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Textdaten
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Autor: G. H.
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Titel: Des Kaisers Lector
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 28–30
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Des Kaisers Lector.


Jeden Sonnabend Morgen um sieben Uhr, im Sommer wie im Winter, konnte man einen älteren Mann, der das Aussehen eines Professors oder Hofpredigers hatte, den Weg von Meinhard’s Hotel unter den Linden nach dem königlichen Palais, der Wohnung des Kaisers, nehmen sehen. Eine nicht sehr große Figur, etwas wohlbeleibt, ein bartloses Gesicht mit frischen, freundlichen Zügen und dem unverkennbaren Ausdruck von innerer Güte und Heiterkeit; unter dem Hute langes weißes Haar, eine weiße hohe Binde um den Hals, ein sehr sauberer schwarzer Anzug, sonst keine sichtbare Auszeichnung als etwa ein großer Brillant in der feinen Chemisette, und wenn der Ueberzieher im Vorzimmer der Gemächer abgelegt wurde, das eiserne Kreuz am weißen Bande an der linken Brustseite des schwarzen Frackes – das war die äußere Erscheinung des Lectors des Kaisers, des Geh. Hofraths Schneider.

Im Vorzimmer des Kaisers war noch kein Adjutant; nur der Leibdienst war um den Kaiser, Kammerdiener, Garderobier, Leibjäger, aber keiner von ihnen brauchte dem Ankömmling die Flügelthüren zu öffnen und den Weg zu zeigen. Durch die vorderen Gemächer trat er in das Arbeitsgemach des Kaisers, an dessen einem Balconfenster sich eine seiner fleißigsten Arbeiten befand, ein Kalendarium aus dem Leben des Kaisers mit allen für den betreffenden Tag verzeichneten Daten und Facten von der Jugend des Kaisers an, geschmückt mit einem entsprechenden Sinnspruch für jeden Tag. Hier wartete er, bis der Kaiser eintrat. Der Leibjäger brachte den Kaffee, und während der Kaiser sein Frühstück nahm, hielt Schneider Vortrag. Worüber? Ueber literarische Dinge, über die Ergänzungen der Privatbibliothek des Palais, über Büchereinsendungen, Aufträge an Künstler, hauptsächlich aber über Gegenstände, welche die Armee und deren Geschichte angingen. Schneider würde sich nie erlaubt haben, dem Kaiser mit Sachen zu kommen, die nicht zu seinem Ressort gehörten. „Da würde er mich hoch anschauen!“ war seine eigene Aeußerung über dieses Capitel. Dafür aber durfte Schneider unmittelbare Fragen an den Kaiser bringen über Materien, welche in das literarische Fach einschlugen, und erhielt dann auch unmittelbare Auskunft. So sind durch seine Sorgfalt und Bemühung gar viele offene Fragen, namentlich militärisch-historische, festgestellt worden, die bis dahin ganz ungeklärt waren; vornehmlich aber wird die Nachwelt dem unermüdlich fleißigen Geheimrath die zuverlässigsten Quellen über das Leben des Kaisers zu verdanken haben. Schneider hat in dieser Beziehung wahre literarische Schätze hinterlassen. Lector war mehr ein Titel; sich vorlesen zu lassen, dazu hat ein Mann wie der Kaiser wenig Zeit, und was er lesen will, liest er selbst. Der Lector war eine Art literarischer Rath, auch in Bezug auf Vermittelung zwischen der Person des Monarchen und der Oeffentlichkeit. So gingen zum Beispiel, wenn der Kaiser irgendwo gesprochen hatte, die Reden durch Schneider’s Hand in die Oeffentlichkeit. Der Kaiser dictirte sie seinem Lector in die Feder, aber erst dann, wenn die Rede gehalten war. Bekanntlich schreibt sich der Kaiser niemals auf, was er öffentlich reden will. Er spricht stets unter Eingebung des Augenblicks, aus der Situation, aus dem Herzen heraus. Als vorsichtiger Mann gab der Lector niemals eine derartige oratorische Kundgebung an das Wolff’sche Telegraphenbureau oder den Reichs- und Staatsanzeiger, ohne daß der Kaiser sein W. darunter gesetzt hatte.

In dieser Richtung lag die Wirksamkeit des Lectors. Oftmals wurden für die Oeffentlichkeit Berichtigungen nothwendig; der Geheimrath legte dem Kaiser Journale vor, wenn ihm Artikel darin besonders bemerkenswerth erschienen, aber nur solche, welche die Person des Monarchen, allenfalls auch militärische Einrichtungen betrafen – niemals solche, welche sich auf Politik bezogen. In dieses Gebiet durfte die literarische Hand nicht übergreifen, denn für dieses hat der Kaiser seine Staatsminister. Dagegen durfte Schneider manches Wort der Fürbitte einlegen, wenn es galt, ein schriftstellerisches Verdienst anzuerkennen oder zu belohnen. Mancher Noth wurde vom Kaiser durch seine Vermittelung gewehrt, manche Freude durch kaiserliche Gnade oder Anerkennung in die stillen Arbeitsstuben gebracht. Das Alles wurde beim Frühstück abgethan – der Lector flocht auch wohl hier und da eine heitere Erinnerung aus seiner Vergangenheit und dem künstlerischen Leben Berlins in seinen Vortrag ein, aber wenn die ihm zu Gebote stehende Stunde vorüber war, nahm er seine Mappe wieder unter den Arm und empfahl sich. Während des Tages machte er seine Geschäfte in Berlin ab und kehrte Abends zu einer gewissen Stunde nach Potsdam in den Kreis seiner Familie zurück – es muß gesagt werden, in die glücklichsten häuslichen Verhältnisse, in denen er wie ein Patriarch herrschte.

Der Liebe, die er in seiner Familie genoß, entsprach eine entschiedene Popularität in der öffentlichen Meinung. Das allgemeine Interesse, welches sich an die Person Schneider’s knüpfte, hatte namentlich in der früheren Vergangenheit desselben seinen Grund. Derselbe Mann, der aus dem Cabinete seines Kaisers kam, bei Feierlichkeiten mit Orden um den Hals, mit Sternen auf der Brust erschien, dem die Vornehmsten des Hofes und Staates mit einer Mischung von Respect und Cordialität entgegen kamen – er hatte seine Carrière als singender Knabe in der alten Oper Salieri’s „Azor“ begonnen. Er war ein Theaterkind. Seine Eltern waren an dem Theater des alten Prinzen Heinrich in Rheinsberg engagirt gewesen, und die zuverlässigsten Nachrichten über diesen Hof und das Treiben desselben verdanken wir dem späteren königlichen Hofschauspieler Louis Schneider. Aus den Erzählungen seiner Eltern hat er diesen Hof namentlich gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts in seinen Theaternovellen geschildert. Neigung und Talent führten ihn wieder zum Theater. Vom Jahre 1820 bis 1848 gehörte er als darstellendes Mitglied im Gebiete der Oper und des Schauspiels dem königliche Theater in Berlin an. Trotz seiner Thätigkeit als ausübender Künstler, später als Regisseur, hatte der junge Mann noch Zeit, fünf Sprachen zu lernen, Romane, Novellen, Artikel, Komödien zu schreiben, Theaterstücke zu übersetzen, Sprachunterricht an einer Kriegsakademie zu geben, Translator beim Gerichte zu sein, ein militärisches Journal, „Der Soldatenfreund“, zu gründen und sich in militärische Dinge derart einzuarbeiten, daß einst Prinz August, der damalige Chef der preußischen Artillerie, über eine der Arbeiten Schneider’s äußerte: „Der Schauspieler Schneider hat einen Artikel über Artillerie geschrieben wie ein Artillerist, und der Artilleriegeneral einen solchen wie ein Schauspieler.“ Außerdem hatte Schneider in dieser Zeit noch Muße gefunden, eine Theaterbibliothek anzulegen, wie sie vollständiger vielleicht nicht wieder existirt. Sie ist gegenwärtig im Besitze der königliche Bibliothek zu Berlin.

An diese Zeit seiner jugendlichen Sturm- und Drangperiode auf der Bühne hat sich Schneider noch bis zu seinem Lebensende gern erinnert. Im Jahre 1848 hatte er der Bühne den Rücken gewandt; die Thätigkeit derselben füllte sein von Jugendkraft strotzendes Leben nicht aus, und dann hatten ihm manche Erfahrungen den Verkehr mit dem Publicum verleidet. Er war Royalist bis auf die Knochen – und ist es geblieben bis zum letzten Athemzuge. Das hatte er in jenem Sturmjahre oft in demonstrativer Weise bethätigt, und auch die Gegner seiner Ueberzeugung werden nicht bestreiten, daß er es mit Mannesmuth gethan. Das Publicum aber war mit ihm über diese neue Rolle nicht einverstanden, zog vor sein Haus und gab ihm seinen Widerspruch durch Steine und klirrende Fensterscheiben, auch durch Katzenmusik zu erkennen. Das war die letzte Berührung zwischen den Beiden. „Nun, dann nicht mehr!“ dachte Schneider. Von da ab betrat er die Bühne nicht wieder, besuchte aber auch ebenso wenig das Theater, nur zweimal vielleicht in diesen dreißig Jahren abgerechnet. Das letzte Mal sah er das „Wintermärchen“, von den Meiningern dargestellt, und davon war er entzückt.

„Sie wissen,“ äußerte er, „ich halte nicht viel von der Gegenwart weder in der Politik noch im Theater. Es wurde zu allen Zeiten gut und schlecht gespielt – und um halb zehn Uhr ist der Vorhang ’runter. Heute aber – das muß ich gestehen – habe ich etwas gesehen, das mir im höchsten Grade imponirt hat. Hier ist der Weg gegeben, auf dem das deutsche Schauspiel einer weiteren Entwickelung fähig ist.“

Schneider war mit Leib und Seele seinem früheren Berufe ergeben gewesen; sonst würde er nicht eine Wirkung auf das Publicum ausgeübt haben, welche, aus dem Augenblicke geboren, [29] mit dem Augenblicke entflieht, ihm aber in der Erinnerung seiner Zeitgenossen treu geblieben ist. Er spielte nur jugendlich komische Rollen – auch nicht gerade ein sogenanntes erstes Fach, aber jede Rolle wurde durch seine Verkörperung gehoben; seine Persönlichkeit war erstes Fach. So ist die Figur des Benedix’schen Doctor Wespe durch ihn für alle Nachspieler ein Typus geworden, und mehr oder weniger spielen diese in der nur durch Schneider’s Auffassung wirksamen Gestalt eigentlich alle wie Louis Schneider.

Bei einer derartig veranlagten Künstlernatur konnte das Interesse an seiner früheren Thätigkeit niemals völlig erlöschen, obgleich er im Aeußern dem Theatertreiben abgewandt blieb. Im intimeren Kreise pflegte er gern Erlebnisse aus seinem früheren Berufe zu erzählen, Urtheile über künstlerische Persönlichkeiten seiner Zeit zu geben, Ansichten über Theaterstücke und Bühnendichter auszutauschen. Und welche reiche Erfahrung stand ihm hierbei zu Gebote – nicht nur aus Deutschland, aus London, Paris, Petersburg, in welchen Städten er den Bühnen ein aufmerksames Studium zugewandt hatte! Vielleicht sah er manche Meisterwerke der deutschen und fremden Bühnenliteratur mit zu realistischem Auge an, ich meine zu sehr vom Standpunkte des praktischen Regisseurs. Delius, Ulrici oder Professor Werder würden gegenüber dem Schneider’schen Urtheil in Betreff des berühmten Hamlet-Monologs „Sein oder nicht sein“, von dem er die Ansicht hatte, daß ihn der Dichter nur aus Rücksicht für die Rolle des Schauspielers geschrieben habe, daß an dieser Stelle gerade nach dem Gang der Handlung gar keine innere Nöthigung zu einem Monologe, das heißt zu einer im Gedanken vorbereiteten Handlung vorliegt – dieser Ansicht Schneider’s gegenüber würde die Gemeinde der Shakespeare-Weisen ihn in Acht und Aberacht erklärt haben, und Professor Leo in Berlin hätte sich bereit erklärt, ihm das Document darüber in Potsdam an das Thor zu heften.

Sein Interesse für die Bühne bethätigte Schneider in der Bemühung für das Zustandekommen einer Altersversorgungsanstalt für Bühnenangehörige; er trat für dieselbe mit aller Kraft seines schneidigen Wortes ein; sie war sein Werk; er hatte sie auf die Eigenschaft getauft, deren Name in großen goldnen Buchstaben über seiner Bibliothek stand: Perseverance“; damit hatte er seinen Weg gemacht; damit wäre auch die Anstalt gediehen, hätten nicht Unverstand und Böswillen das Werk im Keime zerstört. Und wenn kein Hülfesuchender ohne eine Gabe von ihm ging, so bedachte er „einen Collegen“ wenigstens doppelt.

Der Komiker mit der sprudelnden Laune war im Leben ein sehr ernsthafter Mann, auch da er noch der Bühne angehörte. Er war ein Mann strenger Zucht und Ordnung, für sich wie für Andere – in Geld-, in Vertrauenssachen, im Wandel, in Allem. Wie er mit dem Gelde hauszuhalten verstand, so mit der Zeit. Er war kein Mann deutscher Bierseligkeit; er trank auch fast niemals Wein. „Vom Trinken,“ pflegte er zu sagen, „kommt aller Streit, aller Unfrieden, die Mehrzahl des Ungemachs, und die größten gesungenen Lügen sind die Trinklieder.“ Ebenso wenig war er ein Freund der Salons und der zwischen Fauteuils sich hinziehenden Langeweile. Es war sehr schwer, seiner einmal zu einem Diner habhaft zu werden. Sein Arbeitszimmer war ihm Alles – er war ein Fanatiker der Arbeit.

Sein Schreibzimmer war ein saalartiger Raum, dessen Wände mit rings von Büchern gefüllten Repositorien bedeckt waren. Gar viele Bände waren seine eigenen Geistesproducte. Höher an den Wänden hingen die Bilder von hohen Personen, Geschenke von ihnen selbst oder von Solchen, die mit ihm einen Theil seines Lebensweges gegangen waren oder mit ihm gewirkt hatten. Alle Tische waren mit Büchern bedeckt; überall die neuesten und interessantesten Erscheinungen der deutschen Literatur und der aller Culturnationen. In einem Wandschranke standen geordnet die Manuscripte, welche er zum Erscheinen nach seinem Tode bestimmt hatte. In einem größeren Folianten stak eine Adlerfeder, mit welcher sich Jeder einzeichnen mußte, der ein Buch von ihm entlieh; anders gab er keines weg. Sein mit grünem Tuch überzogener Schreibtisch war ein Reliquienort von Erinnerungen an berühmte oder ihm nahestehende Persönlichkeiten. Die Bronzebüste des Kaisers, ein Geschenk dessen, den es darstellte, nahm den Ehrenplatz ein. Von diesem Schreibtische aus hatte er den Blick hinunter in den Garten, einen der bestgepflegten in ganz Potsdam, was viel besagen will; hier jätete, grub, band, beschnitt er mit der Liebe und Zärtlichkeit, mit der eine Mutter ihr Kind pflegt. Wenn man ihn an seinem Schreibtische im Schlafrocke sitzend fand, so war das kein gutes Zeichen für seine Gesundheit. Es geschah auch selten. Er pflegte stets in weißer Binde und schwarzem Anzuge bei der Arbeit zu sitzen, und wenn man eintrat und wegen der Störung um Entschuldigung bat, so war seine Antwort: „Eine Störung sind Sie immer, aber eine angenehme.“

Die Hülfswissenschaften zur Geschichte des brandenburgisch-preußischen Hauses und der preußischen Armee waren seine Specialität – und der künftige Geschichtsschreiber wird ihm manche Arbeit danken. In dem traulichen Eckchen seines Arbeitszimmers machte er in alten Acten und Fascikeln seine Archivstudien; von hier aus war er bemüht, für die Vereine für die Geschichte Potsdams und Berlins, deren Gründer er war, immer neues Material zu schaffen; von hier aus redigirte er das populäre Blatt für die Armee: „Der Soldatenfreund“, von dem bereits die stattliche Zahl von sechsundvierzig Bänden auf einem der Bücherregale stand; hier betrieb er eine emsige journalistische Thätigkeit und namentlich eine weit verbreitete Correspondenz, die sogar bis in’s Winterpalais in St. Petersburg, in das Cabinet Alexander’s des Zweiten, ging. Die Correspondenz mit dem Kaiser aller Reußen geschah mit Vorwissen Kaiser Wilhelm’s. Wenn Schneider in dieser seiner Stellung je einen politischen Einfluß geübt hat, so war diesem zu einem gewissen Theile die Aufrechthaltung der guten Beziehungen zwischen Berlin und Petersburg zu danken. Mehr darüber zu sagen, würde seinem discreten Wesen widersprechen. Er war in Petersburg im Cabinet des Kaisers nicht weniger gern gesehen und mit Vertrauen beehrt, als im Palais zu Berlin, und er begnügte sich vollständig mit dieser Stellung, die, je unscheinbarer nach außen, vielleicht um so einflußreicher war. Er wollte kein Amt, keinen Rang, er wollte aber auch keines Andern Untergebener sein, als seines Kaisers.

Eines Tages zeigte ihm Kaiser Nicolaus in einem Exercirhause zu St. Petersburg ein Regiment seiner Garden und forderte ihn, der die russische Armee so gut kannte wie die preußische, zuletzt auf, mit ihm die Front desselben hinabzugehen. Schneider weigerte sich; der Monarch forderte ihn noch einmal auf – mit demselben Resultat, sodaß Nicolaus den Grund seiner Weigerung zu wissen verlangte. Mit dem ihm eigenen Freimuth erklärte Schneider dem Kaiser, daß, so auszeichnend diese Aufforderung für ihn sei, sie doch seinem inneren Gefühle widerspreche, und gegen dieses könne und würde er niemals etwas thun. Mit andern Worten wollte er dem Kaiser sagen: „Das schickt sich für einen Mann meiner Stellung nicht.“ Die Weigerung hat ihm in der Schätzung des Kaisers vielleicht mehr genützt, als es die Erfüllung des Verlangens gethan haben würde, das in einem Augenblicke guter Laune gestellt und später vielleicht von dem Kaiser selbst für unstatthaft erkannt wurde. So fein, so maßvoll wußte der Mann seine Stellung aufzufassen.

Die Memoiren, die Schneider hinterlassen hat, werden uns die interessantesten Dinge erzählen, namentlich von dem Tage an, wo er in die Nähe des Königs Friedrich Wilhelm des Vierten gezogen wurde. „Mein College Schneider“ pflegte Alexander von Humboldt zu sagen; damit wollte er andeuten, daß sie Beide die gewohnte Umgebung des Königs Abends in den Gemächern von Sanssouci bildeten. Schneider las, und Alexander von Humboldt sprach. Dieses Verhältniß zum Könige dauerte zehn Jahre. Jeden Abend trat der Lector mit seiner Mappe, in der sich die neuesten Erscheinungen der Literatur befanden, in die Appartements von Sanssouci oder des Schlosses von Berlin. Der König zeichnete, die Königin machte Handarbeiten. Was der Lector von seinem bescheidenen Tischchen aus da Alles gesehen, gehört, beobachtet und erfahren, das werden wir in seinen Memoiren vielleicht nicht Alles verzeichnet finden – eines Vertrauensbruches wäre Schneider in der Treue seines Herzens und Charakters niemals fähig gewesen –, aber was wir von ihm aus dieser Zeit hören werden, das wird wahr sein, das wird Material für die Geschichtsschreibung sein.

Die Abende von Sanssouci verwandelten sich unter dem jetzigen Könige und Kaiser in die Morgen der Sonnabende im Berliner Palais oder auf Babelsberg. Schneider hat den König auf seinen Feldzügen 1866 und 1870 bis 1871 begleitet; er war auch oft auf Reisen mit ihm, und während des Aufenthaltes des Kaisers in Wiesbaden war er in dessen Nähe. Seinen letzten [30] Sonnabendvortrag hielt er am 7. December vorigen Jahres. Er hatte geendet und wollte das kaiserliche Arbeitszimmer verlassen – da rief ihn der Kaiser noch einmal an. Er blieb an der Thür stehen und fragte, ob jener noch Befehle für ihn habe. Der Kaiser schwieg einen Moment; dann sagte er plötzlich: „Schneider, geben Sie mir die Hand!“ Dieser Händedruck war das letzte Zeichen kaiserlich Dankes für treue Dienste und ein letzter Abschied.

Schneider ist mit außerordentlichen Ehren zu Grabe gleitet worden, nicht blos von Seiten des Hofes und der höheren Militärwelt, sondern auch der intelligenten und hervorragenden Kreise des hauptstädtischen Publicums. Obwohl er seit einer Reihe von Jahren in Potsdam wohnte, betrachtete ihn Berlin doch auch mit Recht als die Seinigen. Seine kecken reactionären Bravourstückchen gegen die Bewegung von 1848 hatte man ihm im Umschwunge der Dinge seit dem Eintritte der neuen Aera vollständig verziehen, und Leute aller politischen Parteien betrauern nun schmerzlich den Verlust des interessanten, durch hohe Begabung und Liebenswürdigkeit ausgezeichneten Mannes, von dem schon vor Jahren die öffentliche Stimme anerkannt hat, daß er Royalist wenigstens aus persönlichster Anhänglichkeit, und daß er auch im Hofdienste unwandelbar der bescheidenen Schlichtheit bürgerlichen Wandels, dem Drange zu nützlichem öffentlichem Wirken und dem Charakter eines humanen und grundehrlichen Mannes treu geblieben sei.

G. H.