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Textdaten
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Autor: Reinhold Brehm
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Titel: Der Taranteltanz
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aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 95
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[95] Der Taranteltanz. Während meines mehrjährigen Aufenthaltes in Spanien und besonders in den südlichen Provinzen Murcia und Andalusien habe ich vielfach Gelegenheit gehabt, den Taranteltanz zu beobachten, und die von dem Insect gebissenen Personen auch tanzen sehen. Nur verhält sich die Sache etwas anders, als nicht naturwissenschaftlich Gebildete anzunehmen pflegen.

Die Tarantel (Lycosa tarentula) ist eine einen Zoll lange Spinne mit rothem Bauch und schwarz geflecktem Nacken. Sie findet sich im ganzen südlichen Italien, Spanien und der Berberei. Sie hat, die Größe abgerechnet, das Aussehen der Hausspinne. Ihre Brust sieht aus wie Schildkrot. Die Augen aller anderen Spinnen sind hart, schwarz oder roth, die der Tarantel aber weich und fallen nach dem Tode zusammen, gelblich weiß, glänzend und funkelnd, wie die Augen der Katze bei Nacht. Vier stehen im Viereck und vier kleinere in einer geraden Linie am vorderen Rande der Stirn. Sie gräbt in lehmigen, sumpfigen Boden senkrechte Höhlen, welche sie ganz ausfüllt. Man fängt sie dadurch, daß man einen Stroh- oder Grashalm in ihre Höhle steckt und sie damit kitzelt, worauf sie augenblicklich in denselben beißt und sich so verbeißt, daß man sie damit herausziehen kann. Hauptsächlich ist sie des Nachts thätig und geht dem Fange von Insecten nach. Daß sie auch andere Thiere umbringen soll, ist mir nicht bekannt. Die Tarantel ist leicht reizbar und gleicht in dieser Beziehung dem Scorpion, wird auch in Spanien nebst dem Scorpion weit mehr als alle stechenden Kerbthiere gefürchtet.

Dem Biß der Tarantel folgt ein heftig stechender Schmerz, ähnlich wie dem Bisse einer Hornisse oder Wespe. In kurzer Zeit schwillt der gebissene Theil an, wird roth, die Röthe dunkler und geht zuletzt in Blauroth über. Der Schmerz hält ungefähr zwölf Stunden an, geht aber ohne weitere Folgen vorüber. Gestorben ist noch Niemand davon.

Noch heutigen Tages ist der Aberglaube bezüglich des Taranteltanzes in Spanien, sowohl unter Vornehmen als Geringen, allgemein verbreitet. Die Leute sagen, der von einer Tarantel Gebissene müsse tanzen, er möge wollen oder nicht; und sobald jemand gebissen wird, ruft man einige Musikanten mit Guitarren herbei und läßt sie den Tanz, welchen man Tarantela nennt, spielen. Der Kranke wird aufgefordert zu tanzen, die Musiker spielen den Tanz immer rascher und rascher, und der unglückliche Tänzer macht verzweifelte Sprünge, bis er zuletzt, in Schweiß gebadet, ermüdet hinsinkt.

In der Provinz Murcia hatte ich zuerst Gelegenheit, einen derartigen Taranteltanz mit anzusehen. Der Mann war vor ungefähr einer halben Stunde von der Tarantel gebissen worden. Je eifriger er tanzte, um so aufmunternder erschallten die Beifallsbezeigungen und Aufforderungen der Zuschauer. Ich rief den Kranken zu mir heran, und er leistete ohne Weiteres Folge. Ich unterbrach also seinen Tanz, ohne weitere Folgen, ganz willkürlich. Ich besah mir die gebissene Hand, und da ich beständig etwas Salmiakgeist bei mir führte, so machte ich, ohne ihn weiter zu fragen, einen kleinen Kreuzschnitt in die Geschwulst und rieb ihm etwas Ammoniak ein. Der auf die Operation folgende Schmerz ließ ihn noch einige, wenn auch nicht gerade Tanzsprünge machen, dann aber setzte er sich ruhig hin, und in kurzer Zeit waren die Schmerzenssymptome, sowohl die des Bisses, als die der Operation, verschwunden.

Durch noch einige wiederholte derartige Operationen kam die Tarantela bei dem Landvolke der Provinz Murcia in kurzer Zeit in Mißcredit. Man überzeugte sich bald, das die agua fuerte des deutschen Arztes ganz andere Wirkungen äußere, als die Musik, und zog bald die vernünftig angewandte Arznei dem Mittel vor, welchem nur durch Ueberlieferung des Aberglaubens Jahrhunderte lang sich erhalten hat. Die sogenannten Gebildeten, d. h. die Leute, welche sich zu den Vornehmen zählen, ließen sich freilich von ihrem theurem Wahn nicht so schnell abbringen und widersprachen hartnäckig den Erzählungen, welche ihnen die durch mich Geheilten machten. Auch einige der hochstudirten Señores medicos konnten sich nicht entschließen, an jene neue Heilmethode zu glauben. Sie versicherten, daß das Ammoniak wohl bei Schlangenbissen und Insektenstichen wirksam sei, dagegen aber beim Bisse der Tarantel sicher nichts helfe; da gebe es nur ein einziges Mittel, und dieses wäre eben die Musik und möglicherweise auch das durch den in der glühenden Sonne abgehaltenen Tanz hervorgerufene Schwitzen des Leidenden. Ob diese Herren den Grundsatz unserer Homöopathen „mundus vult decipi“ theilten, oder ob sie, wie diese, von naturgemäßer Behandlung keinen Begriff haben, lasse ich dahingestellt. Uebrigens will ich bemerken, daß auch die wirklichen oder sogenannten Homöopathen, welche Spanien beglücken, bei Tarantelbissen Musik anstatt ihrer sonst gebräuchlichen „Nichtse“ verordnen. Ich theile dies hauptsächlich aus dem Grunde mit, weil ich Herrn Sanitätsrath Arthur Lutze in Cöthen und seine Glaubensgenossen auf dieses von Herrn Medicinalrath Dr. Larius in Madrid, früheren Postsecretair, besonders in Schwung gebrachte Heilmittel aufmerksam gemacht haben will, da es ja doch in Deutschland alle zehn Jahre einmal vorkommt, daß wenigstens ein von der Kreuzotter Gebissener in die Hände der betreffenden Herren Homöopathen fällt. Vielleicht könnte Herr Sanitätsrath Arthur Lutze durch Musik noch größere Wunder bewirken, als durch den in Kisten eingepackten und 20–30 Meilen versandten „starken Willen“.

Dr. med. R. Brehm.