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Autor: Robert Byr
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Titel: Der Weg zum Herzen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7–17, S. 105–108, 121–124, 137–142, 153–156, 169–174, 185–189, 201–204, 217–220, 237–240, 253–258, 269–274
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[105]
Alle Rechte vorbehalten.
Der Weg zum Herzen.
Erzählung von Robert Byr.
1.

Unter dem Porticus des Opernhauses war die Equipage vorgefahren. Der Diener, dessen laut in die Winternacht hinausschallender Ruf: „Baron Lomeda!“ sie herbei beordert, wendete sich rasch wieder um und schlüpfte zwischen den zahlreichen wartenden Gruppen in der Vorhalle und dem strahlend beleuchteten Treppenhause hindurch, um seine Herrschaft wieder aufzusuchen. Vor einem jungen Paare, das, dicht in Pelze gehüllt, eben die Stufen von den Garderoben herabkam, blieb er stehen, indem er den Tressenhut zu seiner stummen Meldung lüftete.

Das vom weißen Capuchon fast ganz verborgene Köpfchen sanft nach dem Tacte wiegend, lauschte die Baronin in träumerischem Nachgenusse den leise aus dem Saale herübertönenden Weisen eines Walzers und stand eben im Begriffe, sich entschlossen von den schmeichelnden Sirenenlockungen loszureißen und am Arme ihres Gatten rascher dem Ausgange zuzuschreiten, als ein junger hübscher Husarenofficier die Haupttreppe herabgeeilt kam. Rasch hatte er zwischen all den tropischen Gewächsen, Kandelabern, Marmorpfeilern und Menschen die Gesuchten ausgeforscht und trat hastigen Schrittes von der Seite her an die Baronin heran. Sie schrak beim Tone seiner Stimme leicht zusammen und wendete ihm ihr Antlitz zu: zwei dunkle, große Augen sahen fast scheu unter den tief über die Stirn fallenden Spitzen des Capuchons hervor, die so weiß waren, wie die plötzlich blutlos gewordenen Wangen.

„Sie haben Ihr Bouquet vergessen, Baronin,“ sagte kurz der junge Officier. Er trat sofort mit einer tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugung wieder zurück, nachdem die Baronin den großen Strauß von veilchenumringten weißen Camelien an sich genommen; es war das mit einem so leisen Worte des Dankes geschehen, daß man es nur von den fast unmerkbar bewegten feinen Lippen ablesen konnte. Nicht das kleinste freundliche Lächeln begleitete es, auch die Augen hatten sich gesenkt, und kühl und vornehm neigte sich das Haupt um eines Daumens Breite. Dennoch zuckte ihre Hand und sie drückte die Blumen fester an die Brust, als sich ihr Gatte erbot, sie ihr zu tragen. Sein schönes tiefernstes Auge glitt über die Gestalt des Ueberbringers und unterzog ihn einer ruhigen, kurzen, aber scharfen Musterung.

„Ich danke, Herr Rittmeister,“ sagte er dann mit gemessener Höflichkeit im Vorüberschreiten. „Mein Schwager tanzt wohl viel zu eifrig und ist ein zu großer Egoist, um die Vergeßlichkeit seiner Schwester selbst gut zu machen, doch waren die halb verwelkten Blumen wirklich kaum werth, daß Sie sich dafür bemühten.“

Ein rascher Aufblick seiner Frau schien sich versichern zu wollen, ob hinter der leichten Rede nicht ein Hintergedanke sich berge, aber die edlen, schön und geistreich geformten Züge ließen davon nichts erkennen; abgesehen von einer leisen Ermüdung verriethen sie durchaus nichts Ungewöhnliches. Artig, wenn auch mit einiger Zurückhaltung, grüßte der Baron den zurückbleibenden Officier und geleitete dann seine Frau bis zum Wagen, in den sie sich rasch und leicht hineinschwang, ohne daß sie mehr als eine scheinbare Hülfe von seiner Hand annahm. Dennoch ordnete er die Pelzdecke sorgsam um sie, ehe er seinen Platz in der anderen Ecke einnahm. Der Schlag flog zu, und so blitzschnell rollte der Wagen davon, daß die Lichter der Laternen an den vom Froste halb undurchsichtig behauchten Fenstern mit jähem Scheine vorüberhuschten.

Bei dem donnernden Geräusche war nicht wohl ein Gespräch zu führen, auch schien den beiden Insassen nicht das Mindeste daran zu liegen. Nur einmal unterbrach Baron Lomeda das Schweigen.

„Ein Bekannter von Dir?“ fragte er kurz nach dem Einsteigen. Die Beziehung auf den jungen Officier verstand sich von selbst.

„Ja!“ antwortete die Baronin, ohne sich zu regen.

„Von früher her?“

Auf diese zweite Frage kam die Erwiderung nicht sofort. Als das kurze Zaudern aber überwunden war, lautete das abermalige „Ja“ vielleicht noch kürzer und kälter als das erste, wie wenn damit jede weitere Erklärung als eine unberechtigte, langweilende Forderung entschieden abgeschnitten werden sollte.

Von da ab blieben Beide in ihre Gedanken versunken.

Der kurze Weg war bald zurückgelegt, und die Equipage hielt vor einem jener palastartigen Gebäude, welche in den letzten Jahrzehnten zwischen der prachtvollen Ringstraße und den bescheideneren alten Stadttheilen zu ganzen Quartieren des Reichthums und der Behaglichkeit aus dem unterminirten Boden der alten Befestigungswerke emporgewachsen sind.

Noch warteten Beide eine Minute, und erst als das Thor aufgeschlossen war, öffnete sich auch der Wagenschlag. Der Baron stieg aus. Seiner kräftigen Gestalt wäre es wohl ein Leichtes gewesen, die in ihren Pelzen zusammengekauerte schlanke Frau auf seinen Armen herauszuheben und über das feuchte Pflaster hinweg durch die Einfahrtshalle die Treppe hinauf zu tragen, er begnügte sich aber damit, ihr, wie beim Einsteigen, nur mit der Hand zu Hülfe zu kommen, die er sacht unter ihren Ellbogen [106] legte, da sie mit dem Zusammenhalten von Fächer, Kleidern, Bouquet viel zu sehr in Anspruch genommen war, um sich auch nur mit den Spitzen zweier Finger der dargebotenen Stütze bedienen zu können.

Auch bot er ihr nicht mehr den Arm, wie vorher beim Verlassen des Opernhauses, sondern folgte nur, durch die lange nachrauschende Schleppe von ihr getrennt, der Voranschreitenden, während der Diener droben bereits die Klingel an der Wohnungsthür des zweiten Stockwerkes zog.

Eine Kammerjungfer mit verschlafenen Augen und nur flüchtig übergeworfenem Kleide, an welchem sie noch nestelte, empfing die Herrschaft im Vorsaale. Der Diener hatte das Gas angezündet. Einen Augenblick blieben die beiden Gatten hier stehen. Mit ritterlicher Höflichkeit, wie vor einer fremden Dame, zog er, um sich zu verabschieden, den Hut, während sie, nur leise über die Schulter nickend, kaum hörbar sein ruhiges „Gute Nacht!“ erwiderte.

Sie reichten sich dabei nicht einmal die Hand; es war nichts von Zärtlichkeit in den beiden Stimmen, auch nicht der herzliche Ton, wie ihn doch selbst Geschwister und Freunde für einander haben. Ihr Auge suchte nicht das seine und sah darum auch nichts von dem tiefen und mit seltsamem Ausdrucke auf ihr ruhenden Blicke, der ihr noch mehrere Secunden folgte, ehe der Baron sich wendete und hinter dem voranleuchtenden Diener den Corridor entlang nach seinen Zimmern schritt.

Auf der entgegengesetzten Seite lag das Gemach, in welchem sich endlich die Baronin all ihrer Hüllen entledigen ließ. Eine Nachtlampe, die von der zeltartigen Decke hing, verbreitete nur ein sanftes rosiges Licht in dem durchwärmten Raume, dessen behaglich elegante Einrichtung zu voller Wirkung kam, nachdem die Kammerjungfer die Kerzen der Armleuchter vor dem Pfeilerspiegel angezündet hatte. Der hellgrau und rosenroth gestreifte Seidenstoff, der die zeltartige Deckenverkleidung, die Thür-, Fenster- und Bettvorhänge, sowie den Ueberzug der wenigen Sitzmöbel in Rococogeschmack geliefert, gab der ganzen Ausstattung einen wohlthuenden Anstrich von Helle und Heiterkeit. Die feine elastische Gestalt der Baronin schälte sich aus den warmen Ueberkleidern und stand jetzt im vollen Ballstaate vor dem deckenhohen Pfeilerspiegel. Die Falten des wasserblauen Atlaskleides, über welches ganze Schleierfälle kostbarer Spitzen hinrieselten, schimmerten gleich Wellen um eine auftauchende Nymphenerscheinung. Einzelne Tropfen blitzten noch in dem goldbraunen Haar, und eine schwere Perlenschnur schlang sich dreimal um den feingeformten Hals.

Nur ein Hauch von Frische röthete die Wangen der jungen Frau, aber die blühenden Lippen bewiesen hinlänglich, daß dieser blasse Teint kein Zeichen eines Leidens war.

„Der Wagen war zwar auf vier Uhr bestellt,“ entschuldigte sich die Kammerjungfer im Hinblick auf ihre mangelhafte Toilette, „aber ich glaubte doch, es werde wieder halb sechs werden, und so habe ich mich mit dem Aufstehen etwas verspätet.“

„Thut nichts. Ich habe ein wenig Kopfschmerz,“ ließ die Herrin beschwichtigend fallen. „Bringen Sie mir nur frisches Wasser, Minna!“

„Aber wollten Frau Baronin nicht lieber einige Tropfen Eau de Cologne? Ich will etwas darunter mischen.“

„Nein, frisches! ...“ unterbrach die Baronin mit einem leisen Nachdruck des Unwillens das Mädchen, welches im Begriffe stand, aus einer auf dem Tische stehenden Karaffe ein Glas mit Wasser zu füllen, doch setzte sie sogleich, wie um den scharfen Ton des Befehls zu verwischen, erläuternd hinzu: „auch für die Blumen ist das Wasser hier zu abgestanden.“

„Ich will sie mitnehmen und draußen einstellen; sie duften zu stark, und wenn Frau Baronin ohnehin schon an Kopfschmerzen leiden ...“

„Thun Sie, wie ich Ihnen gesagt habe!“ lautete diesmal die Entscheidung so bestimmt, daß das Mädchen, welches dienstfertig nach dem Strauße gelangt, den ausgestreckten Arm betroffen sinken ließ und, noch einen Blick der Verwunderung auf ihre Herrin zurückwerfend, mit der Karaffe stumm aus der Thür huschte. Diese hatte sich kaum geschlossen, als die Baronin rasch und mit sehr wenig Achtsamkeit für die eben erst mit solcher Sorgfalt bedachten Blumen über dieselben hinstrich und, mit leichten Fingern in den Camelien suchend, ein zusammengerolltes Blättchen aus dem Verstecke zog.

Wie wenn sie einen Dorn berührt hätte, zuckte sie auf, als sie so ihre Vermuthung bestätigt fand; der Strauß fiel jetzt ganz unbeachtet in den vor ihr stehenden Fauteuil und von da auf den Teppich herab. Einen Moment zögerte sie, und die fein geschwungenen Lippen preßten sich fest auf einander, dann aber lächelte sie bittertrotzig, und unmittelbar darauf hatte sie auch schon das Röllchen geöffnet und die wenigen, in sichtlicher Eile mit Bleistift hingeworfenen Worte überflogen:

„Soll das ein Wiedersehen sein, Elise? Nicht einen Tanz hatten Sie für mich, nicht ein herzliches Wort. Ist alles todt? – Aber nein, ich bin nicht ganz vergessen. Unsere Herzen hat man nicht aus einander gerissen. In Deinen Augen habe ich es gelesen und Deine Lippen sollen mir bestätigen, was mir der eine unbewachte Blick verrieth. Laß Dich vor mir verleugnen und verleugne Dich selbst, wenn Du es vermagst!“

Wie sie jetzt bleich und mit geschlossenen Augen dastand, sah sie in der That so krank und einer Ohnmacht nahe aus, daß die zurückkehrende Kammerjungfer erschrocken das Wasser bei Seite stellte und ihrer Herrin zu Hülfe eilte. An ihrem Arme ließ sich diese in den Fauteuil gleiten; aus ihrer Hand nahm sie fast willenlos das Glas und trank ein wenig. Die Befeuchtung der schönen glatten Stirn und der von feinen blauen Aederchen durchflochtenen Lider mußte denn auch wohlgethan haben, denn klar und ruhig schlug die junge Frau wieder die Augen auf, in deren schwarzen Sternen ein wunderbares Leuchten aufging, und liebkosend beugte sie sich zu dem schlanken braunen Hündchen nieder, das, schon vor der Thür ungeduldig winselnd, mit dem Mädchen hereingekommen war und mit lauten Freudenbezeigungen an seiner geliebte Gebieterin emporsprang.

„Frip wird die Spitzen zerreißen, Frau Baronin,“ erlaubte sich die Kammerjungfer zu erinnern[WS 1].

„Um so besser für Sie. Wenn sie Ihnen gehören, dürfen Sie sich bei ihm bedanken.“

„Ach mein Gott – die wunderbare Garnitur!“

Die Baronin achtete nicht auf den halb bestürzten, halb entzückten Ausruf ihrer Zofe; sie hatte sich erhoben, ließ sich entkleiden und entledigte sich langsam der schweren Goldreife und der fast bis zu den Grübchen der Ellbogen reichenden Handschuhe. Wie geschickt sie dabei das kleine zusammengedrückte Papier zwischen den feinen Fingern mit Taschenspielergewandtheit verbarg, wäre dem mit ihrer Bedienung beschäftigten Mädchen jedenfalls entgangen, wenn Frip in seiner naiven Spiellust dieses sorgsame Verstecken nicht für eine ihm geltende Neckerei genommen und es nun mit besonderer List darauf angelegt hätte, in Besitz der Papierkugel zu gelangen, die sein treues Gemüth für eben so unschuldig und nur dem einen Zweck gewidmet hielt, wie all jene anderen, die er tagsüber zu apportiren hatte. Die Heftigkeit, mit welcher ihm die erhaschte Beute wieder abverlangt, ja schließlich abgejagt wurde, erregte die Aufmerksamkeit der Zofe. Indeß bemerkte die Baronin den eigenthümlich verständnißvollen Blick derselben nicht, welcher das augenscheinlich so kostbare zerknüllte Blättchen mit dem noch immer zerzaust und theilweise entblättert am Boden liegenden Strauße in Zusammenhang brachte. Wie sie mit blitzenden Augen und gerötheten Wangen dem Hündchen wehrte, bot sie auf ein paar Secunden ein reizendes Bild jungfräulicher Mädchenhaftigkeit dar; aber im nächsten Augenblicke war sie wieder die ernste stolze Frau. Frip auf dem Schooße, saß sie im Fauteuil und ließ sich den Schmuck aus dem Haare lösen; die Kammerzofe nahm die prächtigen Strähnen sorgsam aus einander, um sie mit dem Kamme leicht noch einmal zu durchfahren.

Da pochte es leise an die Thür. Frip sprang als kampfbereiter Wächter kläffend von seinem Hochsitze, schwieg aber sofort, als sich die wohlbekannte Stimme seines Herrn von außen vernehmen ließ.

„Auf ein Wort, wenn Du noch auf bist!“ bat die Stimme, und die Wirkung auf die junge Frau hätte keine überwältigendere sein können, wenn ein Feuerruf aus dem nächsten Zimmer zu ihr herübergedrungen wäre.

Sie sprang erschrocken und tieferröthend empor, und mit einer unwillkürlichen Bewegung zog sie schamhaft die gestickte Krause des Pudermantels enger und höher. Im Schrecken vergaß sie selbst die Weisung, welche sie ihrem Mädchen zu ertheilen hatte.

„Ich werde den Herrn Baron fragen, was er wünscht,“ sagte dasselbe, und rath- und fassungslos nickte die junge Frau, [107] die jedoch blitzschnell beiseite huschte, ehe die Portière aus einander geschlagen ward.

An der nur ganz wenig geöffneten Thür stand die Kammerjungfer und parlamentirte mit dem außenstehenden Herrn des Hauses.

„Der Herr Baron hat eine wichtige Mittheilung und läßt fragen, ob Frau Baronin nicht einige Minuten für ihn übrig hätten,“ berichtete sie jetzt, zurück in's Zimmer gewandt. Die junge Frau hatte die leisen Worte ihres Gatten verstanden; dennoch bediente auch sie sich wieder der Vermittlerin an der Thür, als ob schon der directe mündliche Verkehr mit dem vom Zutritt Ausgeschlossenen eine Entweihung dieses Raumes wäre.

„Ich werde sogleich in den Salon kommen,“ sagte sie leise.

Sie hatte sich unterdeß in einen weichwattirten Schlafrock gehüllt, der ihre Gestalt in bauschigen Falten umfloß, und ließ, sobald die Thür wieder geschlossen war, das weit über den Rücken herabwallende Gelock von dem Mädchen aufrollen und in ein Netz thun.

Noch zögerte sie, warf einen Blick in den Spiegel und verlangte ein leichtes Tuch, das sie sich um den Hals schlang, unter dem Vorwande, daß es im Salon wohl kalt sein werde.

„Aber dann wäre es ja besser, hier nebenan im Boudoir, Frau Baronin,“ rieth das Mädchen. „Die Temperatur hat sich da ganz hübsch gehalten.“

„Verwahren Sie unterdeß den Schmuck; ich werde gleich wieder da sein,“ schnitt ihr die Herrin jedes weitere Wort ab.

Als sie durch das kleine trauliche Zwischenzimmer in den Salon trat, hatte ihre Erscheinung wieder all die Kälte und vornehme Ruhe einer Herrscherin in den Kreisen der eleganten Welt, denen sie angehörte. Mit jenem merkbaren Unbehagen, das einem unwillkommenen Besuche keinen Zweifel an der Unzeit seines Erscheinens übrig läßt, durchschritt sie das nur von zwei Kerzen nothdürftig erhellte große Gemach, bis sie ihrem hier mit großen Schritten auf- und abgehenden Gatten gegenüberstand. Den Pelz hatte er abgelegt, doch trug er noch immer den schwarzen Gesellschaftsanzug, und selbst in dieser einförmigen, unmalerischen Tracht machte er durchaus den Eindruck einer bedeutenden Erscheinung. Er war hoch und stattlich gewachsen; das regelmäßige, nur etwas schmal aus dem weichen krausen Vollbarte hervortretende Angesicht mit der breitgewölbten, von dunkelbraunem Haar umlockten Denkerstirn trug das Gepräge kraftvollen Ernstes.

Der erste Blick, den seine Frau zu ihm aufschlug, überzeugte sie, daß kein Grund zu der geheimen Unruhe, welche sie trotz ihrer gleichgültigen Miene mit seltsamem Beben erfüllte, vorhanden war; sonderbarer Weise steigerte das ihre Kälte, daß dieselbe wie ein eisiger Hauch auch auf ihren Gatten überging. Seine Hand, die sich einen Augenblick – einen flüchtigen Augenblick nur – erhoben, um sich ihr entgegenzustrecken, senkte sich in einer begrüßenden Geberde.

„Verzeih'!“ sagte er. „Ich hätte Dich durch Wilhelm bitten lassen, da er aber daran ist, meine Tasche zu packen und meine Kleider zu rüsten, so muß ich Dich selber stören.“

Die Baronin nickte stumm mit dem Kopfe, schritt auf das nächste Sopha zu und ließ sich darauf nieder. Was war ihr doch – warum schauderte sie? Hatte sie in dem auf ihr ruhenden braunen Auge ein wärmeres Gefühl gelesen, als bisher – etwas wie eine Regung von Theilnahme ober mitleidigem Wohlwollen? Es mußte wohl eine Täuschung sein. Was sollte aber diese ganze Veranstaltung?

„Du reisest also ab?“

Wie gleichgültig, apathisch das klang! Aus der Frage ließ sich all das Erstaunen heraushören über das von solch einem unwesentlichen Ereignisse gemachte Aufheben, und in seiner Erwiderung zeigte sich, wie gut er das erfaßt hatte.

„Ja, in einer Stunde geht der Zug. Ich war auch unschlüssig, ob ich Dich noch bemühen sollte; ein paar Zeilen konnte man Dir ja beim Erwachen übermitteln, aber es interessirt Dich vielleicht, mir besondere Aufträge mitzugeben.“

„Ich habe keine für Riefling,“ sagte sie achselzuckend und schob die schlanken Hände fröstelnd in die weiten Aermel ihres Schlafrocks, wie in einen Muff.

„Aber vielleicht für Sternberg?“

„Was hast Du in – ?“ Sie hielt in ihrer verwunderten Frage sofort wieder inne, als verschmähe sie es, irgend Neugierde zu verrathen. Die rasch gehobenen Blicke langsam wieder senkend, sagte sie dann: „So, Du willst zu meinem Bruder?“

„Auf dieses Telegramm hin.“

Er las:

„Unangenehme Ereignisse. Rainach hat sich erschossen. Bitte, komm womöglich! Heinrich.“

Dann reichte er ihr das Blatt über den zwischen ihnen befindlichen Tisch. Sie hatte sich unwillkürlich aufgerichtet; ihr Auge überlief die Zeilen noch einmal; nun wandte sich ihr Blick erschrocken auf den in ernster Ruhe dastehenden Gatten.

„Was soll das bedeuten?“ fragte sie unsicher.

„Es klingt wie ein Hülferuf.“

„Aber Rainach? warum hat er sich – –? Ach, es ist gräßlich. Ein so gesetzter, kräftiger Mann – was kann ihn veranlaßt haben? Er war schon zu Papa's Zeiten Director der Selikauer Mühle und hatte sein ganzes Vertrauen.“

„Um so schlimmer.“

„O, Du meinst doch nicht, daß er es mißbrauchte?“

„Nach diesen Worten Deines Bruders scheint nicht Alles in Ordnung zu sein.“

„Du fürchtest wohl Verluste?“

Das klang so überlegen, beinahe verächtlich, daß die mit einschneidendem Nachdrucke gegebene Erwiderung noch eine ganz andere Bedeutung gewann.

„Ich fürchte sie für die Deinen.“

Befangen wich sie dem unter gerunzelten Brauen scharf hervorblitzenden Auge aus. Doch das Unbehagen, von dem sie sich erfaßt fühlte, gewaltsam mit geringschätzigem Achselzucken abschüttelnd, fand sie auch ihre äußerliche Ruhe wieder.

In einem weniger spöttischen und verletzenden, dafür aber um so gleichgültigeren Tone sagte sie:

„Heinrich wird eben erschrocken sein. Er hat sich immer wenig um die Geschäfte bekümmert; dafür ist ja auch das Personal da. Rainach mußte Alles leiten; das war schon Alles so eingerichtet; nun wird man einigermaßen in Verlegenheit sein, sich ohne das Factotum zurecht zu finden.“

„Ich weiß nicht, ob das eine ausreichende Erklärung ist; daß man mir Mittheilung macht und mich herbeiruft, scheint mir mehr zu bedeuten. Da ich weder den Betrieb von Kunstmühlen verstehe, noch jemals Einblick in die Geschäftsgebahrung gehabt habe, wäre ich wohl der Letzte, den man zu Rathe zu ziehen hätte, wenn es sich um nichts weiter handelte. Schon der Umstand, daß Heinrich die Depesche um Mitternacht an mich abschickte – zwei Stunden hatte der Reitknecht wohl bis zur Station gebraucht und dann mag sie vielleicht noch eine Stunde liegen geblieben sein – schon das allein erscheint mir als ein Zeichen besonderer Aufregung. Ich glaubte mich darum auch nicht besinnen zu dürfen und werde mich in der Kammer entschuldigen lassen, wiewohl ich gerade für heute als Redner eingetragen bin. Der Antrag wird aber wohl auch ohne mich durchdringen, indeß ich draußen vielleicht behülflich sein kann, einen schweren Schlag abzuwenden.“

„Möglich. – Uns betrifft es ja übrigens nicht.“

Der Baron trat einen Schritt zurück, als müsse er einem drohenden Stoße ausweichen. Sprachlos sah er einen Moment lang dieses zierliche Wesen an, unter dessen reizender Hülle sich so viel Kälte und Selbstsucht barg. Dann aber begannen seine Augen zürnend zu funkeln und ein feindseliger Blitz zuckte aus denselben.

„Wenn das die ganze Summe Deiner Empfindungen ist,“ sagte er mit schneidendem Sarkasmus, „so hast Du allerdings ein noch weiteres Verarmen nicht zu befürchten. Ich meinestheils muß mir meine eigene Ansicht vorbehalten, und sie weicht insofern von der Deinigen ab, daß ich nicht gleichgültig hinwegzugehen vermag über das Schicksal jenes Hauses, aus welchem – mir meine Frau gefolgt ist. Es soll und muß aufrecht stehen.“

„Oder – sie kann wohl in dasselbe zurückkehren?“

Einen Augenblick kämpfte er mit sich selbst; er war sehr blaß geworden, doch schoß ihm gleich darauf eine heiße Blutwelle in die Schläfe, und seine kräftige Gestalt richtete sich stolz empor.

„Es ist Dein eigener Zusatz,“ sagte er, „und ich habe darauf nichts zu erwidern – auch wenn er einen Entschluß ausspräche.“

[108] In sich versunken, regungslos saß sie in der Sopha-Ecke; immer noch klang ihr der herbe Ton in den Ohren, dessen erzwungene Gelassenheit ein leises Beben doch nicht ganz zu verbergen vermochte; immer meinte sie noch, es müsse ein weiteres Wort kommen, und doch wußte sie, daß der, von dem sie es erwartete, schon längst gegangen war. Allein, ganz allein saß sie in dem großen dämmerigen Raume; die Kälte jagte sie zuletzt empor; sie ließ die Depesche in die Tasche gleiten; es brauchte sie Niemand von der Dienerschaft zu finden.

Als sie wieder in ihr helles, warmes Schlafzimmer trat, da war ihr, als erwache sie aus einem Traume. Das noch immer auf dem Boden liegende, von Frip zerzauste Bouquet rief ihr wieder eine ganz andere Bilder- und Gedankenreihe zurück. Wo war das Blatt, das sie vorher so ganz und gar vergessen, und das ihr entfallen sein mußte?

Die auf dem Teppich verstreuten Papierflöckchen ließen darüber kaum einen Zweifel. Der Hund hatte sich des Billetdoux bemächtigt und es im Muthwillen zu Atomen zerrissen. Es war gut so. Die im Fauteuil eingenickte Kammerjungfer, welche erst, als die Thür aufging, schlaftrunken emporgefahren war, hatte es also noch nicht gefunden und gelesen.

Und wenn auch? Was lag am Ende daran?




2.

Ja, was lag am Ende daran?

Das fragte sie sich auch bitterlächelnd wieder, als sie mehrere Stunden später in ihrem Boudoir saß und die Kette der Gedanken von Neuem aufnahm, die ein kurzer unruhiger Schlaf, erst nach langem Zaudern einkehrend, mit häßlichen Traumcaricaturen unterbrochen hatte.

Ein Schubfach des mit schillernder Perlmutter kunstvoll ausgelegten Ebenholztisches, welcher kostbares Schreibgeräth, kleine eingerahmte Bilder, Figürchen und sonstiges Spielzeug trug, stand offen. Das in violetten Maroquin gebundene große Buch, mit dem sie sich beschäftigte, war offenbar aus demselben genommen. Ein kleiner vergoldeter Schlüssel steckte noch in dem Schlosse der Klammer. Jetzt war das Buch aufgeschlagen, und zwischen den Seiten lag eine Photographie, die einen jungen Husarenofficier darstellte, denselben, welcher sich mit dem vergessenen Strauße am Fuße der großen Treppe des Opernhauses eingefunden, nur daß der jetzt so volle Schnurrbart auf dem Bilde noch nicht zu solcher Stattlichkeit gediehen war. Auch manche Einzelnheit war verschieden, und das verstärkte noch jenen Eindruck der Fremdheit und Erstarrung, den gerade diese Gattung von Portraits nach einigen Jahren bei dem Betrachter immer hervorruft, besonders wenn sich wieder die Gelegenheit ergiebt, Vergleiche mit dem Originale anzustellen. Dieses lebt, und daneben erscheint das alte Conterfei wie erstorben und verzerrt.

Und dies hatte eben erst auch die schöne Träumerin empfunden, als sie das Blatt enttäuscht auf die beschriebenen Seiten des Buches zurückfallen ließ, zwischen denen es, in feines Goldpapier eingehüllt, aufbewahrt gelegen.

Nicht zufällig hatte es gerade hier seinen Platz gefunden.

Mit bewußter Absicht war es vielmehr an eine bedeutsame Stelle gethan worden; es bildete gleichsam ein Merkzeichen und eine Illustration.

Der Blick glitt unwillkürlich von der Photographie ab auf die feinen Schriftzüge, mit denen eine sicherlich nicht flüchtige, eher capriciöse und einigermaßen eigenartige Damenhand beinahe die Hälfte des Buches gefüllt hatte.

[121] Das Datum, auf welches sich das nachdenkliche dunkle Auge der Baronin richtete, griff über drei Jahre zurück. So lange war es, daß dieses Bild hier seinen Platz gefunden. Die Züge eines Bildes konnte die Zeit bleichen und entstellen, nicht aber die Gefühle eines Herzens; waren es nicht heute noch dieselben? Erwachten sie nicht mit voller Gewalt, einstimmend in dieses flammende Gelöbniß grausam geknickter Liebe, Wort für Wort?

„Den 17. November.

O, wißt Ihr denn nicht, daß ich zu leben aufhören muß, wenn Ihr mir das Athmen verwehrt? Du bist mein Odem, meine Lebenslust – Dich soll ich nicht mehr sehen, mit Dir nicht mehr sprechen, Deine Hand nicht mehr drücken, mein Geliebter! In Todesnacht unterzutauchen, wäre Seligkeit, und nur um Dir, harter Vater, die Gewissenslast nicht aufzuladen, Dein eigenes Kind in's Verderben getrieben zu haben, lösche ich das Licht meines Lebens nicht aus.

So ist es denn wahr, daß Alles hier auf Erden nur durch den elenden Mammon regiert wird! O, wie er die Herzen der Menschen verhärtet und ihre Gedanken erniedrigt! Weil Gustav nur ein armer Oberlieutenant ist, darf ich nicht sein werden; als ob wir nicht reich genug wären! Aber es ist nicht der Reichthum allein, der uns scheidet. Ich sehe klar genug. Schwägerin Hilma hat ihre langen, hageren Finger in der Sache. Gustav Steinweg und weiter nichts, kein Graf, kein Baron, nicht einmal ein simples 'von' – das wäre ja eine furchtbare Mesalliance für ein Fräulein von Mildner. Der 'uralte' Stammbaum unserer Ritterfamilie würde bis in die Wurzeln erzittern, und da dieselben erst von gestern sind, könnten sie in ihrer kindlichen Zartheit durch diese Mißheirath zerrissen werden. Man muß wackelige Stämmchen in Stöcke binden, damit sie festwachsen. Bruder Heinrich ist schon fest an den seinen geschnürt: er ist Gatte eines Fräuleins aus altem Geschlechte; wie dürfte er da die Schwester wieder in die kaum verlassenen bürgerlichen Schichten hinabsteigen lassen! Und wenn Heinrich in seiner gutmüthigen Schwäche Alles hingehen ließe, so müßte doch Frau Hilma in zärtlicher Fürsorge für die Zukunft ihrer theuren Schwägerin ihre Spinnennetze ziehen. Wäre es von ihr abgehangen, ich glaube, sie hätte mich trotz meiner achtzehn Jahre zu Lora zurück in's Pensionat geschickt.

'Aus den Augen, aus dem Sinne', soll es auch hier heißen! Werd' ich ihn nicht, wo ich auch sei, täglich morgens beim Klange der Trompeten unter meinem Fenster vorüber courbettiren sehen, den kühnsten Reiter der ganzen Escadron, den schmucksten Cavalier unter seinen Cameraden, obschon er keine Krone auf dem Siegelringe trägt, der seine weiße Hand schmückt? Wart Ihr denn blind, so oft er zu Euch in's Haus kam, daß Euch seine Eleganz, seine Gewandtheit, sein liebenswürdiges Wesen nicht auffielen? Giebt es einen bessern Tänzer im ganzen Regimente? Und wie geistreich und ritterlich ist er, wenn er von seinen Stationen und Garnisonen oder von seinen Jugendstreichen erzählt! Nur Richard schwärmt für ihn und ist, seit ihn Papa als Cadet zum Regiment gegeben, sein unzertrennlicher Freund. Dafür liebe ich diesen Bruder auch doppelt, der überhaupt viel schöner, stolzer und edler ist als Heinrich; und dennoch – welch ein Abstand wieder zwischen ihm und Gustav!

O Du Herrlicher, Unerreichbarer!

Nur eins verstehe ich nicht, daß Du so gelassen die Beleidigung hinnehmen konntest, die man Dir geboten hat. Ich habe es wohl gesehen, welchen Zwang Du Dir anthun mußtest, um Deine Ruhe zu bewahren, als Du gestern Papa verließest, den Du um meine Hand gebeten, und ich mußte es bewundern, wie leicht Du durch den Hof dahinschrittest und lächelnd Dein reizendes Schnurrbärtchen kräuseltest, bevor Du in Deiner ritterlichen Weise zu meinem Fenster hinaufgrüßtest. Aber daß Du hinter diesem Lächeln der Selbstbeherrschung, um das ich Dich beneiden möchte, keinen kühnen Plan verbargst, der uns Beide erlöst hätte, das kann ich immer noch nicht begreifen.

Ich habe geglaubt, es müßte ein Zeichen von Dir kommen, ein Brief, eine Andeutung, ein Ruf. Ich wäre ja bereit, Dir überall hin zu folgen, wenn Du mich auf Dein Pferd erheben wolltest und mich mit Dir nehmen, hinaus in die Welt; Du aber sahst wahrscheinlich in mir nur das heitere Kind und ahntest nicht die starke Seele, die in mir wohnt und die der Deinen mit entfalteten Schwingen entgegenflog. Ich küsse Dein Bild; ich lege es hier herein. Zu ihm will ich flüchten in den thränenvollen Nächten, wo ich unbewacht bin; an Dich will ich hier schreiben Tag für Tag, so lange meine Hand die Feder noch zu halten vermag. O, ich fühle es, nicht lange wird es mehr währen! So lange nur noch möge mich Gott am Leben erhalten, daß ich höre, wie Du glücklich geworden. Ich wünsche es Dir so sehr, Geliebter!

Aber vor meinen Augen steht noch ein anderes Bild, und ich vermag es nicht zu bannen.

Ich sehe ein Schlachtfeld; der Sieg ist unser, aber der [122] herrliche Mann, der ihn für unsere Fahnen erkämpft hat, er liegt unter Todten und Verwundeten, neben seinem treuen Rosse, das unter ihm zusammengebrochen ist, und aus seinem Herzen noch sprießt die rothe Rose. Ueber ihn aber neigt sich eine Diakonissin, sie küßt seine bleiche Stirn und erhebt sich nicht mehr. Der Mond bricht aus den Wolken; leise gleitet er über dieses Blumengefilde, über das des Todes Sense hingemäht. Seite an Seite ruhen dort vereint, die das Leben getrennt und die rauhe Hand geknickt – die rothe und die weiße Rose.“ –

Die Baronin blickte von dem Tagebuch empor. So schwärmerisch, so phantastisch würde sie heute nicht mehr schreiben; aber das Gefühl, das aus diesen Zeilen sprach, war doch ein echtes, dauerndes gewesen – sagte sie sich; sie hatte es gestern empfunden, als ihr Bruder Richard ihr auf dem Balle unversehens denjenigen zugeführt, an den diese Zeilen einst gerichtet waren, ohne je in seine Hände zu gelangen. Welch heißen Schrecken hatte sie bei diesem Wiedersehen empfunden!

Die Jahre versanken, und sie stand wieder dem jungen feurigen Tänzer gegenüber, der ihr einst auf einem andern Balle, während er sie mit geschickter Wendung gegen die Anwesenden deckte, so stürmisch die Fingerspitzen geküßt, und der dann ein paar Tage später mit lächelndem Gruße und „den Tod im Herzen“ das Haus verlassen hatte, das er nimmermehr betreten sollte.

Wieviel Thränen hatte sie ihm nachgeweint, wieviel Seufzer ausgestoßen, um ihre junge gebrochene Liebe! Wie manche Stunde war sie vor diesem Buche gesessen und hatte ihre hochgespannten Empfindungen ausgeströmt! Da folgte noch Seite um Seite. Standhaft hatte sie ihr Wort gehalten, bei ihm Zuflucht zu suchen und von allen Verlockungen des Lebens in der Weltstadt sich fern zu halten, so standhaft, daß Heinrich und seine Frau zuletzt mit ihr sogar nach Italien gegangen waren, um sie auf andere Gedanken zu bringen und ihre schwankende Gesundheit wieder zu befestigen.

Und auch in den Tagebuchblättern aus dieser Zeit kamen inmitten scharfsinniger Beobachtungen und von erwachendem Kunstverständniß zeugender Schilderungen ähnliche Gefühlsergüsse vor. Aber die häufige Wiederkehr schien der Lesenden endlich peinlich zu werden. War ihr Empfinden doch verändert? Oder stand sie vielleicht nur unter dem Einfluß der Erinnerung an den Spott jener kalten Lippen, die sie so oft schon über „Phrasen“ aus ihrem Munde, wie er es nannte, hatte lächeln gesehen, und deren Sarkasmus sie vor wenigen Stunden erst so scharf getroffen hatte?

Rasch, wie mit einer Art Verlegenheit, glitt sie über diese Seiten des Buches hinweg.

Sternberg trat ihr vor Augen, wo ihr Gatte zur Stunde schon weilen mochte. Auch die Aufzeichnungen, welche nun folgten, datirten ja von dort, und merkwürdig war es, wie in denselben mit der Rückkehr aus dem Süden das bis dahin vorherrschende Gefühl verblaßte und ein anderes, weit nüchterneres und schärferes die Oberhand gewann. Nur ab und zu noch kehrte ein Gedanke zu dem zwischen den früheren Blättern eingesargten Bilde zurück, wie hier unter Anderem:

„25. April.

Das also ist es! Ich hatte gedacht, nur um mich nicht wieder mit G. zusammentreffen zu lassen, sei ich hierher nach Sternberg gebracht worden; aber ich habe heute von Richard erfahren, daß G.'s Regiment auf dem Marsche nach Galizien, er selbst als Lieutenant in ein anderes Regiment versetzt worden ist. Selikau wäre mir also wohl nicht mehr gefährlich. Aber Papa selbst hat seine Gründe, die Klatschzungen des Städtchens zu meiden. O meine liebe, gute Mutter, warum bist Du so früh von uns gegangen? Kann es sein, daß sich ein solches Geschöpf an Deine Stelle drängen darf? Und darum, darum also wird von nun an das stille einsame Sternberg zu unserer Residenz erkoren! Wie hat sich für mich der Eindruck des ganzen Hauses auf einmal damit verändert! Das hübsche Schloß, die Waldberge, der rasche Fluß, Alles hat seinen Reiz verloren. Die dicken schwarzen Rauchwolken aus den Schlöten ersticken mich.“

Der nächste Tag aber brachte eine längere Aufzeichnung, die sie langsam und prüfend überlas, während sich ihre Stirn in die Hand des aufgestützten Armes senkte.

„26. April.

Ich glaube, daß die Männer, wenn sie älter werden, nur noch für die Politik, die Jagd, das Spiel und Essen und Trinken Sinn haben. So ist es wenigstens bei denen der Fall, die zu uns kommen. Was war das heute für eine Gesellschaft!

Freilich hieß es schon von vornherein, es sei eine Zusammenkunft zu Wahlvorbereitungen. Aber ich sollte doch meinen, nach all den langen Debatten von Mittag bis zur Dinerstunde dürften sie alle möglichen Nüancen erschöpft haben und froh sein, ihre Besprechungen beenden zu können. Gott bewahre! Bei der Suppe herrscht das Schweigen des Hungers; beim Hors d'oeuvre werden noch einige Anläufe zu gewöhnlicher Tischconversation gemacht, die aber, noch ehe der Fisch erscheint, gescheitert sind; mit Roastbeef und Kartoffeln wird wieder Old England rege, und bei Entremet und Gemüse sitzt man bereits mitten in der Politik. Dann kommen die Toaste an die Reihe, und nun ist kein Halten mehr. Rechte, Linke, Majorität, Minorität, Antrag, Resolution, Opportunität, Indemnität, Parität und Calamität ohne Ende, daß uns armen Zuhörerinnen die Ohren schwirren.

Und nun gar, wo nur zwei Damen an der Tafel theilnehmen und unter so viel Bärten ganz verschwinden! Unter dem meines Nachbars wenigstens wäre das für mich etwas ganz Leichtes gewesen. Hilma hätte freilich ein wenig die Zügel ergreifen können; das läßt sie sich ja sonst in keiner Beziehung entgehen, diesmal wollte sie aber offenbar nicht die liebenswürdige Hauswirthin spielen. Sie saß da gleich einer ägyptischen Pharaonenstatue, und die Löckchen flossen ihr herab wie die Schlangen vom Gorgonenhaupte. Wenn sie hätten zischen können, wäre jeder Laut Mißbilligung gewesen. Sie hält, so viel ich davon verstehe, zu der andern Partei, und es ist auch Heinrich gar nicht wohl inmitten dieser Anhänger einer neuen Weltanschauung. Er wirft zuweilen Blicke nach ihr hinüber, als wollte er sie um Verzeihung anflehen, daß ein 'Ritter von Mildner' sich solchen Umsturzideen hingiebt. Wenigstens so lange, bis er sich gehörig Muth getrunken; dann brüllt der Löwe endlich auch mit. Sie aber schweigt – vielleicht fürchtet sie, durch einen Laut die schon über Papas Haupte schwebende Freiherrnkrone im ruhigen Niedersinken zu stören. So läßt sie denn die Wogen branden.

Ich aber, als Tochter vom Hause, als die jüngere, als Mädchen, kann doch nicht den Ton angeben! Mein bärtiger Nachbar hatte wenigstens Erbarmen mit mir und unterhielt mich. Und doch wäre er vielleicht mehr als die Uebrigen veranlaßt gewesen, seine politischen Ansichten zu äußern, denn so viel ich verstanden habe, will der Großgrundbesitz auch ihn zur Wahl in Vorschlag bringen, wenigstens sind sie von allen Seiten in ihn gedrungen, anzunehmen. Er lehnt jedoch ab; seine Verhältnisse erlauben es ihm nicht. Schade, ich glaube wirklich auch, daß keiner sich so gut zum Abgeordneten eignet, wie er. Eine alle andern weit überragende Intelligenz ist auf seiner Stirn zu lesen, man muß nur Baron Weifen mit ihm vergleichen oder Graf Baumbach, den ich zu meiner Rechten hatte und der mir zehnmal während des Essens die Versicherung gab, daß ich charmant aussähe, und darüber, wie über den besten Witz, in ein Kollern kam, daß ich meinte, unser alter Puter habe sich die Treppe herauf verirrt, auch an den violetten Nasen- und Kinnlappen fehlte es nicht.

Ja, da ist kein Vergleich, selbst Doctor Kalina, der sich doch, dank seinem juridischen Scharfsinn, ein hübsches Vermögen gesammelt hat und auch im Abgeordnetenhause eine Rolle spielt, macht nicht den Eindruck einer solch überlegenen Denkkraft wie Baron Lomeda, und auch seine Beredsamkeit ist nicht von derselben ruhigen, zum Verstand, aber auch zum Herzen sprechenden Art. Da mag wohl schon die tiefe wohllautende Stimme mitwirken, aber den Ausschlag giebt doch Inhalt und Auffassung. Ich will übrigens gar nicht leugnen, daß ich vielleicht etwas bestochen bin. Baron Lomeda brachte nämlich den einzigen nichtpolitischen Toast aus. Nicht eben einen neuen, aber einen, den wir uns immer wieder gern gefallen lassen – auf die Frauen nämlich.

Ich merkte wohl, wie es Hilma einen Stich gab, daß er nicht 'Damen' sagte, aber gerade das hat mich gefreut. Und wie er sprach, konnte er auch nicht recht die 'Damen' meinen. Es war kein Preisgesang, bei dem man sich immerfort schämen muß, in eine Reihe mit den Engeln gestellt und mit allerlei überirdischen [123] und unmöglichen Tugenden ausstaffirt zu werden. Es war auch keines jener Brillantfeuerwerke, wo wir nach all dem Rauch und Geprassel schließlich doch nicht viel besser dastehen als die leeren Raketenstöcke, sondern ein einfaches Lob der Frau in ihrem segensreichen Wirken in Haus und Welt, vor Allem, wo sie ihrer schönen Aufgabe gerecht werde, dem Manne treulich zur Seite zu stehen, ihn zu fördern und zu unterstützen und ihm stets ein friedliches Heim zu bieten, in welchem er ausruhen und sein Gemüth erfrischen könne, das sonst verdorren müßte im Wüstenbrande des Welttreibens.

Es ist wahr, das sind keine neuen Gedanken; jetzt, wo ich sie niederschreibe, weiß ich, daß ich sie schon oft gelesen; aber freilich stehen mir auch die Worte nicht mehr zu Gebote, welche er dafür gebrauchte. Und wie sie ihm so von den Lippen flossen, da war es gar nicht, als ob er eine einstudirte oder auch nur improvisirte Rede hielte, sondern es kam wie ein Strom tiefen Gefühls, der Erinnerung entsprungen; es glich der Schilderung eines Bildes, das, in's Leben zurückgerufen, klar vor seinem feuchten Auge stand. Ja, ich habe die Thräne deutlich gesehen, da er zum Schlusse mit mir als seiner Nachbarin zuerst anstieß.

Der Arme! Es ist kaum anderthalb Jahr, daß er seine Frau verlor. Er scheint ihr ein treues Andenken bewahrt zu haben. Und dennoch erwähnte er ihrer über Tisch nicht ein einziges Mal gegen mich. Erst nachher sagte mir Papa, daß er vor drei Jahren seine Cousine geheiratet habe. Er selbst erzählte mir nur von seinem kleinen Mädchen, von Riefling, und dann von Italien, wo er ja auch gewesen ist, da er ursprünglich für die diplomatische Carrière bestimmt war, aus der ihn erst der plötzliche Tod seines Vaters riß. Nach Hilma's Andeutungen war er zur Uebernahme des Gutes gezwungen, wenn er es noch retten wollte, da der alte Baron Lomeda ein großer Lebemann gewesen und ganz zerrüttete Vermögenszustände hinterlassen; das werden wohl auch die Verhältnisse sein, die ihn verhindern, ein Mandat anzunehmen.

Er will einige landwirthschaftliche Einrichtungen von Papa übernehmen und sagte mir, daß er in nächster Zeit wiederholt nach Sternberg herüberkommen werde, worauf ich ihm in aller Aufrichtigkeit versicherte, daß mich das sehr freuen würde. Ich muß das ein bischen lebhaft gesagt haben; denn er blickte mich darauf so überrascht an, daß ich ganz verlegen wurde. Ich muß dunkelroth geworden sein, wie das einfältigste Gänschen; was wird er von mir gedacht haben!

Wir haben ein Gefühl gemein: den Schmerz. Er wie ich, wir trauern Beide um unsere Todten.“

Lange sah die Lesende auf den letzten Satz hin. Eine leise Röthe trat in ihre feinen Züge, die dabei eine eigene Durchsichtigkeit gewannen.

„19. Mai.

So ist es denn da,“ las sie weiter, nachdem sie einige Blätter umgewendet hatte, „wirklich und wahrhaftig da, das Unerhörte, Widerwärtige, nun ist es nicht mehr möglich, vor ihm die Augen zuzuthun, in der Hoffnung, daß es vielleicht doch noch vorübergehen würde, wie die drohende Wolke ohne Gewitter. Es ist niedergegangen, die Erklärung erfolgt, und sie wird nicht mehr zurückgenommen werden. Ich habe es an dem entschlossenen Ausdruck und den Falten auf der Stirn gesehen, als ich Papa mit gerungenen Händen beschwor, uns nicht die Schmach anzuthun, die er uns verkündete.

Kann ich ihn denn noch Vater nennen? Mir ist, als erstarrte mir das Wort auf der Zunge.

Mutter soll ich diese Heuchlerin nennen, die sich in das thörichte Herz eines alternden Mannes listig einzuschmeicheln wußte? Diese ehemalige Dienerin meiner lieben guten Mutter soll jetzt deren Stelle einnehmen, ihren Titel führen, ihre Rechte auf unsere Liebe und Achtung erben? Nimmermehr! nimmermehr! Für mich kann sie nie etwas anderes sein, als die ehrgeizige, ihre Ränke spinnende Wirthschafterin. Ich kann an ihr vorüber gehen, als ob sie nicht vorhanden wäre, ihr aber Gehorsam, Neigung, Ehrerbietung zollen, all das, was auch von einer Stieftochter gefordert wird – niemals!

'O Mutter, warum hast Du Deine Kinder verlassen? Unter diesem Dache ist kein Raum mehr für mich; thu' Dein stilles Grab auf und nimm mich auf in Deine Arme!'“

Der nächste Tag gab schon ein neues Stimmungsbild:

„20. Mai.

Ich muß wohl sehr verwirrt ausgesehen haben, als ich gestern an der Straße saß. Das Weh, der Zorn, die Verzweiflung hatten mich hinausgetrieben, und ich habe, während ich in die sinkende Sonne sah, wohl davon geträumt, wie es wäre, wenn ich so fort ginge auf der Straße, immer weiter und weiter ohne umzukehren, bis an das Ende der Welt. Sicherlich stand mir das auf der Stirn geschrieben, oder das ernste milde Auge Baron Lomeda's weiß tiefer in die Seele zu blicken als jedes andere, daß er, nachdem er den Wagen hatte halten lassen, sich so ohne Weiteres zu mir auf den Grabenrand setzte und mir weich und herzlich zuzureden begann, ich möge doch nicht so traurig sein.

Ja, es ist etwas in ihm, das zu mir spricht, wie die Stimme eines lieben treuen Bruders, nur daß ich Lomeda nicht mit meinen beiden Brüdern vergleichen will. Weder Heinrich noch Richard haben diesen Ton je gefunden. Es ist ein Geschwistergefühl, wie ich es leider nur aus Schilderungen Anderer kenne, die glücklicher sind als ich.

Hab' ich ihm das gesagt? Es mußte so sein, ich war ja meiner Worte und Gedanken kaum mächtig, während mir die Thränen von Neuem aus den Augen strömten, und sicherlich hätte er sonst nie gewagt, den Arm um mich zu schlingen und meinen Kopf an seine Schulter zu legen, wie man es allenfalls mit einem Kinde thut.

'Armes Kind!' sagte er und forderte mich auf, mich von dem feuchten Grase zu erheben und nach dem Schlosse zurückzukehren.

'Ach,' erwiderte ich, 'ich möchte, daß ich nie mehr heimzukehren brauchte – ich habe nun ja doch keine Heimath mehr.'

Er drückte meine Hand und sagte nach einer kleinen Pause mit seltsam zitternder Stimme, die mir das Herz fast stocken machte:

'Ich möchte Ihnen eine neue anbieten, Fräulein Lisa, wenn ich hoffen dürfte, daß Sie sich in derselben glücklicher fühlen werden.'

Ich war so erschrocken, daß ich keine Antwort fand, und er schien auch auf keine gewartet zu haben, sodaß wir eine ganze Weile still neben einander hergingen. Die Frage hatte ich wohl verstanden, aber sie war mir, was auch Hilma voll hämischer Anzüglichkeit hatte fallen lassen, so unerwartet gekommen, daß ich mich nicht zu fassen vermochte. Du, Buch meines Vertrauens, weißt ja, daß ich auch nicht mit einem einzigen Gedanken je die Möglichkeit erwog, in Lomeda einen Freier zu sehen. Glaubt sie, ich könne so rasch den Aschenkrug vergessen, in dem ich meine Liebe bestattet? Es giebt Naturen, die nur einmal sich diesem Himmelsfunken erschließen. Könnte er jemals erlöschen, zerfiele auch das Herz in Staub.

Nein, ich liebe ihn nicht, und ohne Liebe eine Ehe einzugehen, habe ich bis heute für eine Unmöglichkeit gehalten.

Zum Glück – nun ja, es mag stehen bleiben, da ich es schon einmal geschrieben habe – ich hoffe wenigstens: 'zum Glück' kam er dem schon in mir heraufschwellenden Worte zuvor. Er hatte eine Brieftasche hervorgezogen und nahm aus derselben eine Photographie, die er mir reichte.

'Sie lieben ja Kinder,' sagte er dabei, 'könnten Sie meinem Gretchen eine liebevolle Mutter sein?'

Es war ein herziges Kindergesicht, das mich wunderlich mit den erstaunten großen Augen unter den kurzen krausen Löckchen hervor anzusehen schien. War es doch, als lächle es – und indem ich es jetzt ansehe, ist es mir wieder, als lächle es und wolle ein süßes Wort lallen. Ja, ja, Du liebes, liebes kleines Wesen, Dich muß man küssen!

Es war ein so plötzliches stürmisches Empfinden über mich gekommen; es mag Mitleid, Erregung gewesen sein, vielleicht auch ein rein physischer Nervenreiz; die Thränen waren ja nur künstlich gestaut; ich drückte das Bildchen an die Lippen; dann war ich beschämt über die Auslegung, die man solcher Zärtlichkeit geben konnte, und wollte etwas zur Entschuldigung stammeln, aber ich kam nicht über 'den holden Engel' hinaus; ich brach auf's Neue und so heftig in Weinen aus, daß er mich wohl für eine hysterische Närrin gehalten haben muß.

Und ich fand nicht einmal Zeit, mich zu beruhigen und eine Erklärung meines ungereimten Verhaltens zu geben; denn Papa, der den vorausgefahrenen Kutscher im Hofe gesehen hatte, war uns entgegengekommen, und da ich mich vor ihm nicht so zeigen wollte, schlüpfte ich davon.

[124] Es erschien mir schon sonderbar, daß Baron Lomeda nicht wie gewöhnlich zu Thee blieb; meine Zweifel, ob ich dazu hinabgehen oder mich entschuldigen lassen sollte, wurden bald behoben, denn Papa kam selbst zu mir, um mir zu sagen, daß der Baron um mich angehalten. O, wie muß es ihm selbst darum zu thun sein, mich aus dem Hause zu haben, da er mir so eindringlich aus einander setzte, wie sehr diese Verbindung auch zu seinen Wünschen stimmen würde!

Wohl kann es ihm nicht angenehm sein, einer störrischen Miene, gleich der meinigen, alltäglich zu begegnen. Ich habe aus jedem seiner Worte die Absicht herausgehört, mich bald zu entfernen, um dann auch um so eher mehr Freiheit für sich selbst zu erhalten.

Er fühlt es, wie ich, daß mein Platz hier nicht mehr ist. Er drängt, und ich verstehe dieses Drängen. Habe ich denn auch noch einen andern Ausweg?

Wenn ich auch wollte: alle meine Talentchen reichen nicht zu, daß ich mit ihnen als Lehrerin mein Brod verdienen könnte, und selbst wenn ich es wagen und insgeheim entfliehen wollte, Papa würde mich ausforschen, mit Gewalt wieder zurückbringen lassen. Ich habe nur die Wahl: Sternberg, Selikau oder – Riefling.

Ach, ich habe ja eigentlich schon gewählt, wenn ich mir auch drei Tage Bedenkzeit ausbat und zur Bedingung machte, daß man mich unterdeß nicht zu überreden suche. Eine Gnadenfrist, nichts weiter, und ich wollte fast – es wäre die Qual derselben vorbei!“ – –

Nun fiel Blatt um Blatt von der Rechten zur Linken, hastig, als ob der Herbstwind vergilbtes Laub herüberwehte; erst bei der letzten längeren Aufzeichnung, da, wo das letzte Drittel des Buches begann, hielt die kleine blätternde Hand inne.

„3. September.

Heut' ist mir, als müßt' es ein Gebet sein, das ich hier niederschreibe. Ich will mich in Allem den übernommenen Aufgaben würdig zeigen, und Gott wird mir helfen, sie zu erfüllen.

Der letzte Tag!

Eine Unruhe ist in mir, die unbeschreiblich ist. Weihe kann ich das nicht nennen; denn Weihe ist hohe Ruhe im höchsten Erfassen der Bestimmung und des Augenblicks, und dennoch ist etwas davon lebendig in meiner Brust, und das leise Zagen, das mich just im letzten Augenblicke überkommt, ist doch eigentlich weit entfernt von dem Wunsche, alles wieder rückgängig zu machen. Nein, nein, das wollte ich nicht, selbst wenn ein ganzes Jahr wie ein Traum aus meinem Leben gelöscht werden könnte.

Ein Jahr, und auch das nicht einmal voll! Was ist doch das Menschenherz? Wie steht es mit den Vorsätzen, die wir fassen? Verzeih, du Ferner, wenn ich untreu geworden! Heute darf ich noch einmal dein gedenken; morgen verbietet es mir die Pflicht und mein eigener Wille. Dir habe ich ja mein Wort nie gegeben – ihm will ich es halten.

Wie sie sich Alle entsetzen würden, wenn ich plötzlich zurücktreten wollte! Papa wäre wohl sehr ungnädig. Wie zeigt er seine Freude, und mit welch kostbarem Schleier – es sind echte points d'Alençon – und welch reizender Brauttoilette er mich überrascht hat, wie reich er alles veranstaltet! Es ist, als wolle er das ganze Fest recht blendend hell arrangiren, damit gleichsam im Schatten desselben das andere verschwindet, das er sich selbst im Laufe der nächsten Woche bereiten will. Es war doch am Ende auch rücksichtsvoll, seine Heirath so lange zu verschieben, damit nicht morgen an der Tafel die neue Hausfrau präsidirt. Ich glaube wohl, sie würde sich entsetzen, wenn mich ein plötzliches Bedenken verhindern sollte, ihr den Platz zu räumen.

Aber ich will nicht boshaft sein, und es ist nicht recht, mit solchem leichtfertigen Gedanken zu spielen. Doch was kann ich dafür, daß er mir schon mehr als einmal gekommen ist?

Eigentlich möcht' ich nur wissen, wie es ein Einziger – wie es mein künftiger Gatte aufnähme. Ob wohl Witold einen tiefen Schmerz darüber empfände?

Manchmal meine ich beinahe, es würde ihm gleich sein. Doch es liegt dieses ruhige, gelassene, gleichmäßige Wesen wohl in seiner Natur, und das flößt mir eigentlich mehr Respect ein, als nach meiner Ansicht zu einer glücklichen Ehe eben nöthig wäre. Zu Zeiten glaube ich sogar, mich ihm widersetzen zu müssen, aber mein Trotz schmilzt sogleich hin, wenn ich in diese dunkeln, tief und weichblickenden Augen schaue, die mir wie ein melancholischer Bergsee zwischen ernsten Felsen und düsteren Tannen erscheinen, in denen sich doch die Himmelsbläue spiegelt. Und er ist so gütig; wie hat er alle meine Wünsche zu Rathe gezogen! Sogar die ganze Einrichtung in der Stadt, wohin wir nun doch ziehen, da er das Abgeordnetenmandat angenommen hat, ließ er genau nach meinen Zeichnungen anfertigen. Er ist nicht feurig und enthusiastisch wie ein – Liebender, aber wäre mir denn das auch recht? Es würde mich beengen, mich erkälten, mich zurückstoßen. Wir haben ja erst so wenig mit einander verkehrt. Daß er mir aber gut ist, das glaube ich, und ich will ihn achten und verehren und sein treues Weib sein, ja mehr als das – muß ich es doch morgen selbst an dem Altare geloben – ich will mir Mühe geben, ihn allmählich auch lieben zu lernen.

Liebe ich ja doch schon sein Kind wie das meine! Wie könnte ich aber auch nicht? Wie süß ist das kleine Ding, wie froh aufjauchzend hat es die Aermchen mir entgegengestreckt, als er es zu uns herüberbrachte für einen Tag! Gewiß sagt auch schon diesem winzigen Geschöpfe eine natürliche Ahnung, wie tief ich es in mein Herz geschlossen habe.

Morgen, morgen, lieb' Gretchen, ist dein Mütterlein bei dir, und dann bleiben wir beisammen, nicht nur für einen Tag, sondern für immer und immer.

Ja, ich hoffe es, wir werden glücklich sein.“ –

Darnach aber begann der neue Abschnitt. Er enthielt nur eine einzige, in großen, weit kräftigeren Schriftzügen hingeworfene Zeile:

Sie lautete:

„Märchenbuch, klapp zu! Träume sind nicht für's kahle Leben.“ – [137] Mit den skeptischen Schlußworten, denen nichts weiter folgte, stand auch das Bild, dem sie gewissermaßen als Unterschrift gedient, wieder lebendig vor der Seele der Baronin: ihr eigenes Bild, wie sie am Abend ihres Hochzeitstages mit gebanntem Fuße auf der Schwelle zu ihres Gatten Zimmer gestanden.

Dem rauschenden Festmahle vor Schluß entflohen, waren sie Seite an Seite der Heimath zugefahren, die er ihr damals im Frühling am Straßenrain angeboten, und mit einem herzlichen Kusse, so warm, wie sie noch keinen gefühlt, hatte er sie auf der Vortreppe, nachdem er sie mit kräftigem Arme aus dem Wagen und an seine Brust gehoben, willkommen geheißen.

Dem Wittwer stand ein großartiger Empfang nicht an; ohne Ansprache, ohne Böllerschüsse, ohne feierliche Vorstellung der Dienerschaft führte er sie ein durch die nur schlicht mit Epheu verzierte Pforte in das kleine Haus, in dem sie von nun an herrschen sollte, in ihre Gemächer, von denen sie über den Garten hinweg nach den blauen Bergen sah. Sie aber hatte alledem nur ein flüchtiges Auge geschenkt und sich darnach gesehnt, ihr Mutteramt anzutreten. Die Kleine auf dem Arme, war sie bald wieder die Treppe hinabgeeilt; mit seinem Kinde, frischrosig, wie es aus dem Schlafe erwacht, wollte sie den Vater überraschen und schlich sich sachte durch den Speisesaal und das anstoßende Bücherzimmer; kannte sie doch das ganze Haus nach seiner Zeichnung und Beschreibung längst so genau, daß sie sich darin heimisch fühlte, als hätte sie immer da gelebt.

Und jetzt stand sie an der Portière, das liebliche Krausköpfchen zärtlich an ihre rosig erglühende Wange gedrückt, damit kein Laut von des Kindes Lippen den geglückten Ueberfall vorzeitig verrathe. Der Ton einer ihr fremden Frauenstimme hatte sie stutzen gemacht. Die alternde Dame, welche sie durch den nur lose zugezogenen Vorhang deutlich sehen konnte, war wohl die Mutter von Witold's erster Frau, und das große Bild dort über dem Schreibtische, dessen Züge sich auf diese Entfernung und bei dem dämmerigen Abendlichte nicht mehr genau unterscheiden ließen, stellte ohne Zweifel diese Letztere selbst vor.

„O, daß sie Dein Haus nicht weiter beschützen konnte!“ sagte die Dame mit einem Seufzer zu dem Bilde hinaus, und auch Witold sah auf dasselbe hin.

„Sie war sein guter Engel, und ich werde sie nie vergessen,“ sagte er, fügte aber fast unmittelbar hinzu: „Nun aber, Mama, thu mir die Liebe und begrüße Lisa!“

„Es wird mir schwer fallen. Aber freilich, Du konntest nicht anders. Die Mitgift kommt Deinem Besitzthume zugute, dem Erbe Deines Kindes. Ohne diese Hülfe hättest Du nie vermocht, die politische Laufbahn einzuschlagen. Du hast ihr eben dafür Rang, Namen und Stellung gegeben. Es war ein Tausch.“

„Ein ungleicher, Mama. Es wäre besser gewesen, ich hätte ihr mein Herz gegeben.“

Er brach ab; denn er glaubte einen Laut wie Kindeslallen, ein leises Geräusch wie das Knittern eines Frauenkleides zu vernehmen; als sie nachsahen, war nichts zu finden, was die Störung hätte erklären können.

Steif und eisig kalt war darauf oben im Salon die Begegnung der beiden Frauen vor sich gegangen, die wegen vorgeschützter Kränklichkeit der Gräfin bis zu diesem Augenblicke verschoben worden war. Der Besuch hatte nur Minuten gewährt, und als unmittelbar darauf der Gatte bei seiner jungen Frau erschien, sie vor dem Thee noch zu einem kurzen Spaziergang durch den Park aufzufordern, erklärte sie sich zu müde dafür und sprach den Wunsch aus, allein zu bleiben.

„Zuvor jedoch wollen wir uns noch in Kürze klar zu einander stellen,“ sagte sie, und wies Witold, wie einem fremden Besucher, einen Platz gegenüber dem Sopha an, in dem sie selber saß. Ein böser Zauber schien sie in der kurzen Frist, seit sie sein war, vollkommen verwandelt zu haben. Dem kalten, apathisch klingenden Ton ihrer Stimme widersprachen die brennenden Flecke auf ihren Wangen unter den halbgeschlossenen Augen, die ihn für ihre Gesundheit erbangen machten; dennoch konnte er sich nur an ihre Aeußerungen halten.

„Mir scheint es nothwendig,“ begann sie nachdrücklich, „daß wir einander verstehen, damit keines von uns beiden späterhin Ursache habe, sich zu beklagen, daß unser gemeinsames Haus von allem Anfang an auf einer falschen Basis aufgebaut worden. Ich entbinde Dich meinerseits allen Zwanges, den Du Dir mir gegenüber vielleicht aufzuerlegen willens warst. Ich wüßte ihn nicht zu würdigen und Dich müßte er mit der Zeit bedrücken. Wir wollen uns als Compagnons betrachten, mit gleichwerthigen Einlagen, die sich ohne Zank in den Ertrag theilen, im Uebrigen aber sich so wenig wie möglich Störung verursachen. Es bedarf keiner Betheuerung der Freundschaft, wie sich jeder Zwiespalt von selber ausschließt. Wenn ich mich kaufmännischer Ausdrücke bediene, so geschieht das, weil sie die nöthige Klarheit geben und das Verhältniß, in das wir zu einander getreten sind, ja [138] eigentlich nichts weiter ist als ein – geschäftliches. Dir ist die politische Laufbahn eröffnet; ich habe dafür Rang, Namen und Stellung empfangen. Ich weiß es wohl, es war eben – ein Tausch.“

Sie hatte sich nicht enthalten können, mit scharfem ironischem Hervorheben dieselben Worte zu gebrauchen, die sie vor Kurzem erst mit angehört und die noch immer in ihrem Innern nachklangen.

Sie trafen auch ihn, denn daß sie nur seine eigenen Worte wiederhole, wollte ihm nicht zu Kopfe. Sprachlos, mit wachsender Bestürzung hatte er ihr zugehört. Er traute seinen Ohren nicht, und unenträthselbar erschien ihm, was vorgegangen und diese häßliche Veränderung hervorgebracht. Bei ihren letzten Worten aber war er aufgesprungen und hatte ihre Hand erfaßt, die Hand seiner Braut, des hülflosen armen Kindes, das vor wenigen Monaten noch weinend an seiner Schulter gelehnt. Halb zürnend, halb beschwörend wollte er sie umfassen.

„Aber Lisa,“ rief er, „so darf man nicht scherzen. Sprichst Du in Phantasien? Besinne Dich, komm zu Dir! Was hast Du?“

Vor dem eisigen Blick der sich steif und zurückweisend Aufrichtenden erstarrte jede Vertraulichkeit.

„Ich bin vollkommen bei Besinnung, Herr Baron. Es bleibt so.“

Und es war so geblieben von dem Moment an, Wochen, Monate, Jahre hindurch.

Fremd und kalt waren sie neben einander hergegangen, jedes seine eigenen Pläne und Ziele verfolgend, nur äußerlich mit einander verbunden, eine „durchaus glückliche Menage“ in den Augen der Menschen, indeß sie sich innerlich immer kälter und in ausgeprägter Gleichgültigkeit von einander abwandten.

Es war ein Tausch. Gut oder schlecht – er war geschlossen, und man mußte sich hineinfinden.

O nein, sie war auch diesmal nicht gestorben; sie hatte sich kein Leid angethan, und selbst ihre Gesundheit that ihr nicht, wie bei dem ersten Verlust, den Gefallen, in's Schwanken zu gerathen. Doch diesmal sperrte sie sich auch nicht ab. Im Gegentheil, sie nahm das Leben, wie es war. Nicht wieder in träumerischen Ueberschwänglichkeiten hatte sie sich verloren, sich nicht mit sentimentalen Tagebuchblättern abgefunden. Das waren die Kinderjahre des „zugeklappten Märchenbuches“.

Nicht eben glücklich, wie sie gehofft – wem war das wohl beschieden? – nur eine Weltdame war sie geworden.

Und eben darum, weil die Dinge so lagen, stand es ihr ja frei, spielend zurückzublättern in dem lange vergessenen, aus einem verstaubten Fache des Schreibtisches hervorgeholten abgeblaßten Maroquinband, Briefe und auch Besuche anzunehmen von dem, der einst zu jenem Bilde da gesessen. Was für ein thörichtes Bedenken hatte sich in ihr gesträubt? Durfte da nicht ein trotzig bitteres Lächeln ihre Lippen kräuseln?

Jawohl: was lag daran? Wem lag daran?




3.

Das wüthende Gebell, mit dem Frip plötzlich von dem Polster unter dem Schreibtische, auf welchem er bisher geschlafen hatte, emporfuhr, war nicht blos die Ankündigung eines Besuches, sondern galt vielmehr einem sich nahenden Gegner, und seine Herrin hätte einzig aus dem leidenschaftlichen Gebahren des streitbaren Thierchens auf die Person des demnächst vor ihr Erscheinenden rathen können, auch wenn das Säbelklirren, die raschen Schritte auf dem Parquette des Salons nebenan und die laut nach ihr fragende Stimme ihres Bruders eine solche Schlußfolgerung nicht unentbehrlich gemacht hätten.

Von seiner bevorrechteten Stellung in diesem Hause Gebrauch machend, wartete der junge Ulanenofficier nicht auf das Ergebniß einer langweiligen Anmeldung; in gewohnter Rücksichtslosigkeit erzwang er sich ohne Weiteres den Zutritt, zugleich aber auch für seinen Begleiter. Da stand dieser nun mit einem Male und, für diesen Moment wenigstens, unerwartet vor Lisa, die, so lebhaft sie sich auch eben in dieser Minute mit ihm beschäftigt hatte, nunmehr doch überrascht von ihrem Sitze auffuhr, das Tagebuch, als hätte es zum Verräther werden können, zuschlug, und im ersten Augenblicke kein Wort der Begrüßung fand, ja sogar den Blick unruhig und befangen von seinen fest auf sie gerichteten Augen abwandte.

Glücklicher Weise half ihr der Bruder mit seinem geräuschvollen Wesen plaudernd über diese seltsame stumme Begrüßung hinweg.

„Bin ich nicht ein guter Kerl, daß ich Dir Steinweg selber daher bringe, statt mich ein wenig auf's Ohr zu legen und den versäumten Schlaf nachzuholen?“ rief er munter, indem er sich in einen tiefen Lehnstuhl warf und seinen Begleiter ungenirt zum Sitzen einlud. Mit einem geschickten Griffe hatte er Frip beim Genicke erhascht, trotz allen Sträubens zu sich heraufgezogen und gezwungen, in dieser keineswegs ruhigen Kriegsgefangenschaft auszuharren und die zweifelhaften Zärtlichkeiten des frischen Soldaten entgegenzunehmen.

„Nun,“ fuhr er zur Schwester gewendet fort, „Du sagst einem nicht einmal Dank für so viel Aufopferung? So ist es, nichts wird anerkannt. Ruhig, Frip, kaffeebrauner Köter! Auch Dir steckt der Undank im Blute, und thue ich nicht mein Möglichstes, Dich aus einem verschlammten Wohlleben aufzurütteln? Pfui, schäme Dich! Wir müssen uns trainiren. Sieh, nimm Dir ein Beispiel! Die ganze Nacht tanzen, den Kopf in's Wasser und darauf den ganzen Morgen reiten, Nachmittags Pionierdienst, Taktik, Waffenlehre, Befestigungskunst. Hast Du Respect? Man ist nicht umsonst in die Centralschule commandirt. – Ja, was hast Du eigentlich zu der Toilette der Silberbach gesagt? Brillant, was? Sie sticht Euch alle aus. Aber wie sie tanzt! Wer es zuwege bringt, ihr nicht auf die Füße zu treten, der ist ein Meister in der Zauberei. Sie schiebt sie einem eigens unter nach einem nicht kunstvollen, aber bewährten Recepte. Die kleine Seltheim – ein netter Käfer, aber ein heillos böser Schlingel – meint, sie thue es nur, um ihr Gewissen zu beruhigen und an den unglücklichen Zehen ihre vielen kleinen Sünden abzubüßen, die sie bis zum großen Versöhnungstage vergessen würde. Für den behält sie aber wohl nur die großen auf – Festungsgeschützkaliber. Wahrhaftig, ich könnte für die kleine nette Kröte schwach werden, wenn ihre Mama nicht jeder Begeisterung im Wege stände. Himmel, solch eine Schwiegermutter! Wenn sie täglich decolletirt zu Tische käme, würde ich den ganzen Appetit verlieren. Apropos, hast Du nicht ein Schnäpschen und ein Stück Pastete oder dergleichen? Schade, daß man bei Dir keine Cigarre findet! Aber Witold könnte mir aushelfen. Schläft er noch, oder vernichtet er schon wieder irgend ein Ministerium?“

Die Antwort, daß derselbe nach Sternberg geeilt sei, ging in dem Gequieke des kleinen Märtyrers beinahe verloren, den Richard zur Abwechselung einmal bei dem Stummel seines der Mode zum Opfer gefallenen Appendixes kopfunterwärts emporhob. Zu den Klagelauten wie zu dem lebhaften Einspruche seiner Schwester lachte er nur.

„Schlechte Rasse! Da solltest Du einmal meinen Pinscher sehen und mit welch stoischer Ruhe er diese Prüfung über sich ergehen läßt. – Frip, nichtswürdige Bestie, versuche Deine Zähne nicht an dem kostbaren Rehleder meiner Handschuhe! Es sind ganz neue dreiknöpfige. Du hast es verscherzt, jemals die Bekanntschaft meines Pinschers zu machen. Nur einem Gentleman wird solche Ehre zu Theil. – So, nach Sternberg? Was will er denn bei Hilma? Was glaubst Du, wer von ihnen die Hagerere ist, sie oder die alte Seltheim? Man könnte an ihnen vergleichende Anatomie betreiben. Brrr! Da laß Dir von Steinweg einmal von den Polakinnen erzählen! Das muß ein Schlag sein, den man sich gefallen lassen könnte. Halt da, Frip, nicht ausgerissen! Wir haben noch ein Wörtchen mit einander zu sprechen. Gestatten Sie, mein Herr, daß ich mich Ihrer Erziehung noch weiter annehme! Sie ist sehr vernachlässigt. – Was soll ich damit?“

„Lesen!“

Es war die Depesche, welche Lisa aus ihrer Tasche gezogen und ihm gereicht hatte, da sie sich eben erst derselben erinnerte. Indem sie die Pause benutzte, suchte sie ein Gespräch mit Rittmeister Steinweg anzuknüpfen, aber noch war sie nicht über die ersten gezwungenen Worte hinaus gekommen, als sie ein Ausruf ihres Bruders wieder unterbrach.

„Oho! was ist da los?“ fragte er.

Seine Schwester zuckte mit den Achseln; sie nahm den gequälten Flüchtling auf, der den Moment der Ueberraschung benutzt hatte, seinem Peiniger zu entrinnen, und der nun bei seiner Herrin Schutz suchte.

[139] „Richard entwickelt eine eigene Grausamkeit gegen Thiere,“ sagte sie zu Steinweg, der ihr stumm gegenübersaß und dessen fest auf sie gerichteter Blick beunruhigend wirkte. „Deshalb muß er auch so häufig mit seinem Stalle wechseln. Er überanstrengt seine Pferde. Haben Sie noch den scheuen Schimmel?“

„Nun, das scheint denn doch über den Spaß zu gehen!“ fiel hier Richard ein, der, nur mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, eine Weile an seinem kleinen braunen Schnurrbart gedreht hatte. „Und Witold ist also wirklich abgereist? Ja, was sagt denn er dazu?“

„Ich meine, wir können das später noch besprechen.“

Der junge Officier war jedoch zu sehr aufgeregt, um auf dies Ausweichen einzugehen.

„So ist es also thatsächlich etwas Bedrohliches?“ sagte er. „Es hat mich gleich so eigenthümlich gefaßt. Ei was! Steinweg ist ja mit unseren Verhältnissen genugsam bekannt; vor ihm habe ich keine Geheimnisse. Er wird auch nicht sofort an die Börse laufen und aus der Neuigkeit Capital schlagen. Wir sind keine Jobber und speculiren nicht. Man kann aber auch nicht fordern, daß ich mir mit einer solchen Nachricht in der Tasche ruhig die Zähne stochere. Das sieht ja wie eine partielle Explosion aus. Was sagt Dein Mann?“

„Fatalitäten könne es wohl geben,“ gestand sie mit dem Ausdrucke des Widerwillens.

„Fatalitäten, ja, das glaube ich!“ rief Richard ungestüm aufspringend aus. „Aber ich will nicht darunter leiden, ich wahrlich nicht, alle Teufel! Sagte ich's nicht schon Papa immer, er solle mich unabhängig stellen? Aber da hieß es: Richard ist leichtsinnig, Richard versteht nichts vom Gelde, Richard ließe sich in einem halben Jahre ausplündern und fiele dann nur der Familie zur Last. Mit einem Wort, Richard war ein Windelkind. Mich bis zur Volljährigkeit unter die Vormundschaft Heinrich's stellen – Heinrich's, der selber eines Vormunds bedürfte; mich mit halbjährigen Interessen an die Masse verweisen; mich damit zu allerlei Kunststücken zwingen, die mich über Wasser erhalten müssen, bis ich endlich in Besitz meines Vermögens gelange – das scheint allerdings eine meisterhafte Einrichtung gewesen zu sein. Nun kann ich zusehen, wie ich zu meinem Rechte komme.“

„Es wird ja nicht so schlimm sein, Freund,“ suchte Steinweg beruhigend einzuwerfen. „Ein Haus Mildner!“

„Es sind noch ganz andere in die Brüche gegangen. Du kannst freilich die Dinge leicht nehmen, hast eben eine hübsche Erbschaft eingesackt; aber mir lebt kein so liebenswürdiger Onkel, dessen Tod mir den Verlust ersetzen würde. Ich kann keinen Heller verschmerzen von dem, was mir rechtmäßig zugefallen.“

„Ich begreife Dich nicht, Richard,“ ließ sich seine Schwester mit ernstem Tadel vernehmen. „Zu solchem Lärm ist ja die Sache doch nicht angethan. Du bist jedenfalls sichergestellt.“

„Nach Frauenansicht,“ fiel er heftig ein. „Ist es nicht schon merkwürdig, daß Witold herbeigerufen wird? Was kann Alles ohne mein Beisein abgemacht werden!“

Die Brauen der jungen Frau zogen sich etwas zusammen, und mit zurückweisender Hoheit entgegnete sie nachdrucksvoll:

„Zu Deinem Nachtheil sicherlich nichts, wo er mitspricht.“

Die knappe, doch von der Ueberzeugung geführte Vertheidigung, zu der das Rechtsgefühl sie unwillkürlich gedrängt, blieb nicht ohne Eindruck auf den Erregten; dennoch vermochte sie ihn nicht ganz zu beschwichtigen.

„Immerhin ist es sonderbar, daß ich keiner Mittheilung gewürdigt wurde,“ sagte er. „Ich sollte doch meinen, mich gingen die Dinge draußen in Selikau und Sternberg ebenfalls an. Es mag Heinrich passen, mich in Ungewißheit zu erhalten, nicht so aber mir. Ich werde sofort Urlaub verlangen und mir erlauben, meine eigene Nase hineinzustecken. Ich habe keine Minute zu verlieren – –

Nachdem er spornstreichs davongestürmt, trat eine unangenehme Pause zwischen den Zurückgebliebenen ein. Die von Steinweg zustimmend aufgenommene Bemerkung, daß sich solch ein sanguinisches Temperament leicht übertriebenen Befürchtungen hingebe, war nicht der Ausdruck von Lisa's eigenthümlicher Empfindung; dieselbe verriet sich deutlicher in dem fast verächtlichen Ausdruck um den Mund, welcher bezeugte, daß sie des Gefühls, welches die haltungslose, egoistische Art ihres Bruders hinterlassen, nicht so unmittelbar Herr zu werden vermochte. Dann aber kam ihr das peinigende Bewußtsein ihrer Lage; dieses unvorbereitete Alleinsein mit dem Manne, der ihre Phantasie seit Stunden beschäftigte, verursachte ihr Unbehagen. Sie war noch nicht einmal angekleidet, ihr Haar noch ungeordnet; vielleicht sah man noch die Spuren der durchwachten Nacht an ihren Lidern, und sie hatte sich doch so schön wie möglich machen wollen, um ihn bei sich zu empfangen; nun war das Alles anders – ganz anders gekommen. Welchen Eindruck mußte sie auf ihn machen?

Für die Rathlosigkeit des Moments mußte Frip den Ableiter bieten. Im wurden Liebkosungen zu Theil, die ihn für alle erlittenen Torturen reichlich und auf ein ganzes Lebensalter hinaus entschädigen mußten. So, den Kopf über ihn geneigt, die zarten, weißen, halb von Spitzen verhüllten Finger tief in dem braunen Fell des Lieblings vergraben, fing sie nur ein einziges Mal flüchtig einen Blick aus Steinweg's Augen auf, und dieser Blick bewirkte, daß sie den Kopf noch tiefer senkte.

Eine Weile sah der Officier dem Spiele dieser schönen kleinen Hände zu, deren Kunstfertigkeit dort die angefangene Aquarellskizze auf der kleinen Ebenholzstaffelei am Fenster, hier gegen die Ecke das Pianino verrieth; dann sagte er lächelnd, jedoch mit gespanntem Blicke:

„Sie haben mich zuvor um meinen Kiaffar gefragt, so erinnern Sie sich doch noch dessen?“

Rasch, wie wenn es ihr darum zu thun wäre, sich von einer Anschuldigung frei zu reden, fiel sie ein:

„Ich habe mich immer für schöne Pferde interessirt, und hätte ihn gar zu gerne selbst geritten, statt des geduldigen Ponys, den mir Papa damals hielt.“

Warum lenkte sie so ängstlich auf Kiaffar ein? Fürchtete sie den Antheil zu verrathen, den ihr der Reiter eingeflößt? Aber der war ihm ja damals nicht verborgen geblieben.

Sie folgte der seltsamen Bangigkeit, die sie befallen, weiter und spielte das Gespräch mit fast nervösem Eifer auf ein allgemeines neutrales Gebiet hinüber. Jedes Wort sorglich vermeidend, das auf die Ursache ihrer damaligen gezwungenen Entfernung aus dem Stationsorte des abgewiesenen Bewerbers Beziehung hatte, fragte sie ihn um sein Verweilen während der letzten Jahre, seinen Aufenthalt in Galizien, sein Avancement, die von Richard erwähnte Erbschaft, über alles, was sich daran knüpfen ließ und ihr in den Sinn kam, und in heiterem Tone und scheinbar leichtherziger Freimüthigkeit ging er auf Alles ein. Mit Laune schilderte er seine Stationen und manches Erlebniß, das vielleicht kaum der Erwähnung werth sein mochte, ihm aber sichtlich den Eindruck der Wichtigkeit gemacht hatte – kleine Ereignisse aus engem Kreise, hauptsächlich aus seiner militärischen Welt, kunterbunt genug zusammengemengt, aber genügend, um ein halbes Stündchen angenehm mit dem Beschauen dieser Genrebildchen zu verbringen.

Er hatte eine so fröhliche Art, über dies oder jenes zu lachen, während er, behaglich in den Fauteuil zurückgelehnt, den Schnurrbart zwischen den wohlgepflegten Fingern ausstrich, daß man dem Reiz, mit einzustimmen, nicht zu widerstehen vermochte, wenn es auch ein Nichts war, über das man lachte. Ueber Pferde wußte er mit Sachkenntniß zu sprechen, Jagden, Wettrennen, Distanceritte, Schlittenpartien mit farbenreicher Anschaulichkeit zu schildern. Im Ganzen mußte es ihm die Jahre her nicht schlimm ergangen sein, wenn er sich auch bemühte, durchschimmern zu lassen wie er bei all diesem unausstehlichen Leben und Treiben doch eigentlich ein tiefes unstillbares Weh mit sich umhergetragen. Im Grunde sei er mit seinem Schicksale zerfallen gewesen; erst die letzte Zeit habe mit einem Male des Glückes Füllhorn über ihn geleert, aber – zu spät!

Er, der Unbemittelte, sei nun wohlhabend geworden. Das Avancement habe ihm zugleich die Versetzung zu einem andern Regiment gebracht, das seine Cantonnements nahe bei Sternberg und Riefling habe, aber – aber es war doch nicht Alles, wie es sein sollte.

„Und so sind Sie denn zu dem Entschlusse gekommen, sich Urlaub zu nehmen und den Carneval hier zu verbringen?“

„Was soll man machen! – Das heißt,“ verbesserte er sich schnell, „ich war in den letzten Jahren angenehmen gesellschaftlichen Umganges so sehr entwöhnt, daß ich eine Art Heißhunger verspürte, mich wieder unter großstädtischen Menschen zu bewegen.“

[140] „Unter großstädtischen – Sie haben Recht. Es ist eine ganz andere Welt, die ihren unwiderstehlichen Reiz hat. Man geht in ihr unter; man löst sich in ihr auf; man fühlt sich hinweggetragen, mitgerissen, betäubt und kommt in dem Brausen des Katarakts nicht zur Besinnung.“

„Ganz, was ich immer sage, Baronin. Ein Traum, ein Rausch, ein Wirbel! Eine ganz andere Luft umgiebt einen hier; es geht in alle Nerven; das Blut fließt lebhafter. Man ist so heiter, so unternehmend, so aufgelegt zu allen Tollheiten, als ob man moussirenden Nektar getrunken hätte. Man lebt nur hier!“

Das war es nun freilich nicht, was sie gemeint. Ob sie ihn aber aus seinem Irrthum reißen sollte, in welchem er so freudig ihr zugestimmt? Verlohnte es der Mühe? Sie war des Sprechens müde – einzig und allein aus dem Grunde, wie sie meinte, weil sie ja doch Beide von so verschiedener, unvereinbarer Auffassung ausgingen.

„Sie haben allerdings da manches versäumte Jahr nachzuholen. Und das muß in Wochen nun geschehen,“ äußerte sie matt.

„Um so rascher muß ich darangehen,“ lachte er.

„Sie haben sich eine günstige Zeit dazu gewählt. Die Gallerien bieten jetzt die hübschesten Ausstellungen; die Saison der Concerte rückt heran; die Theater –“

„Um Bilder kümmere ich mich nicht; ich verstehe nichts davon,“ erklärte er offen. „Von Theater und Musik auch nicht viel. Ein lustiges Stück ist mir am liebsten, und über Tanzmusik geht mir nichts. Aber dafür giebt's Bälle im Carneval.“

„Richtig, Sie tanzen gern.“

„Und Sie, Baronin, nicht mehr?“

„O ja – ja doch!“

Noch versicherte er, wie schade es wäre, wenn sie es aufgäbe. Sie wäre eine so ausgezeichnete Tänzerin gewesen. Ihre Antworten wurden immer einsilbiger; das Gespräch schlief allmählich ein. Sie war in Gedanken schon lange nicht mehr dabei. Kein Wunder, daß sie den Faden verlor. Ihr Sinnen hatte eine ganz andere Richtung angenommen.

Wie seltsam! War denn das derselbe Held und Halbgott, für den sie einst so schwärmerische Leidenschaft empfunden? Noch waren es dieselben hübschen, ansprechenden Züge, die weißen zierlichen Zähne zwischen den frischlachenden Lippen; noch war es dieselbe elegante Gestalt in der goldglänzenden, ihm so wohl zu Gesicht stehenden knappen Uniform, dasselbe tadellos gescheitelte Haar, der wohlgepflegte Schnurrbart, mit dem sich die Hand so gern zu schaffen machte. Noch war er derselbe kühne Reiter und passionirte Tänzer mit denselben Lebensanschauungen, und doch dünkte er ihr wieder ein ganz Anderer. Oder was war es sonst, das ihr so kühle, gleichgültige Worte soufflirte gegen ihn, den sie in stürmisch auflebender Empfindung – noch war es keine Stunde her – mit den hochklingenden, inbrünstigen Geständnissen ihres wiedergelesenen Tagebuchs „ihre Seele, ihren Gedanken, ihren Geliebten“ genannt? Wo waren all die glühenden Worte geblieben, die sie ihm zugerufen? Selbst das rührende Bild von der rothen und weißen Rose, die der Mond bescheint, das ihr bei aller Uebertreibung doch nicht so ganz poesielos erschienen, zerfloß jetzt, sechszig Minuten später, in recht reale Alltäglichkeit. Die rothe und weiße Rose lagen nicht auf einem Schlachtfelde; sie saßen in wohldurchwärmtem, behaglichem Plauderwinkel auf modernen Sammtpolstern in gesellschaftsüblicher Visite einander stets und wortarm gegenüber. Ach, die Welt ist eine große Lüge!

Auch bei ihm waren neben der fließenden Rede Gedanken anderer Art hergelaufen und hatten, seit das Gespräch stockte, noch mehr an Bestimmtheit gewonnen, nur in entgegengesetzter Richtung zu den ihrigen.

Sein Blick hing an den Schönheitslinien dieses blassen Angesichtes, und als die Lider sich endlich wieder hoben und ihr Auge dem seinen begegnete, da schwand das blitzgleich um seinen Mund zuckende siegesmuthige Lächeln.

„Nein,“ sagte er, sich rasch erhebend. „Wir können nicht so weiter Komödie spielen, als hätten wir einander vergessen und müßten uns erst darauf besinnen, wo wir uns denn schon früher einmal gesehen. Wir täuschen uns gegenseitig nicht, Elise.“

Nun war sie doch erschrocken. Wie der Klang ihres Namens, von ihm gesprochen, sie durchzuckte! Ihre Füße glitten von der Chaiselongue auf den Teppich herab, eine flüchtige Blutwelle trat ihr in die Wangen, und die Hand führte in augenblicklicher Rathlosigkeit das Spitzentuch an die Lippen. Doch war sie sogleich wieder ihrer Bewegung Herr und fragte mit leiser Mißbilligung:

„Muß das sein?“

„Haben Sie denn erwartet, ich würde hier eine halbe Stunde mit dem gewöhnlichen Salongeplauder verbringen und, nachdem ich um den nächsten Cotillon gebeten, mich höflich empfehlen? Sie haben sich mir gestern auf dem Balle in so geschickter Weise entzogen, daß ich kein einziges Wort unbelauscht mit Ihnen sprechen konnte. Fast die ganze Zeit verblieben Sie in Ihrer Loge, und an einen Tanz war nicht zu denken. Aber in Ihren Augen hatte ich gelesen, als Sie mich so unvorbereitet vor sich stehen sahen. Absichtlich hatte ich es vermieden, selbst Richard früher zu begegnen, damit er meine Ankunft nicht verrathe, weil ich mir die Ueberraschung nicht nehmen lassen wollte. Ich mußte erfahren, ob die Vergangenheit bei Ihnen denn ganz ausgelöscht sei. – Sie ist es nicht.“

„Nein. Aber die Vergangenheit ist doch nicht die Gegenwart,“ versetzte sie mit sanftem Kopfschütteln. Warum vermochte sie jetzt nicht zu ihm aufzublicken, warum schlug ihr Herz so unruhig?

Er stand unmittelbar vor ihr; seine Hand lag auf der hohen Rücklehne der Chaiselongue. Leicht zu ihr niedergebeugt und in bewegtem Tone, den er nicht ganz zu beherrschen vermochte, sagte er:

„Sollte sie nicht wieder heraufzuzaubern sein? Was haben Sie für eine Antwort auf meine gestrige Frage?“

Sie neigte sich weiter auf Frip herab, um ihr Antlitz zu verbergen.

„Ihre Frage?“ wiederholte sie, nur um Zeit zu gewinnen.

Er aber vermeinte den Ton der Verwunderung zu hören, und seine Stimme, so zuversichtlich sie bisher bei aller Gedämpftheit geklungen, verrieth nun seine Bestürzung.

„Nun ja, das Bouquet,“ erklärte er hastig. „Das Billet vielmehr, das ich in Ihrem Bouquet verbarg. Mein Gott, Sie haben es doch gefunden?“

Ernst und tadelnd erhob Baronin Lisa jetzt ihr Auge, dennoch blitzte es beim Anblicke seiner verlegen besorgten Miene fast schelmisch in demselben auf.

„Wenn ich es nun nicht gefunden hätte?“ fragte sie strafend entgegen.

„Gottlob! Sie haben es. Es ist nicht in unrechte Hände gekommen.“ Er athmete hoch auf.

„Wie, wenn Sie zur Verantwortung gezogen worden wären?“

„Bah!“ warf er sich mit trotzigem Lächeln in die Brust. „Vor einem Rencontre erschrecke ich nicht. Mir war es einzig Ihretwegen.“

„Jedenfalls ist das leichtsinnige Heraufbeschwören der Gefahr eines Skandals eine sehr fragliche Art, mir Ihre Freundschaft zu erweisen. Was verdienen Sie dafür?“

„Ihre Verzeihung,“ antwortete er auf die ironisch klingende Frage, wobei jedoch die Reue des Bußfertigen nicht sonderlich tief ging, wie der übermüthige Beisatz zeigte. „Ja, wer immer an die Folgen denken wollte, käme nie zu einer frischen Attake.“

„Und für eine solche sehen Sie wohl die meisten Unternehmungen im Leben an?“

„Dafür bin ich Husar.“

Sie konnte sich einer bitteren Empfindung nicht erwehren. Die leichtfertige bramarbasirende Antwort auf ihre sarkastische Bemerkung hatte etwas tief Demüthigendes für sie, das er seinerseits nicht einmal bemerkte. Auch jene Brautwerbung war wohl nur „eine frische Attake“ gewesen, die, zufällig abgeschlagen, bei günstigerer Gelegenheit vielleicht wieder einmal erneuert werden konnte. Wie beschämend! Und dennoch war etwas in diesem jugendfrischen verwegenen Lebensmuthe, in dieser gutmüthig offenen Art, was der Dreistigkeit den Stachel benahm, bestechend wirkte und die Zürnende entwaffnete. Es geschah daher auch mehr im Tone wohlwollender Mahnung, als scharfer Zurechtweisung, da sie mißbilligend sagte:

„Sie vergessen, daß ich verheirathet bin.“

„Aber keineswegs!“ fiel er lebhaft ein. „Das ist es ja eben, was ich nicht vergessen kann, was mich wurmt und mich zeitweise zum Tollwerden hätte bringen können. 'Ich habe sie [142] verloren, ich habe sie verloren!' Das habe ich mir so oft vorgesagt, daß ich verlernte, dabei mit den Zähnen zu knirschen. Wir waren damals Beide Kinder; wäre ich ein Mann gewesen, wie heute, ich hätte Sie mir nicht entreißen lassen, Elise – bei meiner Ehre nicht!“

„Davon merkte man freilich damals wenig,“ entschlüpfte es ihr vorwurfsvoll, während ihr Blick das Teppichmuster eifrig verfolgte. „Sie gingen so ruhig, so heiter, ohne auch nur ein Wort zu sagen.“

„Konnte ich denn glauben, daß Ihr Vater so rasch handeln und Sie schon am nächsten Tage aus meinem Bereiche bringen werde? Ich fühlte mich verletzt, tief elend, aber ich wollte es nicht zeigen. Niemand sollte merken, daß ich mir eine Abweisung geholt, Niemand mich verspotten dürfen. Erfuhr man's doch, so galt es für einen kecken Scherz meinerseits, über dessen Mißlingen ich mir kein graues Haar wachsen ließ. Die falsche Scham hat mich zum Lächeln gebracht, wo ich mit aller Welt hätte Händel anfangen mögen. Mein erster Gedanke, als ich von Ihrem Verschwinden hörte, war auch: 'Ihr nach!' Aber mit welchen Mitteln? Ich war damals ein armer Teufel. Mein Vormund hatte mir mein bischen Vermögen so geschickt verwaltet, daß ich am Tage meiner Volljährigkeit sehr lange Rechnungen, weiter aber nichts erhielt. Haarklein war mir bewiesen worden, daß ich es schon vorher allmählich verbraucht. Nun setzen Sie sich in meine Lage! 'Knapp, sattle mir mein Dänenroß!' Damit wäre ich Ihnen kaum sehr weit nachgekommen. Und ein wenig Gekränktheit war doch auch in mir rege. Konnten Sie so leicht dazu gebracht werden, zu gehen, nun, dann – mochten Sie gehen. Ach, wie redet man sich in Unmuth und Groll hinein gegen die, welche man liebt! Da bekamen wir noch obendrein Marschbefehl; einerseits wollte es mir die Seele zerreißen, andererseits war's mir recht – nur fort, recht weit fort! Ich wußte damals nicht, daß die Sehnsucht im quadratischen Verhältnisse zur Entfernung wächst. Und nun empfange ich in meinem Polakenneste plötzlich noch die Kunde von Ihrer Heirath! Doch[WS 2] lassen wir das! Es sind vergangene Dinge.“

Träumerisch hatte sie zugehört. Es umspann sie wie mit Fäden aus jener Märchenwelt, die sie in ihrem Tagebuche verschlossen und begraben wähnte. Ein kaum vernehmbarer Seufzer stahl sich von ihren Lippen. Ja, es waren vergangene Dinge.

„Warum rütteln Sie daran?“ sagte sie mit schmerzlich zuckendem Lächeln, ohne aufzusehen.

„O, das ist ein Anderes!“ entgegnete er mit feurigem Trotze und doch dabei seine Stimme zu sanftem einschmeichelndem Geflüster dämpfend. „Soll ich zum zweiten Male verloren geben, was ich mir einmal schon, vielleicht zu sehr ergeben in das Schicksal, thatlos entreißen ließ? Nein Elise, diesmal erringe ich mir den Preis, und dazu mußte es klar zwischen uns über die Vergangenheit werden. Auf sie baut sich unsere Zukunft auf. Heute werbe ich zum zweiten Male um meine Braut.“

Ein Zittern durchlief sie; fast hörbar athmete sie, ehe es leise, aber mit eigenthümlicher Betonung von ihren Lippen kam:

„Ich bin verheirathet.“

„Halten Sie mir Ihre Ehe nicht wie einen Schild entgegen,“ sagte er dringend. „Sehen Sie mir in's Auge, legen Sie die Hand auf's Herz und sagen Sie dann, daß Sie sich glücklich fühlen in dieser Ehe, und ich verlange keinen Schwur, ich will schweigend gehen. Können Sie es, Elise?“

Sie schwieg und regte sich nicht.

„Sie können es nicht!“ fuhr er mit triumphirendem, freudig leisem Lachen fort. „Sie können es nicht! Ich habe es gewußt. Warum sollte denn auch gerade Ihre Ehe eine Ausnahme machen, eine, wie es deren zu Hunderten giebt? Was die Convenienz geschlossen, darf die Liebe mit gutem Fug zerreißen.“

[153] Die Baronin hatte die Hände vor's Gesicht geschlagen; ein Sturm wogte in ihrem Innern.

Ja, er sprach die Wahrheit. Sie hatte von der Welt genug gesehen in diesen beiden Jahren: ihre Ehe war nicht die einzige dieser Art, wo Mann und Frau kälter und innerlich fremder neben einander dahinziehen als die nächstbesten Reisegefährten, die eine zufällige Fahrt im Eisenbahncoupé zusammenwürfelt. War es ihr zu verargen, wenn sie nach Rettung aus diesem ihrem verfehlten Dasein verlangte? Ein Druck, und die Pforten sprangen auf, der helle Tag lag vor ihr.

Wer erlitt dadurch eine Beeinträchtigung? Nicht einmal der Gatte, den sie verließ, um einem Andern zu folgen. Konnte jenem doch alles unverkürzt bleiben, was er im Ehecontracte zugesprochen erhalten und von dem sie ihm ja doch nur die zufällige und gleichgültige Trägerin war. Die Verbesserung seines Besitzthums wurde nicht rückgängig gemacht durch eine Scheidung, seine politische Laufbahn nicht in Frage gestellt, sein Erfolg nicht gehindert; der „Tausch“ blieb ungestört aufrecht – nur sie gewann ein ganzes Leben hinzu.

Und dennoch empfand sie mitten in den heftig wogenden Gedanken und Empfindungen eine seltsame Beängstigung, die ihre Brust zusammenschnürte und sie des Wortes beraubte. Der eben laut gewordene Spott über ihre Ehe hatte ihr ein unangenehmes Gefühl erregt; die Sicherheit, mit der man derselben das Glück absprach, verursachte ihr Pein, ohne daß sie sich einen Grund hierfür anzugeben wußte. In diesem Momente hätte sie Schätze dafür geben mögen, dem zuversichtlichen Fragesteller mit einem ehrlichen: „Ja, ich bin glücklich“ antworten und dieses Bewußtsein thatsächlich als stählernen Schild dem spöttischen Lächeln, dem Flammenblitz seines Auges entgegenhalten zu können.

„Sie antworten nicht, Elise, Sie sprechen nicht? Was hindert Sie?“ sagte in diesem Augenblicke seine drängende Stimme.

„Ich habe mein Wort gegeben,“ erwiderte sie beklommen.

„Ein Wort, das zurückgenommen werden kann, ein Versprechen, das sich lösen läßt,“ fiel er pathetisch ein. „Sie haben kein Kind, das Sie an den Vater fesseln könnte. Wollen Sie dem Glücke die Pflicht entgegenstellen, eine Pflicht, deren getreue Erfüllung vielleicht nicht einmal gewürdigt wird? Versteht denn dieser Mann Ihre Aufopferung? Weiß er auch nur, welchen Schatz er besitzt? In dem Ausdrucke Ihres Blickes, wie er gestern dem seinigen begegnete, habe ich es gelesen, wie ferne Sie Beide einander stehen. Nicht einmal danken wird er Ihnen dieses Opfer Ihrer selbst. Man kennt ja diese Männer, welche unter der Maske der Menschenfreunde, der Vorkämpfer für ihre Gesinnungsgenossen, der Staatsretter, nur sich selbst im Auge haben, ihren Ehrgeiz, ihren Vortheil. Jawohl, ihren Vortheil – dafür giebt's Beweise. Eine hohe Mitgift ist wohl des Trauungsactes werth, und die Sicherung liegt für diese Männer der Paragraphen nicht im Herzen, sondern im Gesetzbuche; sie pochen auf ihr brutales Recht und verurtheilen die Frau in ihrem politischen Hochmuthe zu häuslicher Sclaverei, während sie sich selbst die unbeschränkteste Freiheit bewahren wollen. Mit solchen Intriguanten und leeren Phrasenhelden ...“

„Halten Sie inne!“ fiel ihm hier die Baronin abwehrend in's Wort, indem sie eine Anstrengung machte, sich zu erheben. „Ich kann es nicht dulden, daß Sie einem Manne Unrecht thun, der Ihnen keinen Anlaß dazu gab.“

„Keinen Anlaß? Ist er nicht persönlich – mein Gegner? Uebrigens will ja diese Zunft die ganze Welt reformiren. Wir Soldaten haben keinen Grund, ihnen besonders grün zu sein.“

„Ich glaube, es fehlt Ihnen die rechte Würdigung für die edle und schöne Thätigkeit eines Volksvertreters,“ entgegnete die Baronin mit steigender Wärme. „Sie ahnen kaum, welche Entsagungen, Aufopferungen, welche Studien und Arbeiten solche Thätigkeit erfordert, welchen Muth diese Männer, die Sie Phrasenhelden nennen, beweisen müssen, welche Ehre und Selbstachtung in ihnen leben muß, wenn sie den mannigfachen Angriffen, den offenen und geheimen Verlockungen widerstehen sollen, denen sie ausgesetzt sind. Fürwahr, es giebt noch ein Höheres, als seine körperliche Kraft in kühnen Husarenstückchen einzusetzen. Den Geist mit allem Aufgebote des Willens, ja bis zur Erschöpfung seinem hohen uneigennützigen Ziele zu widmen, ist unendlich mehr, und die Achtung, Anerkennung, ja Bewunderung, die solches Streben in den weitesten Kreisen genießt, ist wohlverdient.“

„Bei Ihnen genießt?“

Erröthend schwieg die junge Frau, erschrocken über das, was sie gesagt. Wen hatte sie vertheidigt? Wie war so plötzlich und überwältigend der Vergleich, den sie zwischen den beiden Männern aufgestellt, über sie gekommen?

Verletzt schwieg auch Steinweg einen Augenblick.

„Sie setzen der geistigen Macht das 'Husarenstückchen' entgegen,“ sagte er dann mit unverkennbarer Ironie. „Wohl denn, ich gestehe aufrichtig, ich bin nichts weiter als ein simpler Soldat, ein Mann, der nur seine 'körperliche Kraft' einsetzt für die ihm [154] gestellte Aufgabe. Jeder giebt eben, was er hat. Der Eine läßt seine geistreichen Worte fließen, der Andere sein Blut. Es thut mir leid, wenn Sie dieses geringer schätzen als jenes. Da werden Sie es freilich als kein beachtenswerthes Verdienst ansehen, daß ich bereit war, mein Leben für Sie hinzugeben. – Sie lieben also Herrn von Lomeda?“

Es blieb still im Gemach. Einer Lüge war die Baronin nicht fähig.

Die bei Steinweg eingetretene Erkältung machte einem wärmeren Tone Platz, als er wieder näher an die Schweigende herantrat.

„Nein nein! Ich lese es auf Ihren gesenkten Lidern, auf Ihren erblaßten Wangen. Sie wehren sich vergeblich gegen Ihr eigenes Herz – es ist noch immer mein, Elise.“

„Sie rechnen – auf eine 'frische Attake'?“ ... sagte sie, langsam und mit eindringlich prüfendem Blick ihr Auge zu ihm erhebend.

„Und wenn?“ rief er, wieder einen heiteren Ton anschlagend. „Warum mißfällt Ihnen denn Husarenart so sehr? Eine Attake!“

„Es giebt auch mißlungene, Herr – Rittmeister.“

„Weiß wohl,“ gestand er leicht nickend und mit komischem Mißmuth in seinem hübschen Gesichte. „Dann müssen wir eben die Arbeiten des Geniecorps übernehmen und in eine ordentliche Belagerung übergehen. Glauben Sie denn, meine Versetzung nach Moorstädtel sei ganz und gar Zufall gewesen? Nicht so ganz, meine Gnädige. Eine Versetzung war mit meiner Beförderung allerdings verbunden, daß sie mich aber gerade hierher führte, habe ich der rechtzeitigen Verwendung eines Freundes zu verdanken, der im Kriegsministerium sitzt, wenngleich nur in scheinbar einflußloser Stellung. Ich lag also schon länger im Hinterhalte und ritt nur, weil die Zeit mir beim Warten etwas lang wurde, auf Recognoscirung aus. Schlagen Sie mich zurück, so lege ich mich wieder ruhig in die Parallelen – eine kleine Meile von Riefling. Sie werden doch den Sommer über hinaus kommen?“

„Nein, das werde ich nicht,“ entgegnete sie leise, aber bestimmt. Diese leichtherzige Weise, eine ernste Sache zu behandeln, eine Angelegenheit, die über das ganze Leben entscheiden sollte, war nicht die ihre. Große, schwerwiegende, tiefeinschneidende Entschlüsse waren ihr mit einem Lächeln zugemuthet, als ob es ein Kinderspiel gälte. Eine Regung der Bitterkeit wallte in ihr auf. Halb geschlossenen Auges hatte sie sich wieder zurückgelehnt, und um ihren Mund grub sich ein schmerzlicher Zug.

Sie fühlte eine leise Berührung ihres Haares; Steinweg hatte sich auf sie herabgebeugt und ihren Scheitel geküßt. Sie wußte es, ohne es zu empfinden; der Hauch seines Mundes hatte sie durch das dichte Haargewelle getroffen. In jähem Schreck fuhr sie erglühend von ihrem Sitze empor.

„Auch das nur ein Traum, ein Rausch, ein Wirbel?“ sagte sie mit tiefer Verwirrung und trat wie im Entfliehen einen Schritt zur Seite, ohne jedoch ihre Hand, die er erhascht, seinem festen Griffe entziehen zu können.

Die eigenen Worte, von ihrem Munde wiederholt, beschämten und beirrten den Uebermüthigen nicht.

„Gieb diesem Rausche die Dauer des Lebens!“ rief er flammenden Auges.

Wie zu einem Marmorbilde erstarrt, stand sie, einer Ohnmacht nahe, vor dem Manne, der sie von den verhaßten Fesseln einer Ehe ohne Liebe erlösen wollte. War er werth, daß sie um seinetwillen das verhängnißvolle „Ja“ sprach? Würde ihr bebendes, stockendes Herz an seiner Seite das selige Genügen finden, das sie in der Oede ihres jetzigen Daseins ersehnte?

Sie rang angstvoll nach einer Antwort, während Frip, der bei dem plötzlichen Aufspringen seiner Herrin unsanft zu Boden geglitten war und, die Scene gänzlich mißverstehend, den vermeintlichen Feind seiner Herrin erst angeknurrt hatte, denselben jetzt mit leidenschaftlichem Gekläffe angriff. Eine Secunde später that sich die Thür auf, und mit fröhlichem Lachen sprang ein kleines Mädchen herein. In der weißen Winterumhüllung selbst einem Schneeball gleich, lief das etwa vierjährige Kind auf die Baronin zu.

„Mama, liebe Mama, da bin ich,“ rief es jubelnd, breitete die Aermchen aus, ließ sich emporheben und drückte das vor Kälte strahlende und frischgeröthete Gesichtchen an die sanfte, jählings wieder blutwarm gewordene Wange, die ihm entgegenkam.

Rittmeister Steinweg kaute an dem Schnurrbarte und gab sich dann den Anschein, als wolle er mit munterer Neckerei den drolligen Kampf annehmen, welchen ihm Frip, der Ritterliche, der sich nun hinter die Kleidfalten seiner Dame zurückzog, angeboten.

In der geöffnet gebliebenen Thür war auch die Kammerjungfer erschienen und suchte sich, auf der Schwelle stehen bleibend, zu entschuldigen:

„Verzeihen Frau Baronin, aber Gretchen ist mir entwischt und wollte sich durchaus nicht zurückhalten lassen. Ich kann wahrhaftig nichts dafür.“

Lisa erröthete so heftig, daß sie sich abwenden mußte. Klang nur ihr diese Rechtfertigung wie eine Dreistigkeit, oder hatte sie recht bemerkt, daß diese schlau und schadenfroh forschenden Augen die schüchterne Haltung und den demüthigen Ton der neugierigen, spionirenden Zofe Lügen strafte? War sie in ihrem eigenen Hause überwacht?

Hochfahrender, als es sonst in ihrer Weise lag, obwohl mit gedämpfter Stimme, gab sie der Zudringlichen den Bescheid, sie könne gehe, Gretchen bleibe hier.

„Ach, Mama, es war so schön. Die Bäume hatten alle Glaskleider an und glitzerten in der Sonne. Nicht wahr, es ist kein Eis, es ist Glas? Manon sagt, es ist nur Eis ...“ So plauderte die Kleine, während die Baronin, die sich wieder gesetzt hatte, sie von Hut und Schleier, Mantel und Gamaschen befreite. Sie ließ das Kind nicht mehr von ihrer Seite.

Steinweg, dem es nur einige scheue Blicke schenkte, fühlte die Absicht.

„Ein reizendes Kind!“ sagte er endlich mit einem kaum merkbaren Anflug von Gereiztheit. „Ich wollte, es übertrüge nur einen ganz kleinen Theil dieser Liebkosungen, die ihm werden und die es doch nicht zu würdigen weiß, auf einen, den sie glücklich machen würden.“

Die Baronin strafte seine Rede mit einem ernsten Blicke, den er sehr wohl verstand. Ohne sich auf eine weitere Bemerkung einzulassen, für die ihm der günstige Moment vorläufig vorüber zu sein schien, sah er auf die Uhr und griff nach seiner Mütze.

„Ich habe die übliche Besuchszeit weit überschritten, fürchte ich,“ sagte er.

Sie hielt ihn nicht zurück.

Auf seine Frage, wann er wiederkommen dürfe, entgegnete sie ausweichend: das hänge von ihm selber ab. Sich in die Lippen beißend, verbeugte er sich ohne ein Wort des Abschieds.

„Bah!“ murmelte er, während er den Salon durchschritt, in sich hinein. „Und nun erst recht!“

Drinnen aber hielt Gretchen die Arme um Mamas Hals geschlungen.

„Der Soldat gefällt mir gar nicht,“ bekannte sie aufrichtig. „Da ist mir Onkel Richard viel lieber. Rufe ihn nicht mehr. Mama!“

Lisa drückte das kleine Köpfchen an sich; Thränen entflossen ihren Augen.

„Mama, bist Du böse auf mich?“ fragte der kleine, sich schon zum Mitweinen verziehende Mund. „Ich habe ja Mama folgen wollen und auf mein Zimmer gehen, aber Manon hat mich hereingeschickt. Bitte, sei nicht böse! Ich habe mich so gefreut, zu Dir zu kommen, liebe Mama! Bitte, hab' mich lieb!“

„Engel!“ flüsterte Lisa und preßte das Kind schluchzend an's Herz.




4.

Auch diese Nacht war für Lisa eine unruhige und schlaflose gewesen; mit weit offenen, glanzlosen Augen starrte sie auf ihre Kammerjungfer, als dieselbe jetzt, am Morgen, mit der Meldung herantrat, daß der Herr Baron soeben angekommen sei und mit der gnädigen Frau gemeinsam das Frühstück einzunehmen wünsche, wenn es ihr genehm sei.

Nicht oft geschah es, daß man sich in diesem Hause schon so frühzeitig am Tage im Speisezimmer zusammenfand; denn Witold's Beschäftigung gestattete ihm in den seltensten Fällen, so lange zu warten, bis es seiner Frau gefiel, sich zu erheben. Es war daher begreiflich, daß sich in der Stimme der Kammerjungfer eine gewisse schnippische Verwunderung über den ihr gewordenen Auftrag verrieth. Ueberhaupt hatte die ganze Art ihres Betragens [155] in kaum mehr als vierundzwanzig Stunden einen merklichen Umschlag erlitten. Schon bei der Entgegennahme der Rüge, welche ihr gestern noch für ihr Verhalten während der Anwesenheit eines Besuches zu Theil geworden, hatte sich diese Veränderung in der spöttischen Sicherheit gezeigt, mit der sie erklärte, sie habe nicht wissen können, daß sie zur Unzeit komme, und sie sei dafür nicht verantwortlich.

„Wohl aber für die Lüge, und nur allein für diese habe ich Sie verantwortlich gemacht,“ hatte Lisa sie zurecht gewiesen, indem sie fest und stolz dem kecken Blicke begegnete. Hinterher erröthete sie aber doch über die Anzüglichkeit, welche in den Worten des Mädchens gelegen. „So beträgt sich eine Dienerin nur dann gegen ihre Herrin,“ sagte sie sich, „wenn sie dieselbe in der Hand zu haben glaubt, wenn sie auf ihre Unentbehrlichkeit pocht und weiß, daß nur noch auf ihr Schweigen, nicht auf ihre Achtung gezählt wird.“

Ueber all die Eindrücke dieser Tage hatte Lisa die Abwesenheit ihres Gatten und den Grund derselben beinahe vergessen; und sie nahm jetzt auch die Anzeige seiner Rückkehr fast gleichgültig auf. Noch stand sie zu sehr unter dem Einflusse der Erinnerung; ungedämpft war der Aufruhr in ihrem Innern, und ihre Natur lag mit sich selbst im Zwiespalte. Alles Andere hatte neben diesem Seelenkampfe an Wichtigkeit verloren. Hin und her geworfen zwischen den Gegensätzen, fühlte sie sich zerschlagen, müde und elend.

Und jetzt ließ ihr Gatte sie zu sich bescheiden. War sie denn nicht von ihm selbst frei gegeben mit dem Geständnisse, daß er Derjenigen kein Herz zu schenken habe, die nur den Namen seiner Gattin tragen sollte? Sein Herz behielt er sich vor – er hatte kein Anrecht an das ihrige, und wozu blieb diese Scheinehe dann aufrecht erhalten?

Trotz und Bitterkeit regten sich noch in ihr, als sie nach einer Weile in's Speisezimmer trat. Sie hatte nicht lange auf sich warten lassen, gleichwohl aber sich vollkommen angekleidet. Auch nicht einmal ihr Anzug sollte an die bequeme, nachlässige Vertraulichkeit des ehelichen Lebens erinnern – jetzt weniger denn je. Es war das eine Regung keuscher Sprödigkeit des Mädchengemüths, welche sie sich nicht einmal zu erklären bemühte – wenn sie sich derselben überhaupt bewußt war.

Ruhig, wohlwollend, ja fast mitleidsvoll richteten sich die Augen des Barons auf sie, während er sein Kind im Spiel emporhob, das unter Lachen und Jubeln jedes Mal, wenn es wieder herunterkam, sein unwiderstehliches: „Bitte, Papa, mehr!“ ertönen ließ.

„Jetzt ist es genug, Du unersättliche kleine Bettlerin; Mama ist hier!“ lautete endlich der väterliche Bescheid.

Gretchen, welche bis jetzt den Eintritt Lisa's nicht bemerkt hatte, wendete sich so rasch auf dem Fensterbrette, wo sie stand, um, daß sie beinahe den Händen des Vaters entschlüpft wäre.

„Mama, Mama!“ rief sie lebhaft und streckte dabei die Aermchen so verlangend nach Lisa aus, daß diese näher herzutrat, um sie in die Arme zu nehmen und ihr den Morgenkuß zu geben. Die Kleine plauderte dabei aber schon lustig weiter. „Wir gehen nach Riefling; dort bekomme ich einen Schneemann und später auch Blumen; Papa hat's versprochen – und Papa geht auch mit zu Großmama.“

Lisa streifte mit einem fragenden Blick ihren Gatten, doch ohne sonderlich überrascht zu sein; Witold war ja noch jedes Jahr ein- oder zweimal mit seinem Töchterchen für kurze Zeit zu Besuch auf sein Gut gegangen, während sie seit jenem ersten flüchtigen Aufenthalt daselbst sich nicht mehr bewogen gefunden hatte, ihn auf diesem Ausfluge zu begleiten. Nur schien ihr die Jahreszeit für einen solchen gegenwärtig nicht besonders geeignet.

Sie hatte das Kind unter den Armen gefaßt, um es von seinem hohen Standpunkte herabzuheben. Die Kleine aber schlang in einer Eingebung des Uebermuthes das eine Aermchen um Papa, von dem sie nicht lassen wollte, und legte jetzt das andere rasch um Mamas Hals, die unwillkürlich noch einen Schritt vortreten mußte, wenn das Kind nicht in Gefahr zu fallen kommen sollte. Und nun drückte der kleine Schelm mit vergnügtem Lachen über den geglückten Staatsstreich, von dessen diplomatischer Tragweite er freilich keine Ahnung hatte, Kuß um Kuß bald auf Mamas, bald auf Papas Lippen.

Doch schon dem zweiten wich Lisa unwillig erröthend aus.

„Du bist unartig!“ rief sie heftiger, als es wohl von der Gelegenheit gerechtfertigt wurde.

Auch Witold's Stirn verfinsterte sich jetzt, er widersprach aber nicht, sondern hob das verdutzte Kind, das nicht wußte, was es denn eigentlich Unartiges gethan habe, herab; er küßte es noch einmal mit besonderer Zärtlichkeit auf die Stirn und setzte es dann auf den Boden.

„So, und jetzt geh zur Mama und sei – wieder artig!“ sagte er weich, aber mit so ernst bestimmtem Tone, daß Gretchen ohne jede Einwendung zu gehorchen sich anschickte, und nur einen scheuen Blick aus den mit plötzlichen Thränen erfüllten großen Augen nach Mama hinüberwarf.

Längst aber hatte Lisa die Aufwallung bereut, unter der das unschuldige Kind hatte leiden müssen, und dessen furchtsame Miene erschien ihr wie ein unerträglicher Vorwurf. Einer Regung ihres Herzens folgend, kauerte sie sich plötzlich neben die Kleine nieder auf das Parquet, nahm sie an ihre Brust und küßte sie mit Innigkeit und Rührung.

Aller Schmerz war mit einem Hauch aus der Kinderseele verschwunden. Gretchen jubelte wieder.

„Gute Mama, liebe Mama! Kommst Du auch mit nach Riefling? Gretchen wird sehr artig sein,“ bat und verhieß sie unter Liebkosungen.

„Vielleicht, vielleicht!“ tröstete sie Lisa, aber das genügte der Kleinen noch nicht, und es war schwer, die Beiden zu trennen; erst als Gretchen mit etwas Backwerk vom Speisetische versehen war, gehorchte sie einem wiederholten gütigen Befehle ihres Vaters, dessen wehmüthiger Blick und zuckende Lippe eine tiefgehende, nur mit Mühe bemeisterte Bewegung verriethen.

Der Diener hatte Eier und kaltes Fleisch auf den Tisch gestellt; Witold griff schweigsam zu, während Lisa sich ihm gegenüber mit Einschenken des Kaffees zu schaffen machte. Als der Diener endlich verschwunden war, richtete der Baron einen Blick der Besorgniß auf seine Frau. Die schlecht verbrachte Nacht hatte einen bläulichen Schatten um ihre Augen zurückgelassen.

Die Frage, ob sie sich unwohl fühle, verneinte sie. Der Ton der Theilnahme hatte sie überrascht, doch mehr belästigt, als erfreut. Was kümmerte er sich wohl um ihre Gesundheit?

„Wie trafst Du die Dinge in Sternberg?“ begann sie gleichgültig; an der Antwort war ja nichts gelegen.

„Traurig!“ entgegnete er.

Verwundert sah sie von der Tasse auf.

„Ja,“ fuhr er, seinen Teller zur Seite schiebend, mit ruhigem Ernste fort, „die Sachen stehen schlimmer, als ich selbst gefürchtet hatte. Als ich auf dem hiesigen Bahnhof Banquier Altstein und Doctor Milka erblickte und zufällig hörte, wohin letzterer Billete begehrte, da wußte ich, daß ein harter Schlag gefallen war.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Altstein ist einer der bedeutendsten Mitinteressenten an den Mühlenwerken, Doctor Milka sein Rechtsbeistand, und das Ziel, das sie mit der Bahn erreichen wollten, war, wie das meine, Sternberg; sie hatten also wohl ebenfalls telegraphische Nachrichten empfangen. Ich vermied absichtlich mit ihnen das gleiche Coupé zu benutzen; denn noch im Unklaren über das in Sternberg Vorgefallene, wünschte ich kein Gespräch mit ihnen. Aus gleichem Grunde beeilte ich mich, auf der Station angekommen, so rasch wie möglich aus dem Coupé zu gelangen; Heinrich hatte mir den Wagen entgegengeschickt; ich warf mich sofort hinein und ließ eiligst davonfahren, im Augenblicke, da ich den Advocaten meinen Namen rufen hörte. Die beiden Herren folgten unmittelbar; sie hatten wohl telegraphisch ein Fuhrwerk bestellt; aber sie fuhren mit Landgäulen, und ich kam um eine halbe Stunde vor ihnen an.“

Mit wachsender Aufmerksamkeit hatte Lisa die Erzählung angehört; die frühere Gleichgültigkeit gegen die Vorgänge in Sternberg wich einer wachsenden Beklemmung, die sie indeß noch einmal mit einem ironischen Scherzworte von der Brust zu wälzen suchte.

„Das klingt ja wie eine Scene aus einem Sensationsroman,“ sagte sie, „Capitelüberschrift etwa: 'Die Jagd um das Glück'.“

Der Schein eines Lächelns glitt über seine Züge, die darunter aber nicht den Ausdruck schweren Ernstes verloren.

„Um die Ehre,“ verbesserte er leise und ohne jedes [156] Pathos, dennoch ließ der bedeutungsvolle Nachdruck auf dem Wörtchen ihr Herz erzittern. In seinem Munde war es keine bloße Floskel – das wußte sie; ihm wog es schwerer als das Leben.

Den Muth, noch weiter zu scherzen, hatte sie verloren. Stumm hing sie an seinen Lippen. Er erhob sich indeß, bevor er weiter sprach, und öffnete beide Thüren, um sich zu überzeugen, daß sie unbelauscht waren. Seine Besorgniß war grundlos.

„Es ist ein Unglück, daß es so weit gekommen ist,“ sagte er, auf seinen Platz zurückkehrend, mit gedämpfter Stimme, „aber es könnte ein noch größeres Unglück daraus werden. Bis jetzt ist nur erst das Geld verloren.“

„Doch nicht alles?“ rief Lisa bestürzt.

„Und darüber.“

„Aber wie ist das nur möglich?“ Unwillkürlich hatte auch sie ihre Stimme zum Flüstern gemäßigt.

„Wie es gekommen, Dir einzeln aus einander zu setzen, fehlt mir selbst die genauere Einsicht, und Dir würde dadurch die Thatsache um nichts begreiflicher werden. Du mußt mir vorderhand auf’s Wort glauben.“

„Diese blühenden Unternehmungen! Dieses große Vermögen!“

„Wir haben unsere Zeit weit größere Opfer fordern sehen.“

Sie dachte an Richard. Hatte der leichtsinnige junge Mensch ihr nicht Aehnliches, wenn auch mit anderen Worten, gesagt? Und doch war es ihr beinahe unmöglich, an diese Kunde zu glauben. In Reichthum aufgewachsen, hatte sie sich das Bewußtsein unwandelbaren, festgegründeten Besitzes so tief eingeprägt, daß Niemand als Lomeda es zu erschüttern vermocht hätte. Sie war so fassungslos, daß sie nur immer die eine Frage zu wiederholen wußte, wie es denn möglich sei.

„Wie es möglich ist?“ versetzte Witold weniger ungeduldig als in schmerzlicher Bitterkeit. „Als ob es so schwierig wäre, sich zu Grunde zu richten!“

„Bei Hilma’s an Geiz grenzender Sparsamkeit!“

„Geiz gegen Andere,“ ergänzte Witold. „Wo es ihre eigenen Launen und die Repräsentirung ihres Hauses gilt, kennt sie keine Schranken; man braucht nur in Anschlag zu bringen, was, ganz abgesehen von ihren Reisen, in den letzten Jahren für Neubauten in Sternberg – nicht etwa am Etablissement, sondern am Schlosse – verausgabt wurde. Doch ich will keine Vorwürfe auf sie häufen. Sie ist geschlagen genug, und der Quell alles Uebels liegt doch anderswo: in Heinrich’s Indolenz. Und auch ihm mache ich keinen Vorwurf, denn der Fehler beruht in seiner Natur, die er nicht zu ändern vermag. Dein Vater hätte ihn darum nicht zu seinem Nachfolger machen sollen. Er hat die Gefahr solcher Nachfolgerschaft übrigens sehr wohl erkannt und sie durch die Beigabe eines Berathers und Helfers, auf den er große Stücke hielt, abzuwenden gesucht; nur ist er in der Wahl dieses Berathers unglücklich gewesen. Rainach war kein schlechter Mensch; wäre das der Fall gewesen, er hätte für sich selbst gesorgt und nicht schließlich sein eigenes Leben vernichtet; er war aber etwas, das ebenso gefährlich werden kann: ein Sanguiniker. Mißrathene Combinationen, die zum Theil noch in Deines Vaters Zeit zurückdatiren, schlechter Geschäftsgang, den man verheimlichte, unselige Speculationen, wildes Börsenspiel, um die Ausfälle zu decken, zuletzt gefälschte Bilanzen, Wechselreiterei und Creditmißbrauch, wozu er Heinrich zu bereden wußte – das sind so die Factoren, die in großen Umrissen den rapiden Niedergang erklären mögen. Als alle Hoffnungen, einen Ausweg aus dem Labyrinth zu finden, geschwunden waren, da zerriß der unglückselige Mensch in der Verzweiflung das Schuldbuch seines eigenen Daseins, wie Leute seines Schlages zu thun pflegen, weil ihnen vor den Folgen graut und sie dieselben lieber Anderen aufbürden. Es bleibt ihnen ja doch immer noch die billige Phrase von der Sühne, die sie bieten, und irgend eine rührende Bitte um Verzeihung für die tief bereuten Verirrungen. Mag der Zurückbleibende zusehen, wie er mit seiner zerstörten Existenz fertig wird!“

Der in scharfer Bitterkeit gesprochene Schluß dieser Worte sollte nach der Art, wie der Baron ihn betonte, noch eine besondere Spitze haben. Die Zuhörende empfand das und hatte einen Augenblick das Gefühl, als ob dieselbe gegen sie gerichtet sei; aber sie beruhigte sich sofort – Witold hatte die in ihm aufschießende Hitze rasch bemeistert, und in nahezu geschäftlichem Tone nahm er wieder das Wort.

„Der Mann hätte wenigstens vor seiner That genau Rechenschaft ablegen, eine Orientirung möglich machen und die Verschuldung in bestimmter Umgrenzung auf seine eigenen Schultern nehmen sollen, um so Heinrich zum Theile wenigstens zu entlasten. Er hat dies zu schwerer Schädigung der Sache unterlassen; denn die unbeglaubigten Aussagen Heinrich’s werden, wenn auch nicht von mir, so doch von dem Gerichte nur als leichtbegreifliche Versuche, dem Todten Alles in die Schuhe zu schieben, aufgenommen werden. Außer dem Briefe, in welchem er sich nur in ganz allgemeinen Ausdrücken anklagt, ist nichts vorgefunden worden, als leere Cassen, drängende Verbindlichkeiten und – ein großes Deficit.“

[169] Lisa starrte mit weitgeöffneten Augen ihren Gatten an.

„Der Ruin – der vollkommene Ruin ist also unvermeidlich?“ fragte sie beklommen.

„Das ist er.“

Wer das so kurz und trocken sagen konnte, wie kalt und herzensleer mußte der sein! Mit Widerwillen wendete sich Lisa ab.

„Und nichts zu retten?“ fragte sie nochmals.

Seine Antwort klang fast verwundert:

„Doch! Ich sagte Dir ja bereits: will's Gott, die Ehre.“

„Aber Du sprachst von Gerichten?“ entgegnete sie stockend. „Von einer Verantwortung Heinrich's – die Gesetzesübertretungen –“

„Sind bis jetzt nur ihm, mir – und Dir bekannt,“ fiel er mit feierlicher Mahnung ein.

Sie drückte die Hände vor die Augen.

„Armer Heinrich!“

Wieder zeigte sich ein Schimmer von Theilnahme in Witold's Blick, nur daß dieser jetzt noch viel weicher, viel freundlicher auf der Weinenden ruhte. Das Herz, das sich gestern noch so unschwesterlich und hart gezeigt, hatte heute doch Thränen, die auch einem andern als dem eigenen Schicksale galten, und jeder dieser heißen Tropfen wusch aus Witold's Seele einen Buchstaben des strengen Verdammungsurtheils, das er über dieses anscheinend so lieblose Gemüth gefällt, hinweg.

Er störte sie nicht in ihrem Schmerz und um die eingetretene Gesprächspause auszufüllen, nahm er einen Schluck des erkalteten Kaffees. Der Klang der wieder niedergestellten Tasse erregte Lisa peinlich.

Wie gleichgültig ihm das Alles war! Er konnte an Speise und Trank denken, während von dem Ruine ihrer Familie die Rede war. O die Selbstsucht, dieses häßlichste aller Laster!

Sie trocknete die Augen und fragte in herbem Tone:

„Kann etwas geschehen, um zu verhüten, daß diese – diese gefährlichen Dinge weiter bekannt werden?“

„Ich hoffe es.“

„O, wenn es durch ein Geldopfer zu erreichen ist, so muß Alles gethan werden. Ich bin bereit, auf mein Vermögen zu verzichten.“

„Das wolltest Du?“

Der Ausruf klang so seltsam, so froh.

„Du kannst noch fragen?“ Sie richtete sich stolz und entschlossen auf: „Meinst Du, daß ich so sehr an diesem elenden Mammon hänge, seinetwegen meines Bruders und unser Aller Ehre, seine und seiner Kinder Existenz hinzugeben? Ich könnte allenfalls gegen kleine Fatalitäten gleichgültig bleiben, könnte einigen Einschränkungen, die meine Schwägerin treffen möchten, mein Mitleid versagen, vor einem so großen Unglücke aber kann ich nicht kaltblütig auf meinem sicheren Platze stehen bleiben und schadenfroh sagen: 'Warum habt Ihr Euch nicht besser vorgesehen?' Wer das vermag, wenn es sein eigenes Blut betrifft, verdient ein Stein zu werden. Ich bin nie habsüchtig gewesen und will gern die Hälfte und mehr von dem hingeben, was ich besitze; möge das Geld wenigstens dort Segen stiften! Für mich war es ja doch nur – ein Fluch.“

Sie hatte sich in immer höhere Erregung hineingesprochen, ja sogar das leise Geräusch im anstoßenden Zimmer überhört, das Witold mit scharfem Ohre deutlich vernommen und dem er nun sofort nachging. Lisa, deren Redefluß durch sein Aufstehen unterbrochen ward, mußte annehmen, daß er ihr damit ein Zeichen geringschätziger Nichtbeachtung ihrer Worte zu geben gewillt sei, ihre Erbitterung schwand aber, als auf seine Frage, was sie da zu thun habe, Mina antwortete, daß sie nur anfragen wolle, ob die Frau Baronin später auszufahren beliebe und welche Toilette hierfür hergerichtet werden solle.

Er schickte die Kammerjungfer mit gemessenem Bescheide fort und ließ die Thür zum Schutze gegen jeden Horcher offen.

„Ich werde diese freche Spionin aus dem Dienste schicken,“ rief Lisa so laut, daß die sich Entfernende es auf der Schwelle noch hören mußte.

„Dazu wird sich Gelegenheit bieten,“ sagte Witold gelassen.

Er trat in die Fensternische, wo er mit dem Kinde gestanden. Seine Frau folgte ihm dahin; sie glaubte zu verstehen, was er meinte – man war dort vor Belauschung sicherer.

Beide lehnten an dem Fensterbrett, sodaß sie sich nur das Profil zuwandten.

„Ich hoffe,“ begann Lisa wieder, „Du hast auch ohne specielle Ermächtigung meine Bereitwilligkeit ausgesprochen, Alles zu thun, was zur Ordnung der Angelegenheit beitragen kann.“

„Das durfte ich nach Deinen gestrigen Worten denn doch nicht wagen. Mir steht kein Bestimmungsrecht über den Dir besonders vorbehaltenen Vermögensantheil zu; ich darf nur über jene Hälfte verfügen, die Du als Mitgift zur gemeinsamen Nutznießung in's Haus brachtest und welche in meine Verwaltung überging.“ [170] Ein geringschätziges Lächeln verunschönte ihren sonst so lieblichen Mund.

„O, ich weiß, fiel sie ihm in's Worte „Dein Recht verbleibt Dir unbestritten.“

„Das nahm ich an und habe demgemäß gehandelt.“

„Es gelang Dir durch den Vorsprung, den Du Deinen Mitconcurrenten abgewonnen, Deine eigene Sicherstellung zu erreichen. Ich verstehe jetzt die Jagd.“

„Doch nicht so ganz. Um eine Sicherstellung Deiner Mitgift konnte es sich gar nicht handeln, da sie – wie Du vergessen zu haben scheinst – nicht gleich Deinem Erbe auf den Mühlen hypothecirt blieb, sondern in Baarem und Papieren mir eingehändigt wurde. Und diesem glücklichen Umstande verdanken wir heute die Rettung von der Schande. – Nicht doch, laß mich nur zu Ende kommen,“ unterbrach er sich, als Lisa Miene machte, ein Wort einzuwerfen. „Als ich gestern Sternberg erreichte, fand ich Heinrich niedergeworfen, rath- und fassungslos, als einen gelähmten, gebrochenen Mann, seine Frau neben ihm als eine geifernde Furie, die ihn mit den schneidendsten Vorwürfen überhäufte und dadurch nur noch tiefer beugte, statt ihn aufzurichten, ihm mit ihrer Liebe ein Tröpfchen Trost in seinen bitteren Leidenskelch zu mischen, wie es in solchem Falle eines Weibes schönste und edelste Pflicht wäre.“

Ein Seufzer entschlüpfte dem Erzähler, worauf er nur noch rascher, gleichsam um die hinterher bereute Stockung wieder auszugleichen, fortfuhr:

„Es hielt schwer genug, den armen geschlagenen Menschen nur so weit auf die Beine zu bringen, daß mir halbwegs zusammenhängende Auskunft wurde. Zu einer Einsicht in die Bücher war keine Zeit; denn schon fuhr jener Wagen, der mir gefolgt war, in den Schloßhof. Der erste Ausruf, als die Ankommenden gemeldet wurden, überzeugte mich, daß ich mich in meinen schlimmen Ahnungen nicht getäuscht hatte und Heinrich von diesem Besuche die nächste Gefahr drohte. Es blieb mir nur noch so viel Frist, um ihm die Mittel einzuhändigen, durch welche sie beschworen werden konnte. Auch war es gut, daß ich bei den nun folgenden Verhandlungen anwesend blieb; denn meine Gegenwart legte dem ziemlich ungestüm eingedrungenen Banquier einstweilen Zügel an, bis sich die anfängliche Rücksichtslosigkeit nach Befriedigung der erhobenen Ansprüche ohnedem wieder in das geschmeidigste Entgegenkommen verwandelte. Heinrich wäre in seiner gedrückten Stimmung dem brutalen Ansturm nicht gewachsen gewesen und hätte wahrscheinlich sofort die Flinte in's Korn geworfen. Einigermaßen consternirt über die flüssigen Fonds, wo sie eine leere Casse zu finden gehofft, schieden die Edlen mit den widerlichsten Dienstanerbietungen und Versicherungen von Freundschaft und Vertrauen. Ich sage absichtlich 'gehofft'; denn nach genauerer Untersuchung kann ich mich der Einsicht nicht verschließen, daß hier ein vielleicht in der Eile gereifter Plan vorlag, aus dem Ruin des Hauses mit geschicktem Zuge möglichst große Vortheile zu ziehen. Den Rest des Tages haben wir benutzt, um die Gefahr durch Deckung aller dringenden Posten vollends zu beseitigen. Das Schlimmste ist hoffentlich beschworen.“

„Und woher ist es Dir gelungen, die Mittel zu beschaffen?“

„Woher? Verwundert sah er sie an; dann setzte er mit der Trockenheit, als ob er einzelne Posten in einer parlamentarischen Berichterstattung über das Budget aufzähle, der gespannt Lauschenden aus einander: „Hunderttausend Gulden waren Deine Mitgift; davon wurden im Einverständniß mit Deinem Vater vierzigtausend zur Arrondirung und Verbesserung von Riefling verwendet. Sechszigtausend in Anlagepapieren hatte ich selbst unter Verschluß, das heißt die Talons, während die Actien der Sicherheit wegen deponirt worden sind. Dieses Packet hatte ich mit mir genommen; es wird für's Erste ausreichen.“

„O, das war klug,“ rief Lisa lebhaft. „Schaden wird hieraus ja nicht erwachsen und Alles wieder ersetzt werden.“

„Wieder ersetzt?“ Ein Lächeln glitt über sein kühles Gesicht, aus dem nicht Zweifel und Unglauben, sondern nur überlegenes Bewußtsein sprach. „Davon ist ein für alle Mal keine Rede mehr. Im Gegentheil, ich werde gezwungen sein, auch den größten Theil des in dem Gute steckenden Restes herauszuziehen. Es ist schuldenfrei, und wenn auch die Ameliorationen noch zu frisch sind, um schon in volle Wirkung getreten zu sein, so wird es mir doch nicht schwer fallen, eine ausreichende Hypothekanleihe darauf zu erhalten. Mein Obligo ist in Heinrich's Händen.“

Sie starrte ihn an, als hätte sie ihn nicht verstanden und bedürfte Zeit, erst Alles in sich zu verarbeiten, was sie vernommen. Dann verschlangen sich ihre Hände langsam, und sie so vor die Brust hebend stammelte sie:

„Das hast – Du gethan?“

„Nun ja. Dazu war ich, wie Du selbst zugestanden, berechtigt, auch wenn es, wie ich gestern fürchten mußte, Deinen Beifall nicht hätte. Es freut mich jetzt, nachträglich in der zuvor abgegebenen Aeußerung doch noch Deine Zustimmung gefunden zu haben.“

Sie preßte die Hände vor die Augen; sie glaubte in Scham versinken zu müssen. Wie stand sie diesem Manne gegenüber, der ihre hochklingenden Worte gleichmüthig hingenommen, zu stolz, um sich nur gegen den ihm vorgehaltenen Verdacht zu reinigen, der gehandelt, während sie mit ihren Gefühlen Staat gemacht, und der nicht dann erst zu einem Opfer sich aufgerafft hatte, als es schon zu spät war. Als ganz selbstverständlich hatte er es angesehen, sich selbst in die Bresche zu stellen und Alles hinzugeben für Diejenigen, zu denen er nur durch seine Heirath gehörte – durch diese Heirath!

Es war ihr, als müsse sie vor ihm hinknieen mit gefalteten Händen und ihm in reumüthiger Unterwerfung Abbitte leisten.

„Mein Schritt wird allerdings weitgreifende Folgen haben, an die Du Dich wirst gewöhnen müssen,“ fuhr er nach einer Weile, und diesmal in sorgenvollerem Tone, fort. „Eine Umgestaltung unserer Verhältnisse ist unerläßlich geworden. Die Einkünfte meines Gutes sind nicht zureichend für den Aufenthalt in der Stadt; ja, um nebenher die Verzinsung der Belastung aufzubringen, wird energische Arbeit nöthig sein. Uebrigens werde ich mich derselben mit voller Kraft hingeben können, da ich noch heute mein Mandat als Abgeordneter niederzulegen gedenke. Du kannst dann allmählich den Hausstand auflösen und vielleicht mit beginnendem Frühjahr –“ er zauderte ein wenig, als suche er nach dem rechten Ausdruck, ehe er schloß: „die Uebersiedlung in's Werk setzen.“

Sie wußte, wie schwer ihm diese Entsagung fallen mußte, und doch war es ein anderer Gedanke, der ungerufen zuvörderst in ihr auftauchte, der nämlich, daß sie jetzt kein Tauschobject mehr war, daß er, zurückgebend, was er empfangen, auch zurückfordern konnte, was er geboten, daß sie dann frei war und Herrin ihrer Zukunft. Ein leuchtendes Bild zeigte ihr einen Moment den Jugendgeliebten in den Farben ihrer Mädchenerinnerungen, doch sofort war das Bild auch wieder erloschen.

Sie erbebte; eine sonderbare Angst ergriff sie.

Sie mußte ihren Blick zu dem Manne vor ihr aufschlagen. Jetzt stand sie mit einem Male so hoch in seiner Schuld, daß sich die Last der Dankbarkeit nicht mehr mit zugedrückten Augen fortschieben ließ, und – seltsam genug – sie verlangte auch nicht mehr darnach. Es war eine Empfindung, die ihr wohltat, deren sie nicht enthoben sein mochte. Eine Erschütterung war über sie gekommen, mächtiger als je eine zuvor, und wie im Traumwandeln beugte sie sich unter deren Gewalt.

Forschend suchte sie in Witold's Augen zu lesen, bis die ihrigen sich mit Thränen füllten; dann reichte sie ihm schüchtern die Hand.

„Ich danke Dir!“ sagte sie bewegt.

Der sanfte Ton schlug wie etwas Ungewohntes an sein Ohr.

Ueberrascht, zweifelnd blickte er sie an; ein freudiges Aufleuchten ging über sein Gesicht, und dann faßte er schnell und bereitwillig die dargebotene kleine Hand, über die sich seine Finger kräftig schlossen.

„Du hast mir nichts zu danken,“ sagte er in herzgewinnender Einfachheit. „Ich erstatte nur zurück, was Dein Vater mir vorgestreckt. Es ist sein Name, der bedroht war.“

Sie zuckte. Sie wollte ihre Hand zurückziehen, er aber ließ sie nicht los.

„Immerhin aber freut mich Dein Dank,“ fuhr er wärmer, als sonst seine Sprechweise war, fort, „denn er hebt den letzten Druck von meiner Brust. Daß ich es Dir gestehe: ganz ohne Bedenken bin ich dem starken Gefühle, das mich so zu handeln drängte, doch nicht gefolgt. Ich mußte mich fragen, ob mein [171] formelles auch ein moralisches Recht sei, oder ob ich nicht vielmehr verpflichtet wäre, Dir diesen Rest Deines Vermögens zu retten, der genügt hätte, Dir wenigstens für Deine Person den Dir so lieb gewordenen Aufenthalt in der Stadt zu sichern.“

„Ich werde ihn kaum vermissen,“ bemerkte sie leise und zur Erde blickend. „Vielleicht weniger als Du das Aufgeben Deiner politischen Thätigkeit, und wenn es möglich wäre – vielleicht ohne die Last eines Hausstandes –“

„Laß das!“ unterbrach er sie wohlwollenden, aber bestimmten Tones, und dann fügte er weicher, beinahe wehmüthig hinzu: „Vielleicht wird uns der Abschied minder schwer, wenn wir so Hand in Hand fortgehen.“ Sie fühlte den herzhaften Druck, der die Beziehung der Worte noch deutlicher machte: waren doch Jahre vergangen, seit dieses Freundschaftszeichen aus ihrem Verkehr verbannt geblieben. Auch sie erwiderte den Druck, als sie aber das gesenkte Auge befangen zu ihm erhob, gebrach es ihr doch am rechten Muthe über die Vergangenheit zu sprechen. Auch war er selbst zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt, um ihr dazu Raum zu lassen. Seufzend sagte er: „Ich wollte, Deine Geschwister nähmen ihr Opfer so leicht auf sich wie Du das Deine.“

„Meine Geschwister?“

„Sie sind bis zu ihrer Volljährigkeit gleich Dir an Heinrich, der ihr Vormund ist, und an das Geschäft gewiesen. Widerspricht eins von Euch der Liquidation oder dem Verkaufe aus freier Hand, so wird das Gericht den Concurs in die Hand nehmen, und dann ist die Revision der Bücher unvermeidlich.“

„O, so laß uns doch keinen Moment zögern!“ fiel Lisa erregt ein, und jetzt preßte sie seine Hand zwischen ihre beiden. „Hilf mir, daß wir nicht scheitern! Schicke zu Richard, und wenn er, wie ich fürchte, schon nach Sternberg abgereist ist, so will ich ihm sofort nachreisen. Bis morgen kann ja hier Alles angeordnet sein. Ich gehe gleich jetzt daran.“

Sie nickten einander zu und trennten sich.




5.

Ueber dem weiten Hügellande lag eine frische Schneedecke; noch immer fielen so dichte Flocken, daß der Kutscher und das Lederdach des langsam auf der Straße sich fortbewegenden Schlittens schon von einer weißen Kruste überzogen waren. Die Pferde, plumpe und dabei abgemagerte Proletarier, arbeiteten sich nur mühsam vorwärts und nickten stoisch zu den ihnen zeitweise von ihrem Meister zugebrummten Flüchen.

Jetzt hoben sie plötzlich die gesenkten Köpfe; die Schellen schienen einen lauteren Ton anzunehmen, weil der vorhin frei austönende Klang nun von den Wänden eines Fichtenwaldes abprallte, in den sie einfuhren. Die Schneewehen, welche auf der offenen Straße mitunter meterhoch quer über dem Wege gelegen, hatten nunmehr ein Ende, und als ob den Gäulen die Annehmlichkeiten der glatteren Bahn recht klar gemacht werden sollten, flog die Peitsche in eindringlicher Aufmunterung über sie hin, worauf es in rascherem Tempo vorwärts ging.

Die einzige Insassin, welche sich, dicht in Pelze gehüllt, in die Ecke des alten auf Kufen gestellten Wagengehäuses drückte, achtete nicht auf die lebhaftere Gangart der Pferde, wie sie auch zuvor der Verzögerungen, des zeitweiligen Schwankens und Steckenbleibens kaum inne geworden. Sie hatte keine Eile; Zweck und Ziel ihrer Fahrt waren beinahe ihrem Gedächtniß entschwunden und tauchten nur ab und zu vor ihr auf, etwa wie durch das gleichmäßig treibende Geflocke dann und wann ein an der Straße stehendes Haus, ein Bildstock, ein Wegweiser zu ihr hereinblickte, um gleich wieder zu verschwinden. Sie sah in das Schneegestöber hinaus, bis Schwindel sie erfaßte und sie die Augen schließen mußte. Ihr war gewesen, als sei sie emporgehoben, immer höher und höher, endlos bis in die Ewigkeit – sie allein; alles Andere blieb zurück, und so schwebte sie aufwärts in furchtbarer erstarrender Einsamkeit.

Sie schauderte trotz der warmen Kleidungsstücke und Decken. Es waren kostbare Pelze, die man in dem elenden Fuhrwerk nicht gesucht haben würde. Wie seltsam nahm sich der zarte Flaum des Edelmarders neben diesem verschrumpften Leder, dem zerfetzten Sitze und der über rissige Bretter hingebreiteten Strohschicht aus, durch die der kalte Wind zog!

Es war, so viel sie sich erinnerte, das erste Mal in ihrem Leben, daß sie in einem solchen Miethgefährte saß. Von Kindheit auf an Luxus gewöhnt, hatte sie immer eine elegante Equipage zur Verfügung gehabt; die feurigsten Gespanne waren ihr nicht schnell genug gewesen. War diese Fahrt ein Symbol für den Wechsel ihres Lebens, eine bedeutungsvolle Mahnung an die Gestaltung der Zukunft?

Warum hatte ihr Gatte nicht dafür gesorgt, daß sie von Sternberg aus abgeholt wurde? Warum hatte er, da er die erbärmliche Verfassung des telegraphisch bestellten Fuhrwerks sah, ihr nicht das ihn erwartende, von Riefling herübergekommene Gefährt zur Verfügung gestellt?

Selbst Gretchen hatte daran Anstoß genommen, daß Mama in die „häßliche schwarze Schachtel“ stieg, und ängstlich gefragt, warum dieselbe nicht auch in dem schönen rothen Schlitten mitfahren dürfe. Doch er schien die Frage zu überhören und hatte das Kind nur angeeifert, Mama Adieu zu sagen.

Ach, das war ja nicht das Einzige, war das Mindeste, was die jüngste Vergangenheit ihr an quälenden Räthseln aufgegeben hatte. Warum ließ ihr Gatte sie überhaupt mit einem Male allein nach Sternberg fahren, während er selbst mit Gretchen sich direct nach Riefling begab? Warum war sein ganzes Wesen seit diesem Morgen in so beängstigender, unerklärlicher Weise verwandelt? Der gestrige Tag hatte doch so beglückend, so hoffnungsvoll geschlossen! Von dem Momente an, wo sie Hand in Hand am Fenster gestanden und er der Hoffnung Worte geliehen, daß sie hinfort auf ganz andere Weise ihren Lebensweg verfolgen würden, hatten sie freilich nur wenig mit einander gesprochen. Jedes hatte die Stunden zu gleichem Zwecke, wenn auch in verschiedener Richtung, benützt: es galt, rasch die Vorbereitungen zur Reise zu treffen. Die flüchtige halbe Stunde am Abendeßtische, während welcher Gretchen plauderte und der servirende Diener ab- und zuging, hatte keine Anlaß zu neuem Aussprechen geboten; nur einige allgemeine Bemerkungen über inzwischen getroffene Maßregeln waren so nebenbei ausgetauscht worden. Ernst und von Sorge in Anspruch genommen, wenn auch nicht gerade kummervoll, sah Witold allerdings dabei aus, und er entschuldigte auch seinen baldigen Aufbruch mit einer Reihe noch zu erledigender Geschäfte und hauptsächlich parlamentarischer Arbeiten, die in seine Hände gelegt waren und nun noch geordnet und übergeben werden mußten. Doch bei all dem war in seinem Benehmen und selbst in den wenigen Worten, die er sprach, eine gewisse Offenheit und Wärme nicht zu verkennen gewesen, von denen sich Lisa eigenthümlich wohlthuend berührt fühlte.

Ueber Nacht aber war ein Frostreif gefallen, unter dem alles jungtreibende Leben erstarrt schien.

Die frühe Stunde, zu der sie Beide mit dem Kinde das Haus verließen, die Hast des Aufbruchs, die Unruhe bis zu denn Augenblicke, wo man die Plätze im Eisenbahnzuge eingenommen, verhinderten Lisa die Veränderung zu bemerken. Dieses ungewohnte Aufraffen zu einer in dieser Jahreszeit eigentlich noch nächtlichen Fahrt und die Nachwehen der durchwachten letzten Nächte machten sich in Erschöpfung und überwältigendem Schlafe geltend. Auch Gretchen war bald wieder eingeschlummert, schon war ein großer Theil der Reise zurückgelegt, als die Beiden erwachten und in den scheinbar noch immer dämmerigen Morgen und das dichte Flockengewimmel hinaussahen.

Während Gretchen sich jedoch der Lust daran freute, fiel Lisa's Blick auf den ihr gegenüber Sitzenden, und sie erschrak über die Blässe seines Gesichts und den finsteren harten Ausdruck in demselben, über das tiefliegende und geradezu feindselig auf sie gerichtete Augenpaar. Waren das dieselben Augen, die gestern so wunderbar bewegt und in die Seele dringend auf sie geschaut?

Er wendete sich wohl sofort zur Seite, als er ihrem Blicke begegnete, aber in seinem Gesicht ging keine Wandlung vor sich, und sein ganzes Wesen war eiskalt. Endlich hatte sie dann auch das peinlich Ueberraschende erfahren, daß ihre Voraussetzung, sie würden mit einander nach Sternberg fahren, eine irrige war.

Mit kurzen Worten, durch immer schüchterner werdende Bemerkungen von ihrer Seite veranlaßt, gab Witold bruchstückweise die Erklärung ab, daß er nicht die Absicht habe, sie nach Sternberg zu begleiten; ihre Mission daselbst betrachte er als eine innere Frage der Familie, die ihn weiter nicht betreffe. [172] Dem Kinde thue es jedenfalls am besten, sobald als möglich wieder unter Dach und Fach zu kommen; bei der Großmutter werde es ausreichende Fürsorge finden.

Das alles klang so sonderbar. War die Reue doch noch über den so plötzlich aus seiner ganzen Laufbahn geworfenen Mann gekommen, und die fruchtlose Erkenntniß, daß er mit seinem Edelmuthe sich übereilt? Dann war freilich die natürliche Folge, daß er mit dem gebrachten Opfer genug gethan zu haben glaubte und sich kalt, ja mit innerlichem Widerwillen von Allem, was ihn in diese Lage gebracht und was ihn daran erinnerte, abwandte. Mochte nun jeder sehen wo er bleibe; er hatte sich losgekauft.

Sie belächelte im Stillen ihr Gespenstersehen, das half aber nur über Secunden hinweg; das Unbehagen stellte sich wieder ein, als ihr immer wieder dieselbe eisige, ablehnende Kälte, dieselbe beinahe verletzende Wortkargheit begegnete. So schlimm war es ja die ganzen Jahre ihrer Ehe her nicht gewesen. Zum wenigsten hatte sie das Bewußtsein, diesmal unschuldig daran zu sein. Sie gab es auf, dem Gatten mit ihren Fragen lästig zu fallen, und richtete ihre Worte nur noch an das Kind, das sich, wie in instinctivem Bestreben bemühte, die der Mama versagte Freundlichkeit durch seine rührenden Liebkosungen zu ersetzen.

So war unvermuthet die Station erreicht, von welcher der Weg über Land fortgesetzt werden mußte, und es kam die Trennung.

„Ich möchte aber mit Mama gehen,“ hatte die Kleine gebeten und darauf die barsche Antwort erhalten:

„Du bleibst bei mir!“

Auf seinen Armen hatte er dann das eingeschüchterte Kind, das sich nicht mehr an Mama zu klammern wagte, in den Rieflinger Schlitten getragen, wo er noch beschäftigt war, es einzuhüllen, als der Lohnkutscher drüben bereits seine Mähren durch Flüche und Peitschenhiebe in Bewegung setzte. Er schien sie ohne Abschied sich selbst überlassen zu wollen.

Und jetzt war noch ein letzter Zwischenfall gekommen, welcher der jungen Frau vollends einen so beklemmenden Eindruck hinterließ, daß sie sich von demselben nicht befreien konnte.

Witold's Stimme hatte dem davonfahrenden Kutscher nochmals Halt geboten; der sah sich verwundert um, was vergessen worden wäre. Es handelte sich aber nur um das kleine Mädchen, das Witold abermals herbeitrug.

Gretchen weinte und schlang voll Zärtlichkeit die Aermchen um Mamas Hals.

„Sie hat nur noch um einen Kuß gebeten. Ich hab's ihr nicht abzuschlagen vermocht. Armes Gretchen!“ erklärte Witold, und in seiner Miene malte sich nun doch auch eine vom Momente gerechtfertigte Bewegung.

Warum dieses tiefe Mitleid mit dem Kinde?

„Es ist ja nicht auf lange,“ tröstete die Baronin das Kind. „Behalte mich nur recht lieb!“ versuchte sie zu scherzen.

„O Mama! O Mama!“ Gretchen brachte über das stoßende Schluchzen nichts weiter heraus.

Witold aber sagte in einem ganz seltsam weichen Tone:

„Sie hat Dich sehr lieb gehabt.“

Und dann, als sie ihm diesmal die Hand reichte und freundlich wiederholte, daß die Trennung ja nicht lange dauern würde, da hatte er so fremdartig gelächelt und erst nach einigem Zaudern die Hand angenommen, ohne Druck, ohne Leben in der eigenen. Aus seiner Stimme klang eine Gefühlsmischung von Herbe und Ergriffenheit, als er, Gretchen auf dem Arme, zurücktretend ein kaum vernehmliches: „Wer weiß!“ entgegnete und ein noch leiseres „Lebe wohl!“

„Fahr zu!“ hatte es gleich darauf geheißen, und als sich Lisa um das eisige Verdeck herausbeugte und zurückblickte, da stand er noch auf derselbe Stelle im Schnee, und das Kind winkte unaufhörlich mit den vor Kälte rothen Händchen.

Dann bog die Straße um ein Haus, und Lisa hatte Zeit, ihren Gedanken nachzuhängen.

Die Schellen klingelten; der Schlitten glitt über die ebene Bahn oder ächzte in bedenklicher Neigung über angewehte Schneeberge; die Flocken taumelten zu den Seitenöffnungen herein und schmolzen auf dem Bärenfell; Lisa wußte von all dem nichts; sie hatte den Schleier über das Gesicht gezogen und lebte sich innerlich zurück.

War's eine Trennung, auf welche seine Worte gezielt?

Aengstlich pochte ihr das Herz in der Brust.

„Wer weiß?“ hatte er zu der Hoffnung baldigen Wiedersehens gesagt. War er in Bezug auf sich selbst im Zweifel, ob er sich entschließen würde, sie wiederzusehen? Aber, wenn er Lust hatte, sich von ihr zu trennen – warum war er dann jetzt eben so ergriffen gewesen? Oder – gab er etwa ihr selber eine Entscheidung in die Hand?

Und jetzt fiel es ihr auf's Herz, daß er sie für immer verlassen haben könnte, in der Meinung, ihren eigenen Wünschen damit zu begegnen.

Aber wie konnte er zu einer solchen Annahme gelangt sein? Aelteren Datums war dieselbe schwerlich, denn die plötzliche Wandelung in seinem Wesen, welche sich seit der letzten Nacht vollzogen, hing doch wohl mit jenem „Wer weiß?“ zusammen. Aber warum sprach er sich nicht aus? In Bitterkeit schnürte sich ihr das Herz zusammen. Warum machte er so gar keinen Versuch, zu hindern, was seiner Ansicht nach geschehe sollte? Und immer wieder blieb das größte Räthsel: wenn er Trennungswünsche auf ihrer Seite so zuversichtlich voraussetzte, mußte dies doch auf irgend einem entscheidenden Anlasse beruhen.

Wo lag er nur, dieser Anlaß?

Sie zerquälte sich den Kopf, ohne doch eine nähere Wahrscheinlichkeit aufzufinden, als jene unbedachten Worte, die sie in der gereizten Stimmung der letzten Ballnacht gesprochen. Als er verlangt, daß das Haus aufrecht stehe, aus dem er seine Frau geholt, da hatte sie ihm das Bitterböse gesagt: „Oder – sie kann wohl in dasselbe zurückkehren.“ Vielleicht lag der Anlaß zu seinem Benehmen doch soweit zurück; er wollte sie strafen für jene Worte. Immer wieder kehrte sie zu ihnen zurück, und je mehr sie dieselben durchdachte und die Stimmung, in welcher er sie damals schon angehört, desto mehr Gewicht glaubte sie ihnen beilegen zu müssen. „Ich habe darauf nichts zu erwidern – auch wenn Dein Zusatz einen Entschluß ausspräche,“ hatte er entgegnet. Waren jene Worte denn seither von ihr widerrufen worden? Nein. Und hatte er das nicht erwarten müssen? Ja, mehr noch: sie ihm abzubitten, war ihre Pflicht gewesen, sich des Leichtsinns und der unedlen Regung anzuklagen und seine Vergebung dafür zu suchen. Statt dessen hatte sie gemeint, Alles mit einem einzigen kärglichen „Ich danke Dir!“ abzuthun. Die große That des Edelmuths und der bewundernswerthesten Selbstentäußerung hatte sie hingenommen, wie allenfalls eine kleine Dienstleistung; sie kam sich selbst wie ein Geizhals vor, der mit dem Retter eines verlorenen Schatzes um den Finderlohn mäkelt und ihn zuletzt in falscher oder doch beschnittener Münze bezahlt.

Und er hatte glaube können, daß sie jetzt von ihm gehen werde?! Für wie undankbar, für wie niedrig mußte er sie halten! Aber er sollte es nicht. Die Worte, welche sie ihm sage wollte, flossen ihr in ungesuchter Fülle zu, und unwillkürlich öffneten sich ihre Lippen zum vernehmlichen Laut.

Aus dem Selbstgespräche riß sie ein heller Ruf freudiger Begrüßung. Sie hatte es gar nicht bemerkt, daß der Schlitten den Wald verlassen und an einzelnen Häusern vorüber durch eine Allee und einen Thorbogen gefahren war, in dessen Schlußstein unter einer alten Sandsteinkrone ein neues Marmorwappen prunkte. Nun hielt das Gespann im engen Schloßhof, und von der Treppe her kam ein schlankes hochgewachsenes Mädchen mit drolligen Sätzen durch den Schnee gesprungen und steckte das rosige Gesicht lachend unter das Lederdach, wobei sich das weißblaue, weitmaschige Wolltuch, das sie in der Eile übergeworfen, von dem blonden Köpfchen streifte und so die ganze anmuthige Form desselben, wie den reichen seidig glänzenden Haarschmuck enthüllte.

„Meine liebe Lora!“ begrüßte die Ankommende sie; doch die also Angeredete schlug überrascht die Hände zusammen, zeigte eine recht enttäuschte Miene und vergaß ganz ihren Bewillkommnungsspruch.

„Ja, wie denn?“ rief sie schmollend; „Du bist allein! Und Witold? Ach, nun habe ich mich schon so gefreut! Ist er Dir denn unterwegs aus dem durchlöcherten Kutschengehäuse verloren gegangen? Wann kommt er denn nach?“

„Er kommt gar nicht nach. Du mußt schon mit mir vorlieb nehmen.“

„Gar nicht?“ rief Lora voll Erstaunen, ohne den Nachsatz einer Erwägung zu würdigen. „Ja, er hat aber doch geschrieben, [174] thun. Er datirte doch wohl von der letzten Nacht her, und – da stand sie wieder vor dem völlig Unerklärten.

„Ja, willst Du denn gar nicht aussteigen?“ hatte inzwischen das muntere Plaudermäulchen gefragt, und sich auch sogleich eine Antwort zusammengestellt. „Just verlockend ist diese Kibitka nicht, aber freilich noch wohnlicher als das Haus gegenwärtig, gemüthlicher jedenfalls. Weißt Du was? Ich setze mich mit hinein und dann: fahr’ zu, Kutscher! Wir nehmen Reißaus – das wäre das Allerbeste.“ Und sich ganz nahe zur Schwester hinbeugend, fuhr sie flüsternd fort: „Nun, da Witold nicht mitgekommen, ist ja ohnehin guter Rath theuer. Richard ist wie ein angeschossener Eber – gerade hat’s auch wieder allerlei andere Ueberraschungen gegeben. Ich wollte beinahe, man hätte mich nicht geholt, wiewohl ich eigentlich froh bin, daß ich nicht wieder in das Institut zurück muß. Ich müßte mich ja unter den Zöglingen und vor den Damen schämen.“

Ein Livréediener war mittlerweile herbeigekommen; er hatte die große Glocke gezogen und die ihm vom Kutscher zugelangten Koffer in Empfang genommen; dann war er Lisa beim Aussteigen behülflich. Die beiden Schwestern umarmten sich, und es waren herzliche Küsse, die sie mit einander wechselten.

Wie sie so Arm in Arm über die Vorstufen in’s Haus traten, bemerkte Lisa erst, um wie viel ihre Schwester sie überragte. Stehen bleibend, maß sie dieselbe noch einmal mit wohlgefälligem Blicke und streichelte ihr die Wange.

„Wie groß und schön Du geworden bist!“ sagte sie lächelnd.

„Ach, kannst Du mir nichts Angenehmeres sagen?“ entgegnete die Gepriesene mißmuthig. „Alle ertheilen mir ein Wohlverhaltenszeugniß für meine anständigen Bemühungen im Wachsen. Ich bin ja kein kleines Mädchen mehr. Mit siebenzehn Jahren hat man die Kinderschuhe ausgetreten, sollt’ ich meinen, und braucht sich nicht mehr solche zweifelhafte Schmeicheleien sagen zu lassen, weißt Du. Ich würde mich bedanken, wenn mir mein Tänzer auf dem Balle damit kommen wollte. Ja so –“ sie stockte plötzlich, und wehmüthig setzte sie hinzu: „Mit den Bällen ist es nun ja wohl aus. Wie schade! Ich tanze so überaus gern.“

[185] Während sie die mit alterthümlichen Waffen geschmückte Treppe langsam hinanstiegen, erzählte Lora mittheilungsbedürftig, daß sie beim Eintreffen der telegraphischen Abberufung aus der Pension der Meinung gewesen, man wolle ihr für den Rest des Carnevals noch die irdische Glückseligkeit eines Balles, oder gar mehrerer, bereiten, wie denn auch die ihr zur Begleitung mitgegebene Musiklehrerin sie während der kurzen Reise in diesen Hoffnungen bestärkt habe. Die Enttäuschung sei dann freilich eine sehr harte gewesen, als sie am vergangenen Abend bei ihrer Ankunft statt der Festvorbereitungen nur finstere, vergrämte Gesichter angetroffen, die eher eine Leichenfeierlichkeit zu verheißen schienen als Ballfreuden. Bei all dem, was sie später erfuhr, war doch ein Lichtgedanke vorherrschend geblieben, der dem kindlichen Gemüthe über alle Traurigkeit hinweghalf: die Gewißheit, nicht mehr in das Bauer zurückkehren zu müssen, aus dem das nach der Freiheit so sehnsüchtig ausblickende Vöglein jubelnd ausgeflogen. Mochte auch das Vermögen verloren sein, es regte sich fast etwas wie Schadenfreude darüber in dem kleinen Herzen, daß nun die Pension in dem theuren Institut nicht mehr weiter bezahlt werden konnte. Die Welt lag offen vor ihr – endlich, endlich! Was that alles Uebrige zur Sache!

Es war ein himmelweiter Unterschied zwischen dieser Denkweise Lora's und der Stimmung ihrer übrigen Angehörigen. Beim Eintritt in das Wohnzimmer wurde Lisa von Heinrich empfangen; Richard ging, unbekümmert um die Eintretenden, mit langen Schritten in dem düstern, nach der jüngsten Mode mit schwerfälligen gothischen Schnitzmöbeln ausgestatteten Gemache auf und ab, und Frau Hilma saß, steif aufgerichtet, in einem der hochlehnigen Sessel, die sämmtlich mit dem gestickten Ritterwappen derer von Mildner – einem goldenen Mühlrade im blauen Felde – von ihrer eigenen kunstfertigen Hand geschmückt worden waren.

Die magere Gestalt bewegte sich kaum, nur der schmale hohe Kopf neigte sich, Lisa begrüßend, ein wenig. Ihre Brauen waren gleich denen ihres Schwagers unheilvoll gerunzelt, was sie nicht gerade verschönte. Ein Kampf mit scharfen, wohl gar vergifteten Pfeilen mußte stattgehabt haben, und sichtlich nur durch das Aufgehen der Thür war das letzte noch unabgeschossene Wort auf Hilma's vor Aufregung zitternden Lippen gebannt geblieben.

Das ehrliche, breite Gesicht des blonden Recken, der Lisa gegenüberstand, war ungewöhnlich geröthet, und die gutmüthigen Augen des so schwer Betroffenen blickten beinahe furchtsam zu der Schwester hinüber, als ob er fragen wollte:

„Kommst auch Du, um mich zu verdammen?“

Sie aber brauchte nur einen Blick auf die beiden Anderen zu werfen, um zu fühlen, wie Alles, was sie auch auf dem Herzen haben mochte, vor dem Mitleid wich.

„Armer, armer Heinrich!“ sagte sie, ihn voll Innigkeit umarmend, was den großen starken Mann so erschütterte, daß seine breiten Schultern zu zucken anfingen und er plötzlich wie ein Kind in Schluchzen ausbrach. Er brauchte eine Weile, ehe er die Schwester aus seinen Armen ließ.

Eine ganz entgegengesetzte Wirkung hatte Lisa's Ausruf jedoch auf ihre Schwägerin geübt.

„Armer Heinrich, ja, armer Heinrich!“ ließ sich ihre harte schneidende Stimme vernehmen. „Ich denke wohl, daß sich das Mitleid ein Object aussuchen könnte, das dessen würdiger ist. Arm – arm sind andere Leute, die man in eine vergoldete Falle gelockt, um sie dann darin verhungern zu lassen.“

„Nicht ich habe diese anderen Leute gelockt – nicht ich!“ vertheidigte sich Heinrich mit erstickender Stimme.

„Einerlei!“

Der Vorwurf schien auch Richard verdrossen zu haben. Sich gegen die Klägerin wendend, fuhr er mit etwas ungeschlachtem Witze heraus:

„Du hättest eben dem Speckgeruche nicht zu folgen gebraucht. Warst Du doch kein so harmloses Mäuslein mehr.“

„Man merkt Deinen Ausdrücken den Casernen- und Stallduft an,“ gab Frau von Mildner spitz zurück, während ihr Blick Lora, der ein leises, durch kein nachträgliches Husten mehr zu bemäntelndes Kichern entschlüpft war, durchbohren zu wollen schien.

„Ei was, Du spritzest auch nicht mit Eau de Cologne um Dich,“ entgegnete Richard barsch, und wie ein echter Reitersmann, der sich im dichten Handgemenge, ohne von Hieb zu Hieb viel Zeit verstreichen zu lassen, rasch herumwendet und nach allen Seiten um sich haut, kehrte er sich sogleich wieder gegen den Bruder. „Aber wahr ist's, arm sind zunächst andere Leute, die man dazu gemacht hat. Warst Du unfähig, so hättest Du nicht Andere bevormunden, sondern Dir selbst einen Curator setzen sollen. Es ist unverantwortlich, wie Du gehandelt hast! Aber freilich, da hieß es immer 'der leichtsinnige Bursche, der Richard, man muß ihm Zügel anlegen ihn unter dem Daumen behalten und ein Beispiel sollt' er sich nehmen am soliden Heinrich.' Saubere Solidität das, die Andere an den Bettelstab bringt!“ [186] „Frau und Kind!“ warf Richard's frühere Gegnerin, jetzt seine Partei ergreifend, ein. Dafür aber dankte er schlecht.

„Bah! Frau und Kind gehören zu ihm,“ fuhr er, ohne Lisa's Mahnruf zu beachten, im gleichen heftigen Tone fort. „Das ist seine Sache – ob er sich selbst zum Habenichts macht in seiner Eigenschaft als Familienvater, das geht mich im Grunde nichts an, aber seine Geschwister um das Ihrige bringen – pfui! Da sieh das arme Ding an,“ sagte er, auf Lora zeigend, „das mit einer überfeinerten Erziehung, mit allen Ansprüchen an die Welt, jetzt hinaustritt in's Leben, welches für die Arme ein Complex von getäuschten Hoffnungen, Demüthigungen und Elend ist. Verstehst Du, um was Du sie gebracht hast? Um ihr Glück.“

„Nein, Richard!“ fiel Lora eifrig ein. „Ich dulde es nicht, daß Du in meinem Namen Heinrich schiltst. Ich verlange nichts; ich wünsche nichts; ich verzichte auf Alles – es soll nur endlich Ruhe werden.“

Ihr Antlitz hatte sich geröthet, und aus ihren blauen Augen leuchtete ein entschlossener Wille, den man in dem frohmüthigen Geschöpfe gar nicht gesucht hätte. Sie trat nun auch an Heinrich's Seite, der, an der Lippe nagend, ihr einen bittend dankbaren Blick zuwarf, und ergriff, wie zum Zeichen ihres Entschlusses, seine Hand.

„Eben deshalb,“ fuhr Richard fort, ohne sich beirren zu lassen, „eben deshalb, weil Du in kindischer Einfalt nicht weißt, was Du thust, brauchst Du Jemand, der für Dich spricht. Er darf Deinen Verzicht gar nicht annehmen, wenn er sein Gewissen nicht noch mehr belasten will. Gottlob, unsere Erbtheile sind alle verhypothecirt, und für die Jüngste mit pupillarischer Sicherheit; wenn unsere Frau Stiefmama, wie sie eben durch ihren Herrn Rechtsvertreter vermelden ließ, auf Subhastation anträgt, im Falle sie ihre gekündete Hypothek nicht binnen einer Woche ausbezahlt erhält, so läufst Du ihr doch noch mit Deinem vorhergehenden Posten den Rang ab.“

„Aber ich will nicht, ich will nicht,“ rief Lora mit dem Fuße aufstampfend, daß man den Hacken ihres Stiefelchens auf dem Parquet klappen hörte.

„So schenke doch Dein Geld diesem rücksichtslosen, habgierigen Weibe!“ schloß Richard zornig den Streit.

Nun aber trat Lisa unmittelbar an ihn heran; sie legte ihre Hand auf seinen Arm, und unter dem Blitze ihres Auges hielt er mitten in seiner Wendung, die er auf dem Absatze zu machen gewillt war, unwillkürlich an.

„Es ist ein trauriges Drama, zu dem ich hierher gekommen bin,“ sagte sie ernst und unwillig, „und Du, Richard, hast Dir keine schöne Rolle darin gewählt. Meine Meinung habe ich Dir schon vorgestern gesagt, daß Du aber mit jener Frau – mit unserer Stiefmutter concurriren willst, das nimmt mich Wunder; dann hast Du wahrlich kein Recht, sie zu verabscheuen.“

„Wer will concurriren?“

„Du – so muß ich wenigstens annehmen. Freilich, wenn ich es verhindern kann, geschieht es nicht. Ich weiß von Lomeda, daß wir Alle, Du, Lora und ich, Grund haben, zu verzichten, und wenn Du nicht schon abgereist gewesen wärst, als er mir Alles auseinander setzte, wärst auch Du von der Rücksicht unterrichtet, die uns zur Verzichtleistung zwingt. Es darf zu keinem Concurse kommen. Er muß um jeden Preis vermieden werden – auch um den höchsten! Und Du, Heinrich, schaffe das Geld für diese eine Drängerin! Wirf ihr das erschlichene Vermögen hin, damit sie schweige! O, wenn der Vater sie jetzt sehen könnte!“

„Ihr Theil wäre zu beschaffen ...“ meinte Heinrich kleinlaut.

„Sieh!“ ließ sich hier seine Frau vernehmen. „Da scheinen ja noch Geheimnisse vorzuliegen. Baron Lomeda und Gemahlin glauben mich wohl ganz als Nebenperson betrachten zu dürfen, auf die bei den von ihnen getroffenen Abmachungen keine Rücksicht genommen zu werden braucht. Für Andere wird gesorgt, daß aber in erster Linie Rücksicht auf Frau und Kinder genommen würde, liegt natürlich außerhalb der Erwägungen.“

Alles schwieg. Selbst Lisa kämpfte, die Verbitterung des Unglücks nachsichtiger beurtheilend, ihre Unmuth nieder. Den Blick noch immer auf Richard geheftet, fragte sie ihn mit dem feierlichen Tone tiefer Ergriffenheit, ob er ihren Bitten folgen wolle.

Finster, grämlich hatte er dagestanden. Jetzt warf er sich, als ob Lisa's Bitten die Erstarrung seiner Glieder gelöst, mürrisch in den nächsten Stuhl.

„Je nun, warum schelte ich denn,“ brummte er, „als weil ich mich in diese traurige Nothwendigkeit ergeben habe und verzichte? Thäte ich's nicht, hätte ich den Mund zu halten, es träfe mich ja nicht; so aber meine ich mir wenigstens das Recht erkauft zu haben, mir die Galle von der Leber zu reden.“

„Ist's Dein Ernst?“ fragte Lisa freudig.

„Na, es versteht sich wohl von selbst.“

„Bruder ...!“ Mehr brachte Heinrich nicht heraus, er legte die Hand über die Augen.

Nur so rascher ging Lora's Zünglein. Voll Entzücken sprang sie auf Richard zu und fiel ihm um den Hals, daß er Noth hatte, sich der Liebkosungen zu erwehren.

„Du bist mein Ideal, Richard,“ betheuerte sie. „Ich schwärme für Dich. Der schönste, eleganteste, nobelste Ulanenlieutenant der ganzen Armee!“

„Damit wird's nun wohl vorüber sein,“ erwiderte er seufzend. „Ich werde um meine Versetzung in ein Infanterieregiment einkommen, oder nein, lieber Jäger – die Uniform ist doch immer aparter. Und dann heißt's Pferde verkaufen, sich einschränken, von der Gage leben. Hm! man kann sich auch an Virginia-Cigarren gewöhnen – es müssen just nicht Regalia sein.“

„Und ich will Gouvernante werden,“ sagte Lora trotz aller Lebhaftigkeit mit großem Ernste. „O, ich habe die schönsten Zeugnisse; Französisch, Englisch und Musik: Vorzugsclasse. Ich werde an die Damen schreiben, daß sie mir eine Stelle verschaffen, recht weit weg, wo man nichts weiß von uns, in Rußland oder Indien.“

„Nein,“ fiel da Heinrich, der sich ermannt hatte, mit Bestimmtheit ein, „das sollst Du nicht, arme Kleine. So lange ich lebe, sollst Du bei mir Deinen Platz finden. Ihr habt so ungeheure Opfer gebracht, meine Geschwister, so edelmüthige; es sollen nicht noch größere – ich wäre ein Schuft, wenn ich sie annähme! – – Unehrlich war ich nicht, nur träge und gedankenlos. Aber ich will arbeiten, und müßte ich mit diesen Armen – sie sind stark genug – und wenn es als Holzhauer sein müßte!“

„Vielleicht eignest Du Dich dazu am allerbesten,“ warf, während alle Anderen die Bewegung in dieser fast athemlosen mächtigen Brust mit empfanden, Frau Hilma schneidend hin. „Ich begreife nur nicht, wie Du mit dieser keineswegs sehr lucrativen Beschäftigung ein solches Einkommen verdienen willst, um damit auch noch Gastfreundschaft zu üben. Meines Erachtens bist Du gar nicht in der Lage, Dir noch weitere Kostgänger aufzuladen; sieh zu, daß erst die Deinen satt werden!“

„O Lisa, nimm mich mit Dir! Ich möchte keine Nacht mehr unter diesem Dache bleiben,“ bat Lora hastig ihre Schwester. Diese trat im Augenblick näher an Hilma heran.

„Frau Schwägerin,“ sagte sie eindringlich und ruhig, „wer einem Armen in seine Suppe ein bitteres, ekelhaftes Kraut wirft, der begeht eben keine schöne Handlung. Eine Frau, die ihrem Manne geschworen, in allen Lagen treu bei ihm auszuharren, sollte dieses Eides zumal im Unglück tröstend und erwärmend eingedenk bleiben. Damit schafft sie Glück um sich und sich selber innere Befriedigung.“

„Wie Du zum Beispiel,“ setzte Frau Hilma, mit der hohnvollsten Grimasse sich auf ihrem Sitze verneigend, hinzu.

Der Pfeil saß, und Lisa wechselte verstummend die Farbe. Kein einziges Wort hatte sie zur Verfügung. Ihr war, als hätte man ihr einen Spiegel vorgehalten, aus dem ihr das eigene versteinerte Medusenhaupt entgegenstarrte.

Lora, welche den grinsenden Spott ihrer Schwägerin und das jähe Verstummen ihrer Schwester nicht verstand, wollte eben deren Vertheidigung übernehmen, als der Diener in seiner anspruchsvollen Livree, die so wenig zu dem wankenden Hause paßte, unter die Thür trat und zu Tische rief.

„Ihr werdet mit Wenigem vorlieb nehmen müssen,“ sagte die Hausfrau mit der säuerlichsten Entschuldigung; „doch dürfte uns ja allen der Appetit ohnedem vergangen sein.“

„Durch das bittere Kräutlein in der Suppe,“ sagte Lora ergänzend hinzu, indem sie Richard, der in schweres Nachsinnen versunken war, aufmunternd am Bärtchen zupfte.

Es war ein Aufbruch wie zu einem Leichenmahle.


[187]

6.

Der Landsitz, den die Freiherren von Lomeda sich bei Riefling zu einer Zeit gebaut, wo die kleine Ortschaft noch ein kaum in's Gewicht fallendes Anhängsel ihrer mächtigen feudalen Herrschaft bildete, war kein stolzes Schloß mit Thurm und Zinnen wie das Herrschaftshaus zu Sternberg. Irgend ein unverehelicht gebliebener nachgeborener Sohn hatte sich nach Jahren ruhmreichen Kriegsdienstes auf diese ihm zugewiesene Scholle der Lomeda'schen Besitzungen zurückgezogen und mitten in dem breiten, von mächtigen Höhen gesäumten Flußthale, am Flußufer selbst, das einfache und ziemlich geräumige Wohnhaus errichtet, den wilden, theilweise versumpften Grund aber mit der Vorliebe der alten Soldaten, die sich gern der Gärtnerei zuwenden, in einen hübschen Park verwandelt.

Der Park war mittlerweile gar stattlich in die Höhe gewachsen, und die Gruppen, Wald- und Buschpartieen legten nun, nach mehr als einem halben Jahrhundert ihres Bestehens, rühmliches Zeugniß von dem schönheitsverständigen Auge ihres Urhebers ab, der mit dieser Parkschöpfung ohne Frage gegen den herrschenden, steifen Hofgeschmack hatte protestiren wollen. An dem Hause aber hatte man, als später das verarmte Geschlecht es als letzten übrig gebliebenen Wohnsitz bezogen, ein Stockwerk auf- und zwei starke Flügel angesetzt, nicht in dem zierlichen Barokstile des ursprünglichen Baues, sondern zweckmäßig und billig, wie man damals etwa Casernen errichtete. In allerneuester Zeit war freilich mit Anbringung von Stuckfriesen und Terracottagesimsen einigermaßen nachgeholfen worden, aber doch war der Bau für ein modernes Landhaus viel zu gradlinig und einfach und für ein Schloß zu unscheinbar, obwohl es den letzteren Titel führte – in der Umgebung wenigstens. Der gegenwärtige Besitzer hatte gesunden Sinn genug, es nur seinen „Hof von Riefling“ zu nennen.

Und ein solcher war es eigentlich auch, denn von hier aus wurden die ziemlich umfangreichen Gründe bewirthschaftet, die nach der Ablösung der bäuerlichen Lasten dem Freiherrn noch geblieben waren. Die vom Wohnhause ein wenig abgerückten Oekonomiegebäude bildeten mit demselben thatsächlich einen großen Hof, welcher durchweg zu praktischen Zwecken benutzt wurde, bis auf den Platz innerhalb der Flügel, wo man um ein Rasenrondel eine gekieste Auffahrt freigehalten hatte.

Heute – der Abend begann eben hereinzubrechen – wäre der weite Raum wie ausgestorben gewesen, wenn dort, wo unter dem Schnee das Rasenrondel lag, sich nicht ein kleines dicht vermummtes Mädchen mit einem großen, ein wenig schwerfälligen Mann und dem struppigen Wolfshund, dessen Obhut der Hof empfohlen war, um ein mächtiges weißes Ungethüm getummelt hätte, einen Schneemann, der, mit einem alten Stallbesen statt der Hellebarde im Arm, starr und steif Wache hielt.

In einem der Zimmer des Erdgeschosses aber, dessen Fenster nach dem Flusse gingen, saß indessen Lomeda mit seiner Schwiegermutter in eifrigem Gespräch. Es wurde schon allmählich dunkel in dem kleinen, an den Speisesaal stoßenden Gemach, das, vor dritthalb Jahren neu und geschmackvoll eingerichtet, eine Art von Kaffee- und Rauchzimmer, seit jedoch die Gräfin allein auf Riefling hauste, deren gewöhnlichen Aufenthaltsort bildete. Noch war keine Lampe angezündet, aber der Gluthschein aus dem geöffneten Kaminofen, vor welchem Witold in den Kohlen schürend saß, beleuchtete seine finstern unmuthigen Züge, auf welchen die ältliche Dame ihren Blick sorgenvoll, nachdenklich, doch wieder mit einer nicht ganz verhehlbaren heimlichen Befriedigung ruhen ließ. War unter all dem, was sie über seine Zukunftspläne und die Ursachen zu dieser Neugestaltung gehört, viel sie Bekümmerndes gewesen, so fand sich doch auch manches dabei, was ihr Genugthuung gewährte. Sie hatte die zweite Heirath ihres Schwiegersohnes nie mit allzu günstigen Augen betrachtet, nicht etwa, weil es, bei allem Reichthum der Nachfolgerin ihres Kindes, doch nur eine „Müllerstochter“ war, die er heimführte, sondern vielmehr weil mit der Heirath die Uebersiedlung in die Hauptstadt verbunden war. Der Gräfin, die nach ihren Neigungen nicht begriff, wie man das freie Landleben mit dem Zwang und der Hast einer großstädtischen Existenz vertauschen und dazu sich noch gar in das abnützende freudelose Joch des Staatskarrens anspannen mochte, erschien der Entschluß des Barons nicht als das Ergebniß seines freien Willens; sie schrieb ihn dem Ehrgeiz und der Lebenslust der Braut zu, und meinte, um diesen Preis habe Witold die Mittel erkauft, seinem verkommenen Besitze aufzuhelfen.

Wie hatte sich das nun alles gewendet!

Das Geld war dahin, die bedürfnißvolle Frau aber mit ihrer Gleichgültigkeit gegen die Mühen und Freuden der Wirthschaft – sie war geblieben. Zum Glück konnten die Arrondirungen und Verbesserungen dem Gute nicht wieder genommen werden, es war nunmehr den erhöhten Anforderungen gewachsen, wenn der Herr fortan selbst willenskräftig mit Hand anlegte und sich in seinem engen Kreise beschied.

Freilich schien in der kurzen Zeit von Lomeda's Stadtaufenthalt das Landleben seine Reize auch für ihn völlig verloren zu haben. Die Stimmung, die sich eben wieder in seinem düstren Ausruf verrieth: er sei müde und wolle nichts Besseres, als sich hier in der Einsamkeit begraben, ängstigte die besorgte alte Dame.

„Begraben? begraben?“ erwiderte sie kopfschüttelnd. „Tritt der Mensch denn aus dem Leben, so lange er einen Zweck hat, zu dessen Erreichung er Kopf und Arme braucht?“

„Und habe ich denn einen Zweck?“ fragte er in durchbrechendem Unmuthe.

„Versündige Dich nicht!“ rief die Gräfin erschrocken und die etwas hagere Hand gegen ihn ausstreckend, als wünschte sie so das frevelnde Wort zu beschwören. „Hat man denn darum keinen Lebenszweck, wenn man irgend ein ehrgeiziges Ziel oder einen Beruf, der unseren Talenten besonders zusagte, aufzugeben gezwungen ist? Du hast aufgehört an der Gesetzgebung mit zu wirken – arbeite jetzt an ihrer Ausführung durch persönlichen Einfluß und Beispiel! Das Landvolk braucht ehrliche Führer und Vorbilder. Nicht einmal ich habe mich bis jetzt zwecklos auf Erden gefühlt – trotz meiner Kränklichkeit und Schwäche.“

„O Mama, Du hast hier zum Rechten gesehen, besser als ein Mann.“

Die Gräfin nickte geschmeichelt über den Lobspruch, der ihr auch nach ihrer eigenen Ueberzeugung gebührte, verlor aber dabei keineswegs den angesponnenen Faden.

„Bis jetzt ist es gegangen mit dem alten Borsch. Der will nun aber auch Feierabend machen und zu seiner Tochter ziehen. Einem jungen Verwalter von der neuen Schule fühle ich mich nun ganz und gar nicht gewachsen. Wer weiß, was man für einen Menschen findet, welche Schrullen er mitbringt, welche Eigenschaften? Vielleicht heißt's auch, rasch nach einander ein paarmal wechseln; das thut nicht gut; wo solche Unsicherheit eintritt, da soll des Herrn Eigenart der Fels sein, an den sich Alles hält und an dem sich auch jeder Eigenwille und der Widerstreit der Meinungen bricht; Du wirst genug zu thun bekommen, und ich wünschte nur, daß Du auch eine kräftige Gehülfin zur Seite hättest, die Liebe zur Sache fühlt, denn ich werde von Tag zu Tag hinfälliger, und ich fürchte, es wird nicht gar lange mehr –“

„O Mama, sprich doch nicht so! Es thut weh, das zu hören,“ unterbrach er sie, ihre Hand ergreifend, die er zärtlich drückte.

„Thut es das? Nun denke, wie es mir bei den Worten ist, die Du mir zu hören gabst! Du bist ein gesunder, kräftiger Mann, in der Blüthe Deiner Jahre, warum sollst Du nicht für Dich allein schon leben? Aber Du hast auch ein Kind, ein liebes herziges Ding. Sieh Dir Gretchen an und sage dann, daß es Dir gleichgültig ist, was aus diesem Kinde wird!“

„Du hast Recht; mir bleibt noch die Liebe zu meinem Kinde.“

„Und – zu Deiner Frau,“ setzte die Gräfin wieder weich, aber doch mit Nachdruck hinzu. „Und hättest Du sie selbst nicht lieben gelernt, wie ich aus den einsilbigen Berichten über sie fast schließen muß – Du bist vielleicht zu ihrem Glücke nöthig.“

„Zu ihrem Glücke?“

Er lachte kurz und dumpf auf. Was ihn bewegte, ließ sich aber in seinen Zügen nicht mehr lesen; denn er war, den Schürhaken wegstoßend, vor dem Ofen aufgesprungen, und sein Gesicht kam so aus dem Bereiche des Feuerscheines. Sollte er jetzt in die Brusttasche greifen und den zerknitterten Zettel hervorholen, den er gestern Abend aus der rachsüchtigen Hand der von ihrer Herrin brüsk fortgeschickten Kammerjungfer entgegengenommen hatte? Witold hatte ihn wohl ein Dutzend Mal gelesen, an's Licht gehalten, um ihn zu verbrennen, und dann doch wieder zurückgezogen und aufbewahrt.

[188] Dieser Zettel war ein furchtbarer Zeuge.

Nicht für eine wirkliche Untreue Lisa's in landläufigem Sinne; an eine solche glaubte Witold keinen Augenblick. Er hatte auch den verdächtigenden Zettel nur deshalb aus der Hand Mina's angenommen, damit das gefährliche Document nicht noch weiter mißbraucht werden könne, er hatte der Zwischenträgerin seine ganze Geringschätzung gezeigt und ihr die ernstliche Drohung ausgesprochen, er werde sie bei der geringsten verdächtigenden Aeußerung über seine Frau gerichtlich verfolgen. Gerade das anscheinend so sehr compromittirende Briefchen enthielt ja den allertriftigsten Beweis, daß jene Begegnung auf dem Balle die erste seit Lisa's Verheirathung gewesen; und was die entlassene Spionin über den Besuch jenes Husarenrittmeisters, den sie mit feingeschärftem Instinct sofort zu dem Billet in Beziehung brachte, boshaft anzudeuten wagte, verwarf sein großer Sinn verachtungsvoll. Nur der Anstoß war erst gegeben, doch was ihn mit Bitterkeit und Schmerz erfüllte, das waren die Dinge, die er unaufhaltsam kommen sah.

Von Lisa's Jugendneigung hatte er durch ihren Vater, schon als er um sie warb, Kunde erhalten; nichts desto weniger hatte er sein Wort nicht zurückgezogen. Mitleid und freundliche Zuneigung aber, nicht die volle, tief im Herzen wurzelnde Liebe hatten ihn bewogen, einen Schritt zu thun, der ihm nicht nur von verschiedenen Seiten angerathen, sondern von Lisa's Vater selbst deutlich genug nahe gelegt wurde. Es erschien ihm daher auch wie ein gerechter Rückschlag, als ihm von seiner Braut am Hochzeitsabende jene nüchterne kalte Erklärung gegeben wurde, die er zwar nicht erwartet hatte, nun aber hinnehmen mußte, wenn er das einmal geschaffene Verhältniß nicht durch eine sofortige Scheidung wieder lösen wollte.

Er gab sich damals der Hoffnung hin, durch Ruhe und Geduld, in friedlichem Nebeneinanderleben allmählich ein herzlicheres Verhältniß sich herausbilden zu sehen. Er kannte ja das geheime Hinderniß nicht, das seine zur Schwiegermutter gesprochenen wohlgemeinten Worte ohne sein Wissen geschaffen. Immer derselben Kälte begegnend, glaubte er endlich, daß bei Lisa ein häßlicher Charakterzug vorliege, der sich schon durch die Heuchelei und Heimtücke geäußert, in welcher sie mit ihrer wahren Ansicht über ihre gemeinsame Zukunft bis zu dem Augenblicke zurückgehalten, wo sie als die Mitträgerin seines Namens in sein Haus eingezogen war. Immer mehr von den politischen Geschäften, in die er sich gestürzt, in Anspruch genommen, hatte er endlich, ermüdet, die erfolglosen Versuche zu einer innerlichen Annäherung aufgegeben und sich gleichfalls an der rein äußerlichen Gemeinsamkeit genügen lassen.

So war es gewesen – bis zum gestrigen Tage.

Und eben in dem Augenblicke, wo er einen tieferen Blick in die Seele seiner Frau gethan und in ihr einen ungeahnten Schatz entdeckt zu haben vermeinte, in demselben Augenblicke, wo er plötzlich den Glauben an eine trotz aller äußerlichen Verdüsterung innerlich helle und freundliche Zukunft wieder gefunden, eben in diesem Augenblicke mußte er auf eine noch viel schmerzlichere Erklärung des eigenthümlichen Benehmens seiner Frau stoßen: sie hing seiner Meinung nach offenbar im tiefsten Innern an der alten Liebe, deren Gegenstand ihr plötzlich wieder nahe getreten war. Eine tiefe Muthlosigkeit ergriff ihn – er zweifelte keinen Augenblick, daß Lisa für ihn verloren sei, daß sie nunmehr heimlich Alles vorbereite, um die Fesseln der ersten Ehe zu zersprengen und eine neue zu schließen.

Das war immerhin schmerzlich.

Auch ein Zusammenleben, wie das bisherige, kann zur Gewohnheit werden, und wie schwer würde Gretchen sich von Lisa trennen! Das Kind hatte in ihr in Wahrheit eine gute und verständige Mutter gefunden – er vermochte das nicht zu leugnen. Auch sonst noch manche gute Eigenschaft hatte er im Laufe der Zeit an Lisa wahrzunehmen Gelegenheit gehabt.

Wie fremd auch und abweisend – offen und ehrlich war sie seit jenem Hochzeitstage, wie sie sich auch vorher gezeigt haben mochte, ihm immer begegnet. Er hatte sie in den vergangenen Jahren genau beobachtet. Vielumworben, hatte sie wohl Gefallen an den Huldigungen, aber niemals auch nur das leiseste Interesse für einen ihrer Bewunderer merken lassen. Sie würde sich kaum die Mühe genommen haben, ein solches Gefühl vor ihrem Manne zu verbergen, und ihm zu Liebe geschah es wohl am wenigsten, wenn sie unangefochten durch die Gefahren der Welt ging.

Kein Zweifel, die alte Liebe war nie in ihr erloschen und ihr zum Schild gegen alle Versuchungen geworden. Jetzt, wo sie von neuem aufflammte, war auch die plötzliche Aenderung ihres Charakters erklärt. Ein Thauen im Frühlingshauch! Der Liebe Härte und Eigennutz waren hingeschmolzen – daher der wunderbare Umschwung von einem Tage zum andern! Der Besuch des Geliebten lag ja dazwischen; Beschlüsse waren offenbar gefaßt worden; nur die hervorschlagende Wärme inneren Glückes hatte ihn getäuscht.

Und jetzt stand er selbst vor der Frage, wie er sich zu verhalten hatte.

Sein Eigenthum festhalten und vertheidigen, indem er den jenseits winkenden Nebenbuhler unter dem Vorwande, einen Räuber zu bestrafen, niederschoß? Das war wohl das übelst-gewählte Mittel. Die Trennung blieb immerhin entschieden, nur daß sie dann nicht in Ruhe und Freundschaft, sondern in tiefem Schmerz und unauslöschlichem Haß erfolgte. Und war es billig und edel von ihm, einen solchen wilden Sturm über ihr Leben heraufzubeschwören und ihr solch unheilbares Weh zu bereiten? Wenn es noch Vergeltung wäre – aber er liebte sie ja nicht. Bestimmt nicht. Nie war seine Empfindung für Lisa mehr als herzliches Wohlwollen gewesen.

Die ganze Nacht hindurch hatte er die heißen Gedanken durch den Kopf gewälzt, bis er endlich zu einem Entschlusse gekommen.

Die von ihm aus Sternberg gebrachten Mittheilungen hatten vielleicht ein Wort der Aufklärung zurückgehalten, das sie schon bereit gehabt. Es war am besten so. Wozu sollte es gesprochen werden? Stumm konnten sie aus einander gehen, und wenn seine leisen Andeutungen nicht verstanden würden und sie, an seiner Zustimmung zweifelnd, doch eine Auseinandersetzung für nöthig halten sollte, dann konnte er ihr ja morgen oder an einem der nächstfolgenden Tage, ohne jedwedes beigefügte Wort, den verrätherischen Zettel übersenden. Damit war dann Alles gesagt.

Nun aber vor der wackern Frau da am Kamin, die sich um den Neffen und Schwiegersohn sorgte, über sein trauriges Schicksal sprechen, Alles aus einander zerren und neugierig durchstöbern lassen – das ging über seine Kräfte. Eine gar seltsame Empfindlichkeit und Reizbarkeit hatte sich seiner bemächtigt, deren er zuvor Herr werden mußte, ehe er sein Herz ausschütten konnte.

Er fühlte, daß er gut that, der peinlichen Unterredung ein Ende zu machen.

„Es wird spät,“ sagte er, als ob alles Andere dagegen Nebensache wäre. „Die Sonne ist schon untergegangen, und Gretchen noch draußen. Das Kind vergißt sich in der Freude, sich hier tummeln zu können. Du wirst es in Acht nehmen müssen, bis Manon herauskommt. Peter ist doch wohl zur Bonne nicht recht geeignet. Ich will Gretchen hereinholen.“

Seine Tante war nicht so leicht zu täuschen. Beunruhigt über den Gemüthszustand des Neffen, blickte sie dem aus der Thür Eilenden kopfschüttelnd nach.

Als er hinaus kam, fand er die drei rasch befreundeten Spielgenossen noch immer eifrig beschäftigt, dem neuen Wachtposten aus Schnee, der alles in unerschütterlicher Geduld über sich ergehen ließ, seine Pflichten einzuschärfen. Peter stand im Begriffe, ihn für sein wichtiges Amt noch ganz besonders auszustatten. Auf des Vaters Ruf nämlich kam Gretchen fröhlich herbeigelaufen, aber nur um einen letzten Aufschub zu erbitten.

„Noch ein Bischen, Papa!“ flehte sie, seine Hand streichelnd, „nur noch ein Bischen! Peter zündet den Kopf an, das wird so schön.“

Das war nun freilich nicht buchstäblich gemeint; nur ein Licht sollte in den ausgehöhlten Kopf gestellt werden, daß der Schneemann schrecklich leuchtende Augen und einen flammenden Mund bekäme.

Die Kleine, welche der Unwiderstehlichkeit ihrer Bitten doch nicht recht trauen mochte, war schon auf eigene Faust wieder davon gesprungen, und Witold ließ sie gewähren, da der Abend nicht kalt und völlig windstill war. Er selbst blickte zu der Pracht des gestirnten Himmels auf, welcher sich im Laufe des Nachmittags, als der Schneefall aufgehört, völlig geklärt hatte.

[189] Schon beim Hinaustreten war es ihm gewesen, als höre er Schellengeläute; jetzt ertönte es weit näher und ganz deutlich; es konnte kein Bauerngespann sein; denn der Rhythmus entsprach der raschen Gangart flüchtiger Pferde. Nun schlug Harro an und rannte mit mächtigen Sätzen der Einfahrt zu.

Ein paar Secunden später, kam auch schon ein offener Schlitten durch das noch nicht geschlossene Hofthor geflogen, und in hübscher Wendung einbiegend, hielt er knapp vor den Stufen, auf deren oberster Witold überrascht stand.

[201] Der Rest des scheidenden Tageslichtes reichte gerade noch aus, den Baron zwei wohlverpackte und verschleierte Frauengestalten erkennen zu lassen – es begann seltsam zu hämmern in seiner Brust. Er brauchte sein Auge nicht: eine Ahnung hatte ihm schon gesagt, daß Lisa hier angefahren kam. War es denn denkbar, und war es möglich? Sie?

Doch Gespann und Kutscher kamen aus Sternberg; er kannte sie, und jetzt hob auch schon die eine der Insassen des Schlittens die Hülle von dem frischgerötheten, gesundheitsstrahlenden Gesichtchen.

„Da sind wir, glücklicher Weise ohne von Wölfen gefressen worden zu sein,“ rief sie lachend, daß zwei Perlreihen tadelloser Zähnchen zum Vorschein kamen.

Das mußte wohl Lora sein, die kleine Lora, die er seit dem Tage, wo man ihren Vater zu Grabe getragen, nicht mehr gesehen hatte. Ihm war es damals nur für kurze Zeit möglich gewesen, sich loszumachen, und während der paar Stunden, die er auf Sternberg verweilte, hatte er kaum sonderlich auf das halbwüchsige magere Mädchen in dem engen schwarzen Kleide geachtet, das mit verweinten Augen und rothem Näschen unter den Leidtragenden mitgelaufen war oder in der Ecke gehockt hatte.

„Lora, wie bist Du –!“ begann er unwillkürlich.

„Gewachsen und groß geworden,“ fiel sie ihm hastig in's Wort. „Denke Dir, das weiß ich schon. Du darfst es mir nicht auch sagen, Witold – sonst ist's mit aller Schwärmerei, die ich für meinen großen, geistreichen Schwager empfinde, auf der Stelle vorbei.“

Sie schloß lachend, und mittlerweile hatte er schon die Pelzdecke losgehakt und sie, als die ihm Zunächstsitzende, aus dem Schlitten und auf die Treppe herübergehoben. Noch halb in seinen Armen, bot sie ihm die rosigen Lippen zum wiederholten und herzlich erwiderten Kusse.

Nun wollte Witold auch seiner Frau zu Hülfe eilen, diese war aber schon auf der andern Seite aus dem Schlitten gestiegen, wo sie jetzt mitten im Schnee auf den Knieen lag und Gretchen an sich preßte, die mit freudigem Aufjauchzen ihre Aermchen um Mamas Hals geschlungen hatte und nicht satt werden konnte, sie zu liebkosen, während Harro leise knurrend die Gruppe mißtrauisch umschnüffelte.

„Pfui, Harro, willst Du Mama beißen? Ich mag Dich nicht mehr! Die liebe Mama!“ rief die Kleine und schlug mit dem einen Händchen in das zottige Fell des Spielcameraden. Der Hund ließ es sich gutmüthig gefallen, Lisa aber hatte Gretchen auf den Arm genommen und vernahm schweigend, wie der kleine unschuldige Mund ihre Ahnung bestätigte. Papa hätte gesagt, Mama werde lange, lange nicht wiederkommen. Papa hätte Gretchen erschrecken wollen. Nun bekäme aber Mama auch einen brennenden Schneemann.

Witold nickte mit einem fast scheuen Blick zu seiner Frau hinüber und schien große Eile zu haben, den Gast, der ohne Umstände seinen Arm genommen hatte, unter Dach zu führen. Lisa, welche Gretchen an der Hand hielt, folgte langsam. Im Flur war es schon hell; ein Mädchen mit Licht war herbeigekommen. Auch die Gräfin hatte man schon benachrichtigt, und sie kam den Eintretenden auf der Schwelle des Zimmers entgegen.

„Seien Sie willkommen!“ sagte sie nach den ersten vorstellenden Worten Witold's zu Lora, der sie mit gütigem Ernst die Augen geschaut. „Sie erinnern mich an meine Tochter. Auch sie war so groß und blond wie Sie.

„O bitte, Mama,“ versetzte das liebliche Mädchen rasch in gewinnendem Tone. „Haben Sie mich nur auch ein wenig so lieb!“

Sie beugte sich in kindlicher Bescheidenheit auf die schmale runzlige Hand der würdigen Dame, diese aber faßte ihren Kopf und küßte sie gerührt auf die Stirn.

Nur eine gemessene kalte Kopfneigung hatte dagegen Lisa gegolten. „Und ich – ich bin hier fremd,“ sagte Lisa zu sich.

Wie war doch die ihr gewordene Begrüßung so verschieden von dem freundlichen Willkommen, das ihrer Schwester geboten wurde! Selbst dieser mußte es ja auffallen. Lora und Witold hatten sich unbefangen umarmt und geküßt, wie in alter herzlicher Zusammengehörigkeit; zwischen seiner Frau und ihm war noch kein Wort gewechselt worden.

Nun stand sie doch noch vor ihm, reichte ihm die Hand und schlug das Auge zagend zu ihm auf.

„Du hast mir einmal eine Heimath angeboten,“ sagte sie und stockte. Es war ein so düster brennender und erwartungsvoller Blick, dem sie begegnete, und doch nicht der feindselig strenge von heute Morgen, auch nicht das ernste, fast traurig milde Auge, das ihr einst ein solches Vertrauen eingeflößt. Ein ganz anderes Wesen spiegelte sich darin, und sie verlor den Faden ihrer Rede und fast auch den Athem, daß ihre Brust sich hoch und zitternd hob. „Ich möchte Dich um ein Plätzchen für meine Schwester in Deinem Heim bitten.“

„Nur vorläufig,“ fiel Lora jetzt selbst in ihrer frischen Weise ein. „Wir hielten es in Sternberg nicht mehr aus. Ich glaube [202] beinahe, wären wir nicht freiwillig gegangen, hätte Hilma Rattengift gestreut. O Witold, nicht wahr, Du behältst mich doch, bis ich irgendwo ein Unterkommen gefunden? Ich werde mich unterdeß hier schon als Gouvernante betrachten, um mich nützlich zu machen,“ und sich umwendend drohte sie mit komischer Würde: „Gretchen, nimm Dich in Acht – ich werde sehr strenge sein!“

Lachend kauerte sie sich nieder, mit der Kleinen in aller Eile Freundschaft zu schließen.

Witold aber ließ jetzt, ohne Druck, still und kalt zurücktretend, die Hand seiner Frau los.

Nur für die Schwester nahm sie die Heimath in Anspruch, nicht für sich. Darum also war sie noch einmal zurückgekommen – nur darum! – Auf wie lange?




7.

Wieder begann der Abend zu sinken, diesmal aber war es die schon länger verweilende Sonne der Tag- und Nachtgleiche, welche sich dem Höhenzuge auf der andern Seite des Flusses und den fernen blauduftigen Bergen zuneigte. Die letzten Strahlen, die noch über den First des Herrenhauses hinweg glitten, zogen einen goldenen Streifen an dem langen Stallgebäude hin, und ein kleines Bündel fand sogar noch Eingang durch die offene Thür, in welcher jetzt Lisa wie in einem Bilderrahmen erschien.

Die schlanke zierliche Gestalt in dem einfachen hausmütterlichen Kleide, die mit solcher Vorsicht die volle Milchschüssel in den Händen trug, über welche sich das feine Köpfchen mit den schlicht umgeschlungenen dunklen Flechten in großer Achtsamkeit neigte, hätte wirklich ein reizendes Motiv für einen Genremaler gegeben. Einen interessanten Contrast zu Lisa's Erscheinung bildete das hinter ihr eben auftauchende hagere, gelbliche Matronenantlitz mit einer seltsamen Mischung von Mißtrauen und Billigung im Blicke, welcher der Voranschreitenden beobachtend folgte.

„Es sind nur ein paar Schritte bis in die Kühlkammer,“ sagte Lisa im Heraustreten entschuldigend, „den kleinen Gang kann ich ja auch selbst machen Tante.“

„Wer Alles selbst machen will, verliert die Uebersicht über die Wirthschaft. Den Mägden aber gefällt die Erleichterung; sie lernen sich auf fremde Hülfe verlassen, und keine nimmt's mehr mit der Pflicht genau. Der Frau Arbeit ist Befehlen und Ueberwachen; sie ist nicht leichter als die der Magd.“

So sprach die Gräfin und als sie ihre Zurechtweisung beendet hatte, setzte sie bei sich hinzu:

„Sie hat wirklich Lust und Willen zur Wirthschaft. Ich hätte es nicht gedacht.“

Nicht wie man sich in eine Beschränkung, in eine Verbannung mit stumpfer Ergebung fügt, war Lisa in Riefling aufgetreten, sondern mit einem sich in ihren Mienen, in ihrem ganzen ein wenig aufgeregten Wesen deutlich aussprechenden Gefühle heiterer Zuversicht.

Während ihre Schwester bei Gretchen auf dem Gute geblieben, hatte sie schon am Morgen nach ihrem Einzuge in Riefling den Gatten auf einige Tage nach der Stadt zurückbegleitet. Sie hatte die Zeit in der Stadt mit einer ihrem zarten Körper kaum zuzutrauenden Unermüdlichkeit zum Ordnen und Einpacken und zu den unerläßlichen Abschiedsbesuchen verwendet, sodaß Witold, welcher einige Tage länger in der Stadt blieb, ungehindert sämmtliche Geschäfte abwickeln konnte.

Und von dem Tage ihrer Rückkehr an hatte sie begonnen, sich in Haus und Hof umzusehen und nützlich zu machen. Witold's Tante hatte darauf bestanden, ihr sofort mit den Schlüsseln auch die Herrschaft abzutreten, wogegen sich jedoch Lisa sanft, aber mit Bestimmtheit gesträubt. Da sie nichts von der Wirthschaft verstehe, hatte sie entgegnet, wäre sie, wenn man sie zwänge, dieselbe zu übernehmen, genöthigt, eine Haushälterin und Oberaufseherin zu ihrem Beistand herbeizuziehen, welche neue und im Grunde überflüssige Ausgabe in der gegenwärtigen Lage kaum räthlich sei. Die bisherige Herrin, unter deren Führung Alles so wohl gediehen, möge sich auch weiterhin als solche betrachten, so lange wenigstens, bis es die Schülerin dahin gebracht, sie mit einigem Erfolg ersetzen zu können. Und als Schülerin erbat sich Lisa die Erlaubniß, die erfahrene Leiterin des ganze Hauswesens überallhin begleiten zu dürfen, um so allmählich sich in den künftigen Beruf hineinzuleben.

Die Tante verwunderte sich zwar, aber da ihr alles Vorgebrachte doch ganz verständig erschien, gab sie endlich ihre Zustimmung, während Witold, als er von den getroffenen Abmachungen verständigt wurde, Lisa's Weigerung, in die Rechte der Hausfrau einzutreten, im Sinne eines ihm nur zu klaren Vorbehalts deutete. –

Eben kam Lisa mit leeren Händen wieder aus der Kühlkammer zurück und gab nun ihrer Lehrmeisterin auch die früher zurückbehaltene Antwort, die trotz des Lächelns bewies, daß sie bei aller Unterordnung unter einen fremden Willen nicht auf die eigene Selbstständigkeit verzichtete:

„Wer befehlen und überwachen will, muß doch erst selbst wissen, wie's gemacht wird. Und auch das Kleinste ist oft nicht so leicht, wie man sich vorstellt. Ich selbst hätte heute Schelte verdient.“

Sie deutete dabei auf einen großen feuchten Fleck auf ihrer weißen Wirthschaftsschürze.

Die Selbstanklage entlockte der Tante einen Schein von Lächeln, doch war sie sofort wieder ernst und nickte nur.

„Die Treppe ist schlecht und dunkel. Die Mägde verschütten immer die Milch; man darf darum die Schüsseln nicht so voll nehmen.“

„Dann hat man aber kein Maß,“ wendete Lisa ein.

Einen Augenblick sah die Tante ihr sinnend in's Gesicht. Dann sagte sie mit sichtlichem Widerstreben:

„Nun ja, der Eingang muß geändert werden. Ich will morgen mit Witold reden, oder auch sofort. Er muß ja schon zurück sein; da führt Peter sein Pferd.“

„Er ist heute nicht geritten, sondern zu Fuß fort, und das Pferd ist nicht 'Ralf', Tante; sein Braun ist ein viel helleres. Es wird doch kein Besuch –“

Sie sprach den Satz nicht zu Ende; ein aufsteigender Gedanke machte, daß ihre Wangen die Farbe wechselten.

Die beiden Frauen gingen neben einander durch den Hof, an Harro vorüber, der sich von Frip geduldig an der wolligen Brustkrause zausen ließ, den kleinen Necker nur dann und wann mit gutmüthigem Schlag der derben Pfote in den Sand kugelnd, und der nun seine Schnauze abwechselnd einmal in die herunterhängende Hand seiner älteren und die der rasch lieb gewonnenen jüngeren Herrin schob, welche ihm den possierlichen kleinen Spielgefährten mitgebracht hatte. Sie traten geradewegs auf Peter zu, der ein schlankes englisches Reitpferd von edlem Blute im Schatten des Hauses auf und ab führte.

„Ein Herr Officier,“ meinte er kopfschüttelnd auf die Frage, ob der Herr zurück sei und ob vielleicht Graf Baumbach mit ihm gekommen. „Ich denke, es wird wohl einer von den Husaren in Moorstädtel sein. Er sagte, ich brauchte das Pferd nicht einzustellen, und fragte, ob die gnädige Frau zu Hause sei. 'Natürlich,' sagte ich; darauf ging er in's Haus. Der Herr Baron aber wird später erst heimkommen. Er ist in's Dorf zum Vorsteher, wegen der schadhaften Fähre. Wir hätten heute genug gearbeitet, sagte er, und es ist wahr, die Dreiäcker sind ganz umgebrochen, und da hat er uns mit den Pflügen heimgeschickt.“

Lisa hatte über die lange Auskunft Zeit gehabt, sich zu fassen. Ihre Ahnung war mit den ersten Worten bestätigt worden. Der Besucher konnte nur Gustav sein. Sein Urlaub war nun wohl zu Ende, und er machte Ernst mit seiner Drohung, hier in Riefling die Belagerung aufzunehmen, nachdem jener erste Ansturm so unbefriedigend ausgefallen war. Daß sein wiederholter Besuch während jener Tage des Räumens und Packens nicht angenommen worden war, hatte ihn offenbar nicht abgeschreckt. Von Richard mußte er ja ungefähr über die Lage der Familie und die Ursachen der plötzlichen Uebersiedlung Lomeda's auf das Land unterrichtet worden sein. In der erfahrenen Abweisung sah er nur eine Maßregel, die wohl alle Bekannte des Hauses traf und die bei der Auflösung desselben eigentlich selbstverständlich war. Er hatte seine Pläne also vertagt, so mußte sie annehmen. Wenn er sich aber jetzt mit der Hoffnung schmeichelte, an jene unterbrochene Zwiesprache anknüpfen zu dürfen, so mußte ihm diese Hoffnung gleich jetzt, wo er zum ersten Male seinen Fuß über die Schwelle von Riefling setzte, für immer benommen werden. Der Zauber jener Stunde war gebrochen, und in Lisa's Seele lebte nicht einmal mehr der zur Duldung verwandelte Rest jener einstigen schwärmerischen Sehnsucht.

[203] Entschlossen ging sie auf die Treppe zu, an der Wilhelm, welcher, der Gelegenheit zu Liebe, den auf dem Lande abgelegten Livréefrack in aller Eile übergezogen hatte, bereits mit der Meldung harrte, Herr Rittmeister Steinweg habe sich anmelden lassen und sei von Fräulein Lora angenommen worden.

Die Gräfin schüttelte das graue Haupt. Daß Mädchen so ohne weiteres Officiere zum Besuche empfingen, erschien ihr als eine neue, selbst an ihrem Lieblinge nicht lobenswerthe Mode. Nur mit einer leichthingeworfenen Frage vergewisserte sie sich, daß der Rittmeister zu dem Bekanntenkreise der beiden Schwestern gehöre, und erklärte dann, ihnen den Besuch allein überlassen zu müssen, da ihre Toilette den Rücksichten auf den Empfang nicht entspräche.

„Auch gilt ja die Visite nicht mir,“ fügte sie nach einem ernstforschenden Blicke hinzu, wenigstens glaubte Lisa einem solchen begegnet zu sein und war unwillkürlich erröthet.

Sie nahm sich übrigens nicht Zeit, ihrer eigenen Toilette noch besondere Sorgfalt zu widmen; allerdings stand sie, nachdem die große Schürze abgebunden worden war, in tadellosem Anzuge da. Das graue Wollkleid, das sie trug, war zwar das allereinfachste ihrer Garderobe, aber nur nach dem Maßstabe ihres früheren Bestandes, denn für das stille Landhaus blieb es immerhin noch ein Muster der Eleganz. Sie steckte nicht einmal die etwas verschobene blaßblaue Bandschleife am Halse zurecht; so ganz nahm sie der Gedanke in Anspruch, den Besuch Steinweg's abzukürzen und – für die Zukunft einer Wiederholung vorzubeugen. Ihr war der Gedanke, daß Lomeda mit ihm zusammentreffen könnte, plötzlich höchst unangenehm. Nicht, daß sie die Furcht beschlich – zu welchen denkbaren Conflicten konnte denn eine solche Begegnung führen? Nein, das peinliche Gefühl, das sie bedrückte, war anderer, undefinirbarer Art; ihr selbst blieb es undeutlich, aber sie empfand es.

Bei ihrem Eintritte in den Salon sprang Steinweg von seinem Stuhle auf und unterbrach somit das lebhafte Gespräch, in das er sich schon mit Lora vertieft hatte, die ihrerseits sich alle Mühe gab, Gretchen zu bewegen, dem „Soldaten, der bei Mama gewesen“, ein vertrauensvolles „Patschhändchen“ zu geben.

„Ich habe Sie nicht erwartet,“ waren Lisa's erste und durch die ruhige Betonung für ihn und jedes aufmerksame Ohr auch bedeutungsvolle Worte, wobei sie zwar die Spitzen ihrer Finger in die von ihm dargereichte Hand legte, sogleich aber wieder zurückzog, ehe er sie noch an die Lippen gezogen.

„Sie haben darin Unrecht gethan, Baronin,“ entgegnete er, ohne sich diesen wenig einladenden Empfang verdrießen zu lassen, „denn ich halte mein Versprechen. Sie sehen, ich habe keine Minute verloren. Gestern eingerückt, heute hier.“

Dem vielsagenden Blicke, welchen er ihr dabei zuwarf, wich sie aus, indem sie auf das kleine Sopha in der Fensterecke zuging und ihn so zwang, sich wieder Lora zuzuwenden, welche schon dort saß und vor welcher er sich kein einverständnißsuchendes Mienenspiel mit der Schwester erlauben durfte. Da Lisa schwieg, bemächtigte sich ihre Schwester, welche unterdeß neugierige Blicke hinüber und herüber wandern ließ, des Wortes und erklärte scherzend, weshalb der Besucher solche Eile gehabt habe.

„Um mir zu versichern, daß ich ein häßlicher kleiner Knirps gewesen sei.“

„Ich bitte, mein Fräulein!“ suchte sich Steinweg zu entschuldigen, indem er die gefalteten Hände erhob. „Ich habe nur gesagt, daß Sie sehr groß geworden seien.“

„Und sehr hübsch – bitte kein Wort auszulassen! Und Sie haben es mir sogar mit einem feierlichen, fremdartig lautenden Schwur bekräftigt. Das ist es ja eben; das ist ja das Verbrechen, das ich Ihnen nun und nimmer vergeben kann. Hätten Sie sich lieber meiner gar nicht mehr erinnert! Beachtet haben Sie mich ja doch nicht viel. – Ich bitte, ich bitte, darüber herrscht kein Zweifel in meinen Annalen. Gehen wir über diesen Gegenstand großmüthig hinweg! Aber schwieriger ist es mit der neuen Beleidigung. Es giebt nichts Erniedrigenderes, als immer wieder an eine obscure Vergangenheit erinnert zu werden.“

„Mein Gott, ich kann Sie doch nicht klein und – und –“

„Häßlich finden?“ half Lora nach. „Meinetwegen – aber können Sie denn nicht galanter Weise annehmen, daß, was wir sind, wir auch immer waren? Götter altern nicht.“

„Dann können Sie auch nie avanciren, denn das geht nach der Anciennetät,“ setzte er lachend hinzu, und Lisa sah verwundert bald auf ihn, bald auf ihre Schwester, die so herzlich mitlachte. Warum nur gewann ihr selbst der Witz nicht das leiseste Lächeln ab? War er wirklich schal oder war sie nur so mißgestimmt?

Lora sprang plötzlich auf, und einen weiter entfernten Lehnstuhl aufsuchend, rief sie, ihr Näschen zwischen Daumen und Zeigefinger fassend, der Schwester in komischer Entrüstung zu:

„Ach Gott, Du kommst schon wieder aus dem Stalle. Pfui! ich kann den Geruch nicht ausstehen.“

„Sie machen mich trostlos,“ übernahm Steinweg die Antwort. „Dann trifft das am Ende auch den Träger des Duftes, denn der dürfte ich sein; wir Cavalleristen alle schmuggeln diesen Odeur mit ein.“

„Ach, ein Pferdestall, das ist ganz etwas Anderes,“ erklärte Lora eifrig. „Für Pferde schwärme ich.“

„Sie sollten reiten lernen, Fräulein.“

„Witold hat es mir schon versprochen. Mein Herr Schwager reitet selbst ausgezeichnet.“

„Ein Civilist?“

Das Lächeln und der zweifelnde Ton machten Lora ungeduldig.

„Wie ein Centaur,“ entgegnete sie mit lebhaftem Widerspruche. „Glauben Sie denn, daß es außer den Husaren gar keine Männer mehr giebt, welche ein Pferd zu tummeln und zu bändigen verstehen? Das ist ja das Handwerk jedes Kunstreiters, jedes Jockeys. Das kann nicht so übermäßig schwer zu erreichen sein. Was uns imponirt, ist, wenn ein Mann, der geistig Alle überragt, auch noch nebenher in allen ritterlichen Künsten Meister ist. Der ist des Kranzgewinnes sicher beim wackeren Turnier.“

„Ei, mein Fräulein, ich bin trostlos. Sie scheinen den Kampfpreis ja bereits vergeben zu haben. Zum Glücke werden nicht alle Preisrichterinnen so denken. Wir Leute vom – Handwerk müßten ja sonst geradezu verzweifeln und vor stillem Neide vergehen.“

Sein Auge hatte sich wie in siegesgewisser Appellation auf Lisa gerichtet, welche, durch die von ihrer Schwester unbedacht herausgesprudelten Worte eigenthümlich berührt, ihren Blick sinnend auf Gretchen senkte, welche schon vor einer Weile ihren Schooß erklettert hatte. Als Steinweg erkannte, daß ihm diesmal keine Antwort zu Theil wurde, wirbelte er ein wenig verdrießlich seinen Schnurrbart und wendete sich dabei wieder nach der andern Seite, wo Lora, die spöttelnde Erwiderung ganz anders nehmend und über die ihr nun selbst einleuchtende Tactlosigkeit ihres verletzenden Ausfalls erröthend, auf eine ausgleichende Wendung sann.

Endlich aber kam es halb im Ernst, halb im verlegenen Lachen über ihre Lippen geplatzt.

„Hab' ich etwas Dummes gesagt? Ach, ich bin doch noch ein recht kleines Mädchen! Schlimm war's gewiß nicht gemeint. Ich wollte die Soldaten wahrlich nicht in eine Linie stellen mit – mit Kunstreitern und –“

„Jockeys.“

„Nun ja. Ich habe ja auch einen Bruder, der Soldat ist, und wenn ich ein Mann geworden wäre, ich hätte mir selber nichts Schöneres wünschen mögen, als Soldat zu werden. Nein, Herr Rittmeister, es ist nur so einfältig herausgekommen. Bitte, nehmen Sie mir's nicht übel!“

Und wie ein Verzeihung erschmeichelndes Kind hielt sie die Hand hin, in welche einzuschlagen sich Steinweg nicht zum zweiten Male auffordern ließ. Wer hätte einer so hübschen reumüthigen Büßerin die Absolution auch vorenthalten wollen, selbst wenn sie sich weit schwerer vergangen hätte?

„Von mir aus sind Sie freigesprochen,“ antwortete er scherzend. „Ich kann gegen eine Dame weder einen Proceß führen, noch Genugthuung von ihr verlangen.“

„Das Letztere würde ich Ihnen auch nicht gerathen haben,“ war Lora schon flugs wieder mit ihrer früheren Munterkeit bei der Hand, „das müßte ein Duell auf Nadeln geben, und in deren Führung sind wir die Meister.“

„Doch halt!“ fiel er ein, indem er die entschlüpfende Hand zu bleiben zwang. „Im Namen der Armee kann ich nicht so nachsichtig sein. Ein Kriegsgericht muß aussprechen, welche Sühne Sie ihr schulden.“

[204] „O, das ist eine Ueberlistung – die gilt nicht.“

„Vor dem Feinde ist sie sogar geboten.“

„Ein rechter Mann zieht sein Wort nicht zurück.“

Lisa hatte der Neckerei gar nicht geachtet, sondern in Gedanken seitwärts zum Fenster hinausgesehen. Jetzt schrak sie auf einmal zusammen. Sie hatte Witold erblickt, der den Uferweg eingeschlagen haben mußte und jetzt durch den Park auf das Haus zuschritt. Sie fühlte das Blut heiß gegen die Schläfe wallen, und der Wunsch, einer Begegnung der beiden Männer vorzubeugen, wurde ohne klare Begründung in ihr rege. Ohnedem hatte sie ja schon länger, als es ursprünglich in ihrer Absicht gelegen, gezögert, dem unwillkommenen Gaste die Grenzen des Verkehrs für jetzt und alle Zukunft zu ziehen. Sie durfte damit nicht länger zaudern, damit er sie nicht mißverstehe.

„Ich fürchte,“ sagte sie gemessen, „wenn der Streit heute noch zu Ende gebracht werden soll, dürfte die Nacht den Herrn Rittmeister auf dem Heimritte überraschen.“

„O, das thut nichts,“ erklärte Steinweg, der im Spiele beinahe die Anwesenheit eines Dritten sammt dem Zweck seines Besuches vergessen hatte, indem er jetzt die rothgedrückte weiche Hand aus ihrer Gefangenschaft erlöste.

Auch Lora schien die endgültige Austragung der Proceßangelegenheit nicht verschoben haben zu wollen.

„Ein Reitersmann wird sich doch nicht vor Gespenstern fürchten,“ wendete sie sich gleichfalls gegen die Mahnung, die sie ebenso wenig ernst nehmen wollte.

„Aber vielleicht vor unserer schadhaften Fähre, auf der in der Dunkelheit leicht ein Unglück passiren könnte.“

„Ach, da kommt Witold!“ rief Lora, die, durch ein leises „Papa“ Gretchen’s aufmerksam gemacht, durch’s Fenster gesehen hatte. „Er wird uns am besten sagen können, ob wirklich Gefahr dabei vorhanden ist.“

„Sie sollten meiner Warnung folgen und Ihre Heimkehr nicht länger verzögern.“

Steinweg richtete, betroffen durch den ernsten, beinahe befehlenden Ton, seinen Blick auf Lisa. Die Unruhe und Befangenheit, welche er in ihren Augen entdeckte, glaubte er jedoch in einem Sinne deuten zu müssen, der ihn zum renommistischen Widerspruche stachelte. Sie sollte es wissen, daß er dieses Zusammentreffen, das früher oder später doch unvermeidlich war, nicht scheute. Laut erklärte er, soviel er wisse, könne er ja im Nothfalle auch weiter oberhalb über die Telzer Brücke reiten; aus einem kleinen Umwege mache er sich nichts, und jedenfalls wolle er sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, Baron Lomeda’s Bekanntschaft zu machen.

„Schon um mich doch einmal mit dem unerreichbaren Sieger, dem Besitzer so hochgerühmter Eigenschaften zu messen,“ setzte er lächelnd hinzu, und sein Blick traf bedeutsam zuerst Lisa’s, dann Lora’s Augen.

Die Letztere klatschte fröhlich in die Hände, wobei es noch unentschieden blieb, ob sie sich über das längere Verweilen des Gastes oder über den bei ihm geweckten Ehrgeiz freue. Ihre Schwester konnte darüber nicht wieder zu Worte kommen. Mit welchem Mittel hätte sie den Trotzenden vertreiben sollen? Ihn zu bitten, war sie zu stolz, ihm zu befehlen, hätte wohl kaum gefruchtet, während dadurch nur Lora’s Befremden erweckt worden wäre. Sie verzichtete daher auf einen wiederholten Versuch – auch war es schon zu spät.

Witold stand im nächsten Augenblick bereits auf der Schwelle und dem Rittmeister, der sich rasch erhoben und ihm in zuvorkommender Weise genähert hatte, gegenüber.

Es war gut, daß Lora in ihrer dreistfröhlichen Art die eigentlich überflüssige Vorstellung besorgte; es wurde Witold dadurch möglich, die plötzliche Ueberraschung zu bemeistern. Ein einziger rascher Blick flog zu Lisa hinüber, die einem Steinbilde gleich mit gesenkten Wimpern dasaß, nachdem sie Gretchen auf den Boden gestellt.

Er zürnte sich selbst, daß er nicht über den Corridor gegangen; da wäre er auf Wilhelm gestoßen; dieser hätte ihn von dem Besuche in Kenntniß gesetzt, und so wäre es ihm erspart geblieben, Steinweg’s Bekanntschaft zu machen. Aber auch gegen Lisa regte sich Groll in ihm. Durfte sie, so lange sie noch unter seinem Dache verweilte, diesen Mann empfangen? Er hätte ihr mehr Zartgefühl zugetraut, aber freilich – die Liebe macht rücksichtslos gegen die übrige Welt. Am tiefsten aufgebracht war er über den Mann, der es wagte, so ungescheut in sein Haus zu treten, das er berauben wollte. Diebe und Einbrecher kommen doch sonst nur bei Nacht, wo man sein gutes Recht der Nothwehr wahrt, wenn man sie mit einem Schusse heimschickt. Hier aber kam der nach fremdem Eigenthum Lüsterne bei hellem Tage und machte wohl gar noch Miene, dem Hausherrn, auf dessen Hab und Gut er es abgesehen, in der freundlich liebenswürdigsten Weise die Hand zu drücken.

Eine Heuchelei in solchem Maßstabe brachte aber Witold nicht über sich. Er neigte ein wenig den Kopf, darauf beschränkte sich die ganze Begrüßung. Finster, stumm und kalt stand er dem allerlei übliche Formeln auskramenden Besucher gegenüber; keine Silbe des Willkommens kam über seine fest zusammengepreßten Lippen. Als das auf ihn zulaufende Kind ihn erreichte, beugte er sich auf dasselbe herab und nahm es bei der Hand, um es fortan nicht mehr von seiner Seite zu lassen.

Es war das Benehmen eines Bauers, wie Steinweg zu sich selber sagte, das vollkommen zu der rauhen Jagdjoppe und den hohen Wasserstiefeln paßte. Er kam nicht sofort in’s Klare, ob er diese starrende Kälte ignoriren oder übel vermerken solle. Deutlich genug jedoch empfand er, daß er seinen Besuch nicht gut länger ausdehnen könne und am besten gethan hätte, Lisa’s Mahnung, welche offenbar diese peinliche Scene vorausgesehen, vorher schon zu befolgen.

[217] Er sei schon im Begriffe gestanden, aufzubrechen, und nur um der Bekanntschaft des Hausherrn willen noch geblieben, sagte Steinweg wie entschuldigend zu Letzterem, was ihm jedoch außer einem wiederholten steifen Kopfneigen auch nicht die kleinste Gegenhöflichkeit eintrug. Diesmal wagte selbst Lora, die sich von dem seltsamen Wesen ihres Schwagers mitbedrückt fühlte, den Wunsch, daß der Gast länger verweilen möchte, nicht zu erneuern. Wohl aber glaubte sie sich befugt, mitten in allerlei anderem Geplauder, die freundliche Hoffnung auszusprechen, daß Steinweg bis zu seinem nächsten Besuche ihr Generalpardon ausgewirkt habe werde.

„Sie erinnern mich zu rechter Zeit noch, mein Fräulein,“ gab er in geräuschvoll heiterer Weise zur Antwort. „Der Proceß ist erst noch durchzuführen, und zum Präses des Kriegsgerichts wollen wir die Frau Baronin ernennen.“

Nach allen Seiten grüßend, unter Gelächter und schallendem Protest der mit feierlicher Anklage Bedrohten nahm er einen leidlich gewandten und gedeckten Rückzug.

Als er schon die Thür hinter sich hatte, hörte Lora noch immer nicht zu kichern auf.

„Ist er nicht eine zu komische Erscheinung?“ fragte sie, Steinweg's Verbeugungen und das Ausstreichen des Schnurrbarts nachahmend. „Es ist nur ein Glück, daß er gegangen ist; am Ende hätte ich ihm noch offen in's Gesicht gelacht.“

„Und doch hast Du ihn eingeladen, wiederzukommen. In wessen Auftrag?“ warf Witold in einem so gereizten Tone hin, wie er ihn sonst nie, am wenigsten gegen Lora, anschlug.

Diese wurde denn auch mit einem Male ernst und verlegen. Sie warf dem Schwager wie ihrer Schwester fragende Blicke zu.

„Mein Gott – bedarf es dazu eines Auftrags? Ich meinte – ich glaubte – wir hatten es in der Anstandsstunde so gelernt –“ stammelte sie.

„Du hättest es der Hausfrau selbst überlassen können,“ fiel er in gleicher Schärfe ein.

„Aber wenn Ihr Beide nicht daran denkt! Es schickt sich doch einmal, daß man den Besuch wiederzukommen auffordert.“

„Lag Dir so viel daran, daß es nicht vergessen werde? Dann muß er Dir doch nicht gar zu sehr mißfallen haben.“

„O, Du bist heute gar nicht lieb!“ erklärte Lora über und über roth, indem sie sich schmollend und Hülfe suchend zu der Schwester wandte.

Doch Lisa hatte kein unterstützendes Wort für sie. Bei ihres Mannes Reden hatte sie hoch aufgehorcht. Was bedeuteten diese Vorwürfe? Selbst wenn Lora in kindlicher Harmlosigkeit ein lebhafteres Interesse für den jungen Officier verrieth, kam es Witold doch nicht zu, sie dafür so scharf anzulassen. Wenn er es dennoch that, so konnte es nur sein, weil er ihr die Regung selbst übelnahm. Ein solches Mißgönnen war ja wohl –

Sie erschrak, als wenn sie im Begriff gestanden, das Wort laut auszusprechen. Ein leises Zittern überfiel sie, und unwillkürlich rief sie Gretchen zu sich.

Bevor die Kleine jedoch dem Rufe der Mama gehorcht hatte, fuhr Witold mit dem barschen Befehle dazwischen, sie solle zu Manon gehen.

„Es ist für Dich Zeit zur Suppe und zum Schlafen,“ lenkte er mit milderer Stimme ein, als er sah, wie sehr er das Kind erschreckt. Er hatte nur dem ersten auflodernden Widerwillen, es jetzt bei jener Frau zu sehen, Ausdruck gegeben. Es war sein Kind, und die Berührung von Lisa's Lippen befleckte es. „Geh!“ wiederholte er, und die verschüchterte Kleine schlich sich gehorsam fort, ohne, wie sonst um diese Stunde, Gute Nacht geboten zu haben.

Der unmittelbar darauf folgende Eintritt der Gräfin verhinderte, daß die eingetretene Pause noch peinlicher wurde. Lisa legte die kleine Näharbeit, mit der sie sich so eifrig beschäftigt hatte, als ob sie jeden Stich zu zählen hätte, auf das Tischchen und erhob sich, um in das Nebenzimmer, an den dort bereits gedeckten und von einer Lampe traulich erhellten Theetisch zu treten; Lora, welche befangene, ja beinahe furchtsame Blicke auf den heute so ganz veränderten Schwager warf, schloß sich ihr an. Erst später folgte Witold mit der Tante; sie hatte begonnen, ihm einen kleinen Vortrag über die nöthigen Veränderungen in der Kühlkammer zu halten, von dem er kein Wort faßte.

Doch auch als sie nun beim Abendimbiß beisammen saßen, wollte sich die gemüthliche Stimmung nicht, wie gewöhnlich, einstellen. Hätte Lora, die sich bei solcher Einsilbigkeit immer unbehaglich fühlte, nicht ihre Laune und Gesprächigkeit schon nach kurzem Ausbleiben glücklich wiedergefunden, es wäre zuletzt wohl jedes Wort versickert, und der bekannte „Engel“ – diesmal kein Engel des Friedens – würde seinen Flug unfehlbar durch das Zimmer genommen haben.

Als die Speisen abgetragen waren und nur noch die Tassen auf dem Tische standen, erhob sich Lora und kam im nächsten Augenblick wieder mit einem Buche aus dem Salon, das sie dort vom Notenständer genommen hatte. Indem sie sachte hinter ihren Schwager trat, legte sie es vor diesen auf den Tisch.

[218] „Was ist das?“ fragte Witold mit einem Tone, der keineswegs willfährig klang.

„Die Maria Stuart. Du hast uns versprochen, sie nächstens vorzulesen. Nun, heute ist nächstens.“

„Und Du hast das Buch selbst geholt?“ fragte er betreten.

Lora deutete sein Stirnrunzeln auf ein neues über ihrem Haupte sich sammelndes Unwetter. Flehend faltete sie die Hände.

„Erbarmen, allmächtiger Dalai Lama!“ bat sie mit komischer Zerknirschung, der sich doch auch ein wenig wirkliche Befürchtung beimischte. „Ich habe zwar Dein Gebot übertreten und bin in der Bibliothek gewesen, aber ich habe es auch sofort bereut und Staub auf mein Haupt gestreut, indem ich nämlich das Buch hier hervorzog. Weiter aber habe ich mich wahrlich nicht gewagt. Ueber der Thür zu Deinem Zimmer stand ja in leuchtender Geisterschrift ein dräuendes 'Tabu!' Ich neigte mich nur tief in den Staub und floh die heiligen Räume, die kein Frauenfuß betreten darf.“

„Es ist eben nicht jedes Buch vor einem neugierigen Frauenauge sicher und für ein reines, keusches Frauengemüth geeignet,“ setzte er auseinander, doch war es, als ob noch eine andere Befürchtung von ihm genommen wäre. Sichtlich erleichtert athmete er auf, wenn es auch der Scherzrede nicht gelungen, diesmal ein Lächeln auf seine ernsten Lippen zu locken.

Die Schäkerin merkte wohl den gewonnenen Vortheil und suchte ihn auszunützen.

„Nun aber liest Du uns vor, nicht wahr?“ bat sie.

„Ist Dir denn so sehr darum zu thun, Quälgeist?“ fragte er zaudernd.

„Verse höre ich für mein Leben gern, und besonders wenn Du sie vorträgst.“

„Du bist sehr freundlich,“ sagte er nickend, doch ohne sich von der Schmeichelei bestechen zu lassen, und seine Worte erhielten sogar einen herben Nachdruck, als er hinzusetzte: „Es empfindet aber vielleicht nicht Jedes das gleiche Interesse an einer Vorlesung solchen Dichterwerkes, das nur das Fortspinnen des modernen Romans in der eigenen Traum- und Gedankenwelt stört.“

Lisa merkte wohl, daß dies auf sie gemünzt sei, obgleich sie nicht den vollen Sinn der Anspielung ahnte. Erst das zurückgezogene, gemeinsame Leben in Riefling hatte dazu geführt, daß Witold, nachdem er im Gespräch hin und wieder ein Citat gebraucht, hauptsächlich auf Lora’s Andrängen, dasselbe durch ein Vorlesen der ganzen Stelle und wohl auch längerer Abschnitte aus den berührten Dichtungen vervollständigte. Seine Zuhörerinnen hatten Geschmack daran gefunden, und auch für seine Frau, die ehedem nie ein Verlangen darnach getragen oder selbst für ernste, erhebende Lectüre Zeit gefunden hatte, wurden diese Lese-Abende ein Bedürfniß, wenngleich sie noch niemals sich über den Genuß geäußert hatte.

Jetzt aber glaubte sie, den deutlich gegen sie ausgesprochenen Zweifel beheben zu müssen.

„Auch ich bitte Dich darum,“ sagte sie sanft, indem sie ihr Auge freundlich zu dem seinen erhob.

Auf Witold aber hatte das gerade die entgegengesetzte Wirkung. Er stieß das Buch weit von sich weg.

„Ja, ja,“ stimmte nun auch die Tante zu. „Es ist so angenehm zu arbeiten dabei. Du hast eine so schöne, ausdrucksvolle Stimme –“

„Sie ist heute rauh,“ unterbrach er sie.

Daß sie es war, hörte man, dennoch aber war es nicht der Schonung wegen, daß er sich zu lesen weigerte; denn er nahm eine Cigarre aus dem Täschchen und hüllte sich in eine dichte Rauchwolke, daß die Tante zu hüsteln begann und, von Lora unterstützt, ihm Vorstellungen machte, er möge bei seiner Heiserkeit nicht so schonungslos gegen sich selbst wüthen.

Lisa schwieg. Sie leerte ihre Tasse und ging dann still aus dem Zimmer. Bald hörte Witold den Flügel im Salon unter ihren Fingern ertönen.

Was sie spielte, war einer seiner Lieblinge aus den Müllerliedern, und sie hatte das Stück mit Absicht gewählt. Noch von der Zeit ihres Brautstandes her war ihr seine Vorliebe für dasselbe in der Erinnerung, und vielleicht eben darum hatte sie es jahrelang nicht gespielt. Ueberhaupt hatte sie sich die Musik, so lange sie in der Stadt wohnte, immer versagt, wenn sie glaubte, daß auch er zu Hause sei – heute sollten ihm dieselben Klänge sagen, daß sie ihm eine Freundlichkeit zu erweisen und ihn in eine wohlthuende Stimmung zu versetzen wünsche. Aber die Wahl war keine glückliche. Was ihn begütigen sollte, erbittert ihn; gerade heute schien er Musik gar nicht ertragen zu können, und er, der ruhig gleichmäßige, fast pedantisch ernste Mann, den man keiner Laune eines gereizten Nervensystems zugänglich wähnen mußte, sprang mit finster gerunzelter Stirn schon bei den ersten Tönen auf.

„Ich habe noch zu arbeiten – gute Nacht!“ sagte er kurz und verließ das Gemach.

Lora und die Tante sahen ihm verwundert nach.

„Er muß heute einen recht argen Verdruß mit dem Ortsvorstande gehabt haben,“ suchte ihn die Letztere zu entschuldigen.

„Ach, diese Bauerndickköpfe!“ schalt Lora, indem sie die kleine geballte Faust erhob und in der Richtung gegen das Dorf hin schüttelte, als hätten sich die Bedrohten weislich vor derselben in Acht zu nehmen. Dann aber erzählte sie leise, um die Musik nicht zu stören, von dem Besuche, und ihr Geplauder schien kein Ende nehmen zu wollen; es ging wie ein Mühlrad im rauschenden Wasser als Grundbegleitung zu der schwermüthigen, sanft ausklingenden Weise.

Der, für den sie tönte, war ihrer aber doch nicht verlustig geworden. Er ging im Garten draußen auf und ab und horchte auf sie. Jeder Ton schnitt ihm in’s Herz. So dringend die vorgeschützte Arbeit gewesen, sie hatte ihn nicht auf sein Zimmer genöthigt. Nach Luft und Kühlung begehrte sein heißer hämmernder Kopf, und unbedeckt setzte er ihn dem durch die Baumwipfel säuselnden Nachtwinde aus.

„Nun also ist’s da,“ murmelte er zwischen den Zähnen, die das Cigarren-Ende schon ganz zerbissen hatten.

Wochen waren in der Erwartung des Momentes vergangen, der die Entscheidung bringen mußte, eine Entscheidung, die er voraussah, auf die er sich gerüstet glaubte und an der er dennoch, wenn er sich’s auch nicht gestand, schon zu zweifeln begonnen hatte. So ganz unmöglich war es ja nicht, daß sie dem Drängen jenes Mannes nicht nachzugeben willens war, daß sie –

Ach, wozu war es gut, jetzt noch all die Möglichkeiten zu erwägen! Aus der Ruhe, in die er sich einzuwiegen begonnen, war er ja nun gewaltsam herausgerissen. Er wollte sie nicht hassen dafür, aber er zürnte ihr, und mit Schreck empfand er dieses Gefühl. Wo war die stolze Gleichgültigkeit, mit der er sich gepanzert glaubte? Kam’s, so sollte es ihn kalt finden – unempfindlich wie einen Stein. Nun war’s da – und – –?




8.

Es war ein Tag zu Ende des Aprils, aber die Sonne schien so sommerlich warm, daß sich die Schwestern in den kurzen Mittagsschatten des Hauses geflüchtet hatten. Sie saßen an einem Tischchen fast unmittelbar neben den aus dem Speisesaale in den Garten herabführenden Stufen. Lora band Flieder und Pyrusblüthen zu einem Strauße für den Mittagstisch, während Lisa an einem kleinen Aquarell arbeitete, das, schon beinahe vollendet, eine Ansicht des Hauses von der Parkseite darstellte. Es waren nur noch einzelne Schatten zu vertiefen, und hier und da eine Farbe dem Gesammtton unterzuordnen. Ihnen zu Füßen spielte Gretchen im Kiese, wobei ihr Frip und Harro Gesellschaft leisteten; zuweilen ging’s auch zu Dreien im Haschen und Jagen hinaus auf den Rasen. „Mama und Tantchen“ achteten nicht immer darauf. Sie wußten sich allein und besprachen allerlei; von Seiten der Gräfin hatten sie keine Störung zu befürchten, denn diese widmete ihren Sonntagsmorgen, wenn, wie jetzt in der Zeit strenger Feldarbeit, die Fahrt nach der ziemlich entfernten Stadt unterblieb und sie somit den Gottesdienst – die Dörfer um Riefling waren katholisch – entbehren mußte, ganz der Postille.

Zum Glück für ihr religiöses Bedürfniß besaß die gute Dame aber ihren Lieblingsprediger sogar in mehreren Exemplaren gedruckt.

Auch Lora hatte sich eines davon aufnöthigen lassen; sie wußte wohl warum; Tante mußte bei ihrer guten willfährigen Laune erhalten werden – dann that sie ihrem Lieblinge auch gern einen Gefallen. Dafür konnte man schon ein Bischen fromm sein. Das that auch der Heiterkeit keinen Abbruch, welche jetzt, nach der Pflichterfüllung, wieder in ihr volles Recht eingesetzt [219] war. Und wer sollte denn an einem so schönen Tage nicht fröhlich sein? Schien doch die Sonne so hell, war doch der Himmel so blau und der Frühling so grün, die Luft so duftig und der Fluß so eilig. Man bekam selber Lust zu singen und zu hüpfen.

„So mach doch kein so fürchterlich ernstes Gesicht und höre einmal mit dem langweiligen Haus auf! Du wohnst ja drin, kannst es Dir alle Tage ansehen – was brauchst Du's denn noch gemalt?“ rief Lora ungeduldig der Schwester zu.

„Was man liebt, besitzt man nie genug,“ entgegnete Lisa, ohne sich stören zu lassen.

„Liebst Du denn etwas? Ich meine so recht von Herzen.“

Da hierauf keine Antwort erfolgte, lag mit einem Male der Strauß auf dem Blatte.

Aengstlich, ob die Farben auch nicht verwischt seien, hob Lisa die Blumen hinweg. Sie hatte einen kleinen Ausruf des Unwillens ausgestoßen. Nun aber schüttelte sie lächelnd den Kopf, da sie sah, daß ihre Arbeit unversehrt geblieben, und halb wieder versöhnt, sagte sie:

„Du bist ja heute ganz übermüthig. Was freut Dich denn so sehr?“

„Alles! Das Leben.“

In einem so vollen Jubeltone aus tiefer Brust kam das über die frischen Lippen, daß es Lisa mächtig ergriff.

„Du Glückliche!“ sagte sie seufzend.

„So glücklich kannst Du auch sein. Grund genug zur Freude giebt es ja, wo man hinsieht.“

„Mit jungen frohen Augen.“

„Ah, die Deinen sind schon furchtbar alt. Arme Alte!“ Sie lachte hell auf, um dann mit der Miene einer Protectorin fortzufahren: „Den Frohsinn aber verscheuchst Du selbst. Ist das eine Miene für einen Tag wie der heutige? Singe, lache, tanze! Kommt nicht Witold heim? Ist das nicht schon Grund, sich zu freuen? da, da – das zum Schmuck! Ah, wie prächtig es Dir zu Deinem Haare und Teint steht!“

Der kleine Zweig mit hellrothen Pyrusblüthen, den sie ihrer Schwester in's aufgenommene dunkle Haar gesteckt, bildete in der That einen hübschen Gegensatz zu dem matten Weiß des feinen Gesichtchens, das ein leises Lächeln jetzt noch mit anmuthsvoller Wärme beleble. Dabei glitt aber doch ein forschender Blick zu Lora hinüber.

„Blumen und Freude kommen zu früh für solchen Zweck. Lomeda kommt ja, wie er der Tante schrieb, frühestens heute Abend, wahrscheinlich aber erst morgen zurück.“

„Nun, so freue Dich über etwas Anderes. 'Immer alerte!' wie Steinweg sagt.“

„Vielleicht soll ich mich mit Dir über – oder vielmehr auf Steinweg freuen?“ suchte Lisa die Schwester zu necken. Diese aber lachte so laut und anhaltend, als ob etwas ungeheuer Drolliges gesagt worden wäre.

„Da bist Du wirklich auf dem – 'Steinweg'!“ rief sie, den Strauß, dessen Symmetrie durch die Entfernung des Pyruszweiges etwas gestört war, mit großem Eifer auf's Neue ordnend. „Wie Du nur darauf kommen magst?“

„Nun, Du beschäftigst Dich doch häufig mit ihm.“

„Ich glaube es schon, wenn Ihr ihn mir auf dem Halse laßt,“ fiel Lora verdrießlich die Achseln zuckend ein.

Ihre Schwester mußte schweigen, denn sie konnte ihr nicht Unrecht geben. Jedesmal, so oft Rittmeister Steinweg seinen Besuch erneuerte – und es war noch keine Woche vergangen, ohne daß er einmal nach Riefling getrabt kam – war Lisa für ihn unsichtbar geblieben. Das eine Mal hieß es, sie sei bei der alten kranken Rasenbäuerin im Dorfe, das andere Mal war sie selber unwohl – ein Vorwand hatte nie gefehlt. Ein einziges Mal nur war sie ihm aus der Rückkehr von einem größeren Spaziergange mit Gretchen in dem Augenblicke begegnet, wo er eben wieder fortritt. Da aber auch andere Leute des Weges kamen, so war es bei wenigen Worten geblieben.

„Warum weichen Sie mir aus, Elise?“ hatte er, sein Pferd anhaltend, gefragt, indem er Miene machte, abzusteigen, was er aber auf ihren abwehrenden Wink dann unterließ.

„Weil ich kein Mittel habe, Sie zum Wegbleiben zu zwingen, da mein deutlich ausgesprochener Wunsch Sie nicht dazu bewegt.“

„Ach, Sie fürchten sich.“

„Nein,“ hatte sie fest und ruhig geantwortet.

„Nun denn, auch ich fürchte mich nicht, und ich werde es darauf ankommen lassen, daß mir Herr von Lomeda selbst das Haus verbietet, das viel zu viel Angenehmes hat, um es freiwillig zu meiden.“

Mit diesen trotzigen Worten war er höflich grüßend davongeritten, indem er sie in dem peinlichen Gefühle zurückgelassen, daß sie thatsächlich kein Mittel besaß, ihm das Wiederkommen zu verwehren. Eines hätte es allerdings gegeben, das nämlich: sich an ihren Gatten zu wenden, dann aber mußte sie ihm die Gründe angeben, welche ihr die Ausweisung des aufdringlichen Gastes wünschenswerth machten, und welchen Ausgang ein Zusammentreffen der beiden Männer dann hatte, war kaum zweifelhaft. Einen solchen aber konnte sie doch unmöglich herbeiführen wollen. Ergriff sie jedoch ein anderes Auskunftsmittel und machte sie ihren Mann auf den bedenklichen Verkehr des jungen Officiers mit ihrer Schwester aufmerksam, so leitete sie nur eine Erklärung ein, die Steinweg gewissenlos dazu mißbrauchen konnte, sich erst recht für die nächste Zeit den Zutritt zu sichern. Hatte er ja eben jetzt erst eine Anspielung fallen lassen, die wohl darauf berechnet gewesen war, ihre Eifersucht zu erregen – wie wenig kannte er ihre Empfindungen! Ebenso konnte er ihrem Manne gegenüber eine Zeit lang die Rolle eines Werbers oder Bräutigams spielen – um unter diesem Deckmantel seine Pläne weiter zu verfolgen.

„Aber warum nur spielen? fuhr es ihr plötzlich durch den Kopf, und von da ab wandte sie den Gedanken um und um und beobachtete Lora schärfer.

Eigenthümlich war es, daß der beinahe mit einer gewissen Regelmäßigkeit wiederkehrende Besucher auch dem Herrn des Hauses fast nie oder nur flüchtig begegnete. Witold war seit jenem ersten Zusammentreffen, das eine schwere Wolke auf seiner Stirn zurückließ, überhaupt viel abwesend, in Feld und Wald, in eigenen und bald auch, als die innere Unruhe bei ihm zunahm und ihn rastlos umhertrieb, in fremden Angelegenheiten, die er sich halb erbeten, halb freiwillig aufgeladen. Glücklicher Weise hatte der alte Verwalter seine Stelle noch nicht geräumt, und so litt wenigstens die Bewirthschaftung des Gutes nicht unter den gerade in einer Jahreszeit, wo es für den Landmann so viel zu thun giebt, wiederholt unternommenen Reisen nach der Hauptstadt und, wie es eben jetzt wieder der Fall war, nach Sternberg.

War Steinweg vermieden von den Einen, so war er nur um so lieber gesehen von den Anderen im Hause. Besonders die Tante hatte an seinem gewandten und liebenswürdigen Benehmen, wie an seiner ehrfurchtsvollen Galanterie, welche er der älteren Dame widmete, großen Gefallen gefunden und den jungen, hübschen, eleganten und – was bei ihr nicht Nebensache war – auch wohlhabenden Reiterofficier in's Herz geschlossen. Ein solch frohmüthiger Husar war auch ihr jüngster Bruder gewesen.

Sie selbst war es, die ihn zur Wiederkehr aufmunterte, und auf Lora's harmlosen Vorschlag, der sich nur so beiläufig einmal im Gespräche ergab, hatte sie es sogar für passend gefunden, den immer nur auf ein, zwei Nachmittagsstunden einkehrenden Gast für nächsten Sonntag auch einmal zum Mittagstische einzuladen.

Auf diesen gehörte nun freilich selbstverständlich der Schmuck der ersten Frühlingsblumen, und daß Lora es sich so lebhaft angelegen sein ließ, ihn zu beschaffen, hatte ihrer Schwester Anlaß zu der Neckerei gegeben, welcher – auch wenn Lisa es sich nicht eingestand – die Absicht zu Grunde lag, die Andere auszuhorchen, und welche nun jene ernstlich aussehende Kundgebung abwehrenden Verdrusses hervorrief.

Lora sprach sogar recht abfällig über Steinweg, indem sie ihn zwar nicht, wie nach seinem ersten Auftreten, verspottete, doch aber seine Eigenschaften in ziemlich unparteiischer Weise Revue passiren ließ und sie dabei eher unter als über dem Werthe anschrieb. Einige Male hatte Lisa selbst ernste Einwendungen gegen solche Geringschätzung und gab sich Mühe, ihre Schwester zu einer gerechtern Würdigung zu bekehren, vielleicht sogar gegen ihre eigene Ueberzeugung.

„Ei!“ sagte Lora, nach einer Weile listig lächelnd, „so ist es denn wahr: 'alte Liebe rostet nicht'. Du hast ja noch recht viel Interesse für Deinen einstigen Verehrer.“

„Was sprichst Du da?“ fuhr Lisa betreten auf.

„Nur nicht geleugnet, Schwesterchen! Unter uns, so ganz [220] unter uns hat es doch keinen Zweck. Glaubst Du, Kinder seien blind? Ich habe recht gut gesehen, wie die Dinge standen, und daß Papa Dich Knall und Fall davon schickte, das hat seine guten Gründe gehabt, über die nicht einmal unsere Dienstleute im Unklaren blieben. O Thekla, o Thekla!

‚Laßt ihren Kummer reden! Laßt sie klagen!
Mischt Eure Thränen mit den ihrigen,
Denn einen großen Schmerz hat sie erfahren;
Doch wird sie's überstehn; denn meine Thekla
Hat ihres‘ – –

Nein,“ unterbrach sie sich, „ihrer Schwester 'unbezwungnes Herz'. Schade, daß ich dazu nicht Witold's schöne tiefe Baritonstimme habe. Da klänge es viel ausdrucksvoller.“

Eine nicht mehr zu verbergende Verwirrung hatte sich Lisa's bemächtigt; in der Verlegenheit hatte sie wieder nach dem Pinsel gegriffen und lackirte ganz unnöthiger Weise den Himmel nach.

„Das ist so lange her – was einst war –“ stammelte sie unsicher.

„Ist es denn so ganz vorüber?“ sondirte nun Lora ihrerseits mit scharfer Nachsichtslosigkeit. „Dieses absichtliche Ausweichen verräth, daß Du Dir selbst nicht ganz trauest.“

Auf diesen Vorwurf hob jedoch die Angeschuldigte stolz den Kopf, ihr Auge suchte mit festem offenem Blicke das unter Lächeln lauernde Auge ihrer Schwester.

„Du irrst, mein Kind,“ sagte sie nachdrücklich, den Mund zu einem wehmüthigen Lächeln verziehend. „Das ist vorbei, wenn es je mehr war als ein Phantasiespiel. Wenn ich zur Seite trete, geschieht es wohl nur, um – nicht immer wieder daran erinnert zu werden.“

Lora schwieg einen Moment, lachte dann auf und deutete auf Gretchen, die sich alle Mühe gab, Frip eine sehr unbehagliche Reitlection auf Harro's Rücken zu geben. Dann nickte sie der Schwester zu.

„Nun wohl,“ citirte sie abermals mit einigem Pathos:

„'Nein, Thekla! Dieser Unglücksbote soll
Nie wieder unter Deine Augen treten.'

Lassen wir Herrn Rittmeister Max begraben sein. Es ist ja am Ende auch natürlich, daß das kleinere Licht vor dem größeren verblaßt. Wer neben Witold einherwandelt, kann kein Auge mehr für Steinweg haben.“

„Ich möchte das nicht so hinstellen,“ entgegnete Lisa vorsichtig. „Wo es sich um zwei verschiedene Typen, zweierlei Geschmacksrichtungen handelt, kann immer nur von einer relativen Abschätzung die Rede sein. Man kann sich das Ideal eines leichten Reiterofficiers nicht anders denken.“

„Eines leichten Reiterofficiers!“ versetzte Lora, das Näschen rümpfend. „Was ist ein Husarenofficier? Ein tanzendes, reitendes, plauderndes, allerliebstes Spielzeug, das man um den Finger wickelt, wenn man es nur bei der Meinung seiner furchtbaren Gefährlichkeit läßt. Da ist doch ein thätiger arbeitsamer Landwirth ganz etwas anderes. Witold aber ist nicht allein Landwirth, er ist auch Politiker; seine Thätigkeit war eine segensreiche; seine Fähigkeiten sind allgemein anerkannt; täglich hat man Gelegenheit sein Wissen zu bewundern, und dabei steht er da, nicht leichtsinnig, beweglich, tändelnd, sondern fest wie eine Eiche, den unerschütterlichen Willen auf der schönen Stirn, die Gluth des Gemüths in den dunklen melancholischen Augen, in jedem Zuge ein Urbild stolzer Kraft.“

Lisa fuhr es wie ein Stich schmerzhaft durch's Herz.

Ei ja, das Schwesterchen hatte wirklich sehr scharfe, klare Aeuglein im Kopfe und sah damit gar wunderbar genau. Das war ja nicht mehr der Ton ruhiger Anerkennung, gerechter Würdigung; so sprach sich nur die Begeisterung aus, eine Begeisterung, die schon so sehr das ganze Wesen erfüllt, daß sie sich gar nicht mehr zu verbergen vermag und die züchtige Verschämtheit des jungfräulichen Herzens in ihrer Gluth verzehrt.

Ach ja, sie hatte nur zu Recht: ob es sich um äußerliche oder innere Eigenschaften handelte, ob es die edlen Züge des Antlitzes oder die Zuverlässigkeit des Charakters galt, in jeder Hinsicht überragte Witold die meisten anderen Männer. Es war ja nur die Bestätigung dessen, was in allmählich gewonnener Ueberzeugung Lisa's Seele bereits erfüllte. Sie empfand eine unaussprechliche Wonne, diesen Mann preisen zu hören, wie er es verdiente, und doch zuckte sie dabei wie unter der Berührung glühenden Eisens zusammen. Ein Ideal hatte Lora ihn genannt. Ja, es war so, aber warum mußte gerade Lora es sein, die all das sah und erkannte, und schon in den wenigen Wochen ihres Zusammenlebens, während sie, die ihm näher stand, jahrelang in starrem Eigensinn die Augen trotzig verschlossen? Was war er der Schwester, daß sie ihn so mit all der hell aus ihren Augen leuchtenden Bewunderung umfassen durfte? Das Gefühl auf einen Anderen ablenken zu wollen, war wohl vergeblich. Hoffnungslos stellte Lisa ihre Bemühungen ein. Die Schlange der Eifersucht ringelte sich in ihrer Brust.

[237] „Wenn es heute noch Touristen in Harnisch und Stahlschienen gäbe,“ äußerte Lora zuletzt in ehrlichem Eifer, „so könnte ich mir Witold nur als solchen Ritter ohne Furcht und Tadel denken, der Prinzessinnen befreit und Drachen bekämpft. Ist er doch eben just wieder darauf aus, und doppelt lobenswerth ist es, daß er es sogar für eine Prinzessin – Hilma thut, aus deren Hand er nicht einmal auf Dank rechnen kann. – Ach, wie häßlich ist es von ihr, da er sich doch so sehr für sie und Heinrich bemüht!“

„Ja,“ sagte Lisa zerstreut. „Heinrich und Hilma sind Lomeda viel Dank schuldig – wir alle,“ setzte sie dann, sich verbessernd, hinzu.

Lora sann ein wenig nach; dann, nachdem sie den Kopf einige Mal gewendet, wie um in die Ferne zu horchen, betrachtete sie ihre Schwester, die sich ganz in ihre Arbeit zu versenken schien, ohne daß dieselbe jedoch dadurch gefördert worden wäre, da der trocken gewordene Pinsel fast immer auf derselben Stelle auf und nieder fuhr und tupfte. Endlich, einem plötzlichen Einfall folgend, begann sie wieder:

„Es ist doch seltsam. Ich sage immer: Witold, und Du nennst ihn stets: Lomeda. Wie kommt das?“

„Gewohnheit.“

„Aber das klingt so philisterhaft feierlich, als ob er ein uralter Mann wäre. Ich könnte mir das gar nicht denken. Zum Beispiel: 'Bist Du mir auch recht vom Herzen gut, Lomeda?' oder: 'Weißt Du, daß ich Dich heute gar nicht mag, Lomeda?' oder 'Mein lieber Lomeda! Da hast Du noch einen Kuß!' Hahaha! Wie lächerlich!“

„Ihr Lachen klang so voll und herzlich und schnitt der Zuhörerin doch in die Seele. Sie vermochte nicht zu lachen.

„Aber das ist wohl bei Euch gar nicht Gebrauch?“ fuhr Lora mit schelmischer Neugier fort. „Wenigstens hat es noch keines Menschen Auge gesehen. Sage, Lisa – küßt Ihr Euch denn gar nie?“

„Daß die Gefragte sich tief auf die Skizze herabbeugte, konnte ihr glühendes Erröthen nicht verbergen.

„Wie Du doch thöricht schwätzest!“ verwies sie der Neugierigen die zudringliche Frage.

„Thöricht?“ rief diese verwundert. „Mein Geschwätz oder das Küssen? Hältst Du dies für thöricht? Kommt es also bei Euch wirklich nie vor – auch nicht versteckt, ganz insgeheim? Höre, das gefiele mir gar nicht. – Habt Ihr Euch denn wirklich nicht lieb?“

Jetzt waren Lisa's Augen plötzlich erhoben und brennend auf die ihrer Schwester gerichtet.

„Wer hat es Dir gesagt? Er?“ stieß sie scharf und unbedacht hervor. Es war eine Eingabe quälendsten Mißtrauens, der sie um keinen Preis zu widerstehen vermocht hätte.

„Gesagt hat mir's Niemand,“ entgegnete Lora schlicht, ohne den Stachel zu ahnen, der Ursache jenes Ausrufs gewesen. „Aber man muß unwillkürlich auf den Gedanken kommen, wenn man Euch so kalt und beinahe unfreundlich an einander vorüber gehen sieht. Als Ihr Euch heirathetet, da war ich zwar nur ein Backfisch, aber ich machte mir doch so meine Gedanken. So wie ich mir die Liebe vorstellte, war's nicht zwischen Euch, und ich begriff Euch Beide nicht; denn in meinen Augen gab's keine schönere Braut, als meine Schwester, und keinen anbetungswürdigeren Mann, als meinen Herrn Schwager in spe – ja wohl, schon damals! Nun, wenn ich auch noch nicht glaubte, daß Ihr Euch liebtet, so vermeinte ich Euch doch auf dem Wege dahin. Aber jetzt – ja, jetzt habt Ihr wohl den Weg verloren – bedenklich abgekommen wenigstens müßt Ihr davon sein.“

Ehe sie fortzufahren vermochte oder von ihrer Schwester, die starr und stumm vor sich niederblickte, eine Antwort erhielt, hob sie, wieder aufhorchend, das Köpfchen. Harro und Frip fuhren mit lautem Gebell um das Haus, und Lora sprang, ihre psychologischen Nachgrabungen auf ein ander Mal verschiebend, munter empor.

„Da kommt schon unser neuer Gast,“ rief sie. „Aber gefahren diesmal. Das sind gewiß die neuen Schimmel, über die er im Handel stand. Die muß ich sehen.“

Und leicht wie eine Elfe war auch sie um die Ecke gehuscht.

„Abgekommen! Verloren – für immer!“ rief das Echo in Lisa's Brust in vielfacher Wiederholung, immer bänglicher und leiser, bis es in einem tiefen Seufzer erstarb.

Da faßte Gretchen nach ihrer Hand. Die Kleine hatte von dem Platze, wo sie spielte, den freien Ausblick neben dem Hause vorüber nach dem Hofe gehabt. Sie war jetzt sehr in Eile.

„Komm, Mama, komm!“ drängte sie. „Papa ist da – da!“

War es möglich? Doch warum sollte das Kind nicht richtig gesehen haben? Sein Gesichtchen leuchtete vor Freude, und es wollte, daß auch Mama sich freuen sollte – das herzige Geschöpf!

Lisa nahm es an der Hand und folgte der kleinen Führerin. Da, als sie eben um die Ecke biegen wollte, stockte ihr Fuß; sie stand wie eingewurzelt.

[238] Auf dem umbuschten Kieswege, der die Seitenfront entlang lief, stand Witold – aber nicht allein. Er hatte den Arm um Lora geschlungen, die zu ihm strahlenden Auges und lebhaft sprechend emporsah, und er neigte sich eben nieder, einen Kuß auf ihre Stirn zu drücken.

Es war ein jäher Griff, mit dem Lisa Gretchen zurückriß, emporhob und an sich preßte, den Jubelruf der Kleinen auf diese Weise erstickend.

„Still! still!“ keuchte sie und floh, wie wenn sie selber ein Verbrechen begangen hätte. „Hinweg! hinweg!“ schrie es in ihr. Aber das Bild blieb nicht hinter ihr zurück; es verfolgte sie; es stand vor ihr unauslöschlich und unvergeßlich. Getäuscht war sie worden von der eigenen Schwester – ob freventlich in dreister Heuchelei oder unwissentlich in der Unkenntniß des eigenen Herzens, kam hier nicht in Betracht. Erst noch hatte sie gemeint, ein aufkeimendes Gefühl zu entdecken, das sich in kindlicher Ahnungslosigkeit selbst verrieth, und hatte gehofft, es ablenken oder beschwören zu können, und nun war es selbst zur Warnung bereits zu spät. So weit schon, so weit war es gekommen.

Verloren der Weg – für immer verloren!

Zitternd stand sie neben dem Tischchen, zu dem sie unbewußt zurückgeflüchtet, und Gretchen schmiegte sich erschrocken an sie, als Wilhelm aus dem Speisesaale kam und ihr eilfertig berichtete, daß Gäste angelangt seien: der Herr Rittmeister, doch nicht allein, auch Graf Baumbach und Comtesse Anna in demselben Wagen. Der Herr Baron und Fräulein Lora seien eben dabei, sie zu bewillkommnen.

Sie hörte, ohne eigentlich zu verstehen, was ihr gemeldet wurde. Wie eine Schlafwandelnde folgte sie dem Diener durch den Speisesaal. Im Flur stieß sie auf die Gruppe, von der ein winzig kleines blondes Mädchen auf sie zugeflattert kam, das in dem gelben Kleide und dem gelben Strohhute wie ein Canarienvögelchen anzusehen war. Auch das Stimmchen war so zart und fein und konnte dabei so grell schallen.

Sie umarmte und küßte ihre „liebe, liebe Lisa“ und wisperte ihr dabei ein halb Dutzend Geheimnisse in süßer Vertrauensseligkeit zu. Sie habe so viel mit ihrer Busenfreundin zu reden; sie sehne sich nach einem ungestörten Plauderstündchen. Nun wäre es doch entzückend, daß man den ganzen Sommer so mit einander verleben könne. Ob denn die Gerüchte mit Sternberg wahr seien? Baron Lomeda sehe doch recht finster und angegriffen aus. Rittmeister Steinweg aber sei äußerst angenehm, „und findest Du nicht auch, daß er ein so seelisches Auge hat?“ Auf all das fand Lisa nicht ein einziges Wort der Erwiderung; es bedurfte dessen aber auch gar nicht. Comtesse Anna liebte es, beweglich und kindlich zu erscheinen; das stand ihr so gut. Freilich, wenn sie ein bischen zur Ruhe kam und man sie näher betrachtete, fand man sie nicht mehr so ganz in frischer erster Jugend, aber zu solcher Betrachtung ließ sie kaum Jemanden kommen. Sie lachte immer, fragte in einem fort, erging sich in naiven Aussprüchen und umgaukelte auf ihren gelben Schwingen Jedermann in unstetem Fluge, zumeist jedoch Lisa, mit der sie „ein innigeres Band vereinigte“ – war sie doch die eine ihrer beiden Brautjungfern gewesen. Von ihrem Papa hatte sie das leichte, flatternde und unruhige Wesen nicht. In Lisa's Tagebuche war Graf Baumbach mit einem kollernden Puter verglichen, und die Jahre hatten diese Aehnlichkeit kaum gemindert. Er bewegte die Arme, als ob er seine Flügel ausbreiten wollte, indem er schrittweise auf die Hausfrau zutrat.

„Sehen charmant aus, Baronin, charmant! Kleine Ueberraschung, was? Sind erst wieder in Moorstädtel eingetroffen. Charmantes Frühjahr! Haben durch Herrn Rittmeister erfahren, daß er heute hier geladen. Hollah, da fallen wir auch ein! Charmante Idee, was? Werden endlich doch einmal gute Nachbarschaft halten. Hat lange gedauert, bis Sie wieder einmal auf's Land kamen. Sommer und Herbst charmant auf dem Lande. Wollen's uns lustig machen. Schade um Sternberg! Nun, müssen uns an das Officiercorps halten. Charmantes Regiment! Braver Oberst, angenehmes Dienen, charmant beritten! – Ei, sieh da, liebe Gräfin! Guten Winter gehabt? Freut mich. Sehen charmant aus!“

Damit war die Begrüßung zunächst so weit abgemacht, daß sich die Gesellschaft in den Salon begeben konnte. In all dem Lärm hatte sich Gretchen ganz sacht zu Papa geschlichen, der für sein Kind einen herzlichen Kuß hatte – für seine Frau nicht einen Laut, nicht eine Handbewegung; nur ein einziger Blick hatte sie gestreift, bös wie der Strahl aus einer Wetterwolke; stand sie ja eben jetzt Steinweg gegenüber, der sich tief vor ihr verbeugte und sich lächelnd und leise entschuldigte, daß er unabsichtlich Ursache dieses Ueberfalls geworden.

Ein Gutes hatte derselbe doch: daß sich die Menschen nicht allein überlassen waren. Zwei derselben hätten es im Augenblicke kaum ertragen. Lisa gab er zudem noch den willkommenen Vorwand, sich zu entfernen. Sie hatte es nicht ein einziges Mal über sich vermocht, Witold ihren Blick zuzuwenden, auch die förmlichste Begrüßung erschien ihr wie unerträgliche Heuchelei, zu der sie sich nicht zwingen konnte. Der unvorhergesehene Zuwachs an Gästen entschuldigte die Hausfrau, wenn sie selbst noch in der Küche nachsehen und einige nothwendig gewordene Anordnungen ertheilen ging.

Doch war, bis sie hinauskam, Zweck und Absicht vergessen. Die Köchin wandte sich vergeblich an sie; ihre Aussprüche klangen ganz verworren, und zu jedem Vorschlage sagte sie Ja. Sie dachte nicht daran, sich irgendwie nützlich zu machen, Eines oder das Andere zu untersuchen oder zu überwachen, und doch blieb sie hier stehen, als suche sie noch immer etwas in ihrem Gedächtnisse, das sie mitzutheilen vergessen. Es mußte darüber sogar eine ziemliche Weile vergangen sein; denn endlich erschien Lora, blühend, glühend, eifrig und das Lächeln vom letzten Scherzworte der lebhaften Unterhaltung im Salon noch auf den Lippen.

„Ach, mühe Dich doch nicht so sehr! Du wirst ganz erhitzt aussehen,“ redete sie auf ihre Schwester ein, daß die Leute, welche dieselbe so theilnahms- und regungslos wie einen Pfeiler mitten in der Küche hatten stehen sehen, kaum ein respectwidriges Gekicher über die wunderliche Mahnung unterdrücken konnten. „Tantchen läßt Dir auch sagen, Du sollest keine besonderen Umstände machen; es würde schon reichen; dem Grafen sei doch mehr um's Trinken zu thun – Wilhelm solle noch zwei Flaschen von dem Gelbgesiegelten heraufnehmen und ein Fläschchen Süßen für uns Damen. Die Hauptsache aber ist, daß bald aufgetragen werde. – Nun also, es ist ja Alles bereit – so komm doch mit in den Salon!“ Auf dem Gange aber, zwischen den beiden Thüren, hielt sie die Schwester doch noch einmal zurück, im raschen Geflüster ihr die Mittheilung zu machen, warum Witold schon so früh zurückgekehrt sei. „Denke Dir, er hat Alles in Ordnung gebracht! Sternberg ist zu einem ganz annehmbaren Preise verkauft, unsere windigen Erbtheile sind auf Selikau übertragen. Es ist somit Heinrich möglich gemacht, die dortige Mühle zu behalten und sich langsam wieder herauszuarbeiten. Auch für einen tüchtigen geschäftskundigen Compagnon ist gesorgt. Heute Morgen ist Alles endgültig zum Abschlusse gekommen. O, wie glücklich bin ich – der arme Heinrich! Nun freut es Dich denn nicht?“

„Doch, doch,“ versetzte Lisa kalt und ohne Antheil, wobei sie nur mit bitter verzogenen Lippen hinzusetzte: „Und das hat er Dir Alles erzählt – eben Dir!“

„Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Aber wie Du dreinsiehst! Bitte, mache doch kein so starrendes Gesicht! Die freundliche Miene, welche man für den geladenen Gast vorbereitet hat, muß man auch dem ungerufenen zeigen – und zunächst auch dem Manne. – Du verdienst ihn nicht, Lisa! Er vermag Alles; Tante hat Recht: er ist ein Halbgott, und man muß ihn lieben.“

„Muß man? O, gewiß, gewiß – man muß!“

Es kam wie ein Lachen über Lisa's Lippen – krampfhaft, überlaut, unnatürlich. Die Schlange in ihrer Brust dehnte ihre Ringe jetzt, und das Herz fühlte ihren giftigen Biß.




9.

Das Mittagsessen verging, ja Graf Baumbach hatte dasselbe sogar „charmant“ gefunden und der Hausfrau sein Compliment darüber gemacht; man sehe wohl, daß sie sich selbst darum bekümmere, und sie hatte nicht einmal dagegen protestirt und die Schmeichelei, die sie sich so wenig zu verdienen bewußt war, mit jener geräuschvollen Heiterkeit hingenommen, welche heute an die Stelle ihres ruhig gleichmäßigen Wesens getreten war.

Auch der lange Nachmittag war zuletzt rascher vergangen, als von Einzelnen vielleicht gefürchtet worden war. Der Graf, der sich nach Tisch mit Witold zu einem politischen Gespräche zurückgezogen [239] hatte und dabei nach seiner Gewohnheit eingenickt war, erschien erst wieder zum Kaffee. Auch die Tante und Lisa hatten sich auf ein Weilchen beiseite geschlichen, während die beiden Mädchen mit dem Rittmeister Gretchen's Criquetreifen auf dem Rasen ausgesteckt hatten und munter ihre Bälle hindurch trieben.

Es war der Comtesse Lieblingsspiel. Sie konnte dabei ihren schlanken kleinen Fuß zeigen, so ziemlich die einzige Schönheit, die sie besaß, und that dies auch mit einer so naiven Koketterie, daß Steinweg, wenn er nur im Entferntesten eine „plastische Ader“ gehabt hätte, schließlich aus dem Gedächtnisse ein auf Millimeter genaues Modell hätte anfertigen können, das jedem Schuhmacher zum Entzücken gereicht haben würde.

Er war überhaupt stark im Anspruch genommen, und es mochte kein Leichtes sein, die Aeußerungen seiner Galanterie so geschickt zu vertheilen, daß sich keinerlei Bevorzugung errathen ließ. Und als gar Lisa und die Tante die Spielenden verlassen hatten, wurde seine Stellung noch um Vieles schwieriger. Doch fand er auch hier den geeignetsten Ausweg, indem er sich nun vorzugsweise der jüngsten der „drei Grazien“, dem kleinen Gretchen widmete, das heute vor Lust und Entzücken ganz außer sich war und sich glücklich von dem sonst streng verordneten Nachmittagsschläfchen losgebettelt hatte.

Nur in einer Pause des Spieles, während welcher die Mädchen zum Flusse hinabgingen, um sich ein wenig im Kahne zu schaukeln, war es Steinweg gelungen, sich Lisa zu nähern. In der Absicht, Feuer für seine Cigarre zu holen, ehe er sich den Damen als Ruderer zur Disposition stellte, war er durch den Speisesaal geeilt, als sie eben wieder in demselben erschien und den für den Nachmittagskaffee gedeckten Tisch überblickte. Sie hatte sich so viel äußerliche Ruhe erkämpft, wie sie für die nächsten Stunden des Beisammenseins noch bedurfte. Was weiter dann geschah, lag wie ein wirres Nebeltreiben vor ihr. Daß ihres Bleibens auf Riefling nicht länger war, das allein empfand sie mit voller überwältigender Deutlichkeit. Hier nahm ihr Schicksal eine Wendung. Wohin?

Wie wenn ihr dasselbe ein Zeichen geben wolle, stand Steinweg vor ihr.

Zusammenschreckend trat sie einen Schritt zurück, und ihre Hand erhob sich wie gegen ein auftauchendes Gespenst; er dagegen, im raschen Umblick den günstigen Moment des Alleinseins erfassend, glitt auf sie zu und machte einen, freilich vergeblichen, Versuch, ihre Hand zu erhaschen.

„Warum tritt die schöne Hausfrau mir aus dem Wege?“ fragte er scherzhaft und doch mit einer gewissen Verlegenheit, die nicht im geringsten an seine sonstige zuversichtliche Dreistigkeit erinnerte. „Habe ich nicht einen gewissen Anspruch auf Freundlichkeit, da ich denn doch nun einmal Gast des Hauses bin?“

„Nicht auf mein Verlangen,“ unterbrach ihn Lisa in einem Tone, der keinen Zweifel an dem Ernste ihrer Ablehnung aufkommen ließ.

Steinweg kaute einigermaßen befangen an seinem Schnurrbarte. Er war diesmal gar nicht wie früher. Es fehlte ihm die heitere, selbstbewußte Nonchalance, mit der er sich sonst die Dinge möglichst nach seinem Geschmacke zurecht legte und wohl auch die Situation sich dienstbar machte. In seinem Wesen wie in seiner Stimme war vielmehr eine fast kindliche Schüchternheit, die ihn um Vieles liebenswürdiger erscheinen ließ; nur mißtraute ihm Lisa und hielt diese Unsicherheit für erheuchelt; als er deshalb den Wunsch ausdrückte, sie einen Augenblick ungestört zu sprechen, da entgegnete sie gleichsam in Wehr und Waffen gegen jedweden Angriff:

„Um mir eine neue Beleidigung zuzufügen.“

„Nein, um als Reuiger Vergebung zu erbitten.“

„Die werden Sie haben, wenn Sie nie mehr hierher zurückkehren.“

Kopfschüttelnd und mit verlegenem Lächeln legte er betheuernd die Hand auf seine goldverschnürte Brust.

„Das kann ich nicht,“ sagte er. „Die Strafe wäre zu grausam. Hören Sie doch!“

Aber Lisa fiel ihm rasch und bestimmt in's Wort:

„So haben wir beide mit einander keine Silbe mehr zu wechseln.“

Sie wandte sich um, das Zimmer zu verlassen, während er ihr bittend folgte und sie beschwor, ihm Gehör zu geben. Da ließ sich plötzlich eine helle Stimme von der offenen Glasthür her vernehmen:

„Ja, was treiben Sie denn, lieber Rittmeister, statt uns zu helfen? Das Boot ist angekettet, und wir brauchen den Schlüssel.“

Der also Ueberraschte wendete sich schnell gegen Comtesse Anna um, die leicht auf die Schwelle gehüpft war, und versicherte mit der aufrichtigsten Miene von der Welt, er sei eben daran, die Baronin um diesen Schlüssel zu bitten, den sie aber nicht zu haben vorgebe.

„Da hätten Sie sich doch besser an den Herrn vom Hause gewendet.“

„Gewiß!“ fiel hier Witold mit tiefer und seltsam gepreßt klingender Stimme ein. „Der Herr Rittmeister kann versichert sein, daß ich jeder Forderung zu Diensten stehe.“

Erst jetzt wurden Steinweg und Lisa den Sprechenden gewahr, der mit dem Grafen ungefähr in demselben Augenblicke durch die Bibliothek eingetreten war, als die Comtesse auf der Treppe vom Garten her erschien und das Alleinsein der Beiden störte. Seine Augen brannten in einem so düsteren Feuer, daß sich jeder Andere von minder leichtem Blute, als der Angeredete, das zweideutige Erbieten in drohendem Sinne ausgelegt hätte. Steinweg jedoch erwiderte die Versicherung mit der ganzen ihm zu Gebote stehenden Liebenswürdigkeit.

Von der Bootfahrt war aber für's Erste keine Rede mehr; denn der Kaffee ward aufgetragen, und die ganze Gesellschaft vereinigte sich wieder um den Tisch; sogar Gretchen durfte wie eine große Dame an demselben Platz nehmen und trug mit ihrem lebhaften Geplauder nicht wenig zu dem allgemeinen Sprachgeräusche – denn weiter war es nichts – bei.

Comtesse Anna kam nach einer Weile wieder auf die Wasserfahrt zurück. Zuerst wollte sie auf dem Wasser nur eine Scene aus „Lohengrin“ aufführen. Sie fragte Lisa allen Ernstes, ob sie keine Schwäne hätte. Der Rittmeister müsse den Ritter des heiligen Graal spielen und aufgerichtet im Boote daherkommen. Sie selbst wolle die Elsa darstellen; das verstand sich von selbst. Papa sollte Heinrich den Vogler, Baron Lomeda Telramund, Lisa Ortrud spielen etc. Dann wieder sollte eine Regatta arrangirt werden u. dergl. m. Aus all den Plänen wurde schließlich nur eine einfache Ueberfahrt. Zwar wandte Witold gegen dieselbe den hochangeschwollenen Stand des Flusses, die Sicherheit der Telzer Brücke gegenüber der bedrohlichen Dorffähre und dies und jenes ein. Doch mußte er schließlich, um nicht unfreundlich zu erscheinen, nachgeben, da selbst Graf Baumbach seinem Töchterchen zustimmte und es bequemer fand, die directe Straße, statt des Umweges über Telz einzuschlagen; auf der Fähre, meinte derselbe, seien ja doch nur Pferde und Wagen überzusetzen.

Der Abend dämmerte schon herein, als die Gäste zum Aufbruche rüsteten. Die vorgefahrene Equipage wurde nach dem Dorfe gesandt, während sich die ganze Gesellschaft durch den Garten an den Fluß begab. Peter erwartete sie bereits in dem Kahne, den er losgekettet und ausgeschöpft hatte. Da derselbe nicht hinlänglichen Raum für Alle bot, das zweite, kleinere Schiffchen jedoch nicht genügend im Stande war, so hatte man sich nach einigem Hin- und Herreden dahin geeinigt, daß nur der Hausherr den Scheidenden das Geleit geben solle. Die beiden Schwestern, von denen ohnehin blos Lora ein wenig Lust gezeigt, die Partie mitzumachen, blieben, nachdem man allerseits Abschied genommen, am Ufer zurück.

Mit Mühe hielt Lisa Gretchen an der Hand fest, welches durchaus wie die Großen längs der Böschung nach blühenden Vergißmeinnichts suchen wollte. Die Comtesse, der Rittmeister und auch Lora hatten solche gefunden und allerlei Scherzreden damit verknüpft, deren Beziehungen nicht klar genug waren, um eine Deutung zuzulassen; nur so viel hatte Lisa dem Neckspiel entnommen, daß, während sich Steinweg-Lohengrin von Comtesse Elsa ein kleines Sträußchen an die Brust stecken ließ, Lora des Fährmanns Hut in gleicher Weise schmückte; der Fährmann war aber kein anderer als Witold, welcher sich mit Peter in die Arbeit theilte. Es that ihr wehe, den Scherz, hinter dem sich so bedeutsamer Ernst barg, mit anzusehen, und sie schritt daher an der lebenden Hecke, welche hier die Grenze gegen den Fluß bildete, weiter, bis zu einer vorspringenden eingegitterten Terrasse, die hauptsächlich zum Angeln hergerichtet war. Von hier aus [240] verfolgte sie den Lauf des Bootes, das soeben knapp am Ufer aufwärts getrieben bei ihr vorüberkam.

Eine gute Strecke drüben dem Dorfe zu legten Witold und Peter die Stangen beiseite und griffen zu den Rudern, um nun in die Strömung hinauszuhalten. Auch Steinweg hatte sich anheischig gemacht, zu helfen, doch wurde ihm die Betheiligung von Witold verweigert.

„Wenn Sie Ihrer Sache nicht ganz sicher sind,“ sagte dieser eiskalt, „so könnten Sie unheilbaren Schaden anrichten. Ich muß mir erlauben, mein Hausherrenrecht auszuüben und Sie daran zu verhindern; denn ich stehe für das Wohl und Wehe Derjenigen ein, die sich mir anvertrauen.“

Diesmal war es Steinweg, als müsse er geheimen Sinn aus der Rede heraushören, die von einem so feindselig durchbohrenden Blicke begleitet war und ihm fast wie ein greifbarer Fehdehandschuh zuflog. Er begnügte sich aber, über das Mißtrauen in seine nautischen Kenntnisse scherzend hinweg zu gehen, und da Comtesse Anna bemerkte, Lohengrin rudere auch nicht, so gab er sich zufrieden, diese Rolle weiterzuspielen, welche ihm freilich auch verbot, sich niederzusetzen. Aengstlich und doch zugleich bewundernd sah die Comtesse zu ihm auf, wie er so stolz und aufrecht in dem nunmehr schon recht schnell dahinschießenden Nachen stand und von einer Stange sein Taschentuch flaggen ließ.

Comtesse Anna sang mit dünner, aber ziemlich geübter Stimme das Lied von der „Loreley“; der Graf sah nach einfallenden Enten zwischen dem Schilfe aus und beklagte, kein Gewehr bei sich zu haben, indem er mit numerisch fortwährend wachsendem Erfolge im Geiste seine Schüsse abgab, und die beiden Ruderer setzten, unbekümmert um das Eine wie das Andere, in kräftigem Tacte ein, um bald hinüber zu kommen, da sich weiter stromaufwärts soeben auch die Fähre mit der darauf befindlichen Equipage an der Anfahrtstelle zu lösen begann. Dieselbe war denn auch noch nicht völlig an ihr Ziel gelangt, als der Kahn bereits am jenseitigen Ufer anlegte.

Witold, welcher zuerst an's Land gesprungen, half dem Grafen und seinem Töchterchen aus dem schwankenden Fahrzeuge, und während diese hastig der Anlandestelle der Fähre zuschritten, weil der Graf sah, daß die Pferde unruhig geworden waren, fragte Witold Steinweg, der eben im Begriffe stand, das Boot ebenfalls zu verlassen, ob er hoffen dürfe, ihn am nächsten Morgen zu Hause zu treffen. Die Anrede machte Steinweg stutzen. Es bedurfte nur eines Blickes in diese ihn förmlich durchbohrenden Augen, um ihn zu überzeugen, daß es sich hier um ernste drohende Absichten eines Gegners handelte. Unwillkürlich reimte er auch die frühere doppelsinnige Aeußerung des Barons an die eben ausgesprochene Frage.

Vor wenigen Wochen noch wäre dieser Frage wohl eine trotzbietende höhnende Antwort geworden, jetzt aber machten sich bei Steinweg andere Regungen geltend, und wenn er seine Betretenheit auch nicht ganz verbergen konnte, so klang doch seine Stimme gutmüthig und treuherzig.

„O, Sie kommen nach Moorstädtel?“ sagte er; „dann will ich mich vom Dienste freimachen. Es thäte mir leid, einen Besuch zu versäumen, der mir nur ein Vergnügen sein kann.“

„Wer weiß!“ bemerkte Witold, mit unverhohlenem Sarkasmus. Sein Achselzucken war an und für sich schon eine Beleidigung, doch entging es Steinweg, der in demselben Momente seine Aufmerksamkeit von anderer Seite in Anspruch genommen sah.

Man hörte von der Fähre her Rufen und Schreien; der Graf fluchte; die Comtesse kreischte, und Peter hatte sich schnell im Boote herumgewendet.

„Es triftet ab, es triftet ab,“ rief er bestürzt und deutete auf das breite Fährboot, welches, statt festzulegen, seinen Weg stromabwärts nahm.

[253] Die unruhigen Pferde hatten den Kutscher, der sie nur mit Mühe bändigte, zur Seite gedrängt, aber auch die Fährleute verhindert, ihren Haken zu gebrauchen; statt an der Landungsbrücke sachte stehen zu bleiben, war das Fährboot mit hartem Stoß gegen dieselbe gefahren und wieder zurück geprallt. Nun hätte es, da die Steuerung noch nicht umgestellt war, wohl nach einer Weile abermals angelegt, aber durch die Macht des Anpralles und die Stauung des Wassers war endlich eingetreten, was man schon seit einiger Zeit befürchtet, ohne daß sich die Indolenz der dortigen Bauern zu einer vorbeugenden Maßregel aufgerafft hätte. Der Ankergrund hatte sich durch die Anschwellung des Flusses in der letzten Zeit gelockert, und der große Grundanker schon wiederholt um ein Weniges nachgegeben, worauf man sich jedoch mit der bequemeren Kürzung des Seiles begnügt hatte. Diesmal wich aber der Anker nicht mehr um Zolle und Meter, sondern ganz und gar. Das Fährboot mit allem, was darauf war, nahm, vorläufig noch langsam, den Weg stromab; kam es in die volle Strömung, dann hielt die stürmische Fahrt wohl nichts mehr auf, und an dem ersten aufragenden Felsen mußte das morsche Wrack seinen Untergang finden.

Die Bauerweiber, die zufällig mit darauf waren, rangen jammernd die Hände und riefen die Heiligen an, während ein paar von den Männern dem Kutscher zu Hülfe gekommen waren und wenigstens die Pferde fest hielten, daß diese in ihrem ersten Schreck nicht Alles zerschlugen und zertrümmerten. Die Bootsleute winkten inzwischen zum Ufer hin und forderten schreiend die wenigen dort befindlichen Leute auf, ein schnell bereit gemachtes Tau zu fangen. Dazu war es jedoch zu spät; schon trieben sie weit abwärts, als die langsam zum Entschluß Gekommenen im Nebenherlaufen ihre Hülfsbereitschaft kund gaben.

Noch war es jener Kahn weiter unten, der das Unheil abwenden konnte, und in der That, er stieß soeben vom Lande ab.

Ohne darauf zu achten, daß Steinweg im Begriff stand, auszusteigen, war Witold, sobald er die Gefahr erkannt hatte, mit einem Satze hinabgesprungen, welcher das Boot derart in's Schwanken brachte, daß Steinweg, statt an's Land zu steigen, schleunigst niedersitzen mußte. Im Nu hatte jener sein Ruder wieder zur Hand genommen und mit demselben abgestoßen. Unter Peter's Beihülfe trieb er das leichte Fahrzeug blitzschnell durch die hastigen Wellen, und es gelang, dasselbe so nahe an das treibende Fährboot heranzuarbeiten, daß das geschleuderte Tau voraussichtlich herüberreichte.

Witold war aufgestanden, und während Peter allein weiterruderte, hatte er mit scharfem Auge und gespannt dem Wurfe entgegengesehen.

Jetzt flog der Ring durch die Luft; schwirrend senkte er sich nieder; Witold hielt ihn in der Hand, und ein Jubelruf aus fast einem Dutzend Kehlen begrüßte das Gelingen.

Aber das Jauchzen der Freude war urplötzlich in ein jähes Jammergekreisch verwandelt. All die Stimmen jedoch übertönte ein schriller Aufschrei, der vom andern Ufer herüberscholl.

So schnell und kräftig sich Witold des Taues bemächtigt hatte, vermochte er doch nicht, es ebenso schnell um eine Bank oder Rudergabel zu schlingen und so am Boot zu befestigen, denn es hatte sich in dem Bootshaken verfangen, mit welchem sich Steinweg instinctiv bewaffnet hatte. Während Witold aber hastig bestrebt war, es zu lösen, that es einen mächtigen Ruck und nahm ihn, da er es nicht fahren lassen wollte, kurzweg über Bord.

Wie ein geschleuderter schwerer Stein war die große Gestalt in den aufspringenden Wellen verschwunden.

Doch es waren nur Secunden des athemlosen lähmenden Schrecks. Da erschien auch schon wieder der Kopf und das breite Schulterpaar aus den grüngelblichen Fluthen, auf denen der Hut flüchtig dahintrieb.

„Ich hab's, ich hab's,“ war Witold's erster Ruf. Im nächsten Augenblicke rief er Denen auf dem Fährboote abwehrend zu: „Nicht aufwinden! Dann ist alles verloren. Peter – her mit dem Kahn!“

Und in der That: wurde er auf das Fährboot gewunden, so war zwar sein Leben vorläufig außer Gefahr, die letzte Aussicht auf Rettung aber für Alle dahingegeben. Das sah man hier und dort ein. Peter that auch das Möglichste, seinen Herrn einzuholen, und nun kam Steinweg's Bootshaken glanzvoll zur Geltung: mit einem Male faßte derselbe, so sacht es ging, den Schwimmenden unter die Schulter, und im Nu war die Entfernung, welche diesen vom Kahn getrennt, verschwunden.

Steinweg hielt fest; Witold konnte die Bootswand erfassen. Aber auch jetzt noch dachte er an das unternommene Rettungswerk, ehe er sich selbst in Sicherheit brachte. Er glitt bis an das Steuer und schlang das Tau mit einem raschen Knoten in den Ring am Stern. Erst als das vollbracht war, schwang er sich mit Steinweg's Hülfe in das Boot zurück.

Bis jetzt hatte dieses mit der Fähre getrieben; nun begann die schwere Arbeit, mit dem kleinen Fahrzeug die Last des großen [254] an's Land zu bringen. Auch das gelang der Anstrengung der drei Männer, aber es war ein Glück, daß kein neuer Zwischenfall kam; denn alle Drei waren so ziemlich am Rande ihrer Kräfte, als sie endlich an's Ufer stießen.

Die Bauern und Fährleute waren in's seichte Wasser gesprungen und zogen jetzt das unbeholfene Fahrzeug vollends heran. Mit Balken und Brettern war alsbald auch eine Brücke eingerichtet, auf welcher man die vor Schreck schäumenden und zitternden Pferde und auch den Wagen an's Land bringen konnte. Jedermann griff eifrig zu; denn der Graf hatte allen ursprünglichen Zorn vergessen, freigebige Belohnungen ausgesetzt und statt der Verwünschungen, die er zuerst auf die „verlotterten, dickknochigen Bauernschädel“ hatte herabwettern lassen, nur noch ein aus erleichtertem Herzen kommendes „Charmant! charmant!“ auf den Lippen, während er Witold's nasse Hand zwischen der seinen preßte.

„Ach, das war interessant!“ trillerte der kleine Canarienvogel dazwischen. „Siehst Du, Papa, wie Recht ich hatte, auf die Wasserfahrt zu bestehen! Nun habe ich doch auch ein Mal ein Abenteuer erlebt. Wenn ich nur auch mit auf der Fähre gewesen wäre! Es muß sehr hübsch sein, seinem Lebensretter danken zu können.“

Sie versuchte dabei einen Blick, der einem solchen Gefühle entsprach, Steinweg jedoch, dem er zugedacht war, wendete sich ab, weniger vielleicht aus Bescheidenheit, als weil er noch zu thun hatte, mit seinem Athem einigermaßen in's Gleichgewicht zu kommen; der Schweiß rann ihm in ziemlich eben so dicken Tropfen von der Stirn, wie Witold das Wasser.

Dieser hatte seinem Lebensretter übrigens nicht einmal die Hand geboten, auch kein Wort geäußert, und erst als ihm von Steinweg der Antrag gemacht wurde, sofort den Arzt aus der Stadt zu schicken, warf er ablehnend hin, ohne den Rittmeister jedoch anzusehen: „Bah, eines Bades wegen!“

„Aber die Erkältung in dieser Jahreszeit!“ meinte der Graf.

„Das Zurückrudern wird mich schon warm erhalten,“ erklärte dagegen Witold und benutzte das auch als Entschuldigung, um sich zu entfernen, ehe noch Alles zur Abfahrt des Wagens gerüstet war.

Nachdem er sich die Zusendung eines Arztes noch einmal ernstlich verbeten hatte, bestieg Witold sein Boot. Dasselbe rauschte in die Wellen hinaus, unbekümmert um die Comtesse mit ihrer Versicherung, wie wunderbar Alles gewesen, wie es so gut zu dem Liede „Loreley“ gepaßt und wie sie es, sobald sie nach Hause gekommen, haarklein ihrer Freundin, Mimi Hartenstein, schreiben müsse etc.

Sie wedelte mit ihrem Taschentuche in der Richtung zu den Damen hinüber, vom jenseitigen Ufer antwortete jedoch nur ein einziges weißes Tuch, und vielleicht galt dieses Zeichen über den Fluß nicht einmal ihr.

Nur Lora hatte gewinkt. Ihre Schwester, die Tante und selbst das Kind hatten noch nicht die Beruhigung wiedergewonnen für solch halb tändelndes Thun. Noch lag Lisa, mehr einer Leiche als einer Lebenden gleich, auf den Knieen im Kiese. Sie hatte die Sinne schwinden gefühlt und war niedergeglitten, aber so lange sie die Augen noch brauchte, durften sie ihr nicht versagen; dafür schien es, als wäre mit dem wilden gellenden Aufschrei ihre Zunge für immer verstummt. Regungslos lehnte sie an dem Gitter, das sie umklammerte – sie mußte sich festhalten, um jetzt hinterher nicht umzusinken, und weder das kleine Gretchen, das sich an sie drängte, noch die Tante, die sich, nachdem der eigene Schreck überwunden war, mit freundlicher Aufmunterung an sie wendete, brachten sie zum Reden. Nicht eine Thräne erleichtert ihr das Herz.

Erst als das Boot, das unter Witold's und Peter's Ruderschlägen pfeilschnell über den Fluß daherschoß, sich schon dem Ufer näherte, raffte sie sich auf, um ihrem Gatten an die Landungsstelle entgegen zu gehen. Als er den Fuß auf die Treppe setzte, fiel der erste Schimmer der aufgehenden Mondscheibe auf sie und ließ ihr kreidebleiches Gesicht fast gespensterhaft erscheinen.

Lora und Gretchen stürmten auf ihn ein, und er hatte Mühe ihnen zu wehren.

„Kinder, Ihr werdet naß,“ warnte er sie.

Sie ließen sich jedoch nicht zurückhalten, und er nahm Lora's Kuß hin und hob Gretchen zu seinem Munde empor.

„Glaubst Du, wir ließen uns dadurch abschrecken?“ rief Lora begeistert aus. „Du Retter in der Noth, was haben wir um Dich für Angst ausgestanden! Aber auch der Retter fand seinen Retter. Ach, es war schön von ihm, und wir wollen ihn dankbar in unseren Herzen aufnehmen. Sag selbst, hat er es nicht wohlverdient um Dich, um uns Alle? Aber eigentlich sah es beinahe komisch aus – ein Husar als Walfischfänger. Wie wenn er Dich harpunirte, war es anzusehen. Seien Sie stolz auf Ihren Fischzug, Herr Capitain!“

Die letzten Worte rief sie lachend über den Fluß, obwohl der Ton nicht hinüberreichen konnte. Aus dem schattenhaft gewordenen Gewühl drüben setzte sich die endlich flott gemachte Kutsche in Gang, das schwerfällige Fährboot aber bewegte sich an der Zugleine langsam aufwärts seinem Anlegeplatze zu.

Witold sah nicht mehr zurück; er stand jetzt vor seiner Frau, welche die Hand erhoben hatte und sie ihm zitternd darreichte. Sie hatte gesehen, wie ihre Schwester ihn umhalst hatte, wenn auch immerhin mit einiger Vorsicht; o wie gern hätte sie nun den Triefenden umfangen – aber sie hatte kein Recht, an dieser Brust einen Platz zu suchen, von dem sie nicht Besitz ergriffen, als er ihr geboten wurde, und von dem sie nun eine Andere verdrängte.

Aber doch die Hand, die Hand brauchte er ihr nicht zu verweigern, mit der auch hier wiederholten Ausflucht, sie sei naß! Und wie herb hatten seine Worte gelautet, als sie mit stockender Stimme die ersten abgebrochenen Laute hervorbrachte!

„Ich freue mich,“ hatte sie kaum hörbar gestammelt.

Wohl war es ein gewöhnlicher, kühlklingender, einfältiger Anfang, aber was hätte sie in dieser Minute sagen sollen, um damit auszudrücken, was sie bewegte! Am Ende war es ja doch zunächst die Freude, daß er da lebend und unversehrt vor ihr stand, was sie fühlte, und sie hätte es nicht verdient, daß ihr ein so höhnischer Zweifel in seiner Erwiderung begegnete:

„Du freust Dich? Es wäre vielleicht einfacher und bequemer gewesen, wenn –“

Was er wohl gemeint und nun am Ende doch auszusprechen unterlassen hatte? Der böse Blick, mit dem er sie durchbohrte, verstattete kaum eine harmlose Erklärung; bitter lächelnd ging an ihr vorüber dem Hause zu.

Selbst der Tante wollte diese unfreundliche Begegnung nicht gefallen. Als sie später, nachdem Witold sich umgekleidet hatte, mit dem Thee zu ihm auf's Zimmer trat – denn etwas mußte er nach ihrer Meinung, trotz aller Abweisung, doch zu sich nehmen, damit er sich innerlich erwärme – da konnte sie sich nicht enthalten, ihm in's Gewissen zu reden. Aber er unterbrach sie schon bei den ersten Worten voll Ungeduld.

„Sieht man so aus, wenn man sich freut?“ wendete er unmuthig die Achseln zuckend ein. „Wie ganz anders zeigte Lora ihr Empfinden!“

„Sei nicht ungerecht wie Lear! Es ist doch noch gar nicht lange, daß Du uns das Stück vorgelesen. Denke an Cordelia! Es giebt Naturen, bei denen die Gefühle nicht so leichtflüssig sind und als lustiger Bach von der Zunge gehen.“

„Es ist nicht Jede eine Cordelia, die schweigt.“

„Lisa aber scheint mir zu dieser Rasse zu gehören.“

„Du willst mich doch nicht glauben machen, daß bei ihr wirkliche Empfindung unausgesprochen blieb?“

„Wenn Du gesehen hättest, wie sie mit einem verzweifelten Angstschrei zusammenbrach, als Du in's Wasser stürztest, so müßtest Du bei dem Anblicke dieses Entsetzens auch Mitleid gefühlt haben, noch neben dem eigenen Schreck.“

„Vielleicht ein Entsetzen vor der Erfüllung des eben erst im Stillen gehegten Wunsches.“

„Witold!“ rief die alte Dame, indem sie die Hände faltete und betroffen auf seine hohnvoll verzerrte Miene blickte. „Was hast Du? Bedenke, welche furchtbare Anklage gegen Deine eigene Frau! Ich weiß es wohl, daß Ihr nicht glücklich lebt; ein Blinder müßt' es sehen; die Beschuldigung aber, die Du erhebst, ist sinnlos. Was hielte sie bei Dir fest, wenn nicht ihr Wille?“

„Vielleicht noch heute; im höchsten Falle bis morgen.“

„Du irrst, Du irrst. Und Du thust ihr Unrecht.“

„Ich?! Du scheinst ja plötzlich ihr warmer Anwalt geworden zu sein.“

„Weil ich sie anders beurtheilen gelernt habe. Geh Du erst Wochen und Wochen neben einem Menschen her, von früh bis Abends, und Du wirst bald sehen, weß Charakters und Gemüths

[255] er ist. Aus irgend einem Schlitzchen oder Riß wird die Wahrheit hervorgucken, wenn noch so kostbare Maskenkleider darüber gezogen sind. Bei ihr kommt Tag um Tag ein weiteres Stück des gesunden Kerns zum Vorschein. Nein, ich hab' ihr schon lange im Stillen abgebeten, und ich mißgönne ihr den Platz an meines Kindes Stelle nicht; denn sie füllt ihn aus als ein braves Weib, als eine treue Mutter. An ihr liegt's nicht – und darüber wollt' ich Dich einmal ernstlich sprechen – an ihr nicht!“

„Sondern an mir. Nun ja, ja, mag sein – ich will mich bessern – ein anderes Mal können wir ja darüber weiter verhandeln. Für heute Nacht habe ich an dem einen Mittel genug, das Du mir verordnet. Es ist ja auch eins gegen Erkältung, vielleicht findet sich da Heilung gegen alle Arten derselben. Gute Nacht!“

Das war nicht der rechte Ton, und die Gräfin, ungewohnt, ihren Neffen in dieser Weise sprechen zu hören, ging kopfschüttelnd von dannen.

Doch eben darum, weil er ihren warmen Worten so zurückweisend begegnet, fühlte sie sich jetzt mehr als je zuvor zu Lisa hingezogen. Die ausgesprochene Meinung hatte mit einem Male auch für sie ein weit größeres Gewicht, als da sie noch in ihren Gedanken sich entwickelte, und der Zweifel daran erschien ihr wie eine Beleidigung an ihr selbst, welche die Zusammengehörigkeit zwischen ihr und der in Schutz Genommenen erst vollends festigte. Sie hatte das Gefühl, die Sühne für fremdes Unrecht mit übernehmen zu müssen. Lisa's Befinden gab ihr Anlaß, zu thun, was ihr bis jetzt noch niemals beigekommen, sie nämlich in ihrem Schlafzimmer aufzusuchen, wohin sie dieselbe, um des leichten Fieberanfalles willen, der auf den Schreck gefolgt, verbannt hatte.

Da saß sie an ihrem Bette, sah in die von der Nachtlampe nur matt erhellten großen traurigen Augen, hielt die kalte schmale Hand in der ihrigen und sprach wie mit einem kranken Kinde – von Diesem und Jenem, nur nicht von der Krankheit selbst.

Und da kam denn auch ein Plan zu Tage, mit dem sich die alte Dame schon seit einiger Zeit getragen zu haben schien und der Lisa im ersten Augenblicke mit namenloser Ueberraschung erfüllte.

Mit freudig geöffneten Augen die Worte von den schmalen Lippen der Sprecherin lesend, war sie emporgefahren.

„Du meinst, Tante?“ hatte sie bebend ausgerufen, doch alsbald ließ sie sich wieder sinken.

Sie wußte ja besser, welchen Zweck Rittmeister Steinweg eigentlich mit seinen Besuchen verfolgte.

Lora's eigene Gefühle neigten ja doch nicht ihm zu. Mochte die Tante diese und jene feine Beobachtung für die Möglichkeit sprechen lassen, was wogen dieselben gegen die Gewißheit, die Lisa heute so unzweifelhaft geworden?

Sie unterließ es, einen Gegenbeweis anzuführen, weil sie keine Anklage erheben wollte, und sie hätte das ja gegen zwei Menschen thun müssen, die ihr die liebsten waren auf Erden; so konnte sie sich nur darauf beschränken, ihrem Zweifel Ausdruck zu geben.

„Es ist ja fast, als ob Du Beiden das Glück mißgönntest,“ ereiferte sich zuletzt die Tante ernstlich über diesen „unbegründeten“ Widerspruch.

Lisa lächelte nur schmerzlich. Sie küßte die hagere Hand, welche so weich und gütig, wie die einer Mutter, über ihre Stirn strich.

Wie anders war Alles, als dieses gute, treue sorgende Herz meinte, das sie sich einst verschlossen geglaubt und dessen Werth und Reichthum an edler Liebe sie jetzt erst ganz erkennen gelernt! Und mit dieser Erkenntniß stahl sich auch ein Hoffnungsstrahl in Lisa's Seele. Sie vergegenwärtigte sich Alles, jedes Wort, jeden Blick, und es erschien ihr immer wahrscheinlicher, daß die Tante dennoch Recht haben könnte. War nicht die Art, wie sich ihr Steinweg heute genaht, eigentlich doch ganz anders gewesen, als bei früherer Gelegenheit? Hatte er nicht Reue gezeigt? Konnte er nicht beabsichtigt haben, ihr seine Sinnesänderung mitzutheilen, da sie ihm so scharf das Wort abgeschnitten?

Nicht die kleinste Regung gekränkter Eitelkeit empfand sie über solchen Abfall; der Gedanke, daß es möglich wäre, in dieser Weise doch noch jene feinen Fäden zu lösen, die sie vielleicht nur irrthümlich schon für ein unzerreißbares Gewebe zwischen Witold und Lora gehalten, machte sie zu glücklich, als daß daneben ein unlauteres Gefühl in ihrer Brust Raum gefunden hätte. Was sie jahrelang für die echte Liebe des Herzens gehalten, jetzt wußte sie, daß es ja doch nur ein Spiel der Phantasie gewesen. O, wie wollte sie sich in ihrer Schwester Vertrauen schleichen, zart, mitfühlend, liebevoll in sie dringen und sie sanft hinüberlenken zu Aller Glück und Segen! Er aber – er, ob er sich entwinden lassen würde, was sein Herz mit allen Fasern umfaßt? Er sah ja in Lora seine erste Frau wieder und hatte auf sie seine Liebe übertragen. Da waren wieder Zweifel, Furcht und Hoffnungslosigkeit, mit denen sie rang.

Stunden mußten darüber hinweggegangen sein.

Sie hörte plötzlich ein Geräusch – ein dumpfes Krachen und Brechen, das sie jäh aus ihren sich fieberhaft verwirrenden Gedanken- und Gefühlskämpfen riß.

Sie horchte auf. Das konnte nur aus dem unter ihr gelegenen Zimmer, welches Witold bewohnte, kommen. War er krank geworden? War ihm etwas zugestoßen?

Nun vernahm sie abermals ein Geräusch, und zwar ein Gepolter wie von einem Falle. Er war vielleicht nach dem Glockenzuge gegangen, gestürzt; es war keine Hülfe bei der Hand – – oder verbarg man ihr eine Gefahr?

Eine ungeheure Angst überfiel sie, und ihre krankhaft erregte Einbildungskraft spiegelte ihr alles erdenkliche Unheil vor. Diesmal ließ sie sich keine Zeit, zur Besinnung zu kommen. Sie sprang vom Lager auf, schlüpfte in ihre weichen Schuhe, entzündete ihr Licht und glitt rasch und geräuschlos auf den Gang hinaus und die Treppe hinab, über die der Mond seine breiten Lichtstreifen legte.

Jetzt stand sie an der Thür des Bibliothekzimmers. Sie lauschte, da aber Alles still blieb, öffnete sie dieselbe. Vom Mondschein erhellt, sah sie durch die offenen Portièren Witold's Arbeitszimmer vor sich liegen, aber nichts regte sich darin. Wie war's doch möglich gewesen, daß sie jenen Fall so deutlich zu hören vermeint? Es konnte gewiß keine bloße Sinnestäuschung gewesen sein!

Doch Witold's Schlafzimmer lag jenseits; der Schall hatte sich ja fortpflanzen können, und war dort etwas geschehen, um so schlimmer; denn dann lag er unzweifelhaft hülflos da. Die namenlose Angst, die sie hergetrieben, zog sie nun auch durch das Arbeitsgemach bis an die andere Thür. Jeder Nerv in ihr war in fiebernder Bewegung.

Doch ehe sie die Hand auf die Klinke gelegt, hörte sie die Schritte ihres Mannes an der andern Seite der Thür, und wie bei einem Diebstahl ertappt, fuhr sie zurück; sie fühlte ihre Glieder erstarren. Witold mußte noch nicht zu Bett gewesen sein; das war der Tritt fester Sohlen, wie sie der Landmann an seinem Schuhwerke braucht.

Wenn er sie nun hier fand? Sie glaubte vor Scham vergehen zu müssen. Doch da wandte sich der Schritt und entfernte sich wieder von der Thür. Sie hörte das Klirren eines Glases, und jetzt fühlte sie auch die Beweglichkeit der Glieder wieder zurück kehren. Auf ihrer scheuen Flucht wäre ihr Fuß beinahe an ein Hinderniß gestoßen; ein Brett lag zur Seite des Schreibtisches, wie man es zum Verschlusse einer Kiste verwendet; noch staken die Nägel darin. Es mußte dasselbe jenes Geräusch verursacht haben, das sie unter sich vernommen. Da stand ja auch die Kiste auf dem Schreibtische, gegen das schwere Bureau gelehnt, unterhalb jenes Bildes, das sie vor Jahren aus der Entfernung hier gesehen und vor dem ihr Urtheil gesprochen worden war. Und da – in der Kiste, noch in der Verpackung, befand sich ebenfalls ein Frauenbild – ein zweites – kein Spiegel – nein – es war wirklich ihr Bild! Nicht im Nachtgewande, die hochgehaltene Kerze in der zitternden Hand, sondern im dunklen Seidenkleide, den Rosenschmuck im Haare, lächelte die eine Lisa von oben herab auf die andre, welche hier unten stand und wankte und noch ein paar Schritte that und dann hinsank mit fast stehenbleibendem Herzen und nahezu aufhörendem Athem.

Die Aufregung der letzten Stunden hatte ihr Recht verlangt; die jüngste Erschütterung war die heftigste gewesen. Ihr Bild, ihr eigenes Bild bei ihrem Gatten! So war Alles, Alles anders, als sie mit Furcht, Entsagung, Verzweiflung angenommen! Als die Kräfte sie verließen, da hatte sie nur einen Gedanken: So sterben war Seligkeit! – das Glück hatte ihr die Besinnung geraubt. – –

Jenseits der geschlossenen Thür in seinem Schlafzimmer [256] stand Witold an seinem Waschtische und hielt seine Rechte in das Becken, in welchem sich das soeben frisch nachgefüllte Wasser schon wieder roth zu färben begann von seinem Blute, das in einem zerfließenden Faden von dem Ballen seiner Hand aussickerte.

Und gerade diese Hand mußte es sein! Gerade die Rechte!

Wozu hatte er es auch nöthig gehabt, jetzt noch, in dieser Nacht, die Kiste zu öffnen, in welcher er das Bild Lisa's seit Wochen wohl geborgen gewußt?

Als er es bei einem berühmten Maler der Residenz bestellte, der es mit Hülfe einer Photographie aus dem Gedächtnisse zu malen unternommen, da war er noch der Meinung gewesen, Alles könnte trotz alle und alledem eine bessere Wendung nehmen – ihr ruhiges Dahinleben erfüllte ihn mit leise wachsendem Vertrauen.

Als dann aber das vollendete Werk eintraf, kam es in eine Zeit, wo seine ganze Stimmung schon eine schwere Wandlung erlitten hatte. An der getroffenen Entscheidung war nun nicht mehr zu zweifeln, der Mann, der in seine Rechte treten sollte, ging bereits ein und aus in seinem Hause, als wenn ihn nichts mehr behindern könne, den Schatz desselben davon zu tragen, sobald es ihm beliebe. Da war denn die rohe Holzhütte des Meisterwerks in einen Winkel des Gemaches geräumt worden und dort uneröffnet stehen geblieben, bis heute – ja, bis zu dieser mitternächtigen Stunde.

Nachdem die Tante geschieden, war er nicht zu Bette gegangen, wie sie meinte, er hatte sich nicht einmal entkleidet; das Blut in seinen Adern verlangte nicht nach Ruhe. Bald in seinen Lehnstuhl hingeworfen, bald in unablässigem Auf- und Niederschreiten, bald an seinem Schreibtische hatte er die Zeit vollbracht. Er achtete nicht auf die verrinnenden Minuten. In ihm war ein Brand, der Raum und Zeit verschlang.

Wo war die kühle Ruhe der Entsagung? Wo auch nur der Muth und Wille zum Verzicht, die er noch heute Morgen festzuhalten vermeinte? Wo der edle Wunsch, ihrem Glücke das eigene zum Opfer zu bringen? Alles dahin, wie der verwehende Rauch einer Brandstätte! Es hatte nur eines Blickes auf die Beiden bedurft, wie sie in offenbar gestörter Verabredung einander gegenüberstanden, um all seine ernsten, fest gefaßten Vorsätze in Nichts zu verflüchtigen.

Einst hatte er gesagt, daß es ein Unrecht sei, ihr nicht auch sein Herz schenken zu können. Er hatte jahrelang gemeint, die Strafe für die Immoralität einer solchen Verbindung zu erleiden. Wie irrig! Jetzt erst erlitt er sie. Er liebte Lisa – jetzt liebte er sie, wo er sich sagen mußte, daß es ein Wahnsinn sei, und dennoch sich wehrlos fand gegen das titanenhafte in seiner ganzen Raserei entfesselte Gefühl.

Sie jetzt von sich zu lassen, schien ihm eine Unmöglichkeit, und in dieser Ueberzeugung hatte er seinem Rivalen den Besuch für morgen angekündigt. Nach demselben konnte nur einer von Beiden nach Riefling zurückkehren, und die Kugel mußte entscheiden, wen die Entsagung traf.

Inzwischen aber war jener Sturz in den Fluß erfolgt, und als er sich wieder in's Boot schwang, war der Gegner zu – seinem Lebensretter geworden.

Sollte ihm das die schußbereite Waffe aus der Hand reißen? Lebensretter? – Ein Griff mit dem Haken, wie vielleicht nach einem vom Winde entführten Hute, einem Fächer der Comtesse – was war die ganze That mehr? Wäre er denn ohne sie ganz zweifellos dem Tode verfallen gewesen? Und wenn es das Leben war, das ihm bewahrt worden, was galt diese elende Formel ohne Inhalt? Warum mußte ihm jener Mann auch noch die Last der Dankbarkeit aufbürden? Er war ihm darum nur doppelt verhaßt.

Dennoch bäumte sich in ihm etwas gegen den Gedanken auf, die Pistole auf den zu richten, der die rettende Hand nach ihm ausgestreckt. – Wenn es aber von seiner Seite nur zum Scheine geschah – wenn er dem Anderen die Blutschuld überließ, mit dem einen Schusse alles Weh und alles Begehren in diesem brennenden Herzen zu tilgen, das dann zur Ruhe kam? –

Er schrieb; er ordnete; er beschloß und verwarf wieder; ruhelos ging er dazwischen auf und ab. Leise verrannen die Stunden.

Zuletzt, als manches Papier zerrissen und manches versiegelt war, stand er vor der Kiste und es erwachte der Wunsch in ihm, wenigstens das Bild des so heiß geliebten Weibes noch einmal zu sehen. Dort hing das Portrait seiner ersten Frau. Nein, er hatte sie nie geliebt, wie diese. Ein gutes treues Auge blickte aus den ein wenig breiten und reizlosen Zügen, in welchen nur verblendete Mutterliebe eine Aehnlichkeit mit denen Lora's entdecken konnte. Es war auch nur die herzlich warme Neigung der Jugendfreundschaft, die ihn zu jener ersten Verbindung geführt. Wie anders konnte hier dieses dunkle Auge blicken, dessen kalter abwehrender Strahl schon einen Brand in seiner Brust zu entfachen vermocht hatte! Welch ein Pfuscher mußte doch jener berühmte Meister sein, daß dieser Strahl, wenn auch nur gemalt, die erbärmliche Holzdecke nicht von innen heraus durchsengte!

Heraus aus dem Grabe! Laß doch wenigstens sehen, was der Stümper geschaffen!

Und nun splitterte das Holz. Die verrosteten Nägel leisteten Widerstand, die kraftvolle Hand aber, die auch unter dem Wasser das Tau nicht losgelassen, wurde seiner Herr; da rollte der Sargdeckel hinab und fiel polternd auf die Erde.

Ja, sie war erlöst, aber nur indem sein Blut floß.

Wie das Alles für die erregten Sinne Bedeutung gewann zu solch später Stunde der Nacht, die den Ahnungen günstig ist wie den Gespenstern! Auch selbst diese Wunde, die ihm der Nagel gerissen, auch der dunkle Purpurtropfen, der auf das Bild geflossen und nun an dieser weißen Stirn haftete wie ein Schuldmal, das doch wieder seine eigene Hand verwischte, die Linke, die ja nicht wissen soll, was die Rechte thut.

Diese aber hielt er in's Wasser, das er in seinem Schlafzimmer suchen mußte. Ja, wenn hier sein ganzes Herzblut bis auf den letzten Tropfen den Ausweg hätte nehmen wollen, wie einfach und leicht wäre da die letzte Frage gelöst gewesen! Aber so war's ihm nicht vergönnt. Und nun war es diese Hand, die der Unfall betroffen, gerade diese, welche die Waffe – doch zum Scheine wenigstens – führen mußte!

Die Blutung hatte nachgelassen, sodaß er daran gehen konnte, einen Verband anzulegen. Da horchte er, den einen Zipfel des Tuches noch zwischen den Zähnen, plötzlich auf.

Welch seltsamer Laut?

Und jetzt wieder! Das war das Winseln eines Hündchens, und es kam aus seinem Wohnzimmer.

War das Frip? Wie hatte der seinen Weg dahinein gefunden? Mit einem Schritte war Witold vor der Thür. War auch das ein Vorzeichen? Hunde winseln ja, sagt man, wo ein Sterbender im Hause ist.

Er riß die Thür auf.

Vom Mond beschienen lag inmitten des Zimmers eine weiße Gestalt am Boden, und Frip kroch ängstlich um dieselbe her und leckte die ausgestreckte Hand, die noch den kleinen Leuchter mit der gebrochenen Kerze hielt.

War sie ohnmächtig? War sie –?

Ein wildes Heer von Fragen durchkreuzte sein Hirn. Ueberraschung, Freude, Zweifel, Entsetzen, all die Empfindungen sprangen fast gleichzeitig im wirren Durcheinanderklange in seiner Brust auf. Ehe er sie gesondert, lag er auf den Knieen neben Lisa.

Gottlob, sie lebte!

Er sah in das schöne bleiche Gesicht; er sah den wunderbaren weißen Hals zwischen den halbgeöffneten gestickten Kanten des Nachtkleides und drückte die Hände gegen die Stirn.

Seine Frau bei ihm – bei ihm! Aber was hatte sie hierher geführt? War sie gekommen, ihm eine Mittheilung zu machen? Die längst erwartete, längst gefürchtete? Und hatte der Beschluß den Schlaf von ihren Lidern gescheucht? Seine Stirn runzelte sich drohend, und sein Auge begann zu glühen.

Nur wie ein Blitz war der Gedanke ihm durch den Kopf gezuckt; denn schon hatte er die schlanke Gestalt auf seine Arme genommen und eilte mit ihr fort.

Flüchtigen Schrittes trug er die leichte Last die Treppe empor. Auf seiner Schulter ruhte der Kopf; an seiner Wange fühlte er das sich aus dem Häubchen drängende Haar, an seiner Brust den jungfräulichen Busen. Ein süßer Duft ging von der lieblichen Gestalt aus, den er mit tiefem wonnigem Athemzuge in sich sog. Er drückte sie innig an sich.

Sie war ja sein, sein!

Und jetzt sollte er sie lassen, jetzt wo er sie liebte mit aller wilden Gluth der Leidenschaft? Jetzt, wo er sie an seiner Brust hielt, die Widerstandslose? Hier war das Gemach, das er selbst [258] eingerichtet und nie mehr betreten, seit dem Tage vor seiner Hochzeit. Die Wände begannen um ihn zu kreisen. Der rosige Schein der Ampel schien das verödete Lager in Gluth zu tauchen. – War er nicht hier zu Hause? War er hier nicht im Recht?

Alles umwirbelte ihn – ein Rausch, ein Taumel bemächtigte sich seiner. Fester preßte er die Geliebte an sich, indem er sie auf die Kissen niederließ; seine glühenden Lippen legten sich an ihren Mund.

Und es war ihm, als höbe ein Seufzer diese zarte Brust, als schlinge ein Arm sich um seinen Hals.

Da riß er sich mit übermenschlicher Gewalt empor. Ein Grauen vor sich selbst hatte ihn durchzuckt – sollte er zum Sclaven seiner trunkenen Sinne werden?

„Kein Raub, kein Frevel!“ brauste es in seinen Ohren und scheuchte ihn hinweg. Noch einen Blick that er auf die stille Schläferin, die wie ein Marmorbild auf einem Sarkophage zu ruhen schien. Dann stürzte er fort.

Lust ohne Liebe? Nein, das war es nicht, wonach sein Herz schrie.

[269]
10.

Es war noch früh am Morgen – die Sonne war freilich schon eine Weile aufgegangen – als Lora, selbst so frisch und sonnig wie der junge Frühlingstag, aus der Hausthür trat und in den regsamen Hof hinaussah.

Sie ließ sich den Morgenschlummer sonst nicht gern stören und nannte ihre Schwester eine Frühaufsteherin, deren Besuche in Stall und Hühnerhof sie nicht zu theilen verlangte, heute aber hatten beide einmal die Rollen gewechselt: wie es schien, schlief noch Alles im Hause. Nur die gute Tante hatte bereits ihre allererste Runde gemacht und versicherte der ihr auf der Schwelle begegnenden Lora, in der Richtung nach Witold’s und Lisa’s Schlafzimmer deutend, die Ruhe werde beiden gut thun, und darum habe sie den Leuten auch auf die Seele gebunden, ja kein Geräusch zu machen.

„Und was führt Dich so frühzeitig heraus? Willst Du vielleicht statt Lisa in den Stall? Zum Melken kommst Du doch schon zu spät.“

[270] Aber Lora schüttelte lachend den Kopf.

„Darnach strebt mein Sinn nicht,“ sagte sie, die Tante umschlingend. „Ich will im Walde Maiglöckchen suchen. Es sind gewiß schon welche heraus. Weißt Du, Mamachen, es giebt immer so vorwitzige Dinger, die es nicht erwarten können, in die Welt zu gucken.“

„Wie Du!“

Das Mädchen knixte lachend; ein Kuß, und sie war die Stufen hinunter.

Wie schön war der Morgen! Noch hatte die Sonne nicht jeden Thautropfen hinweggetrunken, und Lora mußte ihr Kleid schürzen, um keinen nassen Saum zu bekommen, während sie, leise trillernd, auf dem Feldrain der Anhöhe zuschritt, die von schattigem Walde gekrönt war. Als sie denselben erreicht, ging sie erst eine Weile am Rande hin; dann bog sie in einen schmalen Pfad ein und stieg immer höher, bald nach Blumen ausspähend, bald vor einem moosigen Steine oder einem wunderlichen Pilze stille stehend.

An einem Köhlerhause hielt sie an; sie sprach mit den Kindern, die davor saßen, half dem kleinen Mädchen die Puppe ankleiden und ließ auf dem Tische neben dem geleerten Milchglase ein ansehnliches Geschenk zurück. Vor dem Meiler blieb sie stehen und sprach mit dem Köhler über das Wetter. Und wieder stieg sie weiter.

Nach einer Weile kam sie auf eine Waldblöße heraus; es war fast auf der Kuppe des Hügelstriches. Die Sonne lag warm auf der Wiese, und in der Nähe von ein paar gefällten Bäumen leuchteten auch die ersten weißen Glockenstiele aus den grünen Blattscheiden.

Laut jubelnd begrüßte sie den Fund. Aber es schlossen sich unwillkürlich Worte an den Jubelruf.

„Ach, ich bin so froh! Ich möchte singen.“

Ob auch das den Blumen galt?

Inneres Glück strahlte aus ihren Augen, doch die waren in die Ferne gerichtet. Dort, wohin sie sahen, stiegen ein paar Kirchthürme zwischen grauen Häusern auf, und der glänzend weiße Bau, den die Morgensonne traf, war wohl das Schloß über dem Städtchen, das Comtesse Anna bewohnte.

„Die schläft gewiß noch in ihrem Bauer,“ kicherte Lora.

Sie dachte nur – ja bestimmt nur an das Canarienvögelchen.

Eine Zeitlang suchte sie noch weiter nach frischgeöffneten, duftenden Blüthen; dann setzte sie sich auf einen der Stämme, band einen Strauß, lauschte dem Gesange der Vögel, zählte den Kukuksruf und versank in sanftes Träumen. Ihr Blick war dabei wieder langsam über den stillen Hof und das Dorf hinweg, über den Fluß und den jenseitigen Uferhang zu den Kirchthürmen gewandert, deren vergoldete Helmkreuze hin und wieder Blitze auszusenden schienen.

Und fast war es, als ob der in seinen Ansprüchen verkürzte Schlummergott sein Recht einfordern wolle, so lange und so still saß die Träumerin an derselben Stelle, nur freilich blieben die Augen geöffnet und sahen immer, immer in derselben Richtung.

War's der Schlag der Thurmuhr aus dem Dorfe oder ein anderes Geräusch, das sie weckte – sie fuhr auf einmal überrascht auf, athmete tief und strich sich den dünnen Schleier ernster oder sehnsüchtiger Gedanken von der Stirn. Sie lächelte wieder.

Ihr Blick fiel dabei hinab; die in Bewegung gesetzte Fähre fesselte ihn. Das Fahrzeug war schon wieder an seiner alten Stelle und offenbar in Arbeit. Ein paar Leute und ein Pferd waren darauf. Jetzt trat das Pferd jenseits an's Land, und ein Reiter schwang sich auf. Die Gestalt konnte nur die Witold's sein. Wo mochte er hinreiten um diese Stunde?

Nun war es aber Zeit für sie, sich auf den Heimweg zu machen. Es ging rascher als bergan, doch schlug Lora zum Schlusse eine andere Richtung ein. Sie wollte durch's Dorf gehen und nach der Fähre sehen.

Da, wo der Gemeinde-Anger an die Straße stieß, blieb sie plötzlich wie angewurzelt stehen; denn zwischen den letzten Häusern hervor trabte eben ein Reiter ihr entgegen, auf dessen Erscheinen sie in diesem Momente sicherlich nicht gefaßt gewesen.

Hatten denn ihre Blicke, welche soeben wieder und immer wieder auf den Kirchthürmen und dem Schlosse von Moorstädtel geruht, magnetische Kraft? Oder was sonst führte Steinweg gerade jetzt hierher, zu einer Zeit, wo sie ihn, nach seiner eigenen Mittheilung, tief vergraben in den allerwichtigsten dienstlichen Geschäften geglaubt? Hatte sie ihn nicht in der That auf der Reitschule, unter Remonten, bei der Unterofficierschule und weiß Gott wo gesehen, und nun – war er hier! War es ein Wunder, daß sie vor Ueberraschung zu glühen begann und das Herz auf einmal ganz schnell klopfte?

Aber auch der Reiter hatte sie erblickt. Er setzte sein Pferd sofort in Galopp und grüßte ganz unmilitärisch, indem er die Mütze hoch in die Luft schwang.

Jetzt stand der Fuchs wie eingemauert vor ihr und mit elastischem Absprunge Steinweg daneben.

„Guten Morgen, mein Fräulein!“ rief er fröhlich die Hand bietend. „Das nenne ich eine glückliche Begegnung, und abergläubisch, wie wir Soldaten sind, halte ich es für eine gute Vorbedeutung.“

„Das Gegentheil wäre auch zu ungalant,“ entgegnete Lora lachend. Der Schrecken war schon vorüber, und willig ließ sie sich die Hand schütteln. „Wissen Sie, daß ich heute schon in Moorstädtel war?“

„Sie?“

„Mit den Augen. Dort vom Hügel aus.“

„O, wenn ich mir schmeicheln dürfte –“

„Pfui, sich selber schmeicheln!“ unterbrach sie ihn, indem sie sich vor seinem ausdrucksvollen Blicke lächelnd abwandte und unwillkürlich den Weg gegen den Hof einschlug. „Thun Sie etwas eines Mannes Würdigeres und befriedigen Sie meine Neugierde! Erzählen Sie mir, was Sie eigentlich hierher führt!“

„Die Besorgniß um Baron Lomeda.“

„Ah!“ – es klang fast wie Enttäuschung – „da können Sie vollkommen ruhig sein. Mein Schwager ist keine Salondame. Ja, wenn Comtesse Anna das Bad genommen hätte!“

„Vielleicht würde ich dann weniger Eile haben, mich zu erkundigen.“

„Wirklich?“ Sie sah ihn forschend an, aber kein Zehntel einer Secunde lang; dann nickte sie ironisch und fuhr fort, ihn zu necken. „So sprechen Sie, und doch haben Sie sich heute sicherlich schon die Füße wund gelaufen nach dem Schlosse, um zu hören, wie man nach der Aufregung geschlafen hat.“

„Gelaufen, gelaufen!“ entgegnete Steinweg mißbilligend. „Ich laufe überhaupt nie, mein Fräulein.“

„Ist das unter der Würde eines Cavalleristen?“

„Gewiß. Um rascher von der Stelle zu kommen hat man ja das Pferd.“

„So sind Sie also auf's Schloß geritten, um anzufragen?“

„Auf Ehre! Sie thun mir heute ganz grausam Unrecht, Fräulein Lora,“ beklagte er sich. „Ich bin hierher gekommen, um Baron Lomeda zu sprechen.“

„Mein Schwager ist schon vor einer Weile fortgeritten.“

„Nach Moorstädtel?“

„Das weiß ich nicht. Aber über die Fähre.“

„Und ich habe den Weg über die Telzer Brücke genommen. So haben wir uns verfehlt. Zwar hat er mich schon gestern auf seinen Besuch vorbereitet, ich wollte ihm aber den Weg ersparen, da ich ja nicht wissen konnte, ob er nicht doch unwohl geworden sei.“

„Er wollte Sie heute sprechen? Aber in welcher Angelegenheit?“ fragte Lora, aufmerksam geworden.

„Ich weiß es nicht,“ sagte er ein wenig verlegen, doch setzte er rasch hinzu: „Wohl eines Pferdehandels wegen oder dergleichen. Wie fatal!“

„Ist Ihnen so leid um die verpaßte Gelegenheit?“

„Nur darum, daß ich jetzt umkehren muß, und ich wäre doch so gern hier geblieben.“

„Sie können meinen Schwager auch hier erwarten.“

Ein freudiges Aufleuchten ging über seine Miene, so harmlos sie das auch hingeworfen hatte. Er nahm den Antrag mit Begeisterung an. Und auch was das Pferd betraf, wenn es etwa, wie er voraussetzte, zum Damendienste verlangt wäre, könne hier zur Stelle Rath geschafft werden. Molly sei ein artiges Thier, und er könne sich kein größeres Glück vorstellen, als wenn er sie künftig auf seinem Pferde sehen dürfte.

Es war ein versteckter Sinn in diesen Worten, und Lora, die auf eine weitere Erläuterung zu warten schien, schnitt sie rasch ab, als sie endlich zögernd kommen wollte. Sie warf den [271] Kopf ein wenig in den Nacken, und das Auge, das befangen gesenkt gewesen, hob sich wieder frei.

„Für mich, meinen Sie, daß Witold das Pferd kaufen will?“ nahm sie in lebhaftem Tone das Wort. „Nun, da könnten wir ja gleich eine Probe machen, ob es taugt.“

„Gewiß, sobald ein Damensattel aufgelegt ist.“

„Ach – geht es denn nicht auch so?“

Sie fragte, bat und besiegte jeden Einwand, Steinweg, der sich zu glücklich fühlte, ihr einen Wunsch erfüllen zu können, noch dazu einen, der so gut mit seinen eigenen Wünschen stimmte, hielt gern sein Pferd, das er bisher an dem lose um den Arm geschlungenen Zügel geführt hatte, an und richtete es, so gut es ging, für die geänderte Bestimmung ein. Zur Noth genügte es ja, daß der linke Bügel kürzer geschnallt und der rechte über den Sattelknopf herüber geschlagen wurde. Er selbst stellte sich bereit und hielt die Hand hin, damit der Recrut das Füßchen darauf setze.

Lora aber schüttelte lachend den Kopf.

„Auf Bedingungen, Herr Rittmeister,“ sagte sie abwehrend. „In Ermangelung eines Reitkleides bin ich hoch zu Pferd nur auf der rechten Seite präsentabel. Ich bitte, sich dort hinüber zu verfügen und drüben zu bleiben. Hier der Prellstein wird so gefällig sein, mir den Stallmeister zu ersetzen.“

Unterwürfig fügte sich Steinweg der Vorschrift. Es ging wirklich ganz vortrefflich. Mit graziöser Gewandtheit schwang sich Lora in den Sattel, und so unbehülflich ihr auch die Führung anstand, wollte sie, nachdem Steinweg erst die Zügel in ihrer Hand geordnet, doch nichts davon wissen, daß er dieselben halte; ja sie forderte sogar die Gerte von ihm.

Bewundernd sah er zu der hübschen schlanken Reiterin auf, während er neben dem ruhig ausschreitenden Pferde einherging. Er gab ihr dabei Rathschläge über Haltung und Gebrauch der Hülfen. Sie schien rasch zu begreifen, aber doch ein wenig ängstlich. Sie hielt, ritt wieder an. Es ging wunderbar.

„Sind Sie mit Ihrem Recruten zufrieden?“ fragte sie. „Ach, hätten wir lauter solche! Ich behielte mir diese Abtheilung ganz allein vor.“

„Welcher Diensteifer! Haben Sie denn an einem nicht genug? Nein, kommen Sie nicht so nahe, als wenn Sie dem Pferde jeden Augenblick in die Zügel fallen wollten! Wenn ich traben soll, muß ich Raum haben.“

„Traben?“ rief er erschrocken aus. „Nein, das geht doch nicht. Da müßte ich das Pferd an der Longe oder in einer Reitschule haben. Sie müßten einen Kreis um mich beschreiben.“

„Aber ich will traben.“

„Ich beschwöre Sie, Lora – es könnte einen Unfall geben.“

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als in dem Moment, wo seine Hand schon nach den Zügeln faßte, das Pferd als ob es von der Bewegung erschreckt wäre, einen Ruck that und sich in schärfere Gangart setzte. Nur war es kein Trab, sondern Galopp. Lora griff in die Mähnen.

„Mein Gott, ich falle,“ hörte er sie angstvoll rufen.

„Um Himmelswillen, ziehen Sie die Zügel an!“ rief Steinweg, der dem Pferde eilig nachgesprungen war.

Aber sei es, daß gerade dieser Lärm oder die Berührung der Reitgerte, die Lora ganz unvorsichtig, offenbar in dem Bemühen, sich am Sattel festzuhalten, an die Weichen des Pferdes führte, das Thier noch mehr aufregte – es griff immer mächtiger aus, Während Steinweg auf Leben und Tod hinterdrein rannte, ohne es doch erreichen zu können.

Da flog der Renner durch das Hofthor, mäßigte seine Sprünge und hielt mit einem Male nach einer prächtigen Wendung an, als hätte ihn der Escadroncommandant selbst mitten vor der Front auf’s Regelrechteste parirt.

Lora stieg gewandt ab und streichelte und klopfte den Hals des bravem Thieres, das ihr schnaubend den Kopf zuwandte. Unterdeß kam auch Steinweg heran, den sie mit spöttischem Lächeln und einer grüßenden Geberde empfing, indem sie die Gerte gegen die Brust hob und dann wieder senkte; der Schalk frohlockte aus ihren Augen.

„Recht brav gelaufen,“ sagte sie dabei mit ironischem Lobe. „Ich habe kaum auf sechs Pferdelängen gewonnen.“

„Wie?“ stammelte er, athemlos vor ihr stehen bleibend. „Das war doch kein – Wettlauf?“

„Ein wenig dergleichen,“ bestätigte sie, und das mühsam zurückgehaltene Lachen brach nun los, ohne ihn zum Miteinstimmen zu bringen. „Sie haben nur nicht daran gedacht, daß es mir schon vor Jahren zuweilen gestattet war, Lisa’s Pony zu besteigen, und wenn es Niemand sah, habe ich ihn nach Lust getummelt.“

„Ein Spiel also? Das war nicht schön.“

„Weil Sie verloren?“

Statt eine Antwort zu geben, sagte er mit tiefem Athemzuge, der verrieth, wie sehr die Angst ihm noch die Brust bedrückte:

„Mein Gott, wie haben Sie mich erschreckt!“

Sie führte das Pferd ein paar Schritte dem Stalle zu, und auf ihren Ruf erschien auch sofort ein Junge, welcher ihr dasselbe abnahm, während sie es noch einmal mit zärtlicher Hand liebkoste.

„Streicheln Sie Molly doch nicht immer!“ bat Steinweg mit komischem Unmuthe. „Man könnte den Gaul beneiden.“

Es war ein ganz leises liebevolles Lächeln, das ihre feuchten Lippen kräuselte, und das sie ihm verbergen wollte; denn sie wandte den Kopf zur Seite – doch nur für einen Augenblick; langsam die Richtung gegen den Park einschlagend, richtete sie doch wieder ihre Augen freundlich auf ihn.

„Nun, da haben Sie auch etwas für die Reitlection,“ sagte sie, ihm die Maiglöckchen hinreichend.

Das Sträußchen nahm er an, doch hielt er auch dabei die Hand fest und hob dieselbe auf seinen Arm.

„Blumen?“ meinte er geringschätzig.

„Sie ungenügsam unpoetisches Gemüth! Ist das nicht ein ausreichendes Honorar für die Stunde?“

„Und für den Schreck?“

Es war, als ob ihr Blick diesmal ernstlich in seinem Herzen lesen wollte.

„Sind Sie denn wirklich so sehr erschrocken?“ fragte sie leise.

„Wie in meinem ganzen Leben noch nicht! Weiß Gott, ich glaube, ein Schuß in die Brust müßte ein Spaß sein neben dem Gefühl, das mir in dieselbe fuhr, als ich Sie so davonjagen sah. Mir fiel es wie Lähmung in die Beine.“

„Und darum geriethen dieselben in’s Laufen? Nun ist’s erklärt,“ rief Lora lachend. Mit anmuthigem Erröthen schelmisch nickend, setzte sie hinzu: „Ich erlaube Ihnen, den kleinen Finger zu nehmen und ihn nach Belieben zu mißhandeln.“

„Nur den kleinen Finger? Nein!“ versetzte er resolut. „Ich habe mich bloßgestellt, ich habe mich lächerlich gemacht, ganz abgesehen davon, daß ich gelitten – ja wohl, ich habe gelitten. Wenn Sie das Geschichtchen ausplaudern, bin ich das Gespött des ganzen Regiments. Ich muß eine größere Bürgschaft für Ihre Verschwiegenheit haben. Meine Ehre verlangt es.“

„Ei, Herr Rittmeister,“ entgegnete sie kopfschüttelnd, „Sie sind ein wenig – zu anspruchsvoll.“

„Und Sie, Lora – sind eine große Kokette.“

Sie blieb wie eingewurzelt stehen, wandte sich, auf den Hacken sich umdrehend, zu ihm und sah überrascht in sein bewegtes Gesicht, um ihm sofort mit der Miene tiefster Beleidigung einen Knix zu machen.

„Adieu, Herr Rittmeister!“ sagte sie kurz und eilte in den Park.

Aber so eilig sie floh, so rasch folgte ihr, treu gleich ihrem Schatten, Steinweg. Nun hatte er ja doch das Laufen schon gelernt; da kam es auch auf einmal mehr oder weniger nicht an. Und im Schatten blühender Buschpartien mit ihren verschwiegenen Laubwänden und traulichen Sitzen war das Haschen ein so reizvolles Spiel.

Kein süßeres konnte es geben zu holder Frühlingszeit.

Die Tante hatte Wilhelm schon zweimal ausgeschickt, die Frühstücksglocke zu läuten, aber Niemand war erschienen als Lisa. Der Herr sei fortgeritten und noch nicht zurückgekehrt, hieß es, und Fräulein Lora nirgends zu finden, sodaß sich die Tante endlich selbst ungeduldig aufmachte, sie im Garten zu suchen.

Lisa blieb indeß allein im Salon zurück.

Sie saß da wie traumverloren. Ihre Antworten auf die Frage nach ihrem Befinden und auf andere Bemerkungen hatten alle keinen Sinn gehabt, aber doch nicht eigentlich Anlaß zu Besorgniß gegeben; denn es ging, so blaß ihr Antlitz war, ein so eigenthümliches Leuchten von demselben aus, wie von einem tiefverborgenen [272] geheimen Schatz des Glücks, daß die Tante sie wieder und wieder verwunderungsvoll angesehen.

Sobald dieselbe das Gemach verlassen hatte, zog Lisa einen Brief hervor, um die Adresse wieder zu lesen – sie selber wußte nicht, zum wievielten Male schon.

Er war ihr beim Erwachen übergeben worden. Noch lag ihr Denken wie in einen Schleier gehüllt; Traumgesichte umschwebten sie und erfaßten ihre Seele mit wunderbarer Macht, als ihr Blick auf diese Schriftzüge fiel. Ein Brief an Sie – von ihrem Manne?

Mit zitternder und doch hastiger Hand hatte sie danach gegriffen und den Umschlag aufgerissen; dann las sie mit einer Angst, daß ihr die Kehle wie zugeschnürt schien:

„Es bedarf zwischen uns keiner Worte. Seit Wochen erwarte ich den entscheidenden Schritt von Dir. Es scheint, daß Du heute Nacht die Absicht hattest, mir die Mittheilung zu machen und daß Dich die Kraft verließ. Ich ertrage die Qual nicht mehr, und so will denn ich ein Ende machen.

Witold.“

Was wollte er thun? Was war's?

Der Zettel, der herausfiel, erklärte Alles: jenes unselige Blatt von Steinweg's Hand, das sie vernichtet glaubte.

Es war also in Witold's Hände gefallen, und wohl damals schon, und daher jener ungeheure unverstandene Umschwung in seiner Stimmung, daher jenes kalte Zurückstoßen, jenes absichtliche Vermeiden einer Begegnung mit Steinweg. Aber wie ein Lichtquell sprang es auf in ihrem Herzen, und in jedem Worte dieser wenigen Zeilen las sie jauchzend die Bestätigung, daß sie geliebt war.

Kein Traum war's gewesen, daß sie ihr eigenes Bild gesehen, kein Traum, daß er sie selbst in seinen Armen treppauf getragen. Willenlos, unfähig, auch nur ein Glied zu regen, gelähmt und mit geschlossenen Augen hatte sie doch gefühlt, daß sie an seiner Brust gelegen, ein unbeschreiblich seliges Gefühl hatte sie durchrieselt, eine unnennbare Sehnsucht sie erfüllt; sein Kuß brannte jetzt noch auf ihren Lippen. Doch als sie seinen Namen rufen wollte, da waren ihr die Sinne von Neuem vergangen in wundersam süßer Betäubung, und als sie dann erwacht, da lag's um ihr Haupt wie ein wirres Gespinnst der Nacht, aus dem sie sich nicht zu lösen vermochte, bis andere Traumbilder emporstiegen und tiefer Schlaf sie umfing.

Und nun war's heller Tag um sie und in ihr. Was that's, daß hier die räthselhaften, unheimlichen Worte mit einem „Ende“ drohten? Ja, ein Ende der Qual sollte es sein und ein Anfang des Glücks. Die Angst, die ihr zuvor beim ersten Ueberlesen fast einen Schrei entrissen, schwand immer mehr. Was konnte geschehen, jetzt, da sie einander liebten? Ja, das – das war die Liebe.

Sie wollte beten und an ihn denken, und er mußte fühlen, wo er auch war, daß sie ihn rief. Die Liebe ist ja allmächtig.

Doch schlich sich leise wieder die Sorge ein, wie eine Begegnung zwischen den Männern ablaufen würde. War Steinweg so redlich, einzugestehen, daß er von ihr abgewiesen worden, war er so ruhig, auf ein anklagendes Wort mit keiner Beleidigung zu antworten? Besorgt sah sie von dem Briefe auf.

Da schlug ein Kichern an ihr Ohr und eine Stimme, die der Stimme Steinweg's glich. War's möglich?

Sie traute ihren Augen kaum, als sich hinter Lora her jetzt in der That durch die sachte aufgethane Thür derjenige schob, an den sie eben gedacht. Beide hielten sich an den Händen und verbeugten sich vor Lisa, und Steinweg sagte ein wenig verlegen, indem er den Maiglöckchenstrauß an seiner Brust hin und her schob:

„Es soll ein Rebus sein, Frau Baronin.“

„Herr Rittmeister Steinweg,“ setzte seine Begleiterin nach kurzer Pause schämig lächelnd hinzu, „und Fräulein Eleonore von Mildner empfehlen sich als Verlobte.“

Und ehe sie der Schwester noch Zeit gelassen, über diese Erklärung eigentlich recht in Staunen zu gerathen, flog sie ihr jubelnd um den Hals.

Der Rittmeister aber wandte sich der Tante zu, die auch eingetreten war und kopfschüttelnd immer noch ihr „Närrische Leute, närrische Leute!“ wiederholte, mit dem sie wohl schon seit einer Weile das glücklich aufgestöberte Paar begleitete, das so unbegreiflicher Weise die Frühstücksglocke überhört hatte.

„Ja, ist es denn möglich!“ rief Lisa mit vor Ueberraschung und tiefer Bewegung gedämpfter Stimme. „Ist es denn möglich! Die, welche Witold über alle Männer pries, der er ein Ideal, ein Halbgott war!“

„Ja, weißt Du,“ entgegnete Lora vertraulich: „Halbgötter betet man an, doch um sie zu lieben, muß man selbst mindestens eine – Halbgöttin sein, und das bist Du immer in meinen Augen gewesen. Wen ich liebe, der muß mich anbeten; das ist viel, viel schöner. Es hat eben jeder seinen eigenen Weg zum Herzen. Bei dem einen ist's eine glatte Chaussee, bei dem andern ein Hohlweg; da ein schmaler Waldpfad, den man leicht verliert und nur nach tausend Schritten in der Irre wieder findet; dort ein spurloser Steig, über rauhe Felsen und an Abgründen vorüber. Bei uns war's ein breiter ebener Rennplatz; wir sind beide hoch zu Roß unter Trompetengeschmetter bei einander eingeritten.“

Fröhlich, wie ein Kind, schlug sie die Hände zusammen und warf einen neckenden Blick auf ihren Verlobten, der herantrat, und Lisa die Hand küßte.

„Ich hatte schon gestern die Absicht, Ihre Fürsprache zu erbitten,“ wollte er beginnen, doch fiel ihm Lora rasch in's Wort.

„Welche Strafe gebührt dem Ueberläufer?“ fragte sie.

„Der Tod,“ sagte er.

„Nein, das – ist zu viel.“

„Tiefe Verachtung,“ meinte die Tante.

„Bitte, widme Du sie ihm,“ ersuchte Lora ihre Schwester. „Aber wer sich unverläßlich erweist,“ fuhr sie mit komischem Ernste fort, „wird außerdem am zweckmäßigsten an die Kette genommen, und das – will ich besorgen. Gewisse verdachterregende Schwankungen, nach dem gräflich Baumbach'schen Heerlager zu, haben mich zum Nachdenken und zu dem Entschlusse gebracht, diesem leichtsinnigen Herumstreifen ein Ende zu machen. Weißt Du, Lisa, der Mann that mir doch in der Seele leid; er hat im Grunde ein gutes Herz; unsern Witold hat er auch gerettet; man mußte etwas für ihn thun, und so nahm ich mich seiner an und trat bei seiner Escadron als Recrut ein. Aber nur zum Schein; denn eigentlich beabsichtige ich zu commandiren. Ich will ihn schon in der Uebung erhalten, mir allzeit pflicht- und ordnungsgemäß nach –“ hier hielt sie ein wenig inne und schloß mit einem Schelmenblick auf Steinweg: „nachzureiten.“

„Wie meinem Leitstern!“ betheuerte er entzückt.

Sie aber hüpfte lachend davon, schlang ihren Arm in den der Tante und zog diese in das Frühstückszimmer.

Auch Lisa lächelte mild und bewegt. Sie sah Steinweg an und konnte nicht begreifen, daß sie jemals hatte glauben können, daß dies ein Mann für sie sein könnte. Bei ihr war es allerdings anders als bei ihrer Schwester. Wo sie lieben sollte, da mußte sie auch verehren können. Das wußte sie jetzt.

„Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen Glück,“ sagte sie weich. „Und hier – mein Hochzeitsgeschenk. Es war nahe daran, großes – nicht wieder gut zu machendes Unheil anzurichten.“

Er erkannte das Blatt, das sie hervorgezogen und ihm eingehändigt.

„Können Sie mir vergeben?“ bat er beschämt.

„Wenn Ihr nicht gleich kommt, so werde ich eifersüchtig und – hungrig. Herr Rittmeister, wo bleibt der Leitstern?“ rief Lora, die wieder unter der Thür erschien.

In diesem Augenblicke trat Witold durch die andere vom Flur her ein.

In Steinweg's Wohnung hatte er erfahren, daß derselbe hierher geritten, und in großer Erregung war er ihm gefolgt. Soeben war er vom Pferde gesprungen.

Lisa sah, daß Zorn in seinen Mienen arbeitete, und ihr Herz zitterte vor Furcht und namenloser Freude zugleich. Sie war nicht im Stande, auch nur ein Wort zu sprechen, und wenn es ihr Tod gewesen wäre.

Zum Ausbruch aber kam es nicht; denn schon hing Lora am Halse des eben Eingetretenen.

„Witold, sag', daß es recht ist!“ rief sie, schelmisch und doch in seltsamem Umschlag zur Rührung, beinahe schluchzend. „Dann erst bin ich ganz ruhig. Siehst Du, Lisa hat mir so ernstlich zugesprochen, daß ich nachgeben mußte. Sie hat es mit zu verantworten, wenn es ein Unglück giebt. Gustav will mich zur Frau.“

[274] Auch Steinweg trat an seinen Schwager mit einer gewissen Förmlichkeit heran und erklärte, daß er die Absicht gehabt hätte, in feierlicher Weise um Lora’s Hand anzuhalten, und was der Versicherungen seiner ernsten treuen Meinung noch mehr waren.

Witold, der wie versteinert dastand, ließ ihn sprechen. Er drückte ihm mit Macht die Hände; er schloß Lora wieder an seine Brust und küßte ihre Stirn, aber seine Zunge schien ihm zu versagen. Das abgebrochene Murmeln blieb unverständlich, und als die überglückliche Braut, die endlich doch aus dem Geplauder in’s Weinen gerathen war, zur Tante flüchtete und Steinweg diesmal seinem Leitstern getreulich in’s Frühstückszimmer folgte, da brach Witold auf den Stuhl nieder, neben dem er stand. Die Ellbogen auf den Tisch vor ihm gestützt; barg er das Antlitz in die Hände.

Die Wandlung war eine zu ungeheure gewesen, auch selbst für seine Kraft.

Da kam ein unhörbarer Frauenfuß über den Teppich geglitten. Leise neigte sich Lisa auf den geliebten Mann herab und berührte sein Haar mit ihren Lippen.

So sanft der Kuß, er hatte ihn doch empfunden, wie einen elektrischen Funken, der sein ganzes Wesen durchzuckte. Die Hände sanken ihm von den Augen, aus denen Thränen über die bleichen Wangen rannen. Er sah zu ihr auf, die schön wie die strahlende Morgenröthe vor ihm stand, und breitete die Arme weit aus.

„Lisa!“ rief er mit versagender Stimme. „Willst Du mein Weib sein?“

Ob sie wollte? Wie gern! Wie gern!

Mit Augen voll innern Lichtes sah sie auf ihn, aber sie brachte doch nichts anderes hervor, indem sie an seine Brust sank, als ein einziges, leises, herzinniges Wort:

„Witold!“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: errinnern
  2. Vorlage: Dach