Deutsche Denkmäler in der Schweiz

Textdaten
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Autor: Friedrich Alpland
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Titel: Deutsche Denkmäler in der Schweiz
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aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 251–254
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Deutsche Denkmäler in der Schweiz.
Auch eine deutsche Kaiserburg. – Capelle Leopold’s von Oesterreich. – Die erste Buchdruckerei der Schweiz.


Es war eine wilde und stürmische Novembernacht – es ist nun zwanzig Jahre her –, als sich mühsam durch Regen und Schneegestöber ein einspänniges „Bernerwägeli“ hindurcharbeitete. Im Ländeli (Gabeldeichsel) schaffte ein kernhafter Ackergaul. Vom Bocke herab ließ der „Karrer“, wie man hier zu Lande die Pferdeknechte betitelt, sein lebensmüdes, hochtönendes „Hi! Hii!“ von Zeit zu Zeit erschallen. Auf dem Hintersitze, unter schmalem Lederverdecke, rüttelte und schüttelte es zwei Personen: „’s Bäbeli“, die Haushälterin, und neben ihr, tief in den Mantel gehüllt, meine Wenigkeit, berufen, noch heute „vor dem deutschen Kaiser zu erscheinen“.

Es währte wohl eine Stunde lang und Roß und Reitern – denn in der Schweiz nennt man auch das Fahren „Reiten“; man sagt: Chaiserite, Sattelrite, uf em Isebah oder uf em Dampfschiff rite! – mochte es noch länger geschienen haben, ehe wir auf schmalen, holperigen Wegen das höchste Dorf zwischen Thur und Untersee erklommen hatten. Bald dann senkte sich diese gewaltige Landwelle wieder nördlich und die kleine vierräderige Arche schaukelte thalwärts. Der Regen und Schneesturm hatte sich beruhigt. Die zerrissenen Wolken hielten im blauen Aether ihr Novemberwettrennen.

Der Mond, der alte Schwerenöther, lächelte auf dieses unbekannte Stückchen Erde ebenso traulich hernieder, als wenn es meine heimathliche Scholle gewesen wäre, deren „gastfreundlichem“ Zuchthaus ich soeben entsprungen war. – Nicht lange jedoch, und ich begriff die sentimentale Stimmung der himmlischen Nachtlampe. Vor unseren Augen tauchte eine vollständig romantische Mondscheinlandschaft empor. Eilende zackige Wolken jagten über die im Sommer rebenumkränzten Hügel. Flüsternde Lüfte bewegten die dunkeln Wipfel alter Buchen und Tannen. In der Ferne rauschte ein Waldbach. Tief unten ein breiter, zauberischer silberglänzender See. Klosterglocken klangen aus nebelgrauer Ferne vom jenseitigen Ufer herüber, Kauzenruf und Rüdengebell durfte nicht fehlen, und wie vom Schooße der Erde urplötzlich geboren, stieg mitten aus diesem lieblichen Wald- und Seemärchen eine kleine, altersgraue Burg empor. Eine schmale Brücke führte zu ihr hinüber. Eine starke Eichenpforte mit mächtigem „Klopfer“ wehrte den Eingang. Ein kühngezackter Giebel verkündete die eiserne Stirn jener Zeit, die dieses Haus gebaut. Ein hoher, viereckiger Thurm beherrschte Burg, Wald, See und Gau.

Nur einige große Oekonomiegebäude hatten sich schüchtern in nächster Nähe der Burg niedergelassen. Kein Dörflein mit „Hörigen“ lag zu Füßen des Rittersitzes, keine Vasallenburg in der Nähe. Nur weit, tief unten am träumenden See, schlummerte eines der lieblichsten Dörfer des Thurgaus, das reben- und obstumkränzte Mammern. Diesem gegenüber, am jenseitigen Ufer, ruhte, ebenfalls an des plätschernden Sees Gestaden, das erste deutsche Dorf. „Deutsche Berge! Deutsches Land!“ rief ich damals wehmüthig, recht wehmüthig aus; denn damals war da drüben das Revier der Flüchtlingsjäger, und diese „Wacht am Rhein“ war eine recht traurige.

Wir sind am Ziel. Wir haben sie betreten, die „Herrschaft“ [252] Liebenfels, Schloß und Burg des – bis damals – letzten deutschen Kaisers.

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Capelle Leopold’s von Oesterreich bei Beromünster.

Wem, der einige unvergeßliche Jahre auf deutschen Universitäten zugebracht hat, wäre wohl der Name Adolf August Follenius unbekannt? Nehmt sie her, die alten, urchigen Burschenliederbücher! Durchblättert sie, die traurige Geschichte der deutschen Burschenschaft! und Ihr werdet ihn wiederfinden, den alten Burschenschafter, Dichter, Freiwilligen des Befreiungskrieges, den „Hochverräther“, Hausvogteibewohner, Flüchtling und – Professor in der Schweiz. Hier, auf diesem etwas steilen Höhenzuge, abgelegen von den Straßen des „Reiches“, „frei von dem Pesthauch der Städte“, wie der Dichter singt, einsam und romantisch, das deutsche Vaterland im Auge, hatte der alte Aar seinen letzten Horst erbaut. –

Welch ein Contrast zwischen dem prachtvollen Limmathathen, das wir am Morgen verlassen hatten, an dem lachenden Gestade des Zürichersees, und den Lehmhügeln, auf welchen der alte Herr, wie Cincinnatus, seine Rüben pflanzte! Und dennoch war diese kleine, abgelegene Burg in den ersten Jahren nach der deutschen Bewegung von 1848 und 1849, an welcher der „deutsche Kaiser“ nur geistig den lebhaftesten Antheil nahm, ein vielbesuchter Ort. Unberühmte und berühmte deutsche Größen, die meist nichts gerettet aus der Heimath, „als den Flaus und ein alterndes Haupt“, legten sich in diesem Hafen oft wochen- und monatelang vor Anker.

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Burg Liebenfels – auch eine deutsche Kaiserburg.

Hier residirte nun der „deutsche Kaiser“ mit seinen beiden liebenswürdigen Töchtern und deren Erzieherin in patriarchalischer Zurückgezogenheit. Follenius, der aus Hessen stammte und auf deutsch Follen, nach seinem Familienwappen eigentlich Fohlen hieß und der Sohn eines Försters war, hatte bekanntlich noch zwei Brüder. Beide starben im fernen Amerika als Verbannte. Alle drei Brüder gehörten „damals“ zu der berühmten und von allen Regierungen gefürchteten Burschenschaft, besonders zu den „Schwarzen von Gießen“. Alle drei Brüder waren sehr bedeutend in die Demagogenhetze jener traurigen Zeiten verflochten. Karl stand dem Burschenschafter Sand von Wunsiedel auf der Hochschule zu Jena sehr nahe. Zu jenen Zeiten oder später, wie, wann und wo, wissen wir nicht anzugeben, ward August Adolph Follenius von irgend einer deutsch-poetischen Genossenschaft zum zukünftigen Kaiser der Deutschen erwählt und hat diesen Titel und Namen zeitlebens bei den Deutschen in der Schweiz, mehr aber noch bei den Schweizern selbst, behalten. Ihn hörten wir diese Taufe nie berühren.

Ich traf ihn, an jenem Novemberabende, in einer großen, hohen, mit altgothischen Tapeten reich verzierten Halle, die aus der einen Hälfte des alten Rittersaales gebildet worden war und nun das Eß- und Sprechzimmer darstellte. In einem [253] rothen, langen Schlafrock, der den Hermelin des Kaisers ersetzte, thronte Follenius vor mir auf einem kleinen Sopha, das kahle Haupt mit einer leichten, großbeschirmten Mütze von weißem Pferdehaar bedeckt. (Bei feierlichen Gelegenheiten zierte ihn ein schwarzer, altdeutscher Rock und statt der Krone ein Sammetkäppchen, das die geistreichen Züge trefflich gab.) Um seinen Mund spielte die leichtgekrümmte, nach beiden Seiten herabgezogene Halbmondlinie, die uns in der Regel die Launen eines unumschränkten Gebieters ankündet, besonders wenn, wie hier, eine scharfgebogene, hochbewurzelte Römernase darüber thront. Zu deren Seiten blitzten zwei große, blaue Augen, die einen Himmel und eine Hölle bargen. Ueber ihnen wölbten sich kühn die blonden, buschigen Augenbrauen und eine schmale, aber hohe und glücklich gewölbte Stirn vollendete nach oben, ein markiges, vorstehendes Kinn nach unten, das Antlitz. Im wohlthuenden Contraste prangte über ihm in Lebensgröße ein wunderholdes Frauenbild, voll inniger Sanftmuth und Milde in allen seinen edeln Zügen: sein verstorbenes Weib, die Tochter eines reichen Landmüllers, in ihren ledigen Jahren nach der militärischen Rangstufe ihres Vaters und nach der Titelsucht jener Gegenden überhaupt mit dem seltsamen Titel einer „Jungfer Lütenant“ beglückt.


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Das Schlößli zu Beromünster – die erste Buchdruckerei in der Schweiz.


Der deutsche Kaiser, wie wir nun den alten, wohlbekannten Burschenschafter nennen wollen, konnte der gemüthlichste und unterhaltendste Mensch von der Welt sein. Einen Schatz geistiger Perlen nach dem anderen holte er, halbe Nächte lang, aus der tiefsten Tiefe seiner Seele herauf. Sprudelnder Humor, von den hellsten Funken durchwirkt, zog Jeden unwiderstehlich zu dem „Tyrannen“ hin. Er war die Liebe, die hingebende Freundschaft selbst, glücklich, überschwenglich, begeistert bei jeder neuen, einigermaßen ansprechenden Bekanntschaft. Allein, handkehrum, das Gegentheil, dann rollte der Donner seines Zornes fürchterlich durch die Hallen der Burg. Die blauen Augen schossen wie Blitze hernieder, die Fäuste ballten sich. Das blaurothe Schnupftuch – nebst der Schnupftabaksdose sein steter Begleiter – „flatterte im Winde“ und seine sonst so hochpoetische Sprache verwandelte sich in ein prasselnd Hagelwetter.

Er haßte den Weihrauch im Allgemeinen, der specielle that ihm wohl. Er duldete nicht gern Widerspruch, desto kräftiger opponirte er. Er zog an, wie der stärkste Magnet, stieß aber auch ab, wie der gleichnamige Pol. Seine Freunde gewann er mit der Schnelle des Sturmes, um sie mit der des Blitzes zu verlieren. Er achtete keine Kritik, er selbst war der ausgezeichnetste Kritikus. Arm, mit dem Buche in der Hand, als „fahrender Schüler“, direct aus der berüchtigten Berliner Hausvogtei, hat er, spazieren gehend, die Schweiz betreten. Arm, nur noch von Büchern und den Ueberresten eines beträchtlichen Heirathsgutes umgeben, starb er, im Kreise seiner Kinder, zu Bern, nachdem er seine geliebte „Herrschaft“ Liebenfels – wie er sie so gern schrieb und mit einem alten Petschafte aufmerksamst besiegelte (zum Aerger geborener Junker) – wohlfeil verkauft hatte. So ging der letzte, nun der vorletzte, deutsche Kaiser, August Adolph, der Gelehrte, ein zu seinen Vätern und zu den Ruhmeshallen Walhallas.

So oft ich die alten, grauen, damals so gastlichen Zinnen dieser Kaiserburg erblicke vom blauen Bodensee herauf, beim wunderschönen Dörflein Mammern, wie sie so hoch über die dunkelgrünen Tannenwipfel dem deutschen Ufer jenseits des schwäbischen Meeres ihren ehrwürdigen Gruß vermelden, so muß ich immer und immer wieder des alten wunderbaren Mannes und seiner treuen Kinder freundlich und dankbar gedenken, die dort manch deutsches Herz erquickten und manch armem Teufel von Flüchtling ein tröstend Wort, ein gastlich Obdach boten. Begraben aber liegt dieser deutsche Kaiser auf dem wunderschönen Friedhofe der Schweizer Bundesstadt, prachtvoll umstrahlt von dem Silber- und Diamantenglanze einer zauberischen Alpenwelt. –

Es war um das Jahr 1386, vor fünfhundert Jahren. Die [254] Morgenröthe bürgerlicher Freiheit brach sich allmählich sichere Bahnen. Einundfünfzig freie Reichsstädte am Rhein, darunter das nun so vielgenannte, vielbeklagte Straßburg, verbanden sich mit den ehrenfesten und kernigen Städten der heutigen Eidgenossenschaft, mit Zürich, Bern, Zug, Solothurn und indirect auch mit der alten Laternenstadt, Luzern. Es entwickelte sich immer mehr und mehr der gewaltige Kampf, der noch heute nicht allüberall ausgekämpft in in Europas Gefilden, der Kampf zwischen Ritter und Bürger, zwischen Burg und Stadt. Ehrliche, aber freiheitsliebende Bürger sowohl, wie Raubrittersitze wurden von den „währschaften Burgern“ erstürmt, Ritter, Zwingherren, Vasallen und Knechte erschlagen, von den freien Städten und freien Bauern der Herren Länder annectirt, Unterthanenland daraus gemacht, dessen Bewohner nach einigen Jahrhunderten wiederum das neuerstandene Junkerthum der Städte zu überwältigen hatten im blutigen oder unblutigen Kampfe, bis endlich und endlich die wahre, auf Bildung, Sitte und Gesetz begründete bürgerliche Freiheit heraufdämmerte.

Damals, um das Jahr 1386, war aber dennoch eine schöne und große Zeit. Luzerns „Jungen“ hatten auf eigene Faust mit den Zollwächtern und Burgleuten Oesterreichs zu Rothenburg – eine Stunde von der Stadt – Händel angefangen, die Beamten fortgejagt, die Burg demolirt. Da die „Alten“ sie nicht bändigen konnten, blieb nichts Anderes übrig, als mitzuthun und nachzufahren. Es ging nun auf Eine Rechnung. Burgen wurden geschleift, Vögte verjagt weit und breit, ganze österreichische Amteien annectirt, die Bauern Entlebuchs, ein kriegerisches Völklein und das Städtchen Sempach in’s Burgrecht aufgenommen. Das warf natürlich Staub auf. Herzog Leopold von Oesterreich zog heran mit vielen Tausend Rittern; er wollte Luzern und die Bauern der Waldstädte züchtigen, sie wiederum zu Unterthanen machen. Luzerner und die Waldstädter rückten dem Leopold entgegen bis vor Sempach am schönen lieblichen See. Dort kam’s, wie männiglich bekannt, am 9. Juli 1386 zur weltberühmten Schlacht. Winkelried’s weltkundig gewordenes „Der Freiheit eine Gasse“ durchbrach die Phalanx des österreichischen Heeres. Herzog Leopold fiel, mit ihm die Blüthe seiner Ritter. Oesterreichs Herrschaft war in jenen Gegenden gebrochen für immer.

Die deutschen Mannen aber trugen den deutschen Herzog, ihren Feldherrn, als Leiche hinauf gegen das uralte Chorherrenstift zum heiligen Michael in Beromünster, eine starke Stunde vom blutgetränkten Schlachtfelde. Dort, nahe am Stifte, legten sie den todten Leopold auf einen großen Findling (Alpenstein) und baten die Stiftsherren um eine Ruhestätte für den gefallenen Bedränger der Eidgenossen. Die Stiftsherren aber, sonst Oesterreichs Freunde, schlossen ihre Pforte, schüttelten ihr Haupt; die treuen Mannen aber trugen den Todten noch weiter hinab bis zu den herrlichen Gestaden der Aare, da wo das Kloster Königsfelden sich in den Wellen spiegelte und unfern deren das alte Stammschloß Habsburg trauernd auf den von Bauernhand erschlagenen Habsburger herniedersah.

Doch meine Erzählung gilt nicht der Verherrlichung jenes Herzoges, des Besiegten, nicht den Siegern, sie gilt einer guten alten, frommen und schönen Sitte der katholischen Völker. Diese gedenken nicht mehr des Uebels, das der Lebende ihnen thun wollte, wenn er todt ist; sie setzen dem armen Verunglückten dem nun Heimgegangenen, dem Seligen ein freundlich Denkmal, am Weg, da wo er todt gelegen, ein Kreuzlein oder auch ein Kirchlein, das den Vorüberwandelnden mahne an das:

„Rasch tritt der Tod den Menschen an,
Es ist ihm keine Frist gegeben!“

So bauten denn auch fromme Hände dem gefallenen Feinde auf jenem Stein, wo der todte Herzog ausgeruht, eine kleine freundliche Capelle, an der alten Straße von Sempach nach Münster, am Fuße eines leider dermalen etwas vernachlässigten Buchenhaines, aus welchem vor alten Zeiten ein „Schlößli“ ins weite Land hinausgelacht haben soll, hinab zum himmelblauen Auge des Hallwylersees, weit hinüber zum rebenumkränzten Heideggschloß am waldgekrönten Lindenberg und weit, weit nach Süden, hinein in die majestätische eis- und schneeumpanzerte Alpenwelt, vom zackigen Sentis bis zum Silbersattel des breitgeschulterten Titlis.

„Da steht die Kapelle so still und klein,
Und ladet den Pilger zum Beten ein.“

Mitten in einem blühenden Obstwalde, „wenn der Frühling seine Blumen streut.“

Jahrhunderte lang hat sich hier das Andenken an Herzog Leopold erhalten durch diesen Stein, und lange, lange Jahre mag wohl auch das schmucke Kirchlein prangen, mit Altar und Bild, als Leopoldscapelle. Jener Stein, worauf es steht, hat, nebenbei bemerkt, viele Aehnlichkeit mit Gustav Adolph’s Stein bei Lützen. Die Männer, von denen beide Steine erzählen, ähnelten sich wenig.

An der blüthenweißen Wand des Kirchleins gegen Nordosten aber giebt der biderbe Vers eines Beromünsterer Dichters dem Denkmal seine Deutung:

„Eine deutsche edle Eiche
Ruhte einst auf diesem Stein.
Herzog Leopoldens Leiche
Soll allhie gerastet sein.“

In demselben Flecken Beromünster, Canton Luzerns, bei welchem das älteste Denkmal eines flüchtenden Deutschen steht, in Gestalt der Leopoldscapelle, wurde nicht ganz hundert Jahre nach der Schlacht bei Sempach und vierhundert Jahre vor dem denkwürdigen Jahre 1870 die erste Buchdruckerei in der Schweiz errichtet. Wohl auch ein deutsches Denkmal, jedwede Buchdruckerei! Das vierhundertjährige Jubiläum, das das lebensfrische und freie Münster in diesem Jahre abzuhalten gedachte, ward durch den Krieg wider die Franzosen von der Tagesordnung verdrängt. Hoffen wir, es werde im nächsten Jahre um so herzlicher gefeiert. Ich skizzire Ihnen diese erste Buchdruckerei, in dem thurmartigen „Schlößli“, von einem Priester etablirt, so gut es ein Autodidakt vermag. Das Gebäude hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten.

Der Begründer dieser Druckerei war ein Chorherr des Stiftes zum heiligen Michael von Beromünster, das noch heute existirt. Er war aber in erster Linie ein Luzerner und hieß Elias Elie von Laufen. Seine Voreltern stammten aus Basel, seine Ahnen aber jedenfalls aus dem Städtchen Laufen im Birsthale. Der alte gelehrte Herr erlernte, trotz seiner siebenzig Jahre, die Buchdruckerei noch selbst und gab im Verein mit dem Magister Ulrich Gering, als erstes Werk heraus: „Primicerus et imprimendi“ etc. Von Laufen starb 1475. Wohin die Buchdruckerei gerathen, weiß man nicht. Das erste Druckwerk existirt noch in der Bibliothek des obengenannten Stiftes.

Magister Ulrich Gering, ebenfalls ein Luzerner, hatte die genannte Buchdruckerei einge- und den Chorherrn von Laufen unterrichtet. Interessant ist es, daß der damalige Rector der Universität zu Paris, Wilhelm Fichet, den Gering noch im Jahre 1470 nach Paris berief und so die edle Buchdruckerkunst aus einem winzigen Flecken der Schweiz nach Paris verpflanzte. Gering starb erst 1510, nachdem er vierzig Jahre in Paris gelebt und sich dort, an der Sorbonne, wo noch heute sein Gedächtniß alle Jahre gefeiert wird, sehr großen Ruf erworben hatte.

Kein Wunder, wenn schon Beromünster von Zeit zu Zeit einen unverkennbaren Anstrich, etwa wie Kleinparis, annimmt. Ganz besonders, wenn es nationale Feste feiert.

Friedrich Alpland.