Hauptmenü öffnen

Die Abgottschlange, Anacondo, auf der Insel Ceylon

Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Abgottschlange, Anacondo, auf der Insel Ceylon
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 176
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[176] Die Abgottschlange, Anacondo, auf der Insel Ceylon. Ich befand mich (so schreibt der Engländer Robert Edwyn) im Auftrage meiner Vorgesetzten mehrere Monate auf der Insel Ceylon. In Candy, der ehemaligen Hauptstadt, bewohnte ich ein Haus, das am äußersten Ende der nur aus einer Straße bestehenden Stadt lag, und die Aussicht auf den Wald bot. In kurzer Entfernung erhob sich ein Hügel mit vier großen Palmenbäumen, deren majestätischen Wuchs ich nicht genug bewundern konnte. Eines Morgens bemerkte ich, daß ein starker Zweig an einem dieser Bäume sich bald von einer Seite zur andern, bald bis tief zur Erde neigte, und dann wieder emporfuhr, um in den übrigen Zweigen zu verschwinden. Bei der völligen Windstille konnte ich mir diese Erscheinung nicht erklären, und ich befragte deshalb einen Ceyloneser, der mich zufällig besuchte. Kaum hatte er die Bewegung in der Palme bemerkt, als er erbleichte und heftig zu zittern begann.

„Verschließen Sie augenblicklich alle Thüren und Fenster!“ rief er aus. „Was Sie für einen Zweig halten, ist eine Schlange von ungeheurer Größe, die sich in solchen Bewegungen belustigt und zur Erde niederschießt, um Beute zu holen.“

Ich erkannte bald, daß er die Wahrheit gesagt hatte, denn bei fortgesetzter Beobachtung sah ich, wie die Schlange ein kleines Thier von der Erde ergriff und mit sich zurück in den Baum nahm. Dieses Ungeheuer, belehrte mich der Ceyloneser, ist uns leider nur zu bekannt; es pflegt sich in den Wäldern auf einem dick bewachsenen Baume aufzuhalten, und schießt dann auf die sorglos vorübergehenden Menschen und Thiere herab, um sie lebendig zu verzehren. Oft auch läßt sie sich in der Nähe unserer Wohnungen sehen, und dann ist ein Unglück stets gewiß.

Bald waren zwölf Personen zu Pferde und mit Gewehren bewaffnet. Wir ritten hinter ein dichtes Gebüsch, von wo aus die Schlange durch den Schuß zu erreichen war. Jetzt erst erkannten wir die ungeheure Große des Thieres, und keiner der Ceylonesen wollte angreifen aus Furcht, einen Fehlschuß zu thun. Alle versicherten, daß sie eine Schlange von dieser Größe noch nie gesehen hätten. Ein unbeschreibliches Gefühl bemächtigte sich meiner bei dem Anblicke dieser furchtbaren Schönheit. Ich mußte zitternd staunen und bewunder. Die Anacondo war so dick wie ein gewöhnlicher Mann, schien trotzdem aber nicht fett zu sein. Im Verhältniß zu ihrer Stärke war sie sehr lang. Mit dem Schwanze hing sie an einem der obersten Zweige des hohen Baumes und reichte mit dem Kopfe bis zur Erde hinab. Mit unglaublicher Schnelligkeit führte sie tausend Drehungen und Windungen aus. Jetzt kam sie herab, wickelte den Schwanz um den Baumstamm und legte sich, so lang sie war, auf der Erde nieder. Dann wieder war sie im Augenblicke zwischen den Aesten des Baums verschwunden. Diese Luftsprünge schien sie zu ihrer Belustigung auszuführen. Plötzlich lag sie auf einem Aste ganz still und kein Blatt rührte sich. Wir sollten den Grund dieses Manövers bald erfahren. Ein Fuchs, den wir vorher nicht gesehen, schlich vorüber – die Schlange schoß wie ein Blitz herab, und in wenig Minuten war die Beute ausgesogen. Während sie gemächlich am Boden lag, beleckte sie sich mit ihrer schwärzlichen Zunge des Fleisch des Fuchses; ihr Schwanz jedoch blieb um den Baum gewickelt. Wie das Krokodill war sie völlig mit Schuppen bedeckt. Der grüne Kopf hatte einen breiten Fleck in der Mitte und an den Kinnbacken gelbe Streifen. Den Nacken umzog ein gelber Ring wie ein goldenes Halsband, hinter dem sich ein großer, schwarzer Fleck zeigte. Die Seiten waren von dunkeler Olivenfarbe, und auf dem Rücken lief eine breite schwarz Kette herab, die an beiden Enden eine wellenförmige und krause Gestalt hatte. Schmale halbgelbe Ringe mit blutrotehn Flecken bespritzt, lagen neben dieser Kette. Der Kopf war sehr platt und breit. Die großen Augen warfen schreckliche, durchdringende Blicke. Ich gebe diese Farben an, wie sie mir im Zustande der Ruhe erschienen; sobald aber die Schlange ihre Luftsprünge machte, schillerten sie bei dem reinen Sonnenlichte in einer wunderbaren Mannigfaltigkeit und Abwechselung.

Die Ceyloneser hielten es für rathsam, den Angriff in verstärkter Zahl vorzunehmen, da der Feind ein zu gewaltiger war. Außerdem schien er lange gefastet und großen Hunger zu haben. In diesem Zustande, sagte man mir, zeige er eine Behändigkeit, die das Unternehmen äußerst gefährlich mache. Da die Anacondo an dem einmal gewählten Platze Tage lang verbleibt, so trafen wir sie am folgenden Morgen wieder an, als wir uns in doppelter Anzahl hinter dem Gebüsche eingefunden hatten. Sie schien immer noch sehr hungrig zu sein, und bald sahen wir die Wirkung davon. Ein Tiger, von der Größe einer jungen Kuh, hatte das Unglück, sich dem verhängnißvollen Baume zu nähern. Im Augenblicke ließ sich ein prasselndes Geräusch in den Aesten vernehmen, die Schlange fil herab und packte mit ihrem gräßlichen Maule ein Stück von dem Rücken des Tigers, das größer war, als der Kopf eines Menschen. Der tiger begann fürcherlich zu brüllen, und wollte mit seinem Feinde entfliehen; dieser aber wickelte sich drei bis vier Mal so rasch und fest um seine Beute, daß sie, gräßlich stöhnend, niedersank. As der Tiger so gefesselt war, ließ die Schlange den Rücken los, und zog sich nach dem Kopfe. Hier öffnete sie ihren Rachen so weit sie konnte, und umschloß damit das ganze Gesicht des Tigers, das sie gräßlich zerfleischte. Der Tiger wälzte sich auf die andere Seite, und brüllte dabei, von Todesschmerz gefoltert, in den Rachen seiner gräßlichen Feindin hinein. Mir sträubten sich die Haare zu Berge, und ein kalter Schauer überlief mich.

Der starke und muthige Tiger richtete sich einige Male auf und schleppte sich drei bis vier Schritte fort; aber die Schlange zog ihn stets wieder zu Boden. Man sah, wie sein Kräfte schwanden, und nach einer Stunde schien er todt zu sein. Die Schlange versuchte nun, durch engere Zusammenziehung ihrer Schlingen die Rippen und Knochen des Tigers zu zerbrechen; aber es war umsonst. Nun ließ sie den Tiger los, wickelte nur ihren Schwanz um seinen Hals, und schleppte ihn so mit vieler Mühe nach dem Baume, dessen Nutzen sich jetzt herausstellen sollte. Mit einer bewunderungswürdigen Geschicklichkeit faßte sie den halbtodten Tiger bei dem Rücken, setzte ihn so, daß er auf den Hinterfüßen stand, an den Baumstamm, flocht ihren Leib zugleich um den Baum und den Tiger, und zog sich mit einer solchen Gewalt zusammen, daß eine Rippe und ein Knochen nach dem andern unter lautem Krachen zerbrach. Nachdem der Leib so zugerichtet war, machte sie sich an die Beine des Tigers, die sie auf dieselbe Weise vier bis fünfmal zerbrach. Am Schädel versuchte sie ihre letzte Kraft; nach vielen vergeblichen Versuchen ließ sie indeß ab. Ermüdet von der fast zweistündigen Arbeit, zog sie sich in den Baum zurück. Der zerquetschte Tiger blieb am Boden liegen.

Am dritten Morgen war ich wieder hinter dem Gebüsche. Von der Gestalt des Tigers war nicht mehr zu erkennen, man sah nur eine mit gelbem Kleister überzogene unförmliche Masse, mit der die Schlange unfern des Baumes sich beschäftigte. Die Knochen lagen dicht am Leibe, und die Hirnschale war vorangesetzt. Nachdem sie nun den Braten mit Geifer völlig überzogen und maulrecht gemacht hatte, stellte sich die Schlange davor, sperrte den Rachen auf, und schlürfte erst den Schädel, dann die übrigen Theile nach und nach ein. Gegen Abend war diese mühsame Mahlzeit vollendet. – Am vierten Morten sah ich unter den Männern auch Weiber und Kinder bei der Palme, denn da die Schlange ihre Beute verschlungen, war keine Gefahr merz zu fürchten. Das gefräßige Thier hatte sich so überladen, daß es sich kaum bewegen konnte. Bei unserer Annäherung versuchte sich die Schlange umsonst auf den Baum zu schwingen; die Ceyloneser schlugen sie todt. Wir maßen ihre Länge und fanden, daß sie sich auf 33 Fuß 4 Zoll belief. Die Ceyloneser zerschnitten nun die Anacondo, und theilten das Fleisch unter sich, das weißer aussah als Kalbfleisch. Man rühmte dessen Geschmack, mir fehlte aber der Appetit, davon zu kosten.