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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Der fliegende Oger
Untertitel:
aus: Chinesische Volksmärchen, S. 226–227
Herausgeber: Richard Wilhelm
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Eugen Diederichs
Drucker: Spamer, Leipzig
Erscheinungsort: Jena
Übersetzer: Richard Wilhelm
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
E-Text nach Digitale Bibliothek Band 157: Märchen der Welt
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[226]
77. Der fliegende Oger

In Sianfu lebte ein alter Buddhistenmönch, der liebte es, durch einsame Gegenden zu wandeln. Auf seinen Wanderungen kam er an den Kuku-Nor. Da sah er einen dürren Baum, der war tausend Fuß hoch und viele Klafter dick. Innen war er hohl, so daß man von oben das Licht des Himmels hineinscheinen sah.

Er war einige Meilen weiter gegangen, da sah er von ferne ein Mädchen in rotem Rock, barfuß und mit entblößter Brust. Mit aufgelösten Haaren lief sie, schnell wie der Wind. Im Nu stand sie vor ihm.

„Erbarme dich mein und rette mir das Leben!“ redete sie ihn an.

[227] Als der Mönch sie fragte, was es gäbe, sprach sie: „Da ist ein Mensch, der mich verfolgt. Sage ihm, du habest mich nicht gesehen, so will ich dir mein Lebtag dankbar sein!“

Damit lief sie auf den Baum zu und kroch hinein.

Der Mönch ging abermals eine Strecke weiter. Da begegnete er einem, der ritt auf einem gepanzerten Pferd. Er trug ein goldenes Gewand. Auf dem Rücken hing ihm ein Bogen, an der Seite ein Schwert. Das Pferd rannte wie der Blitz, mit jedem Schritt kam es zwei Meilen weit vorwärts. Obs durch die Luft ging, ob auf dem Boden, das machte keinen Unterschied.

„Hast du das Mädchen in dem roten Rock gesehen?“ fragte ihn der Fremde. Und als der Mönch ihm sagte, er habe nichts gesehen, da fuhr er fort: „Bonze, du mußt nicht lügen! Dieses Mädchen ist kein Mensch, sondern ein fliegender Oger. Tausend Arten gibt es von ihnen, die allenthalben die Menschen verderben. Unzählige habe ich schon beseitigt und bin nun so ziemlich mit ihnen fertig. Diese aber ist die schlimmste. Heute Nacht habe ich dreimal den Befehl von Gott bekommen und bin daher vom Himmel hergeeilt. Zu achttausend sind wir unterwegs nach allen Richtungen, um diese Unholdin zu fangen. Wenn du die Wahrheit nicht sagst, Mönch, so versündigst du dich gegen den Himmel.“

Da wagte der Mönch ihn nicht zu hintergehen, sondern deutete auf den hohlen Baum. Der Himmelsbote stieg vom Pferd, trat in den Baum hinein und sah nach ihr. Dann stieg er wieder auf das Pferd, das trug ihn durch die Höhlung in die Höhe. Der Mönch blickte nach oben; da sah er, wie aus dem Gipfel des Baumes ein kleiner, roter Schein herauskam. Der Himmelsbote folgte ihm. Sie stiegen auf zu den Wolken und entschwanden den Blicken. Nach einer Weile fiel ein Blutregen. Der Oger war wohl von einem Pfeil getroffen oder gefangen worden.

Der Mönch hat nachmals die Geschichte einem Gelehrten erzählt, der sie aufgezeichnet hat.

Anmerkungen des Übersetzers

[401] 77. Der fliegende Oger. Vgl. Tang Dai Tsung Schu.

Auch hier handelt es sich um eine Yakscha.