Textdaten
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Autor: Johann Peter Hebel
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Titel: Der fremde Herr
Untertitel:
aus: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
S. 277–279
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1803-1811
Erscheinungsdatum: 1811
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
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Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
Kurzbeschreibung:
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[277]
Der fremde Herr.

Einem Schneider in der Stadt waren seit ein paar Jahren die Nadeln ein wenig verrostet, und die Scheere zusammengewachsen, also nährt er sich, so gut er kann. Gevatter sagt zu ihm der Peruckenmacher, ihr tragt nicht gerne schwer; wollt ihr nicht dem Herrn Dechant von Brassenheim eine neue Perücke bringen in einer Schachtel? Sie ist leicht, und er zahlt euch den Gang. – Gevatter, sagt der Schneider, es ist ohnedem Jahrmarkt in Brassenheim. Leiht mir die Kleider, die euch der irrende Ritter im Versatz gelassen hat, der euch angeschmiert hat, so stell ich auf dem Jahrmarkt etwas vor.

Der Adjunkt hat die Tugend, wenn er auf drey Stunden im Revier einen Markt weiß, so ist ihm der Gang auch nicht zu weit, und ist er von dem Hausfreund wohl bezahlt, so giebt er dem Jahrmarkt viel zu lösen für neue weltliche Lieder und feine Damascener Maultrommeln. Also saß jezt der Adjunkt auch zu Brassenheim im wilden Mann und musterte die Lieder: Erstes Lied: Ein Lämmlein trank vom frischen etc. Zweites Lied: Schönstes Hirschlein über die Massen etc. Drittes Lied: Kein schöner Leben auf Erden etc. und probirte die [278] Trommeln. Kommt auf einmal der Schneider herein mit rothem Rock, hirschledernen Beinkleidern, Halbstiefeln und Zotteln daran, und zwey Sporen. Der Wirth zog höflich die Kappe ab, die Gäste auch, und „hat euch, Herr Ritter, der Hausknecht das Pferd schon in den Stall geführt?“ fragt ihn der Wirth. „Mein Normänder, der Scheck?“ sagte der Schneider. Ich hab ihn au Cerf eingestellt im Hirschen. Ich will hier nur ein Schöpplein trinken. Ich bin der berühmte Adelstan und reise auf Menschenkenntniß und Weinkunde; „Platz da!“ sagte er zum Adjunkt. „Holla“, denkt der Adjunkt, „der meynt auch, grob sey vornehm. Was gilts, er ist nicht weit her?“ Als aber der Schneider die Gerte breit über den Tisch legte, und räusperte sich wie ein Kameel, und betrachtete die Leute mit einem Brennglas und den Adjunkt auch, steht der Adjunkt langsam auf und sagt dem Wirth etwas halblaut in das Ohr. Ein Ehninger der es hörte, sagt: „Herr Landsmann, ihr seyd auf der rechten Spur. Ich hab ihn gesehn die Stiefel am Bach abwaschen, und eine Gerte schneiden. Er ist zu Fuß gekommen.“ Ein Scheerenschleifer sagte: „Ich kenn ihn wohl, er ist einmal ein Schneider gewesen. Jetzt hat er sich zur Ruh’ gesetzt und thut Botengänge um den Lohn.“ Also geht der Wirth ein wenig hinaus und kommt wieder herein. „So kann denn doch kein hiesiger Markt ohne ein Unglück vorübergehen“, sagt er im Hereinkommen. „Da suchen die Hatschirer in allen Wirthshäusern einen Herrn in einem rothen Rocke, der heute durch die Dörfer gallopirt ist, und ein Kind zu todt geritten hat.“ Da schauten alle Gäste den Ritter Adelstan [279] an, der sagte in der Angst: „Mein Rock ist eher gelb als roth.“ Aber der Ehninger sagte: „Nein, aber euer Gesicht ist eher blaß als gelb, und hat auf einmal viel Schweißtropfen darauf geregnet. Gestehts ihr seyd nicht geritten.“ „Doch er ist geritten“, sagte der Wirth; „ich hab ihm eben das Roß draußen angebunden. Es ist losgerissen im Hirsch, und sucht ihn. Hat nicht euer Normänder die Mähnen unten am Hals, und gespaltene Hufe, und wenn er wiehert, sollte man schier nicht meynen, daß es ein Roß ist? Zahlt euer Schöpplein und reitet ordentlich heim.“ Als er aber vor das Haus kam, und den Normänder sah, den ihm der Wirth an die Thüre gebunden hat, wollte er nicht aufsitzen, sondern gieng zu Fuß zum Flecken heraus, und wurde von den Gästen entsetzlich verhöhnt.

Merke: Man muß nie mehr scheinen wollen, als man ist, und als man sich zu bleiben getrauen kann, wegen der Zukunft.