Die Fixsterne (Fortsetzung 1)

Textdaten
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Autor: Johann Peter Hebel
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Titel: Die Fixsterne. Fortsetzung
Untertitel:
aus: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
S. 271-274
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1803-1811
Erscheinungsdatum: 1811
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
Übersetzer:
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Quelle: ULB Düsseldorf und Djvu auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[271]
Die Fixsterne.

Fortsetzung.

Was bisher über die Fixsterne gesagt worden ist, kann zum Theil mit dem leiblichen Auge gesehen und erkannt werden. Allein das Auge des Verstandes sieht mehr als das Auge des Leibes.

Erstlich die Fixsterne sind so weit von uns entfernt, daß gar kein Mittel mehr möglich ist, ihre ungeheure Entfernung auszurechnen. Merke: der nächste Fixstern bei uns ist ohne Zweifel der Sirius oder Hundsstern, den der Herr Pfarrer auch kennt. Man schließt es aus seiner Größe und aus seinem wunderschönen Glanz, mit dem er vor allen andern Sternen herausstrahlt. Dessen ungeachtet muß er doch zum allerwenigsten 27,664 mal weiter von uns entfernt seyn, als die Sonne, denn wenn er näher wäre, so könnte mans wissen, und eine Kanonenkugel im Sirius abgeschossen, müßte mit gleicher Geschwindigkeit mehr als 600,000 Jahre lang fliegen, ehe sie die Erde erreichte. Ja man könnte noch viel mehr sagen. Aber dies soll genug seyn, sonst glaubts der geneigte Leser nicht. Eben so weit als der Sirius von der Erde entfernt ist, eben so weit ungefähr ist er von der Sonne entfernt. Denn auf ein paar Millionen Meilen kömmts hier gar nicht an.

Zweytens der Sirius, der aus einer so unermeßlichen Weite doch noch so groß aussieht, und so ein strahlendes Licht zu uns herab wirft, muß in seiner [272] Heimath wenigstens eben so groß, nein er muß noch viel größer als die Sonne, und folglich selber eine glorreiche strahlende Sonne seyn. Das kann nicht fehlen. Haben wir aber Ursache, für gewiß zu glauben, der Sirius sei daheim eine Sonne, so haben wir Ursache zu glauben, jeder andere Fixstern sey auch eine Sonne. Denn wenn sie uns auch noch so viel kleiner erscheinen, so sind sie nur noch so viel weiter von uns entfernt. Aber alle strahlen in ihrem eigenthümlichen ewigen Lichte, oder wo hätten sie’s sonst her?

Drittens die Entfernung unserer Sonne von dem Sirius dient uns nun zu einem muthmaßlichen Maaßstab, wie weit eine himmlische Sonne oder ein Stern von dem andern entfernt sey. Denn wenn zwischen unserer Sonne und der Sirius Sonne ein Zwischenraum ist, den eine Kanonenkugel in 600,000 Jahren nicht durchfliegen könnte, so kann man wohl glauben, daß die andern Sonnen auch eben so weit jede von der nächsten entfernt sey, bis zur oberstern Milchstraße hinauf, wo sie so klein scheinen und so nahe beyeinander, daß uns ein paar hundert von ihnen zusammen kaum aussehen wie ein Nebelfleck, den man mit einem badischen Sechskreutzerstück bedecken könnte. Es gehört nicht viel Verstand dazu, daß er einem still stehe.

Wenn man nun viertens das alles bedenkt, so will es nicht scheinen, daß alle diese zahllosen Sterne, zumal diejenigen, die man mit bloßem Auge nicht sehen kann, nur wegen uns erschaffen worden wären, und damit der Kalendermacher für des Lesers Geld etwas darüber [273] schreiben könnte. Wie wenn man in der fremden Stadt auf einer Pilgerreise über Nacht ist, und sieht zum erstenmal durch das Fensterlein der Schlafkammer heraus, rechts und links und über 20 Häuser hinaus, sieht man noch viel solche Lichter abermal brennen, wie in dem Schlafstüblein auch eins schimmert. Geneigter Pilger, diese Lichter sind nicht wegen deiner angezündet, daß es in dem Schlafstüblein lustig aussehe, sondern jedes dieser Lichter erleuchtet eine Stube, und es sitzen Leute dabey und lesen die Zeitung, oder den Abendsegen, oder sie spinnen und stricken, oder spielen Trumpfaus, und das Büblein macht ein Rechnungsexempel aus der Regel Detri.

Gleicherweise wollen verständige Leute glauben, wo in einer solchen Entfernung von uns, in einer solchen Entfernung von einander so unzählige prachtvolle Sonnenstrahlen, da müssen auch Planeten und Erdkörper zu einer jeden derselben gehören, welche von ihr Licht und Wärme und Freude empfangen, wie unsere Planeten von unserer Sonne, und es müssen darauf lebendige und vernünftige Geschöpfe wohnen, wie auf unserer Erde, die sich des himmlischen Lichtes erfreuen und ihren Schöpfer anbeten, und wenn sie etwa bey Nacht in den glanzvollen Himmel herausschauen, wer weiß, so erblicken sie auch unsere Sonne wie ein kleines Sternlein, aber unsere Erde sehen sie nicht, und wissen nichts davon, daß in Oestreich Krieg war, und daß die Türken die Schlacht bey Silistria gewonnen haben. Sie sehen nicht die Schönheit unserer Erde, wenn der Frühling voll Blüthen und Sommervögel an allen Bäumen und Hecken hängt und wir sehen die Schönheit ihres himmlischen Frühlings [274] nicht. – Aber der ewige und allmächtige Geist, der alle diese Lichter angezündet hat, und alle die Heere von Weltkörpern in den Händen trägt, sieht das Kindlein lächeln auf der Mutter Schoos, und die Braut weinen um des Bräutigams Tod, und umfaßt die Erde und den Himmel und aller Himmel Himmel mit Liebe und Erbarmung. Seines Orts dem Hausfreund, wenn er den Sternenhimmel betrachtet, es wird ihm zu Muth, als wenn er in die göttliche Vorsehung hineinschaute, und jeder Stern verwandelt sich in ein Sprüchlein. Der erste sagt: Deine Jahre währen für und für, du hast vorhin die Erde gegründet und die Himmel sind deiner Hände Werk. Der zweyte sagt: Bin ich nicht ein Gott der nahe ist, spricht der Herr, und nicht ein Gott der ferne sey? Meynest du, daß sich jemand so heimlich verbergen könne? Der Dritte sagt: Herr du erforschest mich und kennest mich, und siehest alle meine Wege. Der vierte sagt: Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, und Adams Kind, daß du dich sein annimmst? Der fünfte sagt: Und ob auch eine Mutter ihres Kindes vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen: spricht der Herr.

Deswegen hat der Hausfreund im Kapitel von den Kometen geschrieben, unten am Ende: Die Sterne, die zum Beschluß sollen erklärt werden, bedeuten insgesammt Friede und Liebe und Gottes allmächtigen Schutz. Er weiß noch wohl, was er geschrieben hat.