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Deutsches Frauenleben im Mittelalter (Die Gartenlaube 1878/47)

Textdaten
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Autor: Friedrich Helbig
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Titel: Deutsches Frauenleben im Mittelalter.
7. Wohnung und Hausrath.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 774–776
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Deutsches Frauenleben im Mittelalter.
Eine culturhistorische Studie von Fr. Helbig.

7. Wohnung und Hausrath.

Vier hölzerne Wände und darüber ein aus Balken gezimmertes Dach – das war die erste Wohnstatt des seßhaften Germanen. Nur durch die Oeffnung der auf beiden Schmalseiten befindlichen Thüren drang das Licht des Tages frei hinein; sonst blickte es nur verstohlen durch die Ritzen und Spalten des Holzgefüges. Dafür warf das ewig brennende Herdfeuer, dessen Rauch durch die Glunzen des Dachgebälkes hindurchdrang, seinen grellrothen Reflex in die blaugraue Dämmerung des fensterlosen Innenraumes. Entlang der Wände standen Bänke und Lagerstätten. Die in der Mitte hindurch gehenden Dachstützen gestatteten die Theilung des Raumes nach der schon früh abgehaltenen Trennung der Männer von den Frauen. Dann wies eine weitere Entwickelung der Frau einen erhöhteren Sitz auf einer der beiden Eingangsseiten an, wohin Herd und Webstuhl verlegt wurden. Auch entstanden einzelne Verschläge an den Wänden, Räume zum Aufbewahren der Waffen und Gewänder, von dem großen Hauptraume sich abtrennend, der noch immer zum gemeinsamen Wohnen, Essen und Schlafen diente. Weiter zweigten sich vom Hauptgebäude, als dem Haupthofe, nach und nach besondere Nebengebäude ab, Wirthschaftsgebäude, Speise – und Kornkammern, Ställe und Scheunen. Auch die Frau wurde aus dem Haupthause in ein besonderes Frauenhaus verwiesen, das für weibliche Arbeiten jeglicher Art bestimmt war (genitia). Dasselbe bildete oft einen Hof im Hofe, besonders umfriedet und geschirmt. Auch war an die Stelle des Holzbaues der römische Steinbau getreten.

Diese große Halle bildete auch in der ferneren baulichen Entwickelung das ganze Mittelalter hindurch den Centralpunkt des deutschen Hauses innerhalb der höhern Gesellschaftskreise. Sie verlieh dem Hause eine gewisse Oeffentlichkeit und bot besonders der herrschenden Gastlichkeit einen geeigneten Spielraum freier Entfaltung dar. Erst als die Familie sich mehr und mehr isolirte, sank die gemeinsame Halle herab zur Vorhalle, als Aufenthalt der [775] Dienerschaft, und in noch späterer Zeit, besonders im städtischen Hause, zum bloßen Vorsaale.

In der weiteren Entwickelung wurden die von der Halle getrennten Nebengebäude, namentlich das Frauenhaus, wieder in enge Verbindung, unter ein Dach mit ihr gebracht. Dies markirte zugleich eine Veränderung in der gesellschaftlichen Stellung der Frau. Sie kam dadurch wieder in nähere Beziehung zu dem Manne, von dessen Gesellschaftskreise sie so gut wie ausgeschlossen war. Aus diesem gemeinsamen Verkehre heraus erwuchs dann die Blüthe der ritterlichen Romantik.

Anfangs wurde der Zusammenhang des Frauenhauses mit der Halle nur durch eine außerhalb der Mauer befindliche Stiege vermittelt, bald aber die Stiege in’s Innere verlegt, und das Frauengemach erhielt Thür und Fenster nach der Halle zu, so daß der Frauen Beobachtung und Theilnahme nichts mehr entging von dem, was im Mittelpunkte des Hauses sich bewegte. Später, zunächst aus Vertheidigungsrücksichten, rückte auch die Halle, jetzt Saal oder Pallas genannt, eine Etage höher hinauf, behielt aber gleichwohl durch eine Freitreppe, welche im Andrange der Gefahr abgebrochen werden konnte, den alleinigen Zugang von außen. Das untere Stock diente dann zu Rüstkammern, Wohnungen der Dienstleute und Vorrathskammern, das zweite zu Familien-, Gast- und Schlafzimmern.

Jetzt wurde auch das freilodernde Herdfeuer in besondere steinumschlossene Räume verwiesen. Solch heizbare Stätten wurden im mittelalterlichen Latein caminata genannt, und da es besonders Frauen waren, welche im Gegensatz zu dem, seinen Schwerpunkt wesentlich außerhalb des Hauses verlegenden Manne, nach der behaglichen Wärme begehrten, so fanden sich solche zuerst nur in den Frauengemächern und gaben diesen selbst den Namen der Kemenate. In der Halle blieb noch lange der in der Mitte aufgemauerte Feuerplatz mit seinem großen eisernen, rostartigen Boden, auf dem die mächtigen Holzblöcke ruhten. Oefen kamen trotz ihrer größeren Wärmekraft, die bei dem Kamin für das winterliche deutsche Klima nur eine dürftige war, erst vom fünfzehnten und sechszehnten Jahrhundert ab allgemeiner in Gebrauch.

Nun drang in das Haus auch das Licht der Fenster, freilich noch nicht durch jene bleigefaßten bunten Glasscheiben, die wir jetzt auf allen restaurirten mittelalterlichen Burgen schauen und die dem Gemach ein so magisches, anheimelndes Zwielicht verleihen. Diesen Luxus konnten sich nur große Kirchen und reich ausgestattete Klöster erlauben. In den Häusern der Privaten, selbst auf den vornehmen Edelsitzen, wurde der offene Fensterraum, wenn er Schutz heischte wider Wind und Wetter und die Unbilden der Nacht, von außen mit einem hölzernen Laden, innen mit Teppichen verdeckt. Höchstens daß mit Wachs überzogene dünne Leinwand, ölgetränktes Papier oder dünn geschabtes Horn einen dürftig schützenden Rahmen bildeten. Nur in ganz seltenen Fällen wurde matt schimmerndes Marienglas, durch kleine viereckige Stücken zu einem Gitterwerke verbunden, benutzt. Erst im fünfzehnten Jahrhundert wurde die Fassung mit Fensterglas allgemein, zuerst in kleinen runden, bleigefaßten Butzenscheiben.

Werfen wir nun einen weiteren Blick in das Innere der deutschen Wohnung. Treten wir zuerst in die „Halle“, den Saal, ein, so finden wir zunächst, daß die Decke der alten Halle, welche noch durch das Dachgebälke gebildet war, jetzt entweder durch den Fußboden des oberen Gemaches hergestellt wird, bei welchem die ganze Balkenlage im Plafond noch sichtbar bleibt, oder es ist eine hölzerne Zwischendecke eingeschoben. An ihren vorspringenden Kanten finden sich geschnitzte laubartige Ornamente, an Trägern und Consolen allerhand figürliche Verzierungen, in denen namentlich die Zeit der Gothik, die ihre reichen Formen selbst dem geringsten Geräthe aufpreßte, besonders brillirte. Die Wände waren vom Boden auf mit braunem Holze getäfelt, sodaß nur ein schmaler Raum noch zwischen der Holztäfelung und der Decke verblieb. Diese friesartige Kante war nicht selten mit figürlicher Malerei geschmückt.

Den früheren Estrich des Fußbodens finden wir jetzt durch Steinfliesen ersetzt, schachbretartig, in verschiedenen Farben schillernd. Später wurde der Fußboden mosaikartig hergestellt, und dazu viereckige Blättchen aus glasirtem Thone verwandt, auf denen allerhand Figuren, wie Hirsche, Reiter u. dergl. m. eingebrannt waren, wie deren aus dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert, von Ulm und Cadolzburg stammend, das Germanische Museum noch aufweist. Selbst auf den dort aufbewahrten alten Dachziegeln findet man einzelne Arabesken, Namenszüge und Jahreszahlen eingebrannt. Auch zur Bekleidung der Wände wurden derartige Mosaikblättchen benutzt. Die Holzmosaik entstand erst weit später – im fünfzehnten Jahrhundert – übertrug sich dann aber rasch auf alle Arten von Möbels, Tische, Schreine, Thüren und Wanddecken, und vervollkommnete sich bis zur Herstellung ganzer Gemälde. Im nördlichen Deutschland ging der Fliesboden des rauheren Klimas wegen bald in den einfachen Fußboden über.

Wie einfach war das Mobiliar! An den Langseiten der Wände lief eine breite hölzerne Bank hin, an dieselbe befestigt und gleichsam mit dem Holzgetäfel der Wand in Eins verschmolzen. Ihr verschlossener Sitz diente gleichzeitig als Truhe oder als Vorrathsraum. In früheren Zeiten war die Bank wohl noch aus Stein. Noch lange war dies der Fall in den in die dicken Mauern eingelassenen Fensternischen, den sogenannten Lauben. Die Steinsitze dieser lauschigen Lauben waren die Lieblingsplätze der Frauen. Sie belegten die Sitze mit Polstern und sperrten sie durch Teppiche von dem Saale ab. Bei den städtischen Gebäuden erweiterten sie sich zu jenen in die Straßen vorspringenden Erkern, welche weiblicher Neugier einen noch willkommeneren Vorschub leisteten. Später zogen sich die Bänke auch in die Nischen mit hinein.

An der Stirnseite der Bank befand sich der Ehrensitz des Hausherrn oder Lehnsherrn, oft über einem etwas erhöhten Gestell, geschnitzt und mit grotesken Zierrathen versehen, auch wohl vergoldet. Dann wurde derselbe zu einem beweglichen Sessel, über den in der gothischen Zeit sich ein baldachinartiges Dach wölbte. Lange war es der einzige Stuhl im Hause. Stühle waren im Mittelalter selten; die Bank war das einzige Sitzmöbel. Es trug eben alles Mobiliar noch den Charakter des Festen, des unmittelbaren Zusammengehörs mit dem Hause selbst. So waren auch Schränke und Kasten meist in die Wände eingelassen, und auch die Schwerfälligkeit der Tische wies denselben einen ständigen Platz an. Die Mitte des Gemachs füllte oft eine eichene über Schragen gelegte Tafel aus. Sie, wie die andern Tische, waren von schwerer, aber dauerhafter Construction, Urväterhausrath, nicht Träger eines nur ephemeren Daseins. Anstatt von vier schwächlichen Füßen, wurde die derbe Platte von einem breiten Untergestell getragen, das auf vier geschnitzten Thierköpfen ruhte und auf das sich die Füße des Davorsitzenden bequem stützen konnten. Nur eine leichte Stuhlart ist aus dem Mittelalter bekannt und in einem Exemplare im Germanischen Museum vertreten. Es sind dies die sogenannten Faltstühle, deren Form in einer Art unserer Gartenstühle noch fortlebt. Sie bestehen aus zwei sich in der Mitte kreuzenden zusammenlegbaren Theilen; auf dem oberen Kreuz befindet sich das Sitzbret. Ein an derselben Sammelstelle befindlicher drehbarer Lehnsessel gehört der spät mittelalterlichen Zeit an. Keins der Sitzmöbel war gepolstert, dagegen befanden sich sowohl auf Bank wie Stuhl Cultern (Matratzen) oder Plumiten (Federkissen). In früherer Zeit, im zehnten und elften Jahrhundert, wo die Schnitzkunst noch weniger geübt war, waren die Möbel mit bunter Farbe bemalt; nur die Pfosten und Beine zeugten von der Kunst des Drechslers. Dagegen überschüttete die Gothik alle Möbel mit ihren durchbrochenen, krausen, geästelten Ornamenten. Einzelne leere Stellen im Saale füllten vordem niedere Betten im Stile unserer Divans aus, ohne Pfühl und Oberdecke. Des Nachts dienten dieselben thatsächlich auch als Schlummerlager. An den Lehnen der Bänke hingen Rücklaken, von der Hand der Hausfrau oft mit wahrhaft künstlerischem Geschicke gewebte oder gestickte Decken. Die schmaleren enthielten das mit bunter Wolle gestickte oder gewirkte Wappen des Hauses oder der verwandten Geschlechter.

Andre zeigten auf rothem Grunde Blumen, Arabesken, den Lieblingshund der Damen des Hauses und Anderes, größere gar eine ganze am Speisetisch versammelte Gesellschaft sammt Geiger und Lautenschläger, ja den ganzen Verlauf einer mittelalterlichen Hochzeit in fünf Abtheilungen. Da sehen wir den Bräutigam und Brautvater die Boten aussenden, um zur Hochzeit zu laden, sehen auf dem zweiten Felde den Priester, wie er das Paar mit den auf einem darüber hinlaufenden Spruchbande befindlichen Worten einsegnet: „Gott mög Euch viel Glück und Ehre geben und nach Eurem Tode das ewige Leben!“ Wir sehen dann weiter die Gäste beim Hochzeitsmahle, wo aus dem Munde der glücklichen [776] Braut die Worte hervorgehen: „Keine größere Freude mir werden kann; meinen Liebsten fein ich funden han“; wir werden Augenzeugen eines Turniers und sehen im letzten Felde das Ehepaar mit Pauken und Trompeten in die neue Heimath reiten. „In großen Freuden und allen Ehren wollen wir heim zu Lande kehren,“ lautet der Gruß des Bräutigams auf dem umlaufenden Spruchbande. (Germanisches Museum.)

Aber der Reichthum des Hauses an Geweben und Teppichen war damit noch lange nicht erschöpft. Er zeigte sich erst in seiner Größe an festlichen Tagen; dann wurden an Haken große Hautelliseteppiche im Stile unserer modernen Gobelins, die eigentlich nur eine Wiedergeburt derselben bezeichnen, an den Wänden entlang aufgehangen. Nicht alle entstanden sie der schöpferischen Hand der Frau. Burgund, besonders Arras und Brabant lieferten die fertigen Fabrikate, und die Bewohner einzelner Klöster füllten mit ihrer Fertigung die Stunden ihrer reichen Muße aus. Ueber die Tafel lag ein tief herabgehendes leinenes, mit breiter Borte und durchgehenden bunten gemusterten Streifen versehenes Tischtuch. Auffallend für das moderne Auge ist der gänzliche Mangel eingerahmter Bilder – nicht einmal das Portrait eines Ahnen blickt aus dunkler Umrahmung zu uns heraus. Erst vereinzelt im fünfzehnten, dann allgemeiner im sechszehnten Jahrhundert entstand der Wandschmuck der eingerahmten Staffeleibilder. Auch auf dem Fußboden liegen hie und da Teppiche, so vor dem Kamin, dessen Kolossalgestalt weit in den Saal hereinragt. Der den Feuerherd umschließende Mantel erreicht fast Manneshöhe. Auf dem Herdboden steht ein längliches eisernes Gestelle, der Feuerhund. Wäre es Winter, so läge auf ihm ein tüchtiger Holzklotz, dessen rothglühende Flamme einen weiten Gluthschein in den Saal hineinwirft. Auf dem mit Arabesken gezierten Simse stehen allerhand Hausgeräthe, Krüge, Leuchter, Kannen, Becher. Es sind meist solche, die dem öfteren Gebrauche dienen. Für den eigentlichen Schatz des Hauses, für das reiche Prunkgeschirr, das entweder nur zur Zierde als Document für den Reichthum des Geschlechts oder zum seltenen Gebrauche an hohen Festtagen dient, war an der einen Schmalseite eine stufenförmig sich aufbauende Prunkstätte errichtet. Auf jeder Stufe lag eine weiße mit Stickerei und bunter, wohl golddurchwirkter Borte verzierte Decke. Weithin leuchtete der prangende, glitzernde Schmuck in den Saal, eine helle Augenweide für die an den Langseiten sitzenden Gäste, deren Blicke ihm, dem Tressur, wie man die Prachtpyramide wohl nannte, stets zugekehrt blieben, da sie der geschilderten Beschaffenheit der Bänke nach nur auf einer Seite saßen. Halten wir unter diesen Schaustücken Musterung!

Trinkgefäße bilden offenbar das Hauptcontingent. Patriarchalische Pietät hat auch die ersten primitiven Formen von Holz und Thon aus Urväterzeiten, das Vermächtniß mehrerer Generationen, aufbewahrt. Der wachsende Reichthum des Geschlechts hat dann zinnerne, kupferne und lederne Gefäße, später silberne und goldene hinzugesellt. In jüngster Zeit sind auch feine venetianische Krystallgläser dazu gekommen. Da fallen uns zunächst in die Augen gewundene Trinkhörner, der schwarze Leib mit breiten Goldreifen umschlungen, an der Endspitze ein reich vergoldetes Ornament, vorn auf zwei klauenartigen Füßen ruhend, daher in der Sprache des Mittelalters Greifenklauen genannt. Würdig ihnen zur Seite, dem Zwecke des Trinkens in größerem Maßstabe dienend, stehen Humpen aus Holz, Glas oder gar getriebenem Silber; daneben steht ein Krug, der alle zwölf Apostel auf feiner Glasur aufweist. Diese Apostelkrüge, Fabrikort Creußen, sind ziemlich neuern Datums, das heißt spätmittelalterlicher Zeit entstammend. Das Töpferhandwerk ist zwar ein uraltes, das sich bis in die Zeiten des Pfahlbaues verfolgen läßt, aber seine Schöpfungen waren noch roh und kunstlos, nur dem realen Bedürfnisse angemessen; erst durch die Einwirkung der Gothik kamen der Schmuck des gepreßten Ornaments und die kunstmäßige Anwendung der Farbe hinzu. So war es auch mit der Glastechnik. In der Römerzeit ebenso wie die Töpferei auf hoher Stufe stehend, war sie bei den Deutschen wieder gesunken; schöne Gläser waren ein Luxusartikel geworden, den man meist dem Orient entrang. Erst im dreizehnten Jahrhundert begann die Glasfabrikation sich wieder zu heben und feierte später, im sechszehnten Jahrhundert, ihre glänzendsten Triumphe in Venedig. Diese venetianischen Gläser, deren das Germanische Museum eine reiche Anzahl besitzt, zeichnen sich durch ihren matten Schliff, durch kunstvolle Durchschlingung des Glases mit feinen weißen oder bunten Fäden aus. Echt deutsch sind auf unserem Tressur die sogenannten Batzengläser, von schwerem, grünlich schimmerndem Glase, mit Buckeln versehen, eine Decoration, der wir auch auf den metallenen Gefäßen unseres Schatzes begegnen. Dem Zug des Mittelalters nach phantastischen Formen trug auch die Glasfabrikation Rechnung. Da sehen wir auf unserem Tressur neben dem bis auf unsere Zeit treu erhaltenen grünen Römer große Glasstiefeln, Fässer, allerhand Figuren mit gläsernem Mundstücke; andere Gläser mit darmartiger Verschlingung oder in kugelförmigen Absätzen sich thurmartig erhebend. Da stehen zierliche Kräuselbecher, „Kräusleins“, neben den unseren Weißbierstangen ähnelnden gekröpften Roßzageln oder Roßschwänzen und dem langhalsigen, flaschenartigen „Angster“ (vom lateinischen angustus, enge). Da fehlt unter den Trinkpokalen nicht der „Willkomm“, der „Paß“, „Tummler“, „Stauff“ und „Stutzen“. Auch bei den messingenen oder von noch edlerem Metalle gefertigten Wasserkannen finden wir die gleiche Phantastik der Form. Sie sind eingekleidet in die Gestalt von Hirschen, Pfauen, Löwen, krähenden Hähnen, Böcken, oder vertreten den Ausdruck eines noch weit derberen Humors. Messingene Waschschüsseln, meist aus Nürnberg, zeigen auf dem Boden Figuren von erhabener Arbeit.

Auch ein Tischspringbrunnen für Wein fällt uns auf. Das Hauptkleinod wird repräsentirt durch einen Tafelaufsatz in der Form eines Schiffes, das jüngste Erzeugniß der auch erst in dem späteren Mittelalter zu höherer Kunstentfaltung auf dem Profangebiete gediehenen Goldschmiedekunst. Auch Sculpturen aus Elfenbein weist der Tressur auf, sowohl als Zierrath wie als selbstständige Statuetten und Reliefs. Es findet sich da eine Madonna mit dem Jesusknaben und eine Anbetung der heiligen drei Könige neben einem Herrn und einer Dame, die auf die Falkenjagd reiten. Die Verwendung des Elfenbeins war im Mittelalter eine außerordentlich mannigfaltige. Ebenso reich scheint die Ausnutzung der Edelsteine gewesen zu sein, die nicht blos an Leib und Gewand, sondern auch an den Schaustücken des Tressurs, an Bechern und Pokalen oft im Uebermaß prangen. Bei Wolfram von Eschenbach nimmt die Aufzählung aller Arten edlen Gesteins zwanzig Verszeilen in Anspruch. Wir finden da neben den bekannten Arten noch Namen von fremdartigstem Klange. Der Glanz ihres natürlichen Lichtes war nach Hartmann von Aue’s Schilderung so mächtig, daß Rubine an Pferdeköpfen zur Nachtzeit den Weg zeigten. Nach dem Glauben des Mittelalters wohnte ihnen theilweise eine geheime Wunderkraft inne, die zur Heilung von Krankheiten führte.

Auch verschiedene Formen von Lampen und Leuchtern treffen wir auf dem Kaminsims. Da ist z. B. ein messingener Löwe, der auf dem Rücken eine Burg trägt, auf deren Zinnen Kerzen aufgesteckt werden, und eine Lampe in Schwanenform.

Die Zimmerbeleuchtung hatte sich vom Herdfeuer inzwischen auch weiter entwickelt. Zunächst war es nur ein auf einen Leuchtstock gesetzter Kienspan, der die Stube mit seinem flackernden Lichte zu erhellen strebte, ein Leuchtapparat, dem man auf weltentlegenen Walddörfern wohl jetzt noch begegnet. Dann warfen Harzfackeln, in der Hand besonders dazu bestellter Diener (kertisveiner) oder von eisernen Ringen an den Wandpfeilern festgehalten, ihre rothe Gluth auf die in gemessenen Tanzreihen sich bewegenden oder an der Abendtafel zechende buntschillernde Gesellschaft. Wachskerzen zählten noch lange zu den Gegenständen eines besondern Luxus. Die Kerzen staken sowohl auf Wand- wie auf Tragleuchtern, die oft nur in einem auf einem Brett befestigten Stifte oder einer Drahtspirale bestanden. In das Oel der Hänge- und Traglampen goß man wohlriechende Essenzen. Aus dem fünfzehnten und sechszehnten Jahrhundert sind uns – im Germanischen Museum – Kronleuchter aus Hirsch- und Elengeweihen erhalten. Die langsame Entwickelung der gewerblichen Technik, die jetzt in einem Jahrzehnt so viel fördert, als sonst in einem Jahrhundert, läßt den Schluß rechtfertigen, daß auch schon weit früher die Kerzen des Kronleuchters auf die betende oder zechende Menge in Kirche und Tanzsaal schienen, was auch im „Parcival“ seine Bestätigung findet.

Die Säuberung und Wahrung all dieser Schätze, dieser vielfachen Teppiche und Laken bildete einen nicht geringen Theil der Tagesarbeit der Frau, die sich noch mehrte, als der gothische Stil mit seinen den Staub geradezu conservirenden Schnörkeln, Consolen, Figürchen und Schnitzwerk im Hause seinen Einzug hielt.