Der Seewicher Pfarr-Kirmesstag

Textdaten
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Autor: Ludwig Storch
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Titel: Der Seewicher Pfarr-Kirmesstag
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9–11, S. 87–90, 97–100, 109–112
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Herzog und Tauben-Jan tauschen am Kirmesstag die Rollen
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[87]

Der Seewicher Pfarr-Kirmesstag.

Ein Bild aus dem thüringischen Volksleben
von
Ludwig Storch.

In einem der niedrigen und flachen Thäler, welche die Vorberge des nordwestlichen Thüringerwaldes eben in nordwestlicher Richtung nach dem Hörselthale zu bilden, liegt in einzelnen von Gärten und Feldern umgebenen Häusern lang hingestreckt das der Welt wenig bekannte Dorf Seebach, von seinen und den Einwohnern der benachbarten Ortschaften nur „die Seewich“ genannt. Es gehört zum ehemaligen Herzogthum Sachsen-Eisenach, seine Flur ist aber ganz von gothaischem Lande umgeben. Nichtsdestoweniger beträgt seine Entfernung von der eisenacher Grenze und bis zum nächsten eisenacher Weiler doch keine volle halbe Stunde, und die gute und loyale Stadt Eisenach, die zweite Stadt des Großherzogthums Sachsen-Weimar ist nur zwei gute Stunden davon gelegen. Von der Anhaltestelle Wutha an der thüringischen Eisenbahn zwischen Eisenach und Gotha erreicht ein rüstiger Fußgänger in einer Stunde landaufwärts das bezeichnete Dorf, da es aber weder Naturschönheiten, noch sonst eine besondere Merkwürdigkeit besitzt, so würde es von Fremden gewiß wenig besucht werden, wenn nicht die Chaussee von dem eine kleine Stunde tiefer im Gebirge gelegenen großen und volkreichen Fabrikort Ruhla und von der thüringer Bahn bei Wutha nach der alten am Fuß des Gebirgs gelegenen kleinen Stadt Waltershausen, berühmt durch ihre trefflichen Fleischer- und Bäckerwaaren, durch das unvergleichliche Felsenkellerbier und die mannigfachen Spielwaaren, durch „die Seewich“ führte. Die paar hundert Bewohner treiben in ziemlich beschränkter Weise Ackerbau und Viehzucht, Obstbau und einige nähren sich von Fabrikarbeiten für die rühler Kaufleute.

Sonst hatte das Dorf etwas Eigenthümliches, die in der Umgegend wohl bekannte und beliebte „Seewicher Pfarrkirmeß,“ und ich weiß in der That nicht, ob sich diese Einrichtung in ihrem schätzenswerthen Charakter erhalten, oder ob die „alles vernichtende und umstürzende Zeit“ auch sie beseitigt hat. – Ein in „der Seewich“ geborner vornehmer und reicher Mann, Leibarzt eines Kurfürsten von Sachsen, und wenn ich nicht irre Sohn eines „Seewicher“ Pfarrers, hatte seines Namens Andenken an das Haus seiner Geburt durch ein originelles Vermächtniß gefesselt und damit den Beweis geliefert, daß er nicht nur selbst eine fröhliche Seele gewesen war, sondern auch das Herz seiner gemüthlichen Landsleute gekannt hatte. Der kurfürstliche Medikus hatte nicht etwa die unentgeltliche [88] Abgabe von irgend wunderthätigen Pillen oder Pulvern an die Bewohner seines Geburtsortes und der Umgegend testirt und das Recept dazu dem jedesmaligen Pastor loci zur Bereitung übergeben; der Pfarrerssohn hatte nicht etwa ein hübsches Kapital ausgesetzt, von dessen Interessen alljährlich den Schulkindern Bibeln, Lesebücher, Schreibpapier, Federn und Bleistifte verabreicht wurden; der Lebemann hatte vielmehr durch ein bedeutendes Legat dafür gesorgt, daß die Leute ein paar Tage fröhlich, recht fröhlich sein sollten. Seine testamentarische Bestimmung lautete nämlich, daß der Pfarrer die Zinsen des eisernen Kapitals beziehen und dafür gehalten sein solle, jedes Jahr den ersten Tag der Kirmeß vom Schluß der Kirche bis Nacht zwölf Uhr Jedermann, weß Standes, Alters und Geschlechts er auch sei, mit gutem Kuchen und Bier, so viel der Gast essen und trinken wolle, zu traktiren. Es war genau angegeben, was der Testator unter gutem Kuchen und gutem Bier verstanden wissen wollte, und Schultheiß und Gemeindeschöppen waren bestellt, die Qualität der benannten Lebensmittel und die Bewirthung von Seiten des Pfarrers zu controliren. Im Fall dieser nach dreimaliger Erinnerung und gerichtlichem Entscheid es an Etwas fehlen lasse, sollten die Zinsen des Kapitals zu Gemeindebestem verwendet werden. Natürlich hüteten sich die Pfarrer wohl die Unzufriedenheit ihrer Kirmeßgäste zu erregen; denn so viel Kuchen und Bier auch an diesem Tage verzehrt werden mochten, so blieb doch noch eine sehr erkleckliche Summe von den Zinsen zu ihrer eigenen Kirmeßfreude übrig, die – und das war das Schönste an der Sache – das ganze Jahr hindurch dauerte.

Gegen Ende der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war ein sehr jovialer Mann minister sacri officii in Seebach, ein geistig Verwandter des würdigen Testators und deshalb vor all seinen Vorgängern im Amte befähigt den wahren Sinn des Legats zu begreifen und zu verwirklichen, nämlich seine Gäste froh und glücklich zu machen. Der Pfarrer Kurts war weder ein Pietist, noch ein Mystiker, weder ein Freigeist noch ein speculativer Philosoph; er war ein tüchtiger poetischer Mensch mit manchen Ecken und Eigenthümlichkeiten und ein liebenswürdiger Gesellschafter, der keinen Spaß verdarb. Auffallender Weise hatte er den zweiten Theil des Gebots: „Ein Priester soll unsträflich sein, eines Weibes Mann,“ nicht erfüllt; er war unverheirathet. Bald nach dem Antritt seines Amtes hatte er an seiner verlobten Braut noch zur rechten Zeit eine schreckliche Entdeckung gemacht; seit jener Zeit konnte er ein menschliches Wesen generis feminini nicht wohl um sich leiden, so höflich und freundlich er sonst auch die Frauen behandelte, sich in Gesellschaft mit ihnen unterhielt und sogar mit ihnen scherzte. Seine Bedienung bestand aus einem willigen und gelehrigen Bauernburschen, der allmälig alle weiblichen Hausarbeiten verrichten gelernt hatte und mit der Zeit sogar ein guter Koch geworden war. Der Pfarrer lernte mit dem Burschen, und beide arbeiteten in Haus, Stall und Feld oft gemeinschaftlich. Die Sache wäre auch recht gut gegangen. denn die beiden Wirthschafter hatten doch das ganze Jahr hindurch – einen Tag ausgenommen – nur für sich selbst zu sorgen, und wie sie’s trieben und ausrichteten, so hatten sie’s selbst zu genießen. Aber gerade dieser eine Tag, dieser Pfarrkirmeßtag verrückte ihnen das Concept. Da mußten viele, sehr viele Kuchen gebacken und sehr viel Bier gebraut werden, und der Pfarrer machte einen Ehrenpunkt daraus, daß beides vortrefflich sei. Anfangs behalf er sich mit einer ledigen Schwester, dann mit einer andern Verwandten, weiter mit einer Fremden; er hatte nur Aerger und Verdruß davon. Dies brachte ihn endlich auf den Gedanken die Bäckerei und Brauerei mit seinem Christian selbst in die Hand zu nehmen und zu betreiben, wie seine übrige Wirthschaft. Gedacht gethan! Der erste Versuch fiel über alle Erwartung glücklich aus, und als der geistliche Herr einmal eingesehen hatte, daß Kuchenbacken und Bierbrauen so wenig ein Hexenwerk sei, wie ein Gemüße kochen, einen Braten braten oder ein Kind taufen, ein Brautpaar copuliren und das Sonntagsevangelium in der Predigt auslegen, so folgten dem ersten Schritt auf der neuen Bahn bald andere, und an der nächsten Kirmeß konnte der Herr Pastor seine Gäste mit vorzüglich delikatem Kuchen, den er selbst zubereitet und gebacken, und mit einem feinen Biere, das er selbst gebraut, bewirthen. Dieser Umstand, der natürlich nicht verschwiegen blieb, lockte in den folgenden Jahren immer mehr „Zuspruch“ in das „Seewicher“ Pfarrhaus; denn jedermann in der Umgegend wollte des Pfarrers „guten“ Kuchen und „gutes“ Bier kosten, und der Pfarrkirmeßtag wurde jedes Jahr mehr ein Freudenfest, an welchem sich Hunderte aus der Umgegend betheiligten. Der Pfarrer wäre endlich in Gefahr gekommen, die ganzen Interessen des Kapitals zu verbacken und zu verbrauen, ja wohl gar noch von seiner eigentlichen Besoldung drauf zu legen, wenn ihm aus der Sache selbst nicht eine neue und für einen Seelsorger allerdings eigenthümliche Erwerbsquelle entsprungen wäre. Ehrn Kurts fand nämlich je mehr er buk und je besser ihm das Backen gelang, desto größeres Wohlgefallen an dieser zweifelsohne freundlichen und angenehmen Beschäftigung. Aus Büchern konnte er sich gerade nicht sonderlich viel machen; er hatte noch vom Gymnasium her eine Art Widerwillen gegen sie, und viel Studiren machte ihm stets Kopfweh, er extemporirte deshalb alle seine Predigten. Mit seiner kleinen Land- und Hauswirthschaft war er bald fertig. Da wurde ihm denn das Backen zum schönsten Zeitvertreib und gar bald zur Leidenschaft. Anfangs trat der Befriedigung derselben ein großes Hinderniß entgegen. Was sollte er mit all’ dem Kuchen und andern feinen Backwaaren anfangen? Er konnte doch nicht Alles, war er Jahr ein Jahr aus buk bis zur Kirmeß aufheben! Er konnte doch nicht alle Woche einmal Kirmeß halten! Christian’s Genie besiegte dieses Hindernis. Der brave Knecht hatte nämlich eine Schwester in Eisenach an einen Handarbeiter verheirathet. Die wohnte draußen in der Vorstadt Ehrensteig und war eine Obsthökerin. Als Victualienhändlerin durfte sie auch mit Backwerk handeln. Ihr wurden die schmackhaften Erzeugnisse des theologischen Backtroges in Commission gegeben, und die betriebsame Frau machte bald glänzende Geschäfte damit. Sie vertrieb die Butterkräpfel und Zuckerbrezeln sowohl in der Stadt, als auch in der Ruhl mit gutem Gewinn und trug dafür jede Woche schönes Geld in die „Seewicher“ Pfarre. Geld bringt Muth; guter Erfolg feuert an. Der Pfarrer machte Fortschritte in der Kunst; er buk Pfeffernüsse, Pfefferscheiben, Honig- und Lebkuchen trotz einem braunschweiger Bäcker, und die [89] Nachfrage stieg. Andre Hökerinnen hatten das Geheimniß bald ausgewittert und bestürmten den fleißigen Pfarrer. Nach ein paar Jahren war er der vollendetste Kuchenbäcker, und seine süße Waare die gesuchteste in einem gar nicht unbedeutenden Umkreise. Zu Weihnachten konnte er nicht genug arbeiten, um alle Bestellungen zu befriedigen, und sein Backofen war Tag und Nacht geheizt. Des Pfarrers Fleiß belohnte sich; er wurde durch die Bäckerei ein wohlhabender Mann. Ein glücklicher war er ebenfalls; denn er hatte niemals Langeweile. Alle Frauen, Kinder und Schmeckmäuler in der nahen Ruhl und in Eisenach liebten und ehrten ihn als eins der nützlichsten Mitglieder der menschlichen Gesellschaft. Nicht selten fanden zahlreiche Wallfahrten nach dem Seewicher Pfarrhause statt, wo, wenn auch nicht die Fleischtöpfe Aegyptens, doch die Kuchenkörbe des gelobten Landes standen, wo Milch und Honig zwar nicht floß, aber doch in Kuchen gemengt und verbacken wurden. Wenn Pfarrer Kurts mit seinen heiligen Händen den Teig geknetet und aufgerollt hatte, band er sich die weiße Bäckerschürze ab und zog den schwarzen Priesterrock an und spendete mit denselben Händen seiner Gemeinde den Leib des Herrn, den er selbst gebacken, oder goß einem Täufling das geweihte Bad auf die kleine Stirn, oder wendete die Blätter des Buchs aller Bücher und erklärte mit beredtem Munde seiner andächtigen Gemeinde den Text. Er ertheilte gleich freigebig den Segen und Pfeffernüsse, beide sein Werk; und konnte mit Recht sagen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn ihnen ist das Himmelreich!

Ehrn Kurts war nicht weniger als ein geiziger Mann. Da er Geld verdiente, ließ er Geld aufgehen, und da der Pfarrkirmeßtag die Quelle seines Verdienstes und seines Glückes war, so machte er ihn auch zum Feste seiner Lust. Kein Schulz oder Gemeindeschöpp brauchte den fröhlichen Pfarrer zu controliren; er buk die feinsten Kuchen aller Art in Fülle; er braute mehr als ein Gebräu prächtiges Doppelbier; er ging noch weiter und lud sich ihm anständige Gäste zu seiner großen Mittagstafel, die dann vollwichtiges Zeugniß ablegte auch von seiner culinarischen Kunst.

Da hätte man denn am ersten Kirmeßtage früh die Wallfahrt nach der Seewicher Kirche sehen sollen. Auf allen Wegen und Stegen zogen sie herbei in hellen geputzten Haufen, und bald konnte in der Kirche kein Apfel zur Erde kommen, so standen sie aneinander gedrängt, begierig das Himmelsmanna aus des Pfarrers Mund zu genießen. Des Kuchens und Biers wegen, der Späse, Possen, Alfanzereien, Neckereien und lustigen Schwänke, die hernach im Pfarrhause, auf dessen Hofe und auf der Straße vor der geistlichen Wohnung zu genießen waren, kam freilich kein Mensch. Wenn der fromme Mann die Zuhörer nun mit dem süßen Himmelsbrot gespeist hatte, so zogen sie lustig und guter Dinge ihm nach und bald glich sein sonst so stilles Haus einem Lustlager. Hinein konnten natürlich nicht alle. Aber auch in der Scheuer, auf dem Hofe, im Garten waren Tafeln und Bänke improvisirt und standen Tische mit Kuchen, lagen Fässer voll Bier, und Jeder konnte sich zulangen so oft und so lang ihm beliebte.

Der Seewicher Pfarrkirmeßtag wurde dadurch berühmt. Nicht wenig trugen dazu die Bewohner der nahen Ruhl bei, Handelsleute, Messer- und Schnallenschmiede, ein ungemein lustiges Völkchen und stets zu allen nur erdenklichen Scherzen und Possen aufgelegt.

Wer nicht wegen Speis und Trank in die Seewicher Pfarre zur Kirmeß ging, der ging der Ruhler Narrenspossen wegen hin, die an diesem Tage dort in möglichst großer Anzahl losgelassen wurden, und Jedermann war überzeugt, daß er dort einige Stunden lang angenehm unterhalten werden würde.


Der damalige Herzog von Sachen- Eisenach Wilhelm Heinrich, war ein eigenthümlich lustiger Herr, wie viele fürstliche Herren jener Zeit. Obgleich schon ein Mann in den vierziger Jahren, hatte er doch alle Angewöhnungen und vielbewunderten Eigenschaften eines „charmanten“ Prinzen beibehalten. Er ritt den Bauern durch die Saatfelder, prügelte sie selbst zu seinem allerhöchsten Vergnügen mit der Hetzpeitsche, überritt die Kinder seines Landes auf offner Straße, zwang die jungen hübschen Weiber und Töchter seiner Bürger und Bauern ihm vertrauliche Besuche zu machen oder ihm kleine Stelldichein zu geben, lag oft Wochen lang in Wäldern und Feldern dem edlen Waidwerk ob, hielt dann wieder wochenlange fröhliche Hofgelage, zankte sich zuweilen mit seinem hochfürstlichen Ehegespons bis zum Prügeln, ja man behauptete, seine erste Gemahlin sei in Folge übler Behandlung von Seiten des regierenden Herrn in dem einsamen Jagdhause Wintershausen im Gebirg, wohin er sie verbannt hatte, verzweiflungsvoll gestorben. Regierender Herr! Unbewußte köstliche Ironie in diesem Namen! Vom Nichtregieren so benannt, wie lucus a non lucendo. Herzog Wilhelm Heinrich bekümmerte sich den Teufel um die Regierung seines Ländchens. Er that weiter nichts als dasselbe bis auf’s Blut aussaugen, enorme Schulden machen und das Geld auf alle nur erdenkliche lüderliche und nichtswürdige Weise todt schlagen. In sehr glückliche Mischung vereinigte sich in ihm die Copie eines französischen fürstlichen Wüstlings jener Zeit, d. h. nach jener Seite hin war er ein Affe Ludwig’s XIV., nach dieser ein Bär. Zuweilen betrug er sich jedoch so unsinnig, daß ihn die Leute für nichts weiter als einen halbverrückten Narren hielten. Dies hielt sie jedoch nicht ab, sich jede Unwürdigkeit von ihm gefallen zu lassen und mit der allerunterthänigsten Ehrerbietung entgegen zu nehmen. So liebte er unter vielen andern hochfürstlichen Plaisanterien auch die Musik und übte sie selbst aus, d. h. er trommelte sehr gut und schlug bei Aufführung großer Kirchenmusiken die Pauken vortrefflich. Eine besondere Inklination trug er für den Gebirgs- und Fabrikort Ruhla, dessen eine Hälfte ihm gehörte, während die andre Hälfte, wie noch heute, gothaisch war. Die Ruhler Fabrikarbeiter waren stets gute Musikanten; es gab ihrer wenige, die nicht ein Instrument und in der Regel mit meisterhafter Fertigkeit spielten. Auf Befehl des Herzogs mußten seine Unterthanen oft Kirchenmusiken aufführen, wobei er die Pauken schlug. Dazu lagen aber einige Duzend Schlägel bereit. Seine hochfürstliche Durchlaucht machte sich nämlich das allerdings sehr sonderbare Vergnügen während der Musik und des Gesangs der Gemeinde dann und wann vom hohen Chor aus einen Paukenschlägel auf die hohe und steife Hörnerkappe der einen und der andern hübschen Frau unten im Schiff der Kirche zu schleudern, und es schien fast, als ob der Paukenschlägel aus seiner hohen Hand dieselbe [90] Bedeutung für die Gebirgsschönen habe, wie das Schnupftuch aus der Hand eines orientalischen Herrschers für die Damen des Harem. Zuweilen sausten die Schlägel in so schneller Folge zur größten Belustigung Sr. Durchlaucht und zum Schrecken der armen Weiber von oben herab auf die Köpfe der letztern, daß der hohe Musikant keine zum Pauken übrig behielt, und der Kirchendiener sie auflesen und dem allergnädigsten Herrn zum anderweitigen Gebrauch überreichen mußte.

Seine menus-plaisirs waren nicht immer so harmloser Natur. Zuweilen ließ er einen in flagranti erwischten Wilddieb auf das Geweih eines großen Hirsches schmieden und so zu Tode schleifen und hungern. Nichts verzieh er weniger als einen Wilddiebstahl; denn er lebte der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß der liebe Herrgott das Wild nur geschaffen habe, damit es fürstliche Personen und deren Förster schießen sollten.

[97] Zu den großen Liebhabereien des fürstlichen Herrn und Gebieters von Eisenach gehörten außer den Pferden und Hunden, die sich gleichsam von selbst verstanden, die Haushähne, die Tauben und die Finken. Die Leidenschaft für diese gefiederten zweibeinigen Erdenbewohner hatte er als junger Prinz schon in der Ruhl eingesogen; denn zu den vielen Eigenthümlichkeiten dieses reichbelebten Thalortes gehörte auch die Leidenschaft für die genannten Vögel und zwar in einer Stärke, von der man in unsrer blasirten Zeit keine Vorstellung mehr hat. Es gab da Messerschmiede, welche für einen gut eingelernten Finken mit Freuden eine gut milchende Kuh hingaben. Schöne Tauben zu haben war gewissermaßen die beste Bürgschaft für den guten Ruf eines Mannes. Ein Messer- oder Schnallenschmied mit einem Taubenhause voll ausgezeichneter Tauben galt für einen ehrenwerthen, rechtschaffnen und solventen Mann, und wer dazu noch einen oder ein paar prächtige Kampfhähne hatte, stand gewiß im hohen Ansehen in den drei Gemeinden des Orts. Wer einen rechten „Beißer“ besaß, durfte so stolz darauf sein, wie nimmer auf ein eignes und wenn noch so hohes Verdienst. Sonnabends Nachmittag, wenn in allen Werkstätten Feierabend gemacht war, kamen die ehrenwerthen rusigen Schmiede mit ihren Hähnen, die kurz vorher mit in Brandwein eingeweichten Gerstenkörnern gefüttert und dadurch zwiefach hitzig gemacht worden waren, an gewissen Plätzen zusammen. Die Thiere wurden auf einander losgelassen und nun ging zum höchsten Ergötzen der zahlreichen Zuschauerschaft die Beißerei los, die nicht selten damit endigte, daß einer der Hähne todt auf dem Platze liegen blieb. Man war daran gewöhnt, erst den Erbprinzen und später den Herzog zuweilen unter diesen Zuschauern zu sehen, und in der That ergötzte sich der hohe Herr nicht minder an dem Straßenschauspiel wie der geringste Messerschmiedslehrjunge.

In Bezug auf den Herzog hatte die Ruhl noch eine andre Merkwürdigkeit, nämlich einen Mann, welcher eine überraschende Aehnlichkeit mit Sr. Durchlaucht hatte. Es war dies der Schalenschneider Johann Christian Gößel, in der Ruhl nur mit seinem Spitznamen „Tauben-Jan“ benannt, den er von seiner großen gleichsam sein ganzes Leben aufzehrenden Leidenschaft für die Tauben erhalten [98] hatte. Sein Geschäft bestand darin, aus Knochen, Hirschhorn und Holz die Schalen für die Messer- und Gabelgriffe zu schneiden und an das Heft fest zu nieten; aber Jan war in der That wenig bei dieser Arbeit zu finden. Seine Frau und seine einzige Tochter, zwei thätige Frauenzimmer, verdienten mit Putzen und Vollenden der Waare mehr als der kleine mäßig lebende Haushalt bedurfte, und so konnte Meister Jan ebenso noch als ein hoher Vierziger seinem Lieblingsvergnügen, den Tauben, nachgehen, wie er ihm schon als Knabe nachgelaufen war. Von Mittag und nicht gerade selten sogar vom frühen Morgen an sahen die Bewohner des Thals, abwechselnd die eisenacher und die gothaer Unterthanen den guten Tauben-Jan bald durch die langen Straßen des Orts rennen, bald an den Bergwänden emporklimmen, bald oben auf den Bergkanten trotten, bald in den Büschen der Thalwiesen herumkriechen, wie es gerade die ausgeflogenen Tauben erheischten. Sein An- und Aufzug war dabei sehr originell und einfach. Auf dem grausen Blondkopf trug er entweder eine stahlgraue übergeschlagne wollene Sackmütze oder er war barhäuptig; ein schmutziges Hemd mit dem Schlitz auf dem sonnenverbrannten breiten Rücken und ein paar sehr alte und vor Schmutz gleisende schaflederne kurze Hosen, die allein von den Hüften und im Nothfall von seinen Händen gehalten wurden, machten seine ganze Bekleidung aus. Zuweilen kamen noch ein paar alte Pantoffeln oder Schlumpschuhe hinzu, in der Regel lief er aber eben so mit bloßen Füßen, wie mit bloßen Beinen. Unter seinem linken Arme vermißte man aber niemals das lange schwarze Blasrohr mit hörnernem Mundstück, die Meisterarbeit eines Drechslers. Alle Jungen im Orte versicherten einander mit wichtigen und geheimnißvollen Mienen, Jan’s Blasrohr sei inwendig mit Maulwurfsfellchen gefüttert. Dies war nun zwar nicht der Fall, aber diese mythische Angabe bewieß hinlänglich, in welchen hohen Ehren dieses Instrument oder Gewehr bei der ganzen Dorfjugend stand und von welchem Werthe es war. Es gab in der That kein zweites so im Orte, obgleich der Taubenliebhaber und Züchter und folglich auch der Blasröhre noch sehr viele. Die Hosentasche Jan’s war ganz mit thönernen Kugeln angefüllt, die zu Hause mit der Kugelzange zu formen seine Hauptbeschäftigung war. Seine großen grauen Augen waren während seines Marsches immer nur auf die Giebel und Dachfirste der Häuser, auf die Ausgänge und Stangen der Taubenschläge gerichtet, und er hatte selten für einen andern Gegenstand als Tauben einen und dann gewiß nur gleichgültigen Blick. Im Uebrigen war Jan ein kerngesunder prächtiger Mensch mit einem dunkelbraunen Vollmondsgesicht, das nun eben mit dem des Herzogs in einer Form abgedruckt zu sein schien.

Aber die Aehnlichkeit der beiden Männer bezog sich nicht allein auf die Gesichtszüge, auf Farbe und Ausdruck der Augen, des Haars, der Leibesgestalt und Haltung, sie fand auch hinsichtlich der Neigungen und Leidenschaften und ihres Ausdrucks in Stimme und Geberde statt. Wie der Herzog neben der Jagd, den Pferden und Hunden, die Tauben, die Hähne und die Finken liebte, so liebte Jan neben den Tauben, Hähnen und Finken auch noch die Jagd, Pferde und Hunde und das stärkere Hervortreten der einen oder der andern Neigung bei dem Fürsten und dem Schalenschneider war offenbar nur von ihren so sehr verschiedenen Lebensverhältnissen bedingt. Man gab dem trefflichen Blasrohrschützen Tauben-Jan nicht mit Unrecht Schuld, daß er auch eine gezogene Jagdflinte mit derselben Sicherheit zu handhaben wisse und das stählerne Rohr in seiner Hand eben so wenig sein Ziel verfehle, wie das hölzerne. Er stand mit einem Worte im Geruch ein Wilddieb zu sein. Das Halten der Hunde verleidete ihm die unermüdliche Zanksucht seiner Ehehälfte, welche, so oft er auch ein so schmuckes Vieh in’s Haus gebracht hatte, es immer wieder hinausgebissen oder ihm nichts zu fressen gegeben hatte, und Jan war schlechterdings nicht im Stande, ein solches aus eignen Mitteln auf die Dauer zu ernähren.

Es gab Leute, welche die Aehnlichkeit Tauben-Jan’s mit dem Herzog auf eine sehr natürliche Weise erklären wollten, doch flüsterten sie allemal und sahen sich scheu um, wenn sie davon sprachen.

Der Herzog kannte sein Ebenbild persönlich und war in Bezug auf Tauben einige Mal mit Jan in persönliche Berührung gekommen; aber sei es, daß die Aehnlichkeit des gemeinen Mannes etwas Unheimliches für den Fürsten hatte, sei es, daß die sein hohes Ohr mehr als einmal berührende Kunde von Jan’s gesetzwidrigen Spaziergängen auf den Wildbahnen ihn erbitterte, genug er näherte sich dem berühmten Taubenliebhaber nicht mehr. Ja im Geheim gab er seinem Unterförster Voigt auf dem Heil’genstein, einem jungen tüchtigen Jäger, Auftrag, sich mit Tauben-Jan zu befreunden, ihn in seinem eignen Hause zu umlauern und es auf diese Weise zu bemöglichen, daß der Wilderer einmal auf dem eisenach’schen Revier gefangen werde. Jan war nämlich ein gothaischer Unterthan, und mit den gothaischen Gerichten hatte Herzog Wilhelm Heinrich eben so wenig wie mit dem feinen gothaischen Hofe gern etwas zu thun. – Dieser Befehl des Herzogs hatte den Unterförster aber auf einen Weg geführt, der keineswegs in der Absicht seines Herrn gelegen, nämlich auf den Weg in das unbewachte Herzchen des schönen schlanken Marielieschens, Tauben-Jan’s einziger Tochter. Und als der stattliche Waidmann erst einmal drinne saß, konnte er nicht wieder heraus, obwohl er sehr gut wußte, daß der Herzog dazu nimmermehr Ja und Amen sagen würde. Natürlicher Weise lag dem Unterförster daran, daß Jan nicht auf dem Revier erwischt werde, und statt seines bösen Dämons, wozu ihn der Herzog bestellt, wurde er Jan’s guter Genius, der ihm durch Marielieschens kleinen rothen Mund zur rechten Stunde manche gute Warnung zukommen ließ. Es versteht sich von selbst, daß der grünberockte Genius dafür von demselben rothen Munde gebührend belobt und belohnt wurde.

Jan kannte das Verhältniß seines Kindes mit dem Unterförster, bekümmerte sich aber nicht darum, wie überhaupt um nichts, was in seinem Hause vorging. Er überließ das wie alle häuslichen Angelegenheiten seiner Frau und ging wie immer seinen Tauben nach.


Die Seewicher Kirmeß war wieder vor der Thür, und man sprach viel davon, daß die Ruhler diesmal eine absonderliche Mummerei veranstalten würden.

Sonnabends vorher, als nach dem Feierabend die sorgsame Tochter mit dem Scheuern des Hauses eben fertig war und die Herbstnacht sich schon dunkel in’s Thal gesenkt hatte, trat der Unterförster plötzlich in das spärlich [99] erleuchtete Stübchen zu dem flinken Mädchen. Nach der ersten einfachen und herzlichen gegenseitigen Begrüßung sagte er leise: „Mein Schätzchen, ich muß Dir etwas anvertrauen, aber Du darfst es bei Leib und Leben nicht verrathen.“

„Da hast Du meine Hand drauf!“ versetzte Marielieschen treuherzig.

„Der Teufel mag wissen, was der Herzog mit Deinem Vater vor hat, aber etwas Gutes ist’s gewiß nicht.“

Das Mädchen erschrack.

„Heute war ich mit dem Herrn auf der Jagd. Als abgeblasen war und ich Urlaub nehmen wollte, sagte er zu mir: wart’ bis zuletzt, ich will Dir etwas mitgeben. Ich wartete. Da zog er ein zusammengeschlagenes Papier hervor, worin augenscheinlich irgend ein Pulver und sagte: das trägst Du diesen Abend noch nach Hucherode zum Gutsbesitzer Werneburg und sprichst hier wäre das Pulver für den Tauben-Jan; er soll’s ihm in Schnaps eingeben: Das Uebrige bleibe bei der Verabredung.“

„Großer Schöpfer“ seufzte Marieliese, „will denn der Herzog meinen Vater vergiften lassen?“

„Ah bah! das glaub’ ich nicht,“ meinte der Unterförster. „Dahinter steckt etwas Anderes.“

„Aber mein Vater ist ja doch nicht krank, daß er ein Pulver einzunehmen brauchte, und wenn er’s wäre, so wäre ja der Herzog kein Doktor, und warum soll ihm nur Herr Werneburg in Hucherode das Pulver eingeben?“

„Das sind ja eben die wunderlichen Räthsel, über denen ich mir den ganzen Weg über den Kopf zerbrochen habe. Herr Werneburg sagte weiter nichts, als: er werde es bestens besorgen. Da war ich so klug als vorher. Und fragen durfte ich natürlich nicht. – Du hast jetzt weiter nichts zu thun, als Deinen Vater zu warnen, daß er von Herrn Werneburg keinen Schnaps annimmt, wenigstens keinen, der nicht hell und klar wie Quellwasser aussieht.“ –

Marielieschen konnte die Nacht über vor Kummer und Neugierde, was es doch mit dem herzoglichen Pulver für eine Bewandtniß haben möchte, fast kein Auge schließen, und als sie am folgenden Morgen mit ihrer Mutter aus der Kirche heimkehrte und den ihr wohlbekannten Werneburg von Hucherode auf der Bank vor ihrer Hausthür auf ihren Vater wartend sitzen sah, entfärbte sie sich und zitterte.

Herr Werneburg, ein stattlicher Mann, war Besitzer des kleinen Landguts Hucherode, das eine gute Viertelstunde von Seebach westlich einsam in einem Thalgrund liegt, und eben auch ein großer Taubenliebhaber, der schon oft schöne Exemplare von Jan eingetauscht oder gekauft hatte. Auch heute kam er mit dem Vorwande, ob Meister Jan nicht etwas hübsches Neues habe; er habe diesen Morgen Geschäfte in der Ruhl gehabt, da sei ihm eingefallen, auch einmal hier zuzusprechen und sich Jan’s Taubenschlag zu besehen.

Jan fühlte sich sehr geschmeichelt und geehrt und war eben im Begriff, seinen „Zuspruch“ auf den Boden zu führen, als die Tochter ihn in die Küche rief und hier leise, bleich und mit bebenden Lippen beschwor, ja keinen Brandwein mit Herrn Werneburg zu trinken; sein Leben hange davon ab; sie aber auch nicht zu verrathen, daß sie ihn gewarnt. Jan war über des Mädchens Wesen und Rede doch betroffen. Inzwischen fiel es Werneburg nicht ein, ihm Schnaps anzubieten, vielmehr handelte er ihm zwei Paar prächtige „Sperberköpfe“ für einen hohen Preis ab. „Wißt Ihr was, Jan,“ sagte er nur so leicht hin, „ich kann die Tauben heute nicht mitnehmen. Auch wißt Ihr sie besser zu transportiren als ich. Ihr könnt sie mir morgen Nachmittag bringen. Ich laß mir’s auf ein Kopfstück Trinkgeld und ein gutes Abendbrot mit Doppelbier und Brandwein nicht ankommen. Na und Ihr geht ja doch wohl den Dienstag früh in die Seebach zur Kirmeß, da könnt Ihr die Nacht in Hucherode schlafen; wir halten erst eine kleine Vorkirmeß und gehen dann früh zusammen hinüber in die Kirche und zum Pfarrer.“

Das waren allerdings sehr lockende Anerbietungen für Jan. Der Gutsbesitzer hielt die Hand hin und sagte dringend: „Schlagt ein, daß Ihr morgen Abend kommen wollt! Ich zahl’ Euch eher keinen Pfennig, und wenn Ihr morgen Abend nicht kommt, gilt der Handel nicht. Kommt Ihr aber, so geb’ ich noch ein Paar von meinen schönsten Tauben drein, die Ihr Euch aussuchen sollt.“

Jan schlug schmunzelnd ein.

Erst als Werneburg fort war, fiel dem Taubenheger das eigenthümliche Drängen desselben auf, und er fragte nun Marielieschen aus, was sie denn nur mit ihrer seltsamen Warnung wolle. Sie wußte sich nicht anders zu helfen, als daß sie vorgab, sie habe einen bösen Traum gehabt, wenn ihr Vater einen dunkelgefärbten Schnaps mit Werneburg tränke, so koste es ihm das Leben. Das zog bei Jan, denn er war sehr abergläubisch, und er nahm sich vor in Hucherode vorsichtig zu sein.


Am Montag Nachmittag trabte Tauben-Jan im Sonntagsstaat, dunkelgrünen Manchesternen Kniehosen, blauwollnen langen Strümpfen, Schnallschuhen, kurzer blauer Jacke mit Zinnknöpfen, rother Tuchweste, buntem Kattunhalstuch und wollner Sackmütze, thalabwärts, in der einen Hand das berühmte Blasrohr, in der andern ein zusammengebundenes weißes Tuch mit den Tauben. Er war heiter und guten Muths und gedachte auf der kleinen Reise manche hübsche geflügelte Eroberung zu machen.

In Hucherode wurde Jan sehr freundlich aufgenommen. Bald stand eine Knackwurst und eine Bulle mit dunkelrothem Brandwein vor ihm auf dem Tische, und Herr Werneburg nöthigte zum Essen und zum Trinken. Der Schnaps wurde in ein Kelchglas gefüllt und dem Taubenzüchter präsentirt. Dem fiel aber plötzlich der Traum seines Kindes ein, und die Zunge im Halse wurde ihm kalt vor Schrecken. Doch nahm er sich zusammen und ließ sich nichts abmerken.

„Ah, Sie haben mir da einen Abgezogenen eingeschenkt, Herr Werneburg.“

„Es ist ein Kirschen, etwas ganz Vorzügliches. Trinkt das Glas aus, Jan!“

„Wollen Sie mir nicht zutrinken, Herr Werneburg?“

„Es ist jetzt meine Zeit nicht. Ich trinke nur zum Frühstück Brandwein. Doch will ich Euch ein wenig Bescheid thun.“

Jan sah genau, daß der Hauswirth nur ein Weniges abschlürfte und dieses im Umdrehen wieder ausspuckte. Nun wußte er genug.

„Und ich habe vorhin auf dem Heil’genstein erst ein Viertelchen getrunken“ sagte er gleichgültig. „Da’s aber [100] etwas so Gutes ist, will ich’s nachher vor Schlafengehen zu mir nehmen. Da schlaf’ ich gut drauf.“

„Thut das, Meister Jan!“ lächelte der Andre.

Jan ließ sich’s schmecken und schwatzte dazu nach Herzenslust von seinen Tauben. Hatte ihn doch der Traum seiner Tochter nur vor dem gefärbten Brandwein gewarnt. Was es eigentlich damit sollte, darüber zerbrach er sich den Kopf auch nicht. Er ließ es eben an seinen Ort gestellt sein. Jan war eine glückliche Natur. Was er nicht begriff – und er begriff in der That nicht viel – das ließ er bei Seite liegen.

Bei der ersten Gelegenheit, als er sich von den Leuten in der Stube unbemerkt sah, goß er das eingeschenkte Glas Brandwein zum Fenster hinaus und stellte sich dann als habe er es ausgetrunken; und als ihn Herr Werneburg in die Schlafkammer führte, nahm er schmunzelnd die Schnapsflasche, mitsagend: der Kirschen schmecke ihm zu gut, er werde die Flasche austrinken, wenn er im Bette liege, dann könne der Rausch kommen, er sei ja in Nummer-Sicher. Der Hauswirth belobte diesen Entschluß und wünschte ihm gute Nacht. Jan goß den Inhalt der Flasche aus, sobald er sich allein sah, nahm für alle Fälle seinen scharfen Schnitzer mit in’s Bett und schnarchte schon nach wenigen Augenblicken.

Als er erwachte war’s schon heller Tag und er bemerkte zu seiner Verwundrung, daß seine Kleider nicht mehr auf dem Schemel vor dem Bette lagen, wohin er sie gelegt. Er brachte diesen seltsamen Umstand mit dem rothen Brandwein in Verbindung und beschloß bei sich, sich noch eine Zeit lang schlafend zu stellen, ob er nicht einen Aufschluß erhorchen möchte. Seine Hoffnung wurde erfüllt. Herr Werneburg war eben aufgestanden und kam mit dem Großknecht in die Kammer. „Wahrlich!“ sagte er lachend, „Du hast Recht, der Kerl hat die ganze Bulle ausgesoffen. Na der schläft uns sicher bis morgen und wird schöne Augen machen, wenn er die Pfarrkirmeß verschlafen hat. Räuchere die Lumpen mit Wachholdern aus. Se. Durchlaucht wird nicht lange auf sich warten lassen.“ – Damit gingen sie lachend. Einigen Aufschluß hatte Jan nun schon. In dem rothen Brandwein war ein Schlaftrunk gewesen. Nicht lange, und Alles sollte ihm klar werden. Noch hatte er keine Stunde still gelegen, als er Pferdegetrab vernahm. Vorsichtig lugte er aus der Ecke des Fensters hinaus. Es war der Herzog, den Werneburg ehrerbietig bewillkommte.

„Ist der Kerl da?“ fragte der Fürst.

„Jawohl und hat die ganze Portion eingenommen. Er schläft wie ein Dachs.“ – Sie gingen in’s Haus. Jan lag wieder eine Stunde wie auf Kohlen; ihm hungerte und durstete, und aus manchen Tönen, die an sein scharfes Ohr drangen, merkte er, daß gefrühstückt wurde. Er mußte aber aushalten. Endlich hörte er, wie die Hausbewohner allmälig aufbrachen, um hinüber in’s Dorf zur Kirmeßkirche zu gehen. Jan lugte hinter her und sah mit lächelnder Befriedigung sich selbst neben Herrn Werneburg dahin wandern, das Blasrohr unter dem Arm. Nun blieb ihm kein Zweifel mehr. Der Herzog wollte als Tauben-Jan die Pfarrkirmeß besuchen, um irgend eine Schelmerei zu treiben, und ihm, dem wirklichen Jan, war aus zwiefachem Grunde der Schlaftrunk bereitet worden: erstlich damit nicht zwei Jane in der Seewicher Pfarre auftreten sollten, und dann, damit der Herzog in seinen (Jan’s) Kleidern und mit dem Blasrohr dort erscheinen könne. Jan war keineswegs der Mann, der auch nur im Mindesten gewillt sein konnte, sich des Herzogs wegen, der ja nicht einmal sein Landesherr war, das ersehnte Kirmeßvergnügen abschneiden zu lassen oder vielmehr freiwillig aufzugeben und sich den ganzen Tag über im Bette aufzuhalten, zu hungern und zu dürsten und sich anzustellen als schlafe er. Ueberdies hatte er seinen Freunden und Handwerksgenossen versprochen bei der heutigen Mummerei in der Seebach eine Hauptrolle zu übernehmen, wozu bereits die Vorkehrungen getroffen waren.

Da der Herzog sich ohne seine Erlaubniß seiner Kleider bemächtigt hatte, um in Seebach Tauben-Jan zu spielen, so lag ihm der Gedanke zu nah und sah ihn viel zu verlockend an, um ihn nicht auszuführen, der Gedanke das Vergeltungsrecht am Herzog zu üben, sich die Kleider desselben anzueignen und in Seebach den Durchlauchtigen Herrn vorzustellen. Eigentlich blieb ihm ja durchaus weiter nichts übrig; und daß das ein Hauptspaß werden müsse, wenn er, Jan, als Herzog und der Herzog als Jan dort aufträten, leuchtete ihm schnell ein. An weitere unangenehme Folgen, die für ihn daraus entspringen könnten, dachte er nicht. Seine einzige Sorge ging dahin zu erspähen, ob alle Hausbewohner nach dem Dorfe hinüber gegangen seien, und wo er die fürstlichen Kleider finde. Aus der Kammer gekrochen, lugte er umher und ward inne, daß eine alte halbtaube Magd zurückgeblieben sei und in Hof und Stall hanthiere. Die gesuchten Kleider fand er in der obern Stube, wo auch noch Wein und Speisen auf dem Tische vom Frühstück standen. Jan legte erst den Staat an. Er nahm sich Zeit dazu, und seine kindische Freude stieg mit jedem Stück der herzoglichen Garderobe, das er am Leibe fühlte, und er betrachtete sich wie ein junges eitles Mädchen im Wandspiegel. Endlich war er von der kleinen Perrücke mit dem mächtigen Zopf bis zu den bespornten Stiefeln hinab Se. Durchlaucht der Herzog von Sachsen-Eisenach. Nun setzte er sich zu Tische und leerte ganz gemüthlich im Geiste seiner Rolle Teller und Flaschen. Er wollte durchaus nicht eher in Seebach erscheinen, als bis des Pfarrers Mittagstisch vorbei sei, denn er hatte eine geheime Furcht zu demselben gezogen zu werden. Als es ihm Zeit schien, ergriff er den kleinen dreieckigen Hut und die Reitpeitsche und ging stolz und keck davon, als sei er wirklich der Fürst des Landes.

[109] Im Seewicher Pfarrhause war die Kirmeßlust im schönsten Laufe. Alle Räume waren vollgestopft von Menschen, und dem Kuchen und Biere wurde die gebührende Ehre angethan. Was nicht sitzen konnte, stand oder lag am grünen Boden oder drängte auf und ab. Das Bier war stark und die Stimmung wurde immer lauter. Derbe Witze und eben nicht zarte Späße platzten wie Raketen bald hier bald dort auf und erregten Gelächter. Kleine Haufen stimmten schon fröhliche Lieder an. Pseudo-Tauben-Jan schlich überall umher, besah sich die Gruppen und horchte auf ihre harmlose Unterhaltung. Plötzlich fühlte er sich am Arme gefaßt. Ein derber Ruhler Messerschmied stand neben ihm und raunte ihm zu: „Kerl, was trödelst Du denn umher! Wir warten schon eine halbe Stunde auf Dich. Hinten in des Knechts Kammer liegt Dein Anzug. Die Andern sind schon Alle fertig und warten nur noch auf Dich. Es gibt einen Hauptjux. Du wirst Dich gut machen als Narrenkönig. Mach nur die Manieren des Herzogs nach.“ Damit zog ihn der Sprecher fort in eine an den Viehstall grenzende Kammer. Hier fand er einen ganzen Narrenhofstaat auf’s Possierlichste herausstaffirt. Unter Necken und Schelten fielen drei vier Männer, die augenscheinlich schon viel Doppelbier getrunken hatten, über ihn her und zogen ihm die Jacke aus. Ein prächtiges Kleid, eine Karikatur des herzoglichen Staatskleides, ward ihm übergeworfen, eine Schellenkappe mit einer ungeheuern Blechkrone und Eselsohren ihm auf den Kopf gestülpt, dann wurden ihm ein schön gemaltes und mit allerlei Flittern behangenes Steckenpferd und ein tüchtiger Narrenkolben präsentirt, und alle Andern nahmen ebenfalls Steckenpferde zwischen die Beine. Der Zug ordnete sich; es war eine ganze Cavalcade. Endlich schloß sich eine Musikbande an, die sich derweil in einem Stalle aufgehalten hatte, nicht minder köstlich verlappt und vermummt, wie die Hauptpersonen. Plötzlich stürzte die ganze Bande mit rasender Musik in wilden Sätzen hervor. Ein ungeheurer Jubel brach los; Alles rannte herzu und schrie laut vor Vergnügen; denn man erkannte sogleich die Copie mehrer Persönlichkeiten aus dem eisenacher Hofstaat. Am meisten wurde natürlich der Narrenkönig beschrien und belobt und oft genug hieß es: „Ach wie köstlich! Das ist ja der Herzog wie er leibt und lebt.“

[110] Während die berittene Narrenzunft mit wahrem Korybanten-Lärm ihren tollen Umzug hielt, trat der Pseudo-Herzog in den Hof und besah sich mit lächelnder Miene das Schauspiel. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von seiner Ankunft unter der Menge und wirkte wie Oel auf empörte Meereswellen. „Der Herzog von Eisenach ist selber da!“ flog’s von Mund zu Mund. „Was wird das geben!“ – Der Steckenreiterzug ging durch’s Dorf, die Musik spielte zwar noch lustig, aber Manchem war doch die Lust vergangen, und wenn der König ihn nicht mit strengem Befehl zusammengehalten hätte, so wäre der Hofstaat wohl von einander gefahren und hätte sich salvirt. Er allein behielt die nöthige souveräne Fassung und Ruhe und brachte seine Leute glücklich alle wieder in’s Pfarrhaus zurück.

Dort war der Pseudo-Herzog unterdessen fast mit dem Pfarrer allein geblieben. Die Menge war mit dem Narrenzug gelaufen, oder hatte sich mit scheuem Respect zurück gezogen. Der Pfarrer schnitt tiefe Reverenzen vor dem vermeinten fürstlichen Herrn und bat flehentlich um Entschuldigung wegen der Mummerei, von der er nichts gewußt hatte. Jan benahm sich ganz passable fürstlich. Er war wortkarg und machte keine Umstände, winkte auch ganz gnädig mit der Hand, man möge sich durch ihn nicht in der Lust stören lassen. Auch geruhte er sich an einem Tische voll Kuchen und Bier nieder zu lassen und sprach den testamentarischen Gaben wacker zu, in aller Ruhe und schmausenden Behaglichkeit die Zurückkunft des Narrenhofs erwartend.

Sobald diese erfolgt war, begab er sich mit dem Pfarrer, der sich stets von neuem für die seinem Hause angethane Ehre bedankte, auf den Hof hinaus, wo der Narrenkönig inmitten seiner furchtsamen Getreuen sich eben anschickte ein Ordenskapitel abzuhalten. Er wollte neue Ritter in den Narrenorden aufnehmen, und gebieterisch winkte er dem Pseudo-Herzog herbei als dem Ersten, welcher den Ritterschlag empfangen sollte. Tauben-Jan wagte nicht zu refüsiren. Er dachte: „Du machst eben so lang mit als der Strang hält.“ Er trat hinzu. Der König befahl ihm nieder zu knieen, und Jan gehorchte. Der König applicirte ihm den Ritterschlag mit dem Narrenkolben über Schulter und Rücken, daß ihm schier Hören und Sehen verging und er beinah das Wiederaufstehen vergessen hätte. Andre folgten nach. Der Herzog that sich in der Maske des Narrenkönigs ein Genüge und bläute das lustige Volk nach Herzenslust durch. Jan restaurirte sich am Doppelbier und dachte: „Er hat mir einen Possen gespielt, was gilt’s, ich spiel’ ihm wieder einen.“

Er hatte schon beim Hereinquellen der Menschen mit dem Narrenzuge den Unterförster Voigt und seine Tochter Marielieschen unter der Menge bemerkt. Jetzt, nach beendigter Ceremonie erhob er sich mit affectirter Würde, winkte mit der Hand und gebot Stille. Darauf räusperte er sich und nahm das Wort mit Gravität: „Meister Tauben-Jan aus der Ruhl hat seine Rolle als Narrenkönig gut gespielt, und ich muß mich ihm für das Vergnügen, das er mir bereitet hat, dankbar bezeigen. So soll er denn meine Gnade auf zweierlei Art erfahren. Erstlich, da ich weiß, daß Tauben-Jan ein Jagdliebhaber ist und einem Rehbock oder einem Hasen gern auf’s Fell brennt, so ernenn’ ich ihn hiermit zum Kreiser auf meinem Ruhler Revier und geb’ ihm die Erlaubniß zur freien Jagd. Er wird sich dafür dankbar bezeigen.“ –

„Spitzbube! Der Teufel soll Dir das Licht halten!“ sagte der Narrenkönig halblaut.

„Zweitens, da ich weiß, daß mein Unterförster Voigt auf dem Heil’genstein in Jan’s einzige Tochter verliebt ist und die beiden jungen Leute einander gern heirathen möchten, so gebe ich zu solcher Verbindung hiermit meine fürstliche Einwilligung. Meister Jan wird ohne Widerrede sogleich seine väterliche Einwilligung geben. Kommt her, Voigt und Marieliese, ihr sollt mit einander verlobt werden.“

Pseudo-Jan machte ein grimmiges Gesicht, und wenn der Unterförster mit seinem niedlichen Schätzchen nicht in diesem Augenblick pfiffig lächelnd vor ihn getreten wäre, so würde vielleicht ein heftiger Ausbruch des fürstlichen Zornes erfolgt sein; denn der Herzog hatte im Nu die ganze ihm gespielte Intrigue durchschaut. Als er aber dem Mädchen in das niedliche unschuldige von Rosen und Lilien überhauchte Gesichtchen und in das glückstrahlende blaue Auge sah, hatte er schnell jede zornige Aufwallung vergessen und sagte lachend: „Recht schön! Ihr sollt ein Paar sein. Ich bin dem Durchlauchtigsten Herzog für seine Gnade sehr verbunden.“

Nun gab’s ein großes Jubiliren. Die Musik spielte einen lustigen Tanz; der Unterförster schwenkte sein Bräutchen und sogleich schlossen sich andre Paare an. Der Pseudo-Herzog leerte eine Kanne auf einen Zug, um sich die Schmerzen zu vertreiben, die ihm der empfangene Ritterschlag verursachte; und der Pseudo-Tauben-Jan that ebenfalls tüchtig Bescheid und spülte sich den letzten Rest von Aerger hinunter. Zur rechten Zeit hatte er sich erinnert, daß er hierher gekommen sei, an der Fröhlichkeit der Pfarrkirmeßgäste Theil zu nehmen, nicht aber sie zu stören. Als nun Alles in voller Lust tobte, ging er zu seinem Ebenbilde hin und sagte leise zu ihm: „Jetzt ist das Maß voll, frecher Patron. Tummle Dich, daß Du meine Kleider vom Leibe ziehst, wenn ich Dich nicht mit diesem Narrenkolben noch wacker durchbläuen soll. In der Knechtskammer hinten liegen die Deinigen.“

Jan verschwand im Nu. Bald wurde auch der Herzog nicht mehr gesehen.

Herr Werneburg hatte sich über Tauben-Jan’s gespielten Streich mehr geärgert als der Herzog selbst und bei sich beschlossen, dem frechen Taubenzüchtiger einen Denkzettel anzuhängen, den er sobald nicht vergessen solle. Während sich nun Jedermann im Pfarrhause der ausgelassensten Heiterkeit bei Kuchen, Bier, Musik und Tanz hingab, lag er dem Ortsschulzen im Ohre, berichtete den wahren Zusammenhang der Geschichte und stellte das bestimmte Verlangen, daß Tauben-Jan wegen Verletzung des dem Herzoge schuldigen Respects festgenommen und nach Eisenach in’s Gefängniß abgeführt werden solle. Der Schulz versah sich sofort mit seiner Polizeimannschaft, dem Nachtwächter und einigen jungen kräftigen Bauern und bestimmte den Pfarrer ein wohlverwahrtes Gemach einzuräumen, worin der Verbrecher bis zu seiner Abführung eingesperrt und bewacht werden sollte. Kaum war diesem Verlangen gewillfahrtet, als der Herzog in seinen Kleidern sich sehen ließ. Die Seebacher Ordnungsmannschaft stürzte sogleich auf [111] ihn los und der Schulz brachte ihn als Staatsverbrecher oder Hochverräther zur Haft. Der Herzog, von den Geistern des Doppelbiers sehr heiter gestimmt, fand das Quiproquo sehr spaßhaft und ließ sich seine Arretirung gern gefallen. Seit Jahren hatte er sich nicht so gut unterhalten, wie am heutigen Tage, und die neue Verwicklung war ganz nach seinem Geschmack. Er wußte es jetzt im Herzen seinem Unterförster Voigt Dank, daß dieser bei seinem hübschen Marielieschen in Bezug auf den für Tauben-Jan bestimmten Schlaftrunk nicht reinen Mund gehalten hatte, weil durch diesen Verrath die lustigen Begebenheiten des Tags veranlaßt worden waren und dramatisches Interesse gewonnen hatten. Für Tauben-Jan, der sich als Herzog sehr gut benommen, hatte er aber schier eine Zuneigung gewonnen. Ebenso hatte ihm der Pfarrer absonderlich gefallen. Als er nun in die Kammer abgeführt wurde, fiel ihm gar nicht ein, sich als wirklicher Fürst zu decouvriren; im Gegentheil ersuchte er den Schulzen mit kläglicher Stimme ihm den Pfarrer zu schicken, dem er seine Sünden beichten müsse. Tauben-Jan lief in der Narrenkönigstracht dem Schulzen und seinen Gesellen auch in den Weg und wurde mit der größten Devotion benachrichtigt, daß der „verdammte Ruhler Galgenstrick“ eingesteckt sei, und man nur der Befehle Sr. Durchlaucht unterthänigst warte, was mit dem frechen Menschen geschehen solle.

Jan war noch bierseliger als der Herzog. „Sitzt er fest, der Ruhler Spitzbub?“ lallte er mit schwerer Zunge. „Das freut mich. Gebt ihm Doppelbier so viel er trinken mag. Mir aber laßt einen lustigen Tanz aufspielen und schenkt mir eine frische Kanne ein. Wir wollen einmal zusammentrinken.“ Wer war wohl glücklicher als die Seebacher über die Herablassung und Leutseligkeit ihres gnädigsten Herrn.

Der Herzog in der Kammer hörte aber diese Verhandlungen mit an, und da er eben eine eigenthümliche Entdeckung in diesem seinen Gefängniß gemacht hatte, so beschloß er in bester Laune dieselbe zu einer neuen scherzhaften Rache an Tauben-Jan zu benutzen. Bei Besichtigung des Lokals gewahrte er nämlich einige ungewöhnlich große Backtröge voll Teig. Dies war der Teig zu den Pfefferscheiben, welche zu Weihnachten gebacken werden sollten; dieser mußte nämlich sechs bis acht Wochen vorher angemacht werden und an einem kühlen Orte gähren. Die Estrichkammer war das dazu bestimmte Lokal.

Der Pfarrer trat bald herein und war ziemlich bestürzt, als sich ihm der Gefangene als wirklicher Herzog zu erkennen gab, zeigte sich natürlich aber gern bereit den Plan des Herzogs, die Seebacher Ortsbehörde zu foppen, mit besten Kräften zu unterstützen. Zu diesem Behufe wurden Lichter – denn es war unterdessen Nacht geworden – ein gutes Abendbrod und ein kräftiger Punsch in das Gefängniß geschaft und Tauben-Jan vom Pfarrer eingeladen, des Herzogs Gast zu sein. Der lustige Taubenzüchter saß in dem Kämmerchen dem lustigen Fürsten gegenüber und erzählte auf dessen Befehl so gut er eben noch vermochte, allerlei Schnurren und Possen aus seinem Leben. Die Sicherheitswache vor der Thüre konnte sich über die Gnade ihres Fürsten, der dem verbrecherischen Schalenschneider aus der Ruhl im Gefängniß Gesellschaft leistete, vor Erstaunen nicht fassen.

Inzwischen dauerte es mit Jan’s Erzählungen gerade nicht lange. So kräftig auch seine Natur war, das Doppelbier hatte ihr schon zu arg zugesetzt, als daß sie dem Punsch, welchen ihm der Herzog fleißig zutrank, lange hätte Stand halten können. Er fiel endlich wie ein Sack unter den Tisch. Nun hatte der Herzog sein Ziel erreicht. „Komm, mein Junge, ich will Dich schlafen legen?“ sagte er lachend, hob ihn auf und trug ihn zu dem Backtrog, auf dessen Teig er ihn sanft bettete. Jan lag weich und schön wie in einem Eiderdaunenbette und schnarchte bald alle Töne.

Nun löschte der Herzog die Lichter und trat aus der Thüre. Die Wache, die ihn für den hielt, der er wirklich war, ließ ihn ungehindert passiren. Die Gäste zechten und lärmten noch. Der Fürst entfernte sich mit Werneburg unbemerkt und fand am Eingange des Dorfs sein Pferd, das er dorthin bestellt hatte.

Am andern Morgen früh war schon ein Bote da, welcher dem Schulzen erklärte, daß der Herzog und nicht Tauben-Jan eingesteckt worden sei. Werneburg, der sich ebenfalls eingestellt hatte, bestätigte diese Angabe. Der Pfarrer versicherte dasselbe. Der Schulz war in Verzweiflung. Mit dem ganzen Ortsvorstande zog er in die Pfarre, um den schwer gekränkten und gemißhandelten fürstlichen Herrn aus der Haft zu befreien und seine Verzeihung zu erflehen.

Aber auch Jan’s Ehehälfte hatte sich eingefunden, um ihren Schatz einzuholen und ihm den Text zu lesen, daß er in der Nacht nicht heimgekommen war. Er war nirgend zu finden; denn in der Kammer steckte ja der Herzog, und die Wache sagte aus, Jan habe sich Abends mit dem lügenhaften Vorgeben, er sei der Herzog, entfernt.

Die Kammer wurde geöffnet, kein Gefangner war zu sehen. Der Gemeindevorstand war wie versteinert. Da entdeckte der Schulz ein hochrothes menschliches Haupt, welches aus dem Pfefferkuchenteige hervorragte. Der übrige Körper war sanft in dem zähen Teige versunken. Ein Schrei des Entsetzens weckte den ruhigen Schläfer. Er schlug die Augen auf und sah sich verwundert um.

„Ach, Durchlauchtigster Fürst und Herr! Gnade! Gnade!“ lamentirte der Schulz, und die Andern fielen im Chorus mit kläglicher Stimme ein, warfen sich vor dem Backtrog auf die Kniee und streckten die Hände flehend nach dem vermeintlichen Gebieter aus.

„Das soll der Herzog sein?“ ließ sich plötzlich eine heftige Weiberstimme vernehmen, vor deren Ton der Mann im Pfefferkuchenteiche emporschrack. „Ihr Narren zusammen, das ist Tauben-Jan. Das muß ich besser wissen, denn ich bin seine Frau. – O Du abscheulicher versoffner Schlingel! Du Tagedieb! Du Leuteverderber! Was ist das für eine Schande! Im Teige in einem Backtroge zu liegen, Du Wicht!“ In diesem Tone ging die Predigt fort und schon machte die exaltirte Frau Anstalt, dem Pseudo-Herzoge mit den Nägeln in’s Gesicht zu fahren, als er sich mit Anstrengung rasch aus dem Teige erhob und nun ein ungeheures Gelächter entstand. Im Hintergrunde stand der Herzog, der von Hucherode, wo er übernachtet, herübergekommen war, um sich das Vergnügen dieser Scene zu verschaffen.

So übel nun auch Jan aussah, so machte er doch gute Miene zum bösen Spiel. Er meinte zu seinem Troste, [112] er habe es erst gewußt, daß mit großen Herren nicht gut Kirschen essen sei; sie würfen Einem Stiele und Kerne in’s Gesicht.

Die Sache nahm aber doch den besten Ausgang für ihn. Er erhielt noch ein gutes Frühstück und wurde des Herzogs Kreiser, so wie seine Tochter Frau des Unterförsters, wie er es in der Rolle des Herzogs selbst dekretirt hatte.