Königssohnes Buddha, zur Religion der Selbvernichtung und Rettung aus allem Schein und Trug der Wirklichkeit, der Rettung vor Unsterblichkeit und Wiedergeburt, schläfrig nachdenkend auskochte, wo auf blauen Lotusblüthenmeeren heißer Sumpfgewässer der Gott Wishnu schlafend Schilf und Dschungels und Bambusrohr, Kokosn und Arekapalmen, Betelnußranken und Zimmetwälder so hoch in die Höhe treibt und so dicht bis über die Kronen mit Schlinggewächsen ausstopft, daß keine menschliche Kraft hineinbringen kann, und nur das Rhinoceros, der Elephant und bengalische Tiger Schluchten und Gänge reißen und mit Schlangen und Krokodilen und sonstigen Reptilien hausen und sich einander zerreißen können.

Außer den zwei Hauptracen, den kaukasischen, hellbraunen Ariern, und den dunkleren, roheren Cudra’s (oder Sudra’s oder Paria’s) oder Urbewohnern gibt es unzählige Stämme, Kasten, Secten und Unterschiede. Die Brahmanen trieben diese Unterschiede bis zu einer unerträglichen Mannichfaltigkeit von Unterscheidungen und Gesetzen und Ceremonien, um aus der gottvollsten Wirklichkeit das qualvollste irdische Jammerthal zu machen, aus welchem es blos eine Rettung gäbe, die Auflösung in dem überweltlichen höchsten Gott der Götter und Menschen, Brahma. Alles Wirkliche ist Schatten, Schein, Lug und Trug. Wer an dasselbe glaubt oder sich ihm hingibt oder sonst gegen Gesetze und Religionsvorschriften handelt, wird zur Strafe nach dem Tode hundertmal, tausendmal und in Folge mancher Vergehen so oft als Schakal oder sonstige Bestie wiedergeboren, als ein Thier Haare im Felle hat u. s. w. So wurde die Furcht vor einem Wiederaufleben nach dem Tode zur größten Höllenpein auf Erden. Dazu kamen entsetzliche Opfer-Ceremonien, die in manchen Fällen fünfzehn Monate dauerten, mit täglich tausendmaligem Aufgießen von Butter in das Opferfeuer. Unzählige Gegenstände durften nicht gegessen, unzählige gar nicht berührt werden, darunter Schweinefett, dessen Gebrauch bei Patronen, welche die Engländer ihren indischen Truppen aufzwangen, die eigentliche, nächste Veranlassung zur Revolution ward.

Die geistlichen und weltlichen Qualen eines gesetzgrausamen Staatöund Priesterdespotismus, die Fluth von Kastengesetzen, die Qualen im Kampfe mit erschlaffendem Klima, giftigen Dünsten und reißenden Thieren, die tödtliche Dürre, die zerstörende Sturmwuth, die tausendfache Furcht vor Jahrtausende lang wiederholter irdischer Wiedergeburt – Alles dies trieb den Indier in sich und aus diesem gequälten Ich heraus in die Seligkeit systematischer, langsamer, gründlicher Vernichtung von Leib und Seele, eine Religion, welche der als Bettler umherziehende Königssohn Buddha predigte, die wahnsinnig erhabenste und gewaltigste Religion Asiens, die viel mehr Gläubige zählt, als das Christenthum. Sie ist atheistisch und leugnet alles Wirkliche. Alles ist Schein und Trug, selbst die höchste Gottheit. Es gibt nur ein Wesentliches, das ist das Nichts. Alles Wirkliche ist Sein und deshalb Qual. Dieser Wahnsinn der Erhabenheit würde das Volk nicht gepackt haben, aber Buddha stürzte die Götter, die Kasten, alle Gesetzes- und Ceremonienqual, und gab dafür die herrlichste Moral von Liebe und Erbarmen gegen alles Geschaffene, dem man in der Unseligkeit, überhaupt da zu sein, nicht noch mehr thun müsse, dem man den Weg zur Erlösung und Auflösung in Nichts nicht durch Aerger und Leidenschaft erschweren müsse. Keuschheit, Geduld, Barmherzigkeit, Gleichgültigkeit gegen allen Schmerz, Abstraction von aller Wirklichkeit und ihrem Trug, Auflösung des Leibes, Auflösung der Seele von Grad zu Grad bis in’s absolute Nichts, Nirbâna, Furchtlosigkeit vor allem Wirklichen und Menschenwerk, d. h. Freiheit des Lebens und Freudigkeit des Strebens – das war und ist die Zaubermacht des Buddhismus.

„Im praktischen Leben,“ sagt M. Dunker, „ist den Indern nichts als der langgeübte Heldenmuth des Duldens geblieben. Wie das alte System des Glaubens und der Lehre in Indien standhaft den [418] Jahrtausenden Trotz geboten (nach englischer, hundertjähriger Civilisirung hat sich erst neulich eine Wittwe nicht mit verbrennen lassen und wieder geheirathet), so hat sich auch in den Indern jene Zähigkeit entwickelt, welche langer und schwerer Druck in ursprünglich kräftigen Naturen zu erzeugen pflegt, jene Kraft des Widerstandes, welche sich beugt, aber nicht bricht, jene Schlauheit und Intriguenlust, durch welche sich der Unterdrückte an dem Unterdrücker schadlos hält, dem er mit Gewalt nichts anzuhaben vermag. (Und wenn er’s endlich in höchster Verzweiflung mit Gewalt versucht – wehe den Unterdrückern!) Die Gewohnheit der Entsagung und Peinigung, die Hoffnung, mit dem Tode allen Schein, alle Fesseln los zu werden, hat die Inder auch der wüthendsten Tyrannei des Islam und der Mongolen widerstehen lassen, und noch heute weiß der feigste Bengale, wenn es nicht anders sein kann, mit dem gelassensten Muthe zu sterben.“

Was ihre neuesten Unterdrücker betrifft, von denen die Times selbst sagte, daß sie noch nicht einmal so gethan hätten, als wollten sie auch etwas für Indien thun, von denen der Präsident der jetzigen ostindischen Compagnie, Mr. Mangles, öffentlich examinirt, erklärte, daß sie während der letzten vierzehn Jahre 2,000,000,000 – zweitausend Millionen Thaler (300,000,000 Pfund) aus Indien gezogen, und blos 1,400,000 für dasselbe wieder ausgegeben, welche Mr. Norton in seinem Werke über die Präsidentschaft in Madras mit folgendem Resultate einer hundertjährigen Civilisirung schilderte: „Eine verarmte, degradirte Bevölkerung, Straßen kaum versucht, Bewässerung vernachlässigt, Land unverkäuflich, guter Boden verlassen wegen unerschwinglicher Besteuerung, Millionen von Ackern wüst liegend, dabei keine Verbesserung der Einnahme, Erziehung vernachlässigt, Gerechtigkeit eine Farce,“ – was diese Unterdrücker betrifft, so hat sich das Volk und zwar in seinem für englische Interessen soldatisch eingelernten Theile mit Mord und Brand gegen sie erhoben. Die Nachrichten darüber sind noch unsicher und unvollständig. Bald werden ausführlichere und bestimmtere Mittheilungen uns in den Stand setzen, diese hier gegebenen und frühere Vorstudien durch ein Schlußbild der neuesten Katastrophen und Zustände zu ergänzen.




Das Nachtleben.

Uns Menschenkindern, die wir mit unserer Thätigkeit an’s Licht gebunden sind, erscheint es nur gar zu oft, als ob auch die ganze Natur mit uns erwache und zur Ruhe gehe. Oft weiß man im gewöhnlichen Leben nur noch, daß diese und jene einzelnen Amphibien und Insecten, wohl auch noch einzelne Säuger und Vögel auch in der Nacht wach sind. Nur diejenigen Beschäftigungszweige, die zur Wachsamkeit in der Nacht auffordern, wie die Fischer, der einsame Wachposten an der See, im Forste, im Felde oder der aus Lust zum Wissen wachende Forscher schärfen ihre Sinne, entweder hier aus Gewinnlust oder dort eben aus Opferliebe zu den Musen. Ihrem einsamen Wandel ist jedes Lebenszeichen in der dunklen Stille ein Munterungsruf und nur zu oft hat selbst die Furcht ihren Antheil an einer Entdeckung gehabt.

Die nächtliche Welt gilt allerdings für gewöhnlich als eine ruhende Welt; unzählige Male haben Dichter diese Volksmeinung in ihren Versen niedergelegt. „Alles schläft in süßer Ruh’, müder Geist, nun ruh’ auch du!“ So heißt’s in jenem Abendliede und im Allgemeinen bleibt den Worten ihr Recht belassen. Doch ist’s auch einmal des Fragens würdig, wie in der That die Nachtseite der Natur im eigentlichen Sinne aussieht. Da ist’s denn freilich anders, da ist freilich nicht Alles in süßen Schlaf versunken; ja durch alle Classen der Thiere hinab finden wir genug nächtliche Wächter.

Kaum ist Mutter Sonne hinter den Bergen versunken, so rührt und regt sich eine andere Welt. Die Sänger enden ihr letztes Lied und Dunkel, die Munterkeitsbedingung so vieler lichtscheuen Thiere, zieht auf Bergen und in Thälern ein. In letzteren und im feuchten Gebüsche, in engen, umdüsterten Bauten beginnt sich’s zuerst zu regen. Sowie in Tropenländern einige Affenarten munter sind, so verlassen nun bei uns die Fledermäuse ihre Schlupfwinkel. An ihnen wird uns sogleich klar, warum sie und die meisten der thierischen Nachtwächter jetzt munter werden. Die ganze Natur ist der großartigste und freundlichste Organismus, den es gibt; die starre, die grüne und die lebendige Natur greifen, sich stufenweise und gegenseitig bedingend, in einander ein. Dort treibt der abgekühlte, umdunkelte Boden die lichtempfindlichen Blüthen an, sich zu öffnen. Silenen und Cactusarten offnen ihre Blumen zur Nachtzeit und eine der letzteren wird geradezu als Königin der Nacht bezeichnet. Der Thau fällt und hält sich an den freistehenden Pflanzen an. Eine Menge niederer Thiere zieht aus; ihnen nach größere, jene erbeutend. Der Nahrungstrieb ist’s, der den Fledermäusen, Nachtschwalben und Anderen diese Lebensweise abdrang. Der andere Grund, der einige zur Lichtscheu zwingt, ist der Bau des Auges, welches, wie bei der Eule, bei solcher großen Pupille die Lichtfülle nicht fassen kann. Nur die tagvogelartige Sperbereule scheint hiervon eine Ausnahme zu machen. Bei noch anderen Thieren, wie Mäusen, Zieseln und Hamstern ist die Furcht der Grund, daß sie in der Nacht und am frühen Morgen herumstreifen.

Unter die ersteren rechnen wir die gemeine Fledermaus, die auf die Dämmerungs- und Nachtfalter fahndet, deren viele sich ihr durch ihr weißes Nachtgewand, wie absichtlich, verrathen. Ueber die Teichflächen jagt wüsten Flugs die blasse Speckfledermaus. Kaum das Untergehen der Sonne erwartend, flog der hungrige Rauchflügel noch im Hellen aus, hielt sich aber hoch und jagte erst später nach Motten und Schnaken, Köcherfliegen und Libellen. Die winzige Pygmäenfledermaus kommt aus ihrem Reisholze, hinter den Bretterverschlägen der Bauernhäuser hervor, die Hufeisennase vom Thurme oder aus Höhlen und die Zwergfledermaus aus Kirchenhallen oder Schloßgängen, wo sie oft, wie in Dresden, in Colonieen nebeneinander hockt. In derselben Zeit haben Katzen ihre Mordpläne auf des Nachbars Schuppendache berathen und ziehen heimtückisch aus, hier eine Maus, dort ein verspätetes Fröschlein, hier ein Vogelnest überfallend. Im Gebirgswalde morden die Luchse Hasen, Rehkälber und Hühner; Bäre, Füchse und Wildkatzen streifen durch Büsche und um einzelne Bauernhöfe und der Wolf lungert nach der Landstraße, wo der Postwagen, mit feisten Pferden bespannt, dahin rollt. Die Marder halten ihre Kämpfe auf der Scheune, morden dann in den Ställen und naschen auf den Obstbäumen oder schlürfen Vogeleier aus, das Fangeisen klug umschleichend. Iltisse und Wiesel fügen zu dem Tagraube noch größere Nachtbeutezüge. Der plumpeste unter den Finsterlingen bleibt aber immer der Igel, von dem man früher wähnte, er spieße sich höchst planvoll sein Obst an die Stacheln und trage es so heim. Er kommt aus seinem Baum- oder Erdloch hervor, freut sich, wenn er einmal eine blöde Maus überlistet, nimmt aber sonst bescheidentlich auch mit einem jungen Frosche, ja mit Würmern und Obst vorlieb. Er ist ein vorzüglicher Regenwurm- und Schneckenvertilger und darum von allen Jüngern der Flora gern gesehen, selbst wenn er einmal scharren oder Vogelnester stören sollte. Dazu kommt, daß so ein alter „Schweinigel“ mit seinen jungen „Hundsigeln“ auch vor Schlangen, selbst vor der Kreuzotter, keine Furcht hat.

Von ähnlichen, feuchten Orten, wo Blätter faulen, Dünger liegt und der Igel gern weilt, gehen auch die Spitzmäuse aus. Sie fressen nicht nur Nachtinsecten, sondern räumen auch gar gewandt als Sicherheits- und Wohlfahrtspolizeier in der Natur todte Mäuse und derlei hinweg, indem sie dabei fett werden. Die eine Art schwimmt und plätschert Nachts gar vergnüglich mit immer trockenem Felle in Schleußen und Wassergräben, sucht sich „Rattenschwanzpuppcn,“ Fischrogen, Quappen und balgt sich oft selbst mit großen Egeln herum. In der Nacht fressen Wald- und Erbsmäuse „Korn und Kern,“ fressen Hausmäuse und Ratten jene erschrecklichen Zeilen in Speckseiten und Käse, in der Nacht sind Kaninchen, Hirsch, Reh, Gemse und Hase am thätigsten, indeß sie die Tageszeit über sich je mehr, je lieber verborgen halten. Käuzchen, die sich des Tags über, der Krähenneckereien wegen, ängstlich verkriechen, kommen hervor, verzehren mehrere Mäuse und Blindschleichen auf eine Mahlzeit, fliegen dem blendenden Lichte entgegen an die Scheiben an, wo vielleicht Todtkrante sich vor ihnen als vor den heulenden „Leichenvögeln“ [419] entsetzen, oder wo daneben der Denker noch spät am Arbeitstische über sie erschrickt. Schleiereulen schwimmen sanft herab und stoßen endlich schnell auf ihre Beute im Felde. Der auch am Tage scharf blickende Uhu ist der immer muthige, mit seinen Klauen furchtbar verwundende Räuber, dessen nächtliches „Puhuh!“ hohl durch die Waldklüfte hallt; und dazu kreischen und hohngickern Weib und Junge so gräßlich, daß die „wilde Jagd“ und das Rüdengebell wohl in ihnen einen Grund findet. Mit diesen Ohreulen zugleich jagen die Tagschlaffen oder Nachtschwalben, jene merkwürdig gewellten Vögel mit großer Schnabelöffnung, welche im Walde Nachts wie mit einem Spinnrade schnurren. Sie fressen fast alle Arten Insecten, nächtliche Käfer, Abend- und Nachtfalter, Libellen, Schnecken und Gewürm; selbst aus den Düngerballen der Säugethiere werden noch in der Nacht höchst eifrig die Aphodius-, Philanthus-, Mondhorn- und Schildkrötenkäfer oder deren Larven gelesen und alles Unverdauliche als Gewöll wieder ausgespieen, so daß diese Thiere, selbst ohne die nächtliche Beleuchtung der Hortulane zu haben, ihr Futter finden. Brachpieper, Schwarzkehlchen, Nachtigallen und Sprosser bringen des Nachts ihre Psalmm, wie der Dichter des Nachts seine hellsten Lieder sang. Ist doch diese Beobachtung Ursache zu dem schändenden Frevel geworden, Nachtigallen zu blenden.

Rebhühner und Wachteln kommen in der Abenddämmerung heraus, wandern, kämpfen sodann oder gerathen wohl gar in die würgenden Schlingen am Feldraine neben den oft besuchten Klee- und Rübsaaten. Nachts pfeifen Haselhühner, balzen die Moorhühner der Küstenländer, wie ihre Verwandten, unsere Auerhühner auch des Nachts thätig sind. Reich ist das Leben an den Sümpfen: Wasserrallen, Wiesenläufer und Rohrhühner schnarren und girren; andere, wie das Zwergrohrhühnchen, streichen über die Gewässer, indeß die Kiebitze über ihnen im Mondscheine sich wiegen und die Schnepfen, des auf den Anstand liegenden Jägers sich nicht versehend, droben ihre Taumelkämpfe feiern. Gänse, Enten, Reiher, Kraniche, Störche, Fluß- und Seeregenpfeifer, sowie unzählige Singvögel ziehen überdies zur Nacht in ein fernes Land und beleben die nächtliche Landschaft. – Auch die Fische ruhen nicht die ganze Nacht; sie plätschern, laichen und springen. Ja, Aale gehen oft im Dunkeln das Schotenfeld plündern.

Aber auch unter der niederen Thierwelt ist Nachts noch gar viel Leben. Frösche und Kröten, Molche und Salamander bekommen Muth; die gemeine, braungraue Feldkröte hüpft insectensuchend durch verwilderte Gärten und durch feuchte Felder, indem sie verfolgt ihren Urin weit fortspritzt. Hier fallen ihr Harpalen, dort am faulen Baumstamme Klopfkäfer in die Hände. Das sind dieselben Käfer, die bei ihrer nächtlichen Bohrarbeit, noch mehr aber durch das taschenuhrähnliche Klopfen der Männchen zur Begattungszeit dem Aberglauben Entsetzen einjagen; man hält diese „Todtenuhren“ für Vorboten des Todes. Hat man sie einmal gefangen, so stellen sie sich todt und bleiben hartnäckig unbeweglich, selbst wenn man sie an einer Flamme bratet. Bücherbohrer und die in Apotheken so sehr gehaßten Kräuterdiebe sind Nachts am thätigsten. Viele Dungkäfer sind nur in der Nachtstille auf Landstraßen und Waldwegen ungestört und der prachtvoll leuchtende Johanniswurm veranstaltet mit seiner ganzen Familie, denn auch die Larven leuchten schon, mittelst der letzten Hinterleibsringe die splendideste Illumination, bei welcher die kleinen Laternenträger beweglich sind und bei ihrer großen Zahl oft ein wahrer Feuerregen herniederfällt. Raubkäfer rennen im Dunkeln mit unbedeckten, hochemporgehobenen Hinterleibern; Blapse oder Todtenpropheten, die großen, plumpen, schwarzen Käfer, verlassen die Pferdeställe oder die schwammigen Dielen; selbst der Wasserkäfer, groß und klein, verlassen Nachts ihre Teiche, heben ihre schwerfälligen Flügel und gehen auf Besuch. Blattnager und Borkenkäfer, Zimmerböcke und Hirschkäfer und die Blattkäfer, vor Allen die auf Gemüsen so lästigen Erdflöhe, kleine Käfer, wüsten im Dunkeln am ärgsten. Auch die Ameisen ruhen des Nachts nicht ganz. Die schönsten Boten aber sendet die nächtliche Welt in ihren Schwärmern und Faltern. Sitzt man bei der Lampe, etwa in der Jelängerjelieberlaube oder in der Stube bei offenen Fenstern, so schweben oft, dem Lichte entgegen, dickleibige bunte Schmetterlinge, das sind die Schwärmer. Sammetartige blaßrothe und grüne Weinschwärmer, bunte Wolfsmilch- und große Ligusterschwärmer, Fichten- und Lindenschwärmer, Taubenschwänze, Abendpfauenaugen, vor Allem aber der prachtvolle, dunkel-marmorirte, in Aengsten wie ein Kind schreiende Todtenkopf kommen zum Fenster hereingeflattert. Vorigen Herbst fing ich unter Andern an den Fensterrouleaux einen prachtvollen Todtenkopf, der sich solcherweise verflogen hatte.

Aber auch Nachtpfauen, Hammerschmiede, wie die meisten mitunter prachtvollgefärbten Spinner zeigen sich meist nur Nachts, und die blendend weiß schimmernden unter ihnen sind’s, welche den Fledermäusen selbst schon Weg und Steg zeigen. So die Liparisarten, wie der Weidenspinner, der um die Pappeln flattert, der Goldaster und der „goldenüberfließende“ Schwan. Einem dieser Schmetterlinge hat die Natur selbst die Flügel versagt und das Weibchen sitzt nun Abends, etwas leuchtend, und harret der Wiederkehr des Gatten, wie es denn überhaupt unter diesen nächtlichen Vagabunden Ordensbänder, Sackträger und Bräute gibt. Die Eulenschmetterlinge, so genannt wegen ihres dichtverpelzten Kopfes, schweben um Obstbäume, in Wäldern und Gärten umher. Wie viele Pflanzen findet der Gärtner am Morgen durchfressen und verdorben, ohne den wahren Dieb beobachten zu können. Er würde ihn in später Abendstunde bei der Laterne finden. Licht ist ja immer den thierischen Nachtwandlern ein Ding der Neugier, und so manche Häringe verlieren alle Jahre durch das Häringsleuchten Freiheit und Leben. Beim Lichte findet man dann auch die Gemüse-, Kohl- und Ampfereulen um die Blätter flatternd; Raupen der Nelken- und Erbseneulen zerfressen die Saamenkapseln und verbergen sich dann unter Blatt und Kapseln. Auch die Lichtmotten oder Zünsler sind nächtliche Schmetterlinge, klein und langgebeint, welche Leder, Bücher, Speck und Butter benagen; ihnen nahe stehen die verderblichen Tineen, kleine Motten, welche Pelz, Tuch, Tapeten, Ueberzüge und Polster zerfressen, und Ende Mai oft Nachts in ganzen Gesellschaften silberflügelig durch die Zimmer schwärmen. Grillen, Kakerlaken und Schaben, sämmtlich ekelhafte Thiere, entfalten Nachts ihren Vandalismus und benagen Feldfrüchte, Speisevorräthe, letztere selbst Leder und trockne Fische.

Am ekelhaftesten aber durch Form, Geruch und Lebensweise sind jene zwei nächtlichen Wanzenarten; zuerst nämlich unsere Bettwanze, die, vom feinsten Geruch geleitet, sich von der Decke herabläßt, und nur Nachts oder vom Morgen überrascht, frei herumkriecht. Ihr Lichthaß geht so weit, daß sie oft selbst von ein paar brennenden Nachtkerzen zurückgescheucht wird; sie kehrt in ihren Schlupfwinkel zurück, ja man weiß, daß Wanzen mehrere Wochen lang ohne Nahrung leben können. Ihnen opponirend stehen die über dreimal größeren Kothwanzen da, häßliche, rothbraune Geschöpfe, welche eben ihren Kehrichthaufen verließen. Nachts sind auch viele Spinnenthiere (Spinnen, Milben und Scorpione) thätig; der Morgen findet schon frisch gezogene Netze. Krebse kommen hervor; Asseln oder Kelleresel laufen in oft unbeschreiblicher Menge über den Weg. Man kann sie mit den Nachts umherziehenden Baum- und Gartenschnecken sehr leicht in Mengen wegfangen, wenn man feuchte Moosbündel, hohle Kürbisse oder Viehklauen in den Weg legt; diese Thiere suchen sich in den gefundenen Verstecken alsbald zu bergen. Ueberhaupt sind Winkel, wo große Steine oder nasse Hölzer liegen oder Blätter welken, die Schlupfwinkel dieser Nachts so häufig sichtlichen Thiere.

Unter Kagelasseln und Regenwürmern kriechen die 72füßigen „Tausendfüße“, die Laubvielringler und Scolopender umher, die am Tage kaum zu sehen sind, und eben ihres seltenen, heimlichen Wesens wegen in einen wichtigen Ruf kamen. Sie eilen bei Ueberraschungen kopfüber, meist in der Gesellschaft der ihnen in der Lebensweise so sehr gleichenden Ohrwürmer oder Ohrkneiper, fort in dumpfige, dunkele Verstecke.

So die reiche Welt außer uns. Und der Mensch? – Auch er unterliegt anderen Einflüssen. Auch er ist Nachts ein Anderer als am Tage. Durch den Wechsel der Einflüsse und Reize ist der Mensch zu anderen Tagszeiten ein Anderer. Die Nacht ist die Zeit des Schlafes für uns, wo der Gesichtssinn, der wichtigste, seinen Spielraum verliert. Bewußsein, Unterscheidung, die eigene geistige Spannung weicht dem Naturgesetze. Das bildende Leben tritt zurück, hört aber nicht auf; der Stoffwechsel ist wohl träger, aber das animale Leben ist geregelter. Die Störungen und Aufregungen des Tages sind beseitigt, und der große Regulirungs- und Ausgleichungsproceß in unserm Organismus kann beginnen. Langsamer und ergibiger erfolgt die Verdauung; langsamer und geregelter jeder Athemzug, jeder Pulsschlag. Die Körperwärme [420] selbst ist anfangs geringer als Folge davon, so daß das Verhältniß derselben zu der während des Tages erfolgenden 100 : 125–130 bei der Ausdünstung ist. Mitternachts ist der Schlaf am tiefsten, am stärkendsten; die Krankheiten „stehen“, Todesfälle sind selten. Gegen Morgen erst wird Puls und Wärme voller, wachsender; leichte Schweiße, Krisen, Geburts- und Sterbefälle fallen am meisten in die stille Morgenzeit, bis sich zum Mittag ein zweiter Stillstandspunkt im Leben des Menschen offenbart.

Str.




Blätter und Blüthen.


Ein Stücklein vom „alten Herrn. Es sind kaum einige Wochen her, daß die Zeitungen eine Notiz aus Göttingen brachten, nach welcher ein hoher Polizeibeamter an die Studenten der dortigen Universität das Ansinnen gestellt hätte, beim Einzug des Kaisers Alexander II. von Rußland mit den Bürgern vereint Spalier zu bilden, und dadurch dem Czaar ihre Huldigung zu zeigen. Dieser an den Seniorenconvent der Corps gerichtete Antrag wurde von diesem bekanntlich zurückgewiesen, und Kaiser Alexander II. zog in Göttingen ein, ohne von den Studenten empfangen zu werden.

Als ich diesen Vorfall las, erinnerte ich mich einer kleinen Begebenheit aus meinen Studentenjahren, deren Mittheilung an dieser Stelle vielleicht manchem Leser dieser Blätter nicht ganz uninteressant sein wird.

In den späten Abendstunden eines windigen und regnerischen Herbstabends im Jahre 1847 saßen wir – ein Kreis lustiger Studio’s – in Auerbach’s Keller in Leipzig, trinkend, singend und plaudernd über Alles, was irgend nur das Interesse junger, frischer, strebender Herzen erregen kann. Schließlich kam das Gespräch auch auf Goethe – eine Wendung, die man in Auerbach’s Keller mit seinen alten, damals sehr verräuchert und rußig aussehenden Wandbildern aus der Faustsage natürlich finden wird – und von Goethe auf seinen fürstlichen Freund Karl August von Weimar, den „alten Herrn“. Wie die Unterhaltung diese Richtung nahm, erhob sich ein ältlicher Herr, der bis jetzt still und schweigend in der Nische, unweit des mächtigen Pfeilers, der die Wölbung stützt, gesessen hatte, und sprach, an unsern Tisch herantretend:

„Meine Herren, werden Sie es für indiscret oder für zudringlich halten, wenn ich als ein Ihnen Fremder an Ihrem Tisch Platz nehme?“

Auf unsere Verneinung und Bitte, sich auf den Sessel, welchen ihm einer der Commilitonen bot, niederzulassen, dankte er und fuhr dann fort:

„Ich hörte Sie von Karl August sprechen, und als früherer Jenenser, der ich bin, dessen Studienzeit in die letzten zehn Regierungsjahre des unvergeßlichen Herzogs fällt, können Sie sich wohl erklären, wie mich Ihr Gespräch anregte.“

So gab ein Wort das andere und der alte Herr, der, nebenbei bemerkt, Geistlicher, Superintendent einer norddeutschen Stadt war, wurde gesprächig, wie der Jüngsten einer. Unter andern verschiedenen Mittheilungen über Karl August erzählte er uns auch Folgendes:

„Es war,“ begann der Erzähler, „in den ersten Jahren nach den Befreiungskriegen, zur Zeit jener Congresse, auf denen sich die Fürsten Europa’s Rendez-vous gaben, um persönlich die schwebenden Streitfragen der Politik zu schlichten. Niemals gab es an den deutschen Höfen ein regeres Leben, zahlreichere Besuche gekrönter Häupter, als damals. Besonders aber war es der weimarische Hof, dessen Ruf und Ruhm von nah und fern fürstliche Gäste herbeizog.

Die Namen Schiller, Goethe, Wieland, Herder hatten Weimar einen Glanz verliehen, der weit über Deutschland’s Grenzen hinausstrahlte und der kleinen Stadt eine Berühmtheit gegeben, welche die vieler Großstädte übertraf. So kam auch Kaiser Alexander, ohnedies durch die Verbindung seiner Schwester mit dem Erbprinzen Carl Friedrich mit dem „alten Herrn“ verschwägert, nach Weimar. Bei Tafel kam das Gespräch unter Anderem auch auf Jena und der Kaiser äußerte dabei den lebhaften Wunsch, die Jenenser Studentenschaft in corpore zu sehen; dies würde auch, setzte er hinzu, sehr leicht zu bewerkstelligen sein, da der Großherzog nur befehlen dürfe, daß die Studenten Spalier bilden sollten, wenn er mit dem Czaar nach Jena käme. Karl August lächelte fein bei diesen Worten und meinte:

„Wollen sehen, wollen sehen, was sich thun läßt.“

Eine Stunde später sprengte ein Courier mit einer eigenhändigen Cabinetsordre des Großherzogs an den Prorector der Universität nach Jena und am nächstfolgenden Tage reiste Karl August selbst mit seinem Gaste, dem Kaiser, dahin ab. Die offene Jagdkalesche des Herzogs, in welcher dieser neben Alexander saß, war ungefähr eine Viertelstunde von der Stadt entfernt, als man schon von dem Wagen aus eine Menge Studenten, die zur Rechten und Linken des Weges, den der fürstliche Wagen nehmen mußte standen, bemerken konnte. Ein schlaues Lächeln spielte um des Herzogs Mund und sich zu Alexander wendend sprach er:

„Sie werden sie alle sehen, die flotten Burschen, Alle, Sire, es wird kein Einziger fehlen.“

Und in der That war es so. In langen Reihen, die dreifarbigen Bänder um die Brust, das bunte Cereviskäppchen auf dem Kopfe und die lange Pfeife im Munde standen sie Alle da, Burschenschafter wie Landsmannschafter, und ließen die hohen Reisenden Revue passiren.

Kaiser Alexander musterte mit überraschtem, neugierigem Auge die langen Reihen der Studenten und als sie an das Stadtthor ankamen, sprach er, sich zum Großherzog wendend:

„Man spricht so viel von dem rebellischen, aufrührerischen Geiste der deutschen akademischen Jugend, allein einen größeren Gehorsam, als diese Studenten zeigen, die sich auf Ihren Befehl am Wege aufgestellt haben, würde ich auch in Rußland nicht finden.“

Karl August griff in seine Brusttasche und sprach lächelnd und dem Kaiser ein Blatt Papier überreichend:

„Wollen Sie diesen Befehl lesen, Sire? Es ist derselbe, den ich gestern durch den Courier an den Prorector schickte, mit dem Bedeuten, ihn sogleich am schwarzen Brete anzuschlagen.“

Der Kaiser entfaltete das Blatt und las:

„Da am nächsten Tage Se. Königl. Hoheit der Großherzog mit Ihrem erhabenen Gaste in den Nachmittagsstunden Jena passiren wird, so wird hierdurch auf ausdrücklichen Befehl Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs jedem Studirenden auf das Strengste verboten, sich an der Straße, welche die hohen Reisenden passiren werden, zu zeigen.“

Alexander stutzte und seine Züge drückten ein eigenthümliches Befremden aus, Karl August aber fügte lächelnd hinzu:

„Ja, ja, Sire, ich kenne meine Pappenheimer.“ –[3]

Karl Wartenburg.
  1. Erster Artikel siehe Nr. 26.
  2. Deutsch oft Dschamnah oder Dschömna u.s.w. geschrieben.
  3. Unser geehrter Mitarbeiter möge entschuldigen, wenn wir an der Wahrheit des oben Mitgetheilten etwas zweifeln. Karl August war der Liebling nicht nur der Jenenser, sondern überhaupt aller deutschen Studenten damaliger Zeit, und seine Wünsche würden sicherlich respectirt worden sein. Karl August war aber ein viel zu vorsichtiger und geistreicher Mensch, als daß er zu Experimenten seine Zuflucht genommen hätte, die seinem Ansehen nur schaden konnten.
    D. Redact.


Der Kometenglaube. Der Kometenaberglaube ist in culturhistorischer Beziehung fast immer von den interessantesten Folgen gewesen. Wir erinnern hier z. B. an den großen Kometen vom Jahre 837, welcher der Erde sehr nahe kam, und durch den Ludwig der Fromme so in Schrecken gesetzt wurde, daß er, um den vermeintlichen Zorn des Himmels zu besänftigen, auf’s schnellste die Erbauung von Kirchen und Klöstern anbefahl. Der Komet vom Jahre 1456 wurde nicht nur von den Türken unter Muhamed II., sondern auch von den christlichen Heerführern, die zu jener Zeit gegen die Türken kämpften, als ein Zeichen des göttlichen Zornes angesehen. Um diesen Zorn Gottes abzuwenden, befahl Papst Calixt III., daß jeden Mittag die Glocken geläutet werden sollten. Hiervon soll in katholischen Ländern der Gebrauch herrühren, die Glocken zu Mittag zu läuten. Ebenso soll die sonderbare Sitte, einem Niesenden: „Zur Genesung“ oder „Helf Gott“ zuzurufen, einigen Chronisten zufolge davon herrühren, daß bei einer der verheerendsten Seuchen im Jahre 590, welche durch einen großen Kometen veranlaßt worden sei, dem Tode ein heftiges Niesen vorherging. Der große Komet von 1556 (derselbe, welcher jetzt erwartet wurde und der zu dem sonderbaren Gerücht des Weltunterganges Veranlassung gegeben hat), soll den Kaiser Karl V. veranlaßt haben, sich auf seinen Tod in einem Kloster vorzubereiten und die Krone niederzulegen.




Mit dem 1. Juli begann ein neues Abonnement der bei Ernst Keil in Leipzig erscheinenden
Deutschen Turn-Zeitung.
Blätter für die gesammten Interessen des Turnwesens.
Herausgegeben von Max Rosé.
Alle 14 Tage eine Nummer von 1/2 oder 1 Bogen. Preis halbjährlich 1/2 Thaler.

Die Deutsche Turn-Zeitung hat sich die Aufgabe gestellt, das Turnen in seinen vielfachen Beziehungen zu besprechen, belehrend zu unterhalten und freundschaftlich vermittelnd zwischen den zahlreichen Freunden des Turnens und den Vereinen im In- und Auslande, denen sie somit als Organ dient, aufzutreten. Die überraschend große Theilnahme, welche die Turn-Zeitung seit der kurzen Zeit ihres Bestehens gefunden, ist der beste Beweis dafür, daß es der Redaction gelungen, die gestellte Aufgabe zu erfüllen und den Anforderungen des Publicums zu entsprechen. Verbindungen in allen Gegenden Deutschlands, in Oesterreich, der Schweiz und Nordamerika bürgen auch für die Folge für einen manchfaltigen, interessanten Inhalt.

Wir empfehlen die Deutsche Turn Zeitung sämmtlichen Turnvereinen, den Freunden und Gönnern des Turnwesens, allen Aerzten, Lehrern und Erziehern. – Probenummern sind durch jede Buchhaltung zu beziehen.


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.