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Textdaten
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Autor: Otto Moser
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Titel: Der Leipziger Carneval
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aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 108–110
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der Leipziger Carneval.


Das Jahr 1866 war verhängnißvoll über Europa hereingebrochen. Die Schlacht von Königgrätz hatte das deutsche Land in Geburtswehen versetzt, deren Dauer im Bündniß mit jener schrecklichen, aus Asiens Sümpfen entstammten Seuche auf die allgemeine gewerbliche Thätigkeit so unheilvollen Einfluß übte. Es war eben eine Zeit der Ernte, wo sich die Spreu vom Weizen sichtete und reicher Segen Denen winkte, die nicht vorher verhungert waren. Am Hungertuche aber nagten Hunderttausende, und auch die sonst wohlhabende Stadt Leipzig stellte zu ihnen kein geringes Contingent. „Guten Morgen, Feierabend!“ lautete damals das Motto, und wo es sich machte, begann man einen Strike, um den Beutel internationaler Freundschaft und Genossenschaft in Anspruch zu nehmen.

Um diese Zeit der allgemeinen lieben Noth war es, wo eines Abends in Leipzig einige Künstler beisammen saßen und, nachdem sie die Tagesordnung durchgenommen, auch auf die Arbeitercalamität zu sprechen kamen und sich in Muthmaßungen erschöpften, wie man es anzufangen habe, um einen tröstlichen Geist über die Bevölkerung herabzubeschwören. Da gedachte Einer der Künstler des alten Ben-Akiba, welcher durch seine Versicherung, „es sei Alles schon dagewesen,“ zum verkörperten Sprüchworte geworden ist, und stellte die Frage, wie denn unsere Voreltern bei ähnlichen Gelegenheiten gehandelt und ob, mit Ausnahme der Religion, von ihnen nicht auch noch andere Trost- und Beruhigungsmittel angewendet worden wären? Und diese Frage war es, welche den Keim des ersten Leipziger Carnevals in sich barg. Die Erinnerung an den Palmenesel der lustigen Chorherren des Augustinerklosters zu Sanct Thomas in Leipzig weckte in den Künstlern den Gedanken, ein Narrenfest zu gründen und dadurch der ärmeren Bevölkerung Verdienst, neue Regsamkeit und heiteren Sinn zu schaffen.

Mit dem Palmenesel aber hatte es folgende Bewandniß. Zur Zeit der Augustinermönche wurde am ersten Ostertage in der Thomaskirche von ihnen eine Komödie veranstaltet und nach verschiedenen Possen, wobei das Volk sich nicht selten prügelte, zur Erinnerung an den Einzug Christi in Jerusalem, ein mit Palmenzweigen geschmückter Esel in den Straßen herumgeführt. Dies geschah unter großem Zulaufe der Bevölkerung, die sich theilweise vermummt hatte, und aus den Häusern, an welchen der Zug vorüberging, allerhand Spenden erhielt, von welchen freilich der Löwenantheil den Augustinermönchen zu Gute kam. Die Leipziger Jahrbücher wissen eine Menge ernste und komische Dinge von diesem Palmeneselfeste und der damit verbundenen lustigen Mummerei zu erzählen, und es hatte dieser Carneval in der Bevölkerung so festen Boden gefaßt, daß nach der Reformation und der damit verbundenen Säcularisation des Augustinerklosters die Leipziger, mit zeitgemäßer Abänderung, ihn noch beinahe zwei Jahrhunderte fortsetzten und die alten Rathsherren nur mit Mühe und Noth die letzten Spuren desselben zu tilgen vermochten. Dieses alte Volksfest wieder aus dem Grabe erstehen zu lassen, ihm ein modernes Narrengewand anzulegen und es, etwa nach dem Vorbilde Kölns, dem neuen Norddeutschen Bunde vorzuführen, das war der rasch entworfene Plan der wackeren Künstlergruppe, welchen lebensfähig zu machen man sogleich die nöthigen Schritte that.

Die humoristische Gesellschaft Klapperkasten, deren pecuniäre Mittel ihr „Manches“ erlauben, bot sofort zur Ausführung der Carnevals-Idee die Hand, und ohne Zögern ging man an’s Werk. Tausend rüstige Hände wurden in Thätigkeit versetzt, ein Comité gewählt und die Welt durch die Presse von der bevorstehenden neuen Schöpfung in Kenntniß gesetzt. Ein Carneval in Leipzig! Das war ein verwegener Gedanke! In der Bevölkerung Leipzigs erregte er eine förmliche Revolution. Einige Wochen lang vergaß man selbst die preußische Einquartierung und die noch immer herrschende Seuche. Alles sprach vom Carneval, die Männer mit weniger Sympathie als die Frauen. Eine Hauptklippe jedoch, an welcher so mancher Freund der Sache Schiffbruch litt, war die Furcht, öffentlich als Narr aufzutreten. Im Hause oder im engeren Cirkel wäre dies schon angegangen, aber als reputirlicher Bürgersmann, Handelsherr oder Beamter mit der Narrenkappe auf dem ehrsamen Haupte – welcher Gedanke! Der Klapperkasten ließ sich jedoch durch die reputirliche Schüchternheit nicht beirren. Er schrieb zunächst Narrenabende aus, für welche er ergötzliche Unterhaltung versprach, und hatte denn auch die Befriedigung, daß eine Menge heiteren Elementes zuströmte und mit Vergnügen auf der Leimruthe sitzen blieb. Die Narrenabende waren ein würdiges Vorspiel des Hauptfestes. Nicht nur daß sie den Geist und Witz, die Sorgsamkeit und Gewandtheit des leitenden Elementes in’s hellste Licht stellten, gaben sie auch dem Zögernden Muth und dem Muthigen Begeisterung bis zur Opferfreudigkeit. Wir selbst sahen alte Herren, die bei der ersten Nachricht von dem Entstehen eines Leipziger Carnevals mit gerungenen Händen und verdrehten Augen nach oben blickten, als fürchteten sie des zürnenden Himmels Strahl mitten in die ganze Narrenfreude hinein – wir selbst sahen diese alte Herren am zweiten Narrenabend mit kreuzvergnügtem Antlitz, die Narrenkappe auf dem Haupte, wie sie aus heller Kehle den Bierwalzer mitsingen halfen und bis nach Mitternacht als treue Jünger dem Prinzen Carneval huldigten. Hätten die Damen Zutritt gehabt, wer weiß, ob nicht schon beim ersten Carneval der größte Theil der Bevölkerung in das Lager des Beherrschers des Narrenreichs übergelaufen wäre!

Prinz Carneval war mit großer Feierlichkeit an der Seite seiner Auserwählten, der Prinzessin Klapperia, in Leipzig eingezogen und hatte nebst seinem Hofstaate in dem bekannten Hôtel [110] de Prusse die Residenz aufgeschlagen. War von dem Einzugstage an die Stadt in nicht geringer Aufregung, so erreichte diese den höchsten Gipfel, als am 4. März 1867, zum ersten Male seit man den Palmenesel der Augustinermönche zu Grabe getragen, sich wieder ein Maskenzug durch die Straßen der alten Handelsstadt bewegte. Nicht weniger als sechsunddreißig Gruppen bildeten denselben und die Hunderttausende von Zuschauern, welche die prächtigen und theilweise überaus komischen Gebilde an sich vorübergleiten sahen, brachen in Rufe der Bewunderung und Heiterkeit aus. War es denn möglich, daß diese Märchenwelt, welche da vorüberzog, wirklich eine Schöpfung weniger Monate durch den Klapperkasten und seine Getreuen sein konnte? War nicht von dem Thronwagen des Prinzen Carneval bis zu der Altweibermühle und den Dresdener Gänsen herab hier ein Verständniß, ein Humor entwickelt, wie man kaum von den eingeweihtesten Carnevalsbrüdern ihn erwarten konnte? Verwundert schaute die ehrsame Hausfrau, welche doch im Laufe ihrer Ehe so mancherlei gesehen und erfahren hatte, auf das Maskengewühl, und das Töchterchen blickte mit unverkennbarem Wohlgefallen auf die schmucken Männergestalten in phantastischen Gewändern, die ihm wohl auch zu ihrer Ueberraschung wie alte Bekannte zunickten. Almoseniere sammelten mit ihren Stangenbeuteln Scherflein der Liebe für die Armen und sie flossen reichlich und haben später tausend Thränen getrocknet.

Bei diesem ersten Carnevalsfeste zeigte sich auch deutlich, daß Leipzig keinen Pöbel hat. Obgleich das Volk zu vielen Tausenden auf den Straßen schwärmte und sich im äußersten Stadium der Fröhlichkeit befand, machte sich nirgends Rohheit bemerkbar, kamen nirgends Excesse vor. Wollte etwa ein Uebermüthiger sich unliebsam machen, so griff das Volk ein und brachte ihn zur Vernunft, ohne daß man dabei die Hülfe der Polizei beansprucht hätte. – Die Großartigkeit des ersten Leipziger Carnevalszuges wurde selbst von der alten Carnevalsstadt Köln anerkannt und zahlreiche Orden des dort herrschenden „Hanswursten“ an die verdienstvollsten Beförderer und Schöpfer des Leipziger Carnevals legten davon Zeugniß ab. Bemerkenswerth bleibt es für alle Zeiten, daß die kleine Stadt Leißnig, trotz alles Kopfschüttelns der Nachbarschaft, der einzige Ort war, welcher sich dem Leipziger Carneval anschloß und aus seinen Mitteln eine Gruppe stellte. Dafür wurde er von dem Prinzen Carneval annectirt und unter dem Namen der Burggrafschaft Leißnig den Erblanden des Narrenreichs einverleibt.

Die Lebensfähigkeit des Leipziger Carnevals war bestätigt, denn die Einwohnerschaft erkannte, welchen Segen er ihr brachte. Was jene Künstler, welche ihn in’s Leben riefen, erwarteten, hatte sich glänzend erfüllt. Der Carneval schuf fröhliches Blut und viel Verdienst, und außerdem hatte Leipzig an ihm eine Errungenschaft erworben, der in der Geschichte der Stadt für alle Zeiten ein ehrendes Gedächtniß gesichert ist.

Dreimal hat nunmehr Leipzig seinen Carneval gefeiert und nächster Tage wird dies zum vierten Male geschehen. Wie schon erwähnt, hat auch die anfänglich nicht geringe Zahl der Bedenklichen und Aengstlichen ihre Vorurtheile abgelegt, und jetzt versteht es sich schon ganz von selbst, daß der Herr Vetter und die Frau Muhme zum Carneval nach Leipzig kommen, und wohnten sie auch zwanzig Meilen entfernt.

Und was die Närrinnen anbetrifft – an denen ist am wenigsten Mangel! Die zierlichen Narrenkappen auf den reizenden Köpfchen, sieht man sie, besonders bei der Theatervorstellung, wie Blumenketten aneinander gereiht, oder während des Zuges durch die Straßen an den geöffneten Fenstern oder in eleganten Wagen mit zurückgeschlagenem Verdeck. Bei dem Corso fungiren holde Frauengestalten der feinen Welt als Verkäuferinnen oder Cassirerinnen und Mancher kauft eine Kleinigkeit im Werthe von wenigen Groschen und legt ein großes Geldstück oder werthvolles Papier in die schöne Hand, nur um einen Blick freundlichen Dankes zu erhaschen. Gewechselt wird nicht; was man für das Kaufobject aus dem Portemonnaie nimmt, gehört den Armen.

Daß Leipzig schon jetzt vom Carnevalstaumel umfangen sei, kann man so eigentlich nicht sagen, denn dazu ist die Bevölkerung zu geschäftlich-praktisch oder mercantil-nüchtern, wie man’s gerade nennen will. Erst das Geschäft, dann das Vergnügen! heißt die Devise. Man wartet, bis es losgeht, und dann ist der Jubel um so größer! Wohl aber giebt es eine alte Garde, welche sich schon zur Granitcolonne vereinigt und im Namen des Prinzen Carneval die Stadt besetzt hat. Sie zählt über tausend alte und junge Burschen, alle fröhlichen Geistes und harmlosen Herzens, deren Officiercorps das Comité bildet. Die Musterungen finden an den Narrenabenden statt und als Uniform genügt die Narrenkappe. Das berühmte Leipziger Schützenhaus enthält den Exercirsaal, wo die Garde, in langen Reihen aufgepflanzt treulich dem Dienste obliegt und dazu Bier trinkt.

Der erste diesjährige Narrenabend fiel noch in die Neujahrsmesse, und dieser Umstand gab einer Menge von Meßfremden Gelegenheit, sich dem fröhlichen Treiben anzuschließen. Sie haben wacker mitgeholfen bei der Huldigung des Narrenprinzen, und man muß sagen, daß ihnen das Zeug dazu wahrlich nicht fehlte. Wurden doch sogar verschiedene dieser Fremdlinge feierlichst decorirt. Wir selbst waren gegenwärtig, als eine Gesandtschaft des Prinzen, in die wunderlichsten Uniformen und Gewänder gekleidet – der Kriegsminister trug Wasserstiefeln – eine Anzahl Auserwählte mit dem Orden „des grünen Affen mit gekreuzten Kugelspritzen und Sauerkraut“ und des „wahnsinnigen Frosches mit der wasserdichten Schleife“ schmückte.

Die Gruppe, welche unsere Abbildung darstellt – wer möchte sie verkennen? Sie ist eine Schöpfung von Künstlerhand, gleich dem Liede ohne Worte, und vergegenwärtigt den Moment, wo das Auditorium dem weisen Unverstande eines großen Redners lauscht, der in einer zur Sprechbühne vorgerichteten Biertonne erwartet, ob ihn rauschender Beifall überströmen, oder die sich langsam niedersenkende Nebelkappe verhüllen und belehren wird, daß er „Blech“ gesprochen hat. Weiter dürfen wir den Vorhang nicht lüften! In der ganzen großen weiten Welt wird die Gartenlaube Leute finden, welchen aus unserer Narrenabend-Gruppe liebe, befreundete Gesichter entgegenschauen.

Und so möge denn Prinz Carneval der Vierte mit seinem reichen Hofstaate bei uns einziehen und auf der Zinne seiner so reizend gelegenen Residenz, des Hôtel de Prusse, das Banner der Narrheit flattern lassen – man wird ihn mit offenen Armen aufnehmen. Bei aller Lust und Fröhlichkeit mag man aber auch nicht vergessen, daß die großartige Schöpfung des Leipziger Carnevals den warmen Herzen einer bescheidenen Künstlergruppe entsprang, daß der Klapperkasten das Kindlein groß zog und dasselbe zu seinem Urgroßvater Niemand anders hat als – den Palmenesel der lustigen Augustinermönche im Kloster zu Sanct Thomas!

Otto Moser.