Die Entstehung der Kontinente und Ozeane/Zweites Kapitel

Erstes Kapitel Die Entstehung der Kontinente und Ozeane (1929)
von Alfred Wegener
Drittes Kapitel
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Zweites Kapitel.


Das Wesen der Verschiebungstheorie und ihr Verhältnis zu den bisher herrschenden Vorstellungen über die Änderungen der Erdoberfläche in geologischen Zeiten.


     Es ist eine seltsame und für den gegenwärtigen unfertigen Stand unserer Kenntnisse bezeichnende Tatsache, daß man hinsichtlich der vorzeitlichen Zustände unserer Erde zu ganz entgegengesetzten Resultaten kommt, je nachdem man von der biologischen oder der geophysikalischen Seite an das Problem herantritt.

     Die Paläontologen und ebenso die Tier- und Pflanzengeographen kommen immer wieder zu dem Ergebnis, daß die Mehrzahl der heute durch eine breite Tiefsee getrennten Kontinente in der Vorzeit eine Landverbindung gehabt haben müssen, über welche hinweg sich ein ungestörter Austausch der Landfauna und Landflora vollzog. Die Paläontologen schließen dies aus dem Vorkommen zahlreicher identischer Arten, die in der Vorzeit hüben und drüben nachweislich gelebt haben und deren gleichzeitige getrennte Entstehung an verschiedenen| Orten undenkbar erscheint. Und wenn immer nur ein beschränkter Prozentsatz von Identitäten in den gleichzeitigen fossilen Faunen oder Floren gefunden wird, so erklärt sich dies natürlich leicht aus dem Umstand, daß nur ein Bruchteil der gesamten damals lebenden Organismenwelt in fossilem Zustande erhalten ist und bisher gefunden wurde. Denn selbst wenn die ganze Organismenwelt auf zwei solchen Kontinenten einst restlos identisch war, wird die Unvollständigkeit unserer Kenntnis zur Folge haben müssen, daß die beiderseits gemachten Funde nur teilweise identisch ausfallen, zum anderen, meist größeren Teile aber Unterschiede vortäuschen; und dazu kommt natürlich noch der Umstand, daß die Organismenwelt auch bei vollkommener Austauschmöglichkeit doch nicht vollkommen identisch gewesen sein wird, wie ja auch heute z. B. Europa und Asien keineswegs identische Fauna und Flora haben.

     Und zu dem gleichen Ergebnis gelangt auch die vergleichende Untersuchung der heutigen Tier- und Pflanzenwelt. Die heutigen Arten auf zwei solchen Kontinenten sind zwar verschieden, aber die Gattungen und Familien sind noch die gleichen; und was heute Gattung oder Familie ist, war in der Vorzeit einmal Art. So führt auch die Verwandtschaft der heutigen Landfaunen und Landfloren zu dem Schluß, daß diese Faunen und Floren in der Vorzeit einmal identisch waren und daher im Austausch gestanden haben müssen, der nur über eine breite Landverbindung gedacht werden kann. Erst nach Abbruch dieser Landverbindung kam es zur Aufsplitterung in die heute verschiedenen Arten. Es ist wohl nicht zuviel gesagt, daß die ganze Entwicklung des Lebens auf der Erde und die Verwandtschaft der heutigen Organismen auch auf weit getrennten Kontinenten uns ein unlösbares Rätsel bleiben muß, wenn wir nicht solche ehemaligen Landverbindungen annehmen.

     Nur ein Zeugnis für viele: de Beaufort schreibt [123]: „Es könnten noch viele andere Beispiele genannt werden, aus denen hervorgeht, daß es in der Zoogeographie unmöglich ist, zu einer annehmbaren Erklärung der Verbreitung der Tiere zu kommen, wenn man nicht Verbindungen annimmt zwischen heute getrennten Kontinenten, und zwar nicht nur Landbrücken, von denen, wie Matthew es ausdrückt, nur ein paar Planken weggenommen sind, sondern auch solche Verbindungen, wo jetzt der tiefe Ozean trennt“[1].

|      Selbstverständlich sind viele Einzelfragen hierbei noch ungenügend geklärt. In manchen Fällen sind ehemalige Landbrücken auf Grund sehr dürftiger Anzeichen konstruiert worden und haben beim Fortschritt der Forschung keine Bestätigung erfahren. In anderen Fällen herrscht wenigstens noch keine völlige Einigkeit über den Zeitpunkt, zu dem die Verbindung erlosch und die heutige Trennung einsetzte. Aber bei den wichtigsten dieser alten Landverbindungen herrscht doch heute schon unter den Spezialisten eine erfreuliche Übereinstimmung, ob sie nun ihre Schlüsse auf die geographische Verbreitung der Säugetiere oder der Regenwürmer, der Pflanzen oder eines anderen Teiles der Organismenwelt gründen. Arldt [11] hat aus den Äußerungen bzw. Karten von 20 Forschern[2] eine Art Abstimmungstabelle über die Existenz oder Nichtexistenz der verschiedenen Landverbindungen für die verschiedenen geologischen Zeiten entworfen. Für die vier wichtigsten dieser ehemaligen Landverbindungen habe ich das Ergebnis dieser Auszählung graphisch in Abb. 1 dargestellt. Hierin sind für jede Landverbindung drei Kurven gezeichnet, nämlich die Zahl der bejahenden, die Zahl der verneinenden Stimmen und deren Differenz, also die Stärke der Majorität, letztere durch Schraffur der zugehörigen Fläche hervorgehoben. So zeigt die oberste Darstellung, daß die Verbindung Australiens mit Vorderindien, Madagaskar und Afrika (das alte „Gondwanaland“) nach der Mehrzahl der Forscher seit kambrischen Zeiten bis zum Beginn der Jurazeit andauerte, zu diesem Zeitpunkt aber erlosch; die zweite Darstellung zeigt, daß die alte Landverbindung| zwischen Südamerika und Afrika („Archhelenis“) nach der Mehrzahl der Forscher in der Unter- bis Mittelkreide erlosch. Noch später, nämlich an der Wende zwischen Kreide und Tertiär, erlosch nach der dritten graphischen Darstellung die alte Landverbindung zwischen Madagaskar und Dekan („Lemurien“). Erheblich unregelmäßiger war die Landverbindung zwischen Nordamerika und Europa, wie die vierte graphische Darstellung zeigt. Aber auch hier herrscht trotz des häufigen Wechsels der Verhältnisse doch eine recht weitgehende Übereinstimmung der Ansichten: Die Verbindung war in der älteren Zeit wiederholt, namentlich im Kambrium, im Perm, sowie in der Jura- und Kreidezeit, gestört, offenbar aber nur durch seichte „Transgressionen“, die eine spätere Wiederherstellung der Verbindung zuließen. Der endgültige Abbruch der Beziehungen, wie er der heutigen Trennung durch eine breite Tiefsee entspricht, kann aber, wenigstens im Norden bei Grönland, erst im Quartär vor sich gegangen sein.

Abb. 1.

Zahl der bejahenden (obere starke Kurve) und Zahl der verneinenden Stimmen (untere starke Kurve) zur Frage der Existenz von vier Landbrücken seit dem Kambrium.
Die Differenz (Majorität) ist schraffiert. Doppelt, wenn verneinend.

     Auf manche Einzelheiten wird später eingegangen werden. Hier sei nur ein Punkt hervorgehoben, der von den Vertretern dieser| Landbrückentheorie bisher unbeachtet gelassen wurde, aber von größter Wichtigkeit ist: Diese ehemaligen Landverbindungen werden nicht nur für solche Stellen, wie z. B. die Beringstraße, gefordert, wo heute ein seichtes Schelfmeer oder Transgressionsmeer die Kontinente trennt, sondern auch für heutige Tiefseegebiete. Alle vier Beispiele unserer Abb. l betreffen solche Fälle. Sie sind mit Absicht ausgewählt, weil gerade bei ihnen die neuen Gedankengänge der Verschiebungstheorie einsetzen, wie noch zu zeigen ist.

     Da man bisher als selbstverständlich voraussetzte, daß die Kontinentalblöcke - seien sie trocken oder seien sie überflutet - ihre relative Lage zueinander die ganze Erdgeschichte hindurch unverändert beibehalten hätten, so blieb natürlich nichts weiter übrig, als anzunehmen, daß die geforderten Landverbindungen in Gestalt von Zwischenkontinenten vorhanden gewesen waren, die später, als der Austausch der Landfauna und Landflora aufhörte, unter den Meeresspiegel versanken und heute den Boden der zwischenliegenden Tiefsee bildeten. So entstanden die bekannten paläogeographischen Rekonstruktionen, von denen Abb. 2 ein Beispiel für die Karbonzeit gibt.

Abb. 2.

Verteilung von Wasser (schraffiert) und Land zur Karbonzeit nach den üblichen Vorstellungen.

     Diese Annahme versunkener Zwischenkontinente war in der Tat die nächstliegende, solange man auf dem Boden der Lehre von der Kontraktion oder der Schrumpfung der Erde stand, auf die wir im folgenden etwas näher eingehen müssen. Diese Lehre entstand in Europa; sie wurde namentlich von Dana, Albert Heim und| Eduard Suess begründet und ausgebaut und beherrscht noch bis in die Gegenwart die Grundvorstellungen in den meisten europäischen Lehrbüchern der Geologie. Suess prägte den kürzesten Ausdruck für den Inhalt dieser Theorie: „Der Zusammenbruch des Erdballs ist es, dem wir beiwohnen“ [12, Bd. 1, S. 778]. Wie ein trocknender Apfel durch den Wasserverlust des Innern faltige Runzeln an der Oberfläche bekommt, so sollen sich durch die Abkühlung und damit verbundene Schrumpfung des Erdinnern die Gebirgsfalten an der Oberfläche bilden. Infolge dieses Zusammensinkens der Kruste soll ein allgemeiner „Gewölbedruck“ in der Rinde herrschen und bewirken, daß einzelne Teile als Stufen oder Horste stehenbleiben, gewissermaßen getragen von diesem Gewölbedruck. Im weiteren Verlauf können dann diese zurückgebliebenen Teile wiederum den anderen in der Sinkbewegung vorauseilen, und was Festland war, kann Meeresboden werden und umgekehrt in beliebig oft wiederholtem Wechsel, eine Vorstellung, die von Lyell begründet wurde und auf die Tatsache zurückgeht, daß man fast überall auf den Kontinenten Ablagerungen früherer Meere vorfindet. Man kann dieser Theorie das historische Verdienst nicht absprechen, lange Zeit hindurch eine ausreichende Zusammenfassung unseres geologischen Wissens gebildet zu haben. Und wegen dieser langen Zeit ist die Kontraktionstheorie auf eine große Menge von Einzelergebnissen der Forschung mit solcher Folgerichtigkeit angewendet worden, daß sie noch heute in ihrer großzügigen Einfachheit des Grundgedankens und der Vielgliedrigkeit seiner Anwendungen etwas Bestechendes hat.      Seit der großartigen Zusammenfassung, die das geologische Wissen von der Erde durch das vierbändige Werk von Eduard Suess „Das Antlitz der Erde“ vom Gesichtspunkt der Kontraktionstheorie erfuhr, haben sich indessen die Zweifel an der Richtigkeit der Grundvorstellung immer mehr gehäuft. Die Vorstellung, daß alle Hebungen nur scheinbar seien, nämlich nur in einem Zurückbleiben hinter dem allgemeinen Hinstreben der Kruste zum Erdmittelpunkt beständen, wurde durch den Nachweis absoluter Hebungen widerlegt [71]. Die Vorstellung von einem ständig und überall wirkenden Gewölbedruck, schon theoretisch von Hergesell [124] für die oberste Rindenschicht widerlegt, erwies sich als unhaltbar, da der Bau von Ostasien und die ostafrikanischen Grabenbrüche umgekehrt auf Zugkräfte in großen Teilen der Erdrinde schließen ließen. Die Auffassung der Gebirgsfaltungen als Rindenrunzelung| bei der Schrumpfung des Erdinnern führte zu der unannehmbaren Konsequenz einer Druckübertragung innerhalb der Erdrinde über eine Strecke von 180 Großkreisgraden. Zahlreiche Autoren, wie Ampferer [13], Reyer [14], Rudzki [15], Andrée [16] u. a. haben mit Recht dagegen Stellung genommen und gefordert, es müßte die ganze Erdoberfläche gleichmäßig von der Runzelung betroffen werden, was ja auch der trocknende Apfel zeigt. Besonders war es aber die Entdeckung des schuppenartigen „Deckfaltenbaues“ oder der Überschiebungen in den Alpen, welche die ohnehin schwierige Erklärung der Gebirge durch Schrumpfung immer unzulänglicher erscheinen ließ. Diese durch die Arbeiten von Bertrand, Schardt, Lugeon u. a. eingeführte neue Auffassung vom Bau der Alpen und zahlreicher anderer Gebirge führt zu weit größeren Beträgen des Zusammenschubs als die früheren Vorstellungen. Während Heim nach der letzteren noch für die Alpen eine Verkürzung auf 1/2 berechnete, findet er unter Zugrundelegung des heute allgemein anerkannten Deckfaltenbaues eine Verkürzung auf 1/4 bis 1/8 [17]. Da die heutige Breite etwa 150 km beträgt, so wäre also hier ein Rindenstück von 600 bis 1200 km Breite (5 bis 10 Breitengraden) zusammengeschoben. Aber in der jüngsten großen Synthese über den Deckfaltenbau der Alpen kommt R. Staub [18] in Übereinstimmung mit Argand sogar zu noch größeren Beträgen des Zusammenschubs. Er kommt auf S. 257 zu dem Schluß:

     „Die alpine Orogenese ist der Effekt der Nordwanderung der afrikanischen Scholle. Glätten wir nur die alpinen Falten und Decken auf dem Querschnitt zwischen Schwarzwald und Afrika wieder aus, so ergibt sich gegenüber der jetzigen Distanz von rund 1800 km schon ein ursprünglicher Abstand von rund 3000 bis 3500 km, also ein Zusammenschub der alpinen Region, alpin in weiterem Sinne gemeint, um rund 1500 km. Um diesen Betrag muß sich Afrika gegenüber Europa verschoben haben. Wir kommen damit also auf eine wahre Kontinentalverschiebung der afrikanischen Scholle um große Beträge“[3].

     In ähnlichem Sinne haben sich auch andere Geologen geäußert, wie z. B. F. Hermann [106], Edw. Hennig [19] oder Kossmat [21],| der betont, „daß eine Erklärung der Gebirgsbildung mit großartigen tangentialen Rindenbewegungen rechnen muß, die sich nicht in den Vorstellungskreis der einfachen Kontraktionstheorie einfügen lassen“. Für Asien hat insbesondere Argand [20] in einer umfangreichen Untersuchung, auf die wir noch weiter unten zurückkommen werden, ganz entsprechende Vorstellungen entwickelt, wie er selbst und Staub für die Alpen. Jeder Versuch, diese gewaltigen Zusammenschübe der Rinde auf eine Temperaturerniedrigung des Erdinnern zurückzuführen, muß scheitern.      Aber sogar die scheinbar selbstverständliche Grundannahme der Kontraktionstheorie, nämlich daß die Erde sich ständig abkühle, ist durch die Entdeckung des Radiums völlig ins Wanken geraten. Dieses Element, durch dessen Zerfall fortwährend Wärme entsteht, ist nämlich in den uns zugänglichen Gesteinen der Erdrinde überall in meßbaren Mengen enthalten, und die zahlreichen Messungen führen zu dem Schluß, daß, wenn auch das Innere der Erde den gleichen Radiumgehalt hätte, die Produktion von Wärme unvergleichlich viel größer sein müßte als ihre Abfuhr nach außen, die wir durch die Temperaturzunahme mit der Tiefe in Bergwerken bei Berücksichtigung der Leitfähigkeit der Gesteine kontrollieren können. Das hieße aber so viel, daß die Temperatur der Erde dauernd im Steigen sein müßte. Allerdings legt die sehr geringe Radioaktivität der Eisenmeteoriten nahe, daß auch der eiserne Kern der Erde vermutlich viel weniger Radium enthält als die Rinde, so daß dieser paradoxe Schluß vielleicht vermeidbar ist; aber jedenfalls kann man heute den thermischen Zustand der Erde nicht mehr wie früher als die augenblickliche Phase im Abkühlungsprozeß einer früher viel heißeren Kugel betrachten, sondern viel eher als einen Gleichgewichtszustand zwischen der radioaktiven Wärmeproduktion des Erdinnern und der Wärmeabgabe an den Weltraum. Ja die neuesten Untersuchungen über diese Frage, die später eingehender zu besprechen| sein werden, kommen zu dem Ergebnis, daß wenigstens unter den Kontinentalschollen tatsächlich mehr Wärme erzeugt als abgeführt wird, die Temperatur also hier ansteigen muß, während allerdings im Gebiet der Tiefseebecken umgekehrt die Abgabe gegenüber der Produktion überwiegt, und es so für die ganze Erde zu einem Gleichgewicht zwischen Produktion und Abgabe kommt. Jedenfalls sieht man hieraus, daß durch diese neuen Anschauungen der Kontraktionstheorie ihre Grundlage völlig entzogen wird.      Aber auch noch manche anderen Schwierigkeiten erheben sich gegen die Kontraktionstheorie und ihre Gedankengänge. Die Vorstellung eines schrankenlosen zeitlichen Wechsels zwischen Kontinent und Meeresboden, die durch die marinen Sedimente auf den heutigen Kontinenten nahegelegt war, mußte stark eingeschränkt werden. Denn bei der genaueren Untersuchung dieser Sedimente zeigte sich immer deutlicher, daß es sich fast ohne Ausnahme um Flachseesedimente handelte. Manche früher für Tiefseeablagerungen angesprochenen Sedimente erwiesen sich als der Flachsee entstammend, wie es z. B. für die Schreibkreide von Cayaux nachgewiesen wurde. Dacqué [22] hat eine gute Übersicht über diese Frage gegeben. Nur bei ganz wenigen Sedimenten, wie den kalkarmen Radiolariten der Alpen und gewissen roten Tonen, die an den roten Tiefseeton erinnern, nimmt man auch heute noch große Entstehungstiefen (4 bis 5 km) an, vor allem, weil das Seewasser erst in großer Tiefe auflösend auf den Kalk wirkt. Aber die räumliche Erstreckung dieser echten Tiefseeablagerungen auf den heutigen Kontinenten ist, verglichen mit der Größe dieser letzteren und der auf ihnen liegenden Flachseesedimente, so verschwindend, daß der Satz von der grundsätzlichen Flachseenatur der fossilen Meeresablagerungen auf den heutigen Kontinenten dadurch nicht beeinträchtigt wird. Hierdurch entsteht aber für die Kontraktionstheorie eine große Schwierigkeit. Denn da wir die Flachsee geophysikalisch mit zur Kontinentalscholle rechnen müssen, so besagt dieser Satz, daß die Kontinentalschollen als solche in der Erdgeschichte „permanent“ geblieben sind und niemals den Boden der Tiefsee gebildet haben. Dürfen wir dann noch annehmen, daß der heutige Tiefseeboden jemals Kontinent war? Die Berechtigung dieses Schlusses ist offenbar mit der Feststellung der Flachseenatur der marinen Ablagerungen auf den Kontinenten verloren gegangen. Aber mehr als das, dieser Schluß führt jetzt auf einen offenen Widerspruch. Wenn wir nämlich jene Zwischenkontinente nach Art der Abb. 2 rekonstruieren, also| einen großen Teil der heutigen Tiefseebecken ausfüllen, ohne die Möglichkeit einer Kompensation durch Hinabdrücken heutiger Kontinentalgebiete zum Niveau des Tiefseebodens zu haben, so haben die Wassermassen des Weltmeeres keinen Platz mehr in den nunmehr stark verkleinerten Tiefseebecken. Die Wasserverdrängung der Zwischenkontinente wäre eine so gewaltige, daß der Spiegel des Weltmeeres über das gesamte Kontinentalgebiet der Erde ansteigen und alles überfluten würde, die heutigen Kontinente wie die Zwischenkontinente, und die Rekonstruktion führt also gar nicht zu dem gewünschten Ziel, das doch in trockenen Landverbindungen zwischen trockenen Kontinenten besteht. Abb. 2 stellt also eine unmögliche Rekonstruktion dar, sofern wir nicht Zusatzhypothesen einführen, die als Hypothesen „ad hoc“ unwahrscheinlich sind, wie z. B., daß die Wassermenge des Weltmeeres damals gerade um so viel kleiner war als heute, oder daß die übrigbleibenden Tiefseebecken damals gerade um so viel tiefer waren als heute. Willis, A. Penck u. a. haben auf diese eigentümliche Schwierigkeit hingewiesen.

     Von den vielen Einwürfen gegen die Kontraktionstheorie sei nur noch einer hervorgehoben, der ein ganz besonderes Gewicht hat. Die Geophysik ist, hauptsächlich durch Schweremessungen, zu der Vorstellung gekommen, daß die Erdrinde im Tauchgleichgewicht auf einer etwas schwereren, zähflüssigen Unterlage schwimmt. Man nennt diesen Zustand Isostasie. Isostasie ist nichts anderes als Tauchgleichgewicht nach dem archimedischen Prinzip, wobei das Gewicht des eintauchenden Körpers gleich dem Gewicht der verdrängten Flüssigkeit ist. Die Einführung eines besonderen Wortes für diesen Zustand bei der Erdrinde ist jedoch deshalb zweckmäßig, weil die Flüssigkeit, in welche die Erdrinde eintaucht, wahrscheinlich von einer sehr großen, nur schwer vorstellbaren Zähigkeit ist, so daß Schwingungen um die Gleichgewichtslage ausgeschlossen sind, und das Hinstreben zur Gleichgewichtslage nach Eintritt einer Störung derselben ein Prozeß ist, der nur mit äußerster Langsamkeit fortschreitet und viele Jahrtausende zur Vollendung braucht. Im Laboratorium würde sich diese „Flüssigkeit“ vielleicht kaum von einem „festen“ Körper unterscheiden. Doch sei daran erinnert, daß auch bei Stahl, den wir doch gewiß als festen Körper betrachten, z. B. kurz vor dem Zerreißen typische Fließerscheinungen eintreten.

     Ein Beispiel für eine Störung der Isostasie der Erdrinde bildet ihre Belastung mit einer Inlandeiskappe. Sie hat zur Folge, daß die Erdrinde unter dieser sich langsam senkt und einer neuen, der| Belastung entsprechenden Gleichgewichtslage zustrebt, um nach dem Abschmelzen des Inlandeises wieder nach und nach die alte Gleichgewichtslage anzunehmen, wobei die während der Depression gebildeten Strandlinien mit emporgetragen werden. So zeigen die aus den Strandlinien abgeleiteten „Isobasenkarten“ de Geers [23] für die letzte Vereisung Skandinaviens eine Depression des zentralen Teiles um mindestens 250 m, die nach außen allmählich geringer wird, und für die größte der quartären Vereisungen sind noch höhere Werte anzunehmen.

Abb. 3.

Betrag der postglazialen Hebung Fennoskandiens nach Högbohm, in Metern.

In Abb. 3 geben wir eine Karte dieser postglazialen Hebung Fennoskandias nach Högbom (aus Born [43]) wieder. Dieselbe Erscheinung hat de Geer auch für das nordamerikanische Vereisungsgebiet nachgewiesen. Rudzki [15] hat gezeigt, daß man unter Annahme der Isostasie hieraus plausible Werte für die Dicke der Inlandeisschicht berechnen kann, nämlich 930 m für Skandinavien und 1670 m für Nordamerika, wo die Senkung| 500 m betrug. Infolge der Zähigkeit der Unterlage hinken diese Ausgleichsbewegungen natürlich stark nach: Die Strandlinien haben sich meist erst nach Abschmelzen des Eises, aber vor der Hebung des Landes gebildet, und auch heute steigt Skandinavien, wie die Pegelmessungen zeigen, noch um etwa 1 m in 100 Jahren.

     Auch sedimentäre Ablagerungen haben, wie wohl Osmond Fisher zuerst erkannte, eine Senkung der Scholle zur Folge: Jede Aufschüttung von oben führt zu einer freilich etwas nachhinkenden Senkung der Scholle, so daß die neue Oberfläche wieder fast in der alten Höhe liegt. Auf diese Weise können viele Kilometer mächtige Ablagerungen entstehen, die alle gleichwohl in flachem Wasser gebildet sind.

     Wir werden später noch näher auf die Isostasielehre eingehen. Hier sei nur so viel gesagt, daß sie durch geophysikalische Beobachtungen in solchem Umfang bestätigt worden ist, daß sie heute zum festen Bestand der Geophysik gehört und an ihrer grundsätzlichen Richtigkeit nicht mehr gezweifelt werden kann[4].

     Man sieht ohne weiteres, daß dies Ergebnis dem Vorstellungskreis der Kontraktionstheorie ganz zuwiderläuft und sich sehr schwer mit ihr vereinigen läßt. Insbesondere erscheint es hiernach unmöglich, daß sich eine Kontinentalscholle von der Größe der geforderten Zwischenkontinente unbelastet bis zum Boden der Tiefsee senkt oder das umgekehrte eintritt. Die Isostasielehre ist also nicht nur mit der Kontraktionslehre im Widerspruch, sondern insbesondere| auch mit der aus der Verbreitung der Organismen abgeleiteten Lehre von den versunkenen Landbrücken[5].      Wir haben mit Absicht im vorangehenden die Einwände gegen die Kontraktionstheorie etwas ausführlicher besprochen. Denn in einem Teile der hier vorgebrachten Gedankengänge wurzelt eine andere, heute namentlich unter den amerikanischen Geologen verbreitete Theorie, welche man als Permanenztheorie bezeichnet. Willis [27] faßte sie in die Formel: „Die großen Tiefseebecken bilden permanente Erscheinungen der Erdoberfläche und haben mit geringen Änderungen ihrer Umrisse schon seit der ersten Sammlung des Wassers an derselben Stelle gelegen, an der sie jetzt liegen.“ In der Tat waren wir schon oben durch die Flachseenatur der marinen Sedimente auf den heutigen Kontinenten zu dem Schluß gekommen, daß die Kontinentalschollen als solche in der Erdgeschichte permanent gewesen sind. Die aus der Isostasielehre folgende Unmöglichkeit, die heutigen Tiefseeböden als versunkene Zwischenkontinente aufzufassen, ergänzt dies Resultat zu einer allgemeinen Permanenz der Tiefseebecken und der Kontinentalschollen. Und da man auch hier von der selbstverständlich erscheinenden Annahme ausging, daß die Lage der Kontinentalschollen relativ zueinander keine Änderung erfahren habe, so erscheint die Formulierung, die Willis der Permanenzlehre gab, als logischer Schluß aus unseren geophysikalischen Erfahrungen, freilich unter Nichtachtung der aus der Verbreitung der Organismen abgeleiteten Forderung nach ehemaligen Landverbindungen. Und so haben wir das seltsame Schauspiel, daß über das vorzeitliche Antlitz unserer Erde zwei ganz gegensätzliche Lehren gleichzeitig bestehen, nämlich in Europa| fast überall die Lehre von ehemaligen Landbrücken, in Amerika fast überall die Lehre von der Permanenz der Ozeanbecken und Kontinentalschollen.

     Es ist wohl kein Zufall, daß die Permanenzlehre gerade in Amerika ihre zahlreichsten Vertreter zählt; die Geologie hat sich dort erst spät und darum gleichzeitig mit der Geophysik entwickelt, und dies mußte zur Folge haben, daß sie die Ergebnisse dieser Schwesterwissenschaft schneller und vollständiger aufnahm als in Europa. Sie kam gar nicht in Versuchung, die der Geophysik widersprechende Kontraktionslehre zu ihrer Grundannahme zu machen. Anders in Europa, wo die Geologie bereits eine lange Entwicklung hinter sich hatte, bevor die Geophysik zu ihren ersten Ergebnissen kam, ja wo sie ohne diese bereits zu einem großartigen Entwicklungsbild in Gestalt der Kontraktionstheorie gelangt war. Es ist durchaus verständlich, daß es vielen europäischen Forschern schwer fällt, sich von dieser Tradition völlig frei zu machen, und daß sie den Ergebnissen der Geophysik mit einem nie ganz versiegenden Mißtrauen gegenüberstehen.

     Aber was ist nun die Wahrheit? Die Erde kann zu einer Zeit nur ein Antlitz gehabt haben. Gab es damals Landbrücken oder lagen die Kontinente wie heute durch breite Tiefseebecken getrennt? Es ist unmöglich, die Forderung nach den alten Landverbindungen abzulehnen, wenn wir nicht gänzlich darauf verzichten wollen, die Entwicklung des Lebens auf der Erde zu verstehen. Aber es ist ebenso unmöglich, sich den Gründen zu entziehen, mit denen die Vertreter der Permanenzlehre die versunkenen Zwischenkontinente ablehnen. Da bleibt offenbar nur eine Möglichkeit: es muß ein versteckter Fehler in den als selbstverständlich gemachten Voraussetzungen liegen.

     Hier setzt die Verschiebungstheorie ein. Die sowohl bei den versunkenen Landbrücken wie bei der Permanenz zugrunde gelegte selbstverständliche Annahme, daß die relative Lage der Kontinentalschollen (von ihrer wechselnden Flachseebedeckung wird abgesehen) zueinander sich nie geändert habe, muß falsch sein. Die Kontinentalschollen müssen sich verschoben haben. Südamerika muß neben Afrika gelegen und mit diesem eine einheitliche Kontinentalscholle gebildet haben, die sich in der Kreidezeit in zwei Teile spaltete, die dann wie die Stücke einer geborstenen Eisscholle im Wasser im Laufe der Jahrmillionen immer weiter voneinander wichen. Die Ränder dieser beiden Schollen sind noch heute auffallend kongruent.

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Abb. 4.

Rekonstruktion der Erdkarte nach der Verschiebungstheorie für drei Zeiten.
Schraffiert: Tiefsee; punktiert: Flachsee; Heutige Konturen und Flüsse nur zum Erkennen.
Gradnetz willkürlich (das heutige von Afrika).

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Abb. 5.

Dieselben Rekonstruktionen wie in Abb. 1, in anderer Projektion.

| Nicht allein der große rechtwinklige Knick, den die brasilianische Küste bei Kap San Roque erfährt, findet sein getreues Negativ in dem afrikanischen Küstenknick bei Kamerun, sondern auch südlich dieser beiden korrespondierenden Punkte entspricht jedem Vorsprung auf brasilianischer Seite eine gleichgeformte Bucht auf afrikanischer, und umgekehrt jeder Bucht auf brasilianischer ein Vorsprung auf afrikanischer Seite. Wie ein Versuch mit dem Zirkel am Globus lehrt, stimmen die Größen genau.

     Ebenso hat auch Nordamerika früher neben Europa gelegen und wenigstens von Neufundland bzw. Irland ab nach Norden mit diesem und Grönland eine zusammenhängende Scholle gebildet, die erst im Spättertiär, im Norden sogar erst im Quartär durch eine bei Grönland sich gabelnde Spalte zerriß, worauf die Teilschollen sich voneinander entfernten. Antarktika, Australien und Vorderindien lagen bis zum Beginn der Jurazeit neben Südafrika und bildeten mit diesem und Südamerika ein einziges großes - wenn auch teilweise von Flachsee bedecktes - Kontinentalgebiet, das im Laufe von Jura, Kreide und Tertiär durch Zerspaltung in Einzelschollen zerfiel, die nach allen Seiten auseinandertrifteten. Unsere in den Abb. 4 und 5 wiedergegebenen drei Erdkarten für das Jung-Karbon, Eozän und Alt-Quartär zeigen diesen Entwicklungsgang. Bei Vorderindien handelt es sich dabei um einen etwas abweichenden Vorgang: Es war ursprünglich durch ein langes, freilich meist von Flachsee bedecktes Schollenstück mit dem asiatischen Kontinent verbunden. Nach der Abtrennung Vorderindiens einerseits von Australien (in der älteren Jurazeit), andererseits von Madagaskar (an der Wende von Kreide und Tertiär) wurde dies lange Verbindungsstück durch fortschreitende Annäherung des heutigen Vorderindiens an Asien immer mehr zusammengefaltet und ruht heute in den gewaltigsten Gebirgsfalten, die unsere Erde trägt, dem Himalaja und den zahlreichen weiteren Faltenzügen Hochasiens.

     Auch auf anderen Gebieten tritt die Schollenverschiebung in ursächlicher Verknüpfung mit der Entstehung der Gebirge auf: Bei dem Westwärtswandern der beiden Amerika wurde ihr Vorderrand durch den Stirnwiderstand an dem uralten, tief ausgekühlten und daher widerstrebenden Tiefseeboden des Pazifik zusammengefaltet zu dem riesigen Andengebirge, das sich von Alaska bis Antarktika hinzieht. Auch bei der australischen Scholle, zu der auch das nur durch ein Schelfmeer getrennte Neuguinea zu zählen ist, befindet| sich auf der Vorderseite im Sinne der Bewegung das hohe junge Gebirge von Neuguinea; vor ihrem Abriß von Antarktika war ihre Bewegungsrichtung, wie unsere Karten zeigen, eine andere: die heutige Ostküste war damals die Vorderseite. Damals wurden die Gebirge Neuseelands aufgefaltet, das dieser Küste unmittelbar vorgelagert war und sich in der Folgezeit bei veränderter Verschiebungsrichtung als Girlande ablöste und zurückblieb. Aus noch älterer Zeit stammen die heutigen Kordilleren Ostaustraliens; sie entstanden gleichzeitig mit den älteren Faltungen in Süd- und Nordamerika, die den Anden zugrunde liegen (Präkordilleren), am Vorderrand der sich als Ganzes verschiebenden Kontinentalmasse vor der Aufspaltung.

     Die soeben erwähnte Abtrennung der einstigen Randkette, späteren Girlande Neuseeland von der australischen Scholle leitet uns zu der Erscheinung hinüber, daß kleinere Schollenteile besonders bei der Westwanderung der großen Schollen zurückbleiben. So trennen sich am ostasiatischen Kontinentalrand die Randketten als Girlanden ab, so bleiben die Kleinen und Großen Antillen hinter der Bewegung der mittelamerikanischen Scholle zurück und ebenso der sogenannte Südantillenbogen zwischen Feuerland und der Westantarktis, ja sogar alle sich in meridionaler Richtung zuspitzenden Schollen zeigen eine Verbiegung dieser Spitzen durch Zurückbleiben nach Osten, wie die Südspitze Grönlands, der Schelf von Florida, Feuerland, Grahamland oder das abbrechende Ceylon.

     Man wird leicht bemerken, daß dieser ganze Vorstellungskreis der Verschiebungstheorie von der Annahme ausgeht, daß Tiefseeboden und Kontinentalscholle aus verschiedenem Material bestehen, gewissermaßen verschiedene Schichten des Erdkörpers darstellen. Die äußerste, durch die Kontinentalschollen repräsentierte Schicht bedeckt nicht (vielleicht nicht mehr) die ganze Erdoberfläche; die Tiefseeböden aber stellen die freie Oberfläche der nächsten Schicht des Erdkörpers dar, welche auch unter den Kontinentalschollen anzunehmen ist. Dies ist die geophysikalische Seite der Verschiebungstheorie.

     Legen wir diese Verschiebungstheorie zugrunde, so befriedigen wir alle berechtigten Forderungen sowohl der Lehre von den ehemaligen Landverbindungen, wie auch der Lehre von der Permanenz. Es heißt jetzt: Landbrücken, aber nicht durch später versinkende Zwischenkontinente, sondern durch Berührung der heute getrennten| Schollen. Permanenz nicht der einzelnen Ozeane oder Kontinente als solche, sondern des Tiefseeareals und des kontinentalen Areals im ganzen.

     Die ausführliche Begründung dieser neuen Vorstellungen wird den Hauptinhalt dieses Buches bilden.



  1. „Allerdings gibt es heute auch noch einige Gegner der Landbrücken. Unter ihnen ist besonders G. Pfeffer hervorzuheben. Er geht davon aus, daß verschiedene jetzt auf die Süderdteile beschränkte Formen auf der Nordhalbkugel fossil nachgewiesen sind. Für diese ist es nach ihm unzweifelhaft, daß sie einst mehr oder weniger universal verbreitet waren. Ist nun schon dieser Schluß nicht unbedingt zwingend, so noch viel weniger der weitere, daß wir eine universale Ausbreitung auch in allen den Fällen diskontinuierlicher Verbreitung im Süden annehmen dürfen, in denen ein fossiler Nachweis im Norden noch nicht stattgefunden hat. Wenn er so alle Verbreitungseigentümlichkeiten ausschließlich durch Wanderungen zwischen den Nordkontinenten und ihren mediterranen Brücken erklären will, so steht diese Annahme durchaus auf ganz unsicherem Boden.“ (Arldt [135].) Daß sich die Verwandtschaften der Südkontinente einfacher und vollständiger durch unmittelbare Landzusammenhänge erklären lassen, als durch parallele Abwanderung vom gemeinsamen Nordgebiet, bedarf wohl keiner Erläuterung, wenn auch in einzelnen Fällen der Vorgang sich so abgespielt haben kann, wie Pfeffer annimmt.
  2. Arldt, Burckhardt, Diener, Frech, Fritz, Handlirsch Haug, v. Ihering, Karpinsky, Koken, Kossmat, Katzer, Lapparent, Matthew, Neumayr, Ortmann, Osborn, Schuchert, Uhlig, Willis.
  3. Wie es scheint, sind die Schätzungen der Größe des Zusammenschubs der Alpen noch immer im Wachsen. So schreibt Staub neuerdings [214, ähnlich in 215]: „Denken wir uns nun aber diesen alpinen, wohl dutzendfach übereinandergeschobenen Deckenhaufen wieder ausgeglättet …, so kommen wir notgedrungen mit dem starren Rückland der Alpen viel weiter nach Süden, und die ursprüngliche Distanz zwischen Vorland und Rückland der Alpen ist eine wohl zehn- bis zwölfmal größere gewesen als der heutige Abstand zwischen den beiden.“ Er fügt hinzu: „Die Schaffung eines Gebirges geht also hier ganz deutlich und zweifelsfrei auf selbständige Wanderungen größerer, nach ihrem Bau und ihrer Zusammensetzung sicher kontinentalen Schollen zurück, und damit gelangen wir, von der Geologie der Alpen, von der Deckentheorie Hans Schardts, ganz selbstverständlich und ungezwungen zu der Anerkennung des Grundprinzips der großen Wegenerschen Theorie von den Verschiebungen der kontinentalen Schollen.“
  4. Von amerikanischer Seite, z. B. von Taylor [101] wird bisweilen unter der Bezeichnung Isostasielehre Bowies Hypothese über die Entstehung der Geosynklinalen und der Gebirge verstanden. Nach Bowies Annahme [224] tritt die erste Hebung der mit Sedimenten angefüllten Mulde, der Geosynklinale, durch ein Ansteigen der Isothermen in ihr und die damit verbundene Volumenvergrößerung ein. Sobald diese zu einer Erhebung des Landes geführt hat, setzt die Erosion ein, es entsteht ein zerschnittenes Gebirge, dessen Unterlage infolge der Entlastung immer weiter steigt. Schließlich sind durch dieses Steigen die Isothermen in übernormale Höhen hinauf verschleppt, sie beginnen abwärts zu wandern, der Block kühlt sich also ab, es findet Kontraktion und Senkung der Oberfläche statt, und aus dem Gebirge wird wieder ein Senkungsgebiet, in dem nun neue Sedimentation einsetzt. Durch diese wird die Senkung weiter fortgesetzt, bis die Isothermen eine abnorm tiefe Lage haben, wieder ansteigen usf. in mehrfachem Wechsel. Diese Vorstellung, deren Unanwendbarkeit bei den großen Faltengebirgen mit ihren Überschiebungen von Taylor u. a. hervorgehoben ist, bedient sich zwar des isostatischen Prinzips, sollte aber nicht als Isostasielehre schlechthin bezeichnet werden.
  5. Die hier aufgezählten Einwände gegen die Kontraktionstheorie richten sich in erster Linie gegen deren typische ältere Form. In neuester Zeit sind von verschiedenen Seiten, wie Kober [24], Stille [25], Nölcke [26], Jeffreys [102] u. a. Versuche gemacht worden, die Kontraktionstheorie zu modernisieren und teils durch Einschränkungen, teils durch Zusatzhypothesen den gegen sie erhobenen Einwänden auszuweichen. Ähnliches gilt für die von R. T. Chamberlin propagierte Kontraktion, die durch „rearrangement“ des Materials im Erdinnern verursacht sein soll als Folge der von diesem Autor angenommenen planetesimalen Entstehung [160]. Wenn auch diesen Versuchen ein gewisses Geschick bei der Verfolgung ihres Zieles nicht abgesprochen werden kann, so kann andererseits doch nicht die Rede davon sein, daß die Einwände wirklich widerlegt und die Theorie in befriedigende Übereinstimmung mit den Erfahrungen, namentlich auf geophysikalischem Gebiet, gebracht worden wäre. Eine eingehende Besprechung dieser Neokontraktionstheorie würde indessen den Rahmen unserer Darstellung überschreiten.


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