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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1856
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[397]
Spiele des Zufalls.
Novelle von August Schrader.
(Fortsetzung.)

„Kutscher, ich will aussteigen!“ rief die Landdrostin im Tone des Schreckens, als sie den dicken Mann erblickte, der sich gemächlich neben ihr niederließ.

Aber der gräßliche Kutscher hörte nicht, er war beschäftigt, den langen Lorenz, der rasch die Thür zugeschlagen hatte, zu sich auf den Bock zu ziehen. In dem Augenblicke, als die Landdrostin ihr Rufen wiederholen wollte, hieb der Kutscher auf sein Pferd, und der Wagen fuhr rasselnd weiter.

„Das ist ja ein schändlicher Zufall!“ rief die erbitterte Dame.

„Schändlich, Madame! Dieses Adjectiv scheint mir unpassend zu sein!“ antwortete lächelnd der Senator. „Beruhigen Sie sich, ich trete Ihnen gern die Hälfte meines Wagens ab, und begleite Sie bis zu Ihrer Wohnung, die Sie bei diesem entsetzlichen Wetter zu Fuß nicht erreichen können. Dann trennen wir uns, und ich preise mich glücklich, Ihnen einen kleinen Dienst erwiesen zu haben.“

„Ich nehme diesen Dienst nur an, mein Herr, weil ich nicht anders kann.“

„Und ich leiste ihn, Madame, weil ich ihn nicht umgehen kann, ohne mich als einen unartigen Mann zu zeigen!“ antwortete der Senator, den diese Impertinenz verletzt hatte.

Eine Pause trat ein. Die Landdrostin zitterte vor Aufregung in ihrem Pelzmantel. Gottfried Christian Beck lächelte still vor sich hin, obgleich ihm der Zorn das Gesicht ein wenig röthete. Ein heftiger Wind peitschte den Regen an die Fenster des Wagens, in dem es stark dämmerig war. Der Senator dachte über den sonderbaren Auftrag nach, den seine Nachbarin dem Doctor Nataß gegeben hatte. Es war ihm lieb, daß er das Haus des Doctors beziehen würde, denn so war es möglich, etwas Näheres über die seltsame Frau zu erfahren, die ein impertinenter Zufall so hartnäckig mit ihm zusammenführte. Die Feindseligkeiten, die in einem Eisenbahn-Coupé begonnen hatten, wurden in einem leipziger Fiaker fortgesetzt.

„Bei dem Himmel,“ dachte Gottfried Christian Beck, „das ist mehr Verhängniß als Zufall!“

Der vorherrschende Zug in dem Charakter des Senators waar Gutmüthigkeit; aber wie alle gutmüthigen Leute, so braus’te auch er leicht auf, wenn sein Stolz verletzt oder eine seiner Schwachheiten angegriffen wurde, deren er, wie wir bereits mitgetheilt, mehrere besaß. Nach so vielen Mißgeschicken empfand er eine Art Mitleiden mit der armen Dame, deren Zittern er an der Bewegung des Atlasmantels verspürte.

„Madame,“ begann er, „ich bedauere herzlich, daß ich Ihnen gegen meinen Willen Verdruß bereite; der Zufall scheint es sich vorgenommen zu haben, Ihre Ruhe zu stören, und ich ärgere mich, daß ich mich als das Werkzeug dieses boshaften Zufalls muß gebrauchen lassen, der ich durchaus kein Interesse habe, Ihnen unangenehm zu sein. Vereinigen wir uns, dem Zufalle entgegenzuwirken.“

Der Senator erwartete eine höfliche, launige Antwort; er hatte sich getäuscht.

„Ich hoffe zu Gott, mein Herr, daß wir uns heute zum letzten Male gesehen haben!“ rief erbittert die Dame. „Man kann seine Vorkehrungen gegen Berührungen solcher Art treffen.“

In diesem Augenblicke hielt der Wagen. Lorenz sprang vom Bocke und öffnete die Thür. Die Landdrostin wollte aussteigen. Als sie die amaranthfarbige Livree mit den weißen Knöpfen erblickte, fuhr sie zurück und rief: „Der widerwärtige Mensch! Berühre Er mich nicht!“

„So steigen Sie allein aus!“ antwortete der erstaunte Diener, indem er zurücktrat.

Die alte Dame verließ stolz den Wagen, und verschwand in der Dämmerung. Lorenz sah, wie sie an dem Glockenzuge der nächsten Hausthür zog, und dann eingelassen ward.

„Regnet es noch, Lorenz?“

„Sehr stark, Herr Senator.“

„So setze Dich zu mir.“

Lorenz stieg ein. Der Fiaker brachte Herrn und Diener nach dem Hotel. Hier inquirirte der Senator den Kutscher, um zu erfahren, wie seine seltsame Feindin zum zweiten Male mit ihm in Berührung gerathen sei. Der vor Denunciation ängstliche Bursche berichtete treuherzig:

„Gleich nachdem Sie in das Haus des Doctors gegangen waren, kam jene vornehme Dame. Als sie sah, daß es regnete, rief sie mir zu: der Herr, den ich gefahren, hätte länger als eine halbe Stunde bei dem Doctor zu thun, sie wolle mir zwei Thaler geben, wenn ich sie rasch nach Nr. 11 in derselben Straße und dann nach Hause fahren wolle. Die Zeiten sind schlecht, man muß zu verdienen suchen – ich nahm das Geld, und ließ die Dame einsteigen. Ich fuhr sie nach Nr. 11, wo sie klingelte, und einen Brief abgab, ohne das Haus zu betreten. Dann stieg sie rasch wieder ein, und ich wählte den kürzesten Weg, um nach einer halben Stunde wieder zu Ihren Diensten zu sein. Da standen Sie vor dem Hause des Doctors – das Uebrige wissen Sie.“

[398] Während Lorenz den Kutscher bezahlte, stieg der Senator die Treppe hinan.

„Sie hat gelogen, um mir einen Possen zu spielen!“ murmelte er vor sich hin. „Ihr Haß muß groß sein, daß sie sich einer Lüge bedient. Ein Mann würde das nicht gethan haben. O die Frauen!“




VI.

Cäsar von Beck hatte unglücklich gespielt, er war völlig ohne Geld. Zwei Wucherer, bei denen er angefragt, hatten ihm den Kredit verweigert, und ein Dritter drohete ihm mit der Schuldklage. Der Verzweiflung nahe, war er gegen vier Uhr Nachmittags in seine Wohnung zurückgekehrt. Kaum hatte er sein Zimmer betreten, als Wilhelmine erschien; sie hatte Toilette zum Ausgehen gemacht.

„Cäsar, ich will mir neue Musikalien aus der Leihanstalt holen; diesen Abend bleiben wir zu Hause und unterhalten uns am Piano.“

„Gehst Du allein?“ fragte Cäsar, indem er seine Gattin besorgt ansah.

„Die Magd begleitet mich. Bevor es dämmert, werde ich zurückgekehrt sein.“ .

Der junge Mann fühlte das Bedürfniß, allein zu sein. Er küßte Wilhelminen, und führte sie die Treppe hinab. Von der Magd gefolgt, verließ sie das Haus. Cäsar befand sich allein in der Wohnung. Es hinderte ihn Nichts, seine traurige Lage zu überdenken. Den Rest des baaren Vermögens hatte der Aufenthalt im Bade gekostet, ihm blieb nur noch das väterliche Haus in O., das vielleicht einen Werth von acht Tausend Thalern hatte.

Er faßte den Entschluß, einem Advokaten jener Stadt Auftrag zu geben, das Haus zu verkaufen und so rasch als möglich Geld zu senden.

„Es ist unmöglich, mir dieses Grundstück zu erhalten,“ murmelte er vor sich hin. „Ich habe an Wilhelminens Mutter geschrieben und ihr den Zustand des armen Wesens geschildert – die herzlose Frau antwortet nicht einmal. Soll ich mich an meinen Onkel wenden? Nein, er ist ein Hagestolz, der mich verlacht und verhöhnt, der die Frauen nicht leiden kann, weil er ihnen alles Unglück zuschreibt, das die Männer betrifft. Er darf nicht wissen, daß ich verheirathet bin, dann bleibe ich sein natürlicher Erbe. Bis zu seinem Tode muß die Summe ausreichen, die ich aus dem Verkaufe des Hauses löse. Es handelt sich jetzt darum, die augenblickliche Verlegenheit zu beseitigen. Aber wie? Wenn es mir nicht gelingt, bis morgen Geld anzuschaffen, erfährt Wilhelmine meine zerrütteten Finanzverhältnisse, sie wird sich grämen und dadurch die Krankheit beschleunigen, die ich bisher mit der größten Aufopferung bekämpft habe. Das muß ich verhindern, es wäre sonst all’ mein Bemühen vergebens gewesen. Wilhelmine, mein lieber Engel, ich werde Dich mir so lange als möglich zu erhalten suchen! Stirbst Du, so sterbe ich mit Dir – ohne Dich hat das Leben keinen Reiz für mich!“

Er öffnete den Secretair und schickte sich zum Schreiben an. Da ward draußen die Glocke gezogen.

„Sollte meine Frau schon zurückkehren?“

Cäsar schloß den Secretair wieder, ging hinaus und öffnete die Thür. Die Frau des Hausmanns trat ein.

„Ist Frau von Beck zu sprechen?“

Cäsar sah, daß die Frau einen Brief in der Hand hielt.

„Warum?“

„Es ist ein Brief angekommen, den ich ihr eigenhändig überliefern soll.“

„Wer brachte ihn?“

„Eine Dame.“

„Geben Sie mir den Brief, meine Frau wird ihn erhalten.“

Cäsar bemächtigte sich ohne Umstände des Briefes.

„Verlassen Sie sich darauf,“ sagte er, „meine Frau wird ihn erhalten.“

Die Botin entfernte sich, indem sie dachten das ist ein wunderlicher Mann; wie er zitterte, wie seine Augen glüheten – wahrscheinlich plagt ihn die Eifersucht. Nun, ich kann nicht dafür, daß der Brief in seine Hände gerathen ist.

Cäsar schloß die Thür und eilte in das Zimmer zurück.

Hier betrachtete er den Brief von allen Seiten; er war mit einem punktirten Petschaft ohne Namen gesiegelt und hatte die Adresse: „Frau von Beck, hier – eigenhändig zu erbrechen.“

„Was ist das? Ein Brief an meine Frau? Eigenhändig zu erbrechen? Dies ist ein Beweis, daß ich den Inhalt nicht kennen lernen soll. Die Adresse ist offenbar von der Hand eines Mannes geschrieben. Mein Gott, wenn Rudolphi dem Vertrauen nicht entspräche, das ich in ihn gesetzt! Wilhelmine ist schön, sie erregt Interesse, wo sie erscheint – ich kenne ihr Ehrgefühl – der Annäherungsversuch eines Mannes würde sie tief verletzen – oder wenn ein Unberufener ihr Mittheilungen über mich machte, die ihr die Augen über unsere wahre Lage öffnen könnten – es ist nöthig, daß ich den Inhalt des Briefes kennen lerne, ehe sie ihn lies’t. Verzeihe mir, Wilhelmine, mich leitet nicht Mißtrauen, sondern nur die Sorge für Deine Gesundheit, für die Ruhe Deiner Seele!“

Hastig und zitternd erbrach er den Brief. Dann trat er an das Fenster und las:
„Madame!

„Verfügen Sie sich morgen, Nachmittags 4 Uhr, zu dem Doctor Nataß, der Ihnen Eröffnungen seitens Ihrer Mutter zu machen hat. Erscheinen Sie in Person, denn das, was Ihnen der Doctor mitzutheilen beauftragt ist, darf außer Ihnen Niemand wissen. Uebrigens vertrauen Sie dem würdigen Manne, der in alle Ihre Geheimnisse eingeweiht ist. Er allein ist das Organ, durch das Sie mit Ihrer Mutter verhandeln können.

Entsprechen Sie dieser Aufforderung nicht, so haben Sie sich selbst die Schuld beizumessen, wenn eine Aussöhnung nicht zu Stande kommt. Vorläufig verschweigen Sie dem Herrn von Beck den annähernden Schritt Ihrer Mutter, da man Gründe hat, ihn erst zur geeigneten Zeit davon in Kenntniß zu setzen.“

Die Unterschrift fehlte.

„Die Wirkung meines Briefes an Madame Bertram in Braunschweig!“ murmelte Cäsar. „Man hat also Gründe, mich vorläufig von den Verhandlungen auszuschließen. Aber warum? Zu welchem Zwecke? Warum antwortet die Mutter nicht mir, der ich an sie geschrieben habe? Mir wird Alles klar,“ rief er aus, nachdem er eine Minute rasch auf- und abgegangen war – „damals wollte man mir Wilhelminen nicht geben, jetzt will man sie mir entreißen. Ah, Madame Bertram, Ihre Bemühungen werden fruchtlos bleiben! Es wird Ihnen nicht gelingen, die Liebe meines herrlichen Weibes zu erschüttern. Jetzt bereue ich, den Brief geschrieben zu haben; es wäre besser gewesen, wenn man unsern Aufenthalt nicht erfahren hätte. Für die kurze Zeit, die meine Wilhelmine noch zu leben hat, soll sie vor allen Anfechtungen gesichert bleiben. Und Sie, Herr Doctor Nataß, mögen warten bis in alle Ewigkeit!“

Cäsar warf den Brief in den Ofen. Dann schrieb er an seinen Advokaten, und gab ihm Auftrag, das Haus zu verkaufen. Kaum hatte er den Secretair geschlossen, als Wilhelmine wieder zurückkam; sie brachte ein großes Packet neuer Musikalien mit. Nachdem sie eine reizende Haustoilette gemacht, führte sie den Gatten zu dem Piano. Cäsar war Virtuos auf diesem Instrumente.

„Willst Du singen?“ fragte er.

„Nur eine Scene aus Bellini’s Nachtwandlerin – hier ist der Klavierauszug. Du weißt, Cäsar, daß die Amine meine Lieblingsparthie war, und daß ich sie deshalb vor allen hoch schätze, weil ich Dir darin gefallen habe.“

„Aber nur mit halber Stimme!“

Der Gatte spielte, die Gattin sang. Cäsar war erstaunt über die Stimme seiner Frau, die an Kraft, Fülle und Wohlklang gewonnen zu haben schien. Und wie geläufig, korrekt und rein sang sie die Coloraturen! Die Töne perlten rund und klar über die schönen Lippen. Das Cantabile trug sie mit einer Empfindung vor, die den Klavierspieler entzückte – er vergaß, seine Besorgniß über die Anstrengung auszusprecheu. Wilhelmine sang die ganze erste Scene zu Ende.

„Wie habe ich gesungen?“ fragte sie lächelnd.

„Zum Entzücken!“

„Glaubst Du, daß ich mich vor dem großen Publikum hören lassen kann?“

„Um Gotteswillen, fasse diesen Gedanken nicht! Wilhelmine, wie kommst Du darauf?“ fragte Cäsar erschreckt, denn er fürchtete, daß sie seine Lage ahnte.

[399] „Verzeihung, mein lieber Freund, die Eitelkeit ließ mich diese Frage aussprechen.“

In diesem Augenblicke ward die Klingel an der Saalthür heftig gezogen. Man hörte, daß die Magd öffnete. Gleich darauf trat Elise hastig in das Zimmer.

„Ist mein Mann hier?“ fragte sie, ohne zu grüßen.

Wilhelmine eilte ihr bestürzt entgegen.

„Nein! Mein Gott, was ist geschehen? Sie sind bleich und athemlos –“

Die erschöpfte Elise sank auf einen Stuhl.

„Er ist nicht hier?“ flüsterte sie. „Gut, nun bin ich ruhig. Verzeihung,“ fügte sie laut hinzu, wenn ich störe. „Erlauben Sie mir, daß ich ein wenig ruhe, dann entferne ich mich wieder.“

„Madame,“ sagte Cäsar, „Sie suchen Herrn Rudolphi bei uns – hieraus muß ich schließen, daß Sie einen besondern Grund zu dieser Voraussetzung haben. Ihr Herr Gemahl hat uns ein einziges Mal beehrt.“

„Zu meinem innigsten Bedauern; Bernhard ist ein Sonderling, er empfängt gern Besuche, aber er erwiedert sie nicht. Wenn ich ihn jetzt hier vermuthete, so kommt es daher, daß er mir versprochen hat, mich um sechs Uhr abzuholen, denn Sie müssen wissen, daß ich meiner lieben Wilhelmine diesen Nachmittag einen Besuch zugedacht hatte – leider ward ich daran verhindert, und ich bin sehr rasch gegangen, um ihm zuvorzukommen.“ Wilhelmine sah Elisen mit fragenden Blicken an. Cäsar betrachtete seine Frau mit dem Ausdrucke des Argwohns. „Meine Frau war ausgegangen,“ dachte er, „und Elise sucht ihren Mann – was ist das?“

Da ward abermals sehr heftig die Glocke gezogen.

„Wohin?“ rief Cäsar seiner Frau zu, die sich entfernen wollte.

„Ich will nachsehen, –“

„Bleibe, mein Kind, ich selbst werde öffnen!“

Der junge Mann verließ rasch das Zimmer.

„Elise, was beginnen Sie?“ flüsterte Wilhelmine.

„Denken Sie an unsere Verabredung, liebe Freundin.“

„Sagen Sie mir nur ein Wort der Aufklärung!“

„Mein Mann hat eine kleine Züchtigung verdient. Still, er kommt!“ Cäsar öffnete die Thür, und ließ Bernhard Rudolphi eintreten, der wild und verstört aussah.

„Hier ist Madame Rudolphi!“ sagte Cäsar mit bebender Stimme.

„Ich komme, Dich abzuholen,“ stammelte Bernhard, zu seiner Frau gewendet.

„Und ich bin bereit, Dir zu folgen,“ antwortete Elise artig, ihren Platz verlassend.

Dann küßte sie die Freundin, grüßte Cäsar und hing sich an den Arm ihres Mannes, der, ohne zu grüßen, das Zimmer verließ. Die beiden zurückbleibenden Gatten sahen sich erstaunt an.

„Begreifst Du das, Wilhelmine?“

„Nein, Cäsar. Und doch – ich vermuthe etwas.“

„Nun?“

„Rudolphi hat seine Frau in Verdacht, daß sie uns nicht meinetwegen besucht.“

„Weswegen denn?“

„Deinetwegen. Er glaubt, sie sei lieber in Deiner Gesellschaft, als in der seinigen.“

„Der arme Mann!“ rief Cäsar lachend. „Man muß ihm diesen Wahn nehmen.“

„Hast Du gesehen, was für eine traurige Rolle er spielte? Die Eifersucht treibt ihn, seine Frau und sich selbst zu blamiren. Die arme Elise! Es ist ein Glück, daß dieser Auftritt bei uns stattgefunden hat, die wir genau wissen, wie großes Unrecht Elisen geschieht.“

Cäsar gedachte seines eigenen Argwohns und des Schrittes, den er bei Rudolphi gethan. Eine Art Schamgefühl regte sich in ihm und röthete sein Gesicht. Wenn er gewußt hätte, daß auch ihm diese Lection galt! Er führte seine Frau zu dem Piano, und spielte mit ihr, bis die Magd ankündigte, daß das Abendessen aufgetragen sei. Wilhelmine hütete sich wohl, von dem eifersüchtigen Ehemanne zu sprechen, obgleich sie mit Schmerz des stürmischen Abends gedachte, der ihrer armen Freundin ohne Zweifel bevorstand.




VII.

Schweigend durchschritten die beiden Gatten die Straßen; sie, die gewohnt waren, in eleganter Equipage zu fahren, achteten jetzt des Kothes nicht, der ihre Füße durchnäßte. Der eifersüchtige Ehemann hatte alle Rücksichten vergessen, die er einer Frau schuldig ist; er dachte an Nichts, als den furchtbaren Groll auszulassen, der seine Brust zu zersprengen drohete. Elise zitterte vor Aufregung und Frost; Bernhard gewahrte es nicht. Man kam zu Hause an. Elise betrat ihr Zimmer – Bernhard das seinige. Eine Stunde verfloß. Da trat Bernhard in das Zimmer seiner Frau. Elise, im Schlafrocke von gelber Seide, lag ruhig auf dem Sopha und las in einem Buche. Als sie ihren Mann erblickte, erhob sie sich und legte das Buch auf den neben ihr stehenden Tisch. Bernhard war erstaunt über diese Ruhe; er hatte eine in Thränen aufgelöste Frau erwartet, und nun fand er ein schmerzlich lächelndes Gesicht, Züge, die einen leichten Hohn auszudrücken schienen.

„Elise,“ begann er mit erregter Stimme, „ich hatte mir vorgenommen, Dir meinen Entschluß schriftlich mitzutheilen; ich ziehe es aber vor, ihn Dir mündlich anzukündigen, um zu sehen, wie Du ihn aufnimmst.“

„Du hast einen Entschluß gefaßt?“ fragte anscheinend verwundert die junge Frau.

„Und zwar einen unumstößlichen.“

„Darf man wissen, in welcher Angelegenheit?“

„In der wichtigsten meines Lebens.“

„So sei meiner innigsten Theilnahme gewiß,“ antwortete Elise, indem sie den schönen runden Arm auf die Lehne des Sopha’s legte, und ihren Mann aufmerksam ansah.

Bernhard zitterte bei diesem Blicke des himmlischen Wesens, in dem Alles lag: das unergründliche Weib, die Seele Eva’s, die Fülle des Bösen und die Schätze des Guten, Verrath und Treue, Liebe und Verachtung. Ein Dichter hätte eine Prinzessin Eboli in Don Karlos und eine Zerline in Don Juan aus ihr machen können. Der eifersüchtige Gemahl verlor den Gleichmuth, mit dem sich zu waffnen er eine Stunde gebraucht hatte; er sah sich gezwungen, auf Umwegen das Ziel zu erreichen.

„Elise, wir sind nun drei Jahre verheirathet,“ begann er. „Vor einem Jahre ward ich in die traurige Nothwendigkeit versetzt, Dir zu sagen: Elise, ich habe Dir meine Ehre vertraut. Heute zwingst Du mich zu der Frage: Frau, was hast Du mit meiner Ehre gemacht? Antworte mir, wenn Du kannst, antworte mir!“

Die Züge der schönen Frau veränderten sich nicht.

„Ehe ich antworte,“ sagte sie ruhig, „erlaube ich mir eine Frage. Bernhard, was hast Du mit der Ehre Deiner Frau gemacht?“

„Madame!“ fuhr der junge Mann auf.

„Mein Herr, wer hat mir diesen Nachmittag den Bedienten nachgeschickt? Wer läßt mich durch die Domestiken beobachten? Heißt das nicht meine Ehre mit Füßen treten?“

„Sie haben mein Vertrauen verscherzt, und so lange Sie meine Frau sind, habe ich ein Recht, über Sie zu wachen.“

Elise’s schönes Gesicht verzog sich zu einem bittern Lächeln.

„Ich habe nie Ihr Vertrauen besessen!“ antwortete sie.

„Sie konnten es erwerben.“

„Brechen wir ab!“ sagte sie kurz. „Theilen Sie mir den Entschluß mit, von dem Sie vorhin sprachen. Ich bin gefaßt, Alles zu hören.“

Dann erhob sie sich, und ging langsam im Zimmer auf und ab.

„Madame, nach dem, was heute geschehen, ist es unmöglich, daß wir länger zusammen leben. Ich werde morgen die Scheidung beantragen. Das ist mein Entschluß.“

„Diese Mühe können Sie sich ersparen, mein Herr!“ sagte Elise, ohne ihren Gang zu unterbrechen.

„Wie? Warum?“

„Weil ich bereits diesen Nachmittag einen Sachwalter angenommen habe. Machen Sie keine Schwierigkeiten, so wird der Prozeß in wenig Wochen beendet sein.“

Erstaunt schwieg Bernhard einige Augenblicke. Dann fragte er mit einem gewaltsam erkünstelten Lächeln: „Darf man wissen, welchen Grund zur Scheidung Sie angegeben haben?“

[400] „O gewiß! Der Advokat versicherte mich, daß es ein sehr triftiger Grund sei.“

„Nun?“ fragte der Gatte, indem er aufstand, beide Hände auf den Rücken legte und neben seiner Frau herging.

„Eine unbesiegbare Abneigung, die mir das Leben verbittert!“ antwortete ruhig Elise.

„Gegen mich?“

„Gegen Sie, mein Herr!“

„O, das muß wohl sein, da Sie mich so rücksichtslos behandeln konnten. So darf man wohl auch annehmen, daß sich Herr von Beck scheiden läßt?“ fragte Bernhard mit zitternder Stimme.

„Wilhelmine erwartet, daß sie von Ihnen darum befragt werde.“

„Von mir?“

„Diese Erwartung ist sehr natürlich.“

„Ah, Madame, Sie spielen eine reizende Komödie mit mir!“ rief Bernhard mit einem verzweiflungsvollen Lachen. „Sie wissen, auf welchem Fuße ich mit jener Dame stehe. Präsumiren Sie nicht etwa auch, daß ich Frau von Beck nach der Scheidung heirathen werde?“

„Frau von Beck, mein Herr, ist eine eben so falsche Freundin, als Sie ein gleisnerischer Ehemann sind. Ich präsumire Alles. Während Sie die zarte Schönheit in meiner Gegenwart maltraitiren, hat sie sich vielleicht im Stillen Ihrer Zärtlichkeiten zu erfreuen. Sie verbieten mir den Umgang mit der Freundin, weil er Ihnen lästig ist. Sie fragen mich: Frau, was hast Du mit meiner Ehre gemacht? Ich antworte Ihnen: mein Herr, Sie sind ein vortrefflicher Schauspieler! Sie spielen den Othello mit derselben Virtuosität wie den Jago. Sie sehen, Herr Rudolphi, daß ich Sie durchschaue. Darum stellen Sie Ihr Spiel ein, und beantragen Sie die Scheidung.“

„Elise, glaubst Du das wirklich?“

„Fest und unerschütterlich. Ihre Liebe war Maske, wie jetzt Ihre Eifersucht Maske ist. Zu dieser Erkenntniß bin ich gelangt, seit ich Sie beobachtet habe. Wir kennen nun unsere gegenseitige Stellung und wollen uns ferner nicht mehr täuschen. Sie sind nicht mehr mein Mann, ich bin nicht mehr Ihre Frau. Sobald die Scheidung ausgesprochen ist, reise ich ab. Ich würde sofort Ihr Haus verlassen, wenn ich nicht bis zu dem letzten Augenblicke meine Ehre wahren wollte.“

Bernhard blieb stehen und betrachtete einige Augenblicke seine Frau, die sich ruhig in den Sopha gesetzt und das Buch ergriffen hatte. Ihm schien, als ob sie heute schöner war, als sonst. Aber welche Seele barg diese reizende Hülle? Sie bürdete ihm ruhig und sicher Dinge auf, an die er im Leben nicht gedacht hatte. Die Eifersucht regte sich wieder.

„Elise,“ fragte er, „in welcher Absicht warst Du bei Beck’s?“

„Um mich zu überzeugen, daß Sie dort waren. Sie kamen, und ich muß gestehen, daß Sie für den Augenblick meinen Verdacht vortrefflich abgeleitet haben. Außerdem danke ich Ihnen für die Zartheit, mit der Sie mich einer peinlichen Situation entrissen.“

„Mein Gott, das ist zu arg!“ rief Bernhard, vor Zorn erbleichend.

Elise zuckte lächelnd mit den Achseln.

„Liefern Sie den Beweis, daß ich mich getäuscht habe,“ antwortete sie dann.

„Madame, mit Ihnen zu rechten, die Sie neunundneunzig Arten besitzen, „Ja“ zu sagen und eben soviel Variationen des „Nein“ – ist eine Aufgabe, der ich mich nicht gewachsen glaube. Bleiben Sie bei Ihrem Entschlusse, ich werde bei dem meinigen bleiben.“ Er verneigte sich und verließ hastig das Zimmer.

Elise rief das Kammermädchen, ließ sich auskleiden, und ging zu Bett. Bernhard blieb noch lange auf, er beschäftigte sich mit der Frage: „wenn du dich täuschtest, wie sich Elise täuscht? Sie sieht dieselben Dinge, die du siehst. „Das Weib ist schön,“ rief er aus; „wäre sie doch auch so gut und treu!“

Er nahm sich vor, den Senator aufzusuchen. Von ihm hoffte er so viel Aufklärung über Cäsar von Beck zu erhalten, daß er danach das Verhältniß seiner Frau zu Wilhelminen beurtheilen konnte. Der Gedanke, die Eifersucht hat Elisen zu Wilhelminen getrieben, schmeichelte ihm. Eine Stunde später war er so ruhig, daß er sich zu Bett legen konnte. Aber ein böser Traum plagte ihn – ihm träumte, Elise habe die Scheidung wirklich beantragt, und bleibe unerschütterlich in ihrem Entschlusse. Verdrießlich stand er am nächsten Morgen auf. Schon um neun Uhr ließ er sein Pferd satteln und unternahm einen Spazierritt, von dem er spät zurückkehren wollte.

Cäsar von Beck hatte einen schweren Tag; er wußte nicht, wo er Geld auftreiben sollte. Obgleich er das letzte Mal unglücklich gespielt hatte, so würde er doch seine heimliche Reise wieder angetreten haben, wenn die dazu erforderliche Summe in seinen Händen gewesen wäre. Als Wilhelmine zum Frühstück erschien, sah sie ungewöhnlich bleich aus. Cäsar zitterte, als er ihre Hand ergriff, sie brannte in Fieberhitze. Eingedenk der Ermahnungen des Arztes, sprach er seine Besorgnisse nicht aus; aber eine Centnerlast lag ihm auf dem Herzen. Wilhelmine war krank, und er hatte kein Geld. An wen sollte er sich wenden?

Er dachte an Rudolphi – aber war nicht Elise die Freundin Wilhelminens? Konnte sie nicht von jener Seite her seine drückende Lage erfahren? Er dachte an die Schmucksachen seiner Frau – was aber sollte er ihr sagen, wenn sie die Juwelen, mit denen sie sich so gern schmückte, vermißte? Der Besuch eines Advokaten machte das Maaß der Bedrängniß voll.

„Herr K. hat Ihnen einen Wechsel zum Incasso übergeben?“ fragte Cäsar.

„Ja, Herr von Beck.“

„Ist es Ihnen möglich, mir acht Tage Frist zu gewähren?“

„Leider nein. Ich habe die strenge Ordre, Sie morgen früh verhaften zu lassen, wenn Sie heute den Wechsel nicht einlösen.“

„Das ist hart!“ antwortete Cäsar erbleichend. „Ich werde mit Herrn K. sprechen.“

„Er hat das Papier einem Dritten cedirt.“

„Wem?“

„Herrn Bernhard Rudolphi.“

„Ihm!“ murmelte der junge Mann. „Dann freilich kann ich mich nur durch Zahlung vor dem Schuldgefängnisse retten.“

„Ich bitte Sie, bis diesen Nachmittag vier Uhr das Geschäft zu ordnen.“

Der Advokat entfernte sich. Cäsar sank bestürzt auf einen Sessel.

„Ich ahne den Grund!“ dachte er. „Rudolphi will sich dafür rächen, daß ich ihn ersucht habe, den Umgang seiner Frau mit Wilhelminen zu unterbrechen. Oder wenn er, was noch schlimmer wäre, mich entfernen wollte, um – –“

Er legte beide Hände vor das Gesicht; der Gedanke, der sich ihm aufdrängte, machte ihn schaudern.

„Ich verkaufe meine Möbel, wir reisen heute noch ab!“

Cäsar sprang auf und ergriff Hut und Stock. Plötzlich blieb er wieder stehen.

„Aber Wilhelmine kann nicht reisen, sie ist krank!“ murmelte er. „Soll ich ihr Leben auf das Spiel setzen? Die Luft ist rauh und kalt, die arme Frau darf das Zimmer nicht verlassen. O mein Gott, ich befinde mich in einer furchtbaren Lage. Hier die kranke Wilhelmine, dort Mangel – selbst Schuldarrest! Wo soll ich Hülfe suchen? Drei- bis vierhundert Thaler entreißen mich der Verlegenheit, der Schmach, dem Verderben!“

Der arme Mann ward ein Raub der Angst und Verzweiflung; er hätte nicht mehr vor dem ihm angedrohten Tode zittern können, als er jetzt vor dem Verluste seiner Frau zitterte, denn alle seine Gedanken flossen in den einen zusammen: Wilhelmine steht auf dem Spiele. Er fühlte das Bedürfniß, eine dritte Person in sein Geheimniß einzuweihen; wo aber sollte er Jemanden finden, dem er vertrauen konnte? Geld, Geld war die Losung, ohne Geld gab es kein Rettungsmittel. In einem qualvollen Zustande verließ er das Haus. Das Wetter war kalt, der erste Schnee fiel. Die rauhe Luft that seinem glühenden Kopfe wohl. Düstern Blicks durcheilte er die Straßen. Da sah er an einer Thür ein Schild mit der Aufschrift „Dr. Nataß.“ Er blieb stehen und überlegte, ob von diesem Manne, der Wilhelminen Eröffnungen seitens der Mutter zu machen hatte, keine Hülfe zu erlangen sei.

(Schluß folgt.)
[401]
Zwei bedeutungsvolle Köpfe Amerika’s.
Buchanan und Dallas.

Die „demokratische Convention in Cincinnati“ ernannte in einer Vorwahl den ehemaligen amerikanischen Gesandten in England James Buchanan zu ihrem Präsidents-Candidaten, d. h. sie beschloß, daß alle Demokraten für dessen Wahl zum Präsidenten der vereinigten Staaten stimmen sollten.

Damit man das amerikanische Wort „Demokrat“ nicht mißverstehe, sei hier nur kurz darauf aufmerksam gemacht, daß man in Amerika nicht mehr nach Preß- und Versammlungsfreiheit, Habeas-Corpus-Akte, Wahlrecht und dergleichen continentalen demokratischen Gütern zu streben braucht. Das sind dort längst abgemachte Sachen und verstehen sich von selbst, wie Morgens Sonnenauf- und Abends Sonnenuntergang. Demokraten nennt man in Amerika die politische Partei, welche die möglichste Selbstständigkeit der Einzelstaaten, die möglichste Unabhängigkeit vom Congresse erstrebt, ohne deshalb die „Union“ aufgeben zu wollen. Sie sind deshalb auch für Beibehaltung der Sklaverei und die Sklavengesetze.

James Buchanan George Mifflin Dallas.

Wer ist James Buchanan, der „nominirte“ amerikanische Präsident im Sinne der Demokraten? Sein Vater war ein Irländer, der vor achtzig Jahren nach Pennsylvanien auswanderte. Hier ward er am 23. April 1791 geboren. Er studirte Rechte und kam 1812 in die Praxis als Advokat. Doch ward er bald darauf als Vertreter Pennsylvaniens für den Congreß, das amerikanische Gesammt-Parlament, gewählt, und begann so früh seine politische Laufbahn, die er bisher, mit geringen Unterbrechungen, nie wieder verließ. Erst 1831 trat er von seiner populären Congreßthätigkeit in’s Privatleben zurück, ward aber bald darauf vom General Jackson überredet, eine Mission an den Hof von Petersburg zu übernehmen, wofür er zum Mitglied des Senats und zweimal wieder für den Congreß gewählt ward. Im März 1845 zum Minister oder Staatssecretair erhoben, diente er Amerika vier Jahre in dieser Eigenschaft, worauf er wieder in’s Privatleben zurückkehrte, aber auch nur, um 1853 die Gesandtschaft für den Hof von St. James zu übernehmen. Unter dieser seiner letzten Thätigkeit entwickelten sich die Streitigkeiten Amerika’s mit England um Crampton’s geheime Werbeoffizierpfuscherei und Centralamerika. Er soll England gegenüber nicht energisch genug (Andere sagen: zu energisch) gehandelt haben, weshalb er vor einigen Monaten die Vertretung Amerika’s am Hofe Lord Palmerston’s aufgab, um sie einem wenn nicht klügeren, so doch einem feineren und würdigeren Herrn, George Mifflin Dallas zu übertragen.

Als dieser unlängst in einem mächtigen Dampfer zu Liverpool ankam, machten die Passagiere darauf große Augen. Der freundliche, vornehme alte Herr mit weißen Haaren war auf der Reise wie ein gewöhnlicher Kaufmann angesehen worden. Jetzt hieß es plötzlich: das ist Dallas, der neue amerikanische Gesandte. Hat er Frieden oder Krieg bei sich in der Tasche? – Beides, denn er brachte Instruktionen, welche die englische Diplomatie consequenter Weise zum Kriege genöthigt haben würde, die aber, da sie bestimmt und energisch waren, den Lord Palmerston und die Seinen sofort überzeugten, daß die amerikanische Regierung, [402] obgleich blos im schwarzen Leibrock auftretend, und selbst an Höfen der Uniformen keinen Staatsrock anziehend, sich durch den Heiligenschein, den Pomp und die Renommage der englischen Diplomaten nicht blenden und einschüchtern lasse.

Dallas, den 10. Juli 1792 geboren, ist Sohn des Schatzsekretairs Dallas unter Madison und machte eine ähnliche Carrière wie Buchanan. Jurist und Politiker, wie dieser, und ebenfalls Demokrat, wich er in seiner amtlichen Beschäftigung von demselben hauptsächtlich nur durch seinen Gesandtschaftsposten in Petersburg und seine Vice-Präsidentschaft der vereinigten Staaten (1844) ab. Im Uebrigen sind beide amerikanische Staatsmänner von ziemlich gleicher Richtung und Fassung, nur daß Dallas den Vorzug einer imponirenden, vornehmeren, klüger-gemessenen und deshalb energischeren Thätigkeit und Persönlichkeit vor dem Irländer Buchanan voraus hat.

Wir sind viel zu wenig mit den innern politischen Verhältnissen und Stimmungen Amerika’s bekannt, als daß wir genau angeben könnten, welchen speciellen Verdiensten letzterer seine Präsidentschafts-Candidatur verdanke. Wir geben die Physiognomien beider Männer eben nur als solche. So sehen die beiden Männer aus, welche Englands prahlerisches Kriegsgeschrei durch Einfachheit und Energie blamirten und die krim-gedemüthigte englische Diplomatie noch einmal demüthigten. Es sind die beiden bedeutungsvollen Köpfe, mit denen Amerika seine Überlegenheit über die diplomatischen der alten Welt überhaupt bewährte (nicht blos die Englands). Dabei hat das feiste Gesicht Buchanan’s vielleicht noch eine große Bedeutung für die nächsten Jahre, die wahrscheinlich tiefbrennende Lebensfragen Amerika’s und mittelbar auch unserer alten Welt entscheiden.




Spaziergänge auf dem Meeresboden.
(Von einer in England lebenden deutschen Dame.)
Erster Ausflug.

Wir befanden uns an der Südküste von Devonshire; die Ebbe war im Begriff einzutreten und wir dachten nicht daran, welch’ große Welt von Schöpfungswundern sie uns erschließen könnte, sondern schlenderten am Meeresufer, um uns die langwerdende Zeit zu vertreiben. Dieses eintönigen Lebens müde, klagten wir unsere Noth einem eben zu uns gekommenen Freunde, dem Dr. D… , und dieser kam unserm Gedächtniß zu Hülfe, indem er zu unserer großen Freude uns aufforderte, die Ebbe[1] zu benutzen und mit ihm ein Boot zu einer Fahrt auf dem Meere zu betreten, um die Schönheiten seines Grundes, die uns die hochgehenden Wogen verbergen, zu bewundern.

Wir hatten den folgenden Tag zu unserer Fahrt festgesetzt und bestiegen zur verabredeten Stunde mit zwei Ruderern ein schon für uns bereitstehendes Boot, indem wir uns den Befehlen des Steuermanns fügten. Die Wogen des Wassers waren lebhaft und so klar wie Krystall. Erde, See und Himmel schienen sich vereinigt zu haben, unser Vergnügen zu einem vollkommenen zu machen. Der schöne Strand, herrlich in seiner Sommerpracht, war nicht so weit von uns entfernt, daß wir nicht jeden einzelnen Baum und Masten wilder Blumen genau hätten unterscheiden können, während unser Boot nach Livermaid hinschoß, wo unser erster Landungsplatz sein sollte.

„Was sind dieses für Thierchen im Wasser, Herr Doctor?“ fragte eines der Mädchen.

Ein Ausruf allgemeinen Erstaunens war hörbar, indem wir über die eine Seite des Fahrzeuges in die See schauten. Wir sahen einen ungeheuern Schwarm von luftballonähnlich geformten Thierchen. Das Wasser um unser Boot herum war beinahe mit ihnen bedeckt; einige von 3–4 Zoll, andere nicht einen halben Zoll im Durchmesser. Sie sahen der Hälfte einer Scheibe ähnlich, waren von einer halbdurchsichtigen Substanz, auf der Mitte des Rückens mit einem schönen fliederfarbenen Kreuz, aus vier in der Mitte zusammenlaufenden Ringen bestehend, und sonst in verschiedenen Farben spielend. Die Schönheit der Farben war ausgezeichnet und deutlich zu unterscheiden, wenn das Geschöpf auf der Oberfläche des Wasses erschien und ruhig wieder unter dieselbe tauchte. Herr D. nahm eine halbdurchschnittene Glaskugel, tauchte dieselbe unter das Wasser und brachte ein Exemplar in vollkommen gutem Zustande zum Vorschein.

„Sie sind so zart und empfindlich,“ sagte er – indem er das Glas hoch hielt, um es in gleiche Richtung mit den Strahlen der Sonne zu bringen – „daß ich sie immer auf diese Weise fange, denn wollte man sie mit der Hand oder einem Netze fangen, würden sie jedesmal mehr oder weniger beschädigt. Auf diese Weise aber haben wir uns unserer Beute versichert, ohne sie mit etwas Anderem in Berührung zu bringen, als mit ihrem eignen Elemente.“

„Nun sagen Sie mir, ob Sie jemals ein Geschöpf von solcher Schönheit sahen? Wenn wir ein Ding hätten schaffen sollen, allen Stößen des Meeres ausgesetzt, wir würden nicht so etwas Zartes versucht haben. Seht, wie schön es für sein Element eingerichtet ist! Diese ausgezeichneten Bewegungen! Und wie es den Schwankungen des Wassers so geschickt nachgiebt!“

„Aber wie kommt es, Vater,“ fragte die kleine A., „daß wir nicht schon früher einige gesehen haben?“

„Der Grund davon ist,“ antwortete Herr D, „daß sie sich nur bei sehr ruhigem Wasser zeigen und bei unruhigem sich sofort unter die Meeresgewächse verbergen.“

Leser, wenn Du Dich noch niemals in einem Boote, inmitten einer Menge unterseeischer Felsen befunden hast, welche mit allerhand Seekraut dicht überwachsen, an einem Ufer, wo das Wasser sehr klar ist, so gebe ich Dir den Rath, es sobald als möglich zu thun. Schaue hinab in die Scene, welche sich Deinen Augen offenbaret. Nur zur Zeit der außerordentlichen Ebbe ist dieses unterseeische Schauspiel so schön, dann nur sind die Regionen der größern und verschiedenfarbigen Seegewächse dem Auge aufgedeckt. Schau über den Rand Deines Fahrzeuges in das tiefe klare Wasser, Du wirst einen Anblick haben, welcher Dich für die Mühe Deines Weges belohnt. Bist Du ein Dichter, es wird Dir neuen Stoff zu einer Schöpfung geben, welcher einer poetischen Steuer wohl werth ist. Hier fluthen ungeheuere Zweige viele Fuß lang und verhältnißmäßig breit, einige im tiefsten Olivengrün, andere im prachtvollsten Purpur und andere wiederum in jeder Schattirung von Braun und Roth; während einige darunter entweder von der Wirkung [403] des Lichtes oder von einer Decke von Pflanzenthieren, welche deren Oberfläche mit ihren ausgebreiteten feinen Tentakeln überziehen, so weiß wie Schnee aussehen. Da liegen sie flach und platt, ihre schönen Zweige und Aeste untereinander mischend; die lange Laminaria saccharina, mit ihren gleich Busenstreifen gekräuselten Rändern, alle in dem Wasser sich wiegend, und in unendlichen Bewegungen auf- und niedersteigend; aber Bewegungen so zierlich und würdevoll, daß sie den besten Eindruck der Beständigkeit machen, womit sie sich in ihren felsigen Betten hin- und herbewegen, und von der Festigkeit des Gefüges, sowie der Biegsamkeit des Baues, durch welchen sich diese Art Algen charakterisiren. Doch findet man hier nicht blos vegetabilisches Leben, zwischen den Seepflanzen schwimmen auch verschiedene kleine Fische und in- und außerhalb denselben wiegen und kriegen Dutzende von großen orangefarbenen Sternfischen (cribellae) herum. Auch Eremitenkrabben, in ihren geborgten Häusern, und wunderbare Seeanemonen, mit ihren tausendfarbigen Scheiben, ausgebreitet um kleine Krabben und Weichthiere zu fangen, welche alle in der Nähe herumschwimmen und dem schönen unterseeischen Schauspiel Leben und Abwechselung verleihen.

In diesem Augenblick streift der Kiel an den Grund des kleinen Bassins, in welchen unser Bootführer uns gefahren hatte, und zuerst an das Land springend half er uns Allen über den Rand der schlüpfrigen Seegewächse, welche unsern Landungsplatz bildeten. Sein Fahrzeug der Aufsicht eines Knaben übergebend, stand er mit Hammer und Meisel in der Hand, fertig, seinen Antheil an unsern Thaten zu nehmen.

Herr D., der Führer und Fürst unserer Expedition rief uns bald um einen der schönsten Fluthteiche zusammen.

Was sind Fluthteiche? Wie oft ist mir diese Frage vorgelegt worden! Jeder wird leicht einsehen, daß wo Erhöhungen auch Vertiefungen sind, und ebenso daß es Felsenarten von verschiedener Festigkeit gibt, so daß einige vom Wasser leichter abgerieben werden als andere. Der weichere Theil des Steines wird von den rastlosen Arbeiten des Wassers weggespült; dadurch bilden sich größere und kleinere Höhlen. Diese werden bei gewöhnlich hohem Wasserstande von der See bedeckt, und halten das Wasser, wenn die Fluth abgelaufen ist, zurück und sind folglich stets angefüllt. Wenn kein Sturm die Tiefe beunruhigt, ist das Wasser in diesen außerordentlich klar und durchsichtig. In diesen Lagunen hausen alle Arten von Uferthieren, beschützt durch die überhängenden Zweige der Seegewächse. Da sie immer unter Wasser sind, gehören sie oft zu den Arten, welche gewöhnlich nicht so nahe am Lande gefunden werden.

Ein Fluthteich ist eine tiefe, ovale, tassenförmige Höhlung, ungefähr 3 Fuß im weitesten Durchmesser und von derselben Tiefe und so schön von der Natur in Kalkfelsen eingehauen, mit einer so glatten Oberfläche, als ob sie von einem Steinhauer gearbeitet wäre.

Um den Rand herum wachsen Büschel der gewöhnlichen Koralle, welche eine weiße buschige Krause bilden, und ungefähr sechs Zoll in die Tiefe reichen. Einige Exemplare des blasigen Fucus findet man daselbst vereinzelt. Die gewölbten Vordertheile der schön geblätterten Laminaria, welche ich schon früher erwähnt, hingen ziemlich bis zum Boden hinunter, genau gleichend, ausgenommen in ihren braunen Farben, den mit Hirschzungenkraut überwachsenen Häufen, welche oft die Vorderseiten englischer Häuser zieren. Unter den Korallen findet man einige kleine rothe Seekräuter, wie z. B. Rhodomenia palmata und den dunkelrothen Chrondus crispus in schönen Büscheln wachsend, und einen stahlblauen regenbogenfarbenen Schein wiederspiegelnd. Alle die niedern Parthien der Seiten und des Bodens sind, mit Ausnahme von zwei oder drei kleinen Ulvas, ganz frei von Seekraut bis auf wenig überrindete Flecke des Korallengrundes. Die ganze Oberfläche des Felsens in diesen tiefen Theilen ist ganz klar, so daß uns nichts die Ansicht der Seeanemonen (actiniae), welche aus den Löchern hervorragen, stören kann. Sie breiten ihre runden Scheiben gleich flachen Blüthen aus, welche an der innern Fläche hängen. Es liegt etwas ungemein Reizendes in einem solchen Vivarium. Wenn ich an den felsigen Rand niederkniee und mein Gesicht an das Wasser bringe, wird das ganze Innere deutlich sichtbar. Die verschiedenen Formen und wunderschönen Farben der Seegewächse, vorzüglich des purpurfarbenen Chrondus, sind wohl der Bewunderung werth, und kann ich die kleinen Seeheuschrecken und andere Crustacea geschäftig von Gewächs zu Gewächs schwimmen sehen, oder wie sie ihren instinktartigen Bewegungen unter den Zweigen – wahre Wälder für sie – folgen. Kleine Fische, zu dem Geschlecht der Meerquappen gehörend, verbergen sich unter dem Schatten der Büschel, oder schießen zuweilen mit zitterndem Schwänze hervor. Ein oder zwei zartgeformte Sterne kriechen vermittelst ihrer langen und biegsamen Arme bedächtig herum, und zwar in einer Weise, die eine lächerliche Karrikatur eines mit Händen und Füßen in die Höhe kletternden Menschen darstellt; nur muß man sich einen von dem Scheitel des Kopfes herausgewachsenen Arm hinzudenken.

Dies ist das treue Bild eines dieser Fluthteiche, welche sich durch Abreibung des Wassers in den festen Felsen unter dem Meere bilden. Andere Vertiefungen zwischen den Felsen sind abschüssig und die Lagunen in vielen Fällen von 20–30 Fuß im Durchschnitt und nicht so tief im Verhältniß. Es war eine von letzteren, an welche Herr D. die ganze Gesellschaft rief. Eine unvergeßlich schöne, zauberhafte Scene. Ungeheuere Wälder jener großen schlüpfrigen, braunen Seegewächse, deren lederartige Zweige hier und da an das Ufer geworfen werden, standen an den Seiten der Vertiefung aufgerichtet, welche ungefähr halb voll des klarsten Wassers war und sich ganz bis an das Meer hinaus erstreckte, theilweis ganze Morgen von Felsen über den außerordentlichen niedern Wasserstand bedeckend. Die Vertiefungen an den Seiten bis in die Tiefe dicht mit allerhand marinevegetabilischer Stickerei und Häkelei von den verschiedensten Farben und Schattirungen umfranzt, z. B. der Cystoseira ericoides, prangend und schillernd in jeder Farbe des Regenbogens. Während wir hin- und hergingen, spielten die Farben von Lila in Erbsengrau, von Blau zu Braun und Gelb, je nachdem sich die Sonnenstrahlen an ihnen brachen. Es war eine dicke, fleischige Pflanze, welche diese brillante Wirkung hervorbrachte. Natürlich ließen wir es uns angelegen sein, mit unsern Hakenstöcken schöne Zweige herauszufischen; aber in dem Augenblicke, als sie aus dem Wasser herausgenommen waren, verschwanden alle deren herrliche Farbentinten, und wir fanden nichts als ein dunkles Gewirr von leblosem, grünbräunlich aussehendem Gras.

„Das schadet nicht,“ sagte Herr D, „thut es nur in diesen mit Wasser gefüllten Glastopf.“ Dies geschah. In dem Augenblick, wo sich das klare Wasser darüber schloß, kehrten alle seine herrlichen Farben wieder, so voll und schön wie vorher. „Lege es zu den andern Gegenständen, und wir werden uns zur Zeit damit unterhalten,“ befahl Herr D. der kleinen A. „Nun, Kinder, wo könnt Ihr Saphire finden, welche so schön wie diese glänzen?“ auf einen Bündel dunkler Seegewächse deutend, welche aussahen, wie Bäume in Aladin’s Garten mit Edelsteinen behangen.

„Was ist dies, Herr D.?“ fragte Fräulein C. „Sind dies lebende Geschöpfe?“

„Nein, mein Fräulein, dies ist nur eine Wirkung des Lichtes an den Blättern des Seegrases. Das ist der Chrondus crispus und der Effect der Erscheinung ist nicht so vorübergehend, als bei den andern Seegewächsen; denn seht,“ sagte er, indem er sich über den Rand des Teiches lehnte, seinen Arm entblößte und ein Gebund der schönen flimmernden Edelsteine aus dem Wasser zog. Unsere Saphire blieben beinahe so schön wie vorher, und behielten ihren schönen metallischen Glanz wie im Wasser, bis das Gras ziemlich ganz abgestorben war.

Nachdem wir die verschiedensten Sachen zu unsern Studien gesammelt hatten und bemerkten, daß die Fluth langsam gegen uns herangekrochen kam, verließen wir diesen schönen Platz, und uns in kleine Gruppen theilend, fingen wir an, die Löcher und Felsen zu untersuchen. Steine wurden umgewandt, um zu sehen, ob ein Geschöpf Schutz unter denselben gesucht; Andere schlugen fleißig Stücken von den Felsen mit ihren Korallen, in der Hoffnung, einige von den delicaten Pflanzenthieren darunter zu finden, um dieselben mit Muße prüfen zu können, bis Herr D. die ganze Gesellschaft wieder zusammenrief, um in das Boot bis zur nächsten Bucht zu fahren. Drei von uns – von denen ich eine war – entdeckten, daß wir abgesondert waren. Wir hatten jedoch Muth genug, durch das Wasser zu waden und uns der Hauptgesellschaft im Boot anzuschließen. Da Salzwasser selten oder niemals erkältet, hatten wir unseres Naßwerdens wegen nichts zu befürchten.

[404] Wir fanden einige, von den ungeheuern lederartigen Zweigen der Laminaria digitata, mit ganz vorzüglich kleinen Muscheln besetzt; sie hängen mit ihren kleinen, gelblich weißen, dreifachen, sehr tief blaugestreiften Schaalen an ihnen, wie in gegliederten Ketten. Keins dieser lieblichen Thiere war größer, als ungefähr 1/6 Zoll in Länge und 1/8 Zoll in Breite. Sie lebten einige Tage in dem mit Wasser angefüllten Glase, in welches wir sie gethan hatten, und zeigten ihren kleinen, zarten, weißen Körper, und Fühlfäden (antennae), wenn sie an der Seite des durchsichtigen Gefäßes hingen. Ich hätte sie für eine Patella pellucida gehalten, wenn sie nicht zu klein gewesen wären; aber Kapitain Browns’ Muschellehre zu Folge, sind diese einen Zoll lang, und habe ich niemals Muscheln gefunden, welche meinen kleinen Lieblingen im geringsten geähnelt hätten.

„Nun, meine Freundinnen, will ich Euch benachrichtigen,“ sagte Madame D., „daß wir beim nächsten Landen nachsehen müssen, was unsere Körbe enthalten, damit wir unser Mittagsmahl halten können.“

„Auf jeden Fall,“ erwiederte Herr D., „denn ich bin hungrig wie eine Krappe. Sie wissen, meine Damen, Derartiges verliert die Hälfte der Schönheit, wenn Zeit und Platz nicht gehalten werden. Ich denke, unser nächster Landungsplatz soll hinter dem Brückenpfeiler zu Paington sein. Wir finden dort einige uns schützende Klippen. Ich schlage vor, daß wir dahin gehen, essen und trinken. Die, welche müde sind, mögen ruhen, während ich mit Hammer und Meisel einen neuen Angriff auf die Felsen mache, und einige von den großen Seeanemonen abzuschlagen suche. Diese sollten jederzeit mit Felsen und Allem abgelöst werden, denn wenn man sie lostrennt, beschädigt man sicher ihre Saugbasis, und ist die Haut davon gebrochen, so ist unsere Actinia crassicornis bald nichts mehr als ein Häufchen Verwesung, denn das beschädigte Stück löst sich ab und das Geschöpf bricht in Stücken. Es sind prachtvolle Schönheiten, wenn in gutem Zustande, demohngeachtet wünschte ich ein oder zwei purpurfarbene und einige von den scharlachnen und weißen Abarten zu besitzen. Nun, Kinder und Damen, springt an’s Land, wo möglich mit trockenen Füßen.“

Wir landeten und versammelten uns unter dem Schatten der Klippe, fielen ernstlich über unser Mittagsessen her, und mit solchem Appetit, wie ihn nur Ausflüge am Seeufer hervorbringen können. –




Bilder aus Kansas.
(Nach dem Briefe eines deutschen Pioniers aus Cincinnati.)
Kansas und seine Einverleibung. – Größe und Ausbreitung. – Eine Stadt ohne Häuser und Straßen. – Ein Schlafzimmer ohne Wände. – Landschaftliche Bilder. – Civilisations-Grausamkeit. – Geschichte des „jungen Adlers“ und des „Wolfes.“ – Das Haus eines Literaten. – Die große Lebensfrage Amerika’s.

Der Krieg Englands mit Amerika hat, wie es scheint, ein Ende, ohne angefangen zu haben; aber der Bruderkrieg in Amerika beruht auf keiner Diplomatenmogelei und entwickelt sich substantiell aus feindlichen moralischen und socialen Interessen. Es ist der Krieg zwischen dem Norden und Süden, zwischen den Abolitionisten und Sklavenhaltern, der Baumwollen- und Zuckeraristokratie des Südens mit der stand- und klassenlos gemischten, handelnden und speculirenden Bevölkerung der ungeheuern Küste, die ihre mit Städten und Schiffsmastwäldern bedeckten Gestade der alten Welt zukehrt. Der Widerspruch und die Krisis zwischen dem Norden und Süden ist so groß, daß man längst behauptet, der Kampf könne blos in einer politischen Trennung der beiden Staatengruppen, in einer Auflösung der Union sein Ende finden. Begonnen hat der Kampf thatsächlich, begonnen hat die Auflösung wirklich. Die Gewißheit, mit der man auf die Wahl des ehemaligen amerikanischen Gesandten in England, Buchanan’s, eines Sklavereiprotectors und Demokraten, zum Präsidenten der vereinigten Staaten blickt, bringt die Krisis wahrscheinlich zum Kriege. Der eigentliche Kriegsschauplatz dieser beiden feindlichen Elemente streckt und breitet sich jetzt in gelinder Unendlichkeit im fernen Westen, dem neuen Einzelstaate der amerikanischen Republiken, Kansas.

Die Art und Weise, wie die Einverleibung dieser ungeheuren Ländermasse in die amerikanische Union bestimmt ward, brachte die lange vorbereitete Krisis zwischen dem Norden und Süden zum Ausbruch und ist schon in sich selbst ein Anfang der Auflösung. Die südlichen Sklavenstaaten sahen in Kansas ein unendlich weites, neues Feld zur Ausbreitung ihrer Sklavenställe. Der Norden marschirte zu Tausenden in diese große, blühende Wildniß, um sie den Sklavenhaltern streitig zu machen und für die gleiche Berechtigung aller Menschen und Farben zu gewinnen. Beide Parteien entwickelten gleich vom ersten Anfange den größten Eifer, da das Aktenstück, welches Kansas zu einem Staate der Union machte, die Bestimmung enthielt, daß er ein Sklaven- oder freier Staat, je nach der Majorität der Bewohner werden sollte. Diese Bestimmung lief gegen das Staatsgrundgesetz der Union. Wenigstens ist die sogenannte „Missuri-Vereinbarung“ (Missouri compromise) als ein Theil desselben zu betrachten. Diese Vereinbarung bestimmt nämlich, daß die Sklaverei nie über 36° 30’ nördlicher Breite und westlich über den Missuri ausgedehnt werden dürfe. Das Kansas-Territorium liegt aber weit über diese Grenzen hinaus. Wenn nun, wie es bis jetzt scheint, die Sklaveninteressenten in Kansas als Majorität den Ausschlag geben, ist der erste Schritt zur Auflösung der Union geschehen, gesetzlich-ungesetzlich gethan; denn sowohl das Missuri-Compromiß als die Bestimmung, daß Sklaverei oder Freiheit in Kansas von der Abstimmung der Bewohner abhängen solle, sind Akte des Congresses.

So wird das ungeheure Kansas-Territoriun, jetzt schon der eigentliche Kriegsschauplatz des Fundamentalzwiespalts der vereinigten Staaten, ein immer größeres historisches Interesse gewinnen. Auch abgesehen davon ist es als ein neues Stück Erde der neuen Welt, als blühende Wildniß eine erfrischende Neuigkeit, die ihre endlosen hügeligen Prairien- und Wälderdüfte erquickend herübersendet bis zwischen unsere polizeilichen Warnungstafeln, die jeden Graben und Feldweg, jedes Gräschen und Hälmchen unter Aufsicht und „in Ordnung“ halten.

Kansas dehnt sich von den Ufern des Missuri westlich bis Neu-Mexiko und Utah, den Schluchten und Abgründen der großen Felsenberge und von Texas und den indianischen Ländereien nördlich bis Nebraska, einer Art von zweitem Kansas, aus. Der östliche oder Missuri-Theil von Kansas umfaßt etwa 50,000 englische Quadratmeilen welligen, wohligen, üppigen Landes. In der Mitte dehnen sich endlose Weiden und Wiesen und im Westen schlummern unter Waldbergen unschätzbare Kohlen- und Mineralschätze. Das ganze Kansas-Territorium bedeckt einen Flächenraum von 120,000 englischen Geviertmeilen, die beinahe zu 130,000 werden, wenn man die wirkliche Oberfläche mißt. Diese besteht oft Hunderte von Meilen weit und breit in einem festgewordenen Gewoge von blühenden Thälern und Bergen, die also auf derselben geographischen Oberfläche viel mehr Terrain geben, als wenn berechnet nach der bloßen ebenen Ausdehnung. Ein Weg, der durch das Thor führt, ist allemal kürzer, als der, welcher uns nöthigt, über dasselbe hinwegzuklettern. Das Kansas-Territorium besteht aber zum größeren Theile aus solchen geschlossenen Thoren und Hügelwellen.

Bei der Unkenntniß, welche bis jetzt noch diese ungemessene künftige Welt verschließt, wäre damit vorläufig für eine Schilderung noch nicht viel anzufangen. Glücklicher Weise aber kam uns der Brief eines Deutschen in die Hand, der die Missionäre des Kansas-Vereins von Cincinnati, die Herren Boynton und Mason, auf ihrer Expedition zur Untersuchung des Landes und zur Organisirung des Widerstandes gegen die Sklavenhalterinteressen, 1854 und 1855 begleitete und einige interessante Detailschilderungen bietet.

Zuerst kamen die Missionäre der Freiheit von Missuri aus [405] durch ein Labyrinth der blühendsten Wildniß, die noch von keiner Civilisation berührt war, und dann in eine der originellen Uranfänge von Städten, die in Amerika unter dem Namen Squatter-Cities, Ansiedler-Städte, eine so merkwürdige Rolle spielen. Eine Squatter-City hat durchaus keine Aehnlichkeit mit andern Städten, sie ist nur der Embryo, die Chrysolide derselben: eine Stadt ohne Häuser, eine Stadt ohne Straßen, eine Stadt, wo noch nichts steht, eine Stelle, wo Wanderer und Pioniere Rasttag hielten und sagten: hier laßt uns Hütten bauen, hier laßt uns den Grundstein zu einer Stadt legen, die in 50 Jahren eine halbe Million Einwohner haben mag. Die Squatter-City, in welche unser Freund mit den Kansas-Verein-Bevollmächtigten kam, war schon getauft worden. Sie heißt Leavenworth und soll die künftige Hauptstadt von Kansas werden. Das erste Gebäude der Stadt war eine nackte Dampfmaschine, auf dem Grase unter freiem Himmel sich zunächst ihre eigenen Kleider aus dem Urwalde heraussägend. „Eine neugeborne, nackte Dampfmaschine“, sagt unser Freund, „aber schon in Arbeit, um sich Kleider zu sägen und sich unter Dach und Fach zu bringen.“ Die nächsten andern Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt bestanden aus vier Zelten, einem Fasse Branntwein oder Wasser unter einem Baume, einem Feuer mit einem Kessel an einer Stange darüber, und einer Druckerei im Freien mit einem Setzer, der eben damit beschäftigt war, die erste Nummer einer Zeitung zu vollenden. Sein Setzkasten ruhte auf vier Pfählen in die Erde getrieben, seine Druckerei stand in freier Luft ohne irgend eine Spur von vier Pfählen mit Wand, aber das Dach war desto prächtiger. Es bestand aus einer dichten, weiten, schattigen Baumkrone. – Als wir zurückkehrten, sah ich mich zuerst nach der Druckerei und dem Redaktionslokal der neuen Kansas-Hauptstadt-Zeitung um, fand aber blos einen Zettel am Baume, welcher meldete, daß Druckerei und Redaktion der Zeitung von „unter dem großen Ulmenbaume“ nach der Ecke von Broadway (des breiten Weges) verlegt worden sei. Broadway, Name der stolzesten, breitesten Straße von New-York, war in Leavenworth viel breiter, als irgend eine Straße der Welt, breiter und länger, als irgend eine Straße oder ein Stadttheil von London. Sie hatte keinen Anfang und kein Ende, die ganze Straße zeichnete sich dadurch aus, daß nirgend eine Spur von einem Hause zu entdecken war. Man dachte nur, daß „breiter Weg“ der beste Name für die Stelle sei, wo die wenigsten Bäume und Unebenheiten den Verkehr der Squatters störten und wo später vielleicht sich Hunderte stolzer Paläste in granitnen und marmornen Kolossen und in flimmernden Doppelreihen ansehen. Auch in seiner neuen Wohnung lebte der Redakteur, Eigenthümer, Setzer, Drucker und einzige „Mitarbeiter“ der Kansas-Staatszeitung noch sehr simpel und gemüthlich. Die ganzen Lokalitäten bestanden aus einem Hause ohne alle Wände, aber wieder einem desto majestätischeren Dache, einer Urwaldsbaumkrone. Sprechzimmer, Schlafstelle u. s. w. des Redakteurs war unter dem Setzkasten mit vier Pfählen, aber ohne vier Wände.

Merkwürdig, diese modernen Uranfänge der Civilisation! Früher bedurfte es Jahrtausende langer Entwickelungen, ehe man zur Presse kam. Jetzt fängt sie gleich mit dem Falle des ersten Baumes, mit der steigenden Rauchsäule des ersten Kochfeuers zu arbeiten an, wie der Dampf, dieser Dämon der riesigsten, modernsten Kultur-Revolution. So steigen in Amerika in wenigen Wochen, als früher Jahrzehende dazu gehörten, Städte aus dem Urwalde empor mit Dampfmaschinen, Pressen, Freiheiten, von denen die Bewohner alter deutscher Städte heimlich als von einer fernen Zukunft träumen, als den ersten Begründern dieser neuen Siedelungen.

Gleich auf den ersten Wanderungen durch Kansas kamen unsere Reisenden in Gemälde und Landschaftsbilder hinein, neu und abwechselnd in jedem Momente und schon in jeder Wendung, wie wir’s früher nicht für möglich gehalten. Niemand kann sich eine Vorstellung von den Kansas-Prairieen machen, der etwa die von Indiana oder Illinois gesehen, wie auch Leute aus Iowa behaupten, daß keine Art von Prairieen in der Welt zu einer Vorstellung der ihres Landes führen könne. Es fehlt die Majestät der Gebirge und großer Flüsse und Seen. Es fehlt an Farbeneffecten.

Keine Spur von menschlicher Thätigkeit und Ansiedelung, als ein nur schwer zu entdeckendes Indianerdorf, aber Alles trug das Gepräge der höchsten Landschaftskultur oder sah aus, als wäre die ausgesuchteste Landschaft eines Malers in Fleisch und Blut umgewandelt worden. Die grünen Wiesen und Weideplätze dehnten sich über die äußersten Grenzen der schärfsten Sehweite aus. Aus dieser saftigen, neue Lebenskraft athmenden Unendlichkeit erhoben sich in malerischer Unordnung und Gruppirung Gartenanlagen und Haine und Parks, deren unendlicher Reiz uns unbewußt, wohl darin bestand, daß sie dem Charakter der unberührten Schöpfung der Natur das Gepräge der höchsten Kultur von Lust-, Küchen- und Obstgärten, von aristokratischen Parks und Lusthainen aufdrückten und so zwei entgegengesetzte landschaftliche Stimmungen vereinigten, nicht minder in den graziösen Linien und Schönheitswellen der Hügel und Höhen, die sich zu beiden Seiten in’s Unendliche hin schlängeln, hier kühn und muthwillig, dort sanft und fließend, aber stets in wunderbarer Harmonie zu der üppigen Ruhe und Heiterkeit des Thales.

Der allgemeine Charakter der Oberfläche von Kansas ist Hochprairie, welliges, endloses Tafelland mit Hauptneigungen in südlicher und südöstlicher Richtung, im Einzelnen aus einer Fülle von Gestaltungen und Formen, die vereinigt und in Harmonie gebracht durch rundliche, fließende Grenzlinien, ihren ewigen, frischen Reiz in diesem Geheimniß der größten Einfachheit der Grundformen bei unendlichem Reichthume der Variationen dieses einfachen Thema’s zugleich verhüllen und entfalten. Kegelförmige Höhen steigen manchmal bis etwa hundert Fuß, wie vom Mathematiker gezeichnet, über das untere blühende Wellensystem empor. Einige davon sieht man am klaren Horizonte über 100 englische Meilen weit. Sie bilden ruhige Anhaltpunkte für das sich weidende Auge. Daneben bieten hohe Flußufer mit oft seltsam steil emporsteigenden Wänden unermeßlichen Spielraum für die Phantasie, der diese Wände und Wälle bald wie riesige Festungswerke und Thürme mit Parapeten und Armeen, bald wie das Aufschimmern ferner, volkreicher Städte erscheinen läßt. Zuweilen senkt sich die Prairie sanft aus dem Flusse hinunter in Abhängen von mehrmeiliger Breite, auf denen sich der zukunftoffene Blick unwillkürlich Reihen der schönsten, blühendsten Meiereien, Dörfer und Städte ausmalt. Sie sind dazu wie geschaffen. Wie oft habe ich gedacht, sie seien schon da. Sah ich doch die Gärten, Wiesen und Weiden derselben. O es ist eine seltsame, träumerische, mystische Erinnerung! Wie heimlich und heimathlich lächelten uns oft endlose Ausdehnungen an. Und wie wehmüthig und unheimlich überrieselte es mich, wenn wir Tage lang, Wochen lang in allen diesen üppigen, gemüthlichen Thälern und hinter diesen schönen Hügelwellen niemals einem lebenden Wesen begegneten und ich mich unwillkürlich in das künftige Jahrhundert versetzte, in welchem hier vielleicht Millionen freudiger, rühriger, wohlhabender Menschen aufwimmeln; wie ich mich niemals des Gedankens erwehren konnte, daß hier einst ein zahlreiches, gebildetes Menschengeschlecht gelebt und diese schöne Natur cultivirt und genossen haben müsse.

Am „großen Blauen“, wie die Indianer einen Hauptnebenfluß des Kansasstromes nennen, zwischen Lusthainen und Grotten auf beiden Seiten, unter dem süßen Gezwitscher der Vögel, zwischen denen Eichhörnchen lustig umherspringen und Nüsse fallen lassen, dicht neben Wachteln und Prairiehühnern, die aus Buschwerk hervorlaufend neugierig und furchtlos die niegesehene Menschengestalt anstaunen, war es mir oft trotz unzähliger Täuschungen, als müßt’ ich plötzlich zwischen Gärten und Kornfelder treten und freundliche Villen und Dörfer finden mit spielenden Kindern vor den Thüren und Rauchwolken aus den Schornsteinen und einem Zifferblatte am Kirchthurme und Glockengeläute zu abendlicher Ruhe. Aber Leute und Häuser und Tempel und Kornfelder sind verschwunden. Durch die üppige, vereinsamte Natur schweifen nur noch einzelne dünne Stämme eines untergegangenen hochkultivirten Geschlechts, das einst diese Bergkegel und Festungswälle baute, furchtbar den Feinden und streng in häuslichen Sitten und Gewohnheiten, wie man aus denen der noch lebenden Indianer schließen muß. Ah, was für Reiter und Ritter sind sie jetzt noch.

Der Kansas-Indianer reitet in einem Zirkel um seinen Feind, nach Außen auf seinem Pferde liegend, mit dem linken Fuße sich am Rücken desselben festhaltend, mit dem linken Arme des Pferdes Hals umspannend und den Bogen haltend. So im Zirkel reitend und geschützt vor dem Feinde [406] durch das Pferd, schießt er Dutzende von Pfeilen unter dem Halse des Pferdes hervor auf die Feinde, die außerdem durch furchtbares Gellen und Schreien verwirrt diesem Pfeilregen wehrlos unterliegen. Am unerbittlichsten und wüthendsten sind sie gegen die Weißen, in denen sie ihren Untergang ahnen und welche in großen Wanderschaaren nach Californien ziehend den Besteuerungstrieb dieser Eingebornen in der Regel im kürzesten Prozeß kühlen. Der in civilisirten Ländern organisirte Eingangs- und Durchgangszoll wird blos entrichtet, weil die einzelnen Kauf- und Handelsleute zu schwach sind, sich gegen diese organisirten Angriffe auf ihr Eigenthum zu wehren. Den Indianern gestehen die starkbewaffneten Californien-Wanderer dieses Durchgangszollrecht nicht zu und schlagen es deshalb zurück, wie sie können, z. B. auf folgende Weise.

„Ein langer Californien-Zug von Wagen, Reitern, Ochsen, Mauleseln und Menschen kam eines Morgens in der Gegend der Pawnee’s (wie die Kansas-Indianer heißen) vorn in’s Stocken, so daß die Nachzügler bald näher kamen. Bald verbreitete sich die Nachricht durch die ganze Länge des Zugs, daß eine Heerde Pawnee’s die Weiterreise nur unter der Bedingung eines Tributs an Vieh gestatten wollten. Alle Bewaffneten eilten mit ihren Büchsen herbei und bildeten so in kurzer Zeit den Indianern gegenüber eine respectable, geschlossene Macht. Die Pawnee’s, um ihren Häuptling versammelt, forderten eine Abgabe. Sie ward barsch verweigert und ihnen befohlen, sich zu entfernen. Dies thaten sie auch, mit Ausnahme des Häuptlings, der sich stolz näherte und die Fliehenden zurückzurufen versuchte. Er fiel sofort von 15 Kugeln durchbohrt. Von den Fliehenden fielen über funfzig und selbst die, welche durch den benachbarten Platte-Fluß zu entkommen suchten, wurden noch zum Theil im Wasser erschossen.“

Eine muthwillige, ekelhafte Grausamkeit der Civilisation gegen die Barbarei, die wenigstens in diesem Falle nicht viel besser, als in der Form eines Bettlers auftrat. Außerdem glaubten sie wohl ein Recht auf Durchgangsabgabe zu besitzen, aber da sie dieses Recht nicht weiter geltend machten, warum Fliehende erschießen?

Das Leben und die sittliche Anschauungsweise der Pawnee’s tritt in ganzer Eigenthümlichkeit drastisch und dramatisch aus folgendem Erlebniß unseres Freundes hervor. Er erzählt es in seinem Briefe ausführlich. Wir geben es in den wesentlichsten Zügen.

„Am Fuße eines jener Kegel-Berge, welche das Land charakterisiren, lebte ein Häuptling mit seiner jungen, schönen, edelherzigen Tochter, um deren Gunst die tapfersten und kühnsten Jünglinge eiferten. Sie ward bald von dem „jungen Adler“ gewonnen, dem sie auch in treuherziger Offenheit das Geheimniß ihres Herzens offenbarte, wie sie gegen die andern Bewerber kein Hehl davon machte. Unter Letzteren fühlte der „raubende Wolf“ den Stachel der Eifersucht und Rache am tiefsten, und schärfsten; aber er ging schweigend und finster um den „jungen Adler“, mit welchem er oft auf der Buffalo-Jagd freundschaftlich gewetteifert, und gab seinem Groll unter finsterer Braue keine Worte. Der junge Adler und seine Braut trafen sich oft an hellen Mondabenden auf dem Berge, um sich ihres Herzensglückes ungestört zu freuen. Eine Seite des Berges ist 30 – 40 Fuß hoch beinahe perpendiculär aufsteigende Felswand. An deren Rande oben zieht sich ein Fußweg mit einigen Sandsteinblöcken hin. Auf einem derselben saß der junge Adler mit einem Revolver, dem theuer erkauften Artikel von einem Weißen, denn er war vor dem „raubenden Wolfe“ öfter gewarnt worden. Er wartete auf seine Taube. Plötzlich raschelte es in den Büschen hinter ihm. Er sprang freudig auf. Statt der strahlenden Augen seiner Taube aber blitzte ein Tomahawk im Mondschein vor seinen Augen. Die Blicke der Feinde verdunkelten den sanften Strahl des Mondes.

Sie rangen auf Leben und Tod am Abgrunde, wobei sich der Griff des Tomahawk im Gürtel des „Wolfes“ umdrehte, so daß er ihn mit dem gewohnten Griff nicht zog, und der junge Adler sofort mit der freigewordenen Hand seinen Revolver in das Herz des Feindes abdrückte. Mit einem Augenblitze des brennendsten Hasses sank er zusammen und ward von dem Sieger den steilen Abhang hinuntergestürzt, wobei er alle Schüsse des Revolvers ihm nachfeuerte. Noch nicht gesättigt in seiner Rache stieg er hinunter und zog dem Gefallenen die Kopfhaut ab.

„Jetzt erhob sich die Rachepflicht der Familie des Gefallenen vor ihm. Der Sitte seines Stammes gemäß mußten die Angehörigen des Gemordeten dessen Blut am Mörder rächen. Gelang es dem Letzteren, den Rächern beim ersten Angriffe lebendig zu entkommen, stand es diesen frei, eine Buße, ein Lösegeld von ihm anzunehmen. Der Adler nahm also seine Stellung auf der Spitze des Berges zwischen Gebüsch, wo er, verborgen, jeden Nahenden sehen konnte. Seine Waffen, sein Muth, ein scharfer, kluger Hund und die Liebe seiner Braut waren seine Verbündeten. Der Bruder des „Wolfes“ schlich sich Tag und Nacht um die Festung des Adlers, aber er konnte sich nicht nähern, ohne von dem Hunde schon in der Ferne angemeldet zu werden. So verfiel er endlich auf eine List. Er studirte Gang, Mienen und Kleidung des jungen Weibes seines Feindes, das ihm alle Tage Nahrung und Trost hinaufbrachte, und in Nachahmung und Kleidung dieses Weibes gelang es ihm eines Nachts, sich dem Adler bis auf wenige Schritte zu nähern, ehe der Hund sein freudiges Wedeln plötzlich in das fürchterlichste Gebell der Wuth verwandelte, ihn bei dem Halse packte und niederwarf. Der junge Adler entwaffnete seinen Feind und band ihn. Aber von einem Gefühle der Großmuth ergriffen, gab er ihm Waffen und Freiheit wieder und stellte sich den folgenden Tag dem Gerichte seines Stammes. Dieses versammelte sich auf einer großen Ebene in der Mitte unzähliger Zeugen. Der „Adler“ ward unbewaffnet hereingeführt. Neben ihn legte der Richter ein Messer, mit welchem er von Rechtswegen erstochen werden sollte, wenn das von ihm gebotene Lösegeld nicht angenommen ward. Neben ihm saß sein schönes Weib, Hand in Hand mit ihm. Ihnen gegenüber dicht vor dem Messer nahm die Familie des erschlagenen Wolfes ihre Sitze, mit dem alten Vater an der Spitze. Es ward eine rothe Decke über den Boden ausgebreitet, Zeichen, daß noch ungesöhntes Blut vergossen, darüber eine reine blaue, Zeichen der Hoffnung, daß das Blut möge ausgewaschen werden im Himmel und vergeben, darüber eine reine weiße, Zeichen des Wunsches, daß weder im Himmel noch auf Erden ein Flecken Blut unausgetilgt bleiben und solch’ ein Flecken überall vergeben und vergessen werden möge. Der Aelteste des Stammes sprach diese Worte, während die rothe, die blaue und die weiße Decke über einander auf dem grünen Rasen ausgebreitet wurden.

„Die vielen Freunde des jungen Adlers häuften Sühnegaben auf diesen Decken vor den Augen des Vaters des Ermordeten. Er betrachtete sie schweigend und ruhte dann mit stechenden Augen auf dem blitzenden Messer. Das schöne Weib des Adlers schlang ihre Arme um den Gatten und sah fest und mit stummer, vorwurfsvoller Bitte in das Gesicht des Alten, der seine nach dem Messer ausgestreckte Hand zurückzog, als er diesem schönen Frauenblick begegnete. Wie viele Männer würden in ihrem Rathe die Hand vom zweischneidigen „Gesetze“ zurückziehen, wenn edler, weicher, strafender Frauenblick ihr kaltes Auge träfe! Die Lippen des Alten zitterten, eine Thräne trat in sein Auge. „Vater“, rief jetzt der Sohn, „er schenkte mir das Leben, das in seiner Gewalt war!“ Der Alte verhüllte sein Gesicht. „Ich nehme die Sühnegaben an“, rief er; „das Blut meines Sohnes ist weggewaschen. Ich sehe keine Blutflecken mehr auf der Hand des Adlers und er soll an der Stelle meines Sohnes sein.“

Das junge schöne Weib umfaßte dankend die Knie des Häuptlings. –

Das Innere von Kansas gehört zur großen amerikanischen Wüste, die sich 250 Meilen breit zwischen den westlichen und östlichen Staaten dehnt, aber der zu Kansas gehörige Theil ist reich an herrlichen Oasen, wie unser Freund aus eigener Anschauung versichert, und dadurch den Angaben aller frühern Autoritäten entgegentritt. Diese Oasen sind aber noch ganz unbewohnt, und selbst die entzückendsten, üppigsten Theile hatten zu Ende des Jahres 1854 nur erst eine sehr dünne Bevölkerung und 50 bis 103 Meilen auseinander liegende kleine Ansiedelungen und Squatter-Cities. Wie sich einzelne Familien dort einrichteten, davon gab ein gebildeter Literat mit seiner aus den feinsten Cirkeln Ohio’s entführten Frau ein hübsches Musterbild.

„Einige Meilen hinter Tecumseh, einer indianisch-anglosächsischen Misch-Ansiedelung, erreichten wir das Haus eines Literaten, dessen „Briefe aus Kansas“ in amerikanischen Zeitungen viel Aufsehen erregen. Wir fanden blos seine Frau zu Hause, d. h. [407] in einem Hause ohne Fußboden, ohne Thür, ohne Fenster und ohne Dach. Bloße Wände von Brettern mit einigen Oeffnungen und Stangen darüber, welche Prairiegras als Dach trugen. Unter dieser Decke standen ein Bett, einige Haus- und Küchengeräthe, ein Tisch und eine Kommode. Das war die Heimath eines gebildeten Kansas-Pioniers und seiner feinen Dame. Beide hatten die Freuden und Leiden der Civilisation freudig aufgegeben, um freudig an dem großen Kampfe für die Freiheit gegen die Sklavenhalter-Aristokratie Theil zu nehmen.“

Nach den letzten Nachrichten war das ganze Kansas-Territorium in einem Zustande, nach welchem der Ausbruch eines Bürger- und Prinzipienkrieges unvermeidlich erschien. Wir werden also wohl mehr davon hören, und haben deshalb die Aufmerksamkeit zu guter Zeit auf jene neue Welt des innern Westens gezogen. Die beiden Parteien waren schon zu einigen Collisionen mit Waffen gekommen. Die große, bewaffnete Lebensfrage Amerika’s hat sich inzwischen auch über andere Länder der vereinigten Staaten ausgebreitet. Wer kann sagen, wie der Bürger- und Prinzipienkrieg auslaufen wird? Wenn die Wahl Buchanan’s zum Präsidenten durchgesetzt wird, mögen die Knownothings und die Aristokraten, Offiziere und Vornehmen, welche alle aus den Familien der Sklavenbesitzer stammen, sich des Sieges rühmen, aber eines Sieges, für welchen Amerika vielleicht mit dem Verluste seiner ganzen politischen Formation wird büßen müssen.




Scenen aus den Ueberschwemmungen im südlichen Frankreich.

Ein großer Theil des warmen, südlichen Frankreich ist binnen weniger Maitage dieses Jahres in einen ungeheuern Sumpf voller Ruinen und Leichen, in ein todtes Sandmeer, dessen fest gewordene Wogen unzählige Grabhügel bilden, Meere goldener Halme, saftig grüne Weinberge in Ebenen stinkender Verwesung, lachendes Leben in jammervollsten Tod verwandelt worden. Umfang und Größe dieser Naturtragödie sind fast ohne Gleichen in der Geschichte der Überschwemmungen, welche man gewissermaßen als ein Naturrecht der Flüsse betrachten muß. Die Natur ist deshalb nicht Schuld an dem Unglück, welches sie mehr oder weniger jedes Jahr an Flußufern hin anrichtet. Sie nimmt dadurch blos das Recht ihrer Flüsse in Anspruch, das die Menschen, theuerste Erfahrungen in Habgier und egoistischem Stumpfsinn erstickend, immer wieder verletzen und überschreiten. Dem Flusse gehört immer die nächste Terrasse an seinen Ufern als Bett für Zeiten, wenn er große Wassermassen fortzuschaffen hat. Man sollte sich deshalb nie unmittelbar an solchen Ufern anbauen, sondern stets erst von der nächst höheren zweiten Terrasse an. Wo man dies nicht will oder kann, sollten wenigstens immer zugleich die naturgesetzlichen Bedingungen erfüllt werden, unter welchen man allein in und neben dem Bereiche des weiteren Flußbettes sich häuslich niederlassen darf. Diese Bedingungen sind Dämme, Kanäle, geeignete Drainirung u. s. w. Sie sind zugleich Lebensbedingung für Tausende, Millionen von Menschen. Aber die Staaten, deren Polizei sich sonst um jedes Winkelchen des Landes oder eines Herzens bekümmert, damit von daher das Vaterland nicht in Gefahr komme, fragen bisher wenig nach diesen Gefahren, die doch gewöhnlich nur arme Fischerdörfer und verachtete Niederungen treffen, wie sie meinen. Sie wissen nicht, daß Flüsse große Pulsadern ganzer Gesellschaftskörper sind, und deren Unterbindung oder Sprengung diese ganze Gesellschaft trifft. Was hilft es, wenn man hinterher, nachdem das Unglück geschehen, einzelne Menschen zu retten sucht und das Geld an überlebende Bruchstücke von Familien als Almosen vertheilt, das bei rechtzeitiger Anwendung alle ertrunkenen Ernten und Menschen gerettet haben würde?

Ein französischer Diplomat klagte neulich gegen andere Diplomaten, daß in dem benachbarten Belgien die Presse mit idealen Überschwemmungen drohe, und deshalb Eindämmungen sehr zeitgemäß und nothwendig für die Sicherheit des geretteten Frankreich seien. Warum dachte er nicht lieber längst vorher an Sicherheitsdämme für das Leben der Tausende zu Hause, statt sich und Andere mit Sündfluthsgefahren aus trockenem Papier in einem andern, kleinen Staate, um dessen Rettung er sich gar nicht zu kümmern brauchte, da er schon gerettet ist und zwar ein Bischen solider, als Frankreich, zu graueln?

Wir können keine Schilderung des maßlosen Unglücks in und um Lyon herum und über viele Quadratmeilen des südlichen Frankreichs hinweg geben, und beschränken uns nur auf einige Scenen dieser entsetzlichen Tragödie.

Die Flüsse schwollen, wie bekannt, durch anhaltenden, schweren Regen, die Saone trat weit über ihre gewöhnlichen Ufer und riß Häuser und Ernten und Weinberge mit sich fort. Aber das war nur Kinderspiel gegen die Verwüstungen, welche die Rhone nach Durchbrechung des Dammes Tête d’or (in der Nacht des 30. Mai) in ihrem wüthteden Wogensturme anrichtete. Aus dem über 100 Ellen weiten Bauche theilte sie sich in drei wüthende Wogencolonnen, die in ihrem Laufe Alles mit sich fortrissen, Bäume, Häuser, Vieh und Menschen, Felder, Wälder, Weinberge. Die drei Flüsse liegen jetzt in ruhigen Todtenbetten Tausender über das Land hingeschlängelt: Moder, Schlamm und Grab Meilen lang und zuweilen bis eine halbe Meile breit. Die schreienden und heulenden Scenen des Lebens auf Dächern, auf welche sich oft ganze Familien geflüchtet hatten, nach Rettung über die wüthenden Wogengewälze spähend und rufend, bis die Mauern unter ihnen zusammensanken und Haus und Hof, Weib und Kind ihnen nach, sind jetzt verstummt. Alles ruht gemeinsam in einem oben glattgestrichenen Grabe.

Lyon, die Seidenkünstlerstadt, eine der schönsten Perlen der Industrie und des Geschmacks in ganz Europa, ist jetzt eine Ruine. Seine fleißigen, geschäftswimmelnden, kunstsinnigen Straßen sind abgelaufene, schlammige Fluß- und Todtenbetten. Aber die Verwüstung beschränkte sich durchaus nicht auf Lyon und die nächsten Umgegenden. In und um Saumur wüthete die Loire noch zerstörender, als die Rhone. Unweit davon wurden über 70 Morgen Landes mit einem Dorfe, Bezundur, darauf von dem übrigen Boden losgerissen und mit dem ganzen Dorfe in den Fluthen begraben. Bäume, Vieh, Hausdächer mit Menschen, Meubles, Ackergeräthe, Alles wirbelte durcheinander in den rasenden Fluthen hinunter und manches Lebendige litt doppelten Tod: erst zerstoßen und zerquetscht, ertrank es. Die Stadt Blois stand bis 20 Fuß unter Wasser. Die Brücken über die Nebenflüsse Cher, Allier, Yeres und Ain wurden alle zertrümmert und in den Fluthen zerwaschen. Auch in und um Avignon, Amboise, Tarascon u. s. w. rissen die Fluthenwirbel bis jetzt noch unberechnete Werthe zu Trümmern auseinander. Selbst die große, massive Brücke Germain des Fosses, über welche Menschenmassen flohen, widerstand dem Sturmlaufe der entfesselten Wasser nur einige Minuten, so daß sie nach einigem Knacken und Krachen plötzlich an mehreren Stellen zugleich barst und ihre mächtigen, massiven Stücke, mit Menschen bedeckt, nach einem vergeblichen erneuerten Widerstande in die, unter den noch stehenden Bogen hindurchdonnernden geschwollenen Wasserschläuche hinabstürzte, bis auch die andern Bogen mit den von allen Seiten abgeschnittenen Menschen darauf folgten. Das Gekreisch der letzteren schrillte einige Secunden hörbar durch die wilde Musik des niederklatschenden Regens und den gurgelnden Donner der Fluthen, verstummte aber sehr schnell, so daß nur noch einige Zeichen des Lebens und der Liebe krampfhaft auftauchten, z. B. ein paar Mutterarme, die ein Kind über das Wasser emporzuhalten suchten; aber auch diese wurden im Nu verwischt und lebendig begraben.

Eine eben so malerische, eben so dramatische, aber ruhigere Scene aus den Straßen des durchfluteten Lyon, die alle in Kanäle und Flüsse verwandelt worden waren. Kleinere und schlechtgebaute Häuser weichten und wichen dabei so rasch zusammen, daß die Bewohner nicht immer schnell genug in umherfahrende Kähne aufgenommen und gerettet werden konnten, obwohl Militär und Civil den größten Eifer und nicht selten edeln Heroismus entwickelten, um Ertrinkende und in zusammensinkenden Häusern lebendig Begrabene aufzufischen. Soldaten hatten eben aus einem zusammensinkenden Hause die Bewohner in einen Kahn aufgenommen und noch andere Personen aufgefischt, als sie [408] ein durchdringendes Hülfegeschrei einer weiblichen Stimme aus dem die Straße überfluthenden Wasser vernahmen. Man schob den Kahn rasch in der Richtung hin, von welcher der Hülferuf erscholl und entdeckte eine weibliche, ganz entkleidete Gestalt, die sich vergebens anstrengte, sich über dem Wasser zu halten. Nachdem sie mehrmals gesunken und wieder aufgetaucht war, fing sie ein Soldat leblos auf und trug sie in den Kahn, auf welchem ein Kind freudig aufschrie: meine Mutter, meine liebe Mama! –

Dieser Ruf drang tief in das Herz des Weibes, das bewußtlos in den Armen des Soldaten hing. Sie kam zu sich und erkannte ihr Kind, welches in einem benachbarten Hause zum Besuche gewesen war, als die Fluthen plötzlich herein tobten, die Straßen überschwemmten, jede Verbindung abschnitten und das Haus, welches ihr Kind barg, zusammenstießen. Der Entschluß der Mutter war bald gefaßt: sie entkleidete sich, stürzte sich in’s Wasser und schwamm ihrem Kinde zu Hülfe. Aber die Fluthen rissen sie zurück, so daß sie sich bis zur Ohnmacht und zum Sinken darin abmühte, bis sie in denselben Kahn gerettet ward, der schon ihr geliebtes Kind in dem Schooße der Freundin barg. Die Freundin sah sich nicht um, sondern streckte nur im Uebermaße von Dankbarkeit ihre Arme gegen den Himmel empor und betete vielleicht mit zwei, drei Ausrufen des Herzens inniger und schöner, als jemals der Fromme, der in hergebrachten, aufgezwungenen Formeln zu einem dogmatisch gemachten Gott aufjammert.

Wir schließen gern mit einem solchen Bilde, das unsere Herzen aus diesen Sündfluthen des Schreckens wieder aufhilft, obgleich es nur ein Erbarmen des Zufalls sein mag, der die rücksichts- und kleiderlos mit der Wuth des Elementes um ihr Kind kämpfende Mutter im Momente ihrer Rettung zugleich durch die süße Stimme ihres freudig aufjauchzenden, geretteten Kindes zum Bewußtsein und in’s Leben zurückrief.




Blätter und Blüthen.

Der Revalenta-Schwindel taucht neuerdings in veränderter Gestalt wieder auf und versucht sich diesmal in einer kleinen literarischen Farce: die einzelnen massenhaften Atteste, von denen die Zeitungen bis vor Kurzem wimmelten, sind gesammelt und mit einem Titel versehen, der, ein wahres Evangelium, wie die Faust auf’s Auge paßt: „das Wiederaufleben der gesunkenen Lebenskräfte ohne Medizin irgend einer Art“ u. s. w. u. s. w. Berlin, bei E. Mai. Die vornangeflickte Einleitung bildet ein albernes Gewäsch über chronische Krankheiten, Abführmittel, Klystiere u. dgl. mit Citaten aus fast durchgängig unbekannten „Schriftstellern“; diese Citate betreffen aus dem Zusammenhange gerissene Aussprüche der allgemeinsten Art, wie sie jeder Hansdampf auch gethan haben kann. Ueberdies wimmelt das ganze Machwerk, offenbar eine Übersetzung von Laienhand, von Druckfehlern. – Diesem neuen Humbug gegenüber machen wir nochmals auf Frickinger’s verdienstliche Schrift: „die Revalenta, ein großartiger Betrug“ aufmerksam. Ihr aber, ihr Hypochondristen und Hämorrhoidarier, lasset euch durch solche Titel nicht bethören, spart die 3 Sgr. für ein Glas Bier mehr, es ist euch dienlicher als solch’ Ragout! –




Eine Ironie des Zufalls. Als Napoleon 1808 (wenn ich nicht irre), aus Holland kommend, am Ufer des Rheins entlang reiste, befahl der Präfect den Rhein- und Moseldepartements den Gemeinden, den Kaiser mit allen möglichen Feierlichkeiten und Zeichen der Liebe und Anhänglichkeit zu empfangen. Dieser Befehl brachte manches Alpdrücken der Sorge hervor, und mancher Ortsvorstand (in den Städten „Maire“, auf dem Lande „Syndic“ genannt) ging in schweren Träumen wachenden Augen umher und wußte nicht Rath, nicht Hülfe. Also erging’s auch dem Herrn Syndic eines rheinischen Dorfes, dessen Hauptnahrungsquelle der Weinbau ist. Eine Triumphpforte sollte erbaut, eine Musikgesellschaft herbeigeschafft werden und jedes Dorf, jede Stadt trommelte die Kirchweihgeiger zusammen, um die übliche Musik zu bekommen. Endlich gelang es noch dem Syndic, eine Anzahl sogenannter Speckgeiger herbeizuschaffen, und diese Noth war gehoben; noch aber nicht die zweite, die Triumphpforte, nicht die dritte – die Rede, welche unbedingt gehalten werden mußte. Er hätte sie am liebsten selbst gehalten, denn in den glorreichen Tagen der untheilbaren Republik war er Agent gewesen und hatte die Reden an den Decaden in der Kirche oder wie sie damals hieß, im Volkstempel, gehalten. Da war es ihm aber allemal schlimm ergangen, wie weiland einem deutschen Professor im frankfurter Parlamente – er hatte fortlaufenden Beifall, d. h. die zur Kirche getriebene Gemeinde lief, theils lachend, theils zornig von dannen; es waren undankbare und wie er selbst sagte: „verdrießliche Mitbürger.“ Durfte er so etwas vor dem Kaiser riskiren? Der verstand überdies kein Deutsch und der Syndic kein Französisch. Was sollte da werden? Die Lage war schrecklich!

Endlich half aus dieser Noth der Pastor, welcher des Französischen so weit kundig war, um eine kurze Anrede zu halten, auch wohl die Fragen den Kaisers zu beantworten. Nun kam noch die Ehrenpforte! Da half ein guter Rath eines Architekten aus der nächsten Stadt, der durchfuhr, und der Geschmack des Schulmeisters, der den Rath ausführte. Alle leeren Fuder-, Halbfuder-, Zweiohm-, Ohm- und kleinern Fässer wurden aus den Kellern des Dorfes zusammengerollt und daraus eine eben so eigenthümliche, als passende und schöne Ehrenpforte erbaut, und dann jedes Faß mit Blumen und Epheugewinden umschlungen. Wer den seltsamen Bau sah, mußte ihm Beifall geben.

So war denn Alles geordnet, als der Kaiser kam, begleitet außer Andern von dem General Rapp, der bekanntlich ein Deutscher war. Die Glocken läuteten, die Böller knallten, die Schuljugend rief das ihr eingepaukte: Vive l’Empereur! in den seltsamsten Variationen, die Gemeinde fiel mit demselben Rufe ein, und alle Honoratioren des Dorfes, an ihrer Spitze der Pastor und der Syndic, waren aufgestellt.

Napoleon sah die seltene und seltsame Ehrenpforte und rief Rapp zu: „Das ist neu, passend, geschmackvoll und doch billig und ländlich!“ Er befahl zu halten und stieg aus.

Hatte schon die Ehrenpforte einen sehr guten Eindruck auf ihn gemacht, so vollendete diesen die einfache, wohlgesetzte und kurze Anrede des katholischen Geistlichen. Er hörte ihr beifällig zu und sprach sich sehr wohlwollend über den Empfang aus; besonders gefiel ihm die Idee des Triumphbogens. Er fragte nach dem Urheber und Ausführer, ließ sich den Schulmeister vorstellen und belobte ihn höchlich.

Jetzt fiel die Musik ein.

Napoleon war gut gelaunt. Er that, als horche er auf die einfache Melodie, welche sie spielte und die offenbar die Weise eines Volksliedes war.

Plötzlich unterbrach die Stille Rapp’s brausendes Gelächter, welches er, so viel Mühe er sich auch gab, nicht länger beherrschen konnte.

Finster wurde die Stirne des Imperators und mit einem stechenden Blicke wandte er sich zu Rapp um.

„Warum lachen Sie so?“ herrschte er ihm zornig zu.

Rapp, der wußte, daß er sich etwas erlauben durfte, erschrak nicht, sondern sagte immer noch lachend: „Majestät, es ist der Text des Liedes, das die Musik eben spielt, der mich lachen macht.“

„So?“ sagte Napoleon. „Und wie lautet der? Ich will ihn wissen!“

„Es ist ein altes, deutsches Volkslied, Majestät,“ sagte Rapp, „das so anfängt:

„Du bist der beste Bruder au nit.“
„Still!“ donnerte der Kaiser, trat rasch zum Wagen, sprang hinein und – vergaß den Gruß zu erwiedern, den ihm die Gemeinde mit rauschendem Tusche nachrief.
W. O. von Horn.




Elektromagnetische Heilkissen von Betty Behrens in Cöslin. Für 25 Sgr. kauft man unter diesem Namen ein aschgraues Leinwandsäckchen, das mit Eisenfeile gefüllt ist; dieser Inhalt ist durch entsprechendes Zusammennähen in stangenartige Lagen abgetheilt, so daß das Ganze den Eindruck einer zusammengesetzten Kette macht; das Kissen, über dessen Wirksamkeit zahlreiche Atteste beigebracht werden, wird erwärmt auf den leidenden Theil aufgelegt. Von Elektricitätsentwickelung kann hier natürlich nicht die Rede sein, doch mag die trockne Wärme, die dadurch erzeugt wird, unter Umständen wohlthätig sein; es bedarf aber hierzu nicht erst solch’ theurer Eisenkissen, deren Inhalt noch dazu leicht rostet, sondern die wohlbekannte Watte und noch mehr die leicht selbst zu fertigenden Kräuterkissen leisten dafür vollständigen und bessern Erfolg.


„Aus der Fremde“ Nr. 30 enthält:

Im Orient. (Zweiter Artikel.) – Die Amazonen Südamerika’s. – Ein Abenteuer in Pegu. – Aus allen Reichen: Die Giesen. – Die Parteien in den Vereinigten Staaten.


Dieser Nummer ist eine Probenummer der in gleichem Verlag erscheinenden

„Deutschen Turn-Zeitung“

angefügt.


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Es haben Manche und selbst Diejenigen, welche am Meere wohnen, nicht immer klare und genaue Kenntniß von den Ursachen der Fluth und Ebbe, oder des hohen und niederen Wasserstandes. Wir hören von hohen Fluthen und tiefen Ebben. Die erstere fällt in die Periode des Neu- oder des Vollmondes, wenn die scheinbare Bewegung der Sonne mit der des Mondes zusammenfällt und daher beide in ihren Anziehungskräften sich vereinigen; die letztere zur Zeit wenn der Mond in der Mitte seiner Bahn steht. Der Ab- oder Zufluß des Wassers braucht je 6 Stunden. Folglich ist in 24 Stunden 2mal hoch und 2mal niedrig Wasser; aber jedesmal 26 oder 27 Minuten später, als vorher, so daß, wenn die Fluth den einen Tag sich um 12 Uhr einstellt, sie den folgenden Tag 3/4 Stunde später kommt, und so fort jeden Tag. Die hohe Fluth, erscheint, wie es sich von selbst versteht, alle 14 Tage. Die Wellen des Meeres nehmen bei niederem Wasser an Größe ab und in demselben Grade zu, wenn das hohe Wasser zurückkehrt. Diese hohe Fluth dauert 3 Tage, zur Zeit des Neu- oder Vollmondes. Das Wasser steigt und fällt dann viel höher und tiefer, schneller und energischer, weil jetzt während der 6 Stunden je ein viel größerer Raum von den Wellen zurückgelegt werden muß, und diejenigen, welche das Ufer besuchen, sollten darauf achten, sonst würden sie sehr leicht vom Wasser überholt werden können. Es versteht sich, daß die Zeit des Tages, wenn der Stand des Wassers am höchsten oder niedrigsten ist, abhängt von der Gegend der Küste, wo man sich befindet. An der Südküste von Devonshire ist die außerordentliche Ebbe um 12 Uhr und die höchste Fluth um 6 Uhr, Morgens und Abends. Dann ist es Zeit für diejenigen, welche sich für die wunderbaren Schöpfungen des Meeres interessiren. Während der Ebbe werden weit in die See hinausliegende Felsen, sonst gewöhnlich mit Wasser bedeckt, trocknes Land, und die vorzüglichsten Zoophyten, Mollusken, Anneliden u. s. w., sowie auch seltene Algen zugänglich. Denn viele interessante Arten existiren blos, insofern sie beständig unter Wasser sein können; daher versteht es sich, daß diese Felsen, welche nur einige Minuten von Wasser entblößt sind, was nur 2mal im Monat vorkommt, sich dazu eignen, solche Arten am leichtesten zu liefern. Im März und September, zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche, bedeckt und entblößt das Wasser den Grund mehr als sonst und bietet demnach dem Marine-Botaniker und Zoophytologisten Gelegenheit für seine Studien.