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Textdaten
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Autor: Off.
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Titel: Der elektromagnetische Telegraph
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aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 255–256
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[255] Der elektromagnetische Telegraph. In dem kurzen Zeitraume seit seiner Erfindung hat sich der elektromagnetische Telegraph mit Riesenschritten über den Erdkreis verbreitet; nicht allein Europa’s äußersten Osten mit dem Westen, den Norden mit dem Süden verbindet ein Telegraphennetz, in welchen fast jeder Ort von Bedeutung eingeflochten ist; auch in allen übrigen Welttheilen ist derselbe heimisch geworden, und nur eines kurzen Zeitraumes wird es noch bedürfen, so erkennt er selbst des atlantischen Oceans trennende Fluthen nicht mehr als ein Hinderniß des unmittelbaren Wortaustausches und der Gedankenmittheilung weit von einander entfernter Völker an. Leicht und mit der Schnelligkeit des Gedankens, mit dem der menschliche Geist nach und durch entfernte Länder und über der Meere und des Oceans Fluthen schweift, trägt der elektromagnetische Telegraph seine Zeichen und Signale von dem einen Weltlheile zu. dem andern. Bedenkt man, wie groß die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des elektrischen Stromes ist, nämlich 63,000, nach neueren anderen Messungen auch 67,000 geographische Meilen per Secunde, so würde demnach ein von einem Punkte der Erde ausgehender Strom in 1/12 Secunde den Weg um die ganze Erde machen und wieder zu seinem Ausgangspunkte zurückkommen, da, wie bekannt, der größte Erdumfang nur 5400 geographische Meilen beträgt. Die Erfahrung lehrt jedoch, daß, wenn sich der elektrische Strom mit dieser Geschwindigkeit von einem Orte zum anderen durch eine Drahtleitung fortbewegen soll, dieselbe von solcher Dicke und Stärke sein muß, daß sie ihrem Leitungsvermögen vollkommen entspricht, indem sonst der Strom bei seinem Durchgange auf einen Widerstand stößt, den er erst zu überwinden hat und durch den er theils aufgehalten, theils geschwächt wird. Auch muß diese Drahtleitung vollkommen von der Erde isolirt und an keinem Punkte mit derselben in leisester Berührung sein, indem sonst an diesen Stellen ein Theil des Stromes in die Erde abgeleitet wird und derselbe eine abermalige Schwächung zu erleiden hat. Den ersten Fehler besitzen alle unsere gegenwärtigen Drahtleitungen, wie sie denn auch theils mehr, theils weniger gut von der Erde isolirt sind.

Bei den in die Erde und durch Wasser gelegten Drahtleitungen kommen auch noch andere, dem Physiker und Mann der Wissenschaften wohlbekannte Ursachen und Fehler vor, wodurch in denselben der elektrische Strom gebunden und festgehalten wird. Doch Vieles ist ja schon dem Scharfsinne des menschlichen Geistes gelungen, und so dürfte die nächste Zukunft auch diese Fehler beseitigt sehen, wie es auch nur noch weniger Jahre bedürfen wird, bis die herrlichen Riesenprojecte der Herstellung einer Telegraphen-Linie, welche sich wie ein Gürtel um alle Theile des Erdkreises schlingen und dieselben trotz Oceansfluthen und Meereswogen einander nähern und in Verbindung bringen soll, vollendet sein werden.

Jedem Leser der Gartenlaube wird es gewiß willkommen sein, wenn wir ihn einmal mit diesen Projekten bekannt machen und ihm zugleich einen Theil der Apparate und Maschinen vorführen, durch welche der Mensch das geheimnißvolle Wesen und Agens der Elektricität zwingt, seine Wirkungsweise zu offenbaren.

Durch das Gelingen der ersten, von dem Engländer John Watkins Brett ausgeführtcn unterseeischen Telegraphenleitung zwischen Frankreich und England, und zwar von Calais nach Dover, welche nunmehr seit beinahe zehn Jahren mit dem besten Erfolge besteht, war vollständig nachgewiesen, daß der Meeresboden wohl geeignet sei, ein auf ihn niedergesenktes Telegraphentau sicher zu bergen und aus dem Bereiche von Beschädigungen zu bringen, die etwa durch Strömungen in der Tiefe des Wassers und daraus entstehende Abreibungen der äußeren Umhüllung des Drahtes veranlaßt werden möchten. Zugleich war aber auch bewiesen, daß die Einsenkung und Auslegung des Taues mit den größten Schwierigkeiten verbunden ist, weshalb dabei alle nur möglichen Vorsichtsmaßregeln angewendet werden müssen. Das erste Signal, welches auf diesem Verbindungsdrahte gegeben wurde, war von großer Bedeutung, nicht allein für die Geschichte der elektromagnetischen Telegraphie, auch nicht deshalb, weil es das herrlichste und erhabenste Siegeszeichen für den menschlichen Geist war, sondern es war und wird noch weit mehr in der Zukunft von der größten Bedeutung für alle Völker und für die Weltgeschichte sein. Die Gründe zu dieser Behauptung liegen nicht sehr ferne und dürften leicht zu errathen sein; auch ist es nicht unsere Aufgabe, hier dieselben näher erörtern und auseinandersetzen zu wollen.

Durch diese unterseeische Leitung war bereits auch der Grund gelegt zu den weiteren Telegraphenlinien von Ostende (in Belgien) nach Dover, welche seit 1. Mai 1853 dem Verkehr eröffnet und übergeben wurde, ferner zu der von Haag (in den Niederlanden) an die englische Küste bei Oreford-Neß, welche am 15. August 1853 eröffnet wurde.

Die dritte größere Unterseeleitung war die durch das schwarzn Meer von Varna nach Balaklava, welche vom 10. bis 14. April 1855 eingesenkt wurde und eine Länge von 370 englischen Meilen hat. Die Veranlassung zur Anlage dieser Leitung war durch das Bedürfniß einer raschen und schnellen Korrespondenz mit den vor Sebastopol stehenden alliirten Heeren hervorgerufen, weshalb sie auch nur provisorisch hergestellt und nur zu militairischen Zwecken verwendet wurde.

Zwei projectirte Leitungen sind es aber besonders, welche gewiß das Interesse jedes intelligenten Menschen fesseln und erregen müssen, nämlich die Herstellung einer unterseeischen Telegraphenleitung nach Afrika (bereits vollendet und ausgeführt) und deren Fortsetzung nach Alexandrien, Cairo, Ostindien, China und Australien, und zweitens die Legung eines Telegraphen-Taues durch den atlantischen Ocean, wodurch die Telegraphennetze von Europa und Amerika aneinander geknüpft werden sollen. Ueber die leider mißlungene Einsenkung dieses Telegraphen-Kabels zwischen der irländischen Küste und Neufoundland, welchen eine Länge von 1680 englischen Meilen hatte, wurde bereitn in allen Zeitungen und Journalen vielfach geschrieben und berichtet. Wir erwähnen deshalb hier nur, daß der unglückliche Ausgang dieses Versuchs keineswegs das Unternehmen aufgehoben und die Gesellschaft der Actionaire entmuthiget hat. Vielmehr dürfte die Einsenkung des wieder ergänzten Drahtes in kürzester Zeit erfolgen, wobei man die gemachten Erfahrungen wohl benutzen und alle möglichen Vorsichtsmaßregeln anwenden wird.

Ebenso dürfte sich schon in der nächsten Zukunft ein zweites Project verwirklichen, nach welchem eine unterseeische Leitung von der französischen Küste bei Bordeaux ausgehen, das Cap Finisterre in Spanien und Lissabon in Portugal berühren, zu den azorischen Inseln führen, und in Boston (Vereinigte Staaten von Nordamerika) münden soll. Zur Ausführung dieses Projektes hat sich schon vor zwei Jahren eine Gesellschaft von Actionairen gebildet, deren Vertreter, Herr W. Glower, mit der kaiserlich französischen Regierung den erforderlichen Staatsvertrag abgeschlossen hat.

Noch müssen wir hier eines dritten, von dem Amerikaner T. P. Shaffner entworfenen Projectes erwähnen, nach welchem die telegraphische Verbindung der beiden Hemisphären Europa und Amerika auf folgende Weise stattfinden soll. Dieselbe soll von der Ostküste des britisch-nordamerikanischen Festlandes, und zwar von Labrador ausgehen und durch die Davis-Straße nach Grönland überführen. Hier könnte sie längs der Küste fortgeführt oder wieder unterseeisch nach Island gehen, dasselbe durchschneiden und endlich über die Faroerinseln nach Norwegen laufen, so daß sie in Bergen münden würde, wo sie durch die bereits bestehenden norwegischen Linien mit den übrigen europäischen Continentallinien in Verbindung treten würde. Ob die Anlage dieser Leitung stattfinden wird, steht noch in Frage, wenngleich ein Staatsvertrag, die Ausführung dieser Leitung betreffend, zwischen der königlich schwedisch-norwegischen Regierung und dem erwähnten Herrn Shaffner besteht und abgeschlossen wurde.

Was die telegraphische Verbindung zwischen Europa und Afrika anbelangt, so ist dieselbe, wie schon erwähnt, bereits ausgeführt und vollendet. Dieselbe geht von La Spezzia an der Westküste von Oberitalien aus und führt zu den Inseln Corsica und Sardinien über, läuft sodann an der Westküste dieser letzteren bis nach Cagliari und theilt sich hier in zwei Arme, von denen der eine zum Cap Teulada, und von hier aus unterseeisch bis zur afrikanischen Küste führt, wo er unweit Bona mündet und mit den algierischen Linien in Verbindung steht. Der zweite Arm dagegen läuft zur Insel Malta, und von hier aus zur Insel Corfu. Zum Anschlusse an die ostindischen Linien sind nun zwei Wege vorgeschlagen, von denen der eine, von Bona ausgehend, längs der afrikanischen Küste über Tunis, Susa, Tripolis, Alexandrien, Cairo, Suez, Jerusalem, Damascus, Anah, Bassora und durch Persien und Beludschistan nach Hydrabad in Vorder-Indien führen soll, wo sie sich an die Linien der ostindischen Compagnie anschließen könnte, die von Hydrabad nach Bombay und über das Carnatic und die Küste Coromandel nach Hoglag gehen. Dem zweiten Vorschlage zufolge würde die Leitung von Malta direct nach Alexandrien vermittelst eines circa 1000 englische Meilen langen unterseeischen Kabels führen und von hier aus zu Lande über Cairo, Suez bis Kosseir am rothen Meere laufen, durch welches eine zweite unterseeische Leitung nach Aden an der arabischen Meeresküste führen würde, die sich dann nach den Inseln Kouria Mourta und bis Kurachee und Bombay fortsetzen könnte.

Welchen dieser zwei vorgeschlagenen Wege man beibehalten wird, ist noch unbestimmt, dürfte sich aber bald entscheiden, wenn die telegraphische Verbindung mit Alexandrien hergestellt sein wird, welches gleichsam die Basis und der Vermittlungsort zwischen den europäischen und ostindischen Linien ist. Eine Verbindung mit Alexandrien wird jedoch schon in diesem Jahre stattfinden, und zwar von Constantinopel aus, da von derselben die [256] Strecke von Constantinopel bis zum Cap Hellas an den Dardanellen vollendet und dem Verkehr übergeben, während die weitere Leitung vom Cap Hellas bis Alexandrien in Angriff und Ausführung genommen ist.

Die Anknüpfung der australischen Linien an das europäische Telegraphennetz, und zwar vermittelst der ostindischen Linien, soll auf folgende Weise geschehen: Die Leitung würde von Rangoen, als dem östlichsten Punkte der ostindischen Linien, ausgehen und nach Malacca und Singapore, sowie zur Insel und Stadt Borneo laufen. Nachdem sie durch das Innere dieser Insel bis zu deren Ostküste fortgeführt würde, sollte dieselbe wieder unterseeisch werden und über Celebes und die Melville-Inseln an der Nordspitze von Australien münden, an welche sich dann eine weitere durch den Golf von Carpentaria gelegte unterseeische Leitung anschließen könnte, mit welch letzterer die von Melbourne und Sidney kommenden und bereits bestehenden Linien in Verbindung stehen würden.

Nachdem wir nun die Leser der Gartenlaube mit diesen Projecten bekannt gemacht, dürfte sich bei vielen die Frage und der Zweifel aufdrängen: ob dieselben auch ausgeführt und glücklich vollendet werden? Wir glauben ihnen mit Bestimmtheit antworten zu können, daß es nur eines kurzen Zeitraumes, vielleicht nur noch weniger Jahre bedürfen wird, bis dieselben, wenn auch nicht in der beschriebenen Art und Weise, doch mit weniger Abänderung und Verlegung ausgeführt sein werden. Der Unternehmungsgeist und Scharfsinn unserer Zeit kennt keine örtlichen Hindernisse und Schwierigkeiten mehr, die er nicht zu umgehen und zu beseitigen wüßte, noch dazu wo die Herstellung einer solchen telegraphischen Verbindung der einzelnen Welttheile so große und unberechenbare Vortheile sowohl der Verkehrs- und Geschäfts- wie auch der politischen Welt bietet.

Off.


Anmerkung WS:

Ausführliche Artikel zu diesem Thema folgen in „Die Gartenlaube 1861“

Der elektromagnetische Telegraph. Nr. 1 Seite 55ff.
Der elektromagnetische Telegraph. Nr. 2 Seite 475ff.