Der Sommertag (Pattberg)

Textdaten
Autor: Auguste Pattberg
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Titel: Der Sommertag
Untertitel:
aus: Frau Auguste Pattberg geb. von Kettner. In: Neue Heidelberger Jahrbücher, Band 6, Seite 105–106
Herausgeber: Reinhold Steig
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Koester
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Erscheinungsort: Heidelberg
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Internet Archive, Commons
Kurzbeschreibung:
Originaltextstelle: Badische Wochenschrift Nr. 12 vom 20. März 1807, Sp. 177–180
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[105]
Der Sommertag.[1]

Auf den Sonntag Lätare, gewöhnlich der Sommertag genannt, gehen an manchen Orten die Mädchen von 6 bis 12 Jahren, mit Kränzen von Buxbaum oder Epheu, mit Blumen und Bändern geziert, im Dorfe, wohl auch auswärts, von Haus zu Haus, und kündigen durch ihren Gesang den Frühling an. Oft wehen noch um diese Zeit die rauhen Stürme des Nords, nicht selten fallen Schneeflocken auf den grünen Kranz, der die Nähe des Frühlings verkünden soll, und die Kinder gehen dennoch, treu der alten Gewohnheit, oft starr von Kälte, umher und singen:

Ja, Ja, Ja,
Der Sommertag ist da!
Er kratzt dem Winter die Augen aus
Und jagt die Bauern zur Stube naus.

Ehdessen gingen alle Mädchen, reich und arm, ohne Unterschied umher, und sangen ihren Mitbewohnern den Frühling an, jetzt aber ist es blos der ärmern Klasse überlassen, und dieser schöne alte Volksgebrauch ist bis zur Bettelei herabgesunken. Folgendes Lied wird am gewöhnlichsten an diesem Tage gesungen:

Heut ist Mitten Fasten,
Da leeren die Bauern die Kasten,
Thun sie die Kasten schon leeren,
Gott will was neues bescheeren,
Im Sommer da deiben die Früchte wohl,
Da kriegen sie Scheuern und Kasten voll.
Wo sind denn unsre Knaben?
Die den Sommertag halfen tragen,
Sie sitzen wohl hinter dem Wengertsberg
Und ruhn ihre zarte Händelein aus;
Wir gehen jetzt in das Wirthshaus,
Da schaut ein Herr zum Fenster heraus,
Er schaut heraus und wieder hinein,
Er schenkt uns was ins Beutelein nein;
Wir wünschen dem Herrn ein goldenen Tisch,
Auf jedem Eck ein backenen Fisch,
Und mitten drein ’nein
Eine Kanne voll Wein
Da kann der Herr recht lustig seyn.

Diese alte Gewohnheit herrscht noch hie und da in einigen Dörfern des Odenwaldes und Neckarthales; seltener ist hingegen der sonderbare Gebrauch, nach [106] welchem die Knaben am Fastnachtsdienstag mit papiernen Kappen auf und hölzernen Säbeln an der Seite, oft auch mit Schnauzbärten im Dorfe herum ziehen, und vor jedem Hause so lange schreien:

Eier raus, Eier raus,
Der Marder ist im Hühnerhaus.

bis man ihnen welche giebt, die sie dann am Abend verzehren oder verkaufen. In dem Ort Neckarelz erhalten sich beide noch bis auf diese Stunde, auch ist dort jährlich eine Volksbelustigung, nämlich

das Eierlesen.

Die jungen Bursche wählen jährlich zwei aus ihrer Mitte, welche sie als Eierleser bestimmen, und zwar jährlich auf den Ostermontag. Die beiden gewählten sind zum Laufe leicht angethan, ohne Brusttuch noch Wams, mit aufgeschürzten Hemdärmeln, weissen Unterkleidern, und um den Kopf und die Lenden tragen sie weisse Binden: jeder hat eine 10 Schuh lange Haselgerte in der Hand: so ziehen sie schon gegen 10 Uhr des Morgens im Dorfe auf und ab, und laden die Einwohner zum Eierlesen ein, welches gegen 2 Uhr anfängt. Jeder von allen ledigen Burschen bringt 3 bis 4 Eier mit auf die Wiesen am Rande des Neckars, alle tragen lange Haselgerten in den Händen, nun bilden sie zwei lange Reihen, in der Mitte derselben werden die Eier, jedes einen Schritt vom andern entfernt, hingelegt; das Loos weisst jedem der beiden Läufer sein Geschäft an, einer derselben muss alle diese Eier, eins nach dem andern, an einen bestimmten Ort zusammentragen, indess der andre nach Neckarzimmern laufen, und von dort einen Weck mitbringen muss. Welcher zuerst vollendet hat, der hat den Preis errungen, ihm gehören die Eier und die Geschenke, die die Zuschauer freiwillig geben. Beinah immer trift es sich, dass beide zugleich vollendet haben, und immer theilen sie Eier und Geschenke, fahren am Abend ihre Mädchen zum Tanze, und machen sich einen frohen Tag. Die bunte Menge der Zuschauer, die selbst aus benachbarten Orten herbeikommen, sucht ihre fernere Unterhaltung beim Tanze oder bei der Flasche. Dieser Tag wird dem Wirth und dem Bäcker oft einer der einträglichsten im Jahre, und hat für manchen Zuschauer den Reiz, den derlei alte Gewohnheiten, trotz ihrer Einförmigkeit, doch immer beibehalten; das oft Gesehene wird jedes Jahr aufs neue wieder angesehen, und diese einfache unschuldige Belustigung lässt nie, wie so manche andre, den Stachel der Reue zurück.

A. P.     

  1. Badische Wochenschrift. Nr. 12. Freitags den 20. März 1807. Sp. 177 bis 180. – Vgl. oben S. 80.