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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1856
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1856) 701.jpg
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[701]
Herrn Müller’s Sylvesterabend.
Zweites Kapitel.
(Schluss.)

Etwa eine Stunde vor Eintritt der Abenddämmerung am folgenden Tage machte Herr Müller sich auf den Weg, um sich des übernommenen, ihm so widerstrebenden Auftrages zu entledigen.

„Die Leute werden denken, ich sei verrückt geworden,“ murmelte er vor sich hin. „Ich wollte, ich hätte den jungen Gecken mit seiner Zumuthung zurückgewiesen. Ich weiß in der That gar nicht, wie man’s macht, wenn man Jemandem etwas schenkt, denn ich habe es in meinem Leben noch nicht versucht, und werde mich bei der ganzen Geschichte ungeheuer lächerlich machen. Nun und nimmermehr kann ich zugeben, daß es nützlich oder angemessen sei, Geld wegzugeben – ich bin aus Grundsatz dagegen und gleichwohl nun genöthigt, das Werkzeug dieses jungen Verschwenders zu sein. Magister Zinkelmann hatte ganz recht, als er sagte, ich hätte niemals das Vergnügen des Gebens gekannt. Ich gäbe gleich selbst zehn Spezies darum, wenn ich diese verwünschte Kommission los wäre. Der erste Bettler, der mir begegnet, bekommt seinen Speziesthaler, und so frisch weg darauf los, bis die ganze Summe glücklich zum Fenster hinausgeworfen ist.“

Herr Müller zog seinen Hut tiefer in’s Gesicht, um sich vor dem Schnee zu schützen, den der Wind ihm in’s Gesicht peitschte, und ging immer so vor sich hinbrummend weiter, bis er, als er eben um eine Ecke bog, an Jemanden anrannte.

„Heda!“ schrie er. „Seid Ihr es, Schirmer-Marie? Wartet einmal! Hört Ihr nicht?“

Die Frau aber erkannte seine Stimme, und fürchtete sich vor ihm viel zu sehr, als daß sie sich hätte versucht fühlen sollen, stehen zu bleiben.

„Ihr sollt warten, sage ich!“ schrie Herr Müller, indem er ihr nachlief. „Ich will Euch nichts thun! Seid doch nicht so einfältig!“

Das Weib blieb nun stehen, und hielt mit dem halb nackten blauen Arm den alten zerfetzten Mantel zusammen, den ihr der Wind fast zu entreißen drohte.

„“Hier,“ sagte Herr Müller; „Ihr habt gestohlen, ich weiß es, aber ehrliche Leute sind heut zu Tage einmal rar. Hier habt Ihr einen Speziesthaler; kauft Euch dafür Holz, damit Ihr keins wieder zu mausen braucht.“

„Wenn der Narr einmal sein Geld verschleudert haben will, so wollen wir das schon besorgen!“ murmelte Herr Müller, indem er weiter eilte, während das Weib mit dem Speziesthaler in der Hand stehen blieb, und ihrem unverhofften Wohlthäter mit sprachlosem Erstaunen nachsah.

Herr Müller ging die Reichsstraße hinunter, quer über den Brühl, durch das Halle’sche Gäßchen und dann auf die jetzt schon längst verschwundene, damals zu den Festungswerken gehörige sogenannte Hallische Bastei.

Hier waren in der Regel eine Menge schreiender, tobender, zerlumpter junger Proletarier versammelt, welche die Lust, die ihnen in ihren ärmlichen Wohnungen versagt war, durch lautes Umhertummeln und Balgen sich zu verschaffen suchten.

„Na, Ihr verworfene Brut,“ rief Herr Müller, „welcher von Euch ist denn der Aermste? Ich will ihm einen Speziesthaler geben.“

„Ich – ich – ich!“ schrieen die zerlumpten Buben wild durcheinander. „Mein Vater ist schon seit drei Monaten krank,“ rief der Eine.

„Meine Mutter ist vor acht Tagen bei dem Glatteis gefallen und hat das Bein gebrochen!“ schrie ein Zweiter.

„Wir sind neun lebendige Geschwister und haben schon seit drei Tagen keinen Bissen Brot im Hause!“ brüllte ein Dritter, und so suchte Jeder seine Verhältnisse mit möglichst schwarzen Farben zu malen.

„Lügen, nichts als Lügen!“ donnerte Herr Müller. „Ich wollte darauf wetten, wenn man zu Euch in’s Haus käme, so fände man Euren Vater, Eure Mutter und die sämmtlichen neun Geschwister wohlgemuth um die Schnapsbulle herumsitzen. Aber das geht mich weiter nichts an. Ein reicher Narr hat mir einmal aufgetragen, Euch einen Speziesthaler, zu schenken, und da ich nicht weiß, wer ihn von Euch am meisten verdient, so werde ich ihn auswerfen; wer ihn erwischt, dem ist er. Also aufgepaßt – eins, zwei, drei!“

Die Buben stürzten im wilden Durcheinander hinter dem blanken, über den Schnee hinkollernden Thalerstück her, und es entspann sich eine so wüthende Rauferei, daß Herr Müller wider Willen laut lachend in die Tasche griff und Frieden stiftete, indem er jedem der Kämpfer einen Speziesthaler verabreichte.

Dieser Auftritt hatte den alten Menschenfeind förmlich heiter gestimmt, und obschon er nicht umhin konnte, zu bedenken, daß er der Mahnung des jungen Herrn von Schönberg, diese Wohlthaten nur den Würdigsten zu spenden, bis jetzt eben nicht sehr eingedenk gewesen, so verweilte er doch nicht ohne innere Befriedigung bei dem Gedanken, welcher Jubel in den Hütten dieser Armen ausbrechen würde, wenn die Buben mit den großen Geldstücken nach Hause kämen!

Als er so bei sich denkend wieder den Brühl hinauf nach der Georgenpforte zu ging, um sich hinaus in die Vorstadt zu begeben, [702] kam er an ein paar hell erleuchteten, aber mit Gardinen versehenen Fenstern vorüber, die ihn bewogen, stehen zu bleiben.

„Halt,“ sagte er bei sich selbst, „da drinnen treffe ich ohne Zweifel lauter Leute, die einer Unterstützung nicht bloß bedürftig, sondern auch würdig sind. Hier wohnt mein Freund Dr. Stillner, auch so ein gutmüthiger Narr, der allen Menschen helfen möchte und seit ein paar Monaten angefangen hat, wöchentlich zwei Mal des Abends armen kranken Leuten seinen guten Rath unentgeltlich zu ertheilen. Wenn ich nicht irre, ist heute einer seiner Tage, und ich werde Gelegenheit bei ihm finden, mich meiner Speziesthalerlast, die mir fast die Taschen zerreißt, um ein Bedeutendes zu entledigen.“

Ach, leider fand er bei dem Eintritt in das Parterrezimmer, in welchem Dr. Stillner seine Gratis-Consultationen zu ertheilen pflegte, seine Vermuthung in hohem Grade bestätigt.

Auf der an der Wand hinlaufenden, langen Bank saßen eine Anzahl bleicher, abgezehrter Jammergestalten beiderlei Geschlechts, von denen man es Vielen ansah, daß sie sich nur mit Mühe bis hierher zu schleppen vermocht hatten, um bei dem guten Doktor Rath und Hülfe zu suchen.

„Ei, sieh da, Herr Müller,“ sagte Dr. Stillner, der eben mit einem Gehülfen beschäftigt war, einem Arbeitsmann vom Dorfe die Füße zu verbinden, die derselbe auf dem weiten Wege nach der Stadt erfroren hatte; „was führt Sie denn zu mir?“

„Ja, Sie werden sich wundern, Doktor,“ entgegnete Herr Müller, indem er die Speziesthaler in seinen Taschen umrührte, so daß die armen Leute längs der ganzen Bank hoch aufhorchten; „ich habe eine Menge Geld zu verschenken, und wollte fragen, ob ich hier bei Ihnen einiges loswerden könnte.“

Die Franzosen haben ein sehr wahres Sprüchwort: „Ce n’est que le Premier pas qui coute – nur der erste Schritt kostet Ueberwindung – und seitdem Herr Müller, der Zeit seines Lebens jeden Pfennig, den er ausgegeben, erst drei Mal umgewendet, sich auf der Hallischen Bastei vom Taumel des Augenblicks so weit hatte hinreißen lassen, daß er große, schwere, blanke Speziesthaler unter die Gassenbuben ausgeworfen, erschien ihm ein solches Verschleudern des edlen Metalls gar nicht mehr als etwas so Entsetzliches und Hirnverbranntes, als wofür er es früher angesehen.

„Sie haben Geld zu verschenken?“ fragte Dr. Stillner. „Da kommen Sie allerdings bei mir gerade zum rechten Manne, denn hier sitzen eine Menge Leute, die nur ihre Gesundheit noch nothwendiger brauchen, als Geld.“

„Das dachte ich mir,“ sagte der sich allmälig in das Gebiet der Humanität verirrende Menschenfeind, „und deshalb bin ich hereingekommen. Ein reicher junger Mann, der nicht genannt sein will – denn daß ich selbst kein solcher Narr bin, das wissen Sie, Doktor – hat mir aufgetragen, eine gewisse Summe Geldes als Neujahrsgeschenk an Arme, die es wirklich bedürfen und verdienen, auszutheilen. Hilfsbedürftiger aber kann nach meiner Ansicht Niemand sein, als der, welcher kein Geld hat und obendrein noch krank ist. Sie kennen diese Leutchen hier, Doktor, und werden eine angemessene Vertheilung zu treffen wissen. Hier haben Sie.“

Mit diesen Worten warf Herr Müller ein paar Hände voll Speziesthaler vor den noch ganz verwunderten Arzt auf den Tisch und entfernte sich dann rasch, aber nicht ohne vorher bemerkt zu haben, wie manche bleiche Wange unter den Kranken, welche Alles dies mit angehört, von freudiger, dankbarer Bewegung erröthete; wie manches halb erstorbene Auge, von neuer Hoffnung und neuem Muthe belebt, wieder Glanz und Kraft gewann und die Schritte des unerwarteten Helfers in der Noth mit stillen Segenswünschen begleitete.

Als Herr Müller wieder auf die Straße heraustrat, war ihm ganz merkwürdig zu Muthe. Hatte der Auftritt auf der Hallischen Bastei ihn auf eine Weise erheitert, wie er es früher gar nicht für möglich gehalten hätte, so hatte jetzt die Scene in dem Berathungszimmer des Arztes eine ebenfalls noch nie geahnte Saite seines Herzens erklingen lassen. Die dankbaren Blicke, womit die Kranken ihn beim Hinausgehen begleitet, schwebten ihm, so flüchtig er sie auch gesehen, immer noch vor den Augen, und so wie seine Taschen leichter wurden, schien auch sein Herz leichter zu werden. Das Schneewetter hatte aufgehört, und von dem dunkelblauen Winterhimmel begannen jetzt die Sterne hell und klar herabzuflimmern. Herr Müller wußte nicht, was er von sich selbst denken sollte. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie eine That aus reinem Mitleid geübt, und es war ihm nicht eher eingefallen, Wohlthaten auszutheilen, als bis er von einem Andern Auftrag dazu erhielt. Er wunderte sich über den Eifer, den er jetzt in einer Sache entwickelte, die ihm anfangs so widerlich und verhaßt erschienen war. Wieder gedachte er der Worte, welche Magister Zinkelmann zu ihm gesagt: „Sie haben noch nie die Freude empfunden, andern Menschen eine Freude zu machen. Versuchen Sie es, und es wird sich Ihnen eine neue Welt erschließen.“

In diesem Augenblicke ertönte das Abendglöckchen vom Nikolaithurme und schien die Worte des Magisters zu wiederholen. Er schämte sich, sich selbst gestehen zu müssen, daß so viel Wahrheit darin lag. Er wollte nicht glauben, daß er sich sein ganzes Leben lang geirrt – daß die bloße Vertheilung der Wohlthaten eines jungen Verschwenders ihm das Geheimniß des wahren Glückes gelehrt.

Aber das langjährige Eis seines Herzens war nun gebrochen. Er machte sich Vorwürfe, daß er von den Umständen der armen Kranken nicht nähere Kenntniß genommen, es drängte ihn förmlich, wieder umzukehren, und ehe fünf Minuten vergingen, sah er sich in dem Zimmer des Arztes. Er fragte die Patienten alle der Reihe nach aus, unterrichtete sich von ihren Verhältnissen, schrieb sich ihre Namen auf und forderte sie auf, zu ihm zu kommen, wenn sie fernerhin etwas brauchten.

Nachdem er auf diese Weise Dem genügt, was nun schon innerer Drang geworden, zog er wieder aus wie ein fahrender Ritter des Alterthums, um Hülfsbedürftige und Nothleidende aufzusuchen. Eine seltsame Aufregung hatte sich seiner bemächtigt und manchmal konnte er sich nicht der Furcht erwehren, daß er nahe daran sei, wahnsinnig zu werden. Es dauerte nicht lange, so erhob sich wieder ein furchtbarer Sturm, der Himmel umwölkte sich und der Schnee wirbelte wieder die Straßen entlang, aber er wanderte rüstig und unbeirrt weiter.

Als er an die Ecke der Nikolaistraße kam, vernahm er in diesem Eckhause lautes Pochen. Er schaute durch das Fenster hinein und sah, daß es eine Tischlerwerkstatt war, in welcher eben ein Sarg zusammengenagelt ward. Herr Müller ging hinein.

„Auch keine hübsche Arbeit während der Feiertagszeit,“ redete er den Meister an, welcher ein lustiges Liedchen zu seiner Arbeit pfiff.

„Das ist wahr,“ antwortete der Tischler, ohne in seiner Arbeit inne zu halten; „wenn die Menschen aber einmal auch in der Feiertagszeit sterben, so müssen sie auch Särge haben.“

„Für wen ist denn dieser da?“ fragte Herr Müller.

„Da steht’s,“ sagte der Tischler, und deutete damit auf ein daneben auf einem Tische liegendes Blechschild, welches später auf den Sargdeckel genagelt werden sollte, und worauf die Worte standen: „Johann Georg Walther, geb. den 11. Mai 1701, gest. den 26. December 1757.“

„Walther!“ sagte Herr Müller, „den kenne ich; es ist der Ziegelstreicher am Schönefelder Wege. Also der ist gestorben; der arme Mann! Gute Nacht.“

Mit diesen Worten verließ er die Tischlerwerkstätte und ging durch die Georgenpforte und Hintergasse nach der damals am Schönefelder Wege stehenden kleinen Ziegelei. Es war sehr finster und der wirbelnde Schnee blendete ihn fast, aber er steuerte rüstig weiter, bis er die Ziegelei erreichte. Er pochte an und die Frau des Ziegelstreichers öffnete.

Herr Müller schauderte, als er bei dem Eintritt in das Zimmer – die armen Leute hatten nur ein einziges – die Leiche, mit einem weißen Betttuche bedeckt, auf einer Bank liegen sah. Er sah ihre starren Umrisse und scharfen Winkel durch die Decke hindurch, und eine seltsame Vision seines eigenen Todes schien vor ihm aufzusteigen. Eine gewisse unheimliche Scheu zwang ihn, ganz leise zu sprechen.

„Ich habe gehört, daß Euer Mann gestorben ist,“ redete Herr Müller die Wittwe an.

Die Frau setzte sich auf einen der wenigen alten hölzernen Stühle, die in dem Zimmer standen, bedeckte das Gesicht mit den großen rauhen Händen, und fing an zu schluchzen.

„Na, nur den Muth nicht verloren, gute Frau,“ fuhr er fort. „Ich bin gekommen, um Euch zu unterstützen. Ein Menschenfreund – er sagte jetzt nicht mehr: „ein junger Narr und Verschwender“ – hat mir eine Summe übergeben, die ich zur Unterstützung von Nothleidenden verwenden soll. Habt Ihr Kinder?“

[703] „Ja, drei. Ich habe sie, um das Abendessen zu ersparen, schon zu Bett geschafft.“

„Na, hier sind vier Spezies. Wenn Ihr Euern Mann unter die Erde habt, so kommt zu mir, und wir werden weiter sehen, was sich thun läßt. Gute Nacht!“

Und Herr Müller, den seine neue Aufregung nicht ruhen ließ, verschwand plötzlich, um anderweites Unglück aufzusuchen. Draußen schüttelte er den Kopf nachdenklich und fuhr mit der Hand über die Augen. Es war ihm sonderbar zu Muthe. Was er seit seiner Jugend nicht gethan – er trällerte ein lustig fideles Liedchen.

Er schlug nicht denselben Weg wieder ein, den er gekommen, sondern wollte sich quer über die Felder nach der Bettelgasse begeben, um sich dort, in dieser Kolonie der Armuth und des Elendes, seiner doppelten Last zu entledigen und Herz und Tasche vollständig leicht zu machen. Bei dem heftigen Schneegestöber war es nicht leicht, auf dem richtigen Wege zu bleiben, denn der Thurm der Johanneskirche, nach welchem er sich hätte richten können, war vollständig unsichtbar. So war er schon eine Zeit lang fortgewandert und begann allmälig zu vermuthen, daß er vom richtigen Wege abgekommen sein müsse, als er eine lautrufende Stimme hinter sich vernahm. Er blieb stehen und horchte, bis er endlich hörte, daß sein eigener Name gerufen ward.

„Hier bin ich!“ rief er. „Was gibt es denn?“

Er sah ein Licht auf sich zukommen und hörte rasche Tritte.

Es war die Ziegelstreicherwittwe, die er so plötzlich verlassen und die ihm mit einer Laterne nachgelaufen war.

„Ach, Herr Müller,“ rief sie, „ich dachte mir gleich, daß Sie den rechten Weg verfehlen würden! Wo wollen Sie denn hin?“

„Ich will hinüber in die Bettelgasse und wollte gleich querfeldein gehen, um nicht erst den weiten Umweg durch die Hintergasse machen zu müssen.“

„Ach, du mein Himmel!“ sagte die Frau. „Wenn Sie noch sechs Schritte weit gegangen wären, so hätten Sie ertrinken müssen. Schauen Sie nur her.“

Sie hielt ihre Laterne vor sich hin und kaum ein Paar Schritte weit von der Stelle, wo er stand, sah er eine breite und tiefe Grube, aus welcher die Ziegelstreicher Lehm zu holen pflegten. In ziemlicher Tiefe unten sah er den trüben, von dem Wind leicht hin- und herbewegten Wasserspiegel.

Müller stand erstarrt; was er früher um keinen Preis gethan, er nahm die Hand der armen Wittwe und drückte sie recht herzlich.

„Eure Stimme hat mich gerade noch zur rechten Zeit aufgehalten,“ sprach er. „Es ist als ob die Vorsehung die Hand mit im Spiele hätte. Zeigt mir mit Eurer Laterne ein wenig den Weg; ich habe heute Abend noch mehr zu thun.“

Herrn Müller’s Aufregung stieg immer höher. Seine glückliche Rettung schien ihm ein wahres Wunder zu sein. Die hundert Spezies des Herrn von Schönberg waren ziemlich alle, aber er beschloß, seine wohlthätigen Wanderungen auf eigene Rechnung noch länger fortzusetzen.

„Alles dies war die Wohlthätigkeit eines Anderen,“ murmelte er. „Wie einem bei einer uneigennützigen That, die man auf eigene Kosten übt, zu Muthe ist, weiß ich ja immer noch nicht. – So ist’s gut,“ sagte er zu seiner Begleiterin, als er endlich die Johanniskirche erblickte, „nun weiß ich den Weg. Also kehrt nur wieder um und seid gutes Muthes. Gute Nacht!“

In der Bettelgasse angelangt, begab er sich zunächst zu der armen Frau Graupner, um sie von der eingelegten Exekution zu erlösen und ging dann von Haus zu Haus, bis nicht blos der letzte Spezies des Herrn von Schönberg, sondern auch der nicht unbedeutende Betrag Papiergeld, den er in seiner Brieftasche bei sich trug, ausgegeben war.

Wir wollen nicht alle die einzelnen Scenen malen, welche bei dem Erscheinen des unerwarteten Helfers in den Hütten der Armuth stattfanden, sondern erwähnen blos, daß Herr Müller, als er die letzte Schwelle hinter sich hatte, eine Nässe, die nicht von dem fallenden Schnee herrührte, seine Wangen herabrinnen fühlte.

Es war ziemlich spät, als er wieder durch das Grimmaische Thor in die Stadt einpassirte. Er kam an dem Hause vorüber, in welchem der Maler wohnte und bemerkte, daß derselbe Licht hatte. Er dachte daran, wie viel dem armen Künstler an der Erlangung jenes Bildes gelegen gewesen und besann sich, daß es nächstfolgenden Tag in der Auktion an die Reihe kommen würde.

„Hm!“ sagte er, „ich will doch einmal zu meinem Freund Stempler gehen.“

Advokat Stempler wohnte nicht weit und öffnete selbst die Hausthür, als Herr Müller geklingelt hatte.

„Stempler,“ fragte Herr Müller, „gehen Sie morgen in die Auktion bei Dr. Rivinus?“

„Jawohl,“ entgegnete der Advokat, „Sie doch auch?“

„Nein,“ erwiederte ersterer kurz, „ich habe keine Zeit, und wollte Sie eben deshalb bitten, einen kleinen Auftrag für mich zu übernehmen.“

„Was wünschen Sie denn?“ fragte der Advokat, dem es sehr sonderbar vorkam, daß sein Freund, der doch eher selbst dergleichen Aufträge übernahm, jetzt ihm einen ertheilen wollte.

„Es wird morgen ein kleines Gemälde mit an die Reihe kommen; es steht im Katalog unter Nr. 1123, eine Landschaft. Wenn Jemand mehr als fünfundzwanzig Thaler darauf bietet, so lassen Sie es nicht weg. Es ist ein echter Cornelius Schund oder wie der Maler sonst geheißen haben mag. Ich muß es haben. Ich kann nicht eher ruhig schlafen. Hören Sie wohl?“

Herr Stempler betrachtete seinen Freund mit forschendem Blicke und hielt ihm das Licht dicht vor die Nase.

„Sind Sie auch wohl?“ fragte er.

„Wohl!“ rief Herr Müller. „In meinem Leben habe ich mich weder an Geist noch an Körper so wohl befunden, wie heute. Kommen Sie morgen im Vorbeigehen mit zu mir herein und ich will Ihnen Geld mitgeben, wenn Sie es nicht einstweilen verlegen wollen.“

„Schon gut,“ entgegnete der Advokat; „ich werde mit zu Ihnen hineinkommen, nicht sowohl um des Geldes willen, als vielmehr um zu sehen, ob Sie noch bei derselben Laune sind wie heute Abend. Gute Nacht!“

Es schlug eben Zehn und alle Kaufläden waren bereits geschlossen, als Herr Müller nach Hause eilte. Wohl gingen ihm noch allerhand mildthätige Projekte im Kopfe herum, aber es war nun zu spät, um diesen Abend noch irgend etwas vornehmen zu können und überdies war er auch müde zum Umfallen.

Als er wieder vor seinem Hause stand, war es ihm, als wäre er aus einem langen Traume erwacht.

„Endlich bin ich hinter das Geheimniß gekommen,“ murmelte er still vor sich hin, „obschon ich sechzig Jahre alt geworden bin, ohne es zu wissen. Und alles dies durch die eigensinnige Grille des jungen Sausewindes, des jungen Herrn von Schönberg.“

Die alte Margarethe öffnete die Hausthür und Barbara kam ihm aus der Wohnstube entgegen.

„Wir sind in Sorge um Dich gewesen, lieber Vater,“ sagte sie. „Du bist schon so lange fort und hast noch nicht zu Abend gegessen.“

„Weiß wohl, meine gute Barbara,“ entgegnete er, indem er seine Tochter auf die Stirn küßte. „Ich habe aber so viel zu thun gehabt, daß ich weder an Essen noch an Trinken habe denken können. Ich kann Dir heute nicht erzählen, wo ich gewesen bin und was Alles vorgefallen ist. Trage mir mein Essen auf und gehe dann zu Bett, denn wir müssen morgen alle bei Zeiten wieder auf den Beinen sein. Morgen ist, wie Du weißt, Sylvester, und da wollen wir einmal thun, was wir noch nie gethan, und Gesellschaft zu uns bitten – eine so lustige Gesellschaft, wie sie in diesem alten Hause noch nicht beisammen gewesen ist. Wir wollen, so Gott will, mit dem neuen Jahre auch ein neues Leben beginnen. Ich bin nicht mehr – –“ er redete nicht aus, streichelte aber der Tochter freundlichst die Wangen.

Barbara legte ihr Gesicht auf seine Schulter und brach in Freudenthräuen aus.

„Geh’ nun zu Bette, Barbara,“ bat ihr Vater. „Du wirst morgen viel zu thun haben. Und noch eins, Barbara – denn ich möchte Dich gern ganz fröhlich und glücklich wissen – Friedrich soll auch mit kommen. Ich glaube, es gibt in Leipzig keinen besseren und rechtschaffeneren jungen Mann als diesen.“

Barbara stand am nächsten Morgen zeitiger auf als gewöhnlich.

Sie hatte die ganze Nacht von den Anstalten zu der bevorstehenden Festlichkeit geträumt und würde die rechte Stunde verschlafen haben, wenn Margarethe sie nicht geweckt hätte. Sie kleidete sich schnell an und verließ in freudiger Erregung ihr Schlafzimmer, als ob heute ihr Hochzeitsmorgen wäre. Es war dies das erste Mal in ihrem Leben, daß es ihrem Vater eingefallen war, einen Sylvesterabend zu feiern und sie freute sich darüber wie ein Kind.

[704] „Na flink, Barbara,“ sagte ihr Vater, nachdem sie ihm guten Morgen gewünscht; „wir müssen uns tüchtig rühren, wenn wir unsere Gäste heute Abend anständig empfangen wollen. Ich werde selbst so viel als möglich mit Hand anlegen und habe auch schon nach der alten Schirmer-Marie geschickt, die uns manche Gänge gehen und dies und jenes herholen kann. Ich halte sie für ganz ehrlich, wenn sie auch einmal ein paar Scheite Holz gestohlen hat; wenn sie nicht gefroren hätte, so hätte sie es auch nicht gethan.“

Nach dem Frühstück ging Barbara in den Materialladen, zu dem Fleischer, zu dem Bäcker, zu dem Conditor und anderen dergleichen Lieferanten und machte überall so bedeutende Bestellungen auf den Namen ihres Vaters, daß die Verkäufer sie zwei Mal fragten, um sich zu überzeugen, daß sie recht gehört. Herr Müller suchte aus seiner nicht sehr umfangreichen Bibliothek ein altes Kochbuch hervor und las die Recepte laut vor, während Barbara und Margarethe die Fleischpasteten und Salate zurecht machten.

„Barbara,“ äußerte der Alte, als ob ihm plötzlich wieder etwas einfiele, „Herr von Schönberg sagte, mein altes großes Arbeitszimmer müßte sich ganz gut in einen Gesellschaftssaal umwandeln lassen.“

„Das ist auch wahr,“ entgegnete Barbara. „Daran habe ich gar nicht gedacht. Wir wollen sogleich die Spinneweben abfegen und die Wände mit grünen Tannenreisern ausputzen.“

„Ja, wir wollen einen ganz schönen Tanzsaal daraus machen,“ rief freudig Herr Müller. „Schicke hinüber zu Meister Graul, dem Tapezierer, der mit seinen Gesellen wahrscheinlich schon für dieses Jahr Feierabend gemacht hat. Wenn sie herüber kommen und das alte Zimmer in Stand setzen wollen, so können sie noch heute zum Sylvester ein tüchtiges Stück Geld verdienen.“

„Ja, tanzen müßte es sich ganz herrlich in der alten Stube,“ wiederholte die alte Margarethe, die schon seit zwanzig Jahren auf dem linken Beine hinkte.

„Das wollte ich meinen,“ entgegnete Herr Müller. „Auf der hintern Seite neben meinem Schreibepulte wird eine kleine Erhöhung gebaut, auf welche die Musikanten zu sitzen kommen. Lämmermann und seine Leute sollen spielen, wenn sie nicht schon engagirt sind. Hoffentlich werden sie es mir nicht weiter nachtragen, daß ich sie an jenem Abend so unfreundlich fortwies.“

„Aber wer soll denn tanzen, Vater?“ fragte Barbara.

„Nun vor allen Dingen Friedrich und seine beiden Schwestern, sodann unsere Nachbarskinder von links und rechts und gerade über und außerdem noch eine Menge von Leuten, die ich gleich hernach einladen werde,“ bemerkte er.

Eine Stunde später ging Herr Müller aus, um die Gäste zu seiner Abendgesellschaft einzuladen. Er entschuldigte sich wegen Kürze der Zeit und obschon einige bereits anderweit versprochen waren, so sicherten ihm doch viele ihr Erscheinen zu. Der Fleischer, dessen Waare er nur erst vor einigen Tagen so heruntergemacht, wunderte sich nicht, wenig, als er Auftrag erhielt, einer Anzahl Leute, deren Namen auf einem langen Zettel standen, größere und kleinere Quantitäten Fleisch zuzusenden. Herr Müller vergaß seine Freunde vom vorigen Abend nicht und fand sogar Zeit, noch mehr Gegenstände seines Mitleids aufzusuchen. An diesem einzigen Tage übte er mehr Thaten wahrer Menschenliebe, als jemals zuvor in seinem ganzen Leben.

Meister Graul war mit seiner improvisirten Ausschmückung des alten Waarenlagers noch vor Abend fertig. Die Wände wurden mit Spiegeln behangen und mit vergoldeten Armleuchtern versehen, auf welchen weiße Wachskerzen aus grünen Zweigen hervorlugten. Herr Müller überwachte diese Anstalten mit vollkommener Zufriedenheit und stand eben auf der obersten Sprosse einer Leiter, um noch einige künstliche Blumen an den Leuchterhaltern zu befestigen, als sich die Zimmerthür ein wenig öffnete und ein schöner munterer Jünglingskopf hereinschaute.

„Wunderschön ausgeführt, Herr Müller,“ rief der junge Herr von Schönberg, indem er vollends hereintrat. „Ich freue mich, zu sehen, daß Sie meinen Rath befolgt haben, obschon ich mir, auf Ehre, gar nichts weiter dabei dachte. Ich hatte keine Ahnung, daß ich eine solche Veränderung finden würde. Ich komme eben blos im Vorbeigehen einen Sprung herein, um Ihnen für Ihre Mühe zu danken. Sie haben Ihre Sache ganz herrlich gemacht – die ganze Stadt spricht von Ihnen und dem unbekannten Wohlthäter, der noch hinter Ihnen steckt. Wenn ich Ihnen eine Gefälligkeit erzeugen kann, so stehe ich gern zu Diensten.“

„Wenn Sie mir einen Gefallen thun wollen, mein werther Herr von Schönberg,“ entgegnete dieser, ohne von seiner Leiter herunterzusteigen, „so erzeigen Sie mir die Ehre, durch Ihre werthe Gegenwart die Gesellschaft zu vermehren, die ich heute Abend eingeladen habe. Es gibt Musik und Tanz und daß Sie ein flotter Tänzer sind, das weiß ich schon längst.“

„Ich komme, Herr Müller, mein Wort darauf!“ rief der junge Mann. „Ich wäre ja ein ganz undankbarer Mensch, wenn ich Ihre Einladung nicht annehmen wollte. Sorgen Sie nur hübsch für Tänzerinnen.“

„Ach, der Tausend!“ sagte Herr Müller, als der junge Mann sich wieder entfernt hatte; „ich habe ja ganz vergessen Herrn Lukas, den Maler, einzuladen; da muß ich gleich noch hin.“

Der Maler befand sich allein in seinem Zimmer. Es war schon ziemlich dunkel, aber er hatte noch kein Licht angezündet, sondern saß in einem Winkel und schien eben nicht bei der heitersten Stimmung zu sein.

„Guten Abend, Herr Lukas,“ rief eintretend der Hauswirth; „ich dächte, Sie nähmen von dem alten Jahre nicht eben den freundlichsten Abschied!“

„Guten Abend, Herr Müller,“ entgegnete der Maler; „allerdings bin ich gerade nicht sehr heiter, denn das alte Jahr hat mir noch zu guter Letzt einen Streich gespielt, der mir auch das neue verleidet.“

„Oho!“ rief ersterer, der aber lange wußte, was der Maler meinte; „was ist Ihnen denn passirt?“

„Eine meiner liebsten Hoffnungen ist mir zu Wasser geworden, Herr Müller,“ klagte der Maler. „Ich sagte Ihnen doch von dem Cornelius Schuyt, der niedlichen Landschaft, die heute Morgen in der Auktion bei Dr. Rivinus mit weggegangen ist und die ich so gern gehabt hätte.“

„Nun, haben Sie sie denn nicht bekommen?“ fragte Herr Müller, an welchen das Bild schon im Laufe des Vormittags abgeliefert worden war.

„Nein, ich habe es nicht bekommen. Mehr als fünfundzwanzig Thaler konnte ich nicht bieten, weil ich nicht mehr habe und der Advokat Stempler überbot mich – ein Mensch, der von der Malerei gerade so viel versteht, wie ein Wilder von dem Gebrauche einer Taschenuhr.“

„Na, lasten Sie das nur gut sein,“ tröstete der Alte. „Ich habe für heute Abend eine kleine fidele Gesellschaft zu mir eingeladen, beehren Sie uns ebenfalls mit Ihrem Besuch und ich will Ihnen ein Bild zum Geschenk machen, welches Ihnen eben so gefallen wird, wie Ihr Cornelius Schuyt.“

Der Maler lächelte wehmüthig und schüttelte den Kopf, Herr Müller aber nöthigte ihn so lange, bis er endlich versprach zu kommen.

Schlag sieben Uhr erschien der arme Lämmermann – dessen Anrede und Ständchen an jenem Abend vor Weihnacht auf so unhöfliche Weise unterbrochen worden – mit seinen Leuten in einem so netten Anzuge, daß die alte Margarethe sie für einige der eingeladenen Gäste hielt. Sie nahmen auf der für sie erbauten Erhöhung Platz und begannen ihre Instrumente zu stimmen. Nach und nach fanden sich auch Friedrich und seine Schwestern und die Nachbarsleute von rechts und links und gegenüber ein. Zuletzt kam auch, seinem Versprechen gemäß, der junge Herr von Schönberg, dessen freundliche Erscheinung und heiteres Wesen der allgemeinen freudigen Stimmung einen neuen Impuls gab. Herr Lukas, der Maler, war auch da, schaute aber etwas düster darein. Die arme Schirmer-Marie war von Margarethen mit anständiger Kleidung versehen worden und fungirte als Kellnerin.

Kurz nach acht Uhr war die ganze Gesellschaft beisammen und das Schmausen, Trinken und Tanzen nahm seinen Anfang. Friedrich tanzte mit Barbara sehr oft und es war leicht vorauszusehen, daß sie nächstens zur langen Lebensquadrille miteinander antreten würden. Der junge Herr von Schönberg bot seine ganze aristokratische Liebenswürdigkeit auf, die Gesellschaft zu bezaubern und Herr Müller war unaufhörlich bemüht, die heitere Stimmung seiner Gäste zu erhöhen. Dem guten Lämmermann that er wegen der Unterbrechung an jenem Abend förmlich Abbitte und forderte ihn auf, das von Friedrich verfaßte Gedicht noch nachträglich zu deklamiren, was auch zur höchlichen Erbauung aller Anwesenden geschah.

Nicht lange darauf nahm er den Maler bei Seite und ersuchte ihn, das mit einem Tuche bedeckte auf seinem Schreibepult liegende Gemälde anzusehen, von welchem er gesprochen; und als

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„Wenn Du noch eine Heimath hast.“

Wenn Du noch eine Heimath hast,
So nimm den Ranzen und den Stecken,
Und wand’re, wand’re ohne Rast,
Bis Du erreicht den theuren Flecken.

Und strecken nur zwei Arme sich
In freud’ger Sehnsucht Dir entgegen,
Fließt eine Thräne nur um Dich,
Spricht Dir ein einz’ger Mund den Segen:

Ob Du ein Bettler, Du bist reich,
Ob krank Dein Herz, Dein Muth beklommen,
Gesunden wirst Du allsogleich,
Hörst Du das süße Wort: Willkommen!

Und ist verweht auch jede Spur,
Zeigt nichts sich Deinem Blick, dem nassen,
Als grün berast ein Hügel nur,
Von Allem, was Du einst verlassen:

O, nirgend weint es sich so gut,
Wie weit Dich Deine Blicke tragen,
Als da, wo still ein Herze ruht,
Das einstens warm für Dich geschlagen.

Albert Traeger.
Die Gartenlaube (1856) b 705.jpg

[706] er das Tuch wegnahm, sah Herr Lukas, daß sein Geschenk derselbe Cornelius Schuyt war, dessen Besitz ihm so sehr am Herzen gelegen. Wie der Maler darauf Herrn Müller umarmt und geküßt und an sein Herz gedrückt – das hat Herr Müller dann später noch oft und mit vieler Freude erzählt.

„Ruhig!“ rief plötzlich Herr Müller und riß die Fenster auf, als der Schlag der zwölften Stunde von dem Nikolaithurm herabdröhnte. Die Geigen und Flöten verstummten – die Tänzer hielten mitten im Tanze inne – und Alle standen, wie der Macht eines Zauberwortes gehorchend, lauschend und unbeweglich da wie ein lebendes Bild. Unmittelbar nach dem letzten Schlage begannen die Glocken auf sämmtlichen Thürmen der Stadt zu läuten und Alle falteten andächtig die Hände, denn jedem Einzelnen schienen diese Glockentöne von seinen innigsten und geheimsten Hoffnungen zu sprechen; dem Wirthe des heiteren Festes aber klangen sie wie die Stimmen unsichtbarer Engel in der Luft, frohlockend über das neue Jahr und über das neue Leben, mit welchem er beschlossen hatte, es zu beginnen.

Als das Geläute verstummte, wurden die Fenster wieder geschlossen, die Tänzer klatschten in die Hände, die Geigen und Flöten spielten wieder auf und Alles war wieder Leben und Bewegung. Und als endlich die Musik verstummt war, und alle Tänzer und Tänzerinnen das Haus verlassen hatten, da stand Herr Müller allein noch am geöffneten Fenster und sah hinauf nach den flinkernden Sternlein am Himmel, und hatte die Hände gefaltet. Wenn wir recht gehört, war es ein still Gebet, was er sprach und seine letzten Worte: „Herr Gott, wie’ dank ich dir!“ kamen so recht aus erleichtertem Herzen.




Der Taubenthurm.
Eine Novelle aus der Criminalpraxis.
(Schluß.)

Von Moorhagen schauete ungebeugt auf das blutige Messer. Seine Stirn bewölkte sich nicht und seine Augen strahlten in friedlicher Majestät, als er dann dem mißtrauenden Freunde in die Augen sah.

„Erforschen Sie diesen Umstand, mein Herr – mir ist er unerklärlich, da ich seit Jahren dies Messerchen in meinen Westentaschen zu tragen pflege, um bei vorkommenden Gelegenheiten es zur Hand zu haben.“

„Und Sie gestehen zu, daß es unbestreitbar Ihr Messer ist?“ fragte der Rath. Von Moorhagen zögerte. Ein Blitz fuhr aus seinen Augen.

„Ich müßte zu einer bestimmten Erklärung darüber das Messer genau und ohne die häßlichen Blutflecke sehen,“ warf er schnell hin.

„Das ist eine Recognition späterer Zeit,“ entschied der Rath kurz und legte das corpus delicti sorgsam bei Seite.

„Wenn meine Bitte Gewicht erlangen kann, bei den seltsam gravirenden Zufällen,“ begann von Moorhagen wieder, „so verschieben Sie jeden öffentlichen Akt der Gerechtigkeit bis zu dem Momente, wo Sie mich meiner Frau gegenüber stellen können.“

„Das wäre gegen jede Form der Criminaljustiz,“ unterbrach der Rath ihn barsch, „solche Vorschläge sind nicht zu berücksichtigen.“

„Gut, so thun Sie, was Ihre Pflicht heischt,“ fuhr von Moorhagen nun wild und heftig heraus. – „Vielleicht kommt die Stunde, wo Sie mit Qual dieser Minute gedenken, in welcher Sie durch übereilte Handlungsweise einen ehrlichen Menschen zur Verzweiflung brachten – denn, es sei Ihnen hiermit eröffnet – in’s Gefängniß geht ein von Moorhagen nicht!“

Es ist etwas Eigenthümliches um die edle Persönlichkeit eines Mannes. Der Rath fühlte wieder die Unmöglichkeit, daß dieser Mann aus niedrigen Beweggründen zum Mörder hätte herabsinken können. Der Impuls des Augenblickes entschied jetzt zu Gunsten Richard’s.

„Es fällt mir gar nicht ein, mich Ihrer Person auf diese Weise zu versichern,“ sagte er plötzlich umgewandelt. „Morgen früh vernehme ich Frau Leopoldine von Moorhagen, dann werde ich Sie vorladen lassen.“

„Das läßt Sie Gott sprechen,“ flüsterte der Edelmann mit erleichtertem Athem, und schob unbemerkt das kleine geladene Terzerol, das er seit der eingetretenen Katastrophe in seiner Brusttasche trug, zurück in seine Verhüllung. Sein Entschluß schien fest zu stehen: lieber sein Leben zu enden, als sich den Qualen und Beschimpfungen einer gerichtlichen Untersuchung bloßzustellen.

Kein Mensch dachte an einen solchen Vorsatz, als Theodore.

Sie kannte allein den Charakter Richard’s bis zum Grunde und wußte, was dort gähren und zum Ausbruche kommen mußte nach den eingetretenen Vorfällen. Sie erwartete nach der Enthüllung der Thäterschaft des unglücklichen Mannes jeden Augenblick die Nachricht seines Todes. Was sie bei dieser Erwartung empfand, ist unmöglich zu analysiren, wenn wir sagen, daß Richard seit ihrer Jugend der Gegenstand einer abgöttisch heißen Liebe gewesen war, die sich mit der lauen Erwiederung von Seiten des jungen Mannes vollständig begnügte. In den letzten Wochen hatte das arme Mädchen zu ihrem Entzücken eine wärmere Empfindung, als jemals in dem Busen Richard’s entflammen gesehen, sie war beseligt durch die Anerkennung ihrer Vorzüge, und hingerissen durch die Hoffnung auf Glück.

Was mußte sie an dem Morgen fühlen, als der Arzt und der Criminalbeamte das stille Landhaus verließen, wo durch deren Anwesenheit das ganze Ungewitter des Unheils hüllenlos hervorzubrechen drohete! Still verrichtete sie ihr Amt als Krankenwärterin bei der Frau, die den Keim des Unglückes gesäet hatte, und gefaßt unterzog sie sich den kleinen Dienstleistungen bei ihren Pflegeeltern. Aber als sie endlich in ihrem Zimmerchen allein war, da überließ sie sich fast willenlos dem Ausbruche ihrer grenzenlosen Verzweiflung.

Ihre Gebete um Rettung des theuren Lebens, das sie von allen Seiten bedroht sah, wechselten mit dem inbrünstigsten Flehen, dem Manne nur ein schnelles und gnadenreiches Ende zu geben, wenn er seine Hand zum Schlusse seines Daseins selbst bewaffnen sollte.

Gott wollte ihr aber gründlich beistehen, ohne daß sie ihre Hoffnungen auf irdisches Glück zu begraben brauchte.

Die Dienerschaft im Landhause an unbedingten Respekt gewohnt, hatte wohl die innere Zerrissenheit in den Verhältnissen des jungen Herrn, wie sie Richard zu nennen pflegte, längst zu bemerken Gelegenheit gehabt und ihre Aufmerksamkeit darauf gesteigert, ohne der Herrschaft das Geringste davon merken zu lassen. Auch bei diesem letzten blutig endenden Vorfalle hatte die alte Köchin mit dem Hausmädchen und dem Hausburschen stille und geheime Konferenzen gehabt, in welchen das Ereigniß gehörig und von allen Seiten beleuchtet und besprochen worden war. Diese drei Menschen wußten aber besser Bescheid, als alle Anderen und als die alte treue Köchin ihr gutes Fräulein so herzzerschneidend weinen und jammern hörte, da hielt sie sich für befugt, als Trösterin bei ihr einzutreten.

Theodore fuhr erschreckt in die Höhe, als sie der alten Frau Martin Stimme neben sich vernahm, die ganz theilnehmend fragte: „ob es denn so schlimm mit der jungen gnädigen Frau stände, daß sie so herzbrechend weine?“

Fräulein Theodore, ihrer Würde als Herrschaft eingedenk, trocknete schnell besonnen ihre Thränen und entgegnete: „sie wisse es nicht, glaube aber nicht, daß es mit Frau Poldine etwas zu sagen habe. Was wird das aber ändern, Frau Martin,“ flüsterte sie beklommen und überwältigt von dem Bedürfniß, ihr Herzeleid, das sie vor den alten Pflegeeltern im Zaume halten mußte, einmal auszusprechen.

Frau Martin sah sie sehr verwundert an. „Nun, dann sehe ich aber doch keinen Grund, liebes Fräulein, daß Sie sich so entsetzlich härmen?“ sprach sie fragend.

„Sie verstehen das nicht,“ entgegnete das Fräulein. „Die Verwundung ist und bleibt tödtlich und die Verantwortung und – – und die Bestrafung“ stieß sie gewaltsam hervor, schwieg aber dann von neuen Thränen übermannt.

„Ei, so lassen Sie die Gnädige doch immerhin bestrafen, ein Denkzettel wär’ ihr ganz gesund für alle ihre Sünden. Das ist [707] ja eine richtige Furie.“ Fräulein Dora sah sie vorwurfsvoll an, Frau Martin kehrte wieder in die Schranken des unterwürfigen Respektes zurück. „Also solche Leute werden bestraft?“ fragte sie abweichend. „Ich dächte, es könnte am Ende jeder sich so viel schneiden, wie er will und – Ernst ist es der Gnädigen nicht gewesen, Fräulein, wahrhaftig nicht.“

Theodore blickte verwundert zu ihr auf. „Sie meinen?“ stammelte sie abgebrochen, weil sie um Alles in der Welt nicht den Namen Richard’s nennen konnte.

„Ich meine, das Messerchen ist schärfer gewesen, wie die gnädige Frau Poldine gedacht hat.“

„Sie meinen also, Frau Poldine hätte sich selbst den Schnitt beigebracht,“ erwiederte Theodore gefaßter und schüttelte dann trübe den Kopf.

„Ei, wer denn sonst, Fräulein, wer denn sonst?“ fragte Frau Martin lebhaft. „Die Annliese hat ja gesehen, wie sie das Messerchen von der Erde aufgenommen, wie sie es rasch aufgeklappt hat und ritsch damit an den Hals gefahren ist; darauf hat sie ein Gekreisch erhoben, als wenn sie am Spieße stäke.“

Theodore hatte mit weit aufgerissenen Augen zugehört.

„Die Annliese hat das gesehen? Wo? Wie hat sie das sehen können?“ fragte sie mit stockendem Athem.

Jetzt überlief die alte Köchin eine helle Röthe der Verlegenheit. „Nun,“ stotterte sie, „hab’ ich einmal so viel verrathen; Fräulein, werden Sie nicht böse. Ich schickte die Annliese auf den Taubenthurm, um zu sehen und zu hören was wieder los sei.“

„Und von dort kann man Frau Poldinens Zimmer übersehen?“

„Bis in die kleinsten Winkel,“ gestand die Alte, beschämt niederblickend.

Theodore, gut geschult in den Regeln der vornehmen Zurückhaltung, stand in vollkommener Ruhe und Fassung vor der Köchin, obwohl ihr Blut vor freudiger Wallung alle Adern zu durchsprengen drohete. Es wäre für alle Fälle thöricht gewesen, einen still gehegten Verdacht in Rücksicht auf Richard auszusprechen, jetzt aber lag ihr die Verpflichtung ob, sogar zu verhehlen, daß jemals ein Verdacht der Art aufgetaucht war. Sie reichte herablassend der Köchin die Hand.

„Der Himmel wird geben, daß die unglückliche Frau nicht stirbt. Es ist mir ein Trost, daß sie mehr aus Uebereilung, als aus Lebensüberdruß gehandelt hat; sorgen Sie nur dafür, daß Annliese nicht allzuviel von der Geschichte plaudert.“

Frau Martin nickte zufriedengestellt und entfernte sich mit dem Bewußtsein, das Fräulein durch ihre Theilnahme getröstet zu haben.

Was that nun aber Theodore? Weinte und klagte sie?

Nein, sie handelte! Energisch schritt sie sogleich zur Ausführung des Vorsatzes, der in ihr Wurzel gefaßt hatte bei der Erzählung der Köchin. Sie ging hinauf in das Krankenzimmer. Frau Poldine lag mit offenen Augen in den Kissen und sah sich die Welt an, der sie von Neuem geschenkt war. Die jähe Veränderung ihrer Züge verrieth, daß sie den Eintritt Theodorens nicht erwartet hatte und daß er ihr unerwünscht war. Theodore aber, von andern Gefühlen und Ansichten beseelt als am Morgen, nahm davon nicht die geringste Notiz, sondern fragte ganz gleichmüthig: „Wie befinden Sie sich?“

„Schlecht!“ antwortete die Dame mit leiser gezogener Stimme.

„Das glaube ich wohl,“ meinte Theodore lakonisch. „Aber, Sie hätten auch bedenken sollen, daß ein Schnitt in den Hals gefährlicher ist, als in den Finger.“

„Ich – bedenken sollen?“ wiederholte Frau Poldine noch leiser, warf aber einen prüfenden Blick in Dora’s jetzt merkwürdig ruhig frohes Gesicht.

„Bei dieser Affaire muß man mich doch wohl als passiv betrachten,“ setzte sie hinzu.

„Passiv? Sie verwechseln die Begriffe, Frau Poldine,“ erklärte Dora ganz in dem trockenen, zurechtweisenden Tone, welchen sie bei Gelegenheit annehmen konnte, wenn es galt; „activer kann der Mensch doch gewiß nicht sein, als wenn er ein Messer, das herabgefallen ist, aufhebt und sich die Gurgel damit zu durchschneiden versucht.“

Sie hielt bei diesen Worten die Blicke so fest auf die der Gnädigen geheftet, daß diese ihr nicht ausweichen konnte. Dora selbst fühlte das Risiko, einer Kranken gegenüber solche Härte anzuwenden, allein es mußte ihr Alles daran liegen, jetzt gleich von vorn herein eine Aufklärung über dunkel gebliebenen Scenen des Vorfalles vom vorigen Tage herbeizuführen, ehe die Schritte des Gerichtes auf Richard’s Entschließungen Einfluß gewannen.

Sie hatte auch richtig die Maus in der Falle. Frau Poldine schob trotzig wie ein Kind den Kopf herum und sagte ärgerlich: „Sie haben also doch wieder gelauscht! Pfui, über diese Neugierde.“

„Nein, nicht ich habe gelauscht, nicht ich war Zeugin des Unglückes, als dessen Urheber Sie vorhin den armen Richard nannten –“

„Er ist auch Schuld an meinem Unglücke,“ jammerte die Dame recht kindisch, „er ist Schuld! Hat er mich nicht von sich geschleudert, wie man ein Ungeziefer von sich wirft? Wäre er noch im Zimmer gewesen als ich sein Messer an der Erde fand, ich hätte es ihm in’s schwarze Herz gestoßen!“

„Seien Sie froh, daß das nicht geschehen ist,“ sagte Theodore ruhig. „Jetzt schlafen Sie, der Doktor wird bald wieder kommen.“

Sie verließ etwas beeilt dan Zimmer, um sogleich an den Criminalrath zu schreiben. Ehe eine halbe Stunde verflossen war, trottete der Hausbursche mit der wichtigen Depesche der Stadt zu, wo er gerade einpassirte, als der Doktor zum Thore hinausfuhr, um nach seiner Patientin zu sehen.

Theodorens Bote fand den Rath nicht zu Haus. Er gab deshalb den Brief blos ab und empfahl ihn seinen Hausgenossen einer ganz besonderen Beachtung. Allein, wie dies oft zu gehen pflegt, man vergaß über andere Erlebnisse diesen Auftrag, legte den Brief sorglos zu andern Packeten und Briefen, und somit wußte der Rath noch nicht eine Silbe von der freudigen Aufklärung, als spät am Nachmittage der Doktor mit einem unmäßigen Gelächter in sein Zimmer trat und ihm zurief: „Was sagen Sie denn nun, mein Hochwohlgeborner? Ha ha ha, das ist magnifique! Meine Erstochene ist auf und davon und ihr Mörder ist ein ehrlicher Edelmann! Nein, so dupirt bin ich doch mein Lebtage noch nicht –!“

Der Criminalrath blickte etwas ärgerlich von seiner Arbeit auf. „Sie scheinen es darauf anzulegen, mich zu stören; was gibt’s denn wieder?“

„Haben Sie denn Fräulein Theodorens Brief noch nicht erhalten?“

„Nein,“ entgegnete der Beamte aufmerksamer.

„Ei das wäre! Er muß hier sein: da, da sehen Sie, das muß er sein!“ Ganz ungenirt schüttelte der Doktor eine Parthie Briefe untereinander und nahm ein zierliches Briefchen heraus, „Ad acta mit dem Mordversuch, Großinquisitor, ad acta!“ sprach er dabei. „Lesen Sie, dann kommt der Schluß von meinen Lippen.“

Der Rath las; erst bedenklich, dann freudig. „Sehr gut! Die Neugierde der alten Weiber hat doch schon manchmal Gutes gestiftet,“ sagte er lächelnd. „Frau Poldine gewinnt aber bei dieser Geschichte nicht in meinen Augen.“

Der Doktor lachte wieder überlaut. „Wissen Sie, wo Frau Poldine jetzt ist?“ fragte er. Der Rath verneinte es. „Auf dem Wege nach der Residenz!“

„Wie? Und das gaben Sie zu?“

„Wer kann wider Eigenwillen kämpfen.“

„Aber Sie haben Verantwortung. Das Leben der Dame ist durch diesen Eigenwillen gefährdet.“

„Nicht schlimm!“

„Sie ist kaum dem Tode entronnen.“

„Freilich!“ Der Doktor rieb sich frohlockend die Hände. „Hören Sie, Criminalrath, wir wollen es Niemand verrathen, aber dumm sind wir alle Beide und Sie diesmal noch einen Grad dümmer als ich, denn ich merkte die Geschichte heute früh schon und ärgerte mich schwer, daß ich mich hatte dupiren lassen. Gestern die Ohnmacht – Verstellung. Heute die Bewußtlosigkeit – Verstellung. Das bischen Bluten hat der Dame nicht so viel geschadet (er knipste mit den Fingern), sie ist frisch, wie ein Fisch, hungrig, wie ein Wolf, lebendig, wie ein Aal, aber ärgerlich und bissig wie eine Meerkatze. Denken Sie, als ich, blos um mich meines Verdachtes zu vergewissern, vor einer Stunde hinauskam, finde ich meine todkranke Patientin im reizendsten Kostüm vor einem Tische, der mit Suppe, Braten, Kompot und allerlei Leckereien besäet ist und sie selbst in voller Activität, [708] das zu vertilgen, was vor ihr stand. Sie hatte plötzlich das Bett verlassen können, als ihr Fräulein Theodore den Text gelesen, hatte plötzlich ohne jedwede Hülfeleistung ihre Toilette besorgen und den gemessenen Befehl zu einem Mittagsessen aussprechen können. Zu gleicher Zeit war ihr Wagen aus der Remise geschoben, ihr Kutscher hatte die Pferde angeschirrt und wäre ich eine halbe Stunde später gekommen, so hätte ich das Vergnügen nicht mehr gehabt, sie noch einmal zu sehen.“

Beide Herren machten sich nun auf den Weg. Der Doktor, um diesen Vorfall von der allerlächerlichsten Seite in der Stadt zu verbreiten, der Rath, um von Moorhagen von dem tragikomischen Ende seines Prozesses zu unterrichten. Ohne weitere Begrüßung legte er den Brief Dora’s vor seine Augen, und bedeutete ihn zu lesen.

Richard las und drückte am Schlusse seine Lippen auf den Namen der Schreiberin. Es war eine stumme und warme Huldigung der dankbaren Liebe, und enthielt einen Schwur für künftige Zeiten.

Der Rath lächelte.

„Halten Sie künftighin den Taubenthurm in Ehren,“ sagte er scherzend – „bei der Bösartigkeit und Hartnäckigkeit der Frau Poldine möchte es sonst schwer gewesen sein, ein günstiges Geständniß der wahren Sachlage zu erlangen.“ Dann erzählte er alle die Umstände, welche die beschleunigte Abreise der jungen Dame begleitet hatten, und verließ nun den jungen Mann in der Ueberzeugung, daß er ihm keinen größern Gefallen erweisen könne, als zu gehen, um ihm selbst die Freiheit zu gestatten, „auf Flügeln, der Eile“ zu seinen Verwandten im Landhause zu reiten.


Diesmal hatte der Criminalbeamte richtig combinirt. Richard flog hinaus, wie vor vierundzwanzig Stunden, aber mit welchem Herzen, das verrieth sein glänzender Blick, seine unbewölkte Stirn und das frohe Lächeln seines Mundes.


Richard ging nicht nach Amerika, sondern im Spätsommer mit seiner jungen Frau Dora nach Moorhagen, wo sie das alte Ritterschloß bezogen. Die schöne Gartenvilla steht verödet mit geschlossenen Läden und fest verrammelten Thüren.


Im alten Schlosse aber herrscht Friede und Freude, obwohl des Tages Last und Hitze getragen werden muß und jeder Luxus ganz und gar verbannt bleibt.

Ernst Fritze.



Eine Kriegsrechnung.

In früheren barbarischen Zeiten führte man öfter Krieg, als heut zu Tage, aber auch ganz anders. Unter allen Umständen kämpfte man um und für etwas und hörte nur nach der Entscheidung auf. Die Entscheidung machte eine Partei zum Sieger, die andere zur besiegten. Daraus folgte ganz natürlich, daß erstere bei der letzteren eine Kostenrechnung einreichte, und so lange auf dem Kriegsfuße oder im Lande des Besiegten blieb, bis die Rechnung entweder bezahlt oder gehöriges Pfand u. s. w. gestellt war. Ich glaube, man wird es auch künftig wieder ebenso machen. Nur der sonderbare Krieg der „westlichen Civilisation“ gegen „östliche Barbarei“, wie man das Ding häufig nannte, macht davon eine Ausnahme. Der großartige Kampf zur „Rettung der Türkei“ (offiziell gesprochen) war eine Art Picknick, wo jeder Theilnehmer seine Rechnung selbst bezahlt und respektive aus eigner Tasche zehrt. Es kam zu keiner „Entscheidung“; jede Partei war zugleich besiegt und Sieger, so daß alle „ehrenvoll“ daraus hervorgingen, wie wenigstens die Blätter Palmerston’s und Louis Napoleon’s sich auszudrücken beliebten. Auch wurde der geschlossene Friede ein dauernder, alle Parteien befriedigender genannt.

Man muß es indessen mit den Ausdrücken der Diplomaten nie so genau nehmen, wie wir unter uns. In der That haben die Worte im Munde oder aus der Feder von Diplomaten niemals einen „gemeinen“ Sinn, d. h. nie einen solchen, wie wir gemeinen Leute mit den Worten verbinden. Man sagt in der Diplomatie sehr häufig etwas, was man nicht sagen will, man veröffentlicht Gedanken, um Gedanken zu verbergen. Man sagt „Schwarz“ und meint damit „Weiß“ oder vielmehr irgend eine Farbe, die kein gemeiner Verstand errathen kann. Die Sprache des ehrenvollen, alle Parteien befriedigenden Friedensvertrages gerieth diesmal so räthselhaft, daß sie die Diplomaten selbst nicht mehr verstehen und Jeder eine Auslegung dafür hat, die jeden Andern unzufrieden macht. Was bleibt da Anderes übrig, als noch einmal in Paris zusammen zu kommen, um namentlich den Herren Palmerston u. s. w. ein besseres Verständniß des ehrenvollen, alle Parteien befriedigenden Friedens beizubringen? Bei dieser Gelegenheit können auch die Nichtdiplomaten, welche immer glaubten und hofften, daß England die „gute Sache“ auf seiner Seite habe, und deshalb die englische Sache als die „gute Sache“ liebten, etwas lernen. Schon jetzt steht fest, daß weder die gute Sache, noch die schlechte siegte, weil Jeder „ehrenvoll“ aus dem Kampfe hervorging, und die Kosten dieser Ehre jede Regierung aus den Taschen des damit beehrten Volkes bestritt.

Die Rechnungen sind noch nicht bekannt. Aber merkwürdig ist, daß die französische Regierung die ihrige nicht nur schon längst fertig, sondern auch veröffentlicht hat. Napoleon fragte nicht erst constitutionell, ob er Krieg führen dürfe und Geld dazu kriege. Er nahm vom Mammon und Mann, so viel er für gut hielt, ohne viel zu fragen. Die englische Regierung dagegen ließ sich ordentlich parlamentarisch Geld und Leute bewilligen, und nannte den Krieg „des Volkes Krieg.“ Aber trotz alles Parlamentarismus und aller Schuldigkeit, Rechnung abzulegen, weiß man in England noch nichts von Rechnungen. Rechnung ablegen, ist immer ein Akt, der Anerkennung verdient, sei die Schuld auch noch so groß. Und so erkennen wir diesen Akt der französischen Regierung um so lieber an, als man sonst nicht sehr oft in Versuchung kommt, von ihr mit Anerkennung zu sprechen, und sie alle andern „ehrenvoll aus dem Kriege hervorgegangenen Regierungen“ beschämt.

Der Kriegsminister, Marschall Vaillant, hat also eine vollständige Kriegsrechnung ausgearbeitet und veröffentlicht. Sehen wir uns die Hauptposten einmal an, damit wir uns mit Adam Riese eine Vorstellung von diesem letzten Kriege machen lernen.

Es wurden 309268 Soldaten und 41974 Pferde von Frankreich weit hinten nach der Türkei und nach der Krim über sehr viel Wasser hinweggeschickt. Von dieser ungeheuern Armee starben über 67000 ganz gewiß, mehr als 3000 ungewiß, da man sie blos vermißt, ohne daß man genau weiß, ob und wie sie umgekommen. Von den Pferden kamen 9000 zurück, die englischen starben fast alle im Kampfe mit Hunger und Kälte, eben so die ganze erste Armee. Alle diese Massen von Menschen und Vieh zogen sich aus allen Theilen Frankreichs nach Marseille zusammen und wurden von da aus alle sicher auf’s und über’s Wasser nach dem Kriegsschauplatze geschwemmt. Was das heißen will, davon geben noch andere Zahlen eine Vorstellung. Die Schiffe, welche immerwährend hin- und hereilten, um neues Futter für Pulver zu holen, kamen auch fast stets beladen zurück, beladen mit Verwundeten, Kranken und Krüppeln, für welche an der Südküste Kranken- und Quarantainelager, groß genug, 30000 Mann zu beherbergen, errichtet waren. Von den englischen Kranken kamen wenige zurück, und die Wenigen mußten oft halbe Tage, ganze Tage warten, ehe sie in verschiedenen Winkeln versteckt werden konnten, um da noch zu sterben. Die Menschenverwüstung, welche die englische Aristokratie trieb, ist fast beispiellos in der Geschichte. Für diese 309000 Menschen und 42000 Pferde mußte aber auch Futter hinübergeschifft werden, Lebensmittel, Kleidung, Wohnung, u. s. w. und zwar genug auf zwei und ein halb Jahre, dazu Waffen, Munition, Geschirre, Wagen, Arzneien, Charpie und tausenderlei Dinge, an die wir im Frieden oder selbst in einem gewöhnlichen Kriege auf dem Lande mit Märschen auf der festen Erde gar nicht denken. Waffen? Natürlich hatte jeder Soldat seine Waffen bei sich. Aber auch 644 Kanonen, Haubitzen und Mörser vom Lande und 603 von der Marine und 140 türkische Kanonen wurden hinübergeschafft mit dem nöthigen Futter, dazu 800 Kanonenkarren, über 700 Munitionswagen und sonstige Artilleriefuhrwerke. Diese waren blos für die Belagerung speciell bestimmt. Mit den für offenen Kampf, für Schlachten bestimmten Kanonen stieg die Gesammtzahl der schweren Geschütze Frankreichs auf 1700 mit 4800 Wagen und Werkzeugen auf Rädern aller Art. Die Zahl der Pillen für diese schweren Geschütze sieht auch recht idyllisch aus: zwei Millionen [709] Kanonenkugekn, Bomben und sonstige Ladungskörper für schwere Geschütze, zehn Millionen Pfund Pulver in Fässern und 66 Millionen scharfe Patronen für Musketen und Rifles. Kurz vor dem Falle Sebastopols hatte es Frankreich zu 400 Bomben-Mörsern vom größten Kaliber (außer der andern Belagerungs-Artillerie) und zu 1000 Bomben für jeden gebracht, hinreichend zu einem 20 Mal 24 Stunden ununterbrochenen Bombardement und 14 Bombenschüssen für jede Minute aus jedem Mörser. Die Franzosen gruben und sprengten und bauten während der Belagerung Sebastopols über 100 Batterieen. Das Gewicht der Artillerie allein schätzt Marschall Vaillant auf 50 Millionen Kilogrammes, d. h. etwa eine Million Centner.

Dazu kam aber noch das „matériel du génie“, wie er’s nennt, die Sappeurs, Ingenieurs und Minirer mit ihren Werkzeugen und Materialien: Hacken, Schaufeln, Bohrer, Sandsäcke, Pallisaden, chevaux de frise, Mühlen, Leitern, Wagen, Kasten, Räder, Planken, Eisenbarren, Nägel, Pech, Kohlen, Leinwand, Minenpulver, Zelte, Holzhütten u. s. w. zusammen 14 Millionen Kilogrammes oder 280,000 Centner.

Zu den auffallendsten Posten gehören 920000 Sandsäcke und 3000 Holzhütten und Kasernen. Die Materialien des Geniecorps waren nach Ausspruch des Kriegsministers fünf Mal größer, als für eine gleich große Armee für Belagerungszwecke gewöhnlicher Art, so großartig und ausnahmlich war diese ganze Belagerung Sebastopols, freilich nichts in dem Grade, als die beispiellose Ueberwinterung zwischen Felsen und Sümpfen, welche so menschenfeindlich aussehen, wie die Erde kaum zur Zeit der Ichthiosaurier, ein paar Millionen Jahre vor Erschaffung der Welt (nach Calaisius) gewesen sein kann.

Die französischen Ingenieurs errichteten und sprengten während der Belagerung über 10 geographische Meilen Laufgräben, wozu sie 60000 Fascinen (Holzbündel), 80000 Gabionnen (große mit Erde gefüllte Körbe) und außerdem über eine Million mit Erde gefüllte Säcke verbauten, außerdem gegen drei Meilen „Linien“ oder Schanzwerke um die Belagerungslager herum. Diese „Linien“ bestanden aus tiefen Gruben, fast alle in soliden Felsen hineingehöhlt, mit hohen Parapeten und starken Redouten. Franzosen und Russen zusammen sprengten und gruben beim Miniren und Contreminiren außerdem über eine deutsche Meile unterirdische Galerien oder Passagen durch solide Felsen hindurch, an manchen Orten über 50 Fuß unter der Oberfläche. Bei dieser Arbeit mußte man aber auch essen und trinken und Alles weit über’s Wasser, größtentheils von Frankreich (Frankenarm) selbst her, z. B. 30 Millionen Pfund Bisquit, 50 Millionen Pfund Mehl, 7 Millionen Pfund eingesalzenes Fleisch, 14 Mill. Pfund Pökelfleisch und Fett, 8 Mill. Pfund Reis, 4½ Mill. Pfund Kaffee, 6 Mill. Pfund Zucker, 10000 lebendiges Hornvieh, 2½ Mill. Gallonen Wein und andere Kleinigkeiten in ähnlichen kleinen Quantitäten.

Man merkt’s schon an den Zahlen, wie demoralisirend, unmenschlich der Krieg ist. Sie stehen so kalt da diese Zahlen, ob man sagt: 10000 Ochsen oder 70000 Franzosen geschlachtet (Summa Summarum schlachtete diese einzige Belagerung etwa 700000 Menschen). Wie viel Trauer, wie viel Thränen, wie viel Herzeleid zieht sonst hinter der Bahre eines einzigen, selbst des unbedeutendsten Menschen her! Und dem Worte Krieg gegenüber liest man von 70000 und 700000 Todten wie von einem Posten in der Rechnung, der sich beiläufig mit von selbst versteht. Nun, sie starben doch für einen ehrenvollen, dauerhaften Frieden, hieß es. Ist doch Rußland auf ewige Zeiten gedemüthigt, renommirte Palmerston in seinen Zeitungen, während es in der That nie mächtiger gegen England da stand, als jetzt zur neuesten Pariser Konferenz, welche Napoleon auf Seiten Rußlands sieht und Sardinien nur deshalb nicht, weil Palmerston dessen Ausschließung bewerkstelligte (wenigstens beantragte) und zwar aus dem Grunde, weil er auch dessen Stimme für Rußland fürchtete. Die englische Diplomatie (welche so viele gutmüthige Menschen als westliche Civilisation umhofften) steht jetzt unter dem weisesten Nestor derselben allein da in Europa, allein, freundlos, von Freunden und Feinden verachtet und – zwar mit allem Recht. (Wer dafür die Thatsachen in gedrängter Kürze beisammen haben will, muß den Artikel „Palmerston“ in der neuen Wochenschrift, welche F. A. Brockhaus zur Ergänzung des Conversationslexikon herausgibt, nachlesen. Er ist aus derselben Feder, welche diesen Artikel schrieb.) Fahren wir in unserer Rechnung fort. Manchmal ist eine Zahl durch sich selbst gar nicht zu begreifen. Man ahnt gar nicht, wie groß sie ist und nimmt es ziemlich gleichgültig hin, ob eine Null mehr oder weniger an der Hauptzahl hängt. Aber eine kann die andere unterstützen. Wir lesen: 30 Millionen Pfund Bisquit und denken uns nichts weiter dabei, zumal da gleich noch mehr Millionen anderer Pfunde uns in Beschlag nehmen. Aber wenn man liest, daß zur Verpackung dieses einen Postens allein ein halbes Tausend Menschen Tag und Nacht arbeiten mußten, nur um die Fässer dazu zu schaffen und zusammen 260000 Fässer und Tonnen zur Verpackung dieses einzigen Artikels gehörten, wird uns diese Bisquitmasse schon etwas deutlicher. Für Verpackung anderer trockener Lebensmittel wurden über eine Million Säcke gebraucht. Unter der Rubrik Pferdefutter finden wir 170 Millionen Pfund Heu, 180 Millionen Pfund Hafer und Gerste und andere Artikel.

Mit 4 Millionen Pfund Feuerholz, 40 Millionen Pfund Steinkohlen, Coaks und Holzkohle, 150 Backöfen, 140 Pressen für Verpackung des Heus schließt das Kapitel vom Futter und Feuer, zusammen 10 Millionen Centner, zu deren Verschiffung nach dem Kriegsschauplatze 1800 Seereisen der Transportschiffe nöthig waren.

Kleider und Schuhe! Auch lauter Zahlen mit erstaunlich viel Nullen! Niemals unter 200000, in der Regel über 300000. Nur einige eigenthümlich französische Artikel, z. B. 240000 Paar Sabots, (Holzschuhe), zu den 360000 Paar ledernen. Der entsetzliche Winter durchschauert uns wieder, wenn wir von 150000 Schafpelzpaletots, 250000 bulgarischen (Schafpelz-)Gamaschen und 250000 Pelzmützen lesen.

Haus und Hof! Man hatte Zeltenbehausung hinübergeschafft, welche 280000 Mann auf einmal aufzunehmen im Stande war, wobei man voraussetzte, daß die übrigen während der Zeit „im Dienste“ und im Freien zubringen mußten.

Unter den Artikeln der Bekleidung für Pferde nehmen 800000 Schuhe oder Hufeisen und 6 Millionen Nägel dazu auch ihre Stellung ein, so daß man bis in alle Kleinigkeiten hinein genau Buch geführt haben muß. Im Ganzen wogen Kleiderstoffe für Menschen und Vieh und Zelte 400000 Centner.

Dies sind die Hauptartikel, aber die Accessorien, ärztlicher Dienst, Schatzamt, Postverwaltung, Druckerei, Telegraph u. s. w. wurden auch nicht übersehen. In keiner Sphäre waren die Franzosen so ausgezeichnet, als in ihren Hospital-Arrangements. Diese leuchten um so mehr hervor, als die englischen Soldaten, die sechs bis sieben Mal so viel kosteten, tausendweise aus Mangel an Dach und Fach, der gewöhnlichsten Arznei und der nothdürftigsten Pflege dahinstarben. Ohne Miß Nightingale und ihre barmherzigen Schwestern und beispiellose Privatwohlthätigkeit hätte die Kriegsführung nicht nur alle die vielen Millionen Pfunde, sondern auch alle Soldaten dazu todtgeschlagen –.

Die Franzosen schickten 27000 Bettstellen für Invaliden und Kranke hinüber, eben so viel Matratzen und Decken, und 40000 Decken für den Gebrauch in Zelten (außer den Feldmänteln). Dazu kamen 30 bewegliche, mobile Hospitäler für je 500 Mann und jedes mit dem nöthigen Mobiliar. Transportwagen für Verwundete waren hinreichend für 24000 Mann; 600 große Kisten chirurgischer Instrumente, 700000 Pfund Charpie und Bandagen, 200000 Pfund Erfrischungen, concentrirte Milch, Bouillonessenz, granulirte Grütze, Chole’s, eingemachte Früchte u. s. w. erinnern wohlthuend an versorgende Menschlichkeit in dieser wilden Mischung von Pulver, Kugelregen, Himmelsregen und Schnee, umhergeschleuderten Menschengliedern und bluttriefenden Krüppeln.

Die equipages militaires oder das Transportkorps im Felde und auf dem Lande blos für Herbeischaffung von Nahrungsmitteln und Gepäck beschäftigte 14000 Mann, 20000 Pferde, Maulesel, Ochsen und Buffalos mit nicht weniger als 2900 Wagen der verschiedensten Art. Auf diesen Wagen waren uuter Anderem 900 wasserdicht verschließbare große Kasten; in jedem derselben wurde täglich für 1400 Mann Nahrung herangefahren.

Neunzig Personen fungirten als Zahlmeister und Postsekretaire zugleich. Marschall Vaillant versichert, daß die Soldaten [710] mitten im Kriege ihre Löhnung und ihre Briefe eben so regelmäßig erhielten, als wenn sie im tiefsten Frieden mitten in den numerirten Häusern von Paris gewohnt hätten. Daß an sie theils baar, theils in Schatznoten ausgezahlte Geld belief sich auf 285000000 Francs. Und dies ist vielleicht ein kleiner Ausgabeposten im Vergleich zu den Kosten der Anschaffung und des Transports von Lebens- und Todesmitteln.

Elektro-Telegraphie und Druckerei traten als ganz neue Posten in der Kriegsrechnung auf und deuten auf eine neue Epoche in der nobeln Kunst der Kriegführung hin. Die Franzosen wurden sehr fleißig vermittelst der alten Semaphoren (beweglichen hölzernen Telegraphen mit Signalarmen) und elektrischer Telegraphie kommandirt. Sichtbare Zeichen und elektrische Blitze liefen aus dem Hauptquartiere nach allen Armen und Flügeln der Armee. Außerdem hatten die Engländer einen elektrischen Telegraphen durch’s Meer von Balaklava nach Varna gelegt und die Franzosen denselben über Land (Varna, Schumla, Rustschuk, Buckarest) mit den großen europäischen Telegraphennetzen verbunden.

Außer einer lithographischen Presse beschäftigte General Canrobert noch eine ordentliche Druckerei. Die Guttenberg’schen Truppen wurden somit unseres Wissens zum ersten Male unmittelbar zwischen Krieg und Schlachten beschäftigt. Keine besondere Ehre für sie oder vielmehr für uns, die wir es mit 400jährigen Exercitien derselben noch nicht so weit gebracht haben, daß sich der barbarische Mars mit seiner Todtschlägerei gar nicht mehr hervorwagen könnte.

Für den Transport über’s Wasser beschäftigten die Franzosen stets 132 Schiffe von der Staatsmarine, welche mit 905 Reisen 270000 Mann, 4300 Pferde und 116000 Tonnen Material beförderten. Dazu kamen als Transportmittel 8 englische Kriegs- und 42 andere gemiethete Schiffe, dazu außerdem 1264 Kauffahrteifahrzeuge aller Art mit 66 Dampfschiffen und 22 Schnellsegelklippers. Alle zusammen beförderten während der zwei Kriegsjahre 550000 Mann, 50000 Pferde und 15400000 Centner Material hin und her.

Das sind die Hauptsachen einer einzigen Kriegsrechnung. Die englische ist bereits auf mehr als das Doppelte im Geldpunkte veranschlagt worden. Von der russischen, türkischen und sardinischen wissen wir noch gar nichts. Erstere muß auch mindestens das Doppelte der französischen betragen. Nehmen wir daher nur die direkten Gelder, an die Soldaten ausgezahlt als die Hauptkosten, als den großen Preis des Krieges, also Russen-, Franzosen-, Engländer-, Türken- und Sardinier- oder fünfmal 285000000 Francs, so kommt das runde Sümmchen von 1425000000 Franken heraus, wofür wir 400 Millionen Thaler annehmen wollen.

Das ist vielleicht blos die Hälfte der wirklichen, direkten Kosten, wobei wir 700000 vernichtete, jugendliche, starke Menschenleben und das mit ihnen todtgeschlagene Produktionskapital und dessen Zinsen gar nicht rechnen.

Für diesen Preis ist zwar Sebastopol gefallen, aber Rußland hat dafür Festungen in ganz Europa gewonnen. Das ist kein Geschäft. Um recht prosaisch zu schließen, fragen wir: was hätten Nicht-Diplomaten, gewöhnliche producirende Unterthanen, Fabrikanten, Bürger, Bauern, Handwerker, Künstler mit diesem Kapitale für Leben und für Freude in der Welt geschaffen?

Und hat denn nun wenigstens Europa ehrenvollen, dauernden Frieden? Neue Pariser Konferenz, antworte, wenn du es nicht wieder vorziehst, etwas zu sagen, um deine Gedanken zu verbergen!




Die Nachtigall als Künstlerin.

Der berühmte Pré aux Clers, heute Markt St. Germain, ist bekanntlich des Sonntags der Vogelmarkt von Paris. Es ist ein in vielfacher Beziehung merkwürdiger Ort, er ist eines Theils eine große, immer frisch erneuerte Menagerie, ein bewegliches, amüsantes Museum der französischen Ornithologie.

Andererseits erinnert eine solche Preisbietung lebender Wesen, Gefangener, von denen ein großer Theil seine Gefangenschaft lebhaft empfindet, Sklaven, die der Kaufmann zeigt, verkauft, mit mehr oder minder Geschicklichkeit geltend zu machen weiß, indirekt an die Sklavenmärkte des Orients, wo menschliche lebendige Wesen verhandelt werden. Obwohl die geflügelten Sklaven unsere Sprache nicht verstehen, so drücken sie das Bewußtsein ihrer Sklaverei doch nicht minder deutlich aus: manche, die schon so geboren sind, resignirt, andere düster und stumm, Alle aber, indem sie von der Freiheit träumen. Einige scheinen den Vorübergehenden anhalten, nichts als einen guten Herrn verlangen zu wollen. Wie oft sieht man einen klugen Hänfling, einen liebenswürdigen Rothbart uns traurig mit einem unzweideutigen Blicke ansehen, der uns sagt: „Kaufe mich!“

An einem Sonntage dieses Sommers machten wir diesem Markte einen Besuch, den ich nie vergessen werde; es war der Markt gerade nicht reich versehen und auch nicht sehr vollständig, denn die Zeit der Maußer und des Schweigens hatte begonnen. Nichtsdestoweniger hatten wir Gelegenheit, an der naiven Haltung einiger Individuen großes Interesse zu nehmen. Der Gesang, das volle Gefieder, diese beiden schönsten Attribute des Vogels, nehmen gewöhnlich überwiegend in Anspruch und verhindern uns, meist, ihre lebhafte, originelle Pantomimik zu beobachten. Ein einzelner Vogel, der Spottvogel Amerika’s, hat das Genie eines Schauspielers und begleitet alle seine Gesänge mit genau dem Charakter angemessenen, meist sehr ironischen Geberden. Unsere Vögel besitzen diese Kunst nicht, aber ohne Kunst und ohne es zu wissen, drücken sie durch bedeutsame Bewegungen, die häufig sehr pathetisch sind, aus, was ihr Gemüth bewegt.

An jenem Tage war die Königin des Marktes eine Grasmücke mit schwarzem Kopfe, ein Künstlervogel von großem Werthe; sie stand allein auf dem Ausstand über all’ den anderen Käfigen wie ein Kleinod ohne Gleichen. Sie flatterte leicht und elegant, Alles war Anmuth an ihr. In der Gefangenschaft hatte sie eine lange, sorgfältige Erziehung genossen, schien nichts zu vermissen und machte auf das Gemüth nur angenehme, glückliche Eindrücke. Es war sichtlich ein so liebliches Wesen, so harmonisch in Bewegung wie Gesang, daß, als ich sie sich bewegen sah, ich sie singen zu hören glaubte. –

Tiefer, viel tiefer befand sich in einem engen Käfig ein etwas größerer Vogel, der, unmenschlich eingezwängt, einen bizarren ganz entgegengesetzten Eindruck machte. Es war ein Buchfink und der erste, den ich blind gesehen; ein äußerst peinlicher Anblick. Man muß eine alles Gleichklanges baare Natur, eine Barbarenseele besitzen, um mit solchem Anblicke den Gesang dieses armen Opfers zu erkaufen. Seine unruhige gequälte Haltung machte mir seinen Gesang schmerzlich. Und das Schlimmste dabei war eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schulterzucken und der Haltung des Kopfes, welche häufig menschliche Kurzsichtige oder Blindgewordene annehmen. Der Blindgeborene hält sich niemals so. Mit gewaltsamem, aber unausgesetztem Streben, das eine Gewohnheit geworden, hielt er den Kopf nach rechts gewendet und suchte mit seinen leeren Augen das Licht. Der Hals verlor sich fast in den Schultern und blies sich auf, als wollte er dadurch mehr Kraft gewinnen; er war etwas gewunden und die Schultern wie buckelig. Der unglückliche Virtuose, der nichtsdestoweniger sang, wäre in seiner verwachsenen Mißgestalt ein niedriges Bild der Häßlichkeit eines Sklavenkünstlers gewesen, wenn ihn nicht das unaufhörliche Suchen nach Licht geadelt hätte; man ahnte, daß sein Gesang der unsichtbaren Sonne galt, die ihm noch im Gedächtniß war. –

Wenig empfänglich gegen Erziehung wiederholt dieser Vogel mit metallheller Stimme den Gesang seines Geburtswaldes und zwar mit dem eigenthümlichen Accent des Bezirks, wo er geboren ist; soviel verschiedene Gegenden, soviel Finkendialekte gibt es. Er bleibt sich immer ganz treu; er singt nur seine Wiege, und zwar aus derselben Tonart, aber mit einem glühenden Eifer, mit außerordentlicher Leidenschaft. Einem Nebenbuhler gegenübergestellt wird er achthundert Mal hintereinander dieselbe Weise singen; bisweilen stirbt er daran.


[711] Noch tiefer als der Fink und in einem elenden kleinen Käfig, den ein wildes Durcheinander von einem halben Dutzend großer und kleiner Vögel bevölkerte, zeigte man mir einen Gefangenen, den ich nicht heraus erkannt haben würde, eine junge, erst am Morgen gefangene Nachtigall. Der Vogelhändler hatte mit geschicktem Machiavellismus den traurigen Gefangenen mitten unter eine Welt von kleinen Sklaven gesetzt, die sehr lustig waren und sich schon in das Gefängnißleben gefunden hatten. Es waren junge Troglodyten, die vor nicht gar langer Zeit im Gefängniß geboren waren, und er hatte sehr wohl berechnet, daß der Anblick von unschuldigen Kinderspielen häufig über einen großen Schmerz hinwegtäuscht.

Groß allerdings, ungeheuer war hier der Schmerz ausgedrückt, stärker als wir es durch Thränen vermögen. Es war ein stummer Schmerz, in sich verschlossen, der nichts als Finsterniß wollte. Das Thier stand ganz hinten in dem Bauer im Dunkel halb hinter einem kleinen Freßnapf verborgen; es hatte sich aufgeblasen und stand mit etwas gesträubten Federn da, schloß die Augen und öffnete sie sogar nicht, wenn es von den jungen Tollköpfen bei ihren Spielen gestoßen wurde. Offenbar wollte es nichts sehen, nichts hören, weder fressen, noch sich trösten. Dieses freiwillige Dunkel war, das fühlte ich deutlich, in seinem herben Schmerze ein Bestreben, nicht zu sein, ein beabsichtigter Selbstmord. Mit dem Geiste umfing es schon den Tod und starb, so sehr es in seinen Kräften stand durch eine Aufhebung der Sinne und jeder äußeren Thätigkeit.

Zu bemerken ist, daß diese Haltung nichts von Haß, von Bitterkeit, von Zorn hatte, nichts, was an seinen Nachbar, den Finken, mit seinem unruhigen, gequälten Wesen hätte erinnern können. Selbst die Indiskretion der jungen Vögel, welche leichtsinnig und ohne Achtung vor seinem Schmerz mitunter ihn bedrängten, konnte ihm kein Zeichen von Verdruß entreißen. Ich fühlte aus ihm die Seele eines Künstlers heraus, die ganz Sanftmuth, ganz Licht war, ohne Galle, ohne Aerger über die Barbarei der Welt, und die Grausamkeit des Schicksals. Und nur deshalb lebte er, deshalb starb er nicht, weil er bei aller Trauer, allem Schmerze in sich die seiner Natur eigene allmächtige Herzstärkung fand, das innere Licht, den Gesang. Diese beiden Dinge sagen in der Sprache der Nachtigallen dasselbe.

Ich begriff, warum er nicht starb, es war, weil selbst die Sehnsucht nach dem Tode in ihm wieder zum Gesange wurde. Sein Herz sang stummer Weise, was ich vollkommen verstand:

     … Lascia ch’io pianga la Libertà!
     Laß mich um meine Freiheit weinen!

Ich fragte seinen Kerkermeister, ob er käuflich sei. Der schlaue Mann sagte, er sei noch zu jung, um verkauft zu werden, er fresse noch nicht allein; offenbar war dies unwahr, denn er war nicht von diesem Jahr, aber jener wollte ihn behalten, um ihn gegen Ende Winters zu verkaufen, wenn seine wiederkehrende Stimme ihm höheren Werth gab. Ein solcher freigeborener Nachtigallvogel ist viel werthvoller, als ein im Käfig zur Welt gekommener; er ist allein die wahre Nachtigall, singt ganz anders, da er Freiheit und die Natur gekannt hat und nach beiden sich zurücksehnt. Der bessere Theil des Künstlers ist der Schmerz. . . . . . . . .

Des Künstlers! Ich habe dies Wort gebraucht und nehme es auch nicht zurück. Die Nachtigall ist meiner Ansicht nach nicht der erste, sondern der einzige Vogel, dem man diesen Namen schuldig ist.

Weshalb? Weil er allein schöpferisch ist; er allein variirt, bereichert, erweitert seinen Gesang, fügt neue Melodien hinzu. Er allein ist fruchtbar und schöpferisch aus sich selbst heraus, die andern nur in Folge Unterrichts und Nachahmung. Er allein hat Alles, was jene vereinzelt bringen, jeder von den andern, selbst die glänzendsten, singen nur ein Stück Nachtigallmelodie.

Ein einziger Vogel erreicht mit ihm im Genre des Naiven und Einfachen erhabene Effekte: das ist die Lerche, die Tochter der Sonne. Auch die Nachtigall ist vom Lichte inspirirt und in dem Maße, daß, wenn sie in der Gefangenschaft allein, der Liebe beraubt ist, das Licht genügt, sie zum Singen zu bringen. Eine Zeit lang im Dunkeln gehalten, dann plötzlich wieder an das Tageslicht gelassen, delirirt sie vor Begeisterung, bricht in Lobgesänge aus. Der Unterschied ist jedoch, daß die Lerche keinen Nachtgesang hat, es fehlt ihr am Verständniß der großen Effekte des Abends, der hohen Poesie des Dunkels, der Feierlichkeit der Mitternacht, der Sehnsucht erweckenden Dämmerung, mit einem Worte, sie kennt nicht die so abwechselnde Dichtung, welche uns mit allen ihren Schattirungen ein großes Herz voll Zärtlichkeit zu vermitteln weiß. Die Lerche hat ein lyrisches Talent, der Nachtigall gehört das Gebiet des Epos, des Drama, der Seelenkämpfe an: daher empfindet sie ein ganz besonderes Licht. In voller Dunkelheit sieht sie mit der Seele, mit Liebesglut, auf Augenblicke sogar, wie mir scheint, über die individuelle Liebe hinaus mit einer Art Theilhaftigkeit der unendlichen Liebe.

Warum soll man sie also nicht Künstlerin nennen? Sie hat das Temperament dazu in einem Grade, wie es beim Menschen selbst selten vorkommt. Alles, was damit zusammenhängt, die Fehler sowohl wie die Tugenden, besitzt sie im Uebermaß. Sie ist scheu und furchtsam, mißtrauisch und nicht im Geringsten verschlagen. Sie sorgt nicht für ihre Sicherheit und reist allein; sie ist im höchsten Grade eifersüchtig und singt sich fast zu Tode, wie ein Schriftsteller sagt. Sie hört sich selbst gern, setzt sich gern an Stellen, wo ein Echo ist, um zu hören und zu antworten. Nervös zum Exceß, sieht man sie in Gefangenschaft bald den Tag über lange schlafen mit lebhaften Träumen, bald die höchste Unruhe bezeigen, wachen, hin- und herrasen; sie ist auch Nervenanfällen, der Epilepsie, unterworfen.

Sie ist gut und zugleich auch wild. Gegen die Kleinen und Schwachen ist sie zärtlich, sie wird Waisen annehmen, für sie sorgen; das Männchen, wenn es alt ist, ernährt sie sogar mit einer Aufmerksamkeit wie ein Weibchen. Andererseits ist sie sehr gierig nach Beute, gefräßig und eigennützig; die Flamme, welche in ihr glüht und sie fast stets hungrig erhält, läßt sie fortwährend das Bedürfniß nach Nahrung fühlen; und das ist auch ein Grund, warum man sie leicht fangen kann. Man braucht des Morgens nur die Falle aufzustellen, besonders im April und Mai, wo sie des Nachts durch Singen ganz erschöpft ist, dann wirft sie matt und begierig sich blindlings auf den Köder. Uebrigens ist sie auch sehr neugierig, und um neue Gegenstände zu sehen, läßt sie sich fangen.

Hat man sie und trägt nicht Sorge, ihr die Flügel zu binden, oder wenigstens das Innere des Käfigs zu wattiren, so tödtet sie sich leicht durch ihre wilden Bewegungen.

Ihre Heftigkeit ist nur äußerlich; im Grunde ist sie sanft und gelehrig; das eben stellt sie so hoch und macht sie zur Künstlerin, sie ist nicht blos der talentvollste, sondern auch der ziehbarste, bildungsfähigste, fleißigste Vogel.

Es macht Spaß, zu sehen, wie die Kleinen um den Vater herum aufmerksam zuhorchen, zulernen, ihre Stimmen bilden, nach und nach ihre Fehler und Ungefügigkeiten verbessern und dann ihre jungen Organe geschmeidig machen.

Aber wenn sie nun gar für sich allein ihre Uebungen beginnen, sich neue Themata einüben, es liegt dann in ihnen eine solche Ausdauer, eine solche Achtung vor ihrer Kunst, eine künstlerische Gewissenhaftigkeit, welche sie zu ganz besonderen Wesen und es unmöglich macht, sie mit den hohlen Improvisatoren zu verwechseln, deren unbesonnenes Geschwätz nur ein Echo der Natur ist.

So sind Liebe und Licht allerdings ihr Ausgangspunkt, aber die Kunst selbst, die Liebe zum Schönen unbestimmt begriffen, aber desto tiefer gefühlt, sind ein zweiter Nahrungsstoff, der sie erhält und ihr neuen Schwung gibt.

Die wahre Größe des Künstlers besteht darin, daß er über seinen Gegenstand hinausgeht, mehr thut, als er will, daß er durch das Mögliche hindurch noch jenseits desselben etwas ahnt und ahnen läßt, was nicht erreicht werden kann.

Daher die große Schwermuth, die unversiegbare Traurigkeit, daher die erhabene Thorheit, Unglück zu beweinen, das nie geschehen. Die andern Vogel wundern sich darüber und fragen die Nachtigall bisweilen, was sie hat, was ihr fehle. Glücklich und in Freiheit, antwortet sie dennoch, was jene Gefangene in ihrem Schweigen für mich sang:

     Lascia che io pianga! – Laß mich weinen!



[712]

Lebensbilder aus dem englischen Parlamente.

V.
Drummond, der Erzengel. Ergebnisse und Schlußfolgerungen.

Die parlamentarischen Herren, welche wir bis jetzt persönlich vorgeführt haben, sind alle Parade-Pferde. Der große Haufen der andern Auserwählten besteht aus Mittelmäßigkeit, wenn nicht schlimmeren Ingredienzien. Auch diese hervorragenden Persönlichkeiten sind nur einäugige Könige unter Blinden. Es ist kein großer Mann, kein großer Redner unter ihnen. Wo Talent und Genie gar nicht mit concurriren können und nur Geld, Rang und Verbindungen die Wahlen beherrschen, ist dies nicht anders möglich. Einige von diesen persönlich vorgestellten Größen würden vielleicht manches Große und Gute gethan und durchgeführt haben, wenn sie nicht stets darauf beschränkt gewesen wären, es parlamentarisch, vermittelst der Stimmen von Privat- und Kliken- und Goldklang-Interessen und der Dummheit obendrein zu versuchen. Mit der Dummheit aber kämpfen, nach Schiller, Götter selbst vergebens, besonders wenn sie reich ist. Freilich nicht alle Reichen sind dumm, wiewohl sie nach dem Ausspruche des Heilandes alle schwerer in’s Himmelreich kommen, als ein Kameel durch ein Nadelöhr. Wenn sie nämlich klug und weise sind, benutzen sie diese Talente gern nur als Diener ihrer Habe, ihrer speciellen Geld- und Ranginteressen. Das Parlament erfreute sich lange zweier Muster dieser Art von Reichen unter Reichen, des Capitains Sipthorp und des Banquiers und Erzengels Mr. Drummond. Seitdem ersterer aber endlich gestorben ist, führt Mr. Drummond noch allein die Peitsche und Geißel und schüttelt er die Schellenkappe der Originalität unter den Hunderten von auserwählten Dutzendmenschen. Mr. Drummond ist vielleicht allein ein origineller, alter Kauz unter den Gesetzfabrikanten Englands. So oft sich der alte, trockene, schattenhafte, kahle, nur noch mit Backenbart bis über die Ohren hinaus umborstete Siebenziger erhebt, setzt sich Jeder in die Position den Horchens, wenn er auch den ganzen Abend hindurch keinem Worte eines Redners Aufmerksamkeit schenkte, denn Jeder weiß, daß er nur etwas Originelles, Burleskes, bitter Malitiöses und mitunter auch blitzartig Schlagendes hören wird, also etwas, wovon in beiden Häusern sonst keine Silbe zu erhaschen ist. So ungeheuer alt, so ungeheuer reich und dabei so witzig und scharf und eigen. Was kann es Wunderbareres im englischen Parlamente geben?

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Drummond, der Erzengel.

Mr. Drummond stammt aun einer alten schottischen Patrizierfamilie, die sich durch ihren jacobitischen Royalismus für die Stuart’s auszeichnete und dafür manche Verfolgungen erlitt. Sein Vater etablirte sich in der City von London als Banquier und heirathete eine Tochter Lord Melville’s, des Collegen und Freundes von William Pitt. So ward der jetzige Drummond „mit einem silbernen Löffel im Munde“ und einem Passe partout für die höchsten Kreise 1786 geboren und danach erzogen, so daß durch alle seine originellen Ein- und Ausfälle stets als Grundton Überschätzung des Reichthums und Ranges und Verachtung der ohne silbernen Löffel und ohne Stammbaum Geborenen hindurchging. Da ihm die christliche Lehre als solche, die höchst unrespectabel von Liebe zu den Armen, von einem gemeinschaftlichen himmlischen Vater und den Menschen im Allgemeinen als Kindern Gottes spricht, dabei sehr im Wege war, gründete er eine besondere Religion für die Reichen. Wenigstens ist er der eigentliche Schöpfer, Bauherr und Erzengel der religiösen Sekte, die ihren Namen von Eduard Irving ableitet. Die Irvingianer hielten ihre ersten Versammlungen 1826 im Schlosse Drummond’s, Albury Park, Surrey bei London, um über mehrere bis jetzt noch nicht in Erfüllung gegangene Prophezeihungen der Offenbarung Johannis u. s. w. zu discuriren. Daraus ging die Sekte der Irvingianer hervor, die in ihren Tempeln einen Reichthum und Luxus entwickelt, wie niemals die katholische Kirche in ihrer größten Blüthe. Wir wissen nicht, was die Irvingianer eigentlich glauben. Darauf kommt’s hier auch gar nicht an. Genug daß ihnen Drummond die originellste und luxuriöseste aller Kirchen mit Engelswohnungen am Gordon Square in London baute und er selbst Erzengel aller Engel und Chef der ganzen Sekte ist. Als Erzengel blieb er auch Banquier und wurde er seit 1847 als Vertreter eines Surrey-Stadttheiles von London Mitglied des Unterhauses, seit Sipthorp’s Tode auch dessen alleiniger Lustigmacher. Aber er rührt nicht blos das Zwerchfell, er bringt auch Galle zum Kochen, daß sie überläuft, wie z. B. 1851 den Irländern, als er das Innere von deren Nonnenklöstern mit kunstbaren Strichen und Streichen öffentlich ausmalte, besonders am 5. Mai 1853, als er in einer Discussion über Corruption und Bestechung bei Wahlen den Einkauf von Stimmen als nothwendige Institution in Schutz nahm und Alle, die dagegen sprachen, als freche Heuchler denuncirte. „Es gibt blos zwei Wege, die Menschen zu regieren,“ sagte er, „brutale Gewalt und Selbstinteresse. Nennt letzteres Corruption, Bestechung oder wie ihr wollt. Es ist unsere Regierungsform und herrscht vom Palaste der Königin an durch das Oberhaus, durch das Unterhaus, durch alle Lebens- und Verwaltungszweige hindurch. Das Unterhaus ist der große Aemter- und Stellenmarkt, wo Einlaßkarten für alle Bureau’s und fette Situationen ge- und verkauft werden.“ – Darauf wandte er sich persönlich an einen Collegen, der einen ihm unangenehmen Antrag gegen das Ministerium, das ihm keine Anstellung gegeben, loslassen wollte und sagte: „Dieser Antrag ist das Gequieke eines Ferkels, weil es keine „Brust“ von der Muttersau bekommen.“ – [713] In der Discussion über Aufhebung des Zeitungsstempels rief er die ganze, allmächtige, freie Presse Englands gegen sich unter die Waffen. Das bewaffnete, allmächtige freie Wort Englands that ihm aber mit allen Angriffen nicht das Geringste zu Leide, wie es überhaupt mit aller Macht und Freiheit niemals einem Mächtigen und Situirten etwas merklich zu Leide that. Drummond bezeichnete die freie Presse Englands als Dienerin und Sklavin der herrschenden Interessen, als eine privilegirte Bande von Speichelleckern und Lügnern und deshalb als größter Fluch des Landes. Er wurde dafür furchtbar angegriffen, aber weder er- noch widerlegt. –

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Zu einer Abstimmung „herbeigepeitschte“ Parlamentsmitglieder, nach Thorschluß ankommend.

Die Administrativ-Reformers gegen Krim- und Kriegsmißverwaltung, eine Zeit lang die Hoffnung und das Pathos der Liberalen in und außer dem Hause, schnauzte er so an: „Diese Narren wollen Schiffsmäkler, Aktienhändler, Eisenbahndirektoren und dergleichen Mittelklassengötzen an die Stelle der Regierung bringen. Der Staat aber besteht nicht aus Proviantschiffen und Börsenpapieren und Eisenbahnunglücksfällen. Diese Geldmenschen sind gar nicht fähig, zu begreifen, was der Staat ist, geschweige, ihn zu regieren.“ Man muß nicht blos Geldmensch, sondern auch von Geburt und Rang und auch „Erzengel“ sein, um den Staat zu regieren, war die eigentliche Meinung Drummond’s. Ein origineller Kauz, der bei allen echt stockenglischen Misanthropien und Standesschrullen das Gute für sich hat, daß er die Dinge und Lügen und Verschrobenheiten der englischen Staats- und Lebensverhältnisse öfter ohne Heuchelei beim rechten Namen nennt und den Muth hat, zu verlangen, daß man sie trotz dieses rechten Namens respectiren und conserviren müsse, weil sie zu den Bedingungen gehören, unter welchen allein die verschrobenen feudalistischen Zustände als Träger der herrschenden Rang- und Geldsackinteressen conservirt und cultivirt werden können. Das wollen die meisten andern Parlamentsmitglieder auch, aber ohne Courage, die Dinge beim rechten Namen zu nennen und daher mit heuchlerischen Phrasen von Freiheit, Volkswohl, Landesehre u. s. w. um sich werfend. Drummond hat diese Courage. Er ist so vornehm, so echt aristokratisch, so voller Verachtung gegen die große Menge und das Volk im Allgemeinen, daß er es unter seiner Würde hält, irgend etwas um der Presse, um der öffentlichen Meinung, um des Volkes willen zu beheucheln und zu beschönigen. Und so ist er ein alter Narr geworden, dem Jeder gern zuhört, weil er sich über die Feigheit und Heuchelei der Andern hinweg das Privilegium gesichert hat, witzig und spitzig die häßlichste, englische Wahrheit zu enthüllen und sie mit allen ihren Buckeln und Aergernissen ritterlich für die schönste Dulcinea auf Erden zu erklären.

Mit Ausfällen aller Art haut er alle Reformversuche nieder oder verkrüppelt sie wenigstens so, daß sie, durch eine Intrigue anderer Interessen durch alle „drei Lesungen“ geschleppt, seinen Interessen nicht viel schaden, den Liberalen oder gar dem Volke nicht viel nutzen können. Im Gegentheil. Man darf kühn behaupten, daß kein Parlamentsakt, der etwas einführt, jemals [714] Land und Leuten nützen kann. Das Parlament hat während seiner vielhundertjährigen Gesetzfabrikation so viel Schaden gethan, daß es nur verhältnißmäßig Gutes durch Abschaffung thun kann. Die ganze parlamentarische Thätigkeit ist nämlich im Wesentlichen nichts, als Einschwindelung von Interessen der bevorzugten Klassen in das alte anglo-sächsische Rechts- und Freiheitsleben.

Was wir in England Freiheit nennen, sind Ueberbleibsel des alten, germanischen Gemeindelebens, die aus dem wuchernden Unkraut parlamentarischer Gesetzfabrikation noch hervorragen und die Kraft dazu tief aus den Wurzeln anglo-sächsischer Rechtsgewohnheiten ziehen. Diese alten niedersächsischen Rechtsgewohnheiten und Selbstverwaltungssitten, die in dem Freiheitssinne der alten Germanen wurzelnd aus dem Volke zu Rechten und Gesetzen hervorwuchsen, wie Naturgesetze aus chemischen Prozessen, boten sich den alten Königen und Beamten grade so als Gesetze, wie der Naturforscher in den Bewegungen und Gestaltungen der Materie Gesetze entdeckt. Sie erforschten und sammelten die zu Rechtsgewohnheiten ausgeprägten Verwaltungs- und Selbstregierungssitten der Gemeinden, besonders unter Alfred dem Großen (870 bis 901) und sagten: das sind die Gesetze, durch welche sich die gemeinen Massen und Gemeinden regieren, das ist das gemeine Recht (common law) von Land und Leuten.

Es war der Stolz der alten anglo-sächsischen Könige und ihrer Beamten, über die Regeln und Bedingungen, unter welchen dieses Herzblut des Volks quoll und floß, zu wachen, nicht, ihm ihre Einfälle dafür octroyiren zu wollen. Zu diesem Amt waren König und Beamte gewählt und bestellt. So kamen sie oft in den Fall, Ausübung der Freiheit, Gebrauch des Jedem inwohnenden Rechts zu befehlen, nicht zu unterdrücken. Die lebendige, wirkliche Freiheit ist keine gebratene Taube, die dem Menschen in den Mund fliegt, sie will stets geübt, kultivirt, erwirklicht sein und legt daher in demselben Maße Pflichten auf, als sie Rechte und Genüsse gewährt.

Der alte germanische Staat der anglo-sächsischen Königreiche in England bestand aus Gruppen wirthschaftlicher Gemeinden („shires“), die nach alter niedersächsischer Art (wie noch heute, im Gegensatz zu den geschlossen liegenden slavischen Dörfern Deutschlands) frei umherlagen, da sich Jeder auf seinem Grundstück erbaute. Das Band, was, diese frei umher zerstreuten Grundbesitzer einigte, war ein staatliches im Kleinen, die Verwaltung und Rechtspflege innerhalb bestimmter Grenzen solcher Grundstücke. Es gab keinen Adel. Jeder konnte großer Grundbesitzer werden und beliebig von seinem Lande verpachten. Diese Grundbesitzer bildeten später mit ihren Pächtern oder Hintersassen, Stadtschaften, townships mit je einem erwählten Vorsteher für Gemeindeangelegenheiten, dem Reeve. Der Vorsteher weiterer Gemeinden, shires (Grafschaften) oder ganzer Bodengruppen, war Shire-Reeve, woraus das spatere Sheriff zusammenschnurrte. Kleine Ortsgemeinde-Versammlungen, größere unter dem Reeve, weitere unter dem Shire-Reeve u. s. w. gliederten sich empor zu einem Haupte oder der großen Rathsversammlung des Landes für alle Volks- und Landesangelegenheiten nicht localer Art, an deren Spitze der gewählte Landes-Reeve oder König stand. Aus dieser Rathsversammlung des Landes wuchs später polypenartig das Parlament zu einer Gesetze gebenden, machenden Körperschaft gegen common law und König heraus. Die vom Parlamente gemachten Gesetze nennt man im Gegensatz zum naturwüchsigen Rechte des Volks, dem common law, statute law, Statuten-Gesetz, das im Laufe der Jahrhunderte die anglo-sächsische Freiheit, wurzelnd im common law, so durch Masse, Confusionen und Sonderinteressen der Gesetzfabrikanten überwucherte, daß sie darunter erstickte und eben so zerfressen ward, wie das alte deutsche Recht durch importirtes und aufgezwungenes Gesetzemachwerk Roms, das kanonische und Justinianische Recht.

Und der Rest der anglo-sächsischen Freiheit? Er wäre längst todt und alles Recht unter Gesetzen begraben, wenn sich die Interessen der Gesetzgeber nicht fast immer gegenseitig neutralisirten und das Rechtsleben im Volke die meisten fabrizirten Gesetze von sich stieße. Die Parteien, d. h. die gruppirten Interessen im Parlamente, ruiniren zum großen Theile die Interessen anderer Gruppen, die sich ein Gesetz erschwindeln wollen, obgleich durch listige Ränke und Betrügereien Manches durchgeschmuggelt wird. Die alten beiden Hauptparteien von Tories und Whigs sind zerfallen. Whig ist jetzt Jeder, der hinter Lord John Russel herläuft, Tory jeder mit dem Abenteurer D’Israeli Stimmende. Vom Parteileben im deutschen Sinne hat man keine Ahnung. In Deutschland hat man eine Theorie, ein Prinzip für Rechts, Links und Centrum, hier blos ganz bestimmte Klassen-Interessen. Diese treten parlamentarisch als Manchestermänner, Peeliten, Irländer und Radikale auf. Ihnen gegenüber sind Tories und Whigs keine Parteien mehr, sondern Beide Vertreter aristokratischer Interessen. Die Manchestermänner sind personificirter Kattun, ganz ehr- und gesinnungslose Apostel des Profits, wo er auch herkomme, ähnlich den Peeliten, die aus der Baumwollenlordschaft Robert Peel’s hervorgegangen, die steifleinene Lehre der Manchesterschule etwas vornehmer, etwas gelehrter, etwas ausgedehnter vertreten, Jesuiten des Capitals mit dem Grundsatze: „der Mensch sei unter seinem Vorgesetzten, der Zahl, dem Geldstück, wie ein Leichnam,“ centralistisch, bureaukratisch, polizeilich, theologisch, heuchlerisch, namentlich voll grimmigen Hasses gegen das denkende Deutschland, 40 bis 50 an der Zahl mit dem Haupthelden Gladstone, der als Minister jeden befreundeten Wechselfälscher zu seiner Anstellung als Obersteuerbeamten in einer Kolonie kirchlich einsalbte. Die Hauptpartei und die größte Verlegenheit des Parlaments sind die Irländer, die „Brigade,“ Vertreter einer ganz andern, durch Glauben, Geschichte und Mißhandlung im grimmigsten Hasse gegen England einigen eigenen Race, 4 Bischöfe und 28 Pairs im Ober-, 100 Mitglieder im Unterhause, mit Auflösung des irländischen Parlaments im Jahre 1800 zum Theil für immer theuer gekauft, aber in der Mehrheit geschickt von Rom aus dirigirt, so daß sie, obgleich zu schwach, etwas selbst durchzusetzen, doch bei allen Abstimmungen im Dienste ihrer Interessen und im Hasse gegen England den Ausschlag geben.

Außerdem spricht man noch von Radikalen, d. h. solchen, die es mit keiner der genannten Parteien halten, selbst aber auch kein bestimmtes Programm, kein Prinzip haben und deshalb auch mit ihren Angriffen im Parlamente und vor dem Volke durchfielen.

Wie kann aber eine so zerfahrene Masse unsittlicher, egoistischer Klasseninteressen doch so unendliche Massen von Gesetzen fabriziren? Sie schachern und handeln sich gegenseitig Stimmen für ihre Interessen ein, etwa so: Hilf mir diese Bill für unsere Interessen durchbringen und ich helfe Dir bei der nächsten Fabrikation eines Gesetzes für Dich. Auf diese Weise müssen gerade sehr viele Gesetze gegeben werden, weil Jeder etwas haben und Jeder etwas thun will, um die nicht vertretenen Interessen, das Volk, zu beschwindeln und durch Taschenspielerei zu täuschen. Eine sehr beliebte Manipulation zur Ausgleichung der verschiedenen Interessen im Parlamente ist das Paaren, d. h. ein Kontrakt zwischen zwei Vertretern verschiedener Interessen, sich der Abstimmung bei gewissen Anträgen oder auf eine bestimmte Zeit zu enthalten, damit durch das Fehlen des Einen die andere Partei kein Uebergewicht erhalte. Die entgegengesetzte Praxis ist das Einpeitschen der ministeriellen Einpeitscher, welche die Verstecke, Kneipen und Meinungen jedes Mitgliedes kennen und daher für Abstimmungen die beiden Telegraphen im Parlamentsgebäude und lebendige Boten nach jedem Klub, nach der Oper und jedem Theile des Königreichs spielen lassen, um die nöthigen Stimmen herbeizuzaubern. Durch solche Manipulationen wußte sich Palmerston bei den gefährlichsten Abstimmungen Majoritäten einzupeitschen. Die Mitglieder des hohen Parlaments haben nämlich die schöne Gewohnheit, sehr oft außer dem Parlament umherzubummeln in den Restaurationszimmern, in den Klubbs, ja sogar fern in ihre Heimath. Braucht nun der Herr Minister die Stimmen, so werden durch Telegraphen, Boten, laufende und wasserfahrende, die bummelnden Gesetzgeber des Landes herbeigeholt und eilen nun eiligst herbei, um der Regierung oder irgend einer Partei beizustehen. Zuweilen gelang es lästigen, listigen Irländern die Herangepeitschten auf ihrem Fluge aufzuhalten, so daß sie erst nach Thorschluß, welcher jeder Abstimmung vorangeht, athemlos ankamen und just so komische Genrebilder darstellten, wie wir eins aus dem Leben hier in der heutigen Abbildung angefügt haben.

Eine andere Schwindelei gegen Parlamentsmitglieder, die gegen ein Interesse sind, das eine „Bill“ für sich durchbringen will, besteht in Maskirung derselben unter einem harmlosen, falschen Titel, dessen Inhalt man erst kennen lernt, wenn die Bill Gesetzeskraft erhalten. Darüber und über andere Gesetzfabrikationsgeheimnisse, z. B. nachherige Fälschung, wie sie Robert Peel und Palmerston öfter vornahmen, ließe sich noch Vieles sagen. Wir aber wollen diese wenigen Fakta reden lassen, die z. B. ein ganz [715] bestimmtes Licht auf den Ausspruch des Lord Burleigh werfen: „England wird nicht untergehen, wenn nicht durch sein Parlament.“ Der konfuse Haufen von beinahe 40,000 parlamentsfabrizirten Gesetzen, unter denen das alte Recht und die Freiheit Englands erstickt, vermehrt sich während jeder Session um etwa ein halbes Tausend von Machwerken der liederlichsten, verschwindeltesten Oglo- und Plutokratie, so daß schon Niemand mehr weiß, was Recht und Gesetz ist. Diese Ungewißheit des Gesetzes hat längst die größte Gleichgültigkeit gegen Recht und Gesetz hervorgerufen, so daß man sprüchwörtlich sagt: Recht hat der, der so lange bezahlen kann, bis er’s hat.

Wir sehen, daß die üblichen Ansichten vom englischen Parlamente nichts als eine alte, fortgeerbte Krankheit von Traditionen und Täuschungen sind. England war bisher trotz seines Parlaments etwas frei und stark. Es hat aber neuerdings lebensgefährliche Stöße bekommen durch’s Parlament.




Blätter und Blüthen.




Der Löwe in der Falle. Auf einer unserer Jagdparthien, erzählt Kapitain Reid in seinem Buschknaben, hatte unser Begleiter, der Buschmann Swartboy, einen Löwen leicht mit einem Pfeile verwundet und dieser, der keine Lust zu weiterem Kampfe zu haben schien, drehte sich um und trabte langsam in die geöffnete Thür eines einsam stehenden verlassenen Häuschen hinein. Es lag etwas Sonderbares darin, daß ein Löwe an einem so ungewöhnlichen Orte Schutz suchte, aber er bewies eben dadurch seine Klugheit. Es war in bequemer Entfernung kein anderer Schlupfwinkel zu finden, und ein Gebüsch zu erreichen, welches ihm ein Versteck gewährt hätte, würde sehr schwierig gewesen sein. Die berittenen Jäger hätten ihn leicht einholen können, wenn er versucht hätte, zu entrinnen. Er wußte, daß das Haus unbewohnt war. Er war die ganze Nacht um dasselbe herumgeschlichen – vielleicht auch schon darin gewesen, und wußte daher, was für ein Platz es war.

Der Instinkt des Thieres war ganz richtig. Die Mauern des Hauses schützten ihn vor den Kugeln seiner Feinde, so lange sie sich ihm fern hielten, und kamen sie näher, so war dies sein Vortheil und ihre Gefahr.

Als der Löwe in das Haus eindrang, ereignete sich ein seltsamer Vorfall. An dem einen Ende des Hauses befand sich ein großes Fenster. Natürlich war es nicht verglast und war es nie gewesen. Ein Glasfenster ist in jenen Gegenden eine Seltenheit. Es ward mit einem starken hölzernen Laden verschlossen. Dieser hing noch in seinen Angeln, bei dem schnellen Fortziehen aber war das Fenster offen stehen geblieben. Die Thür hatte ebenfalls angelehnt gestanden. So wie der Löwe zu derselben hineinsprang, kamen eine Reihe kleiner, wolfsähnlicher Thiere durch das erstere heraus und rannten, so schnell sie konnten, querfeldein. Es waren Schakals.

Wie sich später zeigte, war einer der Ochsen entweder von Löwen oder von Hyänen in das Haus hineingetrieben und hier zerrissen worden. Die größeren Fleischfresser hatten sich nicht lange mit seinem Kadaver beschäftigt und die schlauen Schakals ruhig an ihm gefrühstückt, als sie auf so plötzliche Weise gestört wurden. Der Eintritt ihres Königs in so grimmiger Laune zur Thür herein bewog die Fuchswölfe, sich schleunigst durch das Fenster zu flüchten, und das Erscheinen der Reiter draußen hatte diese feigen Thiere noch mehr erschreckt, so daß sie mit der größten Schnelligkeit aus dem Hause davoneilten, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Die drei Jäger konnten sich des Lachens nicht enthalten, bis sie plötzlich durch ein anderes Ereigniß in Anspruch genommen wurden, daß fast in demselben Augenblicke stattfand.

Van Bloom, unser Begleiter, hatte seine beiden schönen Hunde mitgebracht, damit sie ihm die Rinder mit nach dem Lager treiben helfen sollten.

Während des kurzen Haltes, den die Reiter an der Quelle gemacht, hatten die Hunde an einem schon halb verzehrten Kadaver hinter den Mauern geschmaus’t und waren, da sie sehr viel Hunger hatten, dabei geblieben, selbst als die Reiter sich wieder auf den Rückweg machten. Keiner der beiden Hunde hatte den Löwen gesehen, bis zu dem Augenblicke, wo das wilde Thier hervorbrach und nach dem Hause rannte. Die Schüsse, das Brüllen des Löwen und das laute Flügelklatschen der Geier, welche erschrocken davonflogen, verriethen den Hunden, daß etwas vorgehe, wobei sie eigentlich zugegen sein sollten, und ihr angenehmes Mahl verlassend, kamen sie Beide über die Mauern gesprungen.

Sie erreichten den offenen Raum gerade, als der Löwe zur Thür hineinsprang, und ohne zu zögern, stürzten die beiden muthigen Thiere ihm nach und folgten ihm in das Haus hinein.

Einige Augenblicke lang hörte man ein verworrenes Getöse – das Bellen und Balgen der Hunde, das Grunzen und Brüllen des Löwen. Dann folgte ein dumpfer Ton, als ob ein schwerer Gegenstand an die Mauer geschmettert würde. Dann vernahm man ein klägliches Geheul – ein zweites, ein drittes – dann ein Geräusch, als ob Knochen zerbrochen würden – das Schnurren des großen Thieren mit seinem lauten, rauhen Basse, und dann ein tiefes Schweigen. Der Kampf war vorüber. Dies ging daraus hervor, daß die Hunde nichts mehr von sich hören ließen. Höchst wahrscheinlich waren sie getödtet.

Die Jäger machten Halt und bewachten die Thür mit der größten Spannung und Unruhe. Das Gelächter war auf ihren Lippen erstorben, während sie diesen gräßlichen Klängen, den Zeichen des furchtbaren Kampfes, lauschten. Sie riefen ihre Hunde beim Namen. Sie hofften, sie, wenn auch verwundet, herauskommen zu sehen. Aber sie kamen nicht heraus – sie kamen nie wieder heraus – sie waren todt.

Ein langdauerndes Schweigen folgte auf das Getöse des Kampfes. Van Bloom konnte nicht daran zweifeln, daß seine so werth gehaltenen und einzigen Hunde getödtet waren. Durch dieses neue Mißgeschick noch mehr aufgeregt, setzte er fast die Klugheit aus den Augen. Er stand schon im Begriff, sich der Thür zu nähern, um so nahe als möglich auf den verhaßten Feind zu feuern, als Swartboy plötzlich etwas einfiel und er ausrief: „Baas, Baas! Wir wollen ihn einschließen! Wir wollen den Schuft einsperren!“

Es lag etwan sehr Kluges und Plausibles in diesem Vorschlage. Van Bloom sah es ein und von seiner ersten Absicht zurücktretend, beschloß er, auf Swartboy’s Idee einzugehen.

Aber wie sollte diese ausgeführt werden? Die Thür hing noch in den Angeln, eben so wie der Fensterladen. Konnten sie diese erfassen und zuschlagen, so hatten sie den Löwen allerdings sicher und konnten ihm mit Muße den Garaus machen.

Aber wie sollte man ohne Gefahr Thür und Fenster schließen? Das war die Schwierigkeit, die sich jetzt zeigte. Näherten sie sich der Thür oder dem Fenster, so ließ sich erwarten, daß der Löwe sie von innen sehen würde, und ganz gewiß hätte er sich in seiner Wuth sofort auf sie gestürzt. Auch wenn sie sich zu Pferde näherten, um ihre Absicht auszuführen, waren sie nicht viel sicherer. Die Pferde würden nicht ruhig gestanden haben, während die Reiter die Hände ausgestreckt hätten, um die Klinke oder den Griff zu fassen. Sämmtliche drei Thiere tanzten und bäumten schon vor wilder Erregung. Sie wußten, daß der Löwe im Hause war. Ein gelegentliches Grunzen verkündete seine Gegenwart – es ließ sich nicht erwarten, daß sie sich der Thür oder dem Fenster mit hinreichender Kaltblütigkeit nähern würden, und ihr Stampfen und Schnauben würde weiter nichts genützt haben, als daß sie das wüthende Thier sich aus den Haus gelockt hätten.

Es war sonach klar, daß das Schließen der Thür oder des Fensters eine sehr gefährliche Operation sein würde. So lange die Reiter im Freien und in einiger Entfernung von dem Löwen waren, hatten sie keinen Grund, etwas zu furchten. Näherten sie sich jedoch und geriethen sie in die Mauern hinein, so war es höchst wahrscheinlich, daß Einer von ihnen dem blutdürstigen Thiere zum Opfer fallen würde.

So gering auch der Maßstab sein mag, den man an die Intelligenz eines Buschmannes zu legen hat, so gibt es doch eine ihm eigenthümliche Gattung, in welcher er wirklich zu excelliren scheint. In Allem, was Jagdlist betrifft, ist seine Intelligenz, oder man könnte es fast seinen Instinkt nennen, dem höher entwickelten Geiste des Kaukasiers vollkommen gewachsen. Es hat dies ohne Zweifel seinen Grund in der öfteren Ausübung dieser besonderen Fähigkeiten, von deren erfolgreicher Anwendung sehr oft sein Leben abhängig ist. In dem großen, unförmlichen Kopfe, den Swartboy auf seinen Schultern trug, stak eine nicht unansehnliche Masse Gehirn und ein Leben voll Mühen und Gefahren, obschon es keinen anderen Zweck hatte, als seinen Magen zu füllen, hatte ihn gelehrt, dieses Gehirn zu üben und zu gebrauchen, und in dem gegenwärtigen Augenblicke leistete es ihm und seinen Begleitern abermals wesentliche Dienste.

„Baas!“ sagte er, indem er sich bemühte, die Ungeduld seines Herrn zu zügeln, „wartet ein wenig, Baas. Ueberlaßt es dem alten Buschmanne, die Thür zuzumachen – er wird es besorgen.“

„Aber wie denn?“ fragte sein Herr.

„Wartet nur – sollt es gleich sehen.“

Alle drei waren miteinander so nahe an das Haus herangeritten, daß sie nicht mehr ganz hundert Schritte davon entfernt waren. Van Bloom und Hendrik verhielten sich schweigend und warteten, was der Buschmann beginnen würde.

Dieser Letztere zog einen Knäuel Bindfaden aus der Tasche, wickelte ihn sorgfältig auf und knüpfte das eine Ende an einen Pfeil. Dann ritt er bis auf dreißig Schritte an das Haus heran und stieg ab – dem Eingange nicht gerade gegenüber, sondern ein wenig auf der Seite – so daß die Fläche der hölzernen Thür, welche glücklicher Weise nur drei Viertel offen stand, sich gerade vor ihm befand. Den Zügel seines Pferdes über den Arm werfend, spannte er nun seinen Bogen und schoß den Pfeil in das Holzwerk der Thür. Nicht weit vom Rande, dicht unter der Klinke, blieb er stecken. Sobald als Swartboy den Pfeil abgeschossen hatte, sprang er wieder in den Sattel, um zum schleunigsten Rückzüge bereit zu sein, im Fall der Löwe einen Ausfall machte. Dabei aber hielt er immer noch den Bindfaden fest, dessen eines Ende an dem Pfeile befestigt war.

Das Anschlagen des Pfeils, als derselbe in die Thür hineinfuhr, hatte die Aufmerksamkeit des Löwen erweckt. Natürlich sah ihn keiner der Reiter, sein zorniges Grollen aber verrieth ihnen, daß dem so war. Er zeigte sich indessen nicht und verstummte wieder.

Nun zog Swartboy die Schnur an – anfangs vorsichtig, um sich vom Festhalten zu überzeugen, und dann that er einen stärkeren Ruck damit und warf die Thür zu. Die Klinke schnappte ein und die Thür blieb zu, selbst nachdem die Schnur nicht mehr angespannt war.

Um die Thür wieder zu öffnen, hätte der Löwe so viel Verstand haben müssen, daß er die Klinke gehoben hätte, oder es wäre nichts übrig geblieben, als durch die dicken, starken Planken hindurchzubrechen, und davon stand weder das Eine noch das Andere zu befürchten.

Nun aber war noch das Fenster offen, und durch dieses hätte der Löwe mit leichter Mühe herausspringen können. Swartboy faßte natürlich den Entschluß, es auf dieselbe Weise zu schließen wie die Thür. Dabei aber stellte sich eine eigenthümliche Gefahr heraus. Er hatte nur ein einziges Stück Schnur. Dieses war noch an dem Pfeile befestigt, der [716] noch fest in der Thür stak; wie sollte er es losmachen und wieder in den Besitz des Fadens gelangen?

Es schien kein anderer Ausweg vorhanden zu sein, als sich der Thür zu nähern und die Schnur von dem Pfeile abzuschneiden. Hierin aber lag eben die Gefahr: denn gewahrte ihn der Löwe und stürzte zu dem Fenster heraus, so war der Buschmann verloren.

Wie die meisten Individuen seines Volksstammes, war Swartboy mehr listig als tapfer, obschon er weit entfernt war, ein Feigling zu sein. Dennoch aber empfand er in diesem Augenblicke keine Lust, sich der Thür des Hauses zu nähern. Das zornige Grollen, welches sich von innen hören ließ, wurde selbst ein tapfereres Herz als Swartboy’s vor Furcht haben erbeben lassen.

In dieser Verlegenheit kam Hendrik ihm zu Hülfe. Hendrik hatte sich ein Mittel ausgesonnen, in den Besitz der Schnur zu gelangen, ohne sich der Thür zu nähern. Nachdem er Swartboy zugerufen, auf seiner Hut zu sein, ritt er bis auf dreißig Schritte auf den Eingang zu – aber auf der Seite, die der, auf welcher Swartboy sich befand, entgegengesetzt war, und machte dann Halt. An dieser Stelle stand ein Pfahl mit mehreren Gabeln, welcher zum Anbinden der Pferde gedient hatte. Hendrik stieg ab, legte den Zügel seines Pferden über eine dieser Gabeln, seine Kugelbüchse auf eine zweite, zielte nach dem Schafte des Pfeiles und gab Feuer. Die Büchse knallte, der zerschossene Stecken flog aus der Thür heraus und die Schnur war los. Alle machten sich fertig, in’s Weite hinaus zu galoppiren, der Löwe aber blieb, obschon er furchtbar brüllte, als er den Schuß hörte, in seinem Versteck. Nun zog Swartboy die Schnur an sich, befestigte sie an einen frischen Pfeil und ritt dann ein Stück weiter, um das Fenster richtig vor sich zu haben. Binnen wenigen Minuten pfiff der Pfeil durch die Luft und fuhr tief in das weiche Holz hinein, und kann drehte sich der Laden in seinen Angeln herum und ward zugeworfen.

Nun stiegen alle Drei von den Pferden, eilten still und rasch hinzu und befestigten Thür und Laden mittelst starker Riemen von ungegerbtem Leder. Hurrah! der Löwe war im Käfig.

Ja, das wüthende Thier war nun richtig in der Falle. Die drei Jäger athmeten frei auf.

Wie aber sollte die Sache enden? Sowohl die Thür als auch der Fensterladen schlossen dicht und fest, und obschon es möglich war durch die Ritzen zu sehen, so konnte man doch nichts erspähen, da es in Folge des Schließens der Thür und des Ladens im Innern vollständig finster war. Aber wenn man auch den Löwen hätte sehen können, so war doch kein Loch vorhanden, durch welchen man die Mündung eines Gewehres hätte hineinstecken und auf ihn feuern können. Er war gerade eben so sicher als seine Feinde, und so lange als die Thür geschlossen blieb, konnten sie ihm nicht mehr Schaden thun als er ihnen.

Sie konnten ihn eingesperrt lassen und dem Hungertode preisgeben.

Eine Weile hatte er allerdings noch an dem zu zehren, was die Schakals übrig gelassen, so wie an den Kadavern der beiden Hunde. Dies konnte ihn jedoch nicht lange erhalten und am Ende hätte er elend umkommen müssen. Reiflich erwogen, schien dies jedoch dem Boer und seinen Begleitern nicht so ganz ausgemacht zu sein. Wenn der Löwe merkte, daß er in allem Ernste eingesperrt war, so machte er vielleicht einen Angriff auf die Thür und bahnte sich, mit seinen scharfen Klauen und Zähnen einen Ausweg.

Der erbitterte Boer aber beabsichtigte nicht im Mindesten, dem Löwen eine solche Gelegenheit übrig zu lassen. Er war entschlossen, das Thier zu tödten, ehe er vom Platze ginge, und begann zu überlegen, wie dies auf die schleunigste und wirksamste Weise in’s Werk gesetzt werden könnte.

Anfangs dachte er mit seinem Messer ein Loch in die Thür zu schneiden, welches groß genug wäre, um hindurch sehen zu können, und den Lauf seiner Büchse hindurch zu stecken. Gelänge es ihm nicht, durch dieses eine Loch das Thier zu Gesicht zu bekommen, so wollte er ein zweites in den Fensterladen machen. Da beide sich auf an einander stoßenden Seiten des Hauses befanden, so mußte er dadurch einen Ueberblick über das ganze Innere erhalten, denn die frühere Wohnung des Boer bestand aus einem einzigen Gemache. Während seines Aufenthaltes hier war mittelst einer Scheidewand von Zebrafellen der Raum in zwei Gemächer getheilt gewesen.

Diese Scheidewand aber war jetzt entfernt, und es war nun wieder nur ein einziges Gemach vorhanden.

Anfangs konnte van Bloom sich auf kein anderes Mittel besinnen, um seinem Feinde Etwas anzuhaben, und dennoch gefiel ihm dieses eine nicht so recht. Es war allerdings ein ziemlich sicheres, und konnte, wenn es ausgeführt wurde, nur den Tod des Löwen zur Folge haben. Ein Loch sowohl in Thür als in Fensterladen müßte sie in den Stand setzen, so viele Kugeln, als ihnen beliebte, auf das Thier abzufeuern, während sie gegen einen Angriff von ihm vollkommen sichergestellt waren. Die Zeit aber, welche nöthig war, um diese Löcher zu schneiden – dies war es, weshalb der Plan dem Boer nicht gefiel. Er und seine Begleiter hatten keine Zeit zu verlieren: Ihre Pferde waren kraftlos vor Hunger und sie hatten noch eine lange Reise vor sich, ehe ein Bissen Futter erlangt werden konnte. Nein, – es war nicht so viel Zeit übrig, als zum Einschneiden der Löcher nöthig war, und man mußte daher auf eine schleunigere Angriffsmethode sinnen „Vater,“ sagte Hendrik, „wie wäre es, wenn wir das Haus in Brand steckten?“

Gut. Der Vorschlag war gar nicht übel. Van Bloom richtete seine Blicke auf das Dach hinaus. Es war ein schräg ablaufenden Bauwerk mit langen Traufen, und bestand aus schweren Balken trockenen Holzen mit Latten und Quersparren und war mit einer einen Fuß hohen Binsenschicht gedeckt. En mußte eine furchtbare Flamme geben, und wahrscheinlich erstickte der Rauch den Löwen, ehe noch das Feuer ihn wirklich erreichen kirnte.

Hendrik's Vorschlag ward deshalb angenommen und Anstalt getroffen, das Haus in Brand zu stecken.

Es war noch eine große Quantität Feuerholz da. Diesen setzte sie in den Stand, ihre Absicht auszuführen, und alle drei begannen sofort das Holz herbeizuschleppen und vor der Thür aufzuthürmen.

Man hätte meinen sollen, der Löwe habe ihre Absicht errathen, denn obschon er sich eine lange Weile vollkommen ruhig verhalten, begann er doch jetzt von Neuem zu brüllen. Vielleicht hatte das Geräusch der außen an die Thür anschlagenden Holzscheite ihn herbeigelockt und er hatte nun gesehen, daß die Thür zu und er eingesperrt war. Der Ort, den er zum Schutze ausgesucht, war in eine Falle verwandelt worden, und es lag ihm natürlich alles Mögliche daran, herauszukommen. Dies verrieth sich durch die Demonstrationen, die er zu machen begann. Man hörte ihn hin und her rennen – von der Thür nach dem Fenster, und an beide mit seinen ungeheuern Tatzen anschlagen, so daß sie in ihren Angeln erzitterten, während er ein ununterbrochenes höllischen Gebrüll hören ließ.

Obschon nicht ohne einige Befürchtungen, setzten die Drei doch ihre Arbeit fort. Sie hatten ihre Pferde zur Hand und hielten sich bereit, sofort aufzusitzen, im Fall der Löwe sich den Weg durch das Feuer heraus bahnte. Ueberhaupt hatten sie die Absicht, sich, sobald das Feuer ordentlich brannte, in. den Sattel zu werfen, und den Brand des Hauses aus sicherer Entfernung zu beobachten.

Sie hatten nun allen trockene Holz herbeigeschleppt und vor der Thür aufgehäuft. Swartboy hatte Stahl und Stein aus der Tasche gezogen und stand im Begriff, Feuer anzuschlagen, als man ein lauten Kratzen inwendig hörte, das ganz verschieden von dem war, welches bis jetzt zu ihren Ohren gedrungen. Es war das Scharren der Löwentatzen an der Mauer, aber es hatte einen seltsamen Ton, so, als ob das Thier sich heftig sträubte, und gleichzeitig schien seine Stimme heiser und gedämpft zu sein, und aus weiter Ferne zu kommen.

Was machte denn das Thier?

Der Boer und seine Begleiter standen einen Augenblick lang da und sahen einander fragend an. Das Kratzen oder Scharren dauerte fort – das heisere Grollen oder Grunzen ließ sich ebenfalls in Zwischenräumen vernehmen, endlich aber verstummte es, und dann ließ sich ein Schnauben und gleich darauf ein so lauten und helles Gebrüll hören, daß alle Drei erschrocken zusammenfuhren. Sie konnten nicht glauben, daß die Mauern sich noch zwischen ihnen und ihren! gefährlichen Feinde befänden.

Wieder hallte das entsetzliche Gebrüll. Großer Himmel! Es kam nicht mehr von innen – sondern von oben, über ihnen! War der Löwe auf dem Dache?

Alle prallten einige Schritte zurück und schauten hinauf. Ein Anblick bot sich ihnen dar, der ihnen vor Überraschung und Schrecken fast die Sprache raubte. Oberhalb des Essenkopfes zeigte sich der Kopf des Löwen, und seine funkelnden gelben Augen und weißen Zähne traten im Gegensatze mit dem schwarzen Ruße, mit dem er bedeckt war, nur um so greller hervor. Er zerrte seinen Leib nach. Eine Tatze hatte er schon auf den Essenrand herausgelegt, und mit dieser und seinen Zähnen erweiterte er die Öffnung, die ihn eingeschlossen hielt. Es war ein furchtbares Schauspiel – wenigstens für die, welche unten standen.

Sie waren in der That erschrocken, wie bereits gesagt worden, und würden sich sofort auf ihre Pferde geworfen haben, wenn sie nicht bemerkt hätten, daß das Thier feststak. Es war augenscheinlich, daß dies der Fall war, aber auch eben so gewiß, daß es ihm binnen wenigen Minuten gelingen würde, sich aus dem Schornsteine herauszuarbeiten. Seine Zähne und Tatzen waren mit Erfolg thätig, und die Steine und der Mörtel flogen nach allen Richtungen umher. Es konnte nicht lange dauern, so war der Essenkopf bis unterhalb der breiten Brust des Thieres zertrümmert, und dann –

Van Bloom überlegte nicht lange, was dann geschehen würde. Er und Hendrik eilten, mit den Büchsen in der Hand, sofort an den Fuß der Mauer. Der Schornstein war nur etwa zwanzig Fuß hoch, und das lange Feuerrohr des Boers reichte, als es emporgerichtet ward, beinahe bis auf die Hälfte dieser Distanz hinauf. Hendrik legte seine Buchse ebenfalls an. Beide feuerten zu gleicher Zeit. Die Augen des Löwen schlossen sich plötzlich, sein Kopf zitterte krampfhaft, seine Tatze sank kraftlos über den Essenrand herab, seine Kinnbacken öffneten sich und Blut tröpfelte ihm die Zunge herab. In wenigen Augenblicken war er todt.

Dies war Allen klar. Swartboy jedoch war. nicht eher zufriedengestellt, als bis er ungefähr ein halbes Schock seiner Pfeile nach den, Kopfe des Thieres abgeschossen, so daß es bald aussah wie ein Stachelschwein.

Das ungeheure Thier hatte sich so fest eingezwängt, daß es selbst nach dem Tode in seiner eigenthümlichen Situation verharrte.

Unter anderen Umständen würde man den getödteten Löwen um seiner Haut willen heruntergezerrt haben. Es war jedoch keine Zeit übrig, ihn abzuhäuten, und ohne weiteren Verzug stiegen van Bloom und seine Begleiter auf ihre Pferde und ritten fort.




Mit dieser Nummer schließt das vierte Quartal und der Jahrgang 1856 und ersuchen wir die geehrten Abonnenten ihre Bestellungen auf das erste Quartal des neuen Jahres schleunigst aufgeben zu wollen. – Titel und Inhaltsverzeichniß des Jahrgangs 1856 sind dieser Nummer beigegeben.


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig. -->