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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Der Tod des Peregrinus
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Dreizehntes Bändchen, Seite 1613–1638
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1831
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Περὶ τῆς Περεγρίνου Τελευτῆς
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[1613]
Der Tod des Peregrinus.
Lucian an seinen Freund Cronius.

1. So ist es denn mit dem erbärmlichen Peregrinus, oder, wie er sich selbst gerne nannte, Proteus, am Ende gegangen, wie mit dem Homerischen Proteus selbst. Nachdem er aus Ehrsucht Alles gewesen war, und tausend Gestalten angenommen hatte, ist er zuletzt gar zu Feuer geworden. Und nun hat sich der Vortreffliche in Kohlen verwandelt wie einst Empedocles, nur mit dem Unterschiede, daß dieser von Niemand gesehen seyn wollte, als er sich in den Crater des Aetna stürzte, unser Ehrenmann aber das besuchteste aller Griechischen Volksfeste abwartete und dort vor Tausenden von Zuschauern in die Flammen eines ungeheuern, [1614] eigens zu diesem Zwecke errichteten Holzstoßes sprang, nachdem er wenige Tage vor dieser Heldenthat einen öffentlichen Vortrag über sein Vorhaben an die Griechen gehalten hatte.

2. Ich sehe im Geiste dich über den Einfall lachen, der sich nur in dem kranken Gehirn dieses Alten erzeugen konnte: ich höre dich in Ausrufungen ausbrechen, die hier so natürlich sind: O des Verrückten! des ehrsüchtigen Gecken! – und wie sonst noch die Titel heißen, die wir Narren dieses Schlages zu geben pflegen. Du, in so weiter Entfernung von hier, magst dich freilich in dieser Weise auslassen, ohne Etwas dabei zu wagen. Allein ich habe so gesprochen neben dem Holzstoße selbst, und auch schon vor dem Schauspiele mitten in der unermeßlichen Menge, welche dem Peregrinus andächtig zuhörte: und Viele, denen der wahnwitzige Alte ein Gegenstand der Bewunderung war, haben mir das gewaltig übel genommen. Einige wenige zwar lachten gleich mir: aber es fehlte wenig, so wären wir von den Cynikern [Hundephilosophen] zerrissen worden, wie Actäon von seinen Hunden, oder sein Vetter Pentheus von den Mänaden.

3. Laß dir den ganzen Hergang des abenteuerlichen Drama erzählen. Du kanntest ja seinen Urheber persönlich, und weißt also, welche seltsame Rollen der hochtragische Mann, außerordentlicher noch als alle Helden eines Sophokles und Aeschylus, während seines ganzen Lebens gespielt hat. – Gleich nach meiner Ankunft in Elis, als ich zum Zeitvertreibe nach dem Gymnasium schlenderte, hörte ich einen Cyniker mit rauher Stimme sein alltägliches und triviales Tugendgeschwätz abschreien, und dabei auf alle Menschen [1615] ohne Unterschied weidlich schimpfen. Endlich verweilte er sich bei Proteus, und ich will es nun versuchen, dir seine Worte, so gut es meinem Gedächtnisse gelingen wird, zu wiederholen. Du kennst den Ton dieser Schreier, da du oft genug Gelegenheit hattest, ihnen zuzuhören.

4. Wie? rief er, man wagt es, den Proteus eitler Ruhmsucht zu bezüchtigen? O Himmel und Erde! o Ströme und Meere! o heiliger Vater Hercules! den Proteus? der in Syrien gefangen lag, der seiner Vaterstadt eine Schuld von fünftausend Talenten nachließ, den sie in Rom aus der Stadt jagten,[1] den Mann, dessen Name herrlicher strahlt als die Sonne, und der es sogar mit dem Olympischen [Jupiter] selbst aufnehmen könnte? Aber daß er beschlossen hat, durch Flammen aus der Welt zu gehen, das ist’s, was ihm Einige als Eitelkeit auslegen. Hat denn nicht auch Hercules also gethan? Traf nicht ein Wetterstrahl den Aesculap und Dionysus? Stürzte sich nicht Empedocles in den Schlund des Vulcan?“

5. Bei diesen Worten des Theagenes (so hieß der Schreier) fragte ich einen der Nebenstehenden: „Was will denn der Mann mit seinen Flammen? Was haben doch Herkules und Empedocles mit Proteus zu schaffen?“ „Nächstens, erhielt ich zur Antwort, wird sich Proteus zu Olympia verbrennen.“ „Verbrennen? fragte ich verwundert, und warum?“ Der Mann wollte mir antworten; aber der Cyniker brüllte so entsetzlich, daß es unmöglich war, ein anderes [1616] Wort zu verstehen. Ich hörte also geduldig zu, wie er sich in einer Fluth von Worten und in den abenteuerlichsten Uebertreibungen zum Lobe des Peregrinus ergoß, dem er nicht den Diogenes, nicht dessen Meister Antisthenes, ja nicht einmal den Socrates an die Seite zu setzen Lust hatte. Jupiter selbst mußte den Wettstreit eingehen. Endlich gefiel es ihm doch, Beiden eine gleiche Höhe anzuweisen, indem er mit den Worten schloß:

6. „Das sind die beiden größten Wunderwerke, welche die Welt schaut, der Olympische Jupiter und Proteus. Den Einen hat Phidias geschaffen, den Andern die Natur. Aber nun enteilte aus dem Kreise der Menschen dieses Götterbild: es hebt sich, von Flammen getragen, zu den Göttern empor, und läßt uns verwaist zurück!“ Der Mann schwitzte über und über, als er so sprach, und als er zu Ende war, heulte er, daß ich lachen mußte, und zerraufte sich die Haare, wobei er sich übrigens wohl in Acht nahm, nicht zu stark zu reißen. Endlich führten einige Cyniker den schluchzenden Redner unter tröstlichem Zuspruch von dannen.

7. Sogleich bestieg ein Anderer die Bühne, um, ehe sich die Menge verliefe, auf das noch rauchende Opfer des Vorgängers die gehörige Libation zu gießen. Sein Erstes war, daß er eine laute Lache aufschlug, die ihm augenscheinlich von Herzen ging. Hierauf begann er ungefähr folgendermaßen: „Weil der heillose Theagenes sein schmähliches Geschwätz mit dem Geheul eines Heraklitus beschloß, will ich dagegen mit dem Gelächter des Demokritus anfangen.“ Und nun lachte er aufs Neue so kräftig, daß die Meisten von [1617] uns sich nicht erwehren konnten, ein Gleiches zu thun. Endlich faßte er sich und fuhr fort:

8. Was könnten wir auch anders thun als lachen, da wir eine so schnackische Rede angehört haben, und sehen, wie graubärtige Männer um eines erbärmlichen Bischens Berühmtheit willen nahe daran sind, vor aller Welt Purzelbäume zu machen? Damit ihr aber auch erfahret, was es für ein Götterbild ist, das demnächst in Flammen aufgehen soll, so laßt euch sagen, was ich theils aus eigener langer Beobachtung seines Charakters und seines Lebens von ihm zu sagen weiß, theils auch von seinen Mitbürgern und Andern, die ihn genau kennen mußten, in Erfahrung gebracht habe.

9. Dieses Meisterwerk der Natur also, diese göttliche Schöpfung, dieses Normalbild des Polykletus, wurde einst in Armenien, nach kaum erreichten Jahren der Mannbarkeit, im Ehebruch ertappt, und konnte sich kaum noch, wiewohl tüchtig durchgebläut und mit einem Rettich im Hintern, durch einen Sprung vom Dache retten. Nach einiger Zeit mißbrauchte er einen hübschen Knaben und mußte sich mit dreitausend Drachmen [1300 fl.], die er den armen Eltern des Jungen gab, von der Schmach loskaufen, vor den Statthalter von Asien geführt zu werden.

10. Doch dergleichen Stückchen glaube ich übergehen zu können. Damals war der Thon des Götterbildes noch nicht geformt, das Meisterwerk noch nicht in seiner Vollendung dargestellt. Desto wichtiger ist, zu wissen, was er an seinem Vater verübte, wiewohl ihr Alle schon gehört haben werdet, daß er den mehr als sechzigjährigen Greis erdrosselte, weil [1618] er ihm die Zeit zu lange machte. Als darauf die Unthat ruchbar wurde, verbannte er sich freiwillig aus der Heimath, und irrte unstät und flüchtig aus einem Lande ins andere.

11. Und da geschah es denn, daß er auch die wundersame[2] Weisheit der Christianer kennen lernte, mit deren Priestern und Schriftgelehrten er in Palästina Umgang gepflogen hatte. Und in kurzer Zeit brachte er es so weit, daß seine Lehrer nur Kinder gegen ihn zu seyn schienen. Er ward Prophet, Gemeindeältester, Synagogenmeister, kurz Alles in Allem: er legte ihre Schriften aus, und schrieb selbst welche in großer Zahl, so daß sie am Ende ein höheres Wesen in ihm zu sehen glaubten, sich Gesetze von ihm geben ließen und ihn zu ihrem Vorsteher [Bischof] ernannten. Die Christianer erweisen nämlich noch heute göttliche Verehrung dem bekannten Magier,[3] der in Palästina gekreuzigt worden, weil er diese neuen Mysterien in die Welt eingeführt hatte.

12. Aus dieser Veranlassung ward nun einmal auch Proteus von der Obrigkeit festgenommen und ins Gefängniß [1619] geworfen, ein Umstand, der gerade am meisten dazu beitrug, ihn für die ganze Folgezeit mit einem gewissen Ansehen zu umgeben, und wodurch sein Hang, durch Abenteuer zu der Berühmtheit zu gelangen, nach welcher er von jeher strebte, nur noch neue Nahrung erhielt. Während er so in Banden lag, machten die Christianer, welchen seine Gefangennehmung ein großes Unglück dünkte, alle möglichen Versuche, ihn zu befreien. Allein es gelang nicht, und nun wurde ihm von ihnen alle mögliche Pflege mit der ungewöhnlichsten Sorgfalt erwiesen. Mit Tagesanbruch schon sah man alte Mütterchen, Wittwen und junge Waisen vor der Thüre seines Gefängnisses harren; die angeseheneren Christianer bestachen sogar die Gefangenwärter und brachten ganze Nächte bei ihm zu; sie trugen daselbst ihre Mahlzeiten zusammen, lasen bei ihm ihre heiligen Bücher: kurz der liebe Peregrinus (denn so hieß er damals noch) war ihnen nichts Geringeres, als ein anderer Sokrates.

13. Sogar aus einigen kleinasiatischen Städten erschienen Abgeordnete der Christianischen Gemeinden, ihm hülfreiche Hand zu leisten, ihn zu trösten und seine Fürsprecher vor Gericht zu seyn. Es ist unglaublich, wie schnell diese Leute überall bei der Hand sind, wenn es eine Angelegenheit ihrer Gemeinschaft betrifft: sie sparen alsdann weder Mühe noch Kosten. Und so kamen auch dem Peregrinus damals Gelder von allen Seiten zu, so daß seine Gefangenschaft für ihn Quelle einer reichlichen Einnahme wurde. Die armen Leute haben sich nämlich beredet, mit Leib und Seele unsterblich zu seyn und in alle Ewigkeit zu leben; daher kommt es auch, daß sie den Tod verachten, und Viele von ihnen [1620] sich demselben sogar freiwillig hingeben. Sodann hat ihnen ihr vornehmster Gesetzgeber die Meinung beigebracht, daß sie Alle unter einander Brüder wären, sobald sie übergegangen, das heißt, die Griechischen Götter verläugnet und sich zur Anbetung jenes gekreuzigten Sophisten bekannt hätten und nach dessen Vorschriften lebten. Daher verachten sie alle äußern Güter ohne Unterschied und besitzen sie gemeinschaftlich – Lehren, die sie auf Treu und Glauben, ohne Prüfung und Beweis angenommen haben. Wenn nun ein geschickter Betrüger an sie kommt, der die Umstände schlau zu benützen weiß, so kann es ihm in Kurzem gelingen, ein reicher Mann zu werden und die einfältigen Tröpfe ins Fäustchen auszulachen.

14. Uebrigens wurde Peregrin von dem damaligen Präfekten von Syrien wieder auf freien Fuß gesetzt, einem Manne, der, als Liebhaber der Philosophie, es bald weghatte, daß der Mensch ein Narr war, und in der Einbildung, sich Nachruhm zu erwerben, den Tod sogar gerne erlitten hätte. Er ließ ihn also laufen, ohne ihn auch nur einer Züchtigung werth zu halten. Peregrin kehrte hierauf in seine Heimath zurück, fand aber dort, daß das Gerücht von der Ermordung seines Vaters noch keineswegs erloschen war, sondern daß Viele sogar eine förmliche Anklage gegen ihn beabsichtigten. Der größte Theil seines Vermögens war während seiner Abwesenheit in verschiedene fremde Hände gekommen, und nur seine Grundstücke im Werthe von ungefähr fünfzehen Talenten (39,000 fl.) waren ihm übrig geblieben. Das ganze Vermögen nämlich, das der Alte hinterlassen, hatte sich auf etwa dreißig Talente belaufen, nicht auf fünftausend, wie [1621] der lächerliche Theagenes sagte. Denn um diese Summe könnte man die Stadt Parium[4] selbst und noch ihre fünf Nachbarstädte dazu sammt Menschen und Vieh, bewegliche und unbewegliche Habe zusammenkaufen.

15. Also wie gesagt, die schlimme Nachrede war noch warm, und es hatte den Anschein, daß nächstens ein Ankläger gegen ihn auftreten werde. Am meisten war die Bürgerschaft selbst gegen ihn aufgebracht, die es beklagte, daß ein so rechtschaffener Mann, wie der Alte nach dem Zeugnisse Aller, die ihn kannten, gewesen war, auf eine so ruchlose Art aus der Welt gekommen seyn sollte. Und nun hört, wie unser weiser Proteus in diesen mißlichen Umständen es anzugehen wußte, sich aus der Klemme zu ziehen. Er erschien in der Bürgerversammlung zu Parium, schon ganz im Aufzug eines Philosophen, mit langem Haar und Bart, in einem groben Mantel, einen Ranzen auf dem Rücken und einen Knotenstock in der Hand; kurz er machte eine höchst tragische Figur. So umgewandelt trat er auf und erklärte, das ganze Vermögen, welches ihm sein seliger Vater hinterlassen, schenke er hiermit der Stadt. Die Bürger, arme Schlucker, und nach dergleichen Spenden begierig, hatten kaum dieses Wort vernommen, als sie aus vollen Hälsen schrieen: „Das ist einmal ein Philosoph, wie es keinen mehr gibt! Ein Patriot ohne Gleichen! Der einzig würdige Nachfolger eines Diogenes und Crates!“ Seinen Gegnern war jetzt der Mund gestopft: denn Wer es gewagt [1622] hätte, auch nur von Ferne jener Mordthat zu erwähnen, wäre auf der Stelle gesteinigt worden.

16. Nun zog unser Mann zum zweitenmal aufs Landstreichen aus, wobei ihm statt alles Reisegeldes die Gutmüthigkeit der Christianer genügte, welche ihm überall zur Bedeckung dienten, und es ihm an Nichts gebrechen ließen. Eine Zeitlang ward er auf diese Weise gefüttert. Als er aber auch gegen die Gesetze der Christianer anstieß – man hatte ihn, glaube ich, einmal etwas bei ihnen Verbotenes essen sehen – so schloßen sie ihn aus ihrer Gemeinschaft aus, und Peregrinus, der nun nicht mehr wußte, wie er sich fortbringen sollte, glaubte jetzt im Fall zu seyn, die seiner Vaterstadt geschenkten Güter wieder zurückfordern zu dürfen. Er wandte sich auch wirklich mit einer Bittschrift an den Kaiser, um von diesem einen Befehl zu der Herausgabe derselben auszuwirken. Allein die Stadt machte Gegenvorstellungen, und so richtete er Nichts aus, sondern wurde angewiesen, es bei einer Verfügung, zu welcher ihn Niemand genöthigt habe, bewenden zu lassen.

17. Seine dritte Reise ging jetzt nach Aegypten zu Agathobulus, wo er der wunderlichen Tugendübung der Cyniker sich widmete, den Kopf sich zur Hälfte glatt abscheren ließ, das Gesicht mit Koth besudelte, und die unanständigsten Dinge auf öffentlichem Markte trieb, blos um zu zeigen, daß diese Dinge alle zu den indifferenten gehören. Auch geißelte er sich, oder ließ sich von Andern mit einem Stecken den Hintern zerklopfen; vieler anderer noch läppischerer Spectatelstücke gar nicht zu gedenken.

[1623] 18. In dieser Cynischen Verfassung unternahm er eine Reise nach Italien, und als er sich ausgeschifft hatte, war sein Erstes, daß er auf alle Welt schimpfte, am ärgsten aber auf den Kaiser [Antoninus Pius], dessen Güte und Sanftmuth ihm bekannt war, so daß er also nichts dabei wagte. Wie man leicht denken kann, bekümmerte sich Dieser wenig um seine Lästerungen, und verschmähte es, einen Menschen, der sich in den Philosophenmantel gesteckt hatte, für Worte zu strafen, zumal einen Solchen, der vom Schimpfen ordentlich Profession machte. Desto höher wuchs dadurch sein Ansehen bei dem Pöbel, der den Narren für etwas Großes ansah, bis er es endlich so über alle Maßen unverschämt trieb, daß der Präfekt der Stadt ihn mit dem Bedeuten fortschickte, solche Philosophen brauche man in Rom nicht. Allein auch Dieß vermehrte nur seinen Ruf, und bald war er in Aller Mund der große Philosoph, den man seines Freimuths und seiner kühnen Sprache wegen aus Rom vertrieben habe. Und so sah er sich ohne sein Verdienst einem Musonius, Dio und Epictet an die Seite gestellt, und Wer sonst noch in eine ähnliche Lage, wie Diese, gerathen war.

19. Aus Italien kam er nach Griechenland, und schimpfte hier bald auf die Eléer, bald suchte er die Griechen zu überreden, die Waffen gegen Rom zu ergreifen, bald schmähte er einen durch Gelehrsamkeit und Rang ausgezeichneten Mann [Herodes Attikus], weil er sich unter andern Verdiensten um Griechenland sich auch Das erworben hatte, daß er auf seine Kosten eine Wasserleitung nach Olympia führen ließ, und dadurch für die Besucher des Volksfestes die Gefahr beseitigte, vor Durst zu verschmachten. Diesen Mann nun lästerte er mit [1624] dem Vorwurf, als ob er dadurch die Griechen verzärtelt hätte. Die Zuschauer zu Olympia sollten sich in Ertragung des Durstes üben, meinte er; seinetwegen könnten also die Leute zu hunderten an den hitzigen Krankheiten sterben, welche bisher, wo sich eine ungeheure Menschenmenge in einem engen, von der Sonne ausgebrannten Raum zusammengedrängt hatte, herrschend gewesen waren. Und dieß sagte er, während er doch selbst von demselben Wasser trank. Damals hätte wenig gefehlt, so wäre er von den Leuten, die in Menge zusammenliefen, gesteinigt worden. Nur durch eine eilige Flucht in den Tempel des Jupiter konnte sich der edle Held von dem Untergange retten.

20. An den nächstfolgenden Spielen trat er vor den Griechen mit einer Rede auf, welche er in der Zwischenzeit von vier Jahren aufgesetzt hatte, und in welcher er unter vielen Lobeserhebungen gegen den Gründer der Wasserleitung, wegen seiner Flucht sich zu rechtfertigen suchte. Allein er erregte jetzt das frühere Aufsehen nicht wieder: man achtete gar nicht auf ihn. Alle seine Künste waren alt und verbraucht, und doch wollte es ihm nicht gelingen, ein neues Mittel aufzutreiben, um die Augen Aller auf sich zu ziehen und Bewunderung und Staunen zu erregen, wornach er von jeher eine so brennende Begierde gehabt hatte – da kam er denn auf diesen letzten verzweifelten Einfall mit dem Scheiterhaufen, und ließ daher schon am neulichen Volksfeste unter den Griechen die Sage ausgehen, daß er sich am nächstkünftigen in die Flamme stürzen werde.

21. Und jetzt geht er wirklich mit dieser Wunderthat um, wie man versichert. Er läßt eine Vertiefung in die [1625] Erde graben und Holz zusammenschaffen, und kündigt einen außerordentlichen Beweis seiner Seelenstärke an. Meine Meinung zwar ist, daß es besser wäre, den Tod ruhig zu erwarten, und dem Leben nicht muthwillig davon zu laufen. Ist er aber wirklich so unwiderruflich entschlossen, aus der Welt zu gehen, nun so wähle er eine andere Todesart von den tausenden, die es gibt; wozu das Feuer, wozu ein solches tragisches Schaugepränge? Und mag er auch in den Feuertod ganz besonders verliebt seyn, weil Herkules so starb, warum sucht er sich nicht in aller Stille ein Plätzchen in einem Waldgebirge dazu aus, und verbrennt sich dort ganz allein, oder höchstens im Beiseyn eines zweiten Philoktetes, etwa dieses Theagenes? Nein hier in Olympia vor der zahllosen Menschenmenge, welche das Volksfest herbeizog, wie auf einem öffentlichen Theater, will er sich braten! Nun, beim Herkules! Er hat es so verdient, wenn es anders billig ist, daß Vatermörder und Verächter der Götter für ihre Sünden Strafe leiden. Und in sofern thut er nur zu spät, was er thut, er, der längst schon in des Phalaris Ofen die gerechte Strafe hätte büßen sollen, anstatt jetzt, mit einem Mundvoll Flamme seinem Leben in Einem Augenblicke ein Ende zu machen. Denn ich habe mir von Mehreren sagen lassen, daß es gar keine schnellere Todesart gibt, als diese: man brauche nur den Mund zu öffnen, um auf der Stelle todt zu seyn.

22. Ohne Zweifel hat er dieses Schauspiel nur deßwegen ausgesonnen, weil es ihm erhaben dünkt, auf einem heiligen Boden sich zu verbrennen, wo die Leichname anderer [1626] Sterblichen nicht einmal zu begraben erlaubt ist. Ihr habt doch wohl schon von jenem Menschen [Herostratus] gehört, der durchaus berühmt werden wollte, und, weil er auf keine andere Weise zu seinem Zwecke gelangen konnte, den Dianentempel zu Ephesus in Brand steckte? Einen ähnlichen Streich hat sich auch Peregrinus ausgedacht. So tief sitzt die Sucht nach Ruhm in seiner Seele.

23. Gleichwohl behauptet er, dieß zum Wohl der Menschheit zu thun, um ihr zu zeigen, wie man den Tod verachten und auch das Schrecklichste mit Geduld und Muth ertragen könne. Da möchte ich aber nun wohl fragen, nicht ihn, sondern euch: kann es euch erwünscht seyn, wenn auch Bösewichte seine Schüler werden in dieser Geduld, dieser Todesverachtung, dieser Entschlossenheit gegen das Verbrennen und alle dergleichen Schrecknisse? Ich weiß gewiß, daß ihr Dieß keineswegs wolltet. Wie wird nun Proteus Beides zu sondern wissen, so daß sein Beispiel zwar heilsam würde für die Gutgesinnten, nicht aber die Schlechten nur um so verwegener und trotziger mache?

24. Doch angenommen, es sey möglich, daß bloß Solche sich bei diesem Schauspiele versammeln, welche es zu ihrem Nutzen mit ansehen; so frage ich euch abermals, könnte es euch gefallen, wenn etwa eure Söhne zur Nachahmung einer solchen That sich aufreizen ließen? Gewiß nicht, werdet ihr antworten. Doch wozu auch diese Frage, da nicht einmal von seinen eigenen Schülern Einer Lust haben wird, es ihm nachzuthun. Am ehesten könnte man noch mit Theagenes darüber rechten, daß er, der doch sonst in Allem den Proteus zu copiren bemüht ist, nicht auch hierin seinem großen [1627] Meister folgt, und auf dieser „Wanderung zu Herkules“ wie er sie nennt, sich ihm anschließt, da er ja nur kopfüber ins Feuer zu springen braucht, um in einem Nu der Seligste zu seyn. Nicht der Ranzen, der Knotenstock und der grobe Mantel macht den wahren Nachfolger: dergleichen kann Jeder tragen ohne Mühe und Gefahr. Aber, was die Hauptsache ist, seinem Leben dieses Ende zu machen, einen Scheiterhaufen von Feigenholz, je grüner desto besser, zusammenzutragen, und sich im Rauch und Qualm zu ersticken – das thue er ihm nach. Zudem gehört ja der Tod durch Feuer nicht blos einem Herkules und Aesculap, sondern auch den Tempelräubern und Mördern, an welchen man bisweilen auf richterliches Erkenntniß diese Strafe vollziehen sieht. Also wäre der Rauch immer besser als das Feuer: denn so hättet ihr doch etwas Besonderes.

25. Wenn übrigens Herkules auch wirklich jenen verzweifelten Schritt gethan, so that er ihn in den Qualen der Krankheit, vom verzehrenden Gifte des Centauren-Blutes gepeinigt, wie die Tragödie sagt. Aber Proteus, was treibt Diesen, sich ins Feuer zu stürzen? Je nun, antwortet man, um seine Seelenstärke zu zeigen, wie die Braminen in Indien. Denn mit dieser Vergleichung glaubte Theagenes seinen Mann zu ehren, als ob es nicht auch in Indien Narren und eitle Gecken geben könnte. Und doch – wenn es also Diese sind, deren Beispiel er vor Augen hat, so springen ja Diese nicht mit Einem Satz ins Feuer, wie uns des Alexanders Steuermann Onesícritus erzählt, welcher einer Selbstverbrennung zugesehen, sondern, wenn der Holzstoß [1628] errichtet und gezündet ist, so bleiben sie daneben ganz unbeweglich stehen, und lassen sich gemächlich die Haut versengen, besteigen sodann in gemessener Haltung den Holzstoß selbst, legen sich nieder, und verbrennen, ohne nur im Geringsten ihre Lage zu verändern. Was ist es dagegen Großes, in die Flammen zu springen und in demselben Augenblicke zu sterben, wo man von ihnen ergriffen wird? Sonst bliebe ihm immer noch die Hoffnung, wenn auch halbgebraten, wieder heraus springen zu können, wenn er nicht, wie man behauptet, die Veranstaltung getroffen hat, daß der Holzstoß ziemlich tief in die Erde geht.

26. Einige wollen behaupten, er habe seinen Entschluß geändert, und erzähle nun gewisse Träume, durch welche ihm Jupiters Wille, daß der heilige Platz nicht entweiht werden solle, kund gethan worden sey. Allein wegen dieses Punktes soll der Mann ruhig seyn. Ich wollte schwören, daß keine Gottheit es ungerne sehen wird, wenn ein Peregrinus des kläglichsten Todes stirbt. Es wird für ihn nicht einmal thunlich seyn, sein Wort zurückzunehmen. Denn die Hundephilosophen, von welchen er umgeben ist, lassen ihm keine Ruhe: sie beugen auf alle Weise seiner Zaghaftigkeit vor, entzünden seine Phantasie immer mehr, und stoßen ihn am Ende wider Willen auf den Scheiterhaufen. Das Lustigste, was er thun könnte, wäre alsdann, wenn er ein Paar dieser Bursche mit sich in die Flammen hineinrisse.

27. Auch höre ich, daß er nun nicht mehr Proteus heißen will, sondern den Namen Phönix angenommen hat, weil der Indische Vogel Phönix, wenn er ein sehr hohes Alter erreicht hat, sich selbst verbrennen soll. Nicht minder [1629] bringt er das Gerede unter die Leute, als ob in gewissen alten Orakelsprüchen gesagt wäre, es stehe ihm bevor, ein Schutzgeist der Nacht zu werden. Offenbar gelüstet es also den Mann nach einem Altare, und er hofft einmal vergoldet aufgestellt zu werden.

28. Und wirklich läßt sich, bei der so großen Anzahl von Schwachköpfen in der Welt, gar leicht erwarten, daß es Leute geben werde, die einmal wirklich den nächtlichen Schutzgenius bei Nacht gesehen haben, oder gar vom Wechselfieber durch ihn geheilt worden seyn wollen. Und wenn ich nicht sehr irre, werden die Schufte, seine Schüler, eine Capelle sammt einem Orakel auf der Brandstätte errichten, da ja auch der erste Proteus, der Sohn Jupiters, dessen Namen er trug, ein Prophet war. Ja, ich bin Bürge, daß man ihm sogar eigene Priester mit Geißeln, Brenneisen und anderem Geräthe abergläubischer Gaukelei anstellen, und, wofern es Jupitern gefällt, auch eine mystische Nachtfeyer sammt Fackellauf um einen Scheiterhaufen, stiften wird.

29. Hat doch sogar, wie mir einer meiner Freunde sagte, Theagenes neulich behauptet, schon die alte Sibylla hätte eine Weissagung hierüber von sich gegeben, und zum Beweise führte er folgende Verse an:

Aber sobald Proteus, der gesammten Cyniker größter,
Auf dem Platze des donnernden Zeus in die brennende Lohe,
So er entzündete, springt, so gelangt er zum hohen Olympus.
Dann ihr Alle, die essen des Erdreichs Früchte, verehret
Ihn als großen Heroen und schirmenden Fürsten der Nächte,
Eines Throns mit Hephäst und dem mächtigen Herrscher Herakles.

[1630] 30. So lautet das Orakel, welches Theagenes von der Sibylla gehört haben will. Dagegen vernehme er eine andere Prophezeiung, welche Bacis in folgenden Versen über denselben Gegenstand gegeben hat, und welche auf jene erstere vortrefflich paßt:

Aber sobald der Cynische Mann, der vielfach benannte,
Rasch in die Flammen sich stürzt, von der Ruhmsucht Furie kopfkrank;
Sollen sie hinter ihm drein, die ihm folgenden Cynalopeken,[5]
Allesammt springen, das Todesgeschick des Wolfes zu theilen.
Aber woferne den Gluthen entflöh’ ein zagender Feigling,
Diesen bedecken sofort mit Steinen gesammte Achäer,
Daß er nicht länger, bei frostigem Muth, von Feuer zu reden
Wage; nicht länger durch Wucher, wiewohl er im lieblichen Paträ
Fünfzehn Talente besitzt, mit Gold den Ranzen sich fülle.

Nun, was dünkt euch? Ist etwa Bacis ein schlechterer Orakelpoet als die Sibylla? So wäre es also Zeit für die bewundernswürdigen Genossen des Proteus, sich nach einem Orte umzusehen, wo sie zu Luft werden könnten, wie sie das Verbrennen zu nennen belieben.“

31. So schloß er; alle Uebrigen riefen: „Ja, laßt sie brennen! Sie sind des Feuers werth!“ und der Redner stieg lachend von seiner Bühne. Allein

Nestor vernahm das Geschrei nicht achtlos – – [6]

Theagenes nämlich, der sogleich herbeirannte, hinaufstieg, und mit kreischender Stimme tausend häßliche Dinge über [1631] den wackern Mann aussagte, welcher so eben den Rednerstuhl verlassen hatte, und dessen Name mir unbekannt ist. Er schrie, daß er hätte bersten mögen; ich aber kehrte ihm den Rücken und ging, die Athleten zu sehen. Denn schon hieß es, die Hellanodiken [Kampfrichter] hätten sich auf dem Circus eingefunden. Alles Bisherige ging in Elis vor.

32. Bei unserer Ankunft in Olympia fanden wir die Halle hinter dem Tempel mit einer Menge Menschen angefüllt, die den Proteus und sein Vorhaben theils tadelten, theils priesen, und sich mit solcher Heftigkeit herumstritten, daß es zwischen Mehreren derselben schon zu Thätlichkeiten gekommen war, als Proteus selbst, in Begleitung einer ungeheuren Menge Volkes, erschien. Er pflanzte sich hinter dem, für die Wettkämpfe der Herolde bestimmten, Platze auf, und verbreitete sich in einer Rede über die Art, wie er sein Leben geführt, über die Gefahren, die er bestanden, und über die mannichfaltigen Mühseligkeiten und Drangsale, welchen er sich der Philosophie zulieb unterzogen habe. Von der ganzen langen Rede konnte ich übrigens nur sehr wenig verstehen, weil das Gedränge zu groß war. Ich mußte sogar befürchten, im Gewühle erdrückt zu werden, was wirklich Einigen vor meinen Augen begegnete: daher begab ich mich bei Seite, ohne mich länger um einen närrischen Deklamator zu bekümmern, den nach dem Tode gelüstete, und der noch bei Leibesleben sich seine Leichenrede hielt.

33. Indessen hörte ich doch, wie er sagte: „Eine goldene Krone will ich aufsetzen einem goldenen Leben. Wer als ein Herkules gelebt, muß auch als ein Herkules sterben: er muß sich wieder mit dem Aether vereinen. Ich will der [1632] Welt nützen, indem ich ihr zeige, wie man den Tob verachten müsse: und deßwegen sollt ihr Alle meine Philoktete seyn!“ Die Schwächeren und Einfältigeren brachen hier in Thränen aus und riefen: „Nein! nein! erhalte dich den Griechen!“ Allein die Kräftigeren schrieen ihm zu: „Vollende, Was du beschlossen hast!“ Offenbar kam der Alte durch diese letzter Worte nicht wenig aus der Fassung; er mochte darauf gerechnet haben, die ganze Menge werde ihm mit dem dringendsten Flehen anliegen, sich doch nicht den Flammen zu übergeben, ja sie werde ihn mit Gewalt beim Leben zu bleiben nöthigen. Daher traf ihn das fatale: „Vollende, Was du beschlossen hast!“ dermaßen unerwartet, daß er, wiewohl er zuvor schon eine Leichenfarbe hatte, wo möglich noch blasser wurde, und zitternd und bebend zu reden aufhörte.

34. Du kannst dir vorstellen, wie ich lachte. Denn Mitleid könnte ich unmöglich fühlen mit einem Menschen, der unter Allen, die je von dem Quälgeist der Ruhmsucht gehetzt worden, der Unwürdigste war. Gleichwohl begleitete ihn eine Unzahl Menschen wieder zurück, und er berauschte sich in seiner Glorie, wenn er die Menge staunender Gaffer übersah, ohne in seinem unglücklichen Wahne zu bedenken, daß auch die Missethäter, welche der Henker zum Galgen schleppt, ein sehr zahlreiches Gefolge zu haben pflegen.

35. Indessen hatten die Olympischen Spiele ihr Ende erreicht, die schönsten, welche ich jemals sah, wiewohl ich ihnen viermal angewohnt habe. Weil Viele auf Einmal abreisten, konnte ich keinen Wagen mehr bekommen, und sah mich also ungerne genöthigt, zurückzubleiben. Proteus, der [1633] die Ausführung seines Vorhabens von einem Tage zum andern hinausgeschoben hatte, kündigte endlich die Nacht an, in welcher uns das Schauspiel seiner Verbrennung zu Theil werden sollte. Ich machte mich also in Begleitung eines Freundes gegen Mitternacht auf den Weg nach Harpina, wo sich der Scheiterhaufen befand. Wir hatten von Olympia längs dem Hippodrom zwanzig Stadien[7] ostwärts zu gehen, und fanden, dort angelangt, den Holzstoß in einer ungefähr klaftertiefen Grube aufgesetzt. Er bestand größtentheils aus Kienfackeln mit untermischtem Reisholz, damit er desto schneller in Flammen geriethe.

36. Sobald der Mond aufging - denn auch Luna sollte der herrlichen That Zeugin seyn – erschien der Mann in dem gewöhnlichen Cynischen Aufzuge, eine Fackel in der Hand, und in Begleitung der vornehmsten Häupter des Hundeordens, vor Allen aber des vortrefflichen Patrensers Theagenes, der gleichfalls eine Fackel trug, und in der That für die zweite Hauptrolle in diesem Drama sich nicht übel schickte. Diese Beiden traten nun herzu, und zündeten den Stoß an, dessen Kienholz und dürre Reiser, wie sich erwarten läßt, bald zu einer gewaltigen Flamme aufloderten. Und jetzt wohl aufgemerkt, mein Freund! Proteus legte den Ranzen, den Cynischen Mantel und den Herkules-Knüttel ab, und stellte sich in einem schmutzigen linnenen Unterkleid vor seine Zuschauer hin: darauf forderte er Weihrauch, den er erhielt und in die Flammen warf, indem er, das Gesicht gegen Mittag gerichtet (was nothwendig zum Ganzen der tragischen [1634] Handlung gehörte), die Worte ausrief: „O ihr verklärten Geister väterlicher und mütterlicher Ahnen, nimmt mich freundlich auf!“ Und wie er Das gesagt hatte, sprang er ins Feuer und verschwand augenblicklich in den hoch über ihm zusammenschlagenden Flammen.

37. Ich sehe dich über diese Katastrophe des Schauspiels abermals lachen, mein lieber Cronius. Daß er zuletzt seine mütterlichen Dämonen anrief, mochte ich ihm in der That nicht sehr verübeln. Aber daß er auch den Geist seines Vaters erwähnte, kam mir um so lächerlicher vor, da mir sogleich beifallen mußte, was man sich von seiner Ermordung sagte. Die Cyniker stellten sich um den Holzstoß her und drückten, ohne zu weinen, ihre Trauer dadurch aus, daß sie schweigend in die Flammen sahen, bis ich endlich ungeduldig wurde und sie anfuhr: „Geht nach Hause, ihr eiteln Tröpfe! Was ist es denn für ein Genuß, einen alten Narren braten zu sehen, und sich die Nase mit häßlichem Brandgeruch anfüllen zu lassen? Oder wartet ihr etwa auf einen Maler, der euch copiren soll, wie man die Freunde des Socrates malt, die im Gefängnisse um den sterbenden Meister versammelt sind?“ Entrüstet hierüber fingen die Cyniker an, auf mich zu schimpfen: Mehrere derselben griffen sogar nach ihren Knotenstöcken: aber als ich drohte, ein Paar von ihnen zu packen, ins Feuer zu werfen, und ihrem Meister nachzuschicken, da wurden sie ruhig und ließen mich im Frieden ziehen.

38. Im Rückwege machte ich mir denn mancherlei Gedanken, was es doch für eine seltsame Sucht um die Ruhmsucht sey, und wie diese Leidenschaft für manchen großen und [1635] bewundernswürdigen Mann die einzige unwiderstehliche war; wie vielmehr sie es also für einen Menschen, wie Peregrinus seyn mußte, der überhaupt in seinem ganzen Leben sich als Querkopf gezeigt hatte, und des Feuertodes wirklich nicht unwürdig war.

39. Es begegneten mir Viele, die das Schauspiel auch mit ansehen wollten, und der Meinung waren, den Proteus noch am Leben zu treffen. Denn Tags zuvor hatte sich wirklich die Sage verbreitet, er werde, wie die Braminen die Sonne im Augenblick ihres Aufganges begrüßend, den Holzstoß besteigen. Die Meisten derselben bewog ich zum Umkehren, indem ich ihnen sagte, daß das ganze Spectakel zu Ende sey: nur Einigen war es schon wichtig genug, auch nur die Brandstätte zu sehen und die letzten Reste des Scheiterhaufens noch glimmend anzutreffen. Und nun, Freund, hatte ich meine liebe Noth, den vielen Fragern, die Alles aufs Genauste wissen wollten, zu antworten und den ganzen Hergang zu erzählen. Sprach ich mit einem gebildeten und vernünftigen Mann, nun so erzählte ich ihm die Sache so rein und einfach, wie dir jetzt. War aber der Fragende ein Schwachkopf, der mit aufgesperrtem Maule die Neuigkeit verschlingen zu wollen schien, dem machte ich aus eigenen Mitteln die pomphafteste und abenteuerlichste Beschreibung, z. B. wie der Scheiterhaufen angezündet gewesen und Proteus hineingesprungen sey, hätte die Erde furchtbar zu beben angefangen, und unter einem dumpfen Brüllen im Innern der Erde wäre mitten aus den Flammen ein Geier gestiegen, der seinen Flug gen Himmel genommen und mit ganz vernehmlicher Menschenstimme ausgerufen habe: „Der Erd’ enteilend steig [1636] ich zum Olymp!“ Da waren denn die guten Leute ganz erstaunt, von Andacht und heiligem Schauer ergriffen, und Einer um den Andern wollte wissen, ob der Geier gegen Morgen oder gegen Abend geflogen sey, worauf ich ihnen zur Antwort gab, was mir gerade vor den Mund kam.

40. Ich begab mich wieder auf den großen Volksplatz, und kam hier in die Nähe eines alten Mannes mit grauen Haaren, und, wenigstens nach seinem langen Barte und seiner gravitätischen Miene zu urtheilen, von sehr glaubwürdigem Aussehen, zu stehen, der gar Vieles von diesem Proteus zu erzählen wußte und ihm sogar nach seiner Verbrennung noch vor wenigen Augenblicken gesehen haben wollte, wie er, mit heiter strahlendem Gesicht, in einem weißen Gewande und mit einem Olivenkranz um die Stirne, in der Halle der sieben Echo’s lustwandelte. Am Ende gab er gar noch den Geier zum Besten, den ich kurz zuvor, als ich mit einigen bornirten Leutchen meinen Spaß trieb, hatte fliegen lassen. Er aber betheuerte mit einem Schwur, er habe ihn mit eigenen Augen aus dem Scheiterhaufen emporsteigen gesehen.

41. Daraus läßt sich nun ein Schluß machen, lieber Freund, welche Wunderdinge wir erst noch von der Zukunft zu erwarten haben; wie die Bienen sich auf der Brandstätte niederlassen, wie ganze Schwärme von Cicaden sich hier versammeln, wie die Krähen, gleichwie zum Grabe Hesiods,[8] in Menge herbeifliegen werden, und was dergleichen mehr ist. Auch sehe ich im Geiste schon die vielen Bildsäulen, welche ihm in Elis sowohl, als im übrigen Griechenland [1637] demnächst werden errichtet werden. Denn er hatte sich, wie man behauptet, mit allen Gegenden Griechenlands in briefliche Verbindung gesetzt, und an alle namhaften Städte Sendschreiben erlassen, in welchen er ihnen Anordnungen, Ermahnungen und Vorschriften ertheilte. Er wählte zu diesem Zweck aus seinen Freunden eine Anzahl Botschafter, die er seine Todesboten nannte.

42. Dieß war also das Ende des kläglichen Proteus, eines Mannes, der, um ihn mit wenigen Worten zu schildern, um die Wahrheit sich nie auch das Geringste kümmerte, sondern bei Allem, was er sprach und that, nur die Berühmtheit seines Namens und den Beifall der Menge im Auge hatte, so daß er sogar ins Feuer sprang, um eines Ruhmes willen, von welchem er nun doch keinen Genuß hat.

43. Noch zum Schlusse will ich dir Einiges von ihm erzählen, was dir viel zu lachen geben wird. Auf meiner Reise von Syrien nach Griechenland, von welcher ich dir schon früher erzählte, fuhr ich mit Peregrinus zu Schiffe von Troas aus; auch sagte ich dir, welches üppige Leben er damals auf unserem Schiffe geführt und wie er einen hübschen Knaben bei sich gehabt habe, den er zum Cynismus verführte, um doch auch seinen Alcibiades zu haben. Einsmals, des Nachts, als wir uns mitten auf dem Aegäischen Meere befanden, überfiel uns ein Wirbelwind, und die Wogen thürmten sich zu einer furchtbaren Höhe auf. Da hättest du sehen sollen, wie er alle Fassung verlor, der Wundermann, wie er da mit den Weibern in die Wette heulte, er, der stärker scheinen wollte als der Tod.

[1638] 44. Kurze Zeit, etwa neun Tage, vor seinem Ende mochte er sich den Magen überladen haben, und bekam des Nachts ein starkes Erbrechen mit einem heftigen Fieberanfall. Der Arzt Alexander, welcher mir die Sache selbst erzählte, wurde gerufen, nach ihm zu sehen. Wie er kam, wälzte sich der Philosoph, aus Ungeduld über die Hitze und den heftigen Durst, auf dem Boden herum, und bettelte so zärtlich, als er konnte, um einen Trunk kalten Wassers. Allein Alexander schlug es ihm ab und sagte: weil es ihm ja doch so sehr ums Sterben zu thun sey, so sollte er froh seyn, daß der Tod von selbst vor seine Thüre komme; er brauche jetzt nur mitzugehen, und habe keines andern Feuers vonnöthen.[9] Aber Proteus meinte, diese Todesart wäre zu gemein, und würde ihm keinen so großen Ruhm verschaffen.

45. Ich selbst war Augenzeuge, wie er sich ebenfalls wenige Tage vor seinem Tode seine entzündeten Augen mit einer Salbe bestrich, um die Schärfe auszuziehen. Also nimmt Aeacus keine Augenkranken auf? Ist dieß nicht, als wenn Einer, der im Begriff wäre, den Galgen zu besteigen, sich vorher einen bösen Finger verbinden ließe? – Wenn Democrit noch lebte und er hätte Das mit angesehen, was meinst du? wie würde er über diesen Narren gelacht haben? wiewohl dieser, um ihn nach Verdienst zu verlachen, sogar für einen Democrit zu toll ist. Möge also auch dich diese Geschichte belustigen, lieber Freund, zumal wenn du hörst, wie Andere ihn sogar noch bewundern und preisen.



  1. Was ihn also mit Epictet und andern, von den Griechen gefeierten Weisen, auf Eine Linie stellte.
  2. Bei dieser Stelle geräth der Scholiast in einen possierlichen Eifer: „Ja wohl wundersam, du verfluchter Kerl, und über alles Wunder erhaben, wenn gleich ihre Schönheit einem blinden Windbeutel, wie du, unsichtbar und unanschaulich ist!“ Von solchen Pflegern des Textes könnte es allerdings nicht befremden, wenn sie in Stellen dieser Art die Worte Lucians theils verfälscht, theils verstümmelt hätten: und wirklich vermutheten einige Ausleger nicht ohne Wahrscheinlichkeit eine Lücke nach den unten folgenden Worten: Vorsteher ernannten.
  3. Μάγον nach Geßner, für μέγαν.
  4. Am Hellespont, Peregrin’s Geburtsort.
  5. D. i. Hundefüchse, ein Schimpfname, hier auf die Cyniker angewendet.
  6. Iliade XIV, 1.
  7. Eine kleine Stunde.
  8. Pausanias, IX, 38.
  9. So sollte er – vonnöthen. – Wieland.