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Autor: G. Weidinger
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Titel: Die Bewegungen der Pflanzen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, 27, S. 330-331, 379-380
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[330]
Die Bewegungen der Pflanzen.
Von G. Weidinger.
Nr. 1.

Es möchte Manchem der Leser wohl unbekannt sein, daß auch Pflanzen die Fähigkeit besitzen, gewisse Bewegungen vorzunehmen, und doch ist dies fast bei Allen der Fall. Freilich gehen diese Erscheinungen bei der Mehrzahl der Gewächse so allmählich und unmerklich vor sich, daß sie nur bei sorgfältiger Beobachtung wahrzunehmen sind, doch ist die Zahl von Pflanzen nicht gering, welche entweder regelmäßig, oder durch außergewöhnliche Umstände veranlaßt sehr deutliche, oft plötzliche Bewegungen zeigen. Gewiß wird es jedem Freund der Natur und ihres Lebens interessant sein, etwas Näheres über diese Vorgänge zu erfahren; gar manche Pflanze, welche er früher unbeachtet gelassen, wird seine Aufmerksamkeit fesseln, wenn er durch kleine, stets gelingende Versuche mit derselben sich und Andere von der Wahrheit der Thatsachen überzeugen kann, welche wir ihm mitzutheilen gedenken. Um den Gegenstand unserer Besprechung nicht ganz oberflächlich zu behandeln, sind wir genöthigt, einige Worte über gewöhnliche alltäglich vor dem Auge des Lesers sich ereignende Vorgänge den außergewöhnlichen voranzuschicken, und von einer Bewegungserscheinung zu sprechen, welche allen Pflanzen eigenthümlich ist, die

Bewegung des Wachsthums.

Wir wissen, daß die Wurzeln nach abwärts steigen, der Stengel sich perpendiculär nach oben erhebt, und die Blätter eine horizontale Richtung annehmen. Nehmen wir eine Pflanze, deren Wurzeln bereits entwickelt sind, und pflanzen wir sie mit den Aesten in den Boden, so erleiden die Wurzeln bald eine Krümmung, biegen nach unten und dringen wieder in den Boden. Die Ursachen, warum dies so und nicht anders vor sich gehen kann, zu ermitteln, war jedoch keine so leichte Aufgabe, als es auf den ersten Anblick erscheint. Früher glaubte man, daß dieses Verhalten durch das Licht bedingt sei, bis ein entscheidender Versuch es widerlegte; lassen wir nämlich Pflanzen auf einem leinenen Tuche keimen, welches über ein Glas ausgespannt ist, so entwickeln sich die Wurzeln, trotzdem sie dem Lichte ausgesetzt sind, ganz vollkommen und wachsen nach unten. Man nahm nun die Schwerkraft zu Hülfe; doch kann auch diese allein nicht in Betracht gezogen werden, da Pflanzen, welche in einer Schale zum Keimen gebracht wurden, deren Boden mit Quecksilber bedeckt war, ihre Wurzeln ziemlich tief in dasselbe senkten. Wäre die Schwerkraft allein maßgebend, so würden die Wurzeln den Widerstand des Quecksilbers nicht zu überwinden vermögen. Knight erwarb sich das Verdienst, eine genügendere Erklärung zu liefern. Er ließ Bohnen in feuchtem Moose keimen, welches aus einem in raschem Umschwunge begriffenen Rade befestigt war, und ermittelte durch diesen Versuch, daß die Richtung der Wurzel durch die Veränderungen bedingt würde, welche das rasche Wachsthum der Wurzelspitze in Bezug auf die Schwerkraft hervorbringe. Im jugendlichen Zustande besitzt die Wurzel ein weit schnelleres Wachsthum, als der Stengel, der Schwerpunkt der ganzen Pflanze fällt daher in die Richtung der Wurzelspitze; in späterer Zeit ist ganz das Umgekehrte der Fall, die Wurzel bleibt gegen den Stengel im Wachsthum zurück. Dutrochet entdeckte noch einen weiteren Grund in der verschiedenen Spannung und Ausdehnungsfähigkeit des Zellgewebes von Wurzel und Stengel; bringt man eine Lamelle von beiden in Wasser, so erfolgt sehr bald eine Krümmung; die Wurzellamelle verfolgt jedoch die entgegengesetzte Richtung von der des Stengels.

Bei der Eichenmistel und einigen andern Schmarotzerpflanzen wachsen die Wurzeln allerdings auch nach oben; diese Ausnahme findet jedoch in dem Umstande ihre Erklärung, daß die Funktionen dieser Wurzeln an das Licht gebunden sind.

Auf die Richtung, welche Stengel und Blätter einschlagen, übt das Licht einen überwiegenden Einfluß; der Stengel steigt nur dann vollkommen perpendiculär in die Höhe, wenn er von allen Seiten gleichmäßig beleuchtet wird; ist dies nicht der Fall, so wächst die Pflanze stets der Seite zu, von welcher sie das meiste Licht erhält. Bringt man eine Pflanze in ein unvollkommen beleuchtetes Zimmer, so sehen wir den Stengel verschiedene Drehungen und Biegungen beschreiben, um die beleuchteten Stellen zu erreichen. Sehr leicht kann man sich von dieser Angabe bei der Begonie, einer bekannten Topfpflanze mit krautigem Stengel, überzeugen; ihr Stengel ist stets nach der Seite des Fensters zu gebogen; dreht man den Topf auf die andere Seite, so findet man am folgenden Tag den Stengel ganz aufrecht, nach einigen Tagen neigt er schon auffällig der seiner früheren entgegengesetzten Richtung zu.

Die obere und die untere Seite der Blätter besitzen einen ganz verschiedenen anatomischen Bau, und spielen demgemäß verschiedene Rollen bei der Ernährung und Respiration der Pflanzen. Biegen wir ein Blatt um und befestigen es in dieser verkehrten Lage, so werden wir während der Tageshelle ein deutliches Bestreben desselben wahrnehmen, in die normale Richtung zurückzukehren. Erhalten wir das Blatt in der verkehrten Lage, so stirbt es nach ein bis zwei Tagen ab; es ist nicht im Stande, den Schein der Sonne auf die untere Seite zu ertragen. Die Oberseite hingegen leidet selbst unter der stärksten Sonnenhitze nicht; höchstens tritt eine rinnenförmige Faltung des Blattes ein. Ziehen wir den Zweig einer Pflanze in der Weise nach unten, daß die Unterseite der Blätter dem Sonnenlichte ausgesetzt ist, und befestigen ihn in dieser Stellung, so tritt eine Drehung des Blattstieles ein, welche die obere Seite wieder dem Lichte zuwendet. Bringen wir eine Pflanze in vollkommene Dunkelheit, so behalten die Blätter jede willkürliche Lage, welche wir ihnen geben, bei; aber schon der geringste Lichtreiz, wie der einiger Kerzen, ruft die Bewegung der Blätter hervor, sie kehren in ihre normale Richtung zurück. Tauchen wir einen Zweig unter Wasser, und drehen alsdann die Blätter um, so genügt ebenfalls eine schwache Beleuchtung, um die Rückkehr derselben in die ursprüngliche Lage zu bewirken. Die Bewegungsfähigkeit der [331] Blätter scheint also einzig und allein von dem Lichtreize abzuhängen.

Bevor wir diesen Abschnitt verlassen, soll noch mit einigen Worten der Bewegungen gedacht werden, welche die Ranken und die Pflanzen mit windendem Stengel zeigen. Nicht willkürlich umschlingen dieselben eine sich ihnen darbietende Stütze, sondern auch hier walten feste Regeln, welche ihr Verhalten bestimmen. Die Ranken, wie sie der Weinstock, die Waldrebe und andere Pflanzen besitzen, sind nicht normale Bildungen, sondern durch Veränderung eines Nebenblattes, Blattes oder Zweiges entstanden. Während bei der Dornenbildung eine Verkürzung der Organe, eine Verdickung und Verholzung der Zellen zu Stande kommt, erfolgt bei der Rankenbildung das Gegentheil, die Rinde ist mächtig entwickelt und besteht aus zartem, lockerem Zellgewebe, die Gefäßbündel sind unansehnlich. Nachdem die Ranke ihre völlige Größe erreicht hat, biegt sich ihr äußerstes Ende hakenförmig nach innen um. Bei einem Theile der Rankengewächse schreitet die Krümmung in dieser Weise von oben nach unten fort, die Ranke rollt sich wie eine Uhrfeder ein z. B. bei der Passionsblume; bei der großen Mehrzahl findet jedoch gleichzeitig eine seitliche Bewegung statt. Die Ranke beschreibt eine Biegung nach innen, und eine zweite nach der Seite, so daß sie pfropfenzieherartig gewunden erscheint; ihre obere Seite ist nach außen gerichtet, die untere nach innen. Entfernt man die Rindenschicht der oberen Seite, so tritt an der verletzten Stelle nie eine Windung ein; die Annahme liegt daher sehr nahe, daß eine Ausdehnung der oberen Rindenzellen nach vollendetem Wachsthum die Ursache der Bewegung ist, die untere Seite verhält sich nur passiv. Berührt die Ranke mit der innern Seite eine Stütze, so legt sie sich derselben von unten nach oben dicht an, und der obere Theil der Ranke läuft spiralförmig um die Stütze herum.

Bei den Schling- und Kletterpflanzen ist der jugendliche Stengel stets vollkommen gerade; nachdem er aber ein gewisses Alter erreicht, erfolgt eine Achsendrehung seiner Theile, die Rinde, der Bast und der Holzkörper nehmen eine spiralige Richtung an. Diese Achsendrehung tritt nicht allein bei den Schlingpflanzen, sondern auch bei vielen Laub- und Nadelbäumen auf, doch in weit geringerem Grade; man pflegt solches Holz windschief zu nennen. Nachdem diese Drehung erfolgt, beginnt ein sehr rasches Wachsthum; das Ende des Stengels hängt herab, und beschreibt eine kreisförmige Bewegung, durch welche es mit einer Stütze in Berührung kommt; findet der Stengel keine Stütze, so sehen wir ihn niemals sich winden. So wie die Pflanze die Stütze berührt, hört die Achsendrehung auf, die Fasern bleiben gerade; der Stengel wird in seiner ganzen Länge der Stütze angedrückt, und beginnt sich um dieselbe zu winden. Hat die Pflanze das Ende der Stütze erreicht, so erfolgt in der freien Spitze die Achsendrehung von Neuem; trifft sie nicht unmittelbar eine andere Stütze, so sinkt sie herab, und umschlingt wiederum die alte. Das Winden tritt nicht ein, wenn die Stütze völlig horizontal liegt, sie muß immer etwas geneigt sein. Ist die Stütze von größerem Umfange und kantig, so biegt sich der Stengel an der Kante nie um, um sich dicht der flachen Seite der Stütze anzulegen, sondern es tritt eine Achsendrehung ein, und in Folge deren die Berührung mit der nächsten Kante; diese Erscheinung wiederholt sich, so weit die kantige Stütze der Pflanze dargeboten wird. Hat der Stengel einige Windungen beschrieben, so lassen sich diese zwar aufrollen, doch nicht wieder beseitigen.

Jede windende Pflanze verfolgt eine ganz bestimmte Richtung, sie windet nach rechts oder nach links; willkürlich läßt sich diese Richtung nicht verändern. Befestigen wir eine nach rechts windende Pflanze in der Weise, daß wir ihr die Richtung nach links geben, und umgekehrt, so stirbt stets der Stengel ab. Die Ursache des Windens beruht wahrscheinlich ebenfalls auf einer Ausdehnung der Rindenzellen an der nach außen gerichteten Seite; ein Grund für die verschiedene Richtung, nach welcher die Stengel winden, ist bis jetzt noch nicht ermittelt worden.

Bewegung der Fortpflanzungsorgane.

Das Reich der Gewächse zerfällt in zwei Hauptabtheilungen, welche die Namen Phanerogamen und Kryptogamen tragen. Unter die Phanerogamen gehören alle Pflanzen, welche sich durch Samenkörner vermehren, somit alle, weiche eine Blüthe erzeugen; zu den Kryptogamen rechnen wir die Gewächse, welche sich durch Sporen fortpflanzen, deren reproductive Theile dem Auge verborgen sind. Bei einem Theile der Kryptogamen, nämlich den Farren, Bärlapp-Arten, Moosen und höher organisirten Algen hat man, analog den Phanerogamen, männliche und weibliche Geschlechtsorgane aufgefunden ; die männlichen, bestehend in einem gallertartigen Faden, welcher von einem Säckchen umschlossen wird, heißen Antheridien; die weiblichen, bestehend aus einfachen Zellen, welche zu mehreren in Umhüllungen verschiedener Art angetroffen werden, Sporen. Die übrigen Kryptogamen, die Pilze, Flechten und die Mehrzahl der Algen, besitzen, so weit unsere Kenntnisse jetzt reichen, nicht reproductive Organe zweierlei Geschlechts; sie vermehren sich durch Zellen, welche, nachdem sie entweder durch freie Zellbildung im Innern einer Mutterzelle oder durch Abschnürung entstanden, sich von der Mutterpflanze trennen und zu selbständigen Individuen auswachsen; diese Zellen werden ebenfalls Sporen genannt.

Unter beiden Hauptabtheilungen finden wir Pflanzen, deren Fortpflanzungsorgane die Fähigkeit besitzen, sich zu bewegen; es wird aber aus dem eben Besprochenen hinlänglich hervorgehen, daß Phanerogamen und Kryptogamen auch in dieser Hinsicht gesondert betrachtet werden müssen. Bei den Phanerogamen hat man folgende drei Fälle der Bewegung wahrgenommen: 1° Die Staubgefäße nähern sich zur Zeit der Befruchtung dem weiblichen Geschlechtstheil, dem Griffel, und kehren nach Vollziehung derselben in ihre ursprüngliche Lage zurück. Auch wenn die Staubbeutel entfernt werden, beschreiben die Staubfäden diese Bewegung. Wir treffen unter einheimischen Pflanzen diesen Fall bei der Gartenraute und dem Studentenröschen, einer auf feuchten Wiesen häufig vorkommenden Blume, in der Gegend von Leipzig zwischen Leutzsch und Ehrenberg, welche ihren Namen dem Umstände verdankt, daß sie zur Zeit der Herbstferien blüht. 2° Der Griffel bewegt sich zu den Staubgefäßen, und kehrt nach der Befruchtung in seine frühere Stellung zurück; so bei der Passionsblume. Auf die Blumenblätter folgend finden wir bei dieser einen Kreis von Staubgefäßen, welcher den Fruchtknoten umschließt; die Spitze desselben krönen drei an ihrem Ende mit braunen Narben versehene Griffel, welche zur Zeit des Aufblühens dicht an einander liegend in die Höhe stehen. Allmählich biegen sich dieselben jedoch auseinander, neigen sich herab zu den Staubgefäßen und kehren im Verlauf einer Stunde in die alte Richtung zurück. Ein zweites Beispiel für diesen Fall liefert der gemeine Schwarzkümmel. 3° Staubgefäße und Griffel bewegen sich gegeneinander, und nehmen nach einiger Zeit die frühere Lage wieder an. Unter einheimischen Pflanzen hat man bis jetzt noch kein Beispiel für dieses Verhalten gefunden, sondern nur bei einigen Gliedern einer den warmen Klimaten angehörigen Familie, den Nyktagineen.

Bei den Kryptogamen finden wir eine Bewegung des Fortpflanzungsorgane weit häufiger, als bei den Phanerogamen. Die Antheridien der höheren Kryptogamen, so wie die Sporen vieler Algen und Pilze sind mit sehr feinen Fäden, Cilien genannt, versehen; die Cilien gehen von dem Zellinhalte aus und durchbrechen die Zellmembrane, mit welcher sie in keinem Zusammenhange stehen. Wenn der Antheridiumfaden seine Hülle durchbricht, oder die mit Cilien versehene Spore ihre Mutterzelle verläßt, und diese Körper mit Wasser in Berührung kommen, so erfolgt alsbald eine lebhafte Vibration der Cilien. Durch diese Vibration wird der mit Cilien versehene Körper in Bewegung gesetzt; nach einiger Zeit hört die Vibration auf und mit ihr die Bewegung der ganzen Masse. Die sich nicht bewegenden Sporen nennt man ruhende, die mit Cilien ausgestatteten Schwärmsporen; viele Algen besitzen beide Arten, jedoch stets an verschiedenen Stellen. Man hat die Bewegung der Schwärmsporen in anderen Ursachen suchen wollen, den besten Beweis für die Richtigkeit unserer Erklärung liefert indeß der Umstand, daß eine Bewegung nur bei Sporen vorkommt, welche Cilien besitzen.

[379]
Nr. 2.
Schlaf- und Wachbewegungen.

In unserm ersten Artikel (Nr. 24.) haben wir bereits den bedeutenden Einfluß kennen gelernt, welchen das Licht auf die Richtung von Stengel und Blatt ausübt; es kann uns daher die Bemerkung nicht auffallen, daß die Pflanzen auch gegen den Wechsel von Tag und Nacht empfindlich sind. Besonders sind es die Blätter und Blüthen vieler Pflanzen, welche bei Anbruch des Tages und der Dunkelheit ihre Stellung verändern; die Schlafbewegnng erfolgt einige Stunden vor Untergang, die Wachbewegung noch vor Aufgang der Sonne. Bei Sonnenfinsternissen oder sehr dunklem Wetter tritt ebenfalls die Schlafbewegung ein.

Nicht alle Blätter sind im Stande, ihre Stellung zu verändern, sondern nur die, welche an der Basis ihres Stiels mit einem Gelenk versehen sind; dieses Gelenk besteht in einer rings um den Blattstiel laufenden Anschwellung, und vermittelt die Bewegung des Blattes. Bei gefiederten Blättern sehen wir, daß zu beiden Seiten des Hauptstiels kleinere secundäre Stiele abgehen, welche die Fiederblättchen tragen, so bei der Rose, Eberesche, Akazie, den Kleearten und vielen Andern; ja in manchen Fällen ist das Blatt noch zusammengesetzter, die Fiederblättchen werden mit Stielen getragen, welche rechts und links an den secundären Blattstielen befestigt sind, wie bei der mimosa pudica, auch sensitiva oder noli me tangere genannt. In der Regel sind sowohl der Hauptstiel als die secundären Stile der gefiederten Blätter mit einem Gelenk versehen, articulirt, und die Bewegungen treten bei ihnen alsdann am deutlichsten auf. Wählen wir die mimosa pudica, bei welcher der Unterschied zwischen der täglichen und nächtlichen Stellung am meisten in die Augen springt, als Beispiel für unsere Betrachtung, so finden wir in der Tagesstellung den gemeinschaftlichen Blattstiel in die Höhe stehend, die secundären Blattstiele und die Fiederblättchen horizontal ausgebreitet. In der nächtlichen Stellung ist der gemeinschaftliche Blattstiel herabgesenkt, die secundären Blattstiele sind in die Höhe gerichtet, die Fiederblättchen haben sich ebenfalls erhoben und nach vorn übergebogen. Das Einschlafen erfolgt im Sommer gegen fünf Uhr Abends, und tritt zuerst an dem gemeinschaftlichen Blattstiele ein; hierauf erheben sich die secundären Stiele, dann folgen die mittleren Fiederblättchen, zuletzt bewegen sich die der Spitze und Basis. Das Erwachen erfolgt zwischen drei und vier Uhr Morgens, ebenfalls von der Basis aus nach der Spitze.

Untersuchen wir die Anschwellung der Blattstielbasis, so sehen wir die in das Blatt tretenden Gefäßbündel zu einem einzigen verschmolzen, welches die Mitte einnimmt. Die obere Wulsthälfte besteht aus zartem und dichtem Zellgewebe, die untere aus derberen Zellen, zwischen deren Kanten sich leere Räume, Intercellulargänge, befinden; die Mehrzahl der Zellen ist von einer glänzendweißen ölartigen Masse erfüllt. Schneidet man die obere Wulsthälfte bis auf die Gefäßbündel ab, so dehnt sich der untere Gelenkwulst bedeutend aus und drückt das Blatt dem Stengel an; hält man die Wunde feucht, so kehrt das Blatt in die Tagesstellung zurück und beginnt später die Bewegung von Neuem. Entfernt man dagegen einzig und allein die untere Wulsthälfte, so expandirt sich die obere und drückt das Blatt an den Stengel herab; ein merkliches Heben des Blattes tritt selbst bei Feuchthalten der Wunde nicht wieder ein. Nimmt man den Gelenkwulst ringsum ab, so hört die Bewegung für immer auf, schneidet man nur die Gefäßbündel durch, so treten die Bewegungen bis zum Absterben des Blattes ungehindert ein.

Diese Versuche sprechen deutlich genug für die Ansicht, daß die Bewegung durch den Gelenkwulst stattfindet; man hielt früher die Schlafbewegung für die Folge einer Erschlaffung des Gewebes, dies ist jedoch durchaus nicht der Fall, da die Gelenke zur Nachtzeit sogar straffer sind, als bei Tage. Eine nähere Erklärung dieser Erscheinungen wollen wir nach Schilderung der Reizbewegnngen zu geben versuchen, da diese in ähnlicher Weise wie die Schlaf- und Wachbewegungen vor sich zu gehen scheinen.

Stellt man Versuche über die Ursachen an, welche die Bewegung hervorrufen, so bemerkt man Folgendes: Setzt man Pflanzen gegen Abend in einen erleuchteten Raum, so tritt die Schlafbewegung um einige Stunden später ein; läßt man die eingeschlafenen Pflanzen des Morgens in der Dunkelheit, so erfolgt das Erwachen ebenfalls um einige Stunden später. Fährt man mit dieser Behandlung einige Tage fort, so kann man es dahin bringen, daß sich die Perioden des Schlafens und Wachens vollständig umkehren. Bringt man die Pflanzen in anhaltende Dunkelheit, so leiden sie merklich darunter und das Einschlafen und Erwachen erfolgt ganz unregelmäßig; den gleichen Einfluß besitzt anhaltende Helle. Da jedoch die Bewegung überhaupt noch eintritt, so kann der Wechsel des Lichts und der Dunkelheit nicht die einzige Ursache sein; auch die Wärme spielt eine Rolle bei diesen Vorgängen. Setzt man eingeschlafene Pflanzen einer niederen Temperatur aus, so tritt die Wachbewegung ein; bringt man wachende Pflanzen in höhere Temperaturen, so erfolgt das Einschlafen. Läßt man sehr niedrige oder sehr hohe Temperaturen auf die Pflanzen einwirken, so hört jede Bewegung auf. Es gibt also bestimmte Wärmegrenzen, zwischen welchen allein die Schlaf- und Wachbewegungen eintreten.

Stellt man die Pflanzen unter Wasser, so finden die Bewegungen während drei bis vier Tagen noch statt; alsdann tritt jedoch ein Absterben der Pflanzen ein, und mit ihm das Aufhören jeder Lebensthätigkeit. Im luftleeren Raume vermag die Pflanze nicht, eine Bewegung vorzunehmen, sie erstarrt; die Blätter nehmen eine Stellung ein, welche die Mitte zwischen der täglichen und nächtlichen hält. Das Gleiche geschieht, wenn man die Pflanze mit giftigen Lösungen in Berührung bringt; so wie das Gift die Gelenke erreicht hat, folgt ein Erstarren und die Pflanze verwelkt.

Während umfassende Erfahrungen über Schlaf- und Wachbewegung [380] der Blätter erst aus neuerer Zeit datiren, hatte man die gleichen Erscheinungen an den Blüthen schon weit früher beobachtet. Die Blüthe ist derjenige Pflanzentheil, welcher zuerst in das Auge fällt, am meisten unsere Aufmerksamkeit fesselt, und so wird die Mehrzahl der Leser schon mit Einzelnen der Beobachtungen bekannt sein, welche wir hier im Zusammenhange zu schildern versuchen werden. Der berühmte schwedische Botaniker Linné beschäftigte sich zuerst gründlicher mit diesem Gegenstande; bekannt ist die reizende Blumen-Uhr, welche er durch Zusammenstellung einer Anzahl von Pflanzen bildete, deren Blüthen sich zu einer bestimmten Stunde des Tages oder der Nacht öffnen oder schließen. Mit anerkennungswerther Pietät für das Andenken des verdienstvollen Mannes hat man diesen Schmuck seines Studirzimmers bis auf den heutigen Tag erhalten, und zeigt ihn den Besuchern des Linné-Hauses.

Nach Linné zerfallen die Blüthen hinsichtlich der Schlaf- und Wachbewegungen in drei Classen: 1. Blüthen, welche sich nur öffnen, wenn die Sonne sie bescheint, und sich bei Eintritt von feuchtem oder trübem Wetter sofort schließen. Dieser Fall ist ein seltener, wir treffen ihn bei der Regen-Ringelblume, der morphotica oder calendula pluvialis. 2. Blüthen, welche sich bei Anbruch des Tages öffnen und mit Einbruch der Dunkelheit schließen; zu dieser Classe muß die Mehrzahl der Blüthen gerechnet werden. 3. Blüthen, welche sich ohne Rücksicht auf Tag und Nacht zu einer bestimmten Stunde öffnen. An Beispielen von Pflanzen, welche dieser Abtheilung angehören, mangelt es nicht; so öffnet der Portulak seine Blüthen nur um Mittag, der Lein stets in den Vormittagsstunden. Die Königin der Nacht, cactus oder cereus grandiflorus, entfaltet die Farbenpracht ihrer Blume zwischen neun und zehn Uhr Abends, und läßt dieselbe schon am nächsten Morgen wieder welken, wenn man die Pflanze nicht in dunkle und kühle Räume bringt. In den Tropen sollen zahlreiche Pflanzen diesem Vorbilde folgen, unter den einheimischen kennen wir nur zwei, welche zur Nachtzeit blühen, die Abend-Lichtnelke, lychnis vespertina, und das nickende Leimkraut, silene nutans.

Nicht allein die Blumenblätter, sondern auch die Blätter des Kelches verändern bei den Bewegungen ihre Stellung; ja bei der Pflanzenfamilie der Compositen, so genannt, weil eine bedeutende Anzahl von Blüthen eine einzige Blume zu bilden scheint, wie bei der Camille, dem Gänseblümchen, der Arnica, Scabiose, nimmt der diese Blüthen einschließende gemeinschaftliche Hüllkelch ebenfalls an der Bewegung Theil. Bei der Camille und einigen andern rollen sich die Blumenblätter mit Anbruch der Dunkelheit ein; der Hahnfuß läßt zur Nachtzeit den Blüthenstiel herabhängen und erhebt ihn wiederum bei Tage.

Die Versuche mit Licht und Dunkelheit, Temperaturveränderung u. s. w. haben bei den Blüthen die gleichen Resultate, wie bei den Blättern, wir wollen daher eine Wiederholung vermeiden.

Nicht jede Pflanze zeigt Schlaf- und Wachbewegungen, eine beträchtliche Anzahl verhält sich ganz indifferent, so z. B. alle, welche den Familien der Hülsengewächse und Orchideen angehören.