Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Deutscher Hülferuf aus Paris
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 138
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[138]
Deutscher Hülferuf aus Paris.


Aus dem brausenden Menschenmeer von Paris ist soeben ein Nothruf zu uns herübergedrungen, ein herzbewegender Hülferuf für stilles, und doch unbeschreiblich schmerzenreiches und vielseitiges Elend. Wäre der Ruf von Franzosen gekommen und für Franzosen laut geworden, so würde er schon einen Anspruch auf unsere menschliche Theilnahme mit sich führen. Es ist aber deutsche Noth, die er unseren Blicken enthüllt, es ist deutsche Bedrängniß und Hülfsbedürftigkeit, die flehend aus ihm uns ihre Hände entgegenstreckt. Deutsche Noth und Hülfsbedürftigkeit in dem heutigen Paris! Das Wort sagt Alles, und sein bloßer Klang schon muß zehndoppelt erschütternd auf Jeden wirken, dem die dortigen Stimmungen und Verhältnisse nicht gänzlich fremd geblieben sind.

Obwohl die glänzende Weltstadt an der Seine seit dem letzten Kriege für jeden deutschen ein ungastlich harter, frieden- und freudenloser Boden geworden, so lebt doch wiederum eine sehr beträchtliche Zahl unserer Landsleute inmitten dieser feindseligen, von den wildesten Haß- und Rachegefühlen gegen Deutschland erfüllten Bevölkerung. Viele Derjenigen, welche im Sommer 1870 so grausam hinausgetrieben wurden, haben nach erfolgtem Frieden allen Schrecken und Gefahren der Wiederkehr sich aussetzen müssen, weil sie durch wichtige Lebens- und Nahrungsinteressen, durch Besitz und Geschäft, durch Bande der Familie, des Berufs und der Arbeit an diesen Leidensplatz gefesselt sind.

Es sind das aber nicht etwa lauter Wohlhabende und Begüterte. Ein großer Theil der deutschen Bevölkerung von Paris besteht vielmehr aus durchaus mittellosen Leuten jeden Alters, Geschlechtes und Standes, die hier rettungslos verloren, den Qualen des Verhungerns, der Verzweiflung und dem Untergange preisgegeben sind, wenn ihnen in Fällen des Mißgeschicks und Rückgangs, der Arbeitslosigkeit oder Krankheit nicht eine hülfreiche Stütze wird. Und zu diesen regelmäßigen Armen gesellt sich nach wie vor der unaufhaltsame Strom jener unerfahrenen und abenteuernden Deutschen, die, trotz aller Warnungen, dem anlockenden Glanze der Weltstadt nicht widerstehen können. Gänzlich entblößt oder mit nicht ausreichenden Mitteln versehen, kommen sie noch fort und fort nach Paris, um hier ihr Glück zu versuchen, und dann nach dem nur selten ausbleibenden Scheitern ihrer Hoffnungen an den Rand des Abgrundes zu gerathen.

Eine Fülle deutschen Elends hatte Paris schon in früheren harmloseren Zeiten geborgen, und schon vor dreißig Jahren hatte dasselbe zur Gründung und Organisation jenes Pariser „Deutschen Hülfs-Vereins“ geführt, der seitdem in der Geschichte des Wohlthuns und der patriotischen Bestrebungen eine hervorragend glänzende Stellung behauptet hat. Nicht weniger als 14,000 Deutsche jeden Stammes und Landes waren es, welche früher der Verein jährlich in Paris liebreich unterstützen, die er vor dem Versinken bewahren, aus vorübergehenden Gefährdungen erlösen, in Krankheiten verpflegen, in den Tagen des Alters und der Schwäche mit Nothwendigem versehen, oder denen er wenigstens die Rückkehr in die Heimath ermöglichen konnte. So stand es bis zum Ausbruche des Nationalkrieges, der natürlich all diesem Wirken eine tiefgreifende Störung bereiten mußte.

Obwohl aber der Verein in den Kriegsjahren 1870 bis 1872 sich auf eine ganz stille Thätigkeit beschränken mußte, gab es doch in dieser schweren Zeit viel und Schweres für ihn zu thun. Außer der österreichischen, der deutschen und baierischen Regierung zahlten damals nur noch wenige Mitglieder ihre Beiträge. Die Einnahmen deckten bei Weitem nicht die Ausgaben und es mußte der Reservefond angegriffen werden, welcher dadurch bei der Wiederaufrichtung des Vereins am 10. Mai des vergangenen Jahres von 40,765 auf 33,432 Franken herabgesunken war, unter denen sich jene 20,000 Franken befinden, welche die bairische Regierung dem Verein als unantastbares Capital geschenkt hat.

Im letzten Rechnungsjahre vor dem Kriege (1869) betrug die Gesammteinnahme des Pariser Deutschen Hülfsvereins noch 54,969 Franken, darunter Zuschüsse deutscher Regierungen: 6828 Franken, Reinertrag eines Balles mit Ausspielung 13,020 Franken, Beiträge der 674 Mitglieder 22,295 Franken. Wie anders im vergangenen Jahre 1873! Hier erreichte die Gesammteinnahme nur die Summe von 19,500 Franken, worunter sich die Jahresbeiträge der deutschen Regierung (4000 Franken), der baierischen und elsässisch-lothringischen Regierung (2000 und 1000 Franken), sowie des Großherzogs von Hessen (500 Franken) befinden, während in Folge des Krieges und durch den erfolgten Austritt der Oesterreicher und Ungarn die Mitgliederzahl von 674 auf 152 gesunken ist, deren Opferfreudigkeit die verhältnißmäßig bedeutende Summe von 9300 Franken aufbrachte.

Mit diesen schwachen Mitteln soll der Verein den verschiedenartigen und vielfach sehr gesteigerten Anforderungen genügen, welche täglich auf ihn einstürmen, soll er der oft himmelschreienden Noth armer Landsleute steuern, deren Unglück dort unter den gegenwärtigen Verhältnissen ein doppelt verhängnißvolles geworden, da sie mit der verzweiflungsvollen Armuth auch noch alle Folgen eines zornentbrannten, in Schimpf und Kränkung, in persönlicher Aechtung, Bedrückung und Mißhandlung sich äußernden Nationalhasses zu tragen haben. Zwar hat der Aufschwung unseres Nationalbewußtseins und des Gefühls deutscher Zusammengehörigkeit die Kinder unseres Vaterlandes überall in der Fremde und namentlich in dem feindseligen Frankreich zu innigerem Bunde aneinandergeschlossen; aber für die Aufgabe des gegenseitigen Beistandes, der Hülfe und Rettung, welche dieses Bündniß in sich schließt, reichen die jetzt in Paris vorhandenen Kräfte um so weniger aus, als die Zahl der Hülfsbedürftigen auch durch den nothleidenden Theil jener Elsaß-Lothringer vermehrt ist, die nicht für Frankreich optirt haben und deshalb gleichfalls unterstützt werden müssen.

Niemals in seinem bisherigen dreißigjährigen Wirken hatte sich der „Deutsche Hülfsverein in Paris“ mit einer Bitte um Gaben an das deutsche Publicum gewendet, so lange er sich selber erhalten, frei den Kreis der Beitragenden erweitern und durch Veranstaltung öffentlicher Festlichkeiten sich erhebliche Zuschüsse verschaffen konnte. Alle diese Wege sind ihm jetzt verschlossen und abgeschnitten, und bei der vollständigen Unmöglichkeit, dem Andrange bitterer Noth auch nur annähernd genügen zu können, bleibt ihm nichts weiter übrig, als an die Thüren der deutschen Häuser zu klopfen und von der Mildthätigkeit der Heimath zu erbitten, was er selber nicht mehr zu erschwingen vermag.

Wenn aber jemals, so handelt es sich für uns in diesem Falle um eine Bethätigung deutschen Familiengeistes, um eine Pflicht des Erbarmens und eine Pflicht der Ehre. Wir dürfen arme Landsleute nicht elend in einer feindseligen Fremde verkommen lassen; wir dürfen den Franzosen nicht das Schauspiel geben, Hunderte von Angehörigen der deutschen Nation fortwährend schutzlos unter ihren Augen in Nöthen aller Art verzweifeln und verkümmern zu sehen. Wäre eine Organisation wie der „Deutsche Hülfsverein“ in Paris nicht vorhanden, wir müßten sie von Deutschland aus zu schaffen suchen. Da sie besteht, müssen wir sie hinreichend ausstatten, daß sie ihren Pflichten nicht blos in Paris genügen, sondern der Verein seine helfende Thätigkeit auf alle Orte erstrecken kann, wo in Frankreich jetzt arme Deutsche ohnedies unter dem mitleidslosen Hohne eines verfolgungssüchtigen Nationalhasses seufzen.

Möge also Niemand bei uns diesem so edeln Zwecke sich entziehen, möge Jeder sein Scherflein beitragen und mögen auch die wohlhabenden Deutschen im Auslande, in England, Rußland, Amerika etc. der doppelt schweren Gebeugtheit ihrer armen Brüder und Schwestern in Paris gedenken! Eine Sammlung für den „Deutschen Hülfsverein“ daselbst ist am heutigen Tage von uns eröffnet. Wir zweifeln nicht, daß der Ertrag ein neues Zeugniß geben wird von der Humanität und Menschenliebe sowohl, wie von dem nationalen Ehr- und Pflichtgefühle unseres deutschen Volkes.




An Beitragen für den „Deutschen Hülfsverein“ gingen uns bis jetzt zu: Frau Harkort-Brenschedt 10 Thlr. – Von Afd., der vor Jahren in Paris war, 10 Thlr. – Redaction der Gartenlaube 50 Thlr.

Die Redaction.