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Autor: G. Ladendorff
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Titel: Der Ueberfall bei Zwickau
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, 49, S. 765–767, 776–778
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[765]
Der Ueberfall bei Zwickau.
Nach den Mittheilungen eines alten Freiwilligen.
Von G. Ladendorff.

Am 28. Mai des Völkerfrühlingsjahres 1813, wo aus den tief auf Deutschland herabhängenden Wetterwolken plötzlich die Gedankenblitze Freiheit und Vaterland den Sturmgeist entzündeten, der die Erhebung und bürgerliche Selbstthätigkeit des preußischen Volkes hervorrief, lagerte in einem prächtigen Laubwalde zwischen Reichenbach und Schneeberg in Sachsen eine achtzig Mann starke Abtheilung freiwilliger Jäger und zwölf Husaren, die der preußische Rittmeister von Colomb vom brandenburgischen Husarenregiment befehligte.

Dieser unternehmende, gewandte und glückliche Parteigänger, der den gehobenen Pulsschlag der Zeit erkannte und der deutsch-patriotischen Gesinnung des sächsischen Bruderstammes vertraute, hatte die kleine ausgewählte Schaar aus dem Lager von Meißen über die Elbe, längs der böhmischen Grenze nach dem Voigtlande geführt, um hier, im Rücken der französischen Armee, seinen Thatendurst und Napoleonhaß im Blute des Feindes zu kühlen.

Es war damals eine Zeit der Angst und Besorgniß. Die bei Lützen und Bautzen geschlagene Armee der Preußen und Russen war auf das rechte Ufer der Elbe zurückgegangen und sollte über die Oder geführt werden, nach deren Ufer an mehreren Punkten bereits die Pontonbrücken vorausgeschickt waren. Die Russen ließen deutlich die Absicht durchblicken, Schlesien aufzugeben und sich nach Polen zrückzuziehen, wohin die preußische Armee ihnen folgen sollte. Wenn diese Absicht zur Ausführung kam, war Preußen verloren. Die verbündete Armee hätte die aufgegebenen Gebiete, welche sie ja nicht einmal zu vertheidigen wagte, niemals wieder zurückerobert, die Erhebung des preußischen Volkes verblutete unter der Adlerkralle des fränkischen Kaisers und Deutschland war eine sichere Beute des glücklichen Corsen.

Dazu hatte man Verhandlungen wegen eines Waffenstillstandes eingeleitet, die das ganze Land in die größte Aufregung versetzten, weil man glaubte, daß daraus ein fauler, für Preußen schimpflicher Frieden hervorgehen würde. Blücher, den die Umgebung seines Kriegsherrn einen „betrunkenen Tollkopf“ und „blinden Dreinstürmer“ schelten durfte, und die thatkräftigen Männer seines Generalstabes paralysirten zum Glück die Anstrengungen, womit die Schwachköpfe im Hauptquartier die Friedenspolitik des flachen, pfiffigen, undeutschen Metternich unterstützten, und das Feldgeschrei der Nation: „Sieg oder Tod! Freiheit oder Untergang!“ besiegte die Bedenklichkeiten, welche man der Fortführung des Krieges entgegensetzte.

Auch der Rittmeister von Colomb gehörte zu jenen Männern der That, des Wagnisses auf Leben und Tod, die in den Zelten der Armee den mächtigen Ideenstrom wach erhielten, der so thatkräftig durch das Land rauschte. Er hatte erkannt, daß die Ketten der Fremdherrschaft nur durch die selbstthätige Kraft der Nation gesprengt werden konnten, und darum unterstützte und beförderte er die Erhebung der todesmuthigen Jugend und war eifrig bemüht, daß die Hitze des Freiheitsenthusiasmus, welche den in prudelwitzischen Subordinationsideen befangenen Officieren der alten Schule oft unbequem wurde, bei den ihm untergebenen Freiwilligen nicht unter dem Kühlapparat einer capriciösen Dressur verdampfte. Er behandelte die Schwadron freiwilliger Jäger, welche er führte, mit einer cameradschaftlichen Vertraulichkeit, die ihm alle Herzen gewann und seinen Befehlen die rücksichtsloseste und freudigste Ausführung sicherte.

Es war ein angenehmer Maitag, als Colomb nach einem anstrengenden Marsche seinem kleinen Detachement eine kurze Rast in dem Gehölz von Reichenbach gönnte. Langsam graute der Abend [766] herauf. Die auf den Ackerfeldern beschäftigten Landleute eilten nach vollendeter Arbeit ihren Wohnungen zu, die Heerden zogen heimwärts, der Vogelgesang verstummte nach und nach, und still und immer stiller wurde es auf der Feldflur.

Dagegen entfaltete sich in dieser Stunde in den grünen Gehegen des mit Vedetten umstellten Reichenbacher Waldes ein heiteres Treiben, ein frisches, fröhliches Leben. Auf einem von alten Buchen und Eichen umschlossenen freien Platze brannte ein mächtiges Feuer, das grell die bunte Scenerie beleuchtete, die den Wald belebte. An der einen Seite des geräumigen Platzes standen die Pferde des Detachements, lebhafte und kräftige Thiere, die ihre Rationen aus den vorgebundenen Freßbeuteln mit dem besten Appetit verzehrten. Hinter ihnen lag das Sattel- und Zaumzeug in einer wohleingerichteten Linie, in einer zweiten Reihe glänzten die Waffen der Reiter, die, mit Ausnahme der Stall- und Lagerwache, ungebunden in den dunklen Laubgängen umherschwärmten. Das lebhaft brennende Feuer war von allen Seiten mit den verschiedenartigsten Kochapparaten umstellt, mit Feldkesseln, Töpfen, Kasserolen, Pfannen und Bratspießen soldatischer Erfindung, was zu der Vermuthung führte, daß in dem Bivouak ein substanzieller Comfort herrschte, der selbst dem verwöhntesten Gaumen Befriedigung versprach.

Diese Vermuthung war vollständig begründet. Die kühnen Freiwilligen hatten nämlich vor einigen Tagen bei Roda im Altenburgischen einen reich beladenen würtembergischen Wagenzug weggenommen, der mit Bekleidungsstücken und Victualien befrachtet war. Da wurden nun die verschiedensten Gerichte: Setzeier, Pfannkuchen, Beefsteaks oder Hammelsrippchen unter dem Beirath der schönen Damen bereitet, die aus der ganzen Umgegend in das Bivouak gekommen waren, um den preußischen Weglagerern ihre Sympathien zu bezeugen. Der Jubel war grenzenlos, der Widernapoleonismus der braven Bevölkerung machte sich in den kühnsten Demonstrationen Luft, obgleich der Rittmeister die freudig erregten Leute darauf aufmerksam machte, daß sie sich dadurch den übelsten Folgen aussetzten. Das Bivouak verwandelte sich in ein Lustlager, es wurde getrunken, gesungen, getanzt, und die kecken Jäger bedienten die Damen mit der ritterlichsten Courtoisie.

Eine kleine Gesellschaft musikalischer Dilettanten, an welchen Sachsen so reich ist, improvisirte unter einer Gruppe alter Föhren ein Concert. Zwei Mandolinen, eine Violine und eine Flöte führten zunächst einige Tanzstücke aus. Nachdem dies geschehen, erhob ein junges Mädchen ihre Stimme; sie sang zur Mandoline ein patriotisches Lied. Die Augen der Umstehenden begannen zu funkeln, Feldmützen und Hüte flogen in die Luft. Die Sängerin schwieg. Ein rasender Applaus erschütterte den Wald, ein Donner der Begeisterung, ein jubelnder Dank für das Arndt’sche Sturm- und Freiheitslied, welches die deutsche Jungfrau mit glockenreiner Stimme und richtiger Betonung vorgetragen hatte.

An einer anderen Stelle lagerte eine Gruppe Jäger, die unter studentischen Formen dem Bacchus so manche Libation darbrachten. Ein mächtiges mit Frankenwein gefülltes Trinkhorn kreiste fleißig in der lustigen Runde und wurde, wenn es geleert war, aus einem Fäßchen gefüllt, das die umsichtige Marketenderin des Detachements aus Neustadt an der Orla mitgeführt hatte.

Der Oberjäger von Heuthausen, ein junger Mann mit offnen, kecken Zügen, der die Pandekten mit der Kugelbüchse vertauscht hatte, richtete sich aus seiner liegenden Stellung auf, und das volle Trinkhorn schwingend, rief er mit einer Stimme, die wie tönend Erz erklang: „Cameraden, ich trinke in diesem Wein auf den Tod und das Verderben jener diplomatischen Ischariothe, welche die Erhebung des deutschen Volkes paralysiren, den Freiheitskampf in die ausgefahrenen Geleise eines nüchternen Cabinetkrieges hinüberleiten, die freiheitlichen Blüthen von den Bäumen schlagen möchten, bevor sie zu Früchten werden können. Pereant die uniformirten und nichtuniformirten Metterniche des preußischen Hauptquartiers!“

Pereant!“ schallte es weit über den Platz hinaus; das Trinkhorn machte die Runde und wurde bis auf die Nagelprobe geleert.

Der Jäger Föring, der von dem Comptoirstuhl auf den Rücken eines Husarenpferdes gestiegen war, schlank und leicht gebaut, sein Haar hell, seine Augen blau und tief, ließ das Trinkhorn von Neuem füllen. Der kaum siebenzehnjährige Jüngling besaß die volle Neigung seiner Cameraden; immer guten Muthes war er stets Hahn im Korbe. Er hob das randvolle Trinkhorn gegen den abendlichen Himmel und mit dem musikalischen Accent seiner Heimath Schlesien rief er: „Es leben die Männer der That, die Kraftgenies in den Reihen der schlesischen Armee! Hoch Scharnhorst, Gneisenau und Boyen, und drei Mal Hoch Blücher, der Roland der Schlachten!“

Ein kräftiges Hurrah tönte durch den Wald und fand einen hundertfachen Widerhall in der enthusiastischen Beistimmung, womit es von den auf dem Platz zerstreuten Jägern und ihren Gästen aufgenommen wurde. In diesem Augenblick trat der Rittmeister in den Kreis der begeisterten Zecher. Jugendkräftig wie ein Achill, blickte er mit einem Gesicht voll freundlichen Wohlwollens auf die jüngern Cameraden, die sich achtungsvoll erhoben hatten und ihrem Commandeur in militärischer Haltung gegenüberstanden.

„Auch das haben die Herren mit den homerischen Helden gemein, daß sie sich nach dem Kampfe bei dem lecker bereiteten Mahle versammeln,“ sagte er lächelnd, indem er auf einen gebratenen Kapaun zeigte, den die flinke Marketenderin soeben servirte.

„Es ist leicht ein Tapferer zu sein,“ entgegnete Heuthausen, „wenn man einen Führer hat, wie ihn uns das Glück bescheert.“

„Lassen wir die Complimente,“ unterbrach ihn der Rittmeister, „und machen wir’s uns bequem. Nehmen Sie Ihre Plätze wieder ein, meine Herren, und erlauben Sie mir, daß ich mich in Ihre fröhliche Runde einreihen darf.“

Sich behaglich auf den weichen Rasen hinstreckend, setzte er freundlich hinzu: „Föring wird so gütig sein, den Kapaun zu tranchiren. Er weiß ja sonst so prächtig mit den Gallischen Henningen umzugehen, daß es ihm nicht schwer werden wird, mit diesem vaterländischen fertig zu werden.“

Der Kapaun und einige appetitliche Beigaben wurden ohne jedes Ceremoniel verzehrt. Der reichlich dargereichte Wein würzte das Mahl und regte die bereits gehobene Stimmung noch mehr an.

Der Rittmeister ergriff das Trinkhorn, hielt es hoch empor und rief: „Ich trinke auf das Wohl der todesmuthigen preußischen Jugend, die in freier Selbstbestimmung und mit dem Jubelruf: Krieg, Krieg für Freiheit und Vaterland! unter die Fahnen eilte. Geloben wir tödtlichen Haß dem Franzosenthum und seinem despotischen Gewalthaber. Dieser Haß muß der Brennpunkt werden, in dem alle die zerstreuten Flämmchen sich zusammenfinden, die der heilige Sturm, der durch das Land geht, ausstrahlt. Hoch das thatkräftige Preußen und seine nach Kampf und Sieg lechzende todesmuthige Jugend!“

Der Enthusiasmus, den diese Worte entzündeten, machte sich in Toasten Luft, welche erkennen ließen, wie heiß diese Jünglinge das Vaterland liebten, wie tief sie den Unterdrücker der deutschen Nation haßten. Die edelsten Gelübde, begeistert gethan und schön erfüllt, wurden laut ausgesprochen, denn noch war die Zeit nicht da, welche, was in diesen Völkerfrühlingstagen eine Tugend war, zum Verbrechen stempelte und die deutschen Jünglinge wie Verbrecher hetzte, weil sie die freiheitliche und nationale Entwicklung zeitigen wollten, für welche sie gekämpft und geblutet hatten.

Ruhig ließ der Rittmeister das Feuer, welches er selbst angefacht hatte, ausbrennen; als man aber ein Lebehoch auf sein Wohl mit sinnigen und tief empfundenen Worten ausbrachte, unterbrach er den Redner, und während ein wunderlicher Ausdruck, aus Humor und Gereiztheit gemischt, durch seine Züge ging, sagte er: „Wissen Sie schon, meine Herren, daß die Majestät in Kassel im westphälischen Moniteur auf mich, weil ich in Ostfriesland geboren bin, als einen davongelaufenen ,Brigand‘ fahnden läßt?“

„Mag er kommen, dieser Komödiant im Purpurmantel, dies Zerrbild eines deutschen Königs, und Sie aus unserer Mitte wegholen!“ entgegnete Föring, während sich seine Rechte unwillkürlich um den Griff seines Säbels legte. „Wenn er und seine Schergen, die um ihn herumkriechen, um seinen Speichel zu lecken und sich von ihm mit Füßen treten zu lassen, dazu aber nicht den Muth haben, so möchten wir schon entschlossen sein, der grotesken Majestät in Kassel eine Visite abzustatten. Die Artigkeit, womit er Sie, Herr Rittmeister, behandelt, macht es uns zur Pflicht, ihn nicht zu lange warten zu lassen.“

„Ein Zug nach Kassel gehört nicht zu den Unmöglichkeiten,“ erwiderte der Rittmeister. „Ich würde mich nicht lange besinnen, denselben in Ausführung zu bringen, wenn ich bei den Hessen dieselbe deutsch-patriotische Gesinnung voraussetzen dürfte, welche die brave thüringische Bevölkerung uns entgegenbringt. Darüber muß ich mich erst orientiren; doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben.“

[767] In diesem Augenblick schmetterte die Retraite in lang gezogenen Tönen durch den Wald und mahnte die Besucher des Bivouaks an die Rückkehr nach der Heimath. Man verabschiedete sich mit Herzlichkeit, wobei manches schöne Auge feucht wurde, weil neben der allgemeinen Theilnahme, die man dem von tausend Gefahren bedrohten Detachement schenkte, mancher Jäger noch ein besonderes Interesse erregt hatte.

Bald darauf verstummte auch das fröhliche Treiben, welches das Bivouak belebt hatte. Die durch einen anstrengenden Marsch ermüdeten Jäger warfen sich, in ihre Mantel gehüllt, an das Feuer und überließen sich der Ruhe. Der Rittmeister zog sich in eine Strauchhütte zurück, die er mit den beiden Officieren der Abtheilung, den Lieutenants von Katte und Eckart, theilte. Auf den weichen Pferdedecken, die den Rasen bedeckten, verfiel er bald in einen tiefen Schlaf.

Mehrere Stunden vergingen in der vollständigsten Ruhe. Um Mitternacht wurde der Rittmeister aber von dem Oberjäger, der die Lagerwache befehligte, geweckt. Eine Patrouille hatte einen Menschen eingebracht, der sich bei den Vedetten mit der Bitte gemeldet, ihn sogleich zum Commandeur zu führen. Er wollte demselben eine höchst dringliche und unaufschiebbare Mittheilung zu machen haben. Der Gefangene war noch sehr jung und kaum dem Knabenalter entwachsen. Leicht und beinahe zart gebaut, konnte er für ein verkleidetes Mädchen gehalten werden, wenn nicht der blonde Flaum auf seiner Oberlippe sein Geschlecht verrathen hätte. Er war gut beritten und mit einem Husarensäbel und zwei Reiterpistolen bewaffnet. Die Patrouille hatte ihn entwaffnet und an die Lagerwache abgegeben, die den Vorfall zur Kenntniß des Rittmeisters brachte.

Dieser schüttelte den Schlaf von sich ab und trat, ohne daß sich in seinem Gesicht irgend eine Verdrießlichkeit über die unangenehme Störung bemerkbar machte, vor die Hütte, wo der Jüngling, roth übergossen von dem Schein des sorgfältig unterhaltenen Feuers, zwischen zwei Jägern stand, die ihn mit aufgenommenem Gewehr bewachten.

„Ich bin der Commandeur dieses Detachements, Sie wünschen mich zu sprechen? Was haben Sie vorzubringen?“ fragte der Rittmeister in seiner kurzen Redeweise, während seine Augen prüfend über die Gestalt des jungen Mannes flogen und sich zuletzt auf dessen Gesicht festbohrten.

„Ich wünsche Ihnen eine Mittheilung zu machen,“ entgegnete dieser ohne jede Verlegenheit, „die den Herren Preußen eine gewünschte Gelegenheit bieten wird, den Franzosen eine empfindliche Schlappe beizubringen?’

„Wie heißen Sie und was sind Sie?“

„Ich heiße Bömann und arbeitete bis heute in dem Bureau des Bürgermeisters von Zwickau, Hofrath Ferber. Der Haß gegen Napoleon, der in den Herzen aller deutschen Patrioten brennt, führt mich in Ihr Bivouak und erweckte in mir das unabweisbare Verlangen, Theil zu haben an der Befreiung Deutschlands von der schmach- und jammervollen fränkischen Zwingherrschaft.“

„Sie wollten mir eine Mittheilung machen,“ unterbrach ihn der Rittmeister, „aus der den Franzosen Nachtheile erwachsen könnten; ich bitte Sie, dieselbe ohne Umschweif abzugeben, dabei aber wohl zu bedenken, daß Sie für die Richtigkeit Ihrer Eröffnungen mit Ihrem Leben einstehen müssen.“

„Ich kenne die Verantwortlichkeit, der ich mich aussetze,“ entgegnete Bömann mit einem leichten Lächeln, „befinde mich aber in der glücklichen Lage, dieselbe nicht fürchten zu dürfen. Kann ich meine Auslassungen in Gegenwart der Wache abgeben?“

„Sprechen Sie ohne Furcht; in den Reihen meiner braven Freiwilligen giebt es keine Verräther.“

Nach einem kurzen Nachdenken hob Bömann an: „In Zwickau übernachtet heute ein französischer Artillerie-Train, der mit Anbruch des Tages über Chemnitz nach Dresden zur großen Armee marschiren wird. Ich bin überzeugt, daß sich derselbe in den Defileen der nach Chemnitz führenden Straße überfallen und wegnehmen läßt.“

„Aus wie viel Fahrzeugen besteht der Train, und wie stark ist die Bedeckung, die ihn begleitet?“ fragte der Rittmeister, indem eine lebhafte Bewegung durch seine Züge ging.

„Der Zug besteht aus vierundzwanzig funkelnagelneuen Geschützen und achtundvierzig Munitionswagen und Fahrzeugen,“ antwortete Bömann. Die Bedeckung zählt 360 Infanteristen und 120 Cavalleristen und wird von dem Capitain Bizot und sechs französischen Officieren befehligt.“

„Aus welcher Quelle, junger Herr, schöpfen Sie diese genauen Zahlen?“

„Aus den Listen der Franzosen, Herr Rittmeister, die mir vorlagen, als ich gestern für dieselben die Quartierzettel schrieb.“

„Dann sind Ihre Angaben freilich nicht zu bezweifeln. Sie meinen also, daß wir in den Hohlpässen der Chemnitzer Straße unbemerkt an die Franzosen herankommen können?“

„Es ist dies keinem Zweifel unterworfen, wenn man die Vortheile, welche die Gegend zwischen Zwickau und Chemnitz für einen Ueberfall darbietet, wahrzunehmen weiß.“

„Kennen Sie die Gegend?“

„Ich bin in Zwickau geboren, und es giebt in der ganzen Umgegend keine Terrainfalte, die mir unbekannt wäre.“

„Prächtig!“ rief der Rittmeister, indem er sich vergnügt die Hände rieb. „Ich werde den Zug unternehmen, Sie sollen uns führen; ich vertraue Ihnen vollständig.“

„Ich werde dies Vertrauen zu verdienen wissen,“ versetzte Bömann, während ein Zug freudigen Stolzes über sein Gesicht glitt. „Ich habe Ihnen aber noch mitzutheilen, daß der französische Commandant durch den Hofrath Ferber von der Nähe der preußischen Streifpartei in Kenntniß gesetzt worden ist.“

„Verdammt!“ fluchte der Rittmeister unwillkürlich. „Wie nahm der Franzose diese Mittheilung des deutschen Hofraths auf?“

„Sie schien ihn wenig zu berühren,“ erwiderte Bömann. ,Das macht mir keine Sorge!’ äußerte er. ,Wenn die Briganden sich blicken lassen sollten, so werde ich sie von meinen Leuten mit dem Säbel in der Scheide einfangen und den der Schule entlaufenen Buben die Ruthe geben lassen. Einen Schuß Pulver sind solche Burschen nicht werth.’“

[776] Ein tiefes Roth bedeckte die Stirn des Rittmeisters und seine Augen funkelten, als er sagte: „Mit diesem bramarbasirenden Falstaff der großen Nation werde ich morgen Abrechnung halten. So Gott will, soll er die preußischen Schulbuben fürchten und achten lernen und sich als Gefangener vor ihnen beugen.“

Dem jungen Mann die Hand reichend, setzte er hinzu: „Ich danke Ihnen für Ihre Mittheilungen und werde dafür Sorge tragen, daß Ihnen aus dieser patriotischen Handlung keine Unannehmlichkeiten erwachsen.“

„Unannehmlichkeiten, die mir von den sächsischen und französischen Behörden bereitet werden könnten,“ entgegnete Bömann, „glaube ich nicht mehr fürchten zu dürfen, weil ich mich der Hoffnung hingebe, daß Sie mir erlauben werden, fortan unter Ihrer Führung für Deutschlands Befreiung fechten zu dürfen.“

„Ich werde Sie gern in die von mir befehligte Schwadron aufnehmen,“ erwiderte der Rittmeister mit freudiger Ueberraschung. „Möchte Ihr Beispiel dazu dienen, die deutsche Jugend zu einer gleichen thatkräftigen Handlungsweise anzuregen, damit wir die Schmach auslöschen können, womit Niedertracht, Feigheit und gemeine Selbstsucht den vaterländischen Boden befleckt haben.“

Sich an einen Officier wendend, der mit ihm aus der Hütte getreten war, sagte er: „Herr Lieutenant Eckart, ich ersuche Sie, den Freiwilligen Bömann für den preußischen Waffendienst in Eid und Pflicht zu nehmen. Lassen Sie ihm sein Pferd zurückgeben und ergänzen Sie nach Möglichkeit seine Ausrüstung. Zugleich bitte ich Sie, dafür Sorge tragen zu wollen, daß das Detachement in einer Stunde marschfertig ist.“

Nach der bestimmten Zeit trat der Rittmeister vor die Front seiner kleinen Schaar.

„Cameraden,“ rief er mit seiner klaren durchdringenden Stimme, „ich führe Sie heute einem eben so ernsten wie wichtigen Unternehmen entgegen. Wir werden einen feindlichen Artillerie-Train angreifen, der von einer uns weit überlegenen Bedeckung escortirt wird. Ich weiß, daß Sie den Feind nicht zählen, und daß ich Ihrer persönlichen Tapferkeit das Unmögliche anmuthen darf. Dies reicht aber nicht aus, um unserem heutigen Unternehmen den Erfolg zu sichern, der uns allein gegen den Vorwurf unüberlegter Tollkühnheit schützen kann. Ruhe und unbedingte Befolgung jedes Befehls, Umsicht und Geistesgegenwart sind unerläßlich, wenn wir den Sieg erringen wollen. Lassen Sie uns heute zeigen, daß wir nicht blos tapfere, sondern auch gut geschulte Soldaten sind, die sich in allen militärischen Tugenden den alten Schnurrbärten, welche so oft die Nase über uns gerümpft haben, ebenbürtig an die Seite stellen können. Verunglückt unser heutiges Unternehmen, so verwelkt aller Ruhm, den wir uns bereits erfochten haben, unter dem Tadel der öffentlichen Stimme, die ihre Weisheit und ihre Vorsicht durch den Ausgang zu rechtfertigen sucht. Ich habe genug gesagt! Aufgesessen! Marsch!“

Es war eine finstere Nacht, als die kühnen Parteigänger in tiefem Schweigen und fast lautlos aus dem Reichenbacher Walde rückten. Schwarze Wolken bedeckten den Himmel, ein dunstiger Nebel lag wie ein weißer Schleier auf Berg und Thal.

Colomb, bei seinem Muthe jederzeit auf die Winke der Vorsicht hörend, ließ seine kleine Schaar sich nur langsam vorwärts bewegen. Er selbst befand sich bei der Spitze der Avantgarde, die ihre Marschrichtung nach den Angaben des Freiwilligen Bömann einrichtete, welcher das Corps auf Nebenwegen, durch dichtes Gebüsch, über zahlreiche Bäche, Hügel und Gräben und die Ortschaften Oberheinsdorf und Planitz seinem Ziele entgegenführte.

Bei Anbruch des Tages umging das Detachement die Stadt Zwickau und gelangte bald darauf auf die Straße, welche von diesem Ort nach Chemnitz führt.

Der Rittmeister recognoscirte die Gegend und gab hierauf die Dispositionen zum Angriff. Den Lieutenant von Katte legte er mit seinem Zuge auf der dicht bewaldeten Mülsener Anhöhe, welche die Straße beherrscht, mit dem Befehl in den Hinterhalt, die feindliche Avantgarde ungestört auf den Berg vorrücken zu lassen und sie hier stürmisch anzufallen. Mit dem übrigen Theil des Detachements ging er etwa sechshundert Schritt gegen Zwickau zurück und stellte seine Reiter hier, bei einer Biegung, welche die Straße macht, wohl verdeckt in einem Gehölz auf. Er selbst nahm mit dem Oberjäger von Heuthausen und den Freiwilligen Föring und Bömann hinter einem Erlengebüsch Stellung, von wo aus sich die ganze Straße übersehen ließ.

In der Erwartung auf den bevorstehenden Kampf gingen die Morgenstunden dieses Tages an den heißblütigen Weglagerern mit fast unerträglicher Langsamkeit vorüber. Während der Schlachtenmuth ihr Blut stürmisch durch die Adern trieb und sie heftig aufregte, mußten sie eine lange Zeit, wie angenagelt, in den ihnen angewiesenen Stellungen stehen und mit brennender Thatenlust auf den Feind lauern, der sich gerade nicht beeilte, die schönen Nachtquartiere zu früh zu verlassen.

Endlich, die Sonne stand schon hoch am Himmel, zeigte sich die Avantgarde der Franzosen, und bald darauf entwickelte sich auch aus dem nach der Muldenbrücke führenden Thor der Stadt die schwerfällige Traincolonne. An der Spitze derselben marschirte eine Compagnie Infanterie, kleine Trupps derselben Waffengattung umgaben den langen Wagenzug von beiden Seiten, während eine starke Cavallerie-Abtheilung den Nachtrab bildete. Die Avantgarde bestand aus etwa sechszig Cavalleristen, welchen man es an ihrer Haltung ansah, daß es ungeübte Leute waren, die ihre rohen, undressirten Pferde kaum zu zügeln vermochten. Ungeordnet zogen sie an der Aufstellung des Rittmeisters vorüber, gefolgt von zweiundsiebzig Fahrzeugen, deren Bedeckung sich der größten Sorglosigkeit überließ. Der Rittmeister ließ sie ruhig ziehen. Als die Avantgarde aber die Höhe der Straße erreicht hatte und die Colonne eben aus dem Hohlwege treten wollte, in dem sich an dieser Stelle die Straße hinzieht, warf sich der Lieutenant v. Katte stürmenden Laufes auf die überraschten feindlichen Reiter, die nach einem kurzen Handgemenge kopfüber kopfunter den Berg herabgestürzt wurden, sich in einem ungeordneten Knäuel auf die an der Spitze marschirende Infanterie warfen und sie niederritten.

Einer Windsbraut ähnlich, stürmte fast in demselben Augenblick der Rittmeister mit seiner Abtheilung auf den Nachtrab ein, der sich eben formiren wollte, um seiner Avantgarde zu Hülfe zu kommen. Die todesmuthigen Jäger hieben nach den Pferden, verwundeten die überraschten Reiter, sprengten sie auseinander und bahnten sich mit unwiderstehlicher Tapferkeit eine Straße bis tief in den Wagenzug hinein. Sobald die Trainsoldaten merkten, daß sie im Rücken und in der Front von einem erbarmungslosen Feinde angefallen waren, schnitten sie die Gespanne ab und stürzten sich mit dem verhängnißvollen Geschrei: „sauve qui peut!“ in wilder Flucht über Alles hinweg, was ihnen in den Weg kam. In gestrecktem Galopp ritten die Freiwilligen die Straße entlang; die Bedeckung wurde überall niedergehauen, die Pferde an den Fahrzeugen erstochen und nach kurzer Zeit waren sie an der Spitze der Colonne, wo der ganze aus Cavalleristen und Trainsoldaten bestehende Haufen den Berg hinaufgetrieben wurde, wahrend der Lieutenant v. Katte die Avantgarde gleich einer wilden Fluth herunterjagte. Hierdurch entstand ein entsetzliches Durcheinander, in dem die Jäger mit ihren scharfen Klingen mächtig aufräumten. Nach und nach entwirrte sich der zusammengerollte Menschenknäuel, die französischen Reiter setzten über den Graben, der die Straße einfaßte, gewannen freies Feld und suchten in eiliger Flucht ihr Leben und ihre Freiheit zu retten.

Den Capitain Bizot, den Führer des Parks, traf hier die wohlverdiente Strafe für die dummstolze Großsprecherei, womit er sich über die preußischen Freiwilligen ausgelassen hatte. Derselbe wurde nämlich auf der Flucht von dem Lieutenant v. Katte und einigen Jägern eingeholt. Er bat um Pardon, als er aber den Degen abgeben sollte, warf er sein Pferd schnell herum und jagte davon. Der Lieutenant von Katte war ihm jedoch bald wieder zur Seite und sein Säbel schwebte bereits drohend über dem Haupte des Franzosen, als dieser sich abermals Pardon erflehte. Nachdem [777] ihm Verzeihung zugesagt war, warf er sich plötzlich vom Pferde, sprang seitwärts über den Graben der Landstraße und suchte nach dem nahen Gebüsch zu entkommen. Das sumpfige Terrain verhinderte jedoch die Flucht des wortbrüchigen Schurken, er konnte nur langsam vorwärts kommen und blieb endlich ganz stecken. Katte drohte ihm mit Erschießen, wenn er nicht sogleich umkehren würde, und ließ, um seiner Drohung den gehörigen Nachdruck zu geben, die Büchsenmündungen der ihn begleitenden Jäger auf das Haupt des Capitains richten. Dies Manöver erschien demselben doch nicht ganz geheuer, denn er zog es vor, herauszukommen und mit Ueberreichung seines Säbels sich zu ergeben. Den von einem Ehrlosen und Feigen geführten Degen warf Katte in den Sumpf, ein paar kostbare kleine Pistolen, die dem Capitain gehörten, wollte er zum Andenken an diesen Tag behalten, der schamlose Franzose, die Waffen für ein altes Familienstück ausgebend, das schon seit langer Zeit vom Vater auf den Sohn vererbt worden war, bettelte jedoch so lange um deren Rückgabe, bis sich der Lieutenant erweichen ließ und dieselben ihm wieder einhändigte.

Während dieser Kampfesscenen hatte sich die feindliche Infanterie von ihrer Bestürzung erholt und in kleinen Trupps in den die Straße begrenzenden Kornfeldern Deckung gesucht. Von dort eröffnete sie plötzlich ein lebhaftes Feuer auf die zerstreuten Jäger.

„Auf die Infanterie!“ rief der Rittmeister mit einer Stimme, die scharf und deutlich, wie der Schlag einer Kanone, das Kampfgewühl übertönte.

Ohne sich Zeit zum Sammeln zu lassen, fanden sich die unerschrockenen Jäger in Abtheilungen von fünfzehn bis zwanzig Mann zusammen, sausten mit verhängten Zügeln den Kugeln und Bajonneten entgegen, ritten die Infanteristen nieder und nahmen, was nicht unter ihren Klingen fiel, gefangen.

An der Spitze eines solchen Trupps attakirte Föring eine feindliche Infanterieabtheilung. An der Kopfbedeckung erkannte er, daß es Rheinbündler waren. „Werft die Gewehre weg, deutsche Brüder. Ihr sollt Pardon haben!“ rief er ihnen zu, und wie auf Befehl ihres Officiers streckten fünfzig Mann vor zehn preußischen Freiwilligen die Waffen.

Eine andere Abtheilung von über sechszig Mann italienischer Truppen hatte in einem Gehöft Aufstellung genommen, wo ihnen schwer beizukommen war. Die das Gehöft umschwärmenden Jäger wurden durch Flintenschüsse zurückgewiesen und konnten nichts ausrichten. Der Rittmeister nahm dieselben zurück und ritt mit einer Parlamentärflagge, in Begleitung des Oberjägers v. Heuthausen, der italienisch sprach, auf das Gehöft los. Die Italiener stellten das Feuer ein und schickten ihm einen unbewaffneten Mann zur Unterhandlung entgegen. Colomb ließ ihnen sagen, daß sie mit Kosaken umstellt seien, denen sie nicht entgehen könnten. Sie möchten sich lieber den Preußen übergeben, von welchen sie eine gute Behandlung und Schutz für ihre Person und ihr Eigenthum zu erwarten hätten. Auf diese Aufforderung gaben die Italiener ihre für Kavalleristen uneinnehmbare Stellung auf; sie traten heraus, zerschlugen die Gewehre und ließen sich entwaffnen und fortführen.

Kaum waren sie in Sicherheit gebracht, als dem Rittmeister gemeldet wurde, daß sich die feindliche Cavallerie wieder gesammelt habe und von Zwickau aufs Neue heranziehe. Er ließ sogleich zum Sammeln blasen, konnte aber in der Eile kaum dreißig Pferde zusammenbringen, mit welchen er dem weit überlegenen Feinde muthig entgegeneilte. Bis auf hundert Schritt war die kleine Schaar bereits gegen den Feind herangekommen, als die Trompete Halt gebot. Der Rittmeister wollte zum letzten entscheidenden Choc die Pferde verschnaufen lassen. Nicht lange, so ertönte die Fanfare, und im vollen Rosseslauf, mit hochgeschwungenen Säbeln und lautem Hurrah warfen sich die Jägcr auf die Franzosen, durchbrachen deren Front, nahmen im Handgemenge ihren Führer, einen sich tapfer vertheidigenden Artillerie-Officier, gefangen und jagten sie endlich in wilder Flucht über die Muldenbrücke nach der Stadt zurück. Die Verfolgung überließ Colomb dem Lieutenant v. Katte, der den letzten Rest der Franzosen in Zwickau gefangen nahm und, was sich nicht ergeben wollte, niederhieb.

Der Rittmeister wischte die blutige Säbelklinge an der Mähne seines Pferdes ab und begab sich nach der Colonne zurück, um die noch umherschwärmenden Jäger zu sammeln und sich die gewonnene Beute anzusehen.

Der Siegespreis, aus vierundzwanzig neuen Geschützen, über dreißig gefüllten Munitionswagen, Feldschmieden und andern Fahrzeugen, zusammen aus zweiundsiebzig Wagen und beinahe vierhundert Pferden bestehend, war mit einem geringen Verlust erstritten worden.

Was sollte man aber mit dieser reichen Beute beginnen? Mitschleppen konnte man sie nicht, es mußten deshalb Veranstaltungen getroffen werden, den Train zu zerstören. In dieser Absicht ließ der Rittmeister die gefüllten Munitionswagen auf einem an der Straße belegenen großen Ackerfelde zusammenfahren, um sie in die Luft zu sprengen. Von den erbeuteten Pferden überließ er gegen zweihundert Stück den Landleuten, die sich sehr zahlreich auf dem Kampfplatze eingefunden hatten, um die siegreichen Preußen zu beglückwünschen. Eine kleine Anzahl verkaufte er an einen böhmischen Juden; die Officierpferde und einige der bessern wurden mitgenommen, die übrigen an die Munitionswagen gebunden, um sie durch die Explosion zu tödten. Ein furchtbarer Knall ersckütterte die Luft, der kostbare Artillerietrain war nur noch ein dampfender Trümmerhaufen, aus dem noch dann und wann helle Flammen emporschlugen, welche die letzten Holztheile der zertrümmerten Fahrzeuge zerstörten. Die Eisentheile wurden den jubelnden Landleuten überlassen, die Geschützröhre zersägt oder auf eine andere Weise unbrauchbar gemacht.

Am Nachmittage dieses ereignißreichen Tages marschirten die Freiwilligen mit dreihundert und sechszig Gefangenen, worunter sich sechs Officiere und die Maitresse des Capitain Bizot befanden, nach Zwickau, wo sie von den Einwohnern mit endlosem Jubel begrüßt und sehr splendid bewirthet wurden. Dort wurden die gefangenen Officiere, nachdem sie sich ehrenwörtlich verpflichtet hatten, während dieses Krieges nicht wieder gegen die Preußen zu dienen, entlassen; die Unterofficiere und Gemeinen mußten ein gleiches Gelübde an Eidesstatt abgeben.

Der Capitain Bizot erbat sich von dem Rittmeister eine Bescheinigung, daß er nach einem hartnäckigen Kampfe einzig und allein der Uebermacht gewichen sei. Er behauptete, daß die Streifpartei mindestens fünfhundert Pferde zähle, empfand aber eine tiefe Beschämung, als er an der Front der achtzig preußischen „Schulbuben“, die ihm eine so empfindliche Niederlage beigebracht hatten, heruntergeführt wurde. Nachdem er die Erklärung abgegeben hatte, daß die preußischen freiwilligen Jäger den besten französischen Elitetruppen gleichzustellen seien, wurde ihm die verlangte Bescheinigung ausgefertigt, darin aber ausdrücklich hervorgehoben, daß der Capitain sich erst dann ergeben habe, als er der Tapferkeit der Freiwilligen nicht länger habe widerstehen können.

Das Detachement lagerte auf dem Marktplatze der festlich geschmückten Stadt, umrauscht von enthusiasmirten Bürgern, die sich mit patriotischem Eifer für die Befreiung Deutschlands aussprachen und die preußischen Freiwilligen mit ihren Gunstbezeigungen fast erdrückten. Der Platz war mit langen Tafeln umstellt, an welchen die Jäger bewirthet und von schönen Händen bedient wurden. Der hisher niedergehaltene Patriotismus der braven Zwickauer loderte bei der Flasche in hellen Flammen empor, die feierlichsten Gelübde wurden gethan und eine ewige Brüderschaft zwischen den Bürgern und den Preußen geschlossen.

Der regierende Bürgermeister, Herr Hofrath Ferber, ließ dem Rittmeister seinen Respect vermelden und bedauerte es, dies nicht persönlich thun zu können. Er wollte krank sein. Die Bürgerschaft schien dies übel vermerkt zu haben, denn als das Detachement gegen Abend unter lautem Vivatrufen der Einwohner an seinem Hause vorüberzog, um die Stadt zu verlassen, wurde ihm eine todte Katze an die Hausthür genagelt und eine Menge wuchtiger Steine nach den dichtverhangenen Fenstern seiner Wohnung geschleudert.

In solchen Demonstrationen machten sich der Freiheitsdrang und die deutsche Gesinnung der Bevölkerung selbst unter den Augen der Schergen der französischen Zwingherrschaft schon damals Luft. Umstellt von französischen Bajonneten, niedergehalten von einer nicht wohl berathenen Regierung, umlauert von einem charakterlosen Beamtentroß, der seine Dienste dem Meistbietenden zuschlug und dem glücklichen Verbrecher die Füße leckte, bäumte sich das Volk dennoch mit unbezähmbarem Trotz gegen die fremden Gewalthaber und ihre deutschen Helfershelfer bei jeder geeigneten Gelegenheit auf, und die heiligen Gedankenblitze Freiheit und Vaterland, die an Preußens Horizont emporzuckten, schlugen auch hier zündend in die Herzen, daß sie aufloderten in hellen Flammen.

Unter dem Antrieb des heiligen Sturmes, dessen Odem damals alle Seelen weitete und weit über die preußische Grenze hinauswehte, [778] durften die freiwilligen Jäger es wagen, tief in die von den Franzosen besetzten deutschen Gebiete einzudringen. In dem deutsch-patriotischen Sinn der Bevölkerung fanden sie einen starken Bundesgenossen; im Volke gab es keinen Verräther, der ihre Stellungen, ihre Märsche dem Feinde verrathen hätte, überall wurden sie mit Jubel empfangen und mit tausend Segenswünschen auf ihren gefährlichen Pfaden begleitet. Sie waren ja die Träger der nationalen Begeisterung, die hellleuchtenden Meteore der Erhebung, die Apostel der Freiheit und bürgerlichen Selbstthätigkeit, welche diese ganze Bewegung so charakteristisch kennzeichnete. Ueberall, wo sie erschienen, hinterließen sie eine Gedankensaat, aus der die schönsten Früchte erblühten.

In der Armee waren die freiwilligen Jäger die Männer der That, des rücksichtslosen Wagens, die dem engherzigen dynastischen Egoismus offen entgegentraten und den Krieg auf Leben und Tod predigten. Deshalb waren sie dem „diplomatischen Federvieh“, wie der alte Recke Blücher die federkundigen Beamten des großen Hauptquartiers nannte, und auch den „altfritzigen“ Officieren ein Dorn im Auge. Diese in Hochmuth und Junkerthum verknöcherten alten Soldaten suchten der jungen Adlerbrut bei jeder Gelegenheit die Schwingen zu beschneiden und waren eifrig bemüht, ihren Thaten die Anerkennung zu entziehen.

Auch der Rittmeister von Colomb mußte dies erfahren, als er nach abgeschlossenem Waffenstillstand sich unter tausend Fährlichkeiten aus den feindlichen Haufen herauswickelte, die ihn umstellt hielten, und endlich bei Breitenhagen unweit Aken das rechte Ufer der Elbe erreichte. Von seinen jüngeren Cameraden wurden er und seine tapfere Schaar zwar mit der herzlichsten Freude empfangen, die höheren Officiere behandelten ihn dagegen mit kalter Nichtachtung und grätiger dienstlicher Kleinigkeitskrämerei. Als er sich in Ohlau bei dem General York meldete, ließ dieser seiner Abneigung gegen die Parteigänger frei die Zügel schießen.

„Solche Züge,“ meinte er, „lockern die Subordination; es tritt dabei eine Cameradschaft zwischen den Officieren und ihren Leuten ein, die den Respect untergräbt und endlich zur Auflösung aller Disciplin führt. Die Vortheile, welche Sie errungen haben, wägen die Nachtheile nicht auf, die aus solchen Actionen, wo ein jeder Mann sich in fesselloser Ungebundenheit bewegt, der militärischen Dressur erwachsen. Ich werde dafür Sorge tragen, daß Ihren Kraftgenies die langgelassenen Zügel wieder verkürzt werden, und sie an Zaum und Zügel gewöhnen.“

Der alte Griesgram, der in der Poscheruner Mühle, als er durch den mit den Russen abgeschlossenen Vertrag von Tauroggen der Politik Preußens eine feste Basis gab, selbst „Kraftgenie“ gespielt hatte, hielt Wort. Um die innige Cameradschaft zu zerstören, welche Colomb mit seinen Freiwilligen geschlossen hatte, sorgte er dafür, daß diesem das Commando derselben noch während des Waffenstillstandes abgenommen und derselbe zu einem anderen Armeecorps, obschon mit Avancement, versetzt wurde. Das schöne Band, welches die freiwilligen Jäger an den hochherzigen Mann fesselte, wurde dadurch aber nicht gelöst. Seine Schwadron verehrte ihm zum Andenken einen reichverzierten Säbel, blieb ihm mit inniger Liebe zugethan, und noch heute, nach einem halben Jahrhundert, sprechen die hochbetagten Greise, die einst seinem Commando untergeben waren, mit hoher Begeisterung und inniger Anerkennung von ihrem heldenmüthigen Führer.