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Textdaten
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Autor: Adolf Müller
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Titel: Der treue Hüter der Herden
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aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 759–762
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[759]
Thier-Charaktere.


11. Der treue Hüter der Herden.


Wenn irgend eine Hunderace ein Verdienst um die Menschheit sich erworben, also ein Anrecht hat auf das Gefühl der Anerkennung und Liebe, so ist es der treue, nimmer müde, kluge und wachsame Schäferhund, der Hund, von welchem Buffon nicht mit Unrecht das beredte Wort gebrochen, „daß er der wahre unverfälschte Hund sei, welchen die Natur zum größten Nutzen des Menschen hervorgebracht, welcher auch die meiste Aehnlichkeit mit der allgemeinen Ordnung der belebten Wesen hat, wovon immer eines des andern Beistandes bedarf, kurz derjenige Hund sei, welcher als der Stamm und als das Muster des ganzen Geschlechts betrachtet werden muß“.

Und in der That! er ist mit dem Pommer der naturwüchsigste unter den Hunden. Jede Hunderace verliert bei aller Beharrlichkeit ihrer Natur mehr oder weniger in den verschiedenen Himmelsstrichen von ihrer körperlichen und geistigen Charakteristik; – der treue Leiter und Beschützer der Herden ist sich allüberall in den hervortretendsten Zügen seines Körpers und Geistes gleich geblieben. Und so sieht man ihn heute noch hier in den Ebenen Deutschlands, wie dort in den Hochlanden Schottlands, in den Alpen, auf den Weiden Frankreichs und den Hochebenen Spaniens als das unwandelbare, stets wache und rege zottige Wesen, ohne welches Schäfer und Schafe nicht bestehen können. So viel auch Laune und Unkenntniß durch unpassende Kreuzung am Aeußeren und Inneren unseres Thieres verändert und verschlechtert haben mögen, immer und immer wieder kehrt seine zähe, kräftige Natur zu ihrer urwüchsigen, sprechenden Wesenheit zurück. Diese kennzeichnet sich nun wie folgt.

Es ist die dem Wolf ähnliche Gestalt, welche uns bei dem Hunde zuerst in’s Auge fällt; nur besitzt er ein stärkeres Hintertheil als jener, dem er übrigens an Größe nachsteht, da er selten über ein halbes Meter hoch wird. Der längliche Kopf endigt in spitzer Schnauze und einer runden, auffallend starken warzigen Nase, dem Sitz des schärfsten, untrüglichsten Spürsinnes. Der in der Nierengegend gekrümmte, etwas abschüssige Rücken läßt das ähnlich wie beim Pommer mit starker, struppiger Halskrause versehene Vordertheil hoch und stark erscheinen. Die mehr mageren als fleischigen geraden Läufe mit geschlossenen Zehen und Wolfsklauen tragen den muskulösen, nie zu Fett geneigten Körper, der sich mit einer im gewöhnlichen Zustande etwas eingezogen, in der Thätigkeit aber flachbogig nach oben oder fast gerade getragenen buschigen Ruthe unter paßartigem Gange bewegt. Aber dies eben beschriebene Skelet eines in freier Natur ererbten ausdauernden Körpers ist unter der wenig ansprechenden Decoration einer dichten, gewöhnlich zottigen, zuweilen auch krausen Behaarung verborgen, die oft von der Nase über das Gesicht, das mittelgroße, an der Wurzel stehende und nur mit hängender Spitze versehene Gehör bis herab auf die Zehen reicht, also daß ihn ein an die zarten Formen der Culturhunde gewöhntes Auge für häßlich hält. Aber schaue dem vermeinten Popanz nur aufmerksam unter den überhängenden buschigen Brauen in die Augen; siehe, wie sie beim Rufe seines Herrn leuchten, bemerke, welche Behendigkeit, Aufmerksamkeit, Klugheit, Hingebung und Ausdauer das Thier in der Entfaltung seiner Berufsthätigkeit entwickelt: und Du wirst inne, welch ein Wesen unter dieser rauhen Vermummung der Natur sich bekundet. Wahrlich, die Worte Cuvier’s über den Hund im Allgemeinen gelten insbesondere dem Schäferhunde in erster Reihe: „Er ist die merkwürdigste, vollendetste und nützlichste Eroberung, die der Mensch jemals gemacht hat.“ Wenn dem aufmerksamen Beobachter der Pommer als das Muster der Pflichttreue und Anhänglichkeit an Haus und Herrn erscheint, so muß dasselbe gelten für den Schäferhund in Bezug auf die Herde und Alles, was dieselbe angeht oder mit ihr zusammenhängt.

Da liegt das unscheinbare Thier, selten auf etwas Stroh, meist auf die bloße Erde des Feldes gebettet, zusammengerollt, anscheinend schläfrig und theilnahmlos an Allem, bei der Hürde unter der Schäferhütte. Er hat ja den ganzen Tag über die Herde beim Behüten der Haiden und Felder mit ungetheilter Aufmerksamkeit und Hingebung bewacht, in Zucht und Ordnung gehalten; – da mag er, so denken wir, nach solchen Strapazen denn auch der Ruhe pflegen. Aber der Schäferhund stellt, wie der Pommer, die Wachsamkeit gleichsam über sich selber. Den leisesten Tritt eines den Feldweg Wandernden vernimmt sein feines Gehör, der geringste Luftzug bringt der scharfen Nase die Witterung des der Herde sich Nahenden, und ebenso entschieden als sicher ist die Fremdes ankündigende Stimme. Zu dieser Wachsamkeit gesellt sich auf der Grundlage einer rauhen, derben Natur ein ernster Muth, der das Thier aber nie auf die Abwege des Krakehlens führt. Auch die Tugend der Genügsamkeit besitzt [760] unser Hund in gleichem Grade wie der Pommer, und die Unempfindlichkeit gegen Nässe, Kälte und Hitze theilt er mit seinem an Unwetter aller Art gewöhnten Herrn. Sind doch Beide echte Naturkinder, deren Thätigkeit sich unter dem freien Walten des wechselnden Himmels immer unverdrossen entfalten soll. Doch wie manchmal hat unser Thier an seinem Gebieter das Bild eines Lungerers, den Goethe in den Worten zeichnet:

„Es war einmal ein Schäfer,
Ein rechter Siebenschläfer,
Ihn kümmerte kein Schaf.“

Da ist’s gar oft der gewissenhafte Schäferhund, der für den schläfrigen, pflichtvergessenen Herrn wachen muß, da ist es jener allein, dessen Klugheit, Scharfsinn und unverdrossene Thätigkeit die Herde hier bei etwaigem Ausbrechen aus dem lüderlich bereiteten nächtlichen Pferche, dort beim Weiden vor Uebergriffen in das verbotene Wachsthum der Felder überwachen und in Ordnung halten muß.

Wenn aber in solchen Fällen bisweilen die unverdorbene Natur des treuen Herdehüters die herabgekommene menschliche beschämt, so erkennt man auch oft umgekehrt an dem schlechten Hunde den noch schlechteren Schäfer; denn der Hund ist wie zum Guten so auch leicht zum Bösen zu leiten. Hier nehmen wir Gelegenheit, an die Worte des Mr. Trimmer zu erinnern, die er in seinem Buche über die Merinoschafe Spaniens im Hinblick auf die verkehrte Abrichtung der Hunde so mancher Schäfer spricht: „Wenn ein Schaf nach der Ansicht eines leidenschaftlichen Schäfers einen Fehler gemacht oder ihn zufälligerweise geärgert hat, so wird es durch den Hund zurechtgewiesen; er giebt ein Zeichen, der Hund gehorcht, das arme Schaf springt auf dem Felde herum, um den Zähnen dessen zu entfliehen, der sein Beschützer sein sollte, bis es vor Schreck und Erschöpfung halb umkommt, während die ängstliche Herde aus Furcht vor gleichem Schicksale sich zusammendrängt und der grobe Hund seines Sieges über ein schutzloses schwaches Thier sich freut.“

Wenn ihr Landleute daher auf den Feldern und Wüstungen bemerkt, daß eure Thiere durch die Annäherung des Hundes beunruhigt werden, also daß sie sich auf Haufen aneinander drängen und drücken, kurz den Hund als einen argen Feind fürchten und fliehen: dann habt ihr hierin den Grund zu suchen, warum viele eurer Mutterschafe fehlgebären, warum die Thiere der Herde nur in Hast weiden und das Abgeweidete nicht regelmäßig ruhig verdauen, also nicht gedeihen können; ihr habt das Recht, den Schäfer zu verdammen, und ihr übt, falls ihr ihn seines Amtes nicht entbindet, keine Ungerechtigkeit gegen denselben, wenn ihr für jede Spur eines Bisses an euren nützlichen Thieren nicht dem Hunde, sondern dem Schäfer eine Strafe ansetzt!

Sprechende Seelenzüge schildert der berühmte Ettrick-Schäfer James Hoog von seinem Hunde Sirrah und überhaupt dem „Colley“, dem Schäferhunde der schottischen Hochlande, der ganz die oben hervorgehobenen äußeren Merkmale der echten Race trägt mit der einzigen Abweichung, daß Vorderkopf und Gesicht bei ihm glatt erscheinen. Die glänzendste That der Ueberlegung und zugleich die rührendste Aeußerung von Gemüth entwickelte nach Hoog ein Colley, als er das fünfjährige Kind seines Herrn, welches derselbe auf der Hochweide bei einem dichten Nebel am Fuße eines Berges verloren hatte, in einer Höhle an dem Berghange auswitterte, in welche das verirrte Kind gefallen oder gekrochen war. Vier Tage brachte der merkwürdige Hund dem Kinde von seinem eigenen Futter ein Stück Haferbrod, das er sich täglich zur Fütterungsstunde in der Hütte des Schäfers holte und schnell damit zu seinem Pflegling eilte, den er außer dem täglichen Gange nach der Hütte nicht verließ. Der Schäfer, endlich darauf aufmerksam werdend, folgte dem Thiere, als es eben wieder mit einem Stück Haferbrod sich entfernte. Es führte ihn an den Berg bis zur Höhle, worin der überraschte Vater sein schon aufgegebenes Kind wohlerhalten fand, das Brod verzehrend, das ihm der vor ihm stehende Hund oben dargebracht. – Welche Aufopferungsfähigkeit und freundlich-treue Hingebung trat uns hier in dem Wesen mit dem rauhen, unscheinbaren Aeußern entgegen! Auch in dem Hundegeschlechte ein Beweis mehr, daß das Gute und Treffliche zumeist aus Dürftigkeit und Armuth erwächst. –

Musterhafte Polizei bei den Schafherden der Alpen übt nach von Tschudi auch der schweizerische Schäferhund. Je ein Hund bewacht daselbst einen größeren Trupp, hält ihn auch ohne den Hirten in Ordnung, sorgsam im Auge und verläßt ihn nie. In das Weiderevier tretende Fremde beobachtet der Hund genau und schließt sich schweigend dem Fremdlinge an; nähert sich derselbe nun aber den Schafen, so packt er ihn und hält ihn bis zur Ankunft des Hirten fest. Die bei ihrer großen Thätigkeit und spärlichen Kost sehr mageren und nicht starken Hunde sind nichtsdestoweniger muthig und greifen gemeinschaftlich oft den Wolf und Bär an.

Vermöge seiner scharfen Nase und seines Muthes kann der Schäferhund zur Suche und zum Fange auf den Dachs mit Vortheil abgerichtet werden. Er sucht auf der Spur sehr zuverlässig oder, wie der Waidmann sich ausdrückt, er „führt die Spur regelmäßig fort“ und findet so, Nachts vom Bau aus auf dem „Pfädchen“ des Dachses von der Leine gelöst, Meister Grimmbart in den meisten Fällen ohne besondere Mühe, holt den Flüchtigen besser als der langsame Pommer ein und vermag den Aufgefundenen oder „Gestellten“ vermöge seiner größeren Stärke auch besser festzuhalten oder zu „decken“. Die Wetterauer Schäfer wissen das sehr gut und gebrauchen die Hunde, welche Hasen und anderes Haarwild nicht jagen, nur zu oft und zwar mit Erfolg zur Nachthatze auf den nützlichen Dachs. Ich kannte einen Schäferhund, der auf dieser Jagd untrüglich war, den gestellten Dachs so lange verbellte, bis man mit der Dachsgabel herzukam, um sogleich mit Sicherheit den Gestellten zu decken. Ebenso bewährt war er auf Iltis und Marder, fing namentlich den letzteren beim Niedersprunge vom Baume auf den Boden mit ungemeiner Gewandtheit, öfter sogar das springende Thier in der Luft. Für diese Jagdarten hat er in dem langsameren und schwächeren Pommer entschiedenen Vorzug, von welch letzterem er nur in der einen Leidenschaft des unbedingt sichern Lautgebens unter der Stelle, wo ein Raubthier „gebaumt“ (in die Höhe geklettert) ist, nicht selten übertroffen wird.

Vollenden wir nun das Bild unseres Braven mit der Schilderung der echten Schäferhundracen der Wetterau.

Unter den vielen durch schlechte und zufällige Kreuzung entstandenen Schäferhunden dieses gesegneten Landstriches haben sich bis jetzt noch zwei Varietäten rein erhalten. Es ist das die eisgraue langhärige und die schwarze krause. Beide haben die oben angedeutete Größe und bei beiden in hohem Grade vertreten sind die obigen Merkmale des echten Schäferhundes. Doch ist die eisgraue Race die constanteste, denn sie leuchtet am meisten bei den Hunden dieser Gegend hindurch und scheint sonach die Ur- und Stammrace dieser Thiere zu sein.

Die schwarze Varietät erscheint gewöhnlich in mittellangen krausen oder gelockten, gleichmäßig über den Körper verbreiteten Haaren. Meist bemerklich machen sich bei dieser Farbe rostgelbe Zeichnung an Wangen, Läufen und in der Aftergegend, sowie gleichfarbige Punkte über den Augen. Gesicht und Vorderkopf erscheinen in der Regel glatt. Vielfach entwickelt diese Varietät gute, brauchbare Hunde; sie liefert aber auch bisweilen jene unruhig hin- und herlaufenden, zum Uebermaß bellenden Thiere, die sich, die Herde und den Schäfer unnütz ermüden, auch, der stetigen Aufmerksamkeit und der Lust an dem Dienst entbehrend, manchmal in den Fehler verfallen, gelegentlich einen Hasen zu jagen.

Der Vorzug vor dieser Varietät gebührt der eisgrauen. Der Hund dieser Race ist kräftig und gedrungen gebaut. Das sehr lange, selten krause oder gelockte Haar bedeckt den Hund von oben bis unten, den Kopf bis zur nackten großen Nase nicht ausgenommen, so daß man glauben sollte, das Thier könne wegen der über das Gesicht hängenden Haare nur unvollkommen sehen, was aber durchaus nicht der Fall ist. Das mittelgroße, ebenfalls stark behaarte Gehör steht, wie bei dem schwarzen Schäferhunde, halb aufrecht, während die obere Hälfte hängt; die dichtverwachsene Ruthe wird gewöhnlich im Halbkreis ziemlich hoch, bei anstrengender Thätigkeit fast gerade wie beim Fuchse getragen. Unter dieser Race giebt es selten fehlerhafte Exemplare, das heißt solche, welche zu ihrem Berufe unbrauchbar sind. Der Eisgraue beweist sich immer verständig, aufmerksam und im Hüteramte von Morgens bis Abends unverdrossen thätig. Dabei ist er ernsten, ruhigen Wesens, karg im Anschlagen (Lautgeben) und Bellen, und ein Feind aller Calfakterei, treuen Charakters und voll Anhänglichkeit an seinen Herrn, in dieser hervortretenden Eigenschaft [761] so manches Menschenkind beschämend, das in seiner Ueberschätzung das unansehnliche Thier kaum eines Blickes würdigt. Auf ihn passen vollkommen die Züge eines musterhaften Schäferhundes, welche Hoog entwirft, wenn er bestätigt, daß ein Schäfer mit einem guten Hunde mehr ausrichte, als zwanzig Schäfer ohne Hund, und daß ohne dies gelehrige Thier das Schafhüten eine Unmöglichkeit wäre; daß mehr Menschenkräfte vonnöthen seien, um eine Herde zusammenzuhalten, zu leiten, sie von den Anhöhen herabzutreiben, sie in die Ställe und Pferche zu bringen und auf Märkte zu führen, als von dem die Herde abwerfenden Ertrage bezahlt werden könnte.

Die Gartenlaube (1872) b 761.jpg

Schäferhund der Wetterau.
Originalzeichnung von F. Specht.


Auch ich, der ich ihn in seinem rauhen grauen Kleide so oft auf den Feldern meiner Heimath beobachtet habe, ich kann ihm wie Hoog ein begeistertes Lob bringen, ihm ein Denkmal setzen der Anerkennung und Bewunderung. Wohl darf der Schäfer ebenso stolz auf ihn sein, als er Antheil an ihm nehmen muß, denn mit seiner großen Genügsamkeit bei unermüdlichem Eifer im Dienste ist er es, der die Familie des Schäfers ernährt, welcher ohne den braven, dienstbeflissenen Helfer sein Amt niederlegen müßte. Er hegt die rührendste Treue und Anhänglichkeit an seinen Herrn fort und fort, und selbst bei schlechter Behandlung vergilt er nicht Gleiches mit Gleichem, sondern waltet seines beschwerlichen Amtes ohne Murren und Mißbehagen. Wie erwacht in mir immer auf’s Neue die Erinnerung so mancher glänzenden That der Wachsamkeit, Ueberlegung und Charakterstärke, wenn ich des besten Vertreters dieser Race, den ich je gekannt, des alten Franz, gedenke, wie er beim Eintreiben der Herde in die Stoppelfelder ohne das mindeste Geheiß sich vor die dort hin und wieder noch stehen gebliebenen Fruchthaufen hinstellte, ernst und würdig im Bewußtsein seines Amtes wie eine Schildwache, sodann die ganze Herde vorüberwandeln ließ, um gegenüber seinem Herrn den Wachtdienst von Haufen zu Haufen gleich gewissenhaft und doch stets mit Gemessenheit und Ruhe zu verrichten, wie es von Menschen nicht besser hätte ausgeführt werden können. Mit derselben umsichtigen Ruhe beschützte er lautlos die Gemüseäcker, an welchen seine Herde vorüberzog.

Man sah den Schafen an, daß sie wohl inne waren, welcher Meister des Hütens ihre Flanken bewachte. Da war kein starrköpfiges Schaf, das aus der Reihe sprang, selten ein Leckermaul, [762] das über die Grenze hinwegnaschte, die Franz mit dem tactvollen Paßschritt und der ernsten Amtsmiene auf- und abwandelte; aber da war auch kein Thier der Herde, alt wie jung, das vor dem lockigen Gesellen zurückschreckte oder gar in angstvolle Flucht gerieth. Ruhig und stetig, wie an einer Schnur geleitet, zog die Herde durch die Flur dahin, und wenn sie an einem Hag oder an einer Hute stille hielt und lagerte, dann umstanden Gruppen von Schafen den Hund wie ein zu ihnen gehöriges Glied der Herde. Wie Franz lautlos, war sein Herr wortkarg, und selten wurde einmal des Letzteren Ruf für Hund oder Herde vernehmbar. Alles ging seinen geregelten Gang vom Austriebe aus dem Pferche bis zum Wiedereintrieb in denselben. Und wenn der Brave von Morgens früh bis Abends spät unermüdlich den angestrengtesten Dienst, hier in der größten Sonnenhitze, dort bei Regen und Sturm, verrichtet, wenn er so ermüdet in der Nacht unter der Hütte seines Herrn endlich zusammengeringelt lag: wie war es erstaunenswerth, daß auch nun die Thätigkeit des Thieres noch kein Ziel in der vollen Hingebung an einen erquickenden Schlaf kannte; denn Franz war als Repräsentant seiner Race dann stets der zuverlässigste Wachhund, in welcher Eigenschaft er nur in seinem Vetter Pommer einen Ebenbürtigen fand. Abweichend aber von diesem besaß Franz mit vielen seiner Race die Eigenschaft, daß er auf Geheiß seines Herrn auch einmal bei einem fremden Schäfer, wozu von dem Hunde selbst der alte Vater und der junge Sohn seines Herrn gerechnet wurde, das Amt des Hütens verrichtete. Aber wehe, wenn sich Einer von diesen unterstand, den Hund in seinem Dienste zu schimpfen oder gar zu schlagen! Dann erwachte in dem an Tadel und Schlag nie gewöhnten Braven der Rächer, der dem Beleidiger an seiner Würde die Wucht seiner Zähne empfindlich fühlen ließ. Außerdem – und das ist einer der ausgeprägtesten Züge dieser Race – ließ sich das Thier bei Ausübung seines Dienstes durch Nichts um ihn herum stören, am wenigsten durch den Anblick fremder Hunde, die er im großen Eifer für seinen Dienst völlig ignorirte.

So war das leibhaftige Bild dieses exemplarischen Eisgrauen der Wetterau, von dem ein Freund von mir zwar noch einen ebenbürtigen Sohn besessen, der aber, schon damals zu alt, ohne Nachkommen starb, so daß er wohl der letzte seines vortrefflichen Stammes gewesen sein wird.

Ja, wie der Pommer mit dem Kernbauer allmählich von der egalisirenden Woge der Cultur in die Hinterlande zurückgedrängt wird, so lichten sich die Reihen des echten Schäferhundes mehr und mehr, um von den Hütern der Herden ein Stück Ur- und Naturwüchsigkeit nach dem andern jener „alle Welt beleckenden“ Macht und dem ewigen Wandel der Dinge dahinzugeben!

Adolf Müller.