Textdaten
<<<
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1854
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[629]

No. 52. 1854.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 11/2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.


Die Blinde.

Weihnachtserzählung von August Schrader
(Schluß)

Es war im Anfange des December, als der bisher so rüstige Pastor Braun zu kränkeln begann. Er besuchte das Schloß nicht mehr und der Küster mußte statt seiner den Gottesdienst abhalten. Obgleich der Arzt die Krankheit für nicht bedeutend erklärte und eine baldige Genesung in Aussicht stellte, so schrieb Concordia dennoch folgenden Brief an Vetter Arnold:

„Sie haben in Ihrem Briefe aus tausend Gründen die Bitte abgelehnt, in der Christmesse eine Gastpredigt abzuhalten – mein guter Vater ist plötzlich so krank geworden, daß er in diesem Jahre sein Amt nicht mehr versehen kann. Die benachbarten Pfarrer sind an dem hohen Festtage in ihrer eigenen Gemeinde beschäftigt, und den armen Vater betrübt es tief, daß er seinen Pfarrkindern gerade an dem heiligen Abende die Predigt vorenthalten muß. Im Angesichte solcher Dinge werden alle Gründe nichtig, und wenn Sie noch einige Liebe zu Ihrem Onkel empfinden, so machen Sie ihm die Freude, statt seiner die Christmesse abzuhalten. Uebrigens mache ich Ihnen die vertrauliche Mittheilung, daß der Vater für Sie ein reizendes Weihnachtsgeschenk bereit hält. Antworten Sie umgehend, um uns zu beruhigen.“

„Ich denke, das wird ihn bestimmen!“ sagte sie lächelnd, als sie den Brief siegelte. „Finde ich auch seine Weigerung erklärlich, so muß er dennoch kommen. Ich möchte gar zu gern, daß der gute Bursch gerade am Christfeste die Nachricht von der Pfarre erhält. Es thut mir leid, daß ich ihn nicht heirathen kann, denn sonst hätte ich ihm auch diese Weihnachtsfreude noch bereitet – aber kommen muß er, denn er darf nicht leer ausgehen. Wie anders soll ihn denn die Gemeinde kennen lernen? Und die Frau Hofräthin, die jetzt als Besitzerin des Schlosses das Patronat über die Stelle hat, muß doch auch wissen, wem sie die Pfarre giebt.“

Der Brief ging ab, und schon am fünften Tage traf die Antwort Arnold’s ein. Er schrieb, daß ihm die Pflicht der Dankbarkeit über alle Rücksichten ginge, und daß er zwei Tage vor Weihnachten eintreffen würde, um dem Onkel nach Kräften nützlich zu sein. Jubelnd theilte Concordia dem Vater diese Nachricht mit. Der gute Pastor, der die Alliance der Frauen nicht kannte, deutete diese Freude in seinem Sinne.

„Ich bereite Euch Allen eine Ueberraschung,“ flüsterte Concordia der Mutter zu; „wer wird mir eine bereiten?“

„Vielleicht scheitert einer Deiner Pläne –“

„Das wäre freilich eine unangenehme Ueberraschung, aber ich werde sie schon zu verhindern wissen.“

Pastor Braun bedauerte nichts mehr, als daß er verhindert war, die Hofräthin zu besuchen und den Fortschritt der Genesung Cäcilien’s zu beobachten. Eifrig befragte er nun Concordia, die fast täglich einige Stunden bei der Blinden zubrachte. Es war in der Mitte des December, als sie auf Befragen berichtete:

„Das junge Fräulein ist mir eine merkwürdige Erscheinung, ich weiß nicht recht klug aus ihr zu werden. Es gelingt mir stets, sie in eine heitere Stimmung zu versetzen, aber plötzlich wird sie wieder trüb und einsilbig, und dann bittet sie mich jedesmal, sie zu der kleinen Orgel in der Kapelle zu führen. Mir bleibt dann nichts weiter, als die Balgentreterin zu machen. Aber das muß ich bekennen, das blinde Fräulein spielt meisterhaft, viel besser als unser Schulmeister. Wenn sie eine Viertelstunde gespielt hat, so hört sie plötzlich auf, und komme ich zu ihr, so sitzt sie starr wie eine Bildsäule vor der Claviatur, und die hellen Thränen rollen ihr über die Wangen. Nun führe ich sie in das Zimmer zurück, wo sie so lange sich dem Eindrucke der Musik überläßt, bis die Frau Hofräthin kommt, vor der sie ihre seltsame Gemüthsstimmung zu verbergen sucht. Es ist doch ein großes Elend, zeitlebens in Finsterniß wandeln zu müssen.“

„Es ist bereits Alles versucht, mein Kind,“ antwortete der Pfarrer. „Hier scheitert die Kunst der Aerzte.“

„Das ist auch wahrscheinlich der Kummer des guten Mädchens,“ meinte Concordia.

Der Pastor kannte zwar den Grund besser, aber er verschwieg ihn. Denselben Nachmittag fuhr ein Wagen vor die Thür der Pfarre – die Hofräthin und Cäcilie kamen, um dem Greise, der das Zimmer nicht verlassen durfte, einen Besuch abzustatten. Jubelnd führte Concordia die Gäste in das Haus. Das blinde Fräulein hatte zum ersten Male nach der Krankheit das Schloß verlassen, und ihr erster Besuch sollte der Freundin gelten.


V.

Acht Tage vor dem Christfeste befanden sich die beiden jungen Mädchen allein in einem Zimmer des Schlosses. Ein heftiger Nordost hatte sich aufgemacht, und peitschte den Schnee prasselnd an die Fenster.

„Was ist das?“ fragte Cäcilie, die ihre Harfe vor sich hatte und im Begriffe war, der Freundin ein neu erfundenes Musikstück vorzutragen.

„Das ist der Boreas, der die Falten des Wintermantels ausbreitet, wie Vater zu sagen pflegt,“ antwortete Concordia. „Wenn der rauhe Mann so fort arbeitet, hat er morgen sein Werk [630] vollendet – die ganze Erde ist dann mit einer weißen Decke überzogen. Hu, wie das treibt und wirbelt! Es ist kaum drei Uhr Nachmittags, und schon hat sich die Dämmerung eingestellt. Mag sein; wenn das liebe Weihnachtsfest kommt, dürfen Schnee und Frost nicht fehlen. Heute über acht Tage ist der heilige Abend.“

„Ich weiß es!“ sagte die Blinde. „Ach,“ fügte sie seufzend hinzu, „das Weihnachtsfest ist doch das schönste Fest im Jahre.“

„Und diesmal wird es in unserer Familie doppelt schön sein. Ich habe meinem Papa eine Ueberraschung vorbereitet, an die er sicher nicht denkt.“

„Könnte auch ich dem würdigen Manne eine Freude machen!“

„Sie können es, Cäcilie.“

„Aber wie?“

„O, es ist sehr leicht für Sie, wenn Sie nur meinem Rathe folgen wollen. Zugleich bereiten Sie auch Ihrer Mutter eine Ueberraschung, die sie unendlich glücklich machen wird. Darf ich Ihnen meinen Rath ertheilen?“

„Ich bitte darum.“

„Gut,“ sagte lebhaft Concordia, indem sie die Harfe bei Seite setzte und sich dann auf einem Kissen zu den Füßen der Blinden niederließ. „Sie sind von diesem Augenblicke an eben so vergnügt als ich, besuchen mit mir die Christmesse, die um sechs Uhr beginnt, und bleiben den Rest des Abends in unserm Hause, wo es recht heiter hergehen wird, ich habe dafür gesorgt. Sehen Sie, Cäcilie, darüber freut sich nicht nur mein Vater, sondern auch Ihre Mutter. Wollen Sie auf meinen Vorschlag eingehen?“

„Gewiß!“ sagte Cäcilie hastig. „Wir besuchen zusammen die Christmesse.“

„Und bei uns dürfen Sie auch nicht fehlen, denn Sie müssen meinen Bräutigam kennen lernen, den ich mir heimlich ausgesucht habe und nun meinem Vater zum Christfeste bescheeren werde.“

„Wer ist denn Ihr Bräutigam?“ fragte Cäcilie mit gewaltsam angeeigneter Ruhe.

„Nun, der Freundin darf ich mich wohl anvertrauen, sie wird nicht plaudern. Mein Bräutigam ist Karl, der Sohn des Amtmanns aus dem benachbarten G., das heißt des vor zwei Jahren verstorbenen Amtmanns, eines guten Freundes meines Vaters. Als der Amtmann starb, war Karl noch minderjährig, und nach der Bestimmung des Verstorbenen sollte die Stiefmutter, ein wahrer Drache, das schöne, reiche Gut bewirthschaften. Nun hat die Alte einen Heirathsplan: Karl soll nämlich die Tochter ihres Bruders heirathen, eines wohlhabenden Bauers in demselben Dorfe, damit der Amthof in der Familie bleibt, denn nach dem Testamente erhält die Stiefmutter nur eine Leibrente, mit der das habsüchtige Weib nicht zufrieden ist. Karl aber ist mit der Heirath nicht zufrieden, denn er will mich haben. Wir haben uns stets nur heimlich gesehen und gesprochen, um der bösen Wittwe keinen Anlaß zum Streite zu geben. Diese Woche nun wird Karl mündig und er hat keinem Menschen mehr Rechenschaft abzulegen. Am Christabende wird er bei dem Vater um meine Hand anhalten, Neujahr übernimmt er sein Gut, und Ostern wollen wir uns verheirathen. Das, liebe Freundin, ist mein ganzes Geheimniß.“

„Ach, wie glücklich sind Sie!“ seufzte die Blinde. „Sie können sich dem Manne anschließen, den Sie lieben!“

Dann versank sie in ein dumpfes Nachsinnen. Concordia erschrak über die plötzlich eingetretene Veränderung des bleichen Mädchens. Sie versuchte zu trösten und aufzuheitern, aber Cäcilie antwortete nur durch ein schmerzliches Lächeln. Plötzlich fuhr sie auf wie aus einem Traume.

„Concordia,“ flüsterte sie hastig, „es muß wohl ein köstliches Gefühl sein, sich als die Braut eines Mannes zu wissen, den man liebt und achtet. Nicht wahr, dann fühlt man sich nicht mehr einsam in der Welt, dann schweigt ein Gefühl der Angst und Sehnsucht, das die Brust mit unbeschreiblichen Qualen martert? Bei dem Klange seiner Stimme fühlt man sich leicht und froh – man weint nicht mehr vor Schmerz, sondern vor Freude und Glück – man gießt seine ganze Seele dem Bräutigam aus und empfängt dafür sein Herz voll inniger Liebe? Nicht wahr, das ist das Glück einer Braut? Nicht wahr, Concordia, habe ich Recht?“

Cäcilie brach in ein heftiges Weinen aus; sie umschlang mit beiden Armen den Hals der Freundin, und sank schluchzend an ihre Brust. Concordia konnte nicht länger mehr in Zweifel sein über den Seelenzustand der armen Freundin, und sie erklärte sich nun Alles, was ihr bisher ein Räthsel gewesen war.

In dem Vorzimmer ließen sich Schritte vernehmen; Cäcilie erkannte sie als die ihrer Mutter. Gewaltsam bekämpfte sie ihren Schmerz, und bat die Freundin, der Mutter den Gegenstand des Gesprächs zu verschweigen. Die Hofräthin trat ein. Bestürzt sah sie das von Weinen geröthete Gesicht ihrer Tochter.

„Es ist nichts!“ rief die Tochter des Pfarrers. „Fräulein Cäcilie hatte einmal wieder eine Anwandlung übler Laune, aber sie hat mir dennoch versprochen, die Christmesse zu besuchen und den heiligen Abend recht vergnügt bei uns zuzubringen!“

„Ja, Mutter,“ rief Cäcilie, indem sie ihr beide Hände entgegenstreckte – „ich habe es versprochen und werde Wort halten. Du wirst mich begleiten und sehen, daß ich wieder heiter bin!“

Das Schneegestöber hatte nicht nachgelassen und die Nacht war früh angebrochen. Concordia rüstete sich zum Heimwege. Die Hofräthin gab Befehl, den Wagen anzuspannen.

„Ich komme bald wieder,“ flüsterte Concordia der Freundin zu, „dann sprechen wir mehr; aber um des Himmels willen verbannen Sie die Traurigkeit, Ihre gute Mutter grämt sich darüber!“

Concordia stattete noch einige Besuche ab, aber die Hofräthin ließ die beiden Mädchen nicht mehr allein, so daß ihnen die Gelegenheit fehlte, über das angeregte Thema zu sprechen. Man konnte nichts weiter verabreden, als die Zusammenkunft in der Kirche. Die letzten beiden Tage vor dem Feste hatte Concordia soviel zu thun, daß sie das Schloß nicht besuchen konnte. Es wurden Zimmer gescheuert, Kuchen gebacken und die Braten vorbereitet. Bei der Ankunft des Vetters sollte Alles vollendet sein. Das für ihn bestimmte Stübchen war prächtig eingerichtet, schneeweiße Gardinen schmückten die Fenster, eine wollene Decke lag auf dem Fußboden und in dem Ofen prasselte ein lustiges Feuer – der Freitag Abend kam, aber der Vetter blieb aus. Pastor Braun war wieder hergestellt, und um für den nächsten Abend auf alle Fälle gerüstet zu sein, bereitete er sich vor, die Christpredigt selbst zu halten. Auf Concordia’s Stirn las man den Mißmuth über diese Verzögerung.

„Das werde ich ihm gedenken!“ flüsterte sie, als der Vater bei dem schlechten Wetter die Ankunft des Gastes bezweifelte. „Man plagt sich seinetwegen ab, und nun wird man mit Undank belohnt!“

„Holla!“ dachte freudig der alte Pfarrer. „Das Mädchen ist ja Feuer und Flamme! Nun, Mütterchen,“ flüsterte er seiner alten Gattin zu, „hatte ich nicht Recht? Nächste Ostern ist Arnold Pastor und Concordia Frau Pastorin!“

„Wer weiß!“ war die lakonische Antwort.

„Arnold ist dem Mädchen gut, ich habe es bemerkt. Daß er nicht auf die Stunde eintrifft, ist kein Beweis –“

„Nun, es wird sich ja bald entscheiden!“

Den ganzen Sonnabend Vormittag herrschte eine gedrückte Stimmung in dem Pfarrhause. Pastor Braun saß in seinem Stübchen und studirte die Predigt, die er am Abend halten wollte, denn zu seinem großen Verdrusse bezweifelte auch er die Ankunft des Kandidaten. Mutter und Tochter richteten das große Zimmer her, um für den Abend die erwartete Gesellschaft zu empfangen. In dem Augenblicke, als die Familie das Mittagsessen einnehmen wollte, fuhr ein Schlitten vor die Thür. Concordia eilte an das Fenster.

„Der Vetter!“ rief sie.

Alles gerieth in frohe Bewegung. Concordia eilte auf die Hausflur hinaus, wo sie dem beschneiten und vor Kälte erstarrten Vetter entgegentrat, ihm dienstfertig Hut und Mantel abnahm, und ihn dann in das Zimmer brachte. Es ergab sich nun, daß der Schnee Weg und Steg versperrt und der arme Kandidat einen ganzen Tag länger auf der Reise zugebracht hatte. Dessen ungeachtet aber wollte er die Christpredigt halten. Gleich nach Tische betrat er sein erwärmtes Zimmer und bereitete sich vor.

„Vater,“ flüsterte Concordia, die nun wieder ihre heitere Laune erlangt hatte, „Vater, Du wirst nicht vergessen, morgen mit der Frau Hofräthin zu sprechen; sie geht diesen Abend mit Cäcilien zur Kirche, um den Kandidaten zu hören.“

„Ich setze voraus, mein Kind, daß die Predigt der Gemeinde gefällt –“

„Natürlich, Väterchen! Und auch außerdem bleibt es bei der Abrede: Du wirst bei Deinem künftigen Schwiegersohne wohnen?“

„Du hast mein Wort, Concordia!“

Das junge Mädchen eilte in die Küche, bereitete selbst einen [631] guten Kaffee und trug ihn dem Gaste hinauf. Arnold hatte bereits seine Kleider gewechselt und saß nachdenkend im Sopha. Er erhob sich, als Concordia eintrat.

„Vetter,“ flüsterte sie unter tiefem Erröthen, „darf ich bis morgen noch auf Ihre Verschwiegenheit zählen?“

Arnold reichte ihr gerührt die Hand.

„Liebe Cousine,“ sagte er mit bewegter Stiiiime, „Sie haben mich durch Ihre Briefe zum Theilhaber Ihres Herzensgeheimnisses gemacht, das ich ehre. Ich wiederhole meinen innigen Glückwunsch. Möge Ihnen die Erinnerung an das diesjährige Weihnachtsfest stets eine frohe bleiben und Sie bis in Ihr spätes Alter begleiten.“

„Vetter Arnold,“ stammelte sie bewegt, „auch Ihnen wird das Fest eine Freude bereiten, die Sie vielleicht kaum erwartet haben. Jetzt darf ich noch nichts sagen, der Vater hat es sich selbst vorbehalten. Es ist Ihr Glück, daß Sie gekommen sind.“

„Mein Glück!“ wiederholte Arnold mit einem schmerzlich bittern Lächeln.

„Predigen Sie gut, mehr kann ich Ihnen nicht sagen!“ – Nach diesen Worten entschlüpfte sie aus dem Zimmer.

Arnold holte ein Manuscript hervor und begann halb laut seine Predigt noch einmal zu überlesen.




VI.

Der Christabend war angebrochen. Das Schneegestöber hatte aufgehört und die Sterne flimmerten am kalten, klaren Winterhimmel. Cäcilie befand sich bei ihrer Mutter. Die Dame las der Blinden aus einem Buche vor. Da erklangen plötzlich die Glocken der Dorfkirche durch den stillen Abend. Die Hofräthin schwieg, und sah zu ihrer Tochter hinüber. Eine wehmüthige Freude drückte sich in den schönen, bleichen Zügen Cäcilien’s aus.

„Die Glocken rufen zur Christmesse!“ flüsterte sie. „Nicht wahr, Mutter, es ist jetzt Abend – oder irre ich mich?“

„Nein, mein Kind, Du irrst nicht! Es ist jetzt Abend, und die Glocken rufen zum Gottesdienste. Wie ich diesen Morgen gehört habe, wird unser würdiger Freund, der Pfarrer, zum ersten Male seit seiner Krankheit die Kanzel wieder betreten. Du hast Concordia versprochen, dem Gottesdienste beizuwohnen –“

„Mutter, führe mich zur Kirche!“ bat die Blinde in rührenden Tönen. „Ich will den Christabend auf meine Weise begehen!“ fügte sie leise und zitternd hinzu.

Die Hofräthin küßte gerührt die Stirn ihrer Tochter. Dann gab sie Befehl, daß in einer halben Stunde der Wagen vorfahre, um sie nach der Kirche zu bringen. Die Kammerfrau erschien, und half den Damen bei der Toilette. Cäcilie trug einen kostbaren Mantel von braunem Sammet, der mit dem zartesten weißen Pelze verbrämt war. Ein weißer Atlashut mit wallender Feder schmückte den reizenden Kopf. Mit schmerzlichem Entzücken betrachtete die arme Mutter die schöne, aber unglückliche Tochter. Da erklangen die Glocken wieder. Die Hofräthin ergriff schweigend die zarte Hand Cäcilien’s, und folgte dem voranleuchtenden Diener. Man bestieg den Wagen, der die Frauen in einigen Minuten zur Kirche brachte. Das kleine ländliche Gotteshaus war hell erleuchtet, und seit langen Jahren zum ersten Male wieder brannten die Kerzen der großen Armleuchter der herrschaftlichen Emporkirche. Die festlich geschmückten Landleute, die sich bereits versammelt hatten, sahen mit Erstaunen und Neugierde die beiden Damen eintreten. Nach ihnen kam Concordia, die stolz an Cäcilien’s Seite Platz nahm.

Nun erklangen die Töne der Orgel, und bald mischte sich mit ihnen der einfache, schlichte Gesang der ländlichen Gemeinde, die versammelt war, den heiligen Christabend nach alter, hergebrachter Weise zu begehen. Während des Chorals erschien auch der alte Pastor Braun, in seinen großen Pelz gehüllt; er nahm still auf der letzten Bank seinen Platz ein, um ungesehen die Predigt des Neffen zu hören. Die Frauen hatten seine Ankunft nicht bemerkt. Die Hofräthin beobachtete mit zärtlicher Sorgfalt ihre Tochter, und Cäcilie lauschte andächtig den Tönen des Chorals. Da trat plötzlich der Prediger auf die Kanzel, die durch einen Kranz brennender Kerzen beleuchtet ward. Es war Arnold im schwarzen Talar und die große Bibel mit dem glänzenden Goldschnitte im Arme tragend. Sein Gesicht war ungewöhnlich bleich, aber deutlich sah man die glühende Lebendigkeit seiner großen Augen. Die Hofräthin war erstaunt, einen fremden Prediger zu sehen, und sie richtete deshalb fragende Blicke auf Concordia; diese aber winkte lächelnd mit der Hand, um die Dame zu beruhigen. Der Gesang schwieg, die letzten Töne der Orgel verklangen, und eine Grabesstille herrschte in dem Gotteshause, obgleich es ungewöhnlich angefüllt war. Neugierde und Andacht machten jedes Flüstern verstummen. Der Kandidat ließ seine Blicke durch den weiten Raum schweifen, als ob er sich zuvor der allgemeinen Aufmerksamkeit versichern wollte. Einen Augenblick hafteten sie auf der herrschaftlichen Kapelle, wo die Damen in einem hellen Lichtkreise saßen, und Concordia, die mit Spannung lauschte, glaubte ein leichtes Beben zu bemerken, das den Vetter durchzuckte – dann aber sah er wieder empor und rief mit kräftiger, volltönender Stimme die Worte, die den Hirten auf dem Felde die Geburt des Heilandes verkündeten. Da auch bebte Cäcilie zusammen, sie ergriff krampfhaft die Hand der Mutter, und preßte sie an ihr ungestüm klopfendes Herz.

„Mutter,“ flüsterte sie, „diese Stimme – er ist’s! Er ist’s!“

„Um Gotteswillen, mein Kind,“ flüsterte die bestürzte Dame, „fasse Dich!“

„Besorge nichts, Mutter, ich begehe ein herrliches, schönes Christfest!“

Nach diesen Worten faltete die Blinde die Hände, und begann mit unbeschreiblicher Andacht zu lauschen. Ihr Gesicht verklärte sich zu dem eines Engels. Arnold hielt dieselbe Rede, die er ein Jahr zuvor in dem Dome der Residenz gehalten; aber heute, vor der kleinen ländlichen Gemeinde, trug er sie mit größerer Begeisterung vor, denn er wußte ja, daß das Ideal seiner Träume sich unter den andächtigen Zuhörern befand. Das war Feuer, das war Kraft und eine Fülle schöner Gedanken! Wie die eines Verklärten leuchteten seine Blicke und der begeisterten Brust, die keine Hoffnung auf irdisches Glück mehr hegte, entquoll eine Reihe herrlicher, poetischer Gedanken. Der greise Pfarrer saß still auf seiner Bank, aber Thränen einer freudigen, frohen Andacht rollten über seine gefurchten Wangen. Er hatte sich viel von Arnold versprochen, aber eine solche Rede hatte er nicht erwartet.

Der Kandidat schloß seine Predigt mit dem üblichen Gebete. Da sank Cäcilie auf die Knie und betete halblaut mit.

„Amen!“ sagte sie zu gleicher Zeit mit dem Prediger.

Arnold hatte die Kanzel verlassen, und der Schlußchoral ward gesungen. Als sich die Hofräthin erhob, bemerkte sie den Pfarrer. Sie flüsterte ihm einige Worte zu.

„Mein Neffe?“ rief in höchster Ueberraschung der Greis aus.

„Er ist der Prediger, nach dem wir forschten. Sehen Sie meine blinde Tochter an!“

Concordia führte Cäcilien auf den Corridor vor der Kapelle; das arme Mädchen ließ sich willenlos leiten, denn ihre Leidenschaft war mit ganzer Gewalt von Neuem erwacht. Aus einzelnen abgerissenen Worten erklärte sich die schlaue Concordia, der der Zustand der Blinden während der Predigt nicht entgangen war, sofort den Zusammenhang.

„Den lieben Sie, Cäcilie?“ fragte sie, zitternd vor Freude. „Sprechen Sie sich offen aus, ohne Rückhalt!“

„Concordia, Sie sind Braut, Sie können mich verstehen!“

„Ich verstehe Sie, und werde nun auch für Sie handeln.“

In diesem Augenblicke erschienen die Hofräthin und der Pfarrer.

„Concordia, ich habe mit Dir zu reden.“

„Dessen bedarf es nicht, Vater. Halten Sie mich nur nicht auf, ich muß gleich mit dem Vetter reden! Und Sie, Väterchen, können hier auf der Stelle, in Gegenwart dieser Dame erfahren, daß ich Vetter Arnold nie heirathe, denn ich hatte schon meinen Bräutigam, ehe er vorigen Sommer zu uns kam.“

„Wen?“ fragte der Greis, der aus einer Ueberraschung in die andere verfiel.

„Sie werden ihn zu Hause antreffen – das ist meine Bescheerung. Der Vetter weiß es schon, ich habe ihn eingeweiht, und er ist sehr zufrieden damit.“

Der Pfarrer überlegte einen Augenblick. Dann bat er die Hofräthin und Cäcilien, für heute Abend seine Gäste zu sein. Concordia, außer sich vor Freude, trug Cäcilien fast in den Wagen. Der Pfarrer ging zu Arnold in die Sakristei. Als die Frauen in das Wohnzimmer des Pastors traten, fanden sie einen [632] schmucken jungen Mann bei der Frau Pastorin vor. Es war Karl, der Sohn des Amtmanns, der sich verabredetermaßen eingefunden hatte. Concordia stellte ihn ohne Umstand als ihren Bräutigam vor.

Die Erklärung zwischen Pastor Braun und Arnold hatte nicht lange gedauert. Der Kandidat, noch in seinem Ornate, erschien bald an der Hand des Pfarrers. Es war eine feierliche, rührende Scene, die nun in dem Stübchen der Pfarre stattfand. Arnold, von dem Zustande Cäcilien’s unterrichtet, näherte sich ihr, küßte ihre Hand, und sagte mit bewegter Stimme:

„Wollen Sie sich meiner Führung anvertrauen? Mein Herz kennt keine schönere Aufgabe, als Sie, die ich längst wie eine Heilige verehrte, treu und liebend durch das Leben zu geleiten!“

„Mein Herr,“ rief schluchzend die Hofräthin, „Sie kennen meine Tochter?“

„Ich sah sie in der Kapelle, am Stege des Baches im Walde – und seit der Zeit erschien sie mir wie ein unerreichbares Ideal. Daß sich der schönste Traum meines Lebens verwirklichte, halte ich für eine Fügung des Schicksals.“

„Sie sind ein Priester, mein Herr, Ihnen vertraue ich meine Tochter an!“

Die Hofräthin führte Cäcilien dem Kandidaten zu, der die weinende Blinde sanft an seine Brust drückte.

„Und hier, Väterchen, ist mein Bräutigam!“ rief Concordia, indem sie ihren Karl vorstellte.

„Das ist eher ein Mann für Dich, als der ernste Vetter!“ sagte der Greis, indem er Karl die Hand reichte. „Und nun sind wir ja alle glücklich, der Himmel hat einem jeden ein schönes Weihnachtsgeschenk bescheert. Seid dankbar, Kinder, und erhaltet es Euch in christlicher Liebe und Treue!“

„Das schwören wir!“ riefen die beiden jungen Männer.




Am zweiten Ostertage trauete der greise Pastor Braun zwei Brautpaare in seiner Dorfkirche. Es waren Arnold und Cäcilie, und Karl und Concordia. Dann fuhren die jungen Eheleute nach dem Schlosse, wo ein glänzendes Fest gefeiert wurde. Die Gäste bestanden nur aus den nächsten Freunden des Pfarrers und aus den Vorstehern der Gemeinde, die Arnold zu ihrem Pfarrer gewählt hatten. Karl bezog mit seiner Gattin den Amthof, Arnold blieb auf dem Schlosse Krayen, und der greise Pastor blieb in der Pfarre, wo er fast täglich Besuche von seinen Kindern empfing. Jeder Sonntag war für die glückliche Cäcilie ein Fest, denn sie hörte ihren Arnold predigen. Der junge Pfarrer pflegte sein Amt mit Liebe und Treue, obgleich er ein großes Vermögen besaß, das ihm seine Gattin zugebracht hatte und ein ruhiges, bequemes Leben gestattete. Er wollte dadurch das Band der Liebe befestigen und erhalten, das ihn und seine blinde Gattin umschlang. Und Cäcilie war glücklich in ihrer schwärmerischen Liebe, wie ihr Geist, so erstarkte auch ihr Körper, der in neuer Schönheit aufblühte.

„Du bist wahrlich ein Engel!“ rief Arnold oft begeistert, wenn er seine reizende Gattin betrachtete.

„Und Du bist mein Licht, Arnold,“ sagte sie dann lächelnd. „Mir fehlt das Augenlicht, aber ich sehe Dich dennoch! Und dieses Licht hat mir der heilige Christ angezündet!“

„Möge es Dir lange, lange leuchten!“




Rear-Admiral Sir E. Lyons.

Obgleich auch diese eigentliche Seele der englischen Flotte im schwarzen Meere schon, wie alle andern Admiräle, über das Alter hinaus ist, innerhalb welchem man Ruhm und Lorbeeren durch schaffende Thaten erntet, ist er doch gegen das körperliche Oberhaupt, den altersschwachen und ängstlichen Dundas, die Seele und die eigentliche Kraft der Flotte geworden, da er auf eigene Hand auf seinem Schiffe „Agamemnon“ im Hafen von Balaklava anfing, der Landarmee die Hand und alle seine Kanonen zu reichen.

Sir Edmund Lyons wurde am 21. November 1790 geboren und hat also bereits sein 64stes Jahr überschritten. Er kam 1801 in den Flottendienst, in welchem er bis 1807 seine Lehrzeit im mittelländischen Meere und einer Expedition nach den Dardanellen zubrachte. Hierauf ging er als Lieutenant auf einem Kriegsschiffe von 64 Kanonen nach Ostindien. Bei der Eroberung der Insel Banilla Neirra (August 1810) erwarb er sich die ersten Lorbeeren. Er war der Erste auf den Wällen des Schlosses Belgico gewesen. Im Jahre 1811 ging er mit der von Indien ausgerüsteten Expedition nach Java zur Eroberung dieser Insel. Hier stürmte er am 30. Juli 1811 in der Nacht die Festung Morrnik mit nicht mehr als 35 Mann und eroberte sie. Die Festung vertheidigte sich mit 54 Kanonen und 180 Mann vergebens. Im weitern Verlaufe dieses barbarischen und unglücklichen Eroberungskrieges wurde er bald dienstunfähig und genöthigt, invalid nach England zurückzukehren. Nachdem er sich erholt und die Capitainswürde erhalten hatte, bekam er das Commando eines eigenen Schiffes, des „Rinaldo“ mit 10 Kanonen, in welchem er 1813 Ludwig XVIII. von Frankreich und die übrigen alliirten Häupter nach England escortirte. Von 1814 bis 1828 lebte er als Privatmann, bis er wieder Dienste im mittelländischen Meere bekam. Mit seinem Schiffe „Blonds“ half er 1828 Navarin blockiren, worauf er eine Expedition nach Morea befehligte, um die Franzosen in Eroberung des Schlosses zu unterstützen, des letzten Haltes der Türken im Peloponnes. Durch die Bravour des Sir Lyons ging dieser letzte Halt nach 12tägigem Kampfe verloren und da die Engländer bei Navarin auch die türkische Flotte zerstörten, hatten es die damals schon Alliirten durch doppelte Siege, die Besieguug der Türken gegen das empörte Griechenland, und Zerstörung ihrer Flotte, welche den Russen im schwarzen Meere hätte Respect einflößen können, dahin gebracht, daß Rußland nur noch die Wahl hinsichtlich der Zeit hatte, um mit den gegenwärtigen Ansprüchen, denen man jetzt so viel Anstrengungen und Blut entgegensetzt, hervorzutreten. Im Lichte der Vergangenheit gewinnt dieser gegenwärtige Krieg in seiner bisherigen Entwickelung (die allerdings erst den Anfang des zweiten Akts einer großen fünfaktigen Tragödie erreicht hat) eine ganz pikante und grelle Farbe, aus der man desto weniger klug wird, je genauer man sie ansieht. Lyons bekam für seine Tapferkeit in Vertreibung der Türken aus Griechenland einen französischen und den Erlöser-Orden von Griechenland, welches neuerdings von England und Frankreich bekanntlich in anderer Manier von seinen Vergrößerungsplänen erlöst ward. –

Im Jahre 1829 brachte Lyons den englischen Gesandten Sir Robert Gordon nach Konstantinopel. Lyons wurde hier mit seinem Kriegsschiffe „Blonds“ der erste Engländer, der ein englisches Kriegsschiff im schwarzen Meere sehen ließ. Im Frühlinge 1833 begleitete er den neuen König Griechenlands, Otto von Bayern, nach Athen –, wo er eine Zeit lang als Regierungsbevollmächtigter blieb. Er ward später zum Baronet erhoben und geadelt. Seine Würde als Rear-Admiral datirt vom 14. Januar 1850.

Er hat zwei Söhne und zwei Töchter, deren eine an den Baron Philipp von Würzburg verheirathet ist.

Sein Hauptruhm im schwarzen Meere besteht in der kühnen und umsichtigen Art, womit er die Landung der Truppen bei Eupatoria befehligte und in seinem Trotze und Todesmuthe, womit er am 17. October blos 500 Yards von den Batterien und blos 2 Fuß tief Wasser unter dem Kiel seines Schiffes „Agamemnon“ das Bombardement von Sebastopol begann und bis in die Nacht fortsetzte. Ohne ihn wäre vielleicht die ganze englische schwarze Meer-Flotte unter Dundas eingeschlossen, während die Belagerer von Sebastopol in Todesschlaf niedergeschmettert wurden.

Ohne Sir E. Lyons hätte Admiral Dundas vielleicht nie die unter den Verhältnissen dringend nothwendigen Dienste der Flottensoldaten auf dem Lande zugegeben. Durch eine frühere und umfangreichere Zusammenwirkung der Marine- und Landtruppen wären vielleicht die demüthigenden Ergebnisse eines Heldenkampfes auf der Krim ganz oder zum Theil vermieden worden. Die Stellungen der Flotten im baltischen und schwarzen Meere waren lächerlich, da der Walfisch immer zu erwarten schien, der Löwe werde zu ihm in’s Wasser kommen, um sich hier ersäufen zu lassen.

[633]

Rear-Admiral Sir E. Lyons.




Kulturgeschichtliche Bilder.

5. Die Bevölkerungsverhältnisse.

Es giebt eine Wissenschaft, die auf den ersten Blick von ermüdender Trockenheit – denn sie hat es zum größern Theile mit Nichts als Zahlen zu thun – bei näherer Bekanntschaft dennoch nicht nur höchst wichtig in ihren Ergebnissen, sondern auch höchst interessant in ihren Forschungen und Aufstellungen ist. Diese Wissenschaft ist die Statistik, d. h. die in bestimmten Zahlengrößen ausgedrückte Kenntniß und Abschätzung der Resultate und der Fortschritte menschlicher Kultur – der geistigen sowohl als der materiellen. Die Statistik ist für die Kulturgeschichte, für die Staatswissenschaft, für die Regierungspolitik eben Das, was für die Naturforschung die Mathematik. Wie die Naturwissenschaften erst seit der Zeit einen allgemeinen Aufschwung und eine festere Grundlage gewannen, als man anfing die Ergebnisse ihrer Beobachtungen und ihrer Experimente mit Hülfe der mathematischen Analysis auf bestimmte Formeln und genau zu berechnende Größenverhältnisse zurückzuführen, ganz ebenso datirt der Aufschwung und die größere Sicherheit unserer Staatswissenschaften, ganz besonders unserer Staats- und Völkerwirthschaftslehre, von der richtigeren Erkenntniß und der sorgsamern Pflege der Statistik. „Zahlen beweisen“ – das ist eine unleugbare Wahrheit, wenn man sie nur recht versteht. Die Zahlen allein freilich, als todte Ziffern, haben weder eine beweisende, noch eine überzeugende Kraft; allein die Thatsachen, die geschichtlichen Wahrheiten sind es, die durch Zahlen zu uns sprechen, eine Gewalt auf uns ausüben, größer als die des glänzendsten Räsonnements. Wenn der Communist sich in philantropischen Klagen ergeht über das in furchtbarer Progression zunehmende Menschenelend und die immer verzweifelter werdenden Zustände der arbeitenden Klassen, wenn er wegen dieser angeblichen Verschlimmerung der socialen Verhältnisse den Kulturfortschritt, die gesteigerte Erwerbsthätigkeit anklagt und von einer noch weitern Entwickelung der letzten, den völligen Ruin der Gesellschaft prophezeiht, so wird Mancher, trotz allen Zweifeln, die er im Stillen gegen die Richtigkeit dieser Behauptungen hegt, dennoch in Verlegenheit sein, wie er dieselben siegreich widerlegen könne, bis die Statistik ihm zu Hülfe kommt – wodurch? Durch ein kleines Häuflein Zahlen, welche die Thatsache feststellen, daß die Massenarmuth in der Gegenwart geringer ist, als sie früher war, daß der Arbeiter von heut sich durchschnittlich besser befindet, als sein Schicksalsgenosse von ehemals, u. s. w.

Wenn die „Hasser“ der Gegenwart, und die Lobredner der „guten alten Zeit“ behaupten, der Bauer habe sich bei dem ehemaligen „patriarchalischen“ Verhältniß zu seiner Grundherrschaft besser gestanden, als jetzt in seinem freien Zustande, so ist die Statistik da, um das Gegentheil zu beweisen, indem sie uns ganz einfach mit Zahlen vorrechnet, in welchem Maße der Werth der Bauergüter, die Beschaffenheit der Wohnungen, der Lebensweise, der geistigen Bildung, der ökonomischen Tüchtigkeit des Bauernstandes sich gehoben habe, seitdem der Bauer sein eigener Herr ist, über sein Besitzthum und seine Person frei verfügen kann und die Früchte seines Fleißes nicht mehr mit einem Andern zu theilen hat. Wenn der einseitige Autoritätsanbeter uns von den Vorzügen solcher Bevölkerungen schwatzt, welche sich durch unbedingte [634] Hingebung an jede politische und kirchliche Autorität und durch blinden Fanatismus gegen jedes selbstständigeres Denken oder Wollen auf weltlichem wie auf kirchlichem Gebiete auszeichnen, so brauchen wir ihm nur die amtlichen Tabellen der Criminalstatistik vor die Augen zu halten, welche darthun, daß nirgends mehr gemeine Verbrechen der gröbsten Art vorkommen, als eben unter diesen „naturwüchsigen“ und „unverbildeten“ Bevölkerungen, um ihn mit seiner ungewaschenen Lobrede zum Schweigen zu bringen.

Man hat diese wichtigen Vortheile der Statistik in der neuern Zeit fast überall anerkannt und gewürdigt. Die Länder, welche die entwickeltste Industrie und Volkswirthschaft besitzen, (wie England, Belgien, unter den deutschen Staaten besonders Preußen und Sachsen) haben sich der Statistik mit dem größten Eifer angenommen und es ist wohl keine unbegründete Annahme, wenn man diesen letztern Fortschritt für eine wesentliche mitwirkende Ursache jenes ersten ansieht. Es wird kaum eine größere politische Rede im englischen Parlamente gehalten, die nicht gespickt wäre mit zahlreichen statistischen Angaben, und es kommt kaum ein Gesetzentwurf von nur einiger Wichtigkeit bei den belgischen Kammern zur Vorlage, der nicht zu seiner Begründung ein Heer von Zahlen aufmarschiren ließe.

Wenn wir daher im Nachstehenden den Versuch machen, unsern Lesern gewisse kulturgeschichtliche Verhältnisse vorzuführen, bei deren Darstellung die statistischen Daten und Zahlen eine überwiegende Rolle spielen, so halten wir uns durch die eben vorausgeschickten Betrachtungen über den Werth solcher statistischer Angaben für gerechtfertigt und geben uns der Hoffnung hin: die Aufmerksamkeit und das Interesse der Leser werde uns auch dabei nicht im Stiche lassen. Wir beginnen mit den Bevölkerungsverhältnissen.

Daß die Bevölkerung aller civilisirten Länder in einem fortwährenden Wachsthume begriffen sei, dürfen wir als eine allgemein bekannte Thatsache voraussetzen. Das Maß dieses Wachsthums ist ein verschiedenartiges: es richtet sich theils nach dem Kulturgrade der Länder, theils nach den für Aufnahme und Ernährung einer größern Bevölkerungszahl vorhandenen natürlichen Bedingungen. In Gegenden mit noch dünner Bevölkerung wird natürlich diese, bei übrigens gleichen Verhältnissen, sich schneller vermehren, als in solchen, die bereits stark bevölkert sind. Die Leichtigkeit des Fortkommens, das Erwerben von Grundeigenthum oder der Betreibung irgend eines, noch nicht durch massenhafte Concurrenz übersetzten Nahrungszweiges zieht von auswärts Ansiedler herbei und veranlaßt unter der eingebornen Bevölkerung häufigere, frühere und fruchtbarere Ehen, als in der Regel dort stattfinden, wo jeder nicht absonderlich vom Glück Begünstigte nur unter den größten Mühen und Sorgen für sich und eine zu gründende Familie ein Auskommen zu finden hoffen darf. So erklärt sich leicht die wahrhaft colossale Vermehrung der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, abgesehen von den politischen Zuständen dieses Landes, die für Viele ebenfalls ein Anreiz zum Uebersiedeln dorthin sind. Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten hat sich von 1799 bis 1850, also in ohngefähr 50 Jahren beinahe versechsfacht; 1799 betrug sie noch nicht 4, 1850 nahezu 24 Millionen. Noch staunenswerther ist diese Zunahme bei einzelnen Orten; so zählte New-York vor 50 Jahren erst 60,000 Einwohner, jetzt hat es deren (ohne die gewöhnlich mit hinzu gerechneten Nachbarorte) über 600,000, also zehnmal so viel. In Europa stellt sich das Durchschnittsverhältniß der Bevölkerungsvermehrung nach den bisherigen Erfahrungen etwa wie 1 zu 80–100, d. h. auf je 80 oder 100 Köpfe der Bevölkerung kommt jährlich ein Kopf mehr, also auf die 42 Millionen Menschen, die man für Deutschland berechnet, jährlich 420,000 bis 520,000. Beiläufig gesagt erhellt hieraus, wie unbegründet die Besorgnisse wegen einer Entvölkerung Deutschlands durch die Auswanderung sind. Denn, wenn auch jährlich 100,000 und noch mehr Menschen auswandern, so beträgt dies immer erst etwa 1/4 des jährlichen Bevölkerungszuwachses.

Bemerkenswerth ist, wie sich das angegebene Durchschnittsverhältniß verschiedenartig modificirt in Bezug auf die bedeutendsten Staaten Europa’s. Nach den Beobachtungen der letzten zwanzig Jahre glauben Manche, daß die Bevölkerung sich verdoppeln werde: in Preußen und Deutschland binnen 30 Jahren, in England binnen 42, in Rußland binnen 66, in Oesterreich binnen 70, in Frankreich erst binnen 130. Andere setzen die Zahl der Jahre, binnen denen eine Verdoppelung der Bevölkerung zu erwarten wäre, folgendermaßen fest: für Rußland 48, Oesterreich 511/2, England 52, Frankreich 125. Nach den bewährtesten statistischen Angaben dagegen scheint die Bevölkerungsvermehrung in den vier Hauptkulturstaaten: England, Preußen, Oesterreich, Frankreich nach der Reihenfolge, in der wir sie hier anführen, vor sich zu gehen. Diese Verschiedenheit rührt theils von den verschiedenen Graden der Dichtigkeit der schon vorhandenen Bevölkerungen, theils von andern Ursachen her. Wäre das erste Moment allein ausschlaggebend, so müßte Rußland die stärkste Bevölkerungsvermehrung haben, denn es beherbergt auf 530 Millionen Hektaren Land nur erst 66 Millionen Menschen; England dagegen die schwächste, denn dort leben auf 31 Millionen Hektaren bereits 29 Mill. Menschen, beinahe auf jeder Hektare einer. In der Mitte liegen Oesterreich, wo auf 68 Mill. Hektaren 39 Mill. Einwohner, Frankreich, wo auf 53 Mill. Hektaren 36 Mill. Einwohner, Preußen, wo auf 28 Mill. Hektaren 17 Mill. Einwohner und das übrige Deutschland, wo auf 24 Mill. Hektaren 18 Mill. Einwohner kommen. Wenn statt dessen die oben angegebene Reihenfolge stattfindet, so ist dies ein Beweis, daß die größere geistige und industrielle Kultur, die größere politische Freiheit und Selbstthätigkeit des Volkes, und das durch alles Dies erzeugte größere Wohlbehagen wesentlich zur Steigerung des Bevölkerungszuwachses mitwirken. Das auffallende Mißverhältniß, worin Frankreich (und zwar übereinstimmend nach allen Annahmen) gegen England, Preußen und selbst Oesterreich steht, läßt sich nur aus dem Mangel eines entwickelten Familienlebens und den in diesem Punkte herrschenden leichtfertigeren Sitten der Mehrzahl des französischen Volkes erklären. Bekannt ist, daß in Frankreich sowohl die Ehelosigkeit verbreiteter als auch die Fruchtbarkeit der Ehen durchschnittlich geringer ist, als irgend wo anders, indem man daselbst nur zwei, höchstens drei Kinder auf eine Ehe rechnet, während in England und Deutschland die Durchschnittszahl zwischen vier und fünf beträgt.

Natürlich hat auch in den einzelnen Ländern die gesteigerte Kultur ein gesteigertes Wachsthum der Bevölkerung zur Folge gehabt. Weniger durch die vermehrte Zahl der Geburten, als durch die verminderte Sterblichkeit. Denn, wenn auch die Steigerung der Gewerbsthätigkeit, und die Verbesserung der technischen Hülfsmittel für dieselbe, die vervollkommnete Gesetzgebung und die erhöhte gewerbliche und überhaupt geistige Bildung der Völker den Einzelnen viele neue Wege des Fortkommens aufschließen und es dadurch möglich machen, daß auf dem gleichen Raume eine viel größere Bevölkerung als ehedem, sich ernähren und wohlbefinden kann, so ist es doch natürlich, daß, je mehr die Bevölkerung anwächst, desto schwerer für den Einzelnen die Begründung eines Hausstandes, die Ernährung einer Familie werden muß. Zeiten langen friedlichen Behagens und eines gleichmäßigen allgemeinen Wohlstandes sind daher der Vermehrung der Ehen und der Geburten bisweilen weniger günstig, als solche Zeiten, welche auf verwüstende Kriege oder große Handelscalamitäten folgen, während deren die Bevölkerungsbewegung still stand oder zurückging. So ist die Zahl der geschlossenen Ehen im Verhältniß zur Bevölkerungszahl in Deutschland kaum wieder so groß gewesen, als unmittelbar nach dem Ende des 30jährigen Kriegs. Indeß finden wir doch im Allgemeinen eine, wenn auch nur geringe Zunahme der Geburten im Verhältniß zu ehemals. Die Klage, daß das Eingehen eines Ehebündnisses und die Gründung eines eigenen Haushaltes heutzutage viel schwerer und in der Regel erst in weit späterem Alter möglich sei, als zu den Zeiten unserer Groß- und Urgroßväter, erweist sich, im allgemeinen Durchschnitt, als unbegründet, denn schon damals konnte ein großer Theil der männlichen Jugend selten vor dem 30. Jahre an’s Heirathen denken, und namentlich in den größern Städten fanden Ehebündnisse wohl kaum häufiger und kaum in früherem Alter statt, als gegenwärtig. Man schob dies damals (wie auch wohl noch heute öfters) auf den eingerissenen Luxus, besonders aber auf den Mangel an Wirthschaftlichkeit und die verschwenderischen Sitten des weiblichen Geschlechts. Auffallend ist in der damaligen Zeit die geringe Fruchtbarkeit der Ehen gerade in den reichsten und blühendsten Städten. In Berlin rechnet man durchschnittlich 3,8 Kinder auf eine Ehe, in Augsburg 3,3, in Leipzig 2,9 und eine Zeit lang gar nur 2,6. Der allgemeine Durchschnitt (3,13 für die sämmtlichen preußischen Lande) war 4,2 Zwischen 1815–30 dagegen betrug derselbe in Preußen 4,22, in Sachsen 4,58, in Württemberg 4,76, – überall also mehr, als früher.

[635] Wir müssen hierbei noch ein merkwürdiges Mißverhältniß berühren, welches sich in der Bevölkerungsbewegung vieler größern Städte Deutschlands im vorigen Jahrhundert zeigt. Dasselbe bestand darin, daß die Zahl der Sterbefälle regelmäßig die Zahl der Geburten überstieg, sodaß der einheimische Bevölkerungsstamm eigentlich in fortwährendem Abnehmen begriffen war und nur durch Einwanderungen von außen wieder ergänzt oder vermehrt werden konnte. Am Auffallendsten zeigt sich dieses Mißverhältniß in Leipzig, denn hier verhielt sich die Zahl der jährlichen Geburten zu der Zahl der jährlichen Todesfälle wie 3 zu 4, d. h.: von den etwa 30,000 Einwohnern, welche Leipzig damals hatte, starben jährlich im Durchschnitt 1100, während nur 860 durch Geburten hinzukamen, sodaß der eigentliche Bevölkerungsstamm jedes Jahr um dritthalbhundert Menschen verringert wurde, die durch Zugänge von auswärts ersetzt werden mußten. Mehr oder minder ähnlich war das Verhältniß in Berlin, Wien, Dresden, Frankfurt a. M., Augsburg. Nürnberg, München, u. s. w.; heutzutage findet bekanntlich, mit seltenen Ausnahmen, überall das Gegentheil statt, ein regelmäßiger Ueberschuß der Gebornen über die Gestorbenen. Jenes frühere Mißverhältniß rührte wohl größtentheils daher, daß in den genannten Orten und den ihnen gleichartigen durch glänzende Hofhaltungen, künstliche gewerbspolitische Maßregeln oder auf sonst welche Weise die Erwerbszustände eine derartige Gestalt angenommen hatten, daß sie zwar viele Menschen durch die Aussicht auf große Gewinnste und leichtes Fortkommen anlockten, daß aber ein großer Theil dieser Einwanderer und selbst der Einheimischen zu einer eigentlichen Selbstständigkeit des Erwerbes, einer festen Niederlassung und der Gründung einer Familie es nicht brachte. In Berlin z. B. lebten unter ohngefähr 110,000 Einwohnern vom Civil 21,000 unverheirathete und keiner verheirateten Familie angehörige Personen.

Die gegentheilige Erscheinung zeigt sich schon damals bei den Orten, welche durch eine zwar weniger glänzende und in’s Große getriebene, aber mehr auf eignen Füßen stehende und innerlich gesunde Industrie emporstrebten, insbesondere den gewerbfleißigen Mittelstädten Sachsens und Thüringens, Chemnitz, Bautzen, Zittau, Görlitz, Altenburg, Erfurt u. s. w. Hier wuchs die Bevölkerung, nicht hastig aber stetig, von innen heraus, durch regelmäßige Überschüsse der Geburten über die Sterbefälle.

Im Allgemeinen hat – und darin zeigt sich eine unzweifelhafte erfreuliche Folge des geschehenen Kulturfortschritts – die Sterblichkeit in der neuern Zeit gegen früher ganz entschieden und theilweise sehr bedeutend abgenommen. In England starb zu Ende des 17. Jahrhunderts, so viel sich aus damaligen Angaben schließen läßt, durchschnittlich im Jahr ein Mensch von 25, höchstens 30, zu Anfange des 18. Jahrh, einer von 32, zwischen 1730 und 1740 einer von 34,5, 1841 aber einer von 43. In Frankreich war dieses Verhältniß vor 50 Jahren 1 zu 35, vor 10 Jahren zu 42,25. In Preußen starb zwischen 1748–93 durchschnittlich im Jahr der 33., zwischen 1816/49 der 35. Mensch; in Hannover früher der 35., neuerdings nur der 44.–45., in Böhmen 1784–1814 der 30., 1815–28 der 34. Kurz, überall verminderte Sterblichkeit. Das Verhältniß der Geburten und der Todesfälle zur Kopfzahl der vorhandenen Bevölkerung (welche beide Verhältnisse mit einander verglichen, den Maßstab für das Wachsthum oder die Verringerung ergeben) wird für einige Hauptländer Europa’s heutzutage folgendermaßen angegeben:

für England das erste wie 1 zu 31, das zweite wie 1 zu 46,2 [1]
Preußen 1 23,6 1 34,58
Oesterreich 1 25,3 1 33,1
Baiern 1 28 1 33,4
Frankreich 1 35 1 42,6

Die Ursachen der vermehrten Lebensdauer der Menschen sind theils in der im Allgemeinen bessern und reichlichern Nahrung (wir kommen auf diesen Punkt in einem folgenden Artikel zurück), theils und wohl hauptsächlich in der verbesserten Gesundheitspflege und Heilkunde, so wie in der Ueberwindung oder doch Milderung gewisser das menschliche Leben bedrohender Naturwirkungen, durch die Fortschritte menschlicher Kultur zu suchen. Um in diesen Beziehungen nur Einiges anzuführen, so hat die Erfindung und allgemeine Einführung jenes wirksamen Gegengiftes gegen die natürlichen Blattern, der Kuhpockenimpfung, Tausenden von Kindern und Erwachsenen das Leben gerettet, welche in früheren Zeiten regelmäßig durch jenes Uebel hinweggerafft wurden. In Württemberg z. B. starb noch im letzten Dritttheil des vorigen Jahrhunderts 1/13 aller Kinder an den Pocken, dagegen zwischen 1822 und 1833 nur noch 1/1600. Ansteckende Krankheiten, zu denen meist die damals so häufigen Kriege, bisweilen auch Hungersnoth und schlechte Nahrungsmittel den Grund legten, oder die, bei dem Mangel zweckmäßiger Quarantaineanstalten, vom Auslande eingeschleppt wurden, verwüsteten, in frühern Jahrhunderten, wiederholt die europäischen Länder und auch unser Vaterland. Die furchtbarste Seuche dieser Art war der um die Mitte des 14. Jahrh. von Asien aus über Europa sich ausbreitende „schwarze Tod,“ dessen Verheerungen so ungeheuer waren, daß, wie Geschichtsschreiber berichten, man die Todten unbegraben ließ, die Ernte nicht mehr besorgt wurde, die Hausthiere verwildert auf den Feldern umherliefen und selbst Gatten, Aeltern und Kinder einander flohen, da Jedermann nur auf seine eigne Rettung bedacht und jedes Band menschlicher Gesellschaft gelöst war. Volle 50 Jahre lang zog dieser Würgengel über Europa, Asien, Afrika hin. In London sollen 80,000, in Paris 100,000, in Wien eine Zeit lang täglich 7–800 Menschen an dieser Seuche gestorben sein. In den gesammten Franziskanerklöstern Europa’s kamen, nach dem Berichte ihres Generals zu Rom, 124,400 Menschen daran um. Zwei berühmte Zeitgenossen dieser furchtbaren Verheerungen, die Dichter Petrarca und Boccacio[WS 1], haben uns Schilderungen derselben hinterlassen, welche die unermeßliche Größe des Uebels vollkommen bestätigen. Wenn auch nicht ganz so heftig, kehrte doch die Seuche (oder „Pest,“ wie man sie nannte) in den folgenden Jahrhunderten mehrmals wieder, in Zwischenräumen von 20, 50 bis 60 Jahren. Ihr letzter großer Ausbruch fällt in das Jahr 1713. Aber auch solche Krankheiten, welche jetzt die menschliche Kunst, bei rechtzeitiger Fürsorge, gewöhnlich sicher zu heilen versteht, welche wenigstens in der Regel nur vereinzelte Todesfälle herbeiführen, traten damals fast immer epidemieartig auf und forderten ihre Opfer gleich zu Hunderten. So raffte noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts ein sogenannter „böser Hals“ (wahrscheinlich die Bräune) in manchen Gegenden Deutschlands eine furchtbare Menge Kinder auf einmal hin. So starben in Berlin 1751 (bei einer Bevölkerung nicht viel größer als die des heutigen Leipzigs) binnen 18 Wochen 500 Kinder nur allein an den Masern.

In einem Bezirke, wo die gewöhnliche Zahl der jährlichen Todesfälle 400 betrug, erlagen den Masern, Pocken und hitzigen Brustfiebern in einem Jahre über 500 Menschen, sodaß die Sterblichkeit auf mehr als das Doppelte stieg. Der Hungertyphus brachte nicht minder bedeutende Verheerungen hervor. In Sachsen, welches damals 11/2 Mill. Einwohner zählte, sollen in den Nothjahren 1771–72 150,000 Menschen daran gestorben sein, also 1/10 der Bevölkerung. Und dergleichen Nothstände (wenn auch nicht so arg, wie in den erwähnten Jahren) pflegten damals durchschnittlich fast in jedem Jahrzehnt sich einzustellen, denn das Land war noch zu wenig und zu unvollkommen angebaut, und für rechtzeitige Versorgung der Mangel leidenden Gegenden mit auswärtiger Zufuhr fehlte es theils an der nöthigen volkswirthschaftlichen Fürsorge, theils an hinreichenden Verkehrs- und Transportmitteln.

Aber, könnte man hier fragen, ist denn das immer raschere Anwachsen der Bevölkerung eines Landes auch wirklich ein Glück für dasselbe? Oder ist nicht vielmehr die Gefahr der Uebervölkerung eine der furchtbarsten, die ein Land treffen kann? Auf diese Frage können wir nur Antwort geben, indem wir eine andere Gruppe von Verhältnissen, die Nahrungs- oder Erwerbsverhältnisse der vorhandenen Bevölkerung, ebenfalls geschichtlich und statistisch beleuchten. Damit wollen wir uns in einem besondern Artikel beschäftigen.

[636]

Amerikanische Briefe.

Von Canada nach Cincinnati.
Toronto, die Hauptstadt des westlichen Canada. – Die Farbigen in Amerika und in Canada. – Todeskeim der amerikanischen Freistaaten. – Poesie in Holz von Deutschen. – Der Held der Civilisation in der Wildniß. – Das kanadische London an der Themse. – Reise durch die canadischen Grenzgebiete nach den Freistaaten. – Gesammt-Urtheil über Canada und seine Vorzüge vor den „freien Staaten“. – Detroit, das Thor zum neuen Westen. – Chicago. – Civilisirte Indianer. – Colonien entkommener Sklaven. – Cleveland. – Ein Feldlager der Civilisation. – Cincinnati, Königin des Westens, deutsche Sonne des neuen Cultur-Planetariums. – Deutsche Arbeiter als Könige der Maschinen. – Industrielle Leistungen Cincinnati’s. – Metropolis der Schweine und Erdbeeren. – Die Wein- und geistige Cultur Cincinnati’s.

Da sitz’ ich endlich in New-York, dem am Wenigsten amerikanischen Orte, dem Sp…napfe aller Nationen, nach welchem gleichwohl die meisten Urtheile über die neue Welt zugeschnitten oder wenigstens geschmückt werden, im Gewahrsam eines dicken deutschen Wirths, der mit gewissen ihm anvertrauten Geldern zu gewissen Zwecken herübergesandt ward, dafür aber eine „Kneipe“ anlegte und seine „Freunde“ auslachte. Doch darum will ich mich weiter nicht bekümmern. Hab’ ich doch ein hübsches ruhiges Zimmer, wenn auch nicht gerade in Broadway, so doch nahe genug, um mit wenigen Schritten in den Hauptstrom dieses Lebens hineinzulaufen. Aber so weit bin ich noch lange nicht. Um meinen Briefen den nöthigen Zusammenhang zu geben, muß ich an die Niagarafälle zurück, die ich Ihnen zuletzt, ebenfalls in einem deutschen Hause, zwar nicht besang, doch hoffentlich so schilderte, daß ich keinen Anlaß zu falschen Vorstellungen gegeben haben werde. Von den Niagarafällen dampfte ich nach Toronto, die rasch aufblühende Hauptstadt des westlichen Canada, von deren Größe, Schönheit, Bildung, Industrie und Handel man in wenigen Jahren Wunderdinge hören wird. Vor dreißig Jahren noch ein indianisches Dorf mit ein Paar Dutzend erbärmlichen Wigwams zählt sie jetzt 50,000 Einwohner und vielleicht ein Paar Tausend mehr, ehe Sie dieser Brief erreicht. Die breiten, graden, luftigen Straßen laufen nach allen Seiten in Baustellen hinaus, wo überall mit Fieberhitze gebaut wird, und die Leute mit Gold bezahlt werden. Dabei fehlt’s noch überall, und jede vier Wände mit einer Thür kosten mehr, als in Deutschland ein vierstöckiges Haus. Wie stolz und heiter senkt sich die Stadt von ihren fruchtbaren (durch Rücktritt des Ontario-Sees entstandener) Terrassen nach dem unbegrenzten Wasserspiegel herab, auf dem Dampf- und Segelschiffe und Boote und Kähne aller Art und Größe im hellen Sonnenschein glänzen und fliegen! Hinter uns donnern Eisenbahnen, um die lebendigen Meeresarme nach allen Theilen Amerika’s über Land zu verlängern. In den Straßen, welche Perlenreihen glänzender Häuser und Läden und Fabriken und Werkstellen und Schulen und Bildungsanstalten! – Sie wünschen, nach Ihrem letzten Briefe, mehr „geschlossene Bilder,“ lieber Keil! Wie soll man solche Bilder, die sich nach allen Seiten stets lebendig und flüssig in’s Unabsehbare ausdehnen und sich kaleidoskopisch stets ändern, abschließen? Verlangen Sie von einem Reisenden in dieser neuen Welt überhaupt nichts künstlerisch Geschlossenes. – Das künstlerische Element, wozu Ruhe der Befriedigung gehört, kommt in Amerika noch lange nicht. Lassen Sie mich aufschreiben, was ich in meinem Tagebuche notirt und in meiner Erinnerung wiederfinde, wie sich’s eben in der Wirklichkeit gab, so muß das eine Vorstellung von diesem wirklichen Leben hervorrufen. Und damit sei’s genug. Zu geschlossenen Bildern gehören Studien und Bücher, das aus der Wirklichkeit überall her Zusammengetragene parthieenweise und systematisch mit Ueberschriften und Abtheilungen abzuhandeln.

Ich sagte, wie Toronto als allgemeines Bild aussieht: ein unruhiges, nirgends begrenztes jugendliches Werden und Streben. Wozu einen Rahmen darum machen und die Wirklichkeit belügen? Lassen Sie’s nur strömen und bauen und bilden, damit wir sehen, was der gebildete, freigelassene Menschengeist zu leisten vermag. Und hier sind wir mehr auf Canada verwiesen, als auf die nordamerikanischen Freistaaten, welche in der Sklaverei einer ganzen Race und aller ihrer Spielarten und Färbungen, einen Todeskeim in sich tragen, wie Rom, wie Griechenland, wie alle Staaten, wo ganze Klassen und Stände als die blos zum Dienen und Gehorchen Bestimmten behandelt werden. In Toronto saß ich in einer weißen Familie mit zwei wunderhübschen farbigen Damen und ihrem prächtigen schwarzbraunen Vater zu Tische. In einem New-Yorker Kaffeehause spie ein „weißer“ Lastträger einem feingekleideten Herrn, der nur sehr wenig in’s Farbige spielte, auf die glanzlackirten Stiefeln und endlich gar auf den Rock, worüber sich die andern „Weißen“ köstlich amüsirten und dem Lastträger Complimente machten, als der Farbige gegangen war. Hier sah ich den Todeskeim, dort den des Lebens. Nachdem durch die Nebraskabill des Congresses die Sklaverei Hunderte von Quadratmeilen neues Terrain gewonnen, nachdem die Auserwählten des Volks das Grundgesetz der Freiheit, die klare Bestimmung, welches diese Ausdehnung verbot, auf den Antrag des Senators Douglas, der vorher dem Kaiser von Rußland die größten Schmeicheleien über die schöne Zukunft seines Landes gesagt, aufgehoben und vernichtet haben, ist an eine civilisirte Aufhebung der Sklaverei in Amerika nicht mehr zu denken, um so weniger, da früher oder später noch der größte Sklaven-Interessent – Cuba – hinzukommen wird. So wird sich die „Race“ in unendlichen Spielarten vermehren und zunehmen an Rachedurst und Gift, bis sie ausbricht und sich weiß wäscht in dem Blute der Weißen, der Yankee’s, der „Know nothings,“ welche jetzt als Verschworne des „Nichtswissens“ auch die Deutschen und andere Einwanderer „färben“ und brandmarken möchten. Eine Combination der Deutschen mit den Farbigen, die durch das Bestreben Ersterer gegen die Sklaverei schon sittlich gegeben ist und durch die Bornirtheit der Know nothings mit Gewalt zu Gewalt getrieben wird, ist vielleicht nicht so fern, als wir glauben.

Canada ist rein von diesem Schandfleck, es ist das freie, freudige Asyl von Hunderttausenden, welche durch die südlichen und nördlichen Staaten wie gehetztes und verfolgtes Wild getrieben wurden. Canada hat deshalb allein eine ungetrübte Aussicht in die Zukunft. Möglich, daß ich, erhitzt und empört über die Scene im Kaffeehause und andere ähnlicher Art, zu schwarz sehe, aber Thatsache bleibt es, daß die auch in den nördlichen Freistaaten herrschende, viel empörendere, moralische Sklaverei, d. h. die sociale Unterdrückung und Verachtung gegen alle Arten von Farbigen (auch die, die ganz weiß aussehen und nur in dem Rufe stehen, daß einst vor drei, vier Generationen ihre Vorfahren Farbe hatten), gegen alle Arten von freien, gebildeten, moralisch edeln Farbigen eine in dem Yankee-Charakter tief wurzelnde Geisteskrankheit ist, die ohne gründliche, in’s Innerste schneidende Operation nicht kurirt werden kann. Darüber später noch ein Wort. Von dem heitern, nach allen Seiten hin üppig aufquellenden Toronto will ich nur noch erwähnen, daß es sich durch die herrlichsten Industrie-, noch mehr durch Schulen und Bildungsanstalten auszeichnet. Ich war in der großen Tischlerei der Herren Jacques und Hay, eines Franzosen und eines Engländers, in deren Anstalt über hundert Handwerker und Künstler, darunter viele Deutsche, die geschmackvollsten Kunstwerke und Meubles produciren, besonders Putzzimmer-Poesie von schwarzem Wallnußholz. Vor meinen Augen verwandelte sich binnen zehn Minuten ein rohes Stück Holz in die niedlichste Bettstelle. Das klingt gewiß Jedem unglaublich, der nichts weiß von den genialen, complicirten Hobel-, Drechsel-, Säge-, Preß- und Fugmaschinen, welche hier unter der Leitung von hundert Menschen die Arbeit von achthundert Tischlern besser und billiger thun, als die besten derselben in Paris oder Berlin. In Cincinnati sah ich diese Maschinerie noch in großartigerm Maßstabe. Ich weiß nicht, ob ich davon ein ausführliches, geschlossenes Bild geben kann. Wenigstens müßten andere charakteristische Stoffe darunter leiden. Ist es nicht besser, wenn ich möglich viele Materialien und Erscheinungen, die sich mir als merkwürdig aufdrängten, nur eben mittheile, statt ein Paar Einzelnheiten gründlich zu behandeln und alles Andere liegen zu lassen? Ich wollte Toronto möglichst kurz abfertigen, aber kann ich es, ohne wenigstens zu sagen, wie herrlich hier die Schulen und Bildungsanstalten blühen und aufblühen?

Toronto hat seine Universität, sein Gymnasium (College), seine Seminarien, seine Real-, technischen und Elementarschulen und eine Normal- und Modellschule. Letztere ist schon als Gebäude im besten italienischen Stile eine der Hauptschönheiten der [637] Stadt und als der Brennpunkt für die Normen und Formen aller Arten von Schulunterricht für ganz Canada von der größten Bedeutung. Obgleich ein Geistlicher, Dr. Ryerson, an ihrer Spitze steht, giebt sie doch das Muster für „Secular“-Unterricht durch ganz Canada, d. h. mit Ausschluß der Religion, welche als Sache des Einzelnen auch dem Einzelnen zur freien Wahl bleibt. Sie ist specielles Haupt von etwa 3000 Schulen im westlichen Canada allein, deren Kosten, etwa 700,000 Thaler, zu vier Fünfteln durch freie Beisteuer der einzelnen Gemeinden aufgebracht werden. Mit den Schulen stehen reich ausgestattete Bibliotheken zur unentgeltlichen Benutzung für Jedermann in Verbindung. Als Sitz der Regierung, der Haupt-Gerichte, der Universität und Normalschule vereinigt Toronto eine große Menge reiche, gebildete und gelehrte Familien in sich und giebt dem heitern, blühenden Aussehen der Stadt und Bevölkerung etwas ungemein Vornehmes und Geschmackvolles. Ich erinnere mich nicht, irgend einen rohen oder schmutzigen Menschen gesehen zu haben. Selbst gewöhnliche Handlanger bei Bauten verwandelten sich mit dem Feierabend sofort in gutgekleidete Herren mit weißer Wäsche und gewichsten Stiefeln. Nach Boston und Philadelphia ist Toronto der Hauptsitz für Gelehrte, Gebildete und Männer der Muße und des Geschmacks. Ich erwähne nur noch, daß Toronto ein guter Platz für Auswanderer ist, insofern sie hier nach allen Seiten die besten Gelegenheiten haben, sich überall einzufinden, wo sie am Willkommensten sind. Bauverständige, Zimmerleute, Tischler, Maurer u. s. w. finden vielleicht noch Jahre lang mit Gold bezahlte Arbeit in Toronto selbst.

Von Hamilton, Dundas, Guelph und andern blühenden Städten um Toronto herum, von dem malerischen Wechsel der Kultur in Zickzackzäunen mit Wald, Wildniß und Berg, den vielen einzelnen und traubenartig zusammenhängenden Farms und einigen persönlichen Erlebnissen im westlichen Canada will ich der Kürze wegen gar nichts sagen; nur halte ich es für erwähnenswerth, daß ich am großen Flusse (Grand River) hinunter, etwa 9 Meilen von Toronto auf eine lange Doppelreihe deutscher Colonien in dem blühendsten Zustande kam. Unsere Landsleute hatten alle vortreffliche Häuser und Gärten, Wiesen, Felder, gut genährtes Vieh und innerhalb derselben nicht selten die hübschesten städtischen Luxussachen. In ihnen sah’s heiter und behäbig, um sie herum malerisch im entzückendsten Grade aus. Wälder, Berge, Villa’s, Felder, Wiesen, Wasser, lachende Blumen, dahinter düsterer Urwald, gute Arbeit und guter Absatz in den benachbarten Städten Galt, Dumfries[WS 2] u. s. w., und das schwellendste Leben der Kultur, Industrie und des Handels das ganze lachende Thal des großen Flusses bis an den Erie-See hinunter. Von den neuen Städten mit bekannten Namen, als da sind: Paris, „London an der Themse,“ Godwich u. s. w. habe ich selbst nichts gesehen, aber viel davon gehört, namentlich von dem kanadischen „London an der Themse,“ wo sich die Bevölkerung seit 1827 um 550 Procent vermehrt hat, nachdem diese Gegend von jeher als die unwirthlichste, welche die ersten Ansiedler kaum vor dem Hungertod schützte, verschrieen war. Jetzt gehört, wie das Sprichwort sagt, ordentliches Genie dazu, wenn man will, daß es Einem nicht wohlgehe. London war 1825 noch eine Wüste, jetzt zählt es 24,000 wohlhabende Einwohner. Und nun noch ein Wort von dem Helden, der diese ganze Gegend gleichsam aus Nichts schuf oder sie vielmehr Schritt für Schritt der barbarischsten Natur durch einen 30jährigen Krieg abgewann, einem Eroberer, gegen welchen die Alexander’s und Cäsar’s u. s. w. erst recht als Barbaren erscheinen.

Thomas Talbot, ein adeliger Irländer, englischer Lieutenant, wanderte 1791 nach Canada aus, wo er im Dienste des Gouverneurs das Terrain jenseits des Huronen-Sees untersuchen und für künftige Städte und Dörfer abmessen half. Die Wildniß gefiel ihm als Urstoff für künftige Civilisation. Um nicht allein zu civilisiren, kehrte er 1800 nach England zurück, um seine Braut abzuholen, welche sich aber inzwischen schon mit einem stillen Manne verheirathet hatte. Talbot ward von dieser Zeit an der gründlichste und konsequenteste Feind des schwachen Geschlechts und blieb es bis in sein spätestes Greisenalter. Mit einem von der Regierung bewilligten Stück Wildniß, das er auf etwa 100,000 Morgen abgeschätzt hatte, sich aber hernach siebenfach größer erwies, vermählte er sich und erhob dieselbe zur Mutter der dichtesten Civilisation, die sich noch mitten im Urwald wie ein Paradies entfaltet. Im Jahre 1803 drang er mit einigen entschlossenen Männern, Aexten, Beilen, Sägen u. s. w. im Norden des Erie-Sees in die von Huronen und Chippeways durchstreifte Wildniß und faßte Fuß mindestens 40 geographische Meilen von der nächsten Niederlassung eines Weißen. Hier blieb er bis zum Frühjahre 1814 – also über 12 Jahre lang – gänzlich verborgen, sodaß Niemand mehr an seine Existenz glaubte, und auch damals hörte man nur unverbürgte Gerüchte. Erst 1819, als die Fluth der Auswanderung begann, entdeckte man ihn und seine Thaten wirklich, und erst jetzt hörte Talbot zum ersten Male, daß es in Europa einen Napoleon und eine Schlacht bei Waterloo gegeben habe. Zwei Drittel seiner Begleiter waren verhungert und erfroren. Mit dem Reste hatte er sich 16 Jahre lang ununterbrochen in die Wildniß hineingehackt und gehauen, und ihr allmälig etwas Boden für Saaten und Viehfutter abgezwungen. Er wohnte in einem Hause, das ganz aus Urwald zurechtgehackt war, mit Meubles und Betten, alle der Wildniß abgewonnen. Erst fanden sich einzelne kühne Auswanderer auf seinem Terrain ein, dann mehr und mehr, bis er förmlich in die Mode kam, da sich von seiner Regierung, deren weltliche und geistliche Gewalt er persönlich in sich vereinigte, so daß er taufte, trauete, Strafen und Lohn dictirte, Steuern beschloß und eintrieb, die romanhaftesten Geschichten verbreitete. Seine erste Stadt, St. Thomas, blühte rasch auf, dazu kamen Fort Talbot und 1827 London, dann immer mehr, so daß das eigentliche „Talbot-Land,“ wo 1803 von 40 Menschen 25 verhungert und erfroren waren, jetzt 30 Städte, 200,000 Morgen cultivirtes Land und unzählige Farms und Dörfer mit 80,000 wohlhabenden und alle Tage reicher werdenden Bewohnern ausweisen kann. Der Held dieser Schöpfung starb am 5. Februar 1853 in London, seiner Hauptschöpfung, in einem Alter von 81 Jahren, ohne je eine Frau berührt zu haben. Nach Niederlegung seiner weltlichen und geistlichen Gewalt lebte er ruhig und einsiedlerisch in seinem Blockhause weiter, wo nur durch die Kühnheit und List seines Bedienten eine Frau Zutritt fand. Der Diener, des Junggesellenlebens müde, heirathete plötzlich eine Irländerin und brachte sie „auf Tod und Leben“ in’s Haus. Der alte Held schwieg und ließ sich gefallen, daß die Frau Haus und Küche besorgte. Sein Blockhaus, hingeklebt auf einen hohen, über den Erie-See hinausragenden Felsen, hätte ihn vielleicht noch länger am Leben erhalten; denn so wie er in die Civilisation von London kam, starb er. Seine Schöpfung ist eine der großartigsten und heldenmüthigsten in der Geschichte, seine Eroberungen sind für jeden Schlachtenhelden und Länder- und Völkerunterjocher das wirkliche Brandmal.

Man vergleiche unsere historischen, in Geschichtsbüchern genau beschriebenen und in Examen abgefragten Eroberungen mit denen eines Talbot. Cäsar, Alexander, Napoleon haben so und so viel Städte und Dörfer verbrannt und so und so viel Hunderttausende von Menschen umgebracht, deshalb heißen sie große Männer der Geschichte. Thomas Talbot hat hunderttausend Bäume niedergehauen und Tausende von Häusern und Tausende von Menschen darin und ihren Reichthum und Wohlstand geschaffen und eine Kultursonne entzündet, deren Strahlen fortwährend nach allen Seiten Wildniß vertreibend, Wälder lichtend, Leben und Bildung erzeugen und erwärmen. Und Thomas Talbot steht in keinem Geschichtsbuche.

Meine abenteuerliche Reise von Toronto durch die kanadischen Grenzgebiete und ihre noch barbarischen Zollhäuser, Zöllner und Sünder, die Versetzung über den St. Clair-Fluß nach den nordamerikanischen Freistaaten, zunächst nach Detroit in Michigan, durch civilisirte Indianer-Niederlassungen auf der Melville-Insel (im St. Clair) und gedeihende Dörferreihen entkommener Sklaven am kanadischen Ufer des St. Clair darf ich nicht skizziren, da dies Alles in’s Bereich persönlicher Erlebnisse und Empfindungen darüber fallen würde, Sie mich aber versichern, daß dem deutschen Leser an meinen persönlichen Erlebnissen nichts liegen könne. Ich bemerke hierzu nur, daß ich persönliche Begegnisse nur insofern mit berührte, als sie zur Charakteristik amerikanischer Verhältnisse beizutragen geeignet erschienen, durchaus nicht in Voraussetzung einer Theilnahme an der Person eines Unbekannten. Reisende haben das immer so gemacht. Und das ist richtig. Auf Reisen hat man eben nicht Zeit, einzelne Parthieen gründlich und geschlossen zu studiren und darzustellen, deshalb hält man sich an das [638] wirklich Gesehene und Erlebte und erspart sich und dem Leser falsche Ansichten und Darstellungen.

Ehe ich von den englischen Besitzungen in Amerika scheide, theile ich die hauptsächlichsten Thatsachen mit, die zur Bildung eines richtigen Gesammt-Urtheils gehören.

Die Canadier sind Engländer mit deren Freiheit, ohne deren Steuerlasten, ohne deren Heuchelei und Schauspielerei eines „High life“ (vornehme Klassen), ohne deren Kirche, die mehr kostet, als das ganze preußische Militair, ohne deren Minister und Land-Aristokraten, sind freie Amerikaner, ohne den tiefen Schandfleck von Sklaverei, der im Norden Amerika’s die Leute moralisch, im Süden factisch, entehrt. Deshalb findet man in Canada alle Vortheile Englands und Amerika’s ohne deren Lasten und Verunstaltungen. Die Ländermasse, über welche die Kultur ihre Felder-, Gärten-, Eisenbahn- und Kanalnetze zieht, bildet größtentheils herrliche Landschaften mit fruchtbarem Boden, auf welchem ein heißer, dauernder Sommer alle Naturkräfte zur höchsten Thätigkeit ruft und im dauernden Winter sie in tiefen, ruhigen, stärkenden Schlaf versenkt, während welcher Zeit die Menschen auf Schnee und Eis lustig in Schlitten- und Schlittschuhparthieen ihre Muskeln stählen und ihre Lebensgeister frisch und frei erhalten. Weder politisch noch finanziell angegriffen dehnt sich die dünne Bevölkerung rasch in Wohlstand und Masse aus und vermehrte sich seit 1763 von 60,000 auf mehr als 2 Millionen in Verhältnissen, die eine Verdoppelung aller 10 Jahre erwarten lassen. Der steigende Wohlstand geht aus der Thatsache hervor, daß das Grundeigenthum im westlichen Canada allein, 1763 auf 14 Millionen Thaler abgeschätzt, im Jahre 1852 schon den Werth von 260 Millionen Thaler erreicht hatte. Dabei kamen schon 1851 über 10 Thaler importirte Güter auf jeden Kopf. Im Jahre 1852 vermehrte sich das Postwesen um 250 Anstalten und circulirte auf einem Gebiete von mehr als 3 Millionen englischen Meilen. Diese Zahlen sind die Armeen von Canada. Kupfer-, Kohlen- und Eisenminen. Nutzholz für die ganze Welt, Schifffahrt, Eisenbahnbauteu u. s. w. enthalten noch goldene Schätze für kommende Millionen von Menschen. Grund und Boden ist überall billig zu haben und wird in jeder Stadt durch gedruckte Listen von 20 Sgr. bis 10 Thaler für den Acker (je nach Lage und Fruchtbarkeit, Kultur oder Wildheit) ausgeboten. Für 2 – 3 Thaler per Acker bekommt man guten Urboden, der oft cultivirtem vorzuziehen ist, da derselbe oft bis auf’s Aeußerste erschöpft ward, ehe man ihn ausbot. Jeder Mensch mit blos ein Paar gesunden Armen kann täglich 1 Thlr. 10 Sgr. verdienen, Bauhandwerker werden mit 2, 3 und mehr Thalern Tagelohn bezahlt. Da die Nachfrage für Arbeit viel schneller wächst, als das Angebot, müssen die Arbeitslöhne noch lange steigen.

Detroit, am St. Clair-Flusse, vor hundert Jahren ein kleines französisches Dorf von Holz, wo man die von Indianern erbeuteten Rauchwaaren in Empfang nahm, ist jetzt eine blühende, weite Stadt mit breiten, geschäftigen, baumbeschatteten Straßen, stolzen Geldfestungen (Banken), riesigen Hotels und sechs Stockwerke hohen Vorrathshäusern, die Schwelle des großen Westens: Illinois, Wisconsin, Iova u. s. w., wo Leben und Kultur noch schneller aufquellen und anschwellen, als in den ältern nordamerikanischen Freistaaten. Als Beispiel führen wir das 1831 zuerst begonnene Chicago am westlichen Gestade des Michigan-Sees (Illinois) an, welches jetzt 65,000 Einwohner zählt. Im Jahre 1830 noch eine ganz menschenleere Wüste, jetzt mit 65,000 wohlhabenden Bewohnern in stolzen Häusern mitten in goldenen Feldern, Farms und Gärten! Vor 40 Jahren wurde der ganze Boden, auf welchem Chicago steht, für 500 Dollars ausgeboten. Jetzt wird die Baustelle zu einem einzigen Lagerhause mit 10,000 Dollars bezahlt. Detroit ist die Schwelle, das Thor zu dieser neueren Welt des Westens in der neuen Welt und daher von steigender Handels- und Kultur-Bedeutung, an welcher die Deutschen in Detroit (darunter besonders viele Gebildete, die von den Krämpfen der alten Welt in den Jahren 1848 und 1849 ausgestoßen wurden) mit ein Paar guten Zeitungen, als Lehrer, Künstler und Industrielle hier bereits eine bemerkenswerthe Stellung einnehmen. Mein Versprechen, von Keinem besonders und namentlich zu melden, will ich halten.

Von Detroit sieht man auf dem britischen Gestade drüben hinter Werften und Bäumen Windsor, den neuen Eisenbahnhof und weiße Villa’s, hervorglänzend aus grüner Waldung und Dawn (Morgendämmerung) wie der Hauptort der entkommenen und hier colonisirten Sklaven heißt, denen man auch sonst in Canada in allen möglichen Situationen begegnet, auf Eisenbahnen als Conducteurs, in Hotels als Kellnern, auf Dampfschiffen als Aufwärtern und dienstbaren Geistern aller Art. Sie sind auch hier in dienenden Verhältnissen glücklicher, wie in der nordamerikanischen Freiheit als Herren, da sie dort jeder Yankee ungestraft stoßen und treiben kann, während sie hier überall als volle Menschen ganz nach ihrem Werthe und Verdienste geschätzt und behandelt werden.

Nach einer herrlichen Fahrt von 12 Stunden durch den lachenden Ohio-Staat, durch die malerischen Thäler des Ohio- und Miami-Flusses stieg an einem sonnigen Morgen die Königin des Westens vor uns auf, – Cincinnati – die deutsche Hauptstadt Amerika’s, der Brennpunkt deutscher Kultur in der neuen Welt. –

Cincinnati erhebt sich von den blühenden Ufern des Ohio breit und stolz in aufsteigenden Terrassen und grünen Hügeln. Keine Stadt, deren ich so viele gesehen und bewundert, blickt so stolz und schön um sich, als diese Königin freier-deutscher Kultur in die breiten, schäumenden Wogen des Ohio und in das gartenähnliche Kentucky am andern Ufer. Ihre massiven Bauten und Paläste von röthlichem Sandstein, aus denen die grünen, Straßen erquickenden Bäume mit dicken Kronen, und Kirchen, mit schlanken Thürmen und schloßartige Fabriken mit hohen Schlotten hervorschießen, waren vor 60 Jahren noch Wildniß und Wüste, voll zerstreuter Rothhäute, ohne die Spur eines Weißen. Jetzt leben und gedeihen über 2 Mill. Weiße in diesem Staate Ohio und 125,000 davon in Cincinnati; 3600 Engländer, 13,000 Irländer, 40,000 Deutsche und die Uebrigen Amerikaner. Der Zahl nach sind die Deutschen allerdings in der Minorität, aber jede Straße, jedes Gebäude, jede Industrie, jedes Schild, der ganze Ton und die Physiognomie der Stadt beweisen, daß sie die geistige Majorität sind. Nirgends sind deshalb auch die Yankees, die „Know-Nothings“ mit ihrem nationalen und kirchlich methodistischen, heuchlerischen Schwindel so erbost gegen die Deutschen, als hier, so daß es schon öfter zu blutigen Reibungen und Emeuten kam, da sich unsere Herren Landsleute eben nichts octroyiren lassen. Erst unlängst wurden die Häuser zweier Deutschen „gemobt,“ d. h. vom „Mob,“ dem Pöbel, gehetzt durch fromme Methodisten, welchen man das Verlocken deutscher Kinder in deren Betschwesterei ernstlich verboten hatte, so wüthend demolirt, daß die bei solchen Gelegenheiten stets zu spät kommende Polizei nichts mehr zu retten fand. Allerdings sind die Deutschen, die auch hier noch nicht Meister in der großen Kunst sind, sich selbst zu regieren und zu bemeistern, im Allgemeinen nicht zu entschuldigen, daß sie ihre intellektuelle Ueberlegenheit praktisch nicht besser geltend zu machen wissen. Sie poltern und schreien bei solchen Gelegenheiten hitzköpfig und eigensinnig in’s Gelag hinein und wissen nicht, daß das Leben eine Macht ist, welches bei allem Feuer von Ueberzeugungen und Ideen immer mit Rücksicht auf bestehende Verhältnisse d. h. mit einer Art von Diplomatie behandelt sein will. – – –

Die Ohio-Gegenden um Cincinnati herum erinnern oft an die Rheinlande. Und wenn man dabei von den verschiedensten Seiten deutsche Töne und wieder hört und deutsche Gesichter sieht, ist die Täuschung zuweilen vollkommen. Ich zweifle nicht, daß Ohio mit seiner stolzen, glücklich gelegenen, intellektuell blühenden Hauptstadt das eigentliche amerikanische Deutschland wird. Die englische Sprache, die sonst überall Siegerin über andere geworden, wo Anglo-Sachsen sich mit ihren Schiffen und Waaren einfanden, hat sich hier allein genöthigt gesehen, nachzugeben. Die Amerikaner, Engländer und Irländer lernen deutsch, um mit Deutschen deutsch zu reden und lassen an ihren Läden anschlagen: „Hier spricht man deutsch,“ eine Anzeige, die sich auch in andern amerikanischen Städten immer häufiger einfindet und sich auch in London, wo sich noch vor wenigen Jahren die Meisten schämten, als Deutsche erkannt zu werden, immer dreister hervorwagt. Das „hier spricht man deutsch“ hat noch seine Zukunft in der Welt. –

Cincinnati ist das Vorrathshaus, die Hauptstation zu den unermeßlichen Gebieten des Mississippi-Flußnetzes, die cultivirende und versorgende Mutter für diese neue Welt in der neuen. Am Ohio, 1600 englische Meilen vom atlantischen Meer gelegen, [639] empfängt es Dampfschiffe, Waaren und Menschen von der alten Welt und der alten in der neuen für New-Orleans und die ganzen Mississippistaaten, kleinere Schiffe gehen den Ohio noch weiter hinauf bis Wheeling und Pittsburgh, von wo die Eisenbahn lebendige Schlagadern bis Philadelphia und Baltimore bildet. Dabei ist an die großartige Wasser- und Landstraße über Seen, durch Kanäle und Eisenbahnen zu erinnern, deren großen Auswanderungsstrom wir bei Cleveland sahen. Dies zusammen zeigt uns Cincinnati als Mittelpunkt eines ungeheuern neuen Kulturkreises, dessen Radien im Osten am atlantischen Meere, im Westen durch ungeheuere Steppen und üppige Prairieen, im Norden durch die rasch aufblühenden Gegenden und Länder an den großen Seen (Ontario-, Erie-, Huronen-, Michigansee) und im Süden bis zum Golf von Mejico hinlaufen. Und hiermit haben wir endlich wieder ein „geschlossenes Bild,“ verehrter Freund Keil, nach welchem Sie in Ihrer letzten Zuschrift eine so große Sehnsucht zeigen. Freuen Sie sich mit mir, daß Cincinnati, die deutsche Königin des Westens, Mittelpunkt dieses gigantischen, neuen Civilisationskreises ist, die strahlende, wärmende, nährende Sonne dieses neuen Planetensystems von Städtesternen mit ihren Dorftrabanten.

Als diese Sonne und versorgende Mutter eines Europa übertreffenden Ländergebietes hat Cincinnati Fabriken und Industrie-Anstalten, welche alle Colosse Englands hinter sich lassen, besonders deutsche Tischlerei. Ich war in der Meubelfabrik von Mitschell (Engländer) und Rommelsberg (Deutscher) mit 5 Stockwerken, welche zwei Straßen einnehmen. Hier regieren 250 Könige über Maschinen, die für mindestens 1000 gelernte Tischler arbeiten. Hier giebt man einer riesigen Dampfmaschine, die in die Höhe, Breite und Tiefe überall hin mit unzähligen Sägen, Hobeln, Drechselbänken, Polirsteinen u. s. w. spielt, unten rohe Bäume, wie sie aus dem Urwalde kommen, um sich von ihr dafür Tische, Stühle, Bettstellen, Commoden u. s. w. am entgegengesetzten Ende herausgeben zu lassen. Die Maschine macht allein wöchentlich 200 Dutzend Stühle. Im Jahre 1853 hatte sie 124,800 geliefert; außerdem 2000 Commoden, 1700 Tische u. s. w. und Wiegen für die neuen Weltbürger in ungezählten Dutzenden. Ich wünschte, ich hätte nur so viel technische Kenntnisse, um mit deutlichen Worten und den richtigen Ausdrücken zu erklären, wie genial die Maschine die Stuhlsitze zu formen und auszumulden verstand. Wo sie den Witz dazu herbekam, begreife ich heute noch nicht. Jeder der 250 Arbeiter (d. h. Präsidenten von Maschinendepartements) verdiente wöchentlich 12–20 Doll. d. h. 16–28 Thlr. – In der größten Glorie stehen hier die deutschen Kunstdrechsler. Ein deutscher Drechsler in der erwähnten Tischlerei bekam wöchentlich 30 Thaler und hatte sich schon ein Vermögen von 5000 Dollars d. h. 7000 Thalern erdrechselt. – In der Bettstellen-Fabrik von Mudge, in der alle Factoren und Dirigenten Deutsche sind, werden jährlich über 50,000 Bettstellen fertig. Dieser Production für Meubles der neuen Ankömmlinge entsprechen die in Eisen, Kleidern, Hausgeräthen, Schuhen und Stiefeln, Werkzeugen und Lebensbedürfnissen aller Art. In einer Sohlenfabrik waren 1852 10,000 Ochsenhäute zu Sohlen verschnitten, in einer Schuhfabrik 500 Centner Schuhnägel und 600 Scheffel Holzzwecken verbraucht worden. Alle diese Stückchen in die Wirthschaft und ganzen Wirthschaften mit ganzen Häusern dazu (in Koffer verpackt) wandern stets von der Stadt herunter nach dem wimmelnden, bewimpelten, dampfschiffschnaubenden Bollwerk, um von hier aus nach allen Radien des Kreises neue Herde und Häuslichkeiten zu versorgen und neues Heimathsgefühl zu schaffen.

Von dem hölzernen Schuhnagel bis hinauf zu dem feinsten Haus- und Luxusgeräth wird Alles mit Maschinen gemacht. Das versteht sich in Amerika allemal von selbst, so daß ich’s hiermit ein für allemal gesagt haben will. In der Maschinenfabrik der Herren Burows sah ich ein Viereck von 4 Fuß, eine Mühle, welche mit drei Pferdekraft jede Stunde 16 Scheffel Getreide in das feinste Mehl verwandelt. Der deutsche Bauer unweit Cincinnati verkauft deshalb auch sein mit der Maschine gemähtes und gedroschenes Korn nicht mehr, sondern mahlt es selbst vermittelst der Maschine, so daß er ganz sicher ist vor dem Winde und den diebischen Händen des alten deutschen Müllers.

Doch wo bleibt Cincinnati als „Metropolis der Schweine“ aller vereinigten Staaten? Die Sache ist einfach die, daß jeden Herbst 12–15,000 Schweine und 3–4000 Ochsen aus Nah und Fern zu Wasser und zu Lande nach Cincinnati kommen, um sich hier schlachten, einpöckeln, räuchern und in alle Welt versenden zu lassen, ohne daß sie dazu nur einmal quieken. Wenn der deutsche Bauer sein Weihnachtsschwein schlachtet, läßt er’s quieken, daß man’s am andern Ende des Dorfes hört. In Cincinnati sterben sie alle stumm, da sie fabrikmäßig in den Palästen von Schlachthäusern hervorgezogen und jedesmal erst mit einem Hammer auf den Kopf todtgeschlagen werden, ehe sie verbluten.

Von den 300 Weinbergen um Cincinnati, welche 1852 über 1200 Gallonen Wein gaben, den 200 Scheffeln Erdbeeren, die im Sommer täglich auf den Markt gebracht und in Eis verpackt bis New-York und New-Orleans (350 deutsche Meilen) versandt werden, von allen Sorten hiesiger und fremder Biere und Spirituosen „mit deutschen Zeitungen,“ den deutschen Vereinen, Clubs, Lesezimmern, Kunstausstellungen, der „jungen Männer-Association“ mit einer Bibliothek von 14,000 Bänden, von dem Wohlstande und der Bildung, wo die Schule ein Recht jedes Gebornen ist, von der großen Zukunft der Königin des Westens mach’ ich hier weiter keine Worte, da mir Alles als sich von selbst verstehend vorkam. Nächstens aus und über New-York.




Das Panoptikon in London.

Mit einer Ansicht der Rotunde und der großen Elektrisir-Maschine.


Das endlose Labyrinth von Häusern und Straßen, Menschen und Thieren, Wagen mit Pferden, Eseln, Dampf und Menschen, von Geschäften, Leiden und Freuden, zerrissenen und vereinten Bestrebungen und Strebenden, Hungernden und Uebermästeten, von Wissenschaft, Kunst und Literatur, von Compagnien, Associationen und Instituten mit zum Theil erdumgürtenden Wirkungskreisen – London – bleibt auch den darin Lebenden und Altwerdenden ein Labyrinth, wenn man dessen Organismus und Anatomie nicht zu begreifen weiß.

Man muß bestimmte Hauptpunkte, die allgemein bekannt sind, als Einheiten annehmen und danach weiter messen und rechnen, etwa wie es die Omnibusse machen, die immer von der „Bank“, von „Regent-Circus“, Charing Croß“ u. s. w. an ihre Passagiere taxiren. Die Bank und Regent-Circus erweisen sich denn auch als die beiden Haupt-Brennpunkte von ganz London, ersterer zugleich als Centrum des Geld machenden, letzterer des Geld verzehrenden, genießenden Haupttheiles, des Westendes.

Von diesen beiden Herzkammern laufen nach allen Seiten Hauptschlagadern des Verkehrs, so daß man sich von dieser aus bald in jeden Winkel finden lernt. Desto leichter wird es uns werden, von Regent-Circus aus, die Regentstreet hinunter in den langen, kunterbunten Strom aller Nationen und der zweideutigen Vertreter derselben, die fortwährend um den weltberüchtigten Leicester Square herumwimmeln, hineinzusteuern. Es genügt hier nicht, rechts eine Scylla und links eine Charybdis für unsere Taschen und Tugenden zu vermeiden: das Verderben umlauert und umlungert, umbettelt und umsingt, umspielt und umstrahlt uns hier in tausenden unbekannter Formen und Verkleidungen. Im allerunschuldigsten Falle kauft der Unerfahrene ein Mikroskop für ein Penny (das übrigens nach Dickens ganz gut sein soll) oder einen Damenhut. Wenigstens ist es dem Nichtabgehärteten gewiß schwer, vor einem paradirenden Regiment aufgeputzter Hutläden, jeder mit einer oder mehreren ziemlich häßlichen Verkaufs-Sirenen vor der Thür geschmückt, vorbeizukommen, ohne von zwei oder drei Seiten gepackt und zum Kaufen angesungen zu werden. Dabei drohen dir zwischen den blendend erleuchteten Läden überall dunkele Courts (in Straßen verwandelte Höfe zwischen Häusern) wie Kanonenmündungen entgegen. Und dann kommt gar die Windmillstreet, mit dem allnächtlichen Balle des Lasters in Sammet und Seide, mit den strahlenden Lichtern und Gesichtern und dem gewissenlosen [640] Gedränge, den herabjauchzenden Tönen und den hinaufjauchzenden Bitten einer kleinen Göttin von Außen und eines großen Champagner-Teufels von Innen. Aber wir gehen nicht links mit der Thorheit, sondern wenden unsere Blicke rechts, wo in dem kolossalen Gebäude Wyld’s ungeheuerer Globus noch immer die Besucher in sein Inneres aufnimmt und rechts aufwärts, von wo uns ein großer, dichter, regelmäßig runder Kranz von Sternen aus dem schweren, schwarzen Himmel herunter strahlt. Welch ein seltsames Meteor! Da steht es, fest an den sonst ganz sternenlosen Himmel geheftet, ein regelmäßiger, aus hellstrahlenden Sternen geflochtener Kranz. Ist der Mensch schon fertig mit Ausschmückung der Erde, daß er hier den Himmel zu decoriren anfing? Denn Menschenwerk ist’s, das sehen wir gleich, da der Vater der Sterne durchaus nicht in diesem Stile baut.

Das Panoptikon.

Nun ja, es ist der oberste, um den einen schlanken Minaretthurm herumgelegte Kronenleuchter des Panoptikon. Panoptikon? Was steckt hinter diesem griechischen Worte? Zunächst ein seltsamer Palast und Tempel im maurischen Stile mit zwei schlanken Minarets, in welchem man, wie das griechische Wort bedeutet, „Alles sehen“ kann. Nach dem Krystall-Palaste der großartigste jener vielen Tempel der Volkskultur, die immer häufiger an verschiedenen Plätzen sich erheben und mit Belehrung und Wissenschaft für alle Volksklassen und mit diesen selbst füllen, so daß diese nicht mehr die schönste Zeit ihres Lebens auf Gymnasien und Universitäten zu verlernen brauchen, um zu lernen, was sie vergessen müssen, um etwas für’s Leben zu lernen, daß sie nicht mehr mit Zeugnissen und Legitimationen und bestandenen Prüfungen beladen am Thore des Lebens anzuklopfen nöthig haben, wenn ihr bestes Leben verblichen, sondern mit einem Schilling und einem schau- und wißbegierigen Sinne sofort auf die spielendste Weise mitten in den Ernst und die Tiefe des Wissens hineinsteigen können, ohne Lernen und Thun, Wissen und Leben jemals zu trennen. (Wir kehren uns nicht an das mitleidige Lächeln des Fachgelehrten über dieses oberflächliche Räsonnement, da wir wissen, daß die Oberflächlichkeit solcher modernen Institute auf das Gründlichste durch Praxis und Selbststudien aus unzählichen guten Lehrbüchern überwunden werden kann, ohne fünfzehn bis zwanzig Jahre durch den alten Hokus Pokus von Gymnasien und Universitäten zu opfern.)

Diese modernen Wissenschafts- und Kulturtempel für alles Volk treten jetzt an die Stelle jenes alten, heiligen Triebes, gothische Dome und Klöster zu erbauen, jene heiligen Graals für Auserwählte des Herrn, Gymnasien und Universitäten zu gründen und zu besuchen für eine Aristokratie des Wissens. Diese Tempel sind Kirchen des Wissens und der Bildung aller Klassen und Stände und Geschlechter und werden von den Ruinen gebaut, in welche die Mauern der aristokratischen und hierarchischen Zünfte des Glaubens und Wissens zerfallen.

Sie sind die Demokratie der Kultur, die hier eine würdigere Rolle spielt, als in der Politik, wo sie, auch dicht an Throne herangedrängt, bisher nur eine ziemlich klägliche Rolle zu spielen verstand. Sie wird von diesem Boden aus Alles erobern, ohne jemals etwas zu zerstören und zu unterdrücken. –

Der Krystall-Palast ist die Sonne dieser neuen Kultur-Demokratie, das Panoptikon deren nächster Planet. Die Zahl der kleineren Planeten und Trabanten, die überall in Form von „Athenäen“, polytechnischen Instituten u. s. w. um sie herum leuchten, wird alle Tage größer.

Treten wir ein in das Panoptikon und zwar gleich in die große Rotunde, deren einen Halbkreis wir in der Abbildung beigeben, wie er sich dem Eintretenden gradeüber ausspannt. Ein mildes, zum Nachdenken einladendes, blos von der Decke oben einfallendes Licht giebt dem Glanze und Reichthume der Architektur und der ausgestellten Schau-, Belehrungs- und Verkaufsobjecte die vortheilhafteste Beleuchtung, die Abends durch unzählige Kronenleuchterampeln ersetzt wird. Die Durchschnittslänge der Rotunde beträgt von Wand zu Wand 97 Fuß. Drei Galerien, von schlanken Säulen getragen, sind für den Genuß von Totaleindrücken die vortheilhaftesten Schaupunkte. Doch die ausgezeichneten und auserwählten Kunstwerke der Sculptur, welche die Rotunde unten umkränzen, wollen blos vom Parterre aus gesehen sein. Innerhalb des Statuencirkels finden die verschiedensten Arten von arbeitenden und durch Vorträge erklärten Mustermaschinen und naturwissenschaftlichen Instrumenten ihren Platz. In der Mitte dieser Instrumente springt ein graciöser [641] Wasserstrahl bis in das Lichtdach des Saales und spielt hernieder auf acht kleinere convergirende Strahlen. Unter den Maschinen erregt eine kolossale Elektrisirmaschine, die größte, die jemals construirt ward, das meiste Erstaunen[WS 3] und in ihren Anwendungen die reichste und in größten Maßstäben ausgeführte Einsicht in alle möglichen Wirkungsweisen der Elektricität und des Magnetismus.

Die Kraft der von der Maschine auf Leydener Flaschen gezogenen Electricität ist so groß, daß man mit einer einzigen Entladung den Blitz des Gewitters in voller Gewalt anschaulich machen kann. Große Hunde hat man schon mehrmals mit einem einzigen dieser Blitze so erschlagen, daß sie sofort gründlich und unwiderruflich todt waren. Wir setzen hier die Bekanntschaft mit der Construktion und Erzeugungs- und Sammlungsart von Elektricität dieser Maschine voraus; wenigstens halten wir dies nicht für den Platz, uns näher darauf einzulassen, da wir uns ein Totalbild des ganzen Instituts verschaffen wollen. Eine besondere Abbildung der Maschine giebt uns eine Vorstellung von deren kolossalen Dimensionen, wenn wir sie in ihren Verhältnissen zu den in genauer Proportion dazwischen dargestellten erwachsenen Menschen betrachten, und die einzelnen in Betracht kommenden Theile sind so sichtbar, daß jeder Sachverständige dem Laien Aufklärung und Einsicht in den ganzen Prozeß und die Funktionen der einzelnen Theile verschaffen kann.

Die große Elektrisirmaschine im Panoptikon.

Hinter der riesigen Electrisirmaschine erhebt sich eine prachtvolle, kolossale Orgel, welche in verschiedenen Zwischenräumen die Besucher nach der Andacht des Lernens und der praktischen Wissenschaft in die erwärmende und herzerweiternde Andacht feierlicher Musik erhebt. Die Orgel gilt als eins der vollkommensten Meisterwerke, in welchem alle die neuen und neuesten Erfindungen und Verbesserungen für diese Sphäre angewendet wurden. An einer andern Stelle finden wir ein prächtiges Amphitheater mit Sitzen ringsum, die sich nach der Mitte senken – zu Vorträgen mit praktischen und experimentalen Erläuterungen. Anderswo reihen sich niedliche Verschläge zur Ausstellung von Industrie- und Erfrischungsgegenständen und der Rohstoffe in ihren verschiedenen Graden von Wertherhöhung und Veredelung durch menschlichen Geist, so daß wir ein und dieselbe Quantität von Stoff, roh 1 Penny werth, bis zum Werthe von einem Pfund Sterling durch Industrie und Kunst erhöht sehen, um 240 und mehr Procent. Giebt es doch Rohstoffe, welche bis zu einer Wertherhöhung von 500 und mehr Procent durch den Geist des Menschen und seine geschickte Hand hindurchgehen. Ein Stück Eisen kann in einer Tuchnadel, ein Stück Bronce in der Statuette, ein Viertel Loth Flachs im Batisttuche um mehr als 1000 Procent veredelt erscheinen.

Von der zweiten Galerie steigen wir eine Treppe hinab, in die theoretische und praktische Akademie photographischer Kunst, aus andern Thüren in besondere Hörsäle und Auditorien, in Gemälde-Galerieen, Lesehallen und Kunstzimmer verschiedener Art. Im südlichen Flügel finden wir den Hörsaal und die Ausstellung für streng wissenschaftliche Vorträge und Gegenstände in wundervoll praktischer Structur, so daß jeder Besuchende mit Aug’ und Ohr überall ganz nahe ist und genau sehen und hören kann.

Mit einem Worte ist das Panoptikon die erste, moderne Volks-Universität für modernes, allseitiges, theatralisches und praktisches Wissen aller Art mit praktischer Aesthetik und Cultur, wo das Lehren und Lernen, die Veredelung des Sinnes und Herzens, von aller Pedanterei und „allen Wissensqualen entladen“ wie ein Spiel, wie eine Erholung nach des Tages Müh’ und Arbeit genossen wird, die Wissenschaft, Kunst und Industrie mitten auf dem Markte des Lebens Jedem zugänglich. Schulen und Privatunterrichtsanstalten, denen Anschaffung kostbarer naturwissenschaftlicher Apparate oft unmöglich ist, finden hier für eine Kleinigkeit die vollkommensten Instrumente mit entsprechenden Räumen zur Verfügung, oder können sich dieselben für verschiedene Zeiträume leihen. Jede neue Erfindung findet hier sofort Raum und Gelegenheit, sich zu zeigen und bekannt zu machen und so Mittel und Personen zur Ausführung von neuen Ideen und Patenten zu gewinnen. Die neuesten Erfindungen und Verbesserungen des Auslandes und alle, die nicht von selbst kommen, werden sofort eingeführt und zur Schau gestellt, um sie durch Anschauung und Erläuterung immer möglichst bald zum Gemeingut der Massen zu machen. Männer der Wissenschaften und Künste, die auf eigene [642] Rechnung Vorträge halten wollen, können sich hier Hörsäle und Zimmer zu den verschiedensten Zwecken und Preisen und die nöthigen Instrumente dazu miethen. Industrielle, Fabrikanten und Producenten aller Art, die auf eine würdige Weise Anzeigen machen wollen, miethen sich die im Panoptikon zu diesem Zwecke in reichlicher Auswahl vorhandenen Ausstellungsbuden. Wer endlich ohne bestimmten Zweck sich auf eine kultivirte Weise mit Freunden und Familien nur eben erholen und einen Nachmittag oder Abend angenehm verbringen will, findet im Panoptikon die günstigste Gelegenheit dazu, da alle Arten von Erfrischungen und auch besondere Zimmer und Abtheilungen miethweise zu haben sind, so daß man sich von dem großen Publikum zurückziehen kann, nachdem man mit ihm gemeinschaftlich genossen, was die Eigenthümer des Unternehmens für Alle ausgestellt haben und durch kurze Vortrage an den einzelnen arbeitenden Maschinen und Experiment-Apparaten erläutern lassen.

Hiermit wird man sich ein allgemeines Bild vom Panoptikon zurechtlegen können und hoffentlich zugeben, daß diese moderne, neue Art, Wissenschaft, Kunst, Industrie, Leben, Erholung und Vergnügen zu combiniren und Eins durch das Andere zu tragen und zu heben, von der segensreichsten Wirkung für eine wirklich allgemeine, durchgreifende, gesunde, praktische Massenkultur sein muß, zumal wenn man bedenkt, daß diese neue Art von Universität, Akademie und Markt vereinigt, noch im Entstehen ist und sich einer Ausdehnung in Mitteln und Zwecken fähig zeigt, wovon wir vor der Hand kaum eine Vorstellung haben mögen.

Die Mittel und Werkzeuge, die Aristokratie des Wissens über alle Klassen des Volks zu verbreiten und durch Offenheit und Concurreuz wahrhaft in grünes, goldenes Leben umzusetzen, sind jetzt noch selbst Experimente und erste Versuche. Wer weiß, wie weit sie sich in diesem jetzt rasch pulsirenden Leben der Wissenschaft und Künste, des industriellen und ideellen Verkehrs zwischen allen Völkern binnen einem Menschenalter vermehrt und vervollkommnet haben mögen! Möglich, daß dann auch bald alles Metall, das jetzt noch massenweise zu Flinten, Kanonen, Kugeln und Säbeln verarbeitet wird, sich für produktive und menschliche Zwecke so ausschließlich verwerthen lasse, daß Mars, der brüllende Kriegsgott, noch selbst mit den Massen bei den Musen der Wissenschaft, Kunst und Industrie in die Schule gehen lernen muß, um etwas zu lernen und sich anständig zu ernähren.




Sturmbilder aus dem schwarzen Meere vom 13. November.

(Von Augenzeugen.)

Was Kugeln, Cholera, Kälte und Diplomatie ihrer eigenen Herren gegen die englischen Soldaten auf der Krim bisher nicht ruiniren konnten, schien der Sturm des schwarzen Meeres vom 13. November vollenden zu wollen. Während er in Constantinopel stolze, schlanke, glänzende Minarets und goldene Dächer, die Jahrhunderte den Stürmen und Orkanen eine ruhige, feste Haltung entgegengesetzt hatten, wie morsche Stäbe zerbrach und donnernd niederwarf auf Häuser und Menschen, knickte er thurmartige Masten und mannsstarke Taue und tausend Centner schwere Ankerketten der englischen, französischen und türkischen Flotte bei Balaklava, an der Katscha und bei Eupatoria wie Strohhalme und Zwirnsfäden und schlug die wie Nußschaalen zwischen den Alpen der Wogen umhergeschleuderten Schiffe gegen einander, daß sie gegenseitig in Trümmern auseinander stoben oder gegen die graugrünen, grimmigen, steil aus der Meerestiefe hervorragenden Gestadefelsen schossen, welche mit einem Schlage ganze schwimmende „Meeresfestungen“ zu Pulver zermalmten, so daß leblose und lebendige Schätze unbarmherzig in die Tiefe gedrückt wurden, denn an Rettung die steilen Felsen empor war nicht zu denken. Wenn auch Dieser und Jener sich für einige Sekunden anklammerte, das nächste heranprallende Wassergebirge spülte ihn mit sich fort, wie ein trockenes Baumblättchen, oder die überall lauernden Gewehre der Russen schossen ihn herunter. Der Sturm gilt als das Furchtbarste von Wuth, was das schwarze Meer jemals geleistet. Abgesehen von den Zerstörungen und Verwüstungen in den Flotten sprechen dafür die Leistungen desselben gegen die Minarets von Constantinopel.

Es ist nicht unsere Absicht, die Thaten dieses Sturmes aufzuzählen, wie in einem Zeitungsberichte: wir geben blos einige charakteristische Scenen und Bilder aus den Schilderungen von Augenzeugen wieder, wie sie in den englischen Zeitungen und Privatbriefen wimmeln. So weit man das Ergebniß dieser Naturtragödie schon übersehen konnte, waren mindestens tausend Menschen ertrunken, außer denen, die von den Russen erschossen oder als Gefangene aus dem Meere in Empfang genommen wurden. Der bloße, nackte, direkte Verlust an Gütern und Materialien wurde von der Times auf zwei Millionen Pfund Sterling oder vierzehn Millionen Thaler geschätzt. Aber der Sturm verschlang hauptsächlich alle möglichen nothwendigen Bedürfnisse für die Armee, Speisen und Getränke, Arzneien, Winterkleider, Baumaterialien für Winterzelte u. s. w., so daß die aus diesen Verlusten sich noch ergebenden Verwüstungen nicht blos in’s Geld, sondern auch fernerweitig tief in’s Leben gehen, nicht blos in das Leben Derer, welche direkt aus Mangel an Nahrung, Kleidung und Wohnung und Arznei in Regen und Schnee jämmerlich umkommen, sondern auch in das Leben Englands überhaupt, welches bereits durch die Krim-Expedition eine ganz andere Physiognomie bekommen. Der straffe Stolz auf ihre Kraft hängt jetzt erschlafft auf ihren Gesichtern, das übermüthige Vertrauen auf das Recht der „westlichen Civilisation“ und auf die unfehlbare Weisheit der politischen Lenker derselben hängt und schüttelt den Kopf, und selbst der neue Glaube an die riesigen Anstrengungen des reichsten, männlichsten Volkes erwärmt nicht die Gemüther, da man unwillkürlich ahnen mag, daß sie theils „zu spät“ kommen, theils noch nicht die rechten, siegreichen seien.

Sehen wir uns erst eine Scene an der Mündung des Katschaflusses an. Acht französische Briggs, mit Pferden und Mannschaften beladen, werden auf den wogenden Wasserbergen umhergeschleudert. Hier und da fallen je zwei von den Gipfeln der Wogen herunter in tiefe Thäler und verschwinden den Blicken der russischen Offiziere und Kosaken, die auf den Klippenufern oben auf Beute lauern. Das Thal, worin sie zusammenkrachten, verwandelt sich in Berge, auf welchen die Trümmer beider Schiffe, Masten, Menschen, Pferde, Planken und Bretter, Tonnen und Kisten abermals durcheinander gewirbelt werden. Auf Trümmern reitende Soldaten werden von Masten und Stangen in die Tiefe gestoßen, die rauhen, spitzen Enden einer zerrissenen Schiffsplanke durchbohren den hervorragenden Kopf eines Pferdes, ein noch ganzes Schiff schleudert sich zwischen lebendige und todte Trümmer, während eine Woge über dasselbe hinwegrast und Menschen und Waaren mit sich fortreißt und der Sturm einen Mast abbricht, um ihm einem Ertrinkenden tückisch als Strohhalm der Rettung nachzuwerfen. Von den acht Schiffen zertrümmerten sich vier gegenseitig, die andern wurden vom Sturme zerrissen und dann vom Meere verschlungen. Die Trümmer und die Schiffbrüchigen wurden begierig von den Kosaken aufgefischt, sobald sie an’s Ufer trieben. Russische Offiziere, die von Sebastopol herbeigekommen waren, schienen die Kosaken im Zaume zu halten. Auch gaben sie mit geschwenkten Hüten und Tüchern von den Klippen herab Zeichen, daß sie ruhig landen könnten; doch gaben weder Engländer noch Franzosen diesen Einladungen Gehör. Gegen Abend, als sich die Offiziere entfernt zu haben schienen, kam ein Barkschiff in das Bereich der Kosaken, die jauchzend und in wilder Lust unter den an’s Land geschleuderten Trümmern, zerrissenen und verstümmelten, lebenden und todten Pferden und Menschen, Kisten und Kasten – umherwirthschaften. An der einen Seite der Barke klammerten etwa dreißig Menschen, darunter eine Mutter mit ihrem Kinde, die sich tapfer mit einem Arme hielt, während der andere das Kind krampfhaft umschloß. Das Schiff, bald links, bald rechts, bald mit dem Kopf, bald mit dem Hintertheil in die Wogen gebohrt, ließ die Angeklammerten bald unter Wasser verschwinden, bald hielt es [643] dieselben höhnend wieder empor an’s Tageslicht. Dabei wurde es auf einmal zurückgeschleudert, als die Kosaken schon Miene machten, sich dessen zu bemächtigen. Unwillig über diese Verkürzung ihrer Ernte griffen sie nach ihren Gewehren und schossen die dreißig Menschen von den Planken herunter, auch die Mutter mit dem Kinde. Das Geschrei der Mutter drang durch das Gebrüll des Sturmes. Sie graspte nach dem Kinde, aber die tobenden Wasser gestatteten ihr nicht, vereint mit ihm in die Tiefe zu sinken.

Im Hafen von Balaklava haben nur wenige große Kriegsschiffe Raum, so daß eine ziemliche Anzahl derselben und von Transportschiffen außerhalb desselben in einer Tiefe von 30 Klaftern hatten Anker werfen müssen. Aus diesen Tiefen erheben sich gewaltige Granitmassen ganz senkrecht wie Mauern, bis 700 Fuß hoch, so daß sie nicht einen Zoll breit Terrain gewähren, um den Fuß des Schiffbrüchigen aufzunehmen. Hier nun zerschmetterte der Sturm acht Transportschiffe erster Klasse. Von den 320 Matrosen und Mannschaften derselben konnten blos dreißig gerettet werden. Und hier machte der Sturm sein Meisterstück unter wackerem Beistande von Engländern selbst. Er zertrümmerte und verschlang eins der stolzesten Dampfkriegsschiffe „Prince“ von 2700 Tonnen Last mit sämmtlicher Winterbekleidung für die Armee, darunter 40,000 große Pelze, wollene Decken, Unterkleider, Strümpfe und Handschuhe, geräuchertes und luftdicht eingemachtes Fleisch, Hospitalbedürfnisse für Scutari, eine ungeheuere Masse von Munition zur Fortsetzung der Belagerung und 300 Menschen, darunter Frauen und Kinder von Soldaten in ziemlicher Menge. Daneben ging auch das Schiff „Resolute“ mit 18,000 Centner Schießpulver in den Grund. Die Times hat die Unverschämtheit, den Verlust des „Prince“ ganz besonders der „mysteriösen Fügung des Himmels“ zuzuschreiben. Es hatte sechs Tage vorher das 46. Regiment in Balaklava gelandet und darauf alle die untergegangenen unendlich kostbaren, nothwendigen Bedürfnisse der Armee 6 mal 24 Stunden bei sich behalten. Als es nun den Sturm über sich daherbrausen sah, versuchte es zu ankern. Der Anker ging sofort mit dem ganzen ungeheuern Taue in den Grund, weil letzteres nicht ordentlich befestigt war. Der zweite Anker nahm das Tau auch mit und zwar aus demselben Grunde. Jetzt versuchte es dem Sturme entgegen zu dampfen, um aus dem Bereiche der furchtbaren Klippen zu kommen und inzwischen ein kleineres, schwächeres Tau und einen kleineren Anker zurecht zu machen. Mit demselben hielt es sich bis zu dem fürchterlichen Morgen des 13. November, wo der Sturm Tau und Anker mit sich fortriß und gegen die 700 Fuß hohen Granitmauern schleuderte. Man kappte jetzt alle Masten und rasirte das ganze Deck von allen hervorragenden Gegenständen, die der Sturm packen konnte und ließ die Dampfmaschinen mit demselben auf Tod und Leben kämpfen. Aber die schon beschädigte Schraube erwies sich zu schwach, so daß es nach kurzem ohnmächtigen Kampfe gegen die Felsen geschleudert ward und in unzähligen Splittern zurückprallte, wie ein schwaches, gegen einen Stein geschleudertes Glas. Es hatte über 100,000 Thaler gekostet (von der Regierung kurz vorher gekauft) und für 3,500,000 Thaler Güter nebst 300 Menschen an Bord. Alles sank jetzt in die Tiefe. Nur etwa 30 Menschen wurden gerettet. Von diesen erwähnt Einer in seiner Schilderung eine Scene unmittelbar vor der Zerschmetterung des Schiffes. Eben schoß es von einem Meeres-Chimborasso herunter nach den Felsen zu, als ein Matrose, der mit allen andern bisher rüstig gearbeitet, ausrief: „Heisah, noch zwei solche Fahrten und wir trinken Wasser. Schicken wir etwas Spiritus voraus!“ Und so trank er und gab die Flasche weiter. Man trank herum, stellte sich in eine Reihe, nahm die theerigen Mützen mit den großen Schirmen hinten ab, blickte gen Himmel und blieb dann an einander gereiht Hand in Hand stehen, bis das Schiff sich mit einem dumpfen Krach alle Glieder bis in die kleinsten Theile zerschmetterte. Ein Offizier hatte kurz vorher eine Dame geküßt, sie dann in seine Arme geschlossen und so den Todesstreich ruhig und lautlos erwartet, eben so die Dame.

Solch edler, moralisch kräftiger, tragischer Heldenmuth in dem Einzelnen unten, und solche Feigheit und Halbheit und Liederlichkeit und Gewissenlosigkeit im Offiziellen, Administrativen und Diplomatischen! –

Am 13. November Nachmittags zwischen 2 und 3 Uhr erreichte die beispiellose Raserei des Sturmes die höchste Erhabenheit seiner verwüstenden Allmacht. Um diese Zeit standen einige Offiziere auf der Anhöhe nördlich von Eupatoria dicht vor den wallenden Alpen des Meeres, das mit seinen spitzen, hohen Wasser-Gletschern hier und da weit über die hohen Felsen herüber und mit Regen- und Schneehieben in die Thäler hinunterschlug. Nur mit Mühe konnten sich die Offiziere, an Felsstücke gelehnt halten, da selbst die Fernrohre vor ihren Augen von einzelnen Stößen des Sturmes aus ihrer Richtung geschleudert wurden. Aber das furchtbare Schauspiel zwischen den donnernden Labyrinthen hoch aufkochender Wassergebirge war zu fesselnd, als daß sie hätten ihren Platz verlassen können. Mitten aus den tosenden Meereswogen heraus und in die wüthenden Streiche des Sturmes und Schnees hinein züngelten blendende, lange Feuerstrahlen in allen möglichen Richtungen, wie verzweifelte Gestikulationen eines zwischen den Wassern umhergeschleuderten Ungeheuers. Es war ein brennendes Schiff, dessen glühende, funkensprühende Feuerzungen gar schauerlich auf die dunkeln, schwarzbraunen Wogen herableuchteten und ihre wallenden Kämme mit den herrlichsten Farbentinten illuminirten. Das brennende Schiff gerieth unter eine Menge andere französische und englische, die zum Theil mastlos wie Nußschaalen von einem Wasserrücken auf den andern geschleudert wurden. Von den Flammen wurde keins ergriffen, desto mehr von der unersättlichen Wuth des Sturmes, der mit wahrer Wollust bald hier, bald da je zwei um zwei zu fassen und gegen einander zu zerschmettern schien. Nach einer solchen Scene kam ein Matrose auf einem langen Maste über die Wogen daher geritten, bald in der Tiefe verschwindend, bald über die Spitzen der Wogen mit dem Kopfe seines spitzigen, langen Pferdes hervorragend. Aber er hielt sich sattelfest, obgleich er zuweilen hoch in die Luft hinausragte, um sich sofort wieder in ein tiefes Wasserthal zu stürzen. Da ritt er pfeilschnell heran nach dem steilen Gestade. Ein Tau in seiner Hand gab ihm ganz das Ansehen eines Reiters. Aber nach einer halben Minute dicht am Lande aus der Tiefe triefend emporgeschleudert und durch die Lüfte getragen schoß der lange Kopf seines Steckenpferdes gegen die Felsen, und er flog zerschmettert in ganz abgerissenen Stücken in das Meer zurück, das im Nu wohlthätig eine Woge über den schauerlichen Anblick hinwarf. –

Zwischen Balaklava und Sebastopol hatten sich hinter den verschiedenen Stationen der belagernden Heeresabtheilungen auf felsigem, von schmutzigen Gräben und Thälern durchfurchten Boden eine Menge Leinwandstücke erhoben, freilich lange nicht genug, um allen Soldaten, denen zuweilen einige Stunden der Ruhe (mit Sack und Pack, Gewehr im Arm) gegönnt wurden, Schutz vor Regen und Nachtfrost zu gewähren. Viele mußten sich im Freien in die Erde graben, um da, wie in einem Grabe, geschützt vor den Kugeln der Russen, ein Stündchen Schlaf zu erhaschen. Die leichten Zelte aber verschwanden in der Nacht vom 14. zum 15. November fast alle binnen wenig Stunden. Nachdem der Sturm auf dem schwarzen Meere seine Wuth gekühlt zu haben schien, fuhr er mit neuer Tobsucht zwischen diese Leinwandstückchen und riß Hunderte von Pfählen mit einem Ruck aus, um dieselben an den leinenen Wänden gepeischt und geschwungen den Schlafenden und Wachenden an die Köpfe zu schlagen und ihnen Arme und Beine damit zu brechen. Mit seiner eigenen Stärke nicht zufrieden, schlug er noch bewaffnet mit Geißeln von Schnee und Hagel blind durch die Nacht auf Schlafende, Wachende, Gesunde, Kranke und Sterbende herab und bedeckte letztere mit Leichentüchern, noch ehe sie ganz erfroren waren. Dazwischen wirbelten plötzlich die Alarmtrommeln und schmetterten die Hörner, um zum Kampfe zu rufen. Schon blitzten Salven hervordringender Russen durch die Nacht und zischten deren Kugeln durch Zelte und Menschen. Der Angriff wurde auch unter diesen furchtbaren Umständen zurückgeschlagen, aber inzwischen waren die meisten Zelte zerrissen, zerstört und vom Sturme durch die Lüfte mit fortgeschleudert worden. Und die Winterzelte sollen erst jetzt in verschiedenen Häfen und Städten angekauft werden, sodaß man Hoffnung hat, dieselben fertig zu haben, wenn die Frühlingssonne auf deren Dächer oder auf die Massengräber Derer scheint, die darin hätten wohnen können, wenn Aberdeen nicht ein zu alter, friedliebender, zaghafter Diplomat gewesen wäre. –

Nachdem der Sturm die Leinwandhütten der Engländer, Franzosen und Türken zerrissen und in Fetzen mit sich fortgezaust hatte, beschäftigte er sich noch mit mehr Muße mit Todtbeizung und Begrabung der Kranken unter Schnee. Während der Zeit aber donnerte und sauste er wüthend hinunter nach der weiten Ebene und [644] Steppe der Krim, wo Hunderte von russischen Transportwägen mit ihren Lasten und Ochsen schon auf Tod und Leben mit Schmutz und Nacht kämpften. Hier packte er Wagen und Menschen und Vieh und schleuderte sie umher und in Sümpfe und begrub sie in Schnee und vernichtete so die ganze Karavane, vielleicht um zu zeigen, daß er es nicht blos auf die Alliirten abgesehen habe, und als Censor der christlichen Phrase, daß der liebe Gott Partei genommen und den Feind exemplarisch heimgesucht habe.




Blätter und Blüthen.

Ein Institut für blödsinnige Kinder. Während es zur Heilung für fast alle körperlichen Gebrechen wie zur passenden Unterrichtung der Unglücklichen, die damit behaftet sind, eine Menge Anstalten giebt, wie die große Zahl der Taubstummen-, Blinden- und orthopädischen Institute beweisen, sind die Anstalten für Geistesschwache und Blödsinnige äußerst selten, besonders solche, in denen solche Unglückliche nicht versorgt, sondern gebildet und geheilt werden. Darum eilen wir, die Gründung einer solchen Anstalt zur allgemeinen Kenntniß zu bringen. Es ist dies ein Unternehmen des Dr. Heinrich Herz und seiner Gattin in Meißen. Nachdem ihm die sächsische Regierung die Concession dazu ertheilt, hat derselbe eine Anstalt für Geistesschwache und Blödsinnige eröffnet, in der Nähe Meißens, ohnweit Dresden in einer der anmuthigsten und gesündesten Gegenden, auf dem Plossen, wo er sich seit Kurzem niedergelassen. Die Aufgabe der Anstalt ist: Geistesschwache und Blödsinnige, sei ihr Zustand angeboren, zugefallen oder lediglich durch Fehler der Hauserziehung entstanden, – durch Körperpflege, Erziehung und Unterrichtung zu geistiger Gesundheit soweit thunlich heran- oder umzubilden. Die Anstalt nimmt sowohl Kinder als Erwachsene beiderlei Geschlechts auf, sobald ihr geistiger Zustand die Annahme der Besserung zuläßt und nicht mit unheilbar schwerer Krankheit oder zu großer Körpergebrechlichkeit verbunden ist. Sprachlosigkeit ist kein Hinderniß der Aufnahme, wohl aber Taubstummheit. – Der Eintritt kann zu jeder Zeit Statt finden, sobald durch vorhergegangene Prüfung die Bildungsfähigkeit des Aufzunehmenden festgestellt ist.

Wirkliche Besserung des Zöglings ist die Hauptaufgabe der Anstalt und wird darauf hin mit den verschiedensten Mitteln gewirkt, je nachdem sie der Zustand des Zöglings erheischt. Doktor Herz, der sich außer dem Studium der Philosophie besonders der Pädagogik und den Naturwissenschaften zugewendet hatte, hat sich auf diesen Gebieten einen seltenen Schatz von Erfahrungen erworben, die ihn vorzugsweise zu dem jetzigen Beruf geeignet machen. Auch seine Frau (bekannt als Verfasserin eines tüchtigen Buches: „Hauserziehung und Kindergärten“) besitzt eine eigenthümliche Begabung für denselben. Seit ihrer frühesten Jugend hat sie sich mit Kindern lehrend und erziehend beschäftigt und dabei die tiefsten Blicke in das Dasein der Kinderwelt gethan. Später hat sie in diesem Fach sowohl praktisch als theoretisch (lehrend zugleich durch Wort und Schrift) jahrelang mit der angestrengtesten Thätigkeit gewirkt und was früher aus Neigung und Kinderliebe, später humanes Streben und der Wunsch Gutes zu stiften und wohlzuthun, auch eine höhere Weihe zu unterstützen als in der pekuniären, ein bewußter Beruf geworden. In den letzten Jahren hat sie bei blödsinnigen Kindern, die sie im Hause ihrer eignen Familien unterrichtete, die ausgezeichnetsten Resultate erlangt. Besonders ist ihr dabei ihre gründliche musikalische Bildung zu Statten gekommen; sie ist eine Schülerin Wiek’s, bekanntlich des ersten Pianofortelehrers der Gegenwart und von ihm selbst zur Künstlerin wie Musiklehrerin vorbereitet worden. Durch die wohlberechnete Anwendung der Musik hat sie einem ganz stumpfsinnigen Kinde die ersten Thränen entlockt, in einem andern die erste Aeußerung des Selbstbewußtseins hervorgebracht – und der so einmal zum Glühen gebrachte göttliche Funke ist nicht wieder erloschen und durch andere geeignete Mittel weiter genährt worden. Ueber dergleichen Kuren befinden sich Zeugnisse hochgeachteter Aerzte und Privatpersonen in ihren Händen.

Auf jeden Fall ist die Eröffnung der erwähnten Anstalt als eine große Wohlthat zu betrachten, da es so viele unglückliche Geschöpfe giebt, welche bei sorgsamer Pflege sich zu nützlichen Menschen entwickeln können, während sie ohne dieselbe eine Last der menschlichen Gesellschaft und das Unglück der Familien sind, welchen sie angehören.


Die Cobra oder Augenschlange. Die Insel Ceylon, genannt die Mutter der Elephanten, ist auch sehr reich an verschiedenen Arten von Schlangen, unter Anderen auch der schönsten oder wenigstens der unhäßlichsten aller Schlangen, da es diese Art von Geschöpfen wohl unter keiner Bedingung bis zu irgend einem Grade von Schönheit bringen. Diese ist die Cobra oder Augenschlange, so genannt, weil sie grasendes Vieh in die Augen zu schlagen pflegt. Sie ist etwa 4 Fuß lang und von dem herrlichsten, hellsten Grün des Frühlingsgrases, dabei so dünn und schlank, daß sich die feinste Balldame keine dünnere und unschönere Taille wünschen kann. Auch in ihren Bewegungen entwickelt sie eben so viel Grazie als Behendigkeit und weiß sich dabei mit ihrer Farbe noch obendrein so geschickt den Bewegungen und Gestaltungen des Grases anzupassen, daß sie das schärfste Auge nicht verfolgen kann. Zuweilen, wenn sie es für klug und praktisch hält, bildet sie auch einen stehenden, emporragenden, grünen Halm mit keiner andern Bewegung, als der, welche Windstöße dem Grase mittheilen. Reicht das nicht schon allein hin, die Schlange zu dem Titel „Fuchs unter den Reptilen“ zu berechtigen? Ein Augenzeuge dieser Situation beschreibt den Anblick so: „Eines Tages sah ich auf meinem Wege nach Kondy ein ziemlich starkes Rohr mit einer grünen Blüthe aus dem übrigen Grase hervorragen. Die heitere, duftige, grüne Farbe desselben zog mich an, so daß ich näher ging, um es genau anzusehen. Es stand aufrecht etwa drei Fuß von der Erde und blieb so stehen, bis ich es mit der Hand berührte und zu meinem Schrecken fand, daß es eine Augenschlange war. Sie hatte sich unten gleichsam zu einem Postamente zusammengewickelt und ragte mit dem Oberkörper etwa zwölf Zoll gerade und steif hervor, als wäre sie von Eisen, da sich auch in der völligen Windstille das Gras nicht bewegte. Ihr Hut am Kopfe stand ausgespannt wie eine Blüthe, so daß die Täuschung vollkommen war. Da ich von der musikalischen Passion dieser Schlangen viel Wunderdinge gehört hatte, fing ich sofort an, auf meiner Flöte zu spielen. Nichts war schöner und bezaubernder, als das Entzücken des in der Schlange zum organischen, vom Boden erlösten Lebens zu beobachten. Ihr sonst so bleiernes und mattes Auge wurde leuchtend, freudestrahlend und groß. Wie goldene Sonnen starrten mich die lidlosen Augen an, und mit mehr Grazie, als die meisten Musikdirektoren mit ihrem Dirigentenstabe entwickeln, schlug, bog und knixte sie den Takt meiner Melodie mit dem ganzen, hervorragenden Oberkörper so graziös, so freudezückend, so hingerissen, daß ich glaube, ihr wohl ziemlich 1 Stunde lang alle meine Vorräthe auf der Flöte zum Besten gegeben zu haben. Das Auge der Cobra-Schlange, die grün, immer im Grünen wohnt, ist sehr empfindlich gegen starkes Licht, so daß man sie, wie es schon den Alten bekannt war, mit dem Lichtblitze eines Edelsteins plötzlich blind machen kann. Das Gift in den Fängen jeder Cobra wirkt wie Laudanum und hat in jeder Schlange die Kraft von etwa zwei Tropfen desselben. Die Buddhisten verehren die Cobra göttlich, doch hält sie dies nicht ab, sie nach Kräften zu vertilgen und auszurotten, da sie dem Vieh so viel Schaden thun. Die göttliche Verehrung des Schädlichen und Gefürchteten findet man mehr oder weniger in allen ersten, naiven, rohen Naturreligionen, wie ja auch in gebildeten und sogar oft sehr hohen Kreisen manche Menschen hauptsächlich aus Furcht, wenn nicht vor einigen Höllenstrafen, so doch vor zeitlichen Folgen ihrer eigenen Sündhaftigkeit fromm werden. Die Buddhisten verehren das objectio das außer ihnen Gefürchtete und sind deshalb weniger blinde Heiden, als die frommen Heuchler bei uns, welche den lieben Gott durch ihre Frömmigkeit aus Frucht vor ihrer eigenen Erbärmlichkeit zu veranlassen meinen, daß er ihretwegen Natur- und moralische Gesetze verletzen und ihnen Steuerfreiheit und Privilegien von gewöhnlichen Christen verschaffen solle.




Architekt und Baumeister. Der Architekt Alexander, von welchem die Rochester-Brücke und mehrere andere schöne Gebäude in der Grafschaft Kent herrühren, stand einst in einem Criminalprozeß als Zeuge vor dem Geschwornengericht. Der Staatsanwalt, welcher das Zeugniß des Vorgeladenen in den Augen der Geschworenen zu verdächtigen wünschte und zu diesem Zwecke nach dem bei englischen Gerichts-Verhandlungen üblichen Brauche ihn zu verwirren und zu verblüffen suchte, fuhr, nachdem er ihn gefragt, wie er heiße, folgendermaßen fort:

„Sie sind Baumeister, glaube ich?“

„Nein, Sir, ich bin nicht Baumeister, ich bin Architekt.“

„O, Architekt oder Baumeister, Baumeister oder Architekt, das läuft wohl auf eins hinaus?“

„Ich bitte um Verzeihung, das kann ich nicht zugeben; nach meiner Ansicht bezeichnen diese beiden Ausdrücke etwas ganz Verschiedenes.“

„Ach das wäre! Vielleicht haben Sie die Güte, uns zu sagen, worin dieser große Unterschied besteht?“

„O ja, recht gern. Der Architekt faßt die Idee, entwirft den Plan und schreibt vor, wie derselbe in seinen Einzelnheiten auszuführen sei – mit einem Worte, er ist das geistige Band. Der Baumeister dagegen theilt sich in den Maurermeister und den Zimmermeister und seinen Gehülfen. Diese sind die Maschine und der Architekt ist die Macht, welche die Maschine zusammensetzt und in Gang bringt.“

„Sehr schön, Herr Architekt; vielleicht können Sie nach dieser sehr sinnreichen Auseinandersetzuug, durch welche aber immer noch kein Unterschied klar geworden, dem Gerichtshofe sagen, wer der Architekt beim Thurmbau zu Babel war?“

„Bei dem Thurmbau zu Babel,“ entgegnete der Gefragte sehr ruhig, „war kein Architekt zugezogen worden und deshalb wurde auch nichts daraus!“




Nicht zu übersehen!

Mit dieser Nummer schließt das 4te Quartal und der Jahrgang 1854, und ersuchen wir die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das neue Quartal schleunigst aufzugeben. Wir können unsern Freunden zugleich die Versicherung geben, daß die Gartenlaube in Gehalt, Ausstattung und quantitativen Inhalt den letzten Jahrgang noch übertreffen wird.

Die Verlagshandlung. 



Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. d. h. auf je 1000 Einwohner kommen jährlich 21,6 Todesfälle und 32,3 Geburten, so daß ungefähr 11 mehr geboren werden, als sterben, und folglich auf je 1000 ein jährlicher Zuwachs von 11 stattfindet.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Boccolino
  2. North Dumfries (Ontario); Vorlage: Dumhries
  3. Vorlage: Estaunen