Die Bibel im Dienste des Telegraphen

Textdaten
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Autor: Theodor Kirchhoff
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Titel: Die Bibel im Dienste des Telegraphen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 152
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[152] Die Bibel im Dienste des Telegraphen. Mit Bezugnahme auf einen in Nr. 34 des Jahrganges 1878 der „Gartenlaube“ erschienenen Artikel, betitelt „Etwas aus der Werkstätte der amerikanischen Presse“, will ich eine echt amerikanische Verwendung des Telegraphen mittheilen, wodurch ein unternehmender Herausgeber einer Zeitung es möglich macht, durch Anwendung der Bibel seine Leser mit den neuesten wichtigen Staatsactionen, politischen Reden, Actiencoursen oder sonstigen allgemein begehrten Neuigkeiten schneller bekannt zu machen, als ein concurrirendes Blatt dieses thun kann.

Zum Verständniß des Folgenden muß ich hier vorausschicken, daß in Amerika Derjenige, welcher eine Nachricht per Telegraph absendet, so lange den ausschließlichen Gebrauch der von ihm benutzten Linie hat, bis seine Depesche – einerlei von welcher Länge oder welchen Inhalts sie sein möge – befördert worden ist. Wo nur ein einzelner Draht zwischen dem Absendungs- und Empfangsorte existirt, ist es beim Depeschiren von besonders interessanten Ereignissen für eine Zeitung von der größten Wichtigkeit, daß diese so lange im Besitze des Drahtes bleibt, bis die Neuigkeit an ihren Bestimmungsort gelangt ist.

Um dies nun zu erreichen, pflegt mitunter ein ehrgeiziger Redacteur, der z. B. eine Rede von einem berühmten Staatsmann seinen Lesern früher als irgend eine andere Zeitung vorlegen will, schon lange, ehe Jener zu sprechen beginnt, etliche Capitel aus der Bibel telegraphiren zu lassen, in welche die Rede später eingeschaltet wird. Eine solche Dienstleistung der Bibel im Telegraphenwesen fand zum ersten Male auf der Linie zwischen San Francisco und Virginia City im Silberstaate Nevada statt, als zu Anfang der sechsziger Jahre die ersten großen Erzfunde an der weltberühmten Comstock-Ader gemacht wurden und die Minenactien auf eine fast unglaubliche Weise reißend schnell im Werthe stiegen. Ein geriebener Minenspeculant ließ damals ununterbrochen eine geraume Zeit das Neue Testament von Virginia City nach San Francisco telegraphiren und flocht an gewissen, zwischen ihm und seinem in San Francisco wohnenden Associé verabredeten Stellen die neuesten Erzentdeckungen in „Ophir“, „Gould und Curry“[1] etc. ein, sodaß der San Franciscaner, der die Neuigkeiten vierundzwanzig Stunden früher als irgend sonst Jemand in dieser Stadt erfuhr, ein kolossal glänzendes Geschäft an der Börse für die Firma machte. Später wurde diese californische Erfindung auch in den östlichen Unionsstaaten ausgebeutet. Ein unternehmendes großes New-Yorker Blatt soll während des deutsch-französischen Krieges beim Beginn einer Schlacht zuweilen einige Capitel aus der Bibel per Kabel nach Amerika gesandt haben, in welche die Siegesbotschaft dann zur gehörigen Zeit eingeflochten und so dem Publicum in New-York früher, als es von irgend einer andern Zeitung geschehen konnte, durch ein „Extra“ bekannt gemacht wurde.

Ein in Portland lebender, mir befreundeter amerikanischer Zeitungsredacteur pflegt, wie er mir jüngst mittheilte, diese Art des Telegraphirens mitunter bei wichtigen Sitzungen des in Salem, der Hauptstadt des Staates Oregon, tagenden Repräsentantenhauses zur Anwendung zu bringen. Wir wollen uns daher einmal während einer Sitzung der oregonischen Volksvertreter in das Telegraphenbureau von Salem begeben, um den praktischer Verlauf einer solchen Depeschenbeförderung zu beobachten.

Der Telegraphist hat bereits eine Stunde, ehe die Sitzung eröffnet wurde, die beiden ersten Capitel aus der Apostelgeschichte über den Draht expedirt und ist eben dabei, den ersten Vers des dritten Capitels nach Portland abzulassen, als ein Reporter mit dem Anfang der Rede des Honorable Mr. Jones über den Schwindel beim Zählen der Stimmen für die letzte Präsidentenwahl in's Telegraphenbureau stürzt. Um nun dem Collegen an der Zeitung in Portland, der die Depesche in Empfang nimmt, den Moment anzudeuten, wo die Rede von Jones in die Apostelgeschichte eingeschaltet werden soll, wird ein verabredetes Schlagwort an der Stelle dreimal wiederholt; in diesem Falle die Redensart „All right“ („versteht sich“).

Die Depesche wird jetzt folgendermaßen lauten:

„Petrus aber und Johannes gingen mit einander hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, da man pflegte zu beten. All right! All right! All right! Mitbürger, ich sage Euch, die Republikaner hatten die Wahl auf eine niederträchtige Weise abgekartet.“ etc.

Wenn der von dem Reporter eingehändigte Redestoff zu Ende ist, wird als neues Schlagwort „Hail Columbia“ („Heil dir, Columbia!“) eingefügt, und die Depesche lautet zum Schluß des ersten Bruchstücks von Jones' demokratischer Glanzrede wie folgt:

„Wir müssen ihn abwaschen meine Mitbürger, diesen Schandfleck auf dem blanken Wappenschilde des freien Unionsstaates Oregon! Hail Columbia! Hail Columbia! Hail Columbia! Und es war ein Mann, lahm von Mutterleibe“ etc.

Der die Depesche in Portland in Empfang nehmende College meines Freundes läßt den bereits übermittelten Theil der Rede (natürlich ohne die Capitel aus der Bibel!) sofort zum Druck setzen und wartet beim weiteren Lesen der Apostelgeschichte geduldig auf das nächste „All right“ und die Fortsetzung der Rede von Jones.

Auf diese Weise wird den ganzen Tag über abwechselnd der biblische Text und Jones' Rede von Salem nach Portland telegraphirt. Wenn die oregonischen Volksvertreter nach dem Schlusse einer sehr stürmischen Sitzung bereits eifrig beschäftigt sind, sich beim Souper im großen „Chemeketa Hôtel“ für die Debatten des nächsten Tages zu stärken, fliegen auf Anordnung meines Freundes, des Redacteurs, noch mehrere Capitel der Apostelgeschichte über den Draht, um es seinen in Portland ansässigen Zeitungsrivalen unmöglich zu machen, gleichzeitig mit seinem Berichte die welterschütternde Rede von Jones zum Druck für die Ausgabe der Morgenblätter zu erhalten.

Der Kostenpunkt ist bei einer solchen Beschlagnahme des Telegraphen, auch auf einzelnem Drahte im Inlande, selbstverständlich ein enormer. Ein deutscher Zeitungbesitzer, selbst in einer großen Stadt, würde sich wohl für eine solche Drahtbenutzung gefälligst bedanken. Für ein großes amerikanisches Journal sind aber die Ausgaben, um eine Neuigkeit zuerst zu erlangen, Nebensache, da diejenige Zeitung, welche solche Nachrichten zuerst bringt, allen Concurrenzblättern bald den Vorrang ablaufen und die gehabten Auslagen hundertfach zurück erwerben wird. Wo mehrere Drähte zwischen zwei Plätzen in Betrieb sind, ist die exclusive Sendung einer Nachricht selbstverständlich von viel größerer Schwierigkeit. Die Sache läßt sich, allerdings mit enorm vermehrten Ausgaben, auf die Weise ausführen, daß nur ein Draht die gewünschte Neuigkeit, wie vorhin beschrieben wurde, als Ergänzung der Bibel bringt, während ein zweiter Draht z. B. einen Roman von Victor Hugo, ein dritter Draht einen alten Schlachtbericht aus Bulgarien übermittelt etc.

Ob ein auf der Höhe der Zeit stehendes Blatt in Deutschland eine Rede Bismarck's oder einen Gesetzvorschlag im Parlament gegen die Socialdemokraten auf ähnliche Weise zum Besten und Frommen ihrer neuigkeitsdürstenden Leser etwa im „Buch der Könige“ übermitteln dürfte, vermag ich nicht zu sagen, da ich mit den deutschen Gesetzen über Rechte im Telegraphenwesen nicht bekannt bin. Daß die Herren Redacteure bei einer derartigen Verwendung des Telegraphen gezwungen sind, zum Heile ihrer Seele recht aufmerksam die Bibel zu lesen, wäre bei den „Frommen“ gewiß nicht die schlechteste Empfehlung dieser echt amerikanischen Errungenschaft zur Vervollkommnung der Tagespresse.

Theodor Kirchhoff.


  1. Berühmte Silberminen am „Comstock“. Vergl. S. 7 dieses Jahrg.