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Titel: Der calculirende Fuchs
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 56
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[56] Der calculirende Fuchs. Ein Jäger auf dem Harz, der eines Morgens Wache hielt im Forste, bemerkte einen Fuchs, der sich vorsichtig einem alten dicken Baumstumpfe näherte. Als er nahe genug war, machte er einen beherzten Sprung bis auf den Kopf des Stumpfes. Hier sah er sich ein Weilchen um, als wollte er die schöne Aussicht genießen und sprang dann wieder herab. Diese gymnastische Uebung wiederholte er etwa fünfmal, ehe er davonschwänzelte. Aber schon nach einer Minute kehrte er zurück und zwar mit einem derben tüchtigen Stück Eichenholz in der Schnauze. Mit dieser Last beschwert wiederholte er seine ritterliche Uebung, und zwar nicht nur zu meiner, sondern auch seiner eigenen Befriedigung, denn er ließ nach einigen glücklichen Repititionen seine Last fallen, wickelte sich oben zusammen legte den Schweif um sich und schien so auf seinen Lorbeeren ausruhen zu wollen. Stunden lang behielt ich ihn im Auge: er lag und blieb wie todt liegen. Ich war neugierig geworden und ließ mir den Gedanken nicht nehmen, daß Reineke nicht blos zu seinem Vergnügen geturnt habe. Gegen Abend ward denn auch meine Neugier befriedigt. Eine wilde Sau kehrte mit ihrer Nachkommenschaft aus dem Dickicht in ihre Heimath zurück und zwar auf ihrem bereits sichtbar gewordenen Wege vor dem Baumstumpfe vorbei. Zwei von der unerfahrnen Nachkommenschaft waren etwa sechs Schritt hinter der Mutter und den andern Jungen zurückgeblieben und zottelten hinterher. So wie sie an den Stumpf kam, sprang Reinecke wie ein Blitz vom Todtenschlafe auf, herunter und mit einem der beiden Ferkel wieder hinauf. Es kreischte und quiekte jämmerlich. Die Mutter kehrte wüthend um und grunzte und knurrte wie wahnsinnig an dem Stumpfe in die Höhe, um ihr Kind zu retten. Der Diplomat aber oben, seiner Sache und Festung gewiß, nahm diese Demonstration sehr gleichgültig auf und verzehrte seinen Schweinebraten vor den Augen der Mutter mit der größten Gemüthlichkeit und einer einer Art von raffinirten Tranchirkunst. Auf einmal schien’s ihm zu viel zu sein, so daß er etwa die Hälfte seiner Beute übrig ließ und sicher legte, und dann mit der größten Unverschämtheit auf die tobende, wüthende Mutter herabzublicken, so malitiös, daß man hätte meinen sollen, er habe ein Glas in das eine Auge geklemmt. Die alte Sau zog sich endlich widerstrebend zurück, worauf auch Reinicke sich anschickte, in seine Festung Malepertus zurückzukehren.