Der Wunderglaube in Paris

Textdaten
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Autor: Ludwig Kalisch
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Titel: Der Wunderglaube in Paris
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aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 727–730
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der Wunderglaube in Paris.

Von Ludwig Kalisch.

Das civilisirte Europa ist trotz der erstaunlichen Fortschritte, welche die Naturwissenschaften seit zwei Menschenaltern gemacht, bei Weitem nicht so aufgeklärt, als es sich einbildet, und wer auf den Wunder- und Aberglauben der Menschen mit einigem Geschick speculirt, ist immer noch sicher seinen Zweck zu erreichen. Das größte Wunder unserer Zeit ist, daß Tausende und aber Tausende noch an Wunder glauben, und zwar nicht blos auf dem platten Lande, sondern auch in den großen Städten, und nicht nur in den niedern Ständen, sondern auch in den höheren und höchsten Schichten der Gesellschaft. Nirgends sieht man dies so sehr wie in Paris, wo trotz der Sorbonne, des College de France und der Akademie der Wissenschaften der wunderthätige Schwindel ein sehr ausgebreitetes Gewerbe bildet. In der Hauptstadt Frankreichs leben an sechshundert Somnambulen, die den Aerzten in’s Handwerk pfuschen und ihnen eine sehr empfindliche Concurrenz machen; denn es giebt viele Häuser, in denen man Zutrauen zu dem Somnambulismus, aber nicht zu den Aerzten hat und in Krankheitsfällen sich nur an jenen und nicht an diese wendet. Wenn eine Somnambule das Glück hat, in einem bedeutenden Hause zufällig einen Patienten zu heilen, bekommt sie schnell eine zahlreiche Praxis und macht die vortrefflichsten Einnahmen.

In diesem Augenblick wohnt in der Nähe der Kirche Notre Dame de Lorette eine Somnambule, die sich eines großen Rufs in der vornehmen Welt erfreut. Vor ungefähr zehn Jahren kam sie, ein schmuckes normännisches Bauermädchen, in Holzschuhen und eine große Haube auf dem Kopfe, nach Paris, um hier wie so viele Tausende ein Unterkommen zu suchen. Ihre großen schwarzen Augen, ihr hübsches ausdrucksvolles Gesicht und eine gewisse Verstandesschärfe, die man bei der normännischen Bevölkerung so häufig findet, erregten die Aufmerksamkeit eines Magnetiseurs. Es war ihm nicht schwer, die Normännin zu überzeugen, daß ihr als Magd selbst in dem vornehmsten Hause keine glänzende Zukunft bevorstehe, daß sie aber als Hellseherin ihr Glück machen könne. Ohne besondere Wehmuth warf sie die vaterländischen Holzschuhe in’s Feuer, vertauschte die steife normännische Haube mit einem eleganten Pariser Hut und ließ sich vor dem Publicum in magnetischen Schlaf versetzen. Einige Patienten, die sich an sie gewendet und fest überzeugt waren, ihr die Heilung zu verdanken, führten ihr eine zahlreiche Kundschaft zu, die bis jetzt noch im Zunehmen begriffen ist. Ihre Zimmer sind eben so reich als geschmackvoll eingerichtet. Die Thür steht keinen Augenblick still. Bald werden Briefe, bald Depeschen, bald kleine Packete gebracht, in denen sich Haarlocken oder Kleidungsstücke der Leidenden befinden, die außerhalb Paris leben. Sie giebt in ihrer Wohnung täglich acht bis zehn Sitzungen, die nicht nur trefflich honorirt, sondern auch mitunter durch ansehnliche Geschenke belohnt werden. Sie ist sehr regsamen Geistes und unterhält sich gern mit Künstlern und Schriftstellern. Während meines Besuches zeigte sie mir eine Menge Briefe von den angesehensten Männern und von den vornehmsten Damen, so wie die Geschenke, die sie von denselben erhalten. Unter ihren Verehrern befinden sich renommirte Staatsmänner und sogar – ein Mitglied des Instituts. Sie hat viel gelesen, besonders populäre medicinische Bücher, und aus denselben so viel gelernt, als nöthig ist, um einige Hausmittel zu nennen, die weder helfen noch schaden. Wie so viele andere Somnambulen ist auch sie von der Justiz wegen unbefugter Ausübung der Medicin verfolgt worden; es verwendete sich aber für sie eine solche Schaar angesehener Leute, daß sie jetzt unangefochten die Hellseherei ausüben kann. Sie ist übrigens entschlossen, nächstens den Somnambulismus an den Nagel zu hängen und zurückgezogen von ihren Renten zu leben.

Indessen sind nicht alle Hellseherinnen so glücklich wie besagte Normännin, da nur wenige so viel Tact und Verstand besitzen wie sie. Die meisten bringen sich schlecht und recht durch, oder sie endigen gar als „Somnambules en plein vent,“ d. h. sie spenden auf öffentlichen Plätzen ihre Orakel für ein Honorar von zwei Sons. Auf der Place de Clichy, wo sich jeden Nachmittag Taschenspieler, Athleten, Seiltänzer, abgerichtete Hunde und Affen sehen lassen, sitzt auch eine solche Pythia. Schier sechzig Jahre ist sie alt und hat manchen Sturm erlebt. Ihre Kundschaft besteht großentheils aus Ammen, Köchinnen, Mägden und Soldaten, denen sie, nicht von Apollo) sondern von Absynth begeistert, den Schleier der Zukunft lüftet. Während der Wintersaison finden in Paris viele magnetische Soiréen statt, zu denen man durch einen Freund des Hauses eingeführt werden kann. Ich wohnte einer solchen Soiree vor mehreren Jahren bei. Der Salon so wie die Nebenzimmer waren prachtvoll erleuchtet und von Herren und Damen aus allen Ständen überfüllt. Der Hausherr, ein Magnetiseur, empfing die Gäste auf’s Liebenswürdigste und stellte denselben acht schöne Mädchen vor, an denen er seine magnetische Kraft ausüben sollte. Er versuchte seine Manipulationen zuerst an einer reizenden Brünette, die er in einen starrsüchtigen Zustand versetzte. Er hielt ihr eine große Lampe dicht vor die Augen, ohne daß sie mit denselben auch nur im Geringsten zwinkerte oder irgend einen Zug des schönen Gesichtes verzerrte. Er stach sie mit Nadeln, er zwickte sie mit kleinen Zangen – sie bewegte sich nicht. Eine zweite versetzte er in eine musikalische Ekstase. Sie ging an’s Piano, an dem ein Künstler seine Fingerfertigkeit übte, schien ganz entzückt von den Tönen, die, beiläufig gesagt, durchaus nicht entzückend waren, und küßte das Instrument mit Inbrunst. Eine dritte wurde in eine poetische Ekstase versetzt, und sie citirte mit verklärtem Gesichte einige Verse von Lamartine zur Bewunderung mancher Zuhörer und Zuhörerinnen. In einer vierten erregte er die Leidenschaft des Zornes und sie zeigte sich in ihren Stellungen als eine Furie. Kurz, sämmtliche acht Sujets kamen nach einander an die Reihe, und die Vorstellung schloß zur größten Zufriedenheit der Gesellschaft.

Der Leser wird sich leicht denken, warum diese Soireen gegeben werden. Sie sind Reclamen, die dem Geschäft auf die Beine helfen oder es in Blüthe erhalten sollen; denn unter den Eingeladenen sind doch Manche, die an den Hokuspokus glauben und ihn als ein nie geahntes Wunder verbreiten. Auch befinden sich in der Gesellschaft stets mehrere Personen, die zur Boutique gehören und Propaganda machen. Was die Sujets betrifft, so finden sie, wie es sich von selbst versteht, ebenfalls ihre Rechnung dabei. Diese Nachtwandlerinnen wandeln nicht immer auf dem Wege der Tugend; und die magnetischen Abende geben ihnen Gelegenheit, sich nicht blos als Hellseherinnen zu empfehlen.

Der Spiritismus giebt auch seine Abendvorstellungen. Die besuchtesten sind in der Rue Beaujolais dicht am Palais Royal. Sie werden von dem Baron D ... geleitet, der eine lange Reihe von Schriften und Aufsätzen über den thierischen Magnetismus herausgegeben hat. Ein reicher Engländer, der, wie seine Ehehälfte, im fanatischen Eifer für den alleinseligmachenden magnetischen Glauben, nichts unterließ, um Proselyten zu werben, rang mir einst das Versprechen ab, einer solchen Abendunterhaltung beizuwohnen, in der festen Ueberzeugung, daß ich mich dann bekehren würde. Das Ehepaar führte mich eines Abends unter Verheißungen der wunderbarsten Offenbarungen in den Salon des Herrn Barons. Derselbe saß hinter einem Tische, und ihm zur Rechten eine wohlbeleibte schöne Dame. Vor ihr lag ein Heft Papier von ungeheuerm Format, und in der Hand hielt sie einen langen Bleistift. Wir setzten uns dicht neben sie und harrten wie die übrige Gesellschaft, die den Salon füllte, der Dinge, die da kommen sollten. Punkt acht Uhr eröffnete der Baron die Sitzung und stellte uns die corpulente Dame mit dem Bleistift als ein Medium erster Classe vor, als ein Medium, das mit den abgeschiedenen Geistern in innigstem Verkehr stünde. Man ersuchte sie nun, sich in Communication mit dem Geiste Voltaire’s zu setzen und ihn zu fragen, was er in seinem jetzigen Zustande von seinen Schriften denke. Das Medium blickte eine Weile mit verzückten Augen auf die Stubendecke und fuhr sodann mehrere Minuten mit dem Bleistift auf dem Papier herum. Endlich hielt sie ein und las mit wohlklingender und höchst feierlicher Stimme einen Unsinn vor, der nicht blühender hätte sein können. Das Ding hatte weder Hand noch Fuß; die Vordersätze paßten nicht zu den Nachsätzen, und wie die Logik bekam auch die Grammatik sehr derbe Ohrfeigen. Der größte Theil der Gesellschaft war erstaunt über den tiefen Sinn dieses Unsinns. Ich war ebenfalls erstaunt, und als mich das englische Ehepaar, das ganz entzückt war von dein Voltaire’schen Dictat, um meine Ansicht fragte, bemerkte [729] ich, daß es mir unmöglich sei zu begreifen, wie Voltaire, der so klar und geistvoll war, als sein Geist noch in einem elenden kranken Körper steckte und er mit dürren Beinen auf der Erdenbahn wandelte, jetzt, da er die erbärmliche irdische Hülle abgeworfen und als Geist in höhern Regionen schwebe, sich so verworren, so geistlos, so ungrammatikalisch ausdrücken könne.

„Sie verstehen es nicht,“ rief der Engländer gereizt, „weil Sie es nicht verstehen wollen. Ihre Zweifelsucht zieht einen dichten Schleier um Ihren Verstand.“

„Und die Grammatik?“ fragte ich.

„Im Reiche der Geister giebt es keine Grammatik!“ rief seine Gattin kurzweg.

Ich schwieg beschämt. Ich hätte früher schweigen und wissen sollen, daß der Mensch viel leichter in seinem Glauben, als in seinem Aberglauben zu erschüttern ist.

Es wurden noch andere Geister citirt. Pascal, Jean Jacques Rousseau, Balzac mußten herhalten; ja selbst Verger, der Mörder des Erzbischofs von Paris, wurde über seinen gegenwärtigen Aufenthalt, über seinen Zustand und über seine Ansichten befragt. Die Antworten dieser abgeschiedenen Geister waren eben so geistlos, eben so albern wie die Voltaire’schen. Der Vorsitzende, der auf manchen Gesichtern eine gewisse Unzufriedenheit lesen mochte, bemerkte am Schlüsse der Sitzung, daß die Geister sich zwar immer gleich blieben, daß aber die Media nicht jeden Tag in der nämlichen Verfassung seien, und vertröstete auf die nächste Sitzung. Als wir schieden, wurden uns im Vorsaal mehrere Bücher, Broschüren und Journale, die sich sämmtlich auf den Magnetismus und Spiritismus bezogen und den Baron zum Verfasser hatten, unter den wärmsten Empfehlungen zum Kauf angeboten. Mit dem englischen Ehepaar suchte ich mich auf der Heimkehr zu versöhnen. Ich verlor Beide bald ans den Augen, hörte aber nach einigen Jahren, daß sie, dem Wahnsinne verfallen, in eine Irrenanstalt untergebracht worden, wo sie sich täglich sehen und aneinander vorüber gehen, ohne sich zu kennen.

In der Rue des Bons Enfants werden ebenfalls spiritische Abendvorstellungen gegeben. Dort lassen sich die Geister aus den Schubläden der Tische, Schränke und Commoden vernehmen. Ich besuchte eine dieser Sitzungen mit einem deutschen Gelehrten. Um den runden Tisch, auf dem sich eine große Lampe befand, saßen ausschließlich Damen, von denen die meisten unmittelbar vor oder sogar schon hinter der Grenze des Schwabenalters angelangt waren. Unter den Männern befanden sich einige pensionirte Officiere und ein Abbé. Gegen zehn Uhr ging der Spectakel los. Eine der Damen citirte, nachdem ihre Nachbarinnen sämmtlich ihre Hände auf den Tisch gelegt hatten, den Geist eines in der Krim gefallenen Husarenmajors. Der Geist fing sogleich an, ganz husarenhaft im Tisch zu rumoren, und ließ durch sein Gepolter erklären, daß er etwas auf dem Gewissen habe und deshalb die ewige Ruhe nicht finden könne; was er aber auf dem Gewissen habe, könne er nur einer Dame mittheilen, die am Ufer der Garonne wohne. Nun wollte man wissen, wie sich die Dame nenne, da sprang der Tisch vor Unwillen über diese Indiscretion hoch empor, ohne daß sich die Lampe nur im Mindesten bewegte. Mein gelehrter Landsmann hatte nun den unglücklichen Einfall, den Tisch untersuchen zu wollen und dabei zu sehen, ob die Lampe nicht an demselben befestigt wäre. Dies erregte den heftigen Zorn besonders der Damen. Sie beschwerten sich darüber, daß man Leute einführe, deren Zweifelsucht die Geister erschrecke; denn die Geisterwelt sei nur dem erschlossen, der gläubigen und kindlichen Herzens in dieselbe einzutreten begehre. Die Hausherrin, die den Vorsitz an der Geistertafel führte, wollte die Sitzung schließen, was jedoch der Abbé durch einige salbungsvolle Worte verhinderte. Ich fand es inzwischen für gut, mich mit meinem Landsmann unbemerkt davon zu machen.

Diese wie ähnliche Abendunterhaltungen dienen dazu, leichtgläubige Gemüther zu berücken und dann in Privatsitzungen möglichst auszubeuten. Jeder Zweifel, der in diesen Versammlungen laut wird, beeinträchtigt das Geschäft. Der Magnetismus, die Geisterbeschwörerei und Alles, was in das Fach des Uebernatürlichen einschlägt, hat eine massenhafte Literatur hervorgerufen, die mit jedeme Tage mehr anschwillt. Die größten Charlatane schreien in diesen Schriften am lautesten gegen den Charlatanismus. So erzählt ein Magnetiseur in einer Revue den Anfang seiner glorreichen Laufbahn wie folgt:

„Nachdem ich bereits das fünfzigste Jahr hinter mir habe, empfinde ich ein gewisses Vergnügen, auf meinen Lebensgang zurückzublicken. In meinen Jünglingsjahren war ich Ladendiener in einer Modewaarenhandlung. Wie jeder junge Mann, der erst den neunzehnten Frühling gesehen, träumte ich eine rosige Zukunft. Ich sah mich schon als Besitzer eines sehr einträglichen Geschäftes, als Eigenthümer eines schönen Landhauses in der Nähe von Paris, an der Seite eines reizenden Weibes und umgeben von zahlreichen Kindern mit Engelsköpfen. Indem nun meine Einbildungskraft mir die schönste Zukunft ausmalte, hörte ich von Wundern des Magnetismus. Da fuhr es mir wie ein Blitz durch’s Gehirn. Ich kaufte einige Schriften über den thierischen Magnetismus und lernte aus denselben das Verfahren, ein Sujet in magnetischen Schlaf zu versetzen und seinen Willen zu beherrschen. Als mir nun mehrere Versuche über alles Erwarten gelungen, beschloß ich, an der Verwirklichung meiner geträumten Hoffnungen zu arbeiten. Mein Principal hatte eine Tochter. Sie hieß Angeline und sie rechtfertigte auf’s Vollkommenste ihren schönen Namen; denn sie war ein Engelskind mit himmelblauen Augen und einer reichen Fülle von blonden Locken, die ihr wie goldene Wellen von Nacken und Schultern flossen. Aber nicht nur ihre Schönheit, sondern – ich gestehe es zu meiner Schande – auch die beträchtliche Mitgift, die sie als einziges Kind zu erwarten hatte, erregten in mir den Wunsch, sie zu besitzen. Sie war eben aus der Pensionsanstalt gekommen, und da sie klug und umsichtig war, hatte sie ihr Vater an die Casse gesetzt. Leider fehlte mir die Gelegenheit, mit ihr allein zu sein und ihre Hand fassen zu können; um mich nun mit ihr in magnetischen Rapport zu setzen, richtete ich hinter ihrem Rücken die Augen auf sie und suchte ihren Willen dem meinigen zu unterjochen. Aber, ach! trotz meiner elektrisch geladenen Blicke, trotz meiner angestrengten Willenskraft addirte, subtrahirte und multiplicirte Angeline am Cassenbuch darauf los, ohne sich zu regen. War ich das Opfer einer Mystification? War mein Agens unzulänglich? Ich gerieth in Verzweiflung und las und überlas eine Anzahl Werke und Flugschriften über die Kunst zu magnetisiren; dieselben sagten einstimmig, daß Niemand dem festen Willen eines Magnetiseurs widerstehen könne, daß die Entfernung kein Hinderniß für das elektrische Fluidum sei, und noch unzählige andere Dinge, womit der Charlatanismus die Leichtgläubigkeit hintergeht. Ich gehörte zu den Leichtgläubigen. Mit erneuter Hoffnung setzte ich daher meine Bemühungen fort, um die Hand Angelinens und eine reiche Mitgift zu erlangen. Nichts verschlug. Ich wurde ungeschlacht gegen meine Collegen, unwirsch und unartig gegen die Kunden. Ich magnetisirte die Rechnungen, die Briefe, die Federn, das Tintenfaß, kurz alles, was Angeline berührte – umsonst! Sie saß nach wie vor, ohne mich zu beachten, ein kaltes Marmorbild hinter dein Cassenbuch. Eines Tages nun, nachdem ich die Schrift eines Fürsten meiner Wissenschaft gelesen, trat ich freudigen Herzens und in der Ueberzeugung eines vollständigen Sieges in den Laden. Ich hatte nämlich in besagter Schrift ein unfehlbares Mittel zur Erreichung meines Zweckes angezeigt gefunden. Es bestand darin, mit sicherer Hand ein Herz auf einem Stück Papier zu zeichnen, dasselbe zu magnetisiren und von der Person, auf die man seinen Willen auszuüben beschlossen, berühren zu lassen. Ich stellte mich hinter Angeline; aber indem ich mich anschicke, unter allerlei Geberden ihr das gezeichnete Herz zuzustellen, fühle ich eine schwere Hand auf meiner Schulter. Es war die Hand meines Principals, der mir folgende Worte in’s Ohr donnerte: ,Jch brauche fleißige Leute in meinem Geschäft, aber keine Tollhäusler. Ihr Platz ist besetzt; verlassen Sie mein Haus auf der Stelle!’

Ich war nun vor die Thür gesetzt und machte noch viele ähnliche Versuche, die nicht glücklicher ausfielen, bis ich mich eines Tages dem Krankenlager eines armen Mädchens näherte. Diesmal war mein Herz rein von Begierden nach Geld und Gut. Ich wollte der Kranken ohne allen Eigennutz helfen, und ich half ihr. Sie genas und belohnte mich durch heiße Zähren der Dankbarkeit. Sie ist jetzt meine geliebte Gattin, die Freud und Leid ergebungsvoll mit mir theilt. Nur wer mit reiner Seele und zu edlen Zwecken die magnetische Kraft anwendet, ist seines Erfolges gewiß, und der Kranke wird niemals seine Hülfe vergebens in Anspruch nehmen.“ –

Der Zuave Jacob, der vor einigen Monaten durch seine [730] Wundercuren so viel von sich hat reden machen, wirkt jetzt im Stillen und verdient viel Geld. Er hat seine Uniform ausgezogen und lebt in Passy, wo ihn eine zahlreiche Kundschaft aufsucht. Er arbeitet vorzüglich auf dem Gebiete der Rheumatismen und behandelt die Patienten, wie ein Corporal seine Gemeinen behandelt. Die Leidenden, die sich an ihn wenden, werden mit den Worten angeschrieen: „Die Arme ausgestreckt! Die Beine in die Höhe! Pas de drogues! Allez-vous en!“ (Keine Medicin! Marsch!) Dieser unhöfliche Lakonismus erfüllt die Gebrechlichen mit Vertrauen. Sie glauben sich geheilt und belohnen ihn reichlich, und was die Obrigkeit betrifft, so kann sie ihm nichts anhaben, da er keine Medicin verschreibt.

Sprechen wir jetzt ein Wort von der Kartenschlägerei, die in Paris ebenfalls ein sehr verbreitetes Gewerbe ist. Die Kartenschlägerei oder Cartomancie, wie die Franzosen sagen, wird meistens von Frauen betrieben, und zwar von solchen Frauen, die eine mehr oder minder stürmische Vergangenheit hinter sich haben. Sie besitzen viel Menschenkenntniß und verstehen sich vortrefflich auf Physiognomiken. Auch wissen sie durch die Unterhaltung mit den Kunden, die größtentheils dem schwachen Geschlecht angehören, auf indirecte Weise und ohne daß diese es merken, so viel zu erfahren, daß sie mit ziemlicher Sicherheit und geschützt vor lächerlichen Widersprüchen ihre Offenbarungen formuliren können. Ist die Kunde eine verheirathete Frau mit schwermüthigem Gesichte, so ermangelt die Sibylle nicht, ihr den baldigen Eintritt in den Wittwenstand zu prophezeien. Sie kommt dabei sehr häufig dem stillen Wunsche der Dame zuvor; denn in der Regel wenden sich an die Kartenschlägerinnen schmachtende Frauen, die mit ihren Gatten in Hader leben. Keine dieser Prophetinnen erlangt zwar einen solchen Ruhm wie weiland Mademoiselle Lenormand, die Freundin der Kaiserin Josephine, des Kaisers Alexander und anderer gekrönter Häupter; indessen giebt es doch manche unter ihnen, die sich einer sehr vornehmen Kundschaft erfreuen. Eine dieser Prophetinnen, Madame Guloten, hat sogar vor Kurzen die Ehre gehabt, in die Tuilerien geladen zu werden und der Herrin des Hauses die Zukunft zu entschleiern.

Wie gewisse Putzmacherinnen und Schneiderinnen sind auch gewisse Kartenschlägerinnen eine Zeit lang in der Mode, um dann andern den Rang abzutreten. Die Cartomancie wird auch von vielen Männern betrieben und zuweilen mit glänzendem Erfolg, So erregte vor einigen Jahren der Kartenschläger Edmond unter den wundergläubigen Seelen großes Erstaunen. Er wohnte in der Rue Fontaine St. Georges. Seine Zimmer waren mit Skeleten, Todtenköpfen, Himmelsgloben, kabbalistischen Figuren und sonstigem Firlefanz verziert und er selbst zeigte sich seinen Besucherinnen in der Tracht eines Magiers. Ein junger schöner Mann, nahm er sich in dem langen schwarzsammetnen Talar und dem spitzen, mit goldenen Charakteren gestickten chaldäischen Hut vortrefflich aus. Die vornehmsten Damen harrten stundenlang in seinen Vorzimmern und bezahlten seine Weissagungen mit schwerem Golde. Er war jedoch kein allzuschroffer Aristokrat und verschmähte es nicht, auch der kargen Bourgeoisie um ein mäßiges Honorar zu verrathen, was in der Zeiten Schooße verborgen liege. Aber nachdem das Geld, nachdem die Waare. Das „grand jeu“ war für die höheren Classen, das „petit jeu“ für die geringeren. Nachdem Edmond mehrere Jahre als Magier gewirkt, warf er eines Tages die Skelete, die Todtenköpfe, die kabbalistischen Figuren und seine chaldäische Garderobe in die Rumpelkammer und zog sich in die Provinz zurück, wo er als Rentier lebt und Muße genug hat, über die Thorheiten der Menschen zu lachen.

Die Cartomanten werden von der Polizei nicht verfolgt; viele von ihnen stehen sogar mit derselben auf vertrautem Fuße und leisten ihr manchen Dienst. Da sich nämlich bestohlene Personen häufig an sie wenden, um den Dieb zu entdecken, so setzen sich mit ihnen die Diener der öffentlichen Sicherheit in Verbindung, erfahren von ihnen eine Menge Details und kommen dadurch nicht selten dem Hehler und Stehler ans die Spur. Vielleicht leisten sie der Polizei nach andere Dienste, die sich weniger auf das Mein und Dein beziehen.

Es leben, besonders in den ärmeren Vierteln von Paris, sehr viele Frauen, die aus dem Kaffeesatz prophezeien und von denen Einige großen Zuspruch haben. Auch die Chiromantie, die Handwahrsagerei, ist in Paris ein Gewerbe und wird von Manchen nicht ohne erklecklichen Gewinn betrieben. Die Welt will betrogen sein, und der gewandte Betrüger erfreut sich gewöhnlich eines wärmeren Dankes, als derjenige, der den Betrug enthüllt und dadurch die Eigenliebe des Betrogenen verletzt. Wir wundern uns über die Erfolge Cagliostro’s; wir haben jedoch an den Erfolgen des Amerikaners Home gesehen, daß das neunzehnte Jahrhundert kein Recht hat, der Leichtgläubigkeit des achtzehnten zu spotten, und daß es nicht die niederen, sondern die höheren und höchsten Stände sind, in denen der alberne Wunderglaube am tiefsten wurzelt.