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Der arme Fischer

Textdaten
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Autor: Ernst Meier
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Titel: Der arme Fischer
Untertitel:
aus: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, S. 80–84
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: C. P. Scheitlin
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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[80]
23. Der arme Fischer.

Es waren einmal zwei Brüder, davon war der eine ein Geistlicher, der andre ein Fischer; dieser aber wußte nichts von jenem. Da begab es sich eines Abends, daß ein vornehmer Herr zu dem Fischer kam und ihn um ein Nachtlager bat. Der Fischer entschuldigte sich, daß er ihm nichts zu eßen und zu trinken reichen könne; allein der andere bat bloß um Dach und Fach, was ihm der Fischer auch gern gewährte, worauf sie sich noch lange mit einander unterhielten.

Am folgenden Morgen, als der Fremde abreisen wollte, sagte er zu dem Fischer: „wenn Ihr mich begleiten mögt, so will ich Euch glücklich machen und Euch ein Waßer zeigen, wo Ihr einen guten Fang thun und Euer Brod leicht verdienen könnt.“ Ja, dazu war der Fischer gleich bereit und gieng mit, bis daß sie an einen See kamen. Da sprach der Fremde: „so, hier mußt Du fischen; und jetzt behüt Dich Gott, Bruder!“ „Wie nennst Du mich Bruder?“ sprach der Fischer verwundert. Der andre aber sagte: „ich kann mich nicht länger aufhalten, leb wohl!“ und damit gieng er weiter. –

Nun warf der Fischer sein Netz in den See und fieng eine große Menge Fische von allerlei Art, so daß er sie kaum mit fortbringen und aufbewahren konnte. Dann gieng er ganz vergnügt zu einem Edelmann und der kaufte ihm alle ab und gab ihm ein gutes Geld dafür. Als aber die Köchin die Fische zurechtmachen und braten wollte, da kam [81] aus der Feuerwand eine alte Frau hervor, die hatte eine Haselruthe in der Hand und sprach:

Fischlein, Fischlein!
Lebet ihr lang,
Sterb’ ich bald.

Nicht lange nachher gieng der Fischer abermals an den See, um zu fischen und fieng ebenso viel als das erste Mal und verkaufte den ganzen Fang wieder an den Edelmann. Der Köchin aber gieng es beim Braten gerade so wie das erste Mal; es kam ein altes Weib aus der Feuerwand und sagte das Sprüchlein:

Fischlein, Fischlein!
Lebet ihr lang,
Sterb’ ich bald.

Dasselbe geschah, als sie nach einiger Zeit zum dritten Mal die Fische, welche dieser Mann gebracht hatte, zubereiten sollte.

Als der Fischer aber zum vierten Male sein Netz in den See warf, da zog er und zog und brachte endlich mit Mühe eine große schwere Kiste an’s Ufer, daran hieng ein ganzes Bund Schlüßel. Da nahm er einen davon, steckte ihn in das Schloß und versuchte die Kiste aufzuschließen; und richtig, es gieng. Als er sie aber aufmachte, kam ein großer großer Mann heraus und sprach: „Kerl, was machst Du da? jetzt mußt Du in diese Kiste.“ Der Fischer aber sagte: „geh Du nur wieder hinein, wenn Du darin gewesen bist!“ worauf der große Mann sich wie eine Kugel zusammenrollte [82] und sich hineinlegte. Dann verschloß der Fischer die Kiste und schob sie wieder in den See und gieng fort und legte sich unter einen Baum, woselbst er einschlief. Als er endlich wieder aufwachte, hörte er von fern ein Geläut und lief hin und her, indem er dachte: „wenn ich nur dort wäre, wo man läutet!“ Und alsbald sah er auf dem See ein Schiff, darin waren Männer, die ihm winkten, daß er zu ihnen kommen möchte. Darauf gieng er an’s Ufer und stieg in das Schiff, fragte die Männer, wer sie wären und wo sie hin wollten? erhielt aber keine Antwort von ihnen, sondern sie winkten ihm immer nur mit dem Kopfe; deshalb stieg er wieder aus und gieng fort und kam in eine Stadt; da standen Soldaten als Schildwache am Thor, die redete er an, erhielt aber auch hier keine Antwort. Nun war der Fischer aber hungrig geworden und gieng deshalb in mehre Häuser, um etwas zu eßen zu bekommen; allein er fand nirgends etwas vor, auch keinen Menschen, bis er endlich in ein Schloß kam, da traf er Schweine und anderes Vieh, aber immer noch keinen Menschen. Endlich stieg er eine Treppe hinauf und trat in ein Zimmer, daselbst saß ein alter Mann auf einem Seßel und fragte den Fischer, was er wolle? Der Fischer sagte, er möchte gern etwas eßen, weil er Hunger habe.

Da trat die Frau des alten Mannes herein und brachte demselben sein Eßen, schlug ihn aber zugleich mit einem Stecken, den sie mitgebracht, so heftig, daß er vor Schmerzen nicht einmal schreien konnte; dann gieng sie ohne ein Wort zu reden wieder fort.

[83] Darauf rief der alte Mann den Fischer zu sich her und erzählte ihm, wie es ihm mit seiner Frau gegangen, und daß sie’s ihm beständig so mache. Wenn sie aber von ihm fortgehe, so gehe sie immer in das oberste Zimmer; dort habe sie einen Mohren, der liege im Bett, und den frage sie, so oft sie zu ihm komme, immer dreimal: „Willst Du getreu sein an mir oder nicht?“ Allein sie bekomme nie eine Antwort von ihm. Dann sagte der alte Mann weiter: „Du könntest mich erlösen. Du mußt aber zuerst den Mohren nehmen und in den Abtritt werfen, dann Dir das Gesicht schwarz machen und Dich an seiner Statt in’s Bett legen, und wenn alsdann mein Weib zu Dir kommt und Dich fragt: „Willst Du getreu sein an mir oder nicht?“ so mußt Du ihr auf die dritte Frage erwidern: „ja, wenn Du mir versprichst, daß Alles wieder sein soll wie vorher.“ Dann wird sie zu Dir sagen: „so nimm diese silberne Klinge und schneide mir den Kopf ab, und besprenge mit meinem Blut die Wände, dann wird Alles wieder sein wie vorher.“ Und das mußt Du dann auch thun.“

Da stieg der Fischer in das oberste Zimmer des Schloßes, nahm den Mohren und warf ihn den Abtritt hinunter, schwärzte sich dann das Gesicht und legte sich in das Bett. Als hierauf die Frau kam und ihn fragte: „willst Du getreu sein an mir oder nicht?“ so sagte er zu ihr, als sie ihn zum dritten Male gefragt hatte: „ja, wenn Du mir versprichst, daß Alles wieder sein soll wie vorher.“ Darauf bot sie ihm die silberne Klinge und forderte ihn auf, ihr das Haupt abzuschneiden und mit dem Blut die Wände [84] zu besprengen, was er denn auch sogleich that. – Darauf gieng er zu dem alten Manne hinunter und erzählte ihm, wie’s gegangen war. Der aber war sehr froh und dankte dem Fischer tausendmal und sagte: „Nun gottlob! daß ich erlöst bin! denn mein Weib, die eine Hexe war, und der Mohr, der Erzzauberer, die haben mich verwünscht; zum Dank aber sollst Du nun meinen Thron einnehmen, denn ich bin ein König.“ Und wie sie noch mit einander redeten, da kamen große Haufen Soldaten in’s Schloß gezogen, die waren bisher zu Fischen verwünscht gewesen; und auch die Fische, welche der arme Fischer gefangen und dem Edelmann verkauft hatte, waren lauter verwünschte Menschen und kamen jetzt auch wieder herbei und freuten sich, daß der alten Zauberin der Kopf abgeschlagen worden. Das Schloß war von Innen und von Außen wieder ebenso herrlich als es früher gewesen war, und der Fischer war König darin und hatte ein großes Heer Soldaten.

Durch seine Soldaten aber wurde der König zuletzt übermüthig und wollte sich ein noch größeres Reich erwerben; deshalb fieng er Krieg an mit Fürsten und Grafen, wurde aber von diesen überwunden und aus seinem Schloße und Königreiche fortgejagt, worauf er seine alte Hütte wieder aufsuchte und wieder die Fischerei trieb, und ein kümmerliches Leben führte bis an sein Ende.

Anmerkung des Herausgebers

[305] 23. Der arme Fischer. Mündlich aus Bühl. Anfang und Ende haben allgemeine Aehnlichkeit mit dem Märchen „von dem Fischer und sine Fru,“ Nr. 19 bei Grimm. Vgl. Kuhn und Schwarz, norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche, S. 337, Nr. 10, die beiden gleichen Brüder. Unsre Erzählung ist wohl nicht ohne Einfluß der „Geschichte des Fischers mit dem Geiste“ in 1001 Nacht entstanden. Vgl. die Uebersetzung von Habicht und Hagen, Nacht 8-11. 22. 31.