Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Max Taube
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Lehrer als Wächter der Gesundheit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, 41, 43, 51, S. 654–656, 702–703, 734–736, 866–867
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[654]
Der Lehrer als Wächter der Gesundheit.
Von Dr. med. Taube.
I.

In keinem ihrer Einzelfächer hat die öffentliche Gesundheitspflege einen so heilsamen und klar zu Tage tretenden Einfluß in den letzten Jahrzehnten entwickeln können, wie auf dem Gebiete des allgemeinen Schulwesens. Es ist unseren älteren Zeitgenossen nicht zu verargen, wenn sie, an die engen, schlecht gelüfteten und durchleuchteten Räume der ehemaligen Schulen zurückdenkend, mit einem gewissen Gefühl des Neides die modernen Schulpaläste betrachten, und mancher von ihnen wird sicher zu der Frage geführt: war denn die Nothwendigkeit für so hochgradige Veränderungen auch wirklich vorhanden? Denn in den früheren Verhältnissen entwickelten sich gleichfalls im Durchschnitt körperlich und geistig gesunde Menschen. Die Antwort auf diese Frage kann von Aerzten und Lehrern nur bejahend ausfallen. Die Schäden eines Uebelstandes werden oft erst dann richtig erkannt, nachdem derselbe beseitigt worden ist. Wir können schon jetzt mit Sicherheit behaupten, daß einige der sogenannten Schulkrankheiten, z. B. die Rückgratsverkrümmungen, seltener geworden sind, andererseits legt aber die Schule oft den Keim zu Krankheiten, welche erst in späteren Lebensaltern zur Entwicklung kommen, z. B. Bleichsucht, Schwindsucht, Augenkrankheiten. Diese Anlagen können aber nur durch den Aufenthalt der Kinder in gesundheitlich so günstig wie nur möglich eingerichteten Räumen eine Verminderung erfahren. Man vergleiche in Städten, welche Schulhäuser nach altem und neuem Muster besitzen, das Befinden der Kinder und die Verminderung des Kohlensäuregehaltes in neuen und alten Anstalten, um sich hiervon zu überzeugen. In der Neuzeit tritt noch die Nothwendigkeit hinzu, daß die Schule die Schäden des Hauses bezüglich Luft und Licht in einer großen Anzahl von Fällen ausgleichen muß; nicht die Schulkrankheiten, sondern die Hauskrankheiten sind es vielfach, welche die Schule verbessern soll, und dies kann nur in Gebäuden, die in jeder Beziehung gesund angelegt sind, ermöglicht werden.

Diese Wahrnehmung kann uns nur ermuthigen, aus dem eingeschlagenen Wege weiter fortzuschreiten, um so mehr, als noch viele Fragen ihrer Erledigung harren. Die allgemeine Gesundheitspflege hat den Endzweck, den Organismus der Menschen gesund zu erhalten. Wenn daher auch die Schlußfäden in der Hand des Arztes zusammenlaufen, so sind doch zur Lösung der Aufgabe die verschiedenen Mitarbeiter in Anspruch genommen. Die Schulgesundheitspflege als Theil des Ganzen sucht die Gesundheit der Schulkinder gegen Gefahren zu schützen, welche durch den längeren Aufenthalt und die größere Anzahl der Kinder in geschlossenen Räumen und die gebeugte Haltung derselben entstehen.

Es fragt sich nun, wer dieses gesundheitliche Wächteramt der Schule übernehmen soll. Es ist hier zweierlei zu berücksichtigen: erstens der Bau und die Einrichtung der Schule. In dieser Hinsicht wird wohl jetzt überall in Deutschland die ganze Kraft von den Verwaltungen eingesetzt, das Beste zu schaffen und die neuesten Erfahrungen zu verwerthen. Das Zweite dagegen, die Ueberwachung der Kinder in den gegebenen Verhältnissen, hat noch nicht die nothwendige Erledigung gefunden.

In mehreren außerdeutschen Ländern sind Schulärzte zu diesem Zwecke vorhanden, welche, fest angestellt, die Schule monatlich ein- bis zweimal besuchen und über das Ergebniß der [655] Untersuchung der Schule und der Schüler amtlich berichten. Die Einführung hygienisch gebildeter Schulärzte ist auch in Deutschland ein dringendes Bedürfniß; ihre Thätigkeit muß aber vor allem darin bestehen, die Güte der vorhandenen Einrichtungen bezüglich der Wirkung auf die Allgemeinheit der Kinder fortdauernd zu prüfen und die von den Lehrern gefundenen krankhaften Abweichungen der Schüler in Augenschein zu nehmen. Eine merkliche Verminderung der ansteckenden Krankheiten durch die Schulärzte zu erzielen, würde nicht einmal durch tägliche Untersuchungen zu ermöglichen sein und eine so große Anzahl von Aerzten erfordern, daß das Zusammenwirken zwischen Lehrer und Arzt verloren ginge. Für jeden größeren Schulbezirk würde nur ein Arzt anzustellen sein.

Noch ein anderes Thema, welches bis jetzt nicht in Betracht gezogen worden ist, gehört in den Bereich des Arztes, nämlich ein kurzer Vortrag über gewisse Kapitel der Gesundheitspflege in dem letzten halben Jahre der oberste Gymnasial-, Real-, Volksschul- und Fortbildungsklassen. Der Schüler soll darin nicht mit der Kenntniß der neuesten Untersuchungen aus dem Gebiete der Hygiene überbürdet werden, sondern aus dem Leben heraus die Gefahren erkennen lernen, welche dem Jüngling bei seinem selbstständigen Eintritt in das Leben in gesundheitlicher Beziehung entgegentreten.

Hiermit ist die Thätigkeit des Arztes in der Schule abgeschlossen; die Beobachtung des einzelnen Kindes ist für ihn nicht möglich. Dazu ist nur der befähigt, welcher das Kind fortdauernd vor Augen hat und eine jede Veränderung desselben mit Bezug auf Haltung, Farbe, Ausdruck berücksichtigen kann: dies ist der Lehrer. Durch seine Stellung als geistiger Erzieher muß er mit Nothwendigkeit während der Schulzeit auch dem körperlichen Befinden des Kindes sein Augenmerk zuwenden; er kann krankhafte Abweichungen oft früher entdecken, als dies im Hause geschieht, weil ihm der Vergleich mit normal gesunden Kindern täglich zu Gebote steht. Der Lehrer ist ferner zur Ueberwachung der Gesundheit seiner Schüler berechtigt, weil gegen die Schule oft die unbegründetsten Vorwürfe wegen Entstehung von Krankheiten erhoben werden, deren Ursachen vielfach nur im Hause zu suchen sind. Die Eltern sollten deshalb dem Lehrer für eine Benachrichtigung über den Gesundheitszustand ihres Kindes um so dankbarer sein, als das Institut der Hausärzte immer mehr in der Abnahme begriffen und daher von dieser Seite Aufklärung nicht zu erwarten ist. Um sein Wächteramt aber genügend erfüllen zu können, muß der Lehrer eine gewisse Kenntniß von einigen krankhaften Abweichungen des Organismus, Rückgratsverkrümmungen, Kurzsichtigkeit, den wichtigsten ansteckenden Krankheiten, sowie von allgemeinen Schuleinrichtungen, Ventilation und Heizung etc. besitzen. In den nachfolgenden Artikeln wollen wir nun den Versuch machen, eine kurze Erörterung dieses Stoffes aus dem praktischen Leben heraus zu geben. Es sind oft Kleinigkeiten, die herangezogen werden, doch verdienen sie für die Entwickelung des Kindes Berücksichtigung.

Eine Vorfrage, welche dem Lehrer oft von den Eltern gestellt wird, lautet: wie soll das Kind vor dem Besuch der Schule unterrichtet werden? Hier kommt eine Einrichtung in Betracht, deren häufig auftretende Nachtheile noch nicht überall die genügende Beachtung, besonders von behördlicher Seite, gefunden haben, nämlich die „Kindergärten“, nicht zu verwechseln mit den Kinderbewahranstalten, welche, fast stets gesund gebaut, für die ärmeren Klassen unserer Bevölkerung die segensreichste Wirkung ausüben. Während bei Schulbauten alles geschieht, um die Räume gesundheitlich so günstig wie möglich auszubauen, werden in Kindergärten mitunter (rühmliche Ausnahmen sind ja glücklicherweise auch nicht selten) in einem gewöhnlichen, gegen Norden gelegenen Miethlogis über 40 Kinder schon vom dritten Jahre an in gänzlich ungenügenden Räumen untergebracht; durch unpassende Beleuchtung, Sitze und Arbeiten, besonders das Ausstechen mit Nadeln, entsteht auf diese Weise schon im frühesten Alter die Grundlage der spätern Augen- und Schulkrankheiten. Ein Kind muß bis zum sechsten Jahre so viel durch eigene Beobachtung lernen, daß jeder methodische Lehrstoff vor diesem Alter zu verwerfen ist. Fernere Nachtheile schafft das längere Stillsitzen, weil hierdurch für den Organismus ungünstige Wachsthums- und Blutkreislaufsverhältnisse eintreten. Außerdem droht dem Kinde die Gefahr von ansteckenden Krankheiten schon in einem früherem Lebensalter, als dies im Hause durchschnittlich der Fall ist. Je älter aber ein Kind, desto leichter wird gewöhnlich eine derartige Krankheit überstanden. Diese Zustände in den sogenannten „Kindergärten“ fordern gebieterisch eine Abhilfe durch gesetzliche Bestimmungen und besonders folgende Punkte sind zu berücksichtigen:

1. Die Räume und Einrichtungen müssen in jeder Beziehung der modernen Gesundheitspflege und der Anzahl der Kinder entsprechen.
2. Die Aufnahme ist nicht vor dem fünften Jahre zu gestatten.
3. Der Zwang zum Stillsitzen darf nicht über eine halbe Stunde dauern.
4. Es sind Beschäftigungsmittel zu benutzen, welche den Augen nicht nachtheilig sind.
5. Jeder methodische Lehrstoff, welcher zur Schule Beziehung hat, ist verboten.
6. Bezüglich der ansteckenden Krankheiten müssen die Schulgesetze in größter Strenge zur Anwendung kommen.

Unmittelbar aus dem elterlichen Hause nimmt der Lehrer schon deshalb am liebsten das Kind entgegen, weil es dann im vollsten Umfange die Vorfreude und Sehnsucht nach der Schule mit sich bringt, die es schon Jahre lang in Spiel und Gedanken beherrscht hat. In dieser Vorfreude ist eben einer der Hauptgründe zu finden, daß das Kind die Anstrengungen der Schule in körperlicher und geistiger Beziehung nach der vollständige Freiheit so gut erträgt, und das Erhalte dieser Freude an der Schule besonders im erste Schuljahre ist von der größte Wichtigkeit für die gesammte geistige Entwickelung des Kindes.

Erwarten wir unsere Schuljugend früh beim Eintritt in die Schule, so finden wir immer noch in manchen Orten den Uebelstand, daß zu früh gekommene Kinder nicht das Schulgebäude betreten können, sondern vor der Thür eine Zeitlang warten müssen. Bei schlechtem Wetter wird dieses Warten leicht zu einer Quelle von Erkältungskrankheiten. Die Kinder müssen daran gewöhnt werden, die mittlere Durchschnittszeit innezuhalten, und nötigenfalls sind die Eltern zu benachrichtigen. Eine offene Hausthür im Schulhause für zu früh gekommene Kinder ist aber durchaus zu fordern.

Eine große Härte liegt oft auch in der Bestrafung der zu spät gekommenen Kinder. Vergleichen wir diesen Uebelstand an verschiedenen Schulen, so sehen wir in den Bezirksschulen, welche von den Kindern der weniger bemittelten Stände besucht werden, viel seltener diese Spätlinge. Der Vater muß hier früh das Haus verlassen, es wird zeitig gefrühstückt, das Kind kann, nachdem es in Ruhe seinen Kaffee getrunken hat, sich langsam zur Schule rüsten und zur rechten Zeit eintreffen. In den wohlhabenderen Ständen hat dagegen das moderne Leben eine größere Benutzung der späteren Abendstunden herbeigeführt; gleich den Eltern kommt auch das Kind oft erst spät ins Bett. Am Morgen schlafen die Eltern länger, das Dienstmädchen weckt das Kind, welches sich müde erhebt; die nothwendige Zeit zum Frühstück fehlt, im Stehen wird der Kaffee hinuntergegossen; zuweilen werden auf dem Schulwege noch einige Bisse gegessen, aber manchmal kommt das arme Kind vollkommen nüchtern, erregt an seinen Platz, um bald geistig zusammenzusinken und oft noch von dem Lehrer falsch beurtheilt zu werden und nachsitzen zu müssen. Die Schulordnung ist selbstverständlich aufrecht zu erhalten, doch sind vor allem in solche Fälle die Eltern zu benachrichtigen und dringend aufzufordern, dieser Unordnung abzuhelfen. Ein Kind bedarf 10 Stunden Schlafes, und eine jede Verkürzung desselben rächt sich bitter bei der Entwickelung des Organismus.

Hiermit hängt die Frühstücksfrage eng zusammen. Ich besuchte in der Frühstückspause verschiedene Schulen. In den Bezirksschulen aßen die Kinder ihre oft sehr ansehnlichen Butterbrote mit größtem Appetite; ich habe auch in diesen Ständen selten gehört, daß die Kinder ihr Frühstück unberührt aus der Schule mitbrächten, wie es bei besser situirten Kindern häufig die Klage der Mütter ist. Durch das übereilte späte Frühstück wird der Magen geschwächt, in der Pause ist kein Hunger vorhanden, nach der Schule stellt sich derselbe ein und das verspätet gegessene Brötchen verdirbt wiederum den Mittagsappetit. Oft wird auch das Frühstück vergessen und die Pause zu Schularbeiten benutzt. Dieser große bis jetzt nicht genügend hervorgehobene Fehler macht sich besonders in den höheren Schulen bemerkbar, und es muß hiergegen mit größter Strenge eingeschritten werden; die Pause soll ohne jede geistige Anstrengung verlaufen und nur der Ruhe gewidmet sein; die Hauptpause ist zum Frühstücken zu benutzen.

[656] Bei schlechtem und kaltem Wetter sind es die künftigen Herren der Schöpfung, welche ihre Abhärtung zum Nachtheile ihrer Gesundheit zeigen wollen; Regenschirme und Ueberzieher werden als sehr überflüssige Gegenstände des kindlichen Haushaltes betrachtet, völlig durchnäßt gelangen sie oft in der Schule an. Der Lehrer ist vollständig berechtigt, derartige Kinder nach Hause zurückzuschicken. Nasse Kleider leiten die Eigenwärme des Körpers leichter fort, das Kind sitzt fröstelnd an seinem Platze. Um ein Paar nasse wollene Strümpfe an den Füßen zu trocknen, ist so viel Wärme erforderlich, als nöthig ist, ½ Pfund Eis zum Schmelzen zu bringen – für ein blutarmes Kind eine Unmöglichkeit; die kalten Füße drängen das Blut nach anderen Organen und Erkältungen sind die Folge. Aus diesem Grunde muß der Lehrer energisch gegen das Spötteln der Mitschüler ankämpfen, wenn zarte Kinder vor der Stunde ihre Strümpfe wechseln; sie können dieselben in einer kleinen Blechkapsel leicht in der Schultasche mit sich führen. Das Tragen der Gummischuhe ist nur dann den Füßen durch Behinderung der Ausdünstung nachtheilig, wenn dieselben länger anbehalten werden als nöthig; für den Schulweg aber verschaffen sie einen warmen Fuß und es kostet dem Lehrer nur zwei Kommandoworte, um bei schlechtem Wetter an ihr Ablegen zu erinnern. Die Mäntel und Regenschirme werden gewöhnlich im Klassenzimmer abgelegt. Die Haken dafür sind so anzuordnen, daß die Regenschirme getrennt von den Kleidern hängen, um deren Innenfläche nicht zu befeuchten. Der Lehrer muß sich den Einrichtungen seines Schulgebäudes fügen, die Anregung zu kleineren Abänderungen zum Wohle seiner Schüler sollte aber von jeder Schulbehörde dankbar angenommen werden.

[702]
II.

Betreten wir das Schulzimmer am Beginne und Ende der Schule, so ist selbst bei der besten Ventilation eine Luftverschlechterung festzustellen, es beweist dieses der einfachste Luftprüfer, unser Geruchsorgan. Hierdurch wird aber zugleich der Beweis geliefert, daß es nicht die Kohlensäureanhäufung allein ist, welche die Luft verdirbt – dieselbe ist ein geruchloses Gas –, sondern daß zugleich mit der Atmung und Verdunstung in die Luft aufgenommene Stoffe es sein müssen, durch welche der Geruch der verdorbenen Luft verursacht wird, die auf das Allgemeinbefinden einest so Ekel erregenden Einfluß hervorbringt. Neuere Untersuchungen zeigen, daß die in solcher Luft enthaltenen Substanzen in konzentrirter Form dargestellt in die Reihe der Leichengifte zu stellen sind, also zu den stärksten Giften gehören.

Da mit der Zunahme dieser Stoffe durchschnittlich gleichzeitig eine Vermehrung der Kohlensäure verbunden ist, so wird die Menge der Kohlensäure bestimmt, um den Grad der Luftverschlechterung zu finden. Die reine Außenluft enthält ungefähr 0,03 Theile Kohlensäure, also eine sehr geringe Menge, in 100 Theilen Luft und gegen 30 Theile Sauerstoff, den Stickstoff brauchen wir nicht in Berücksichtigung zu ziehen. In diese reine Luft giebt das stark kohlensäurehaltige Blut in den Lungen leicht seine Kohlensäure ab, so daß die ausgeathmete Luft über 100 Mal so viel Kohlensäure, 5%, enthält. Es werden ungefähr in der Stunde 33 Gramm Kohlensäure ausgeathmet, bei 50 Kindern 1650 Gramm in der Stunde. Diese Menge erklärt sich durch den ganz außerordentlichen Flächenraum der Lungen. Denkt man sich nämlich die kleinen Lungenbläschen auseinandergezogen auf eine Fläche gelegt, so würde dieselbe ungefähr 2000 Quadratfuß ausfüllen. Kinder athmen zwar absolut etwas weniger Kohlensäure aus, aber auf ihr Körpergewicht berechnet die doppelte Menge wie ein Erwachsener, hierdurch entsteht eine fast gleiche Zahlengröße. Die Wärme der Ausathmungsluft ist von der eingeathmeten ziemlich unabhängig; nur bei hohen Kältegraden der Außenluft sinkt auch die Temperatur der ausgeathmeten Luft, sonst wird sie in den Lungen fast bis zur Höhe der Körpertemperatur erwärmt. Ferner wird die Luft in den Lungen noch vollständig mit Wasser gesättigt, es verliert ein normaler Mensch gegen 50 Gramm Wasser täglich durch die Athmung. Je mehr Kohlensäure sich in der Außenluft anhäuft, desto schwerer löst sich die Kohlensäure des Blutes, so daß zuletzt, selbst wenn in der Luft noch genügender Sauerstoff vorhanden ist, Kohlensäurerückfall im Blute, also Erstickung eintreten muß.

Fortdauernd reine Luft ist eine Grundbedingung für den Schüler, aber leider nicht immer vorhanden. Während die [703] Zimmerluft 1 Theil Kohlensäure höchstens in 1000 Theile Luft enthalten soll, steigert sich dieser Kohlesäuregehalt in schlecht gelüfteten Schulräumen bis über 10 Theile. Das Schulzimmer müßte daher eigentlich so groß sein., daß es den für jeden Schüler notwendigen Luftraum für die Zeit des Unterrichts enthielte; es würden dann aber Zimmergrößen entstehen, welche den Unterricht unmöglich machten; die Lufterneuerung, Zuführung von reiner kohlensäurearmer Luft und Entweichung der verdorbenen Luft muß daher als Ersatz eintreten. Während sonst 60 Kubikmeter frische Luft für Stunde und Kopf zugeführt werden sollen, genügen für Schulzwecke 15 bis 20 Kubikmeter, da die Schulen nur zeitweise benutzt werden; 4 bis 5 Kubikmeter Zimmerraum muß dann für das Kind vorhanden sein. Die Lüftung erfolgt als natürliche Ventilation durch die Poren der Wände, Undichtigkeiten neben Thüren und Fenstern etc., ferner durch die Oeffnung der Thüren und Fenster, im Winter durch die künstliche mit der Heizung verbundene Luftzufuhr.

Es kommen in der Schule zwei Heizsysteme zur Anwendung, die lokale und Centralheizung. Der Kachelofen unserer Jugendzeit ist glücklicherweise nur in Ausnahmefällen noch vorhanden und durch den bedeutend zweckmäßigeren Mantelofen verdrängt worden. Es sind dieses Füllöfen zumeist mit cylindrischen durch den Rauch mit erwärmten Nebenröhren; den Ofen umgiebt ein eiserner Mantel, so daß zwischen Mantel und Ofen ein Hohlraum vorhanden ist. Die Luft in diesem Zwischenraume kommt aus dem Freien durch einen Kanal herein, wird zwischen Ofen und Mantel erwärmt und geht oben am Ofen durch eine Oeffnung, als reine erwärmte Luft in die Klasse. Es kann hier wie bei den Centralheizungen nur das Grundprinzip Erwähnung finden, da die mannigfachste Veränderungen vorhanden sind, welche bei einer nur einmaligen genauen Besichtigung klar zu Tage treten. In der Neuzeit haben auch in den Klassenzimmern manchmal Gasöfen Eingang gefunden; der Lehrer verbiete den Kindern aber aufs strengste, sich irgendwie mit denselben zu beschäftigen, weil durch nicht sachgemäße Behandlung derselben leicht üble Folgen entstehen können.

Bei der Centralheizung in der Schule kommen mehrere Arten jetzt in Betracht. Die Luftheizung führt die in einer Heizkammer erwärmte Luft durch eine oder mehrere Wandöffnungen direkt in das Klassenzimmer. Bei der Dampf- und Heißwasserheizung befinden sich dagegen die Röhrensysteme in dem Zimmer selbst. Sie sind zumeist an der Innenfläche der Fensterwand angebracht und enthalten je nach der Heizung Dampf oder erwärmtes Wasser. Mit der Dampf- und Wasserheizung ist die Ventilation häufig verbunden; die in einer Heizkammer erwärmte Luft strömt außerhalb der Röhrenleitung in das Zimmer hinein.

Wie soll nun die Ventilation wirken? Warme Luft ist leichter als kalte und steigt deshalb in die Höhe. Diese bekannte Thatsache erleidet in dem Zimmer aber einige Aenderung. Die durch die Athmung erwärmte Luft steigt allerdings bis zur Decke des Zimmers, wird jedoch hier ebenso wie an den Wänden etwas abgekühlt und sinkt entlang der Wände und als breite Querzone an Stück herab, um sich dann mit der übrigen Luft zu vermischen. Wird nun Ventilationsluft zu warm oder zu hoch eingeführt, so ist zu fürchten, daß sie, ohne sich mit der durch die Kohlensäure und den gesättigten Wassergehalt schweren Athmungsluft in genügender Weise zu vermischen, wieder entweicht und der Schüler eine an Kohlensäure zu reiche Luft zur Athmung erhält.

Der oft verminderte Wassergehalt der durch die Luftheizung zugeführten warmen Luft entsteht dadurch, daß dieselbe mehr Wasser aufnehmen kann, als sie kalt besaß, und daher, wenn sie nicht bei der Erwärmung über große Wasserbecken streicht, einen trockenen Eindruck hervorbringt; eine direkte Verminderung des Wassergehaltes der Zimmerluft durch die Centralheizung findet nicht statt. Die zu trockene Luft ist ebenso nachtheilig für den Organismus wie eine zu nasse. Im ersten Falle machen sich Kopfschmerzen und Reizung des Athmungsapparates besonders bemerkbar, während durch die zu starke Feuchtigkeit die Verdunstung des Körpers gehindert wird, Beklommenheit und Mattigkeit entsteht. Die relative Feuchtigkeit des Zimmers soll 50 bis 60 Prozent betragen, beträgt sie weniger, so muß für die Aufstellung von Wasserbecken im Zimmer gesorgt sein. Wir messen dabei nicht die Wassermenge, welche die Luft wirklich enthält, sondern drücken in Prozenten aus, inwieweit sie noch nicht vollkommen mit Feuchtigkeit gesättigt ist.

Ueber Heizung und Ventilation seines Zimmers muß der Lehrer aufs genaueste unterrichtet sein, denn auf deren zweckmäßiger Einrichtung beruht hauptsächlich das Wohlbefinden seiner Kinder. Ein Thermometer ist in dem Schulzimmer unentbehrlich. Dasselbe darf nicht befestigt sein, weil die Temperaturmessung während der Heizung an verschiedenen Stellen und Höhen des Zimmers vorzunehmen ist.

Es ist bei manchen Centralheizungen leider der Fall gewesen, daß zwischen den Luftschichten zu Köpfen und zu Füßen der Schüler Wärmeunterschiede von über fünf Grad stattgefunden haben. Das Klassenzimmer soll durchschnittlich 16 Grad R. enthalten. Die größte Reinlichkeit der Heizanlagen ist ein strenges Erforderniß, da Staub und Schmutz durch Verbrennung die Luft verunreinigen.

Da die in der Nähe des Ofens und der Heizröhren sitzenden Schüler mehr Wärme als die entfernteren erhalten, so kann der Lehrer dadurch viel verbessern, daß er blutarmen, für größere Wärme empfänglicheren Kindern diese Plätze anweist.

Empfindet der Lehrer, daß schon nach einigen Stunden eine sehr bemerkbare Luftverschlechterung eintritt, so muß er um sofortige Abhilfe besorgt sein. Auch in den kleineren Schulen beschäftigt sich wohl jetzt fast jeder Lehrer so viel mit Physik und Chemie, daß er eine einfache Kohlensäurebestimmung vornehmen kann, und sollten sowohl hierzu die notwendigen Apparate als auch zur Feststellung des Wassergehaltes der Luft (Wolpertsches Strohhygrometer) überall vorhanden sein.

Aus unserer obigen Darstellung ergiebt sich von selbst, daß die beste Ventilation durch das geöffnete Fenster geschieht. Durch die Oeffnung nur einiger Fensterflügel und der Thür wird in der Zwischenstunde die Kohlensäureanhäufung innerhalb fünf Minuten auf die Norm zurückgebracht. Während der Stunde muß aber der Lehrer berücksichtigen, daß auch bereits an nur einem geöffneten Fenster Zug stattfindet; nach oben fließt die warme Luft ab, nach unten tritt die kältere herein. Diesen leichten Zug können empfindliche Naturen schon nicht vertragen; Erkältung, selbst Gesichtslähmung schließen sich an. Während der Stunde ist daher ein von den Schülern entfernteres und womöglich oberes Fenster zu öffnen. Am Schluß der Schule soll aber eine ausreichende Fensterlüftung eintreten; doch wie wenig geschieht dies! Ich besuchte abends eine größere Anzahl Schulen; bei 60 Prozent war kein Fenster geöffnet, bei 30 Prozent ein kleines Schiebfenster, bei 10 Prozent ein Fensterflügel, nirgends standen die sämmtlichen Fenster offen! Auch bei Landschulen beobachtete ich die gleichen Verhältnisse. Selbst im Sommer, während der Mittagszeit, fanden sich die Fenster meistens geschlossen.

An den Schulfenstern zeigt die moderne Schularchitektur die geringsten Fortschritte; sämmtliche Fenster, auch die oberen, müssen leicht zu öffnen und zu schließen sein und Haken zum Feststellen überall das Offenbleiben ermöglichen. Vorrichtungen sind zu treffen, daß auch in der Nacht die Fenster offen zu halten sind und Regenwasser keinen Schaden stiftet, da in den Sommermonaten nur hierdurch eine gründliche Lufterneuerung möglich ist.

Je größer die Luftdifferenz in Bezug auf Temperatur, Kohlensäureanhäufung und andere Verunreinigungen ist, desto schneller erfolgt die Ausgleichung, wenn plötzlich gute Luft zugeführt wird. Sofort nach Schluß der Schule, im Sommer auch mittags, muß der Lehrer, nachdem die Kinder rasch das Zimmer verlassen haben, durch einige zurückgebliebene sämmtliche Fenster, womöglich auch Thür und Korridorfenster, öffnen lassen, wodurch binnen kürzester Zeit die vollkommenste Durchlüftung erfolgt; selbstverständlich aber darf er weder die Kinder, noch sich der entstehenden Zugluft aussetzen. Das Schließen abends hat der Schulwärter zu besorgen. Vollständig verwerflich ist es, Kinder in der verdorbenen Luft nachsitzen zu lassen; hier muß jedesmal eine genügende Lüftung vorausgehen. Das Gleiche gilt von den jetzt in der Entstehung begriffenen, äußerst wohltätigen Instituten der Knabenhorte und von den Schulen, welche von Fortbildungsschülern benutzt werden.

Auf die einfachste Weise kann so der Lehrer, besonders mit Beihilfe von nur einige Male vorgenommenen Thermometermessungen an verschiedene Theilen des Zimmers und Berechnung der Wärmeabnahme vor und nach der Oeffnung von verschiedene Fenstern in der Zwischenstunde, eine Luft in seinem Klassenzimmer einführen, welche allen Anforderungen an die Gesundheit entspricht und ihm und seinen Schülern die geistige Arbeit erleichtert.

[734]
III.

Betrachten wir die aus der Schule kommenden Kinder, so erregen in den Städten die Mädchen der weniger bemittelten Stände unsere Aufmerksamkeit. Ihre Haltung ist meistens schlaff, nach vorn gebeugt, die Gesichtsfarbe blaß, während die Knaben stramm und lustig herumspringen. Die Ursache beruht in der größeren Betheiligung der Mädchen schon in den jüngeren Jahren an der Hausarbeit und dem Warten und Tragen der kleineren Geschwister, also der Unmöglichkeit, der frischen Luft in dem Grade theilhaftig zu werden, als es nothwendig und bei den Knaben der Fall ist. Hierzu kommt noch die im Durchschnitt gänzlich ungeeignete und schädliche Weise, mit welcher die Kinder ihre Schularbeiten im Hause zu erledigen pflegen.

Während die Schule der Neuzeit bestrebt ist, die Mängel der alten Schulbänke zu beseitigen, geschieht im Hause fast nichts, um den Kindern einen der Gesundheit zuträglichen Sitz herzustellen. Stehend, oder mit abgerücktem Stuhle sitzend, legt das Kind den Brustkasten, wie bei den älteren Schulbänken, fest an den nicht zu hohen Tisch an. Der linke Arm befindet sich unter dem Tische, der ganze rechte auf der Tafelfläche. Der Kopf fällt nach vorn und die Nasenspitze berührt fast das Papier. Der rechte Arm [735] steht hierdurch höher und die Wirbelsäule muß, um diese Haltung herbeizuführen, eine Ausbiegung nach rechts annehmen. Diese Biegung wird noch durch das einseitige Sitzen des Kindes auf nur einem Oberschenkel begünstigt.

Die Wirbelsäule ist ein gegliederter Stab, an dessen oberem Theile die Rippen ringförmig befestigt sind. An der hinteren Fläche der Rippen und besonders an der Stelle, wo sie einen kleinen Winkel bilden, liegt das Schulterblatt, an welches sich vorn das Schlüsselbein anfügt; an dem Schulterblatt hängt der Oberarm. Dieser ganze schwere Schultergürtel ist nur locker, besonders durch Muskeln an dem Körper befestigt. Für das gleichmäßige Körperwachsthum ist die gleichmäßige Belastung der Wirbelsäule eine Grundbedingung. Ein andauernder ungleichmäßiger Druck wird an der gedrückten Stelle das Wachsthum hemmen, auf der freien Seite dagegen die Entwickelung begünstigen. Schon bei einer kleinen Verbiegung der Wirbelsäule müssen die Rippen in Mitleidenschaft gezogen werden.

Beim Stehen pflegen besonders die Mädchen mit dem einen Beine einzuknicken, so daß der Körper nur auf einem Beine ruht und die Wirbelsäule, um das Gleichgewicht zu erhalten, unten sich ausbiegen muß. Anfänglich gleichen sich beim Nachlassen der ungünstigen Haltung diese Biegungen wieder aus; das Kind ist aber im Wachsen, wiederholt sich die Schädlichkeit öfter, so muß bei schwachem Knochenbau und blutarmen Kindern eine Rückwirkung auf die Rippen eintreten. Wenn die Wirbelsäule sich in ihrer Mitte, wie gewöhnlich, nach rechts ausbiegt, werden die Rippen an dieser Seite hinten zusammengedrückt, links dagegen etwas abgeflacht. Schon bei niederen Graden macht sich dieses bemerkbar. Der auch normal vorhandene Rippenwinkel prägt sich stärker aus, das darauf liegende Schulterblatt wird empor- und rückwärts gehoben, es entsteht die bei den Mädchen von der Schneiderin gewöhnlich zuerst bemerkte „hohe Schulter“. Hieran schließen sich später stärkere Formveränderungen der Wirbel und Rippen an.

Die gleiche Benachtheiligung wie die Wirbelsäule erleidet das Auge bei einer unzweckmäßigen Haltung. Die Neigung des Kopfes überfüllt dasselbe mit Blut, das zu nahe angestrengte Sehen bedingt krampfhafte Zusammenziehung der Muskulatur des Augeninnern. Das Auge gewöhnt sich daran, nur Strahlen zu zerlegen, welche aus der unmittelbaren Nähe einfallen; hierdurch gewinnt auch das Wachsthum des Auges eine andere Richtung, der Augapfel verlängert sich mehr, es entsteht das kurzsichtige Auge. Parallele Strahlen, welche von ferneren Gegenständen auf die Linse fallen, vereinigen sich bei diesem Auge schon vor der Netzhaut, das Bild wird trübe und verwaschen, nur aus einander gehende Strahlen aus der Nähe bricht die Linse zu einem reinen Bilde. In den Städten tritt als erschwerende Ursache hinzu, daß das kindliche Auge selten Gelegenheit besitzt, in die Ferne zu sehen. Auch hier bedingen ungünstige Schulverhältnisse allgemeine Verschlimmerungen. Der um die Gesundheitspflege des Auges hochverdiente Professor Cohn fand in Breslau in Schulen, welche in engen Straßen gelegen waren, ziemlich dreimal so viel kurzsichtige Kinder als in freistehenden Schulgebäuden.

In ähnlicher Weise wirkt das schlechte Sitzen auf den Gesammtorganismns ungünstig ein. Die Athmung wird behindert, der Verdauungsapparat gedrückt, Blutarmuth und Nervenschwäche entstehen als Folge. Selbst im Hause ist ein richtiger Sitz beim Schreiben mit Leichtigkeit zu erzielen. Der Stuhl muß etwas unter den Tisch geschoben sein. Der Tisch soll eine solche Höhe besitzen, daß die Schultern nicht gehoben werden, der Oberkörper befindet sich bis an die Magengrube oberhalb der Tischplatte, beide Unterarme bis zu 2/3 auf dem Tische, den unteren Theil des Rückens stützt ein Rollkissen.

Diese Verhältnisse sind bei unseren neuen Schulbänken berücksichtigt. Die gewöhnlich zweisitzige Bank nähert sich soweit der Tafel, daß die Distanz gleich Null ist, die Höhenentfernung zwischen Tafel und Bank (Differenz) ist der Schülergröße angemessen, sie beträgt nach der Größe der Kinder 20 bis 25 cm. Leider findet man aber häufig noch in derselben Klasse meistens nur die eine Art von Bankhöhe, während gerade beim weiblichen Geschlecht vom 10. Jahre an ganz verschiedene Körpergrößen in der gleichen Klasse vorhanden sind. Die bestgebaute Bank muß dann schädlich einwirken; der Lehrer kann aber durch die oben angegebene Bestimmungsart leicht Abhilfe schaffen, da jede gut eingerichtete Schule 4 bis 6 verschiedene Bankgrößen enthält.

Es ergiebt sich hieraus, wie auch schon früher hervorgehoben wurde, daß die hergebrachte Sitzweise vom Standpunkte der Gesundheitspflege Aenderungen bedarf: blutarme, kurzsichtige, schwerhörige und verschieden große Kinder müssen Plätze nach ihrem körperlichen Zustande erhalten. Falls ungeachtet geeigneter Schulbänke die Kinder eine schlechte Haltung behalten, so ist im Hause die Schuld zu suchen und die Eltern sind dann von dem Lehrer zu benachrichtigen. Dieses sollte auch geschehen, wenn Zeichen von Kurzsichtigkeit auftreten, wenn das Kind die Buchstaben und Zahlen an der Tafel nicht erkennen kann und die Augen zusammenkneift, um sich das Bild deutlicher zu machen. Das Licht soll von der linken Seite auf die Kinder fallen, direktes Sonnenlicht ist zu verhüten, ebenso bei künstlicher Beleuchtung grelle und flackernde Flammen; man erachtet für sechs Kinder eine Gasflamme zum Schreiben und Lesen für ausreichend. Bei Hausarbeiten sind helle Hängelampen, durch welche das Kind nicht gezwungen wird, in das Licht selbst zu sehen, dem Auge am zuträglichsten. Eine jede Beengung des Halses durch engansitzende Kragen ist durch die infolge dessen eintretende Blutüberfüllung des Auges schädlich. Jeder starke gleichmäßige Druck des Brustkorbs treibt gleichfalls das Blut nach Kopf und Augen. In den oberen Gymnasial- und Realschulklassen tritt oft die „Klemmerkrankheit“ ein. Der Lehrer thut gut, sich die Notwendigkeit des Tragens eines Klemmers durch einen Arzt bescheinigen zu lassen, und dieser wird, falls das Auge eines Glases bedarf, sicher mehr mit einer Brille einverstanden sein, weil das Klemmerglas sich nicht so zweckmäßig an das Auge anfügt und die Brille zur Schonung der Augen ebenso rasch entfernt werden kann.

Die Schule muß bestrebt sein, zur Erfüllung ihrer Leistungen sich die Gesundheit ihrer Schüler zu erhalten, sie ist daher auch berechtigt, gegen die Kleidung Einspruch zu erheben, falls dieselbe nach allgemeinen Grundsätzen gesundheitsschädlich ist. Dieses ist z. B. bei einem enganschließenden Korsett der Fall. In jeder Schule findet sich eine Nählehrerin, welche in den obern Klassen der höheren Töchter- und weiblichen Fortbildungsschulen eine zu enge Taille kontrolliren kann, und es muß durch die Schule energisch gefordert werden, daß die Mutter wenigstens noch nicht in dieser Zeit der Entwickelung ihres Kindes die moderne Zwangsjacke in Anwendung bringt. Nach körperlichen Uebungen, bei denen das Auge gleichfalls mehr Blut enthält, sollte nicht unmittelbar Schreiben und Lesen folgen. Bei dem Turnen besonders ist hierauf Rücksicht zu nehmen, weil manches Kind hierdurch hochgradig erregt wird. Die nicht seltene Klage der Eltern, daß ihr Kind nach dem Turnen sich äußerst angegriffen fühle, wird von dem Turulehrer oft für Heuchelei der Kinder gehalten, beruht aber auf Wahrheit. Ein blutarmes, schwächliches Kind, welches zu Hause zu körperlichen Bewegungen keine Gelegenheit besitzt, kann nicht durch zwei wöchentliche Turnstunden zum Herkules herangebildet werden; es wird im Gegentheil oft, wie es auch bei Erwachsenen nach außerordentlichen Uebungen geschieht, durch die ungewohnte Erregung eine Art Turnfieber eintreten, aus welches später Erschlaffung und Muskelschmerz folgt. Dieser Uebelstand kann nur durch Vermehrung der Turnstunden oder, wie ich es öfter bei solchen Kindern mit gutem Erfolge angeordnet habe, durch Freiübungen im Hause gehoben werden. Der Turnlehrer muß vor allem die Eigenart des Kindes berücksichtigen; findet er große Muskelschwäche vor, so ist ein Zettel mit einigen Freiübungen, welche er den Kindern einlernt, schnell zum Ueben im Hause aufgeschrieben. Verständige Eltern werden dafür sicher dankbar sein und für die ein viertelstündige tägliche Ausführung sorgen – wohl sicher eine der nützlichsten Schularbeiten, deren Befolgung der Lehrer leicht durch die Zunahme von Geschicklichkeit und Muskelkraft kontrolliren kann. Die dünnen Kletterstangen sollten aus den Turnhallen wegen eines bekannten Nachtheils für die Gesundheit der Knaben beim Erklimmen verschwinden, und der Turnlehrer muß streng darauf sehen, daß der Knotenstrick nur zwischen die Füße oder Kniee genommen wird.

Die Reinlichkeit und Hautpflege der Kinder fordert eine große Berücksichtigung. Namentlich soll die Kleidung der Kinder möglichst staubfrei in die Schule gelangen, denn Nase und Luftröhren behalten den mit der Luft eingeathmeten Staub zurück, [736] die gleiche Reinlichkeit ist bezüglich der gesammten Körperoberfläche zu fordern.

Göttingen hat zuerst hier fördernd durch Errichtung von Schulbädern eingegriffen und schon mehrere Städte, besonders Frankfurt, sind nachgefolgt. Eine Klasse badet innerhalb einer Stunde. Eine gewisse Schüleranzahl wird aus der Klasse entlassen, von diesen entkleiden sich mehrere und gehen unter die Brause, während sie sich abtrocknen, kommen die nächsten an die Reihe; die zurückgebliebenen werden fort unterrichtet. Das Baden geschieht alle vierzehn Tage einmal, auch im Winter. Während im Beginne sich viele Kinder ausschlossen, meldeten sich später immer mehr, so daß zuletzt fast sämmtliche Kinder badeten. Die Lehrer heben die geistige Frische nach dem Bade hervor; Erkältungen sind leicht zu verhüten, Zugluft und zu rasches Verlassen des Klassenzimmers im Winter ist zu vermeiden und das sorgsame Abtrocknen der Haare bei kalter Jahreszeit zu fordern. Die Kosten sind so gering (in Göttingen betrugen sie 780 Mark), daß eine derartige Einrichtung bei jedem neuen Schulbau dringend wünschenswert ist, denn nicht nur der einzelne wird hierdurch gekräftigt und zu größerer Reinlichkeit angehalten, sondern auch die Gesammtheit der Schüler erhält durch die Verbesserung der Klassenluft den größten Nutzen.

[866]
IV.



Der Lehrer soll nicht kuriren, aber er muß einen Einblick in das Wesen gewisser Krankheitsgruppe besitzen, um die bestehenden Schulgesetze richtig zur Ausführung zu bringen. Es betrifft dieses besonders die ansteckenden Kinderkrankheiten, deren Hauptverbreitung durch die Schule geschieht. Die Mehrzahl dieser Krankheiten überträgt sich schon in ihrem Vorstadium, zu einer Zeit, in welcher die Haupterscheinungen derselben noch nicht zu Tage getreten sind, auf andere Kinder; nur geringe Beschwerden sind vorhanden, welche die Eltern jedoch nicht veranlassen, das Kind im Hause zurückzubehalten. Zeigte sich auch am Abende etwas Fieber, so erniedrigt sich dasselbe am Morgen, das Kind fühlt sich kräftiger und begiebt sich zur Schule. Während des Vormittags steigert sich aber das Fieber wieder, das Kind klagt über Kopfschmerzen und Frost, der Lehrer erkennt die erhöhte Eigenwärme an dem gerötheten Gesicht und kann sie auch leicht durch den eingeschobenen Finger am unteren Halstheil fühlen. Der Puls, welcher am unteren Ende der Daumenseite des Unterarmes innen neben dem Knochen leicht zu finden ist, schlägt schneller als im gesunden Zustande. Wenn auch die Ursache nur in einem einfachen Schnupfen beruhen kann so ist doch Vorsicht schon wegen der Nachbarn geboten. Ein fieberndes Kind hat die Schule zu verlassen; vorher werfe aber der Lehrer einen Blick in dessen Hals. Er umwickele mit dem Zipfel des dem Kinde gehörigen Taschentuches seinen Zeigefinger und drücke die Zunge im weitgeöffneten Munde nach unten. Bei vielen Kindern, besonders wenn sie zu Hause gut angelernt sind, läßt sich ohne jedes Niederdrücken der Zunge der Hals leicht übersehen.

Im Hintergrunde des Mundes hängt der weiche Gaumen als ein rother Vorhang herab, in seiner Mitte befindet sich ein kleiner Ansatz, das Zäpfchen. Rechts und links theilt er sich in zwei Falten, welche zwei rundliche, mit Gruben versehene Gebilde enthalten. die Mandeln; hinter ihnen liegt der harte Gaumen. Zeigen diese Gebilde an gleichmäßiges, schwach geröthetes Ansehen so ist hier nicht der Grund der Erkrankung zu suchen. Die Mandeln sind der gewöhnliche Anfangssitz von croupöser Mandelentzündung und Diphtherie; in der größten Anzahl der Fälle ist das Kind mit dem Beginne dieser Krankheiten in der Schule gewesen. Die Röthung und Schwellung braucht keinen großen Umfang dabei zu erreichen; bei genauerer Betrachtung sieht man aber eine Anzahl der Mandelgruben weißlich gefärbt, gelb-weiße Striche und Flecke heben sich von der rothen Unterfläche deutlich ab. Das Kind klagt über Halsschmerzen, das Sprechen hat einen Nasenton. Findet der Lehrer einen solchen Zustand, dann sind nicht nur die Eltern des kranken Kindes, sondern auch die der nächstsitzenden Kinder zu benachrichtigen, um die Weiterverbreitung möglichst zu verhindern. Es sind nur Anfangserscheinungen, welche möglicherweise nicht weiter führen, doch ist bei der jetzigen Verbreitung der Halskrankheiten Vorsicht nothwendig.

Als Nachkrankheit von Diphtherie erscheint nicht selten nach Wochen eine Lähmung der Augenmuskulatur, welche sich in Doppelsehen und schlechtem Erkennen der Buchstaben äußert.

Eine starke Entzündung des Halses mit hochgradiger Röthung zeigen auch die Kinder in der Entwickelung des Scharlachs, wann gleichfalls die Schule oft noch besucht wird. Auch hier ist Fieber und manchmal schon der Beginn des Ausschlages, bestehend in kleinen gerötheten Stippchen, zuerst an der Brust und den Gelenken zu bemerken.

Eine andere Erscheinung bei einigen ansteckenden Krankheiten ist der Husten. Demselben ist Bedeutung beizulegen, falls Masern- und Keuchhustenepidemien im Orte aufgetreten sind. Während der ersten 8 bis 14 Tage ist der Husten des Keuchhustens rein katarrhalischer Art, erst dann beginnen sich die bekannten Anfälle mit langgezogenem pfeifenden Einathmen, nachfolgendem ruckweisen Ausathmen und schließlichem Herauswürgen eines zähen Schleimes anzufügen. Bei jedem Husten welcher eine längere Zeitdauer in Anspruch nimmt und wo die Kinder beim Husten selbst ein geröthetes Gesicht zeigen, ist ein Ausschluß vom Schulbesuche berechtigt. Der Husten vor dem Ausbruche der Masern ist ein kurzer Reizhusten mit rauhem Beiklangs starker Schnupfen und Augenentzündung sind neben ihm vorhanden. An dem Tage, nach welchem sich die linsengroßen rothen Stellen auf dem Körper entwickeln, zeigt der weiche Gaumen schon umschriebene rothe Flecke, durch welche der Verdacht der kommenden Masern verstärkt werden kann. Unschädliche, aber gleichfalls ansteckende Erkrankungen sind die Spitzpocken und Rötheln. Bei den Spitzpocken bedecket den Körper mehr oder weniger zahlreiche wasserhelle Bläschen bei den Rötheln ein den Masern, selten dem Scharlach ähnlicher Ausschlag mit sehr geringem Fieber im Beginne. Von den Spitzpocken vollständig verschieden sind die wahren Pocken, deren Anfangserscheinungen Kopf- und Kreuzschmerz, hohes Fieber, Brechen, meistens so heftig auftreten, daß der Schulbesuch schon im Vorstadium unterbleibt; das Gleiche ist mit dem in einigen Gegenden nicht selten vorkommenden äußerst ansteckenden Fleckthyphus der Fall.

Sehr gefahrlos und verbreitet ist der ansteckende Ziegenpeter oder Mumps, die Entzündung der Ohrspeicheldrüse. Hinter und vor dem Ohre bildet sich eine schmerzhafte gleichmäßige Anschwellung, welche dem Gesicht das bekannte lächerliche Aussehen verleiht.

Die Zeit, welche diese Krankheiten von dem Momente der Ansteckung an bis zu ihrem vollständigen Ausbruche gebrauchen, ist verschieden. Bei Diphtherie und Scharlach genügen zwei Tage, die Masern zeigen den feststehendsten Termin: bei einem Schulkinde, welches von seinen Nachbarn angesteckt wurde, erscheint 14 bis 16 Tage später der Ausschlag, nachdem mehrere Tage vorher die oben geschilderten Katarrhe sich bemerkbar machten. Scharlach und Diphtherie übertragen sich nicht nur vor dem Ausbruch, sondern bis sicher sechs Wochen nachher, während die Masern besonders vor und während des Ausschlages die Hauptansteckung darbieten. Kinder, deren Haut, besonders an den Händen sich nach Scharlach noch abschuppt, sind nicht in die Schule zu lassen. Die Empfänglichkeit ist verschieden. Die Neigung zu Masern ist eine fast allgemeine, etwas weniger zu den Pocken; von Scharlach und Diphtherie wird schon eine größere Anzahl Kinder nicht ergriffen. Die Masern übertragen sich fast nur von dem kranken Kinde unmittelbar auf das gesunde, während bei Pocken, Scharlach und Diphtherie Kleider und Gegenstände, mit denen der Erkrankte in Berührung gekommen ist, die Weiterverbreitung vermitteln können.

Auf diese Verhältnisse gründen sich die Schulgesetze der Neuzeit zur Beschränkung der ansteckenden Kinderkrankheiten. Dieselben lauten im Auszug. „Der Schulbesuch ist an Masern [867] erkrankten Kindern vier Wochen, Kindern, welche von Scharlach, Diphtherie und Pocken befallen wurden, sechs Wochen nicht gestattet. Alle schulpflichtigen Kinder aus solchen Wohnungen haben durch ein ärztliches Zeugniß nachzuweisen, daß sie die Ansteckung nicht übertragen, sonst müssen sie die gleiche Zeit die Schule meiden.“ Bei Masern hat, wie wir sahen, der Besuch der Schule von Geschwistern, wenn sie selbst die Krankheiten überstanden haben, keine Gefahr, und mit Recht fordern auch neuerdings einige Städte dann keine ärztlichen Zeugnisse; der größte Nachtheil für die Schule kann aber bei Scharlach und Diphtherie sowie Pocken erwachsen und bei richtigen Fällen sollten die Geschwister vor Ablauf der gesetzlichen Frist nicht zur Schule geschickt werden.

Die Ansteckung geschieht am seltensten durch das Aufhalten in der Wohnung des Kranken, sondern entweder dadurch, daß die Geschwister, von ganz leichten, kaum bemerkbaren Anfällen, mit welchen sie ausgehen können, heimgesucht, auf gleiche Weise wie ein schwerer erkranktes Kind die Ansteckung vermitteln, oder daß sie Bücher oder Gegenstände der Erkrankten aus Zufall mit in die Schule hereinbringen.

Merkwürdigerweise hat die Mehrzahl der Schulgesetze keine Rücksicht auf das Verhalten der Lehrer genommen, falls in ihrer eigenen Familie ein derartiger Krankheitsfall ausbricht. Bei Masern ist auch hier nur geringere Vorsicht anzuwenden; Scharlach, Diphtherie und Pocken erfordern dagegen einen Ausschluß aus der Schule während sechs Wochen; die größte Vorsicht ist außerdem nothwendig, Besuche von Schulkindern sind nicht zu gestatten, Bücher nicht in dem Krankenzimmer zu korrigiren. Auch sollten die Wohnungen der Schulwärter wegen etwa vorkommender ansteckender Krankheiten in der eigenen Familie einen nicht in den allgemeinen Schulvorsaal mündenden Eingang besitzen und die Lehrer- und Direktorialwohnungen möglichst aus dem Schulgebäude entfernt werden. Erfährt der Lehrer die ansteckende Krankheit eines seiner Klassenkinder, so warne er die Kinder, ohne die Krankheit zu nennen, ihren Mitschüler während der nächsten Zeit zu besuchen, und beobachte die bisherigen Nachbarn des Erkrankten wegen einer etwa stattgefundenen Ansteckung.

Von sonstigen Krankheiten, die Beachtung verdienen, sind in Kürze nur zu erwähnen die verschiedenen ansteckenden Hautausschläge; besonders einige Flechten des behaarten Kopfes, welche durch einen pflanzlichen Parasiten verursacht werden, übertragen sich in einem hohen Grade auf andere Kinder. Es ist nicht Sache des Lehrers, hier weitere Untersuchungen anzustellen, aber wegen der Gefahr der Ansteckung und des Ekel erregenden Ausschlages kann die Fortsetzung des Schulbesuches erst nach der Abheilung stattfinden. In dieses Gebiet wird die Krätze mit eingeschlossen, deren sichtbare Zeichen nur in einem Ausschlage der Haut beruhen, welcher mit anderen gerade bei Kindern vorkommenden oft solche Aehnlichkeit besitzt, daß der Lehrer sie nicht mit Sicherheit unterscheiden kann.

Von plötzlich auftretenden Krankheiten verursachen Ohnmachten und Krämpfe am häufigsten ein Einschreiten seitens des Lehrers. Man lege die davon befallenen Kinder platt auf den Boden, befreie sie von beengenden Kleidungsstücken und sprenge ihnen etwas kaltes Wasser ins Gesicht; das Aufbrechen der eingekniffenen Daumen ist zu unterlassen. Oefter auftretende epileptische Krämpfe gebieten das Unterlassen des Schulbesuches wegen des nachteiligen Eindruckes auf die Mitschüler. Das Gleiche gilt von dem Veitstanz, denn hier liegt besonders bei Mädchen die Gefahr der Nachahmung sehr nahe. Der Lehrer erkennt diese Krankheit durch die unruhigen Bewegungen des Kindes: die Muskeln des Gesichtes zucken, es finden fortdauernde, nicht gewollte Bewegungen der Hände und Füße statt, so daß das geforderte Stillsitzen und -Stehen trotz der größten Mühe nicht zu ermöglichen ist.

Nasenbluten kommt fast immer von selbst zum Stillstand; bei häufigerer Wiederholung sind die Eltern davon in Kenntniß zu setzen, weil dann der Grund zumeist in Blutarmuth und allgemeiner Schwäche des Kindes zu suchen ist. Auch der häufig auftretende Kopfschmerz entsteht fast immer durch Blutarmuth des Gehirns, nur selten kommt er durch das Gegentheil, Blutüberfüllung des Kopfes, zum Vorschein.

Diese chronischen Erkrankungen des Gesammtorganismus, Blutarmuth, blasses Aussehen und allgemeine Schwäche, finden besonders in zwei Perioden statt: die erste kurz nach dem Eintritt in die Schule ist nur von kurzer Dauer und wird bald überstanden. Der Lehrer bemerkt, daß das frisch und gesund in die Schule eingetretene Kind blässer und fettärmer wird, ohne daß dabei die Freude und Kraft zur Arbeit leidet. Die Ursache ist in der vollkommen veränderten Lebensweise, dem Stillsitzen, der Klassenluft und der geistigen Anstrengung zu suchen. Das Wohlbefinden der Kinder erfordert es dringend, daß ihnen in jeder Zwischenstunde vollständige Freiheit gelassen und nicht, wie es leider manchmal geschieht, das Verlassen des Platzes verboten wird. − Von größerer Wichtigkeit ist die zweite Periode, welche bei Mädchen im zwölften bis vierzehnten Jahre, bei Knaben zwischen dem vierzehnten und siebzehnten Jahre eintritt. Hier bedingen die Wachsthumsvorgänge die Veränderungen. Bei Mädchen tritt oft Bleichsucht mit Vergrößerung der Schilddrüse (Kropf) ein, bei Knaben äußert sich der Zustand weniger im Aussehen als in der geistigen Schlaffheit, welche vom Lehrer oft als Trägheit gedeutet wird. Die Vergleichung mit dem früheren Zustande, die größere geistige Frische nach den Ferien, der Wechsel zwischen gut und schlecht kann den Lehrer jedoch auf die richtige Ursache hinleiten, und gerade diese Schüler erholen sich später vollständig wieder und überragen dann oft die ihnen früher zum Muster vorgestellten Mitschüler.

Diese krankhaften Entwickelungsvorgänge hängen mit der Ueberbürdungsfrage eng zusammen. Derartige Organismen sind nicht im Stande, ihre Aufgaben in der gewöhnlichen Zeit zu erledigen; sie müssen die späten Abendstunden zu Hilfe nehmen, wodurch der Schule häufig der Vorwurf der Arbeitsüberhäufung gemacht wird. Hier ist aber nur die Entlastung einzelner Schüler am Platze, ohne daß die Allgemeinheit viel davon berührt zu werden braucht. In den Volksschulen kann von einer Ueberbürdung kaum gesprochen werden. In den höheren Schulen dürfte außer der Vermehrung der Turnstunden und dem geringeren Eingehen der Lehrer in ihre Specialfächer eine große Abhilfe durch die allgemeine Einführung eines sogenannten Studientages für die Anfertigung der häuslichen Schularbeiten, wie es schon an mehreren Schulen der Fall ist, geschaffen werden. Fraglich ist nur, ob nicht der Montag dem hierzu gewöhnlich verwendeten Sonnabend vorzuziehen sei, denn es liegt an der kindlichen Natur, die Arbeit bis auf den letzten Termin, also den Sonntag, zu verschieben, welcher von jeder Arbeit befreit bleiben soll, während sie am Montag mit größerer Frische die Hausarbeiten erledigen würden. Von den Eltern ist zu fordern, daß sie einen solchen Einblick in die Hausarbeiten ihrer Kinder besitzen, um das Verschieben derselben bis zum letzten Augenblicke und das dadurch hervorgerufene Zusammenkommen verschiedener Arbeiten zu verhindern.

Von großer Bedeutung für die Schule ist die Verlegung des Stoffes, welcher die höchste geistige Thätigkeit erfordert, in die ersten Stunden; ich erinnere an die bekannte Thatsache, daß das gleiche Diktat am Beginn und Schluß des Vormittags im letzteren Falle 25% mehr Fehler aufwies.

So lange es nicht möglich ist, physiologisch direkt festzustellen, wie viel Arbeit dem Gehirn in einer jeden Altersklasse auferlegt werden kann, müssen wir den Nachtheil ins Auge fassen, welchen der Schulbesuch und die zu große geistige Arbeit auf Körper und Gehirn ausübt, und denselben zu mindern suchen. Den Körper gesund zu erhalten, ist daher die erste Pflicht der Schule, und der Lehrer kann zur Erfüllung dieses Zweckes, wie unsere kurzen Ausführungen zeigst sollten, die segensreichste Beihilfe entwickeln.