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Textdaten
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Autor: Heinrich Pröhle
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Titel: Der Jude und das Vorlegeschloß
Untertitel:
aus: Kinder- und Volksmärchen. S. 37-44
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Avenarius und Mendelsohn
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Scans auf commons
Kurzbeschreibung:
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[37]
9. Der Jude und das Vorlegeschloß.

Es war einmal ein gar starker Jüngling, der ging auf Reisen, und als er eine Zeit lang gereist war, kam er in eine Wildniß; da begegnete ihm ein Jude, der fragte, wohin er wolle. „Er wolle in die Welt und seines Gleichen suchen in der Stärke.“ Er solle mit ihm gehen, sagte der Jude, er wolle ihn glücklich machen. Der Jüngling geht mit ihm und sie kommen vor eine alte Burg, um die herum ist ein großer eiserner Zaun. Vor dem Schlosse bleiben sie eine Weile stehen, da thut sich ein unterirdischer Gang auf. Als der Jude das sieht, schickt er den Starken hinein, auf daß er ihm ein Schloß heraushole, das drinnen im Burggebäude an einer alten Thür hängt. Und wie der Starke drinnen ist, sieht er eine Jungfrau, die fragt ihn, wie er doch hinein käme. Er antwortet, es hätte ihn ein Mann hierher geschickt, um ein Schloß herauszuholen. Nun sagt die Jungfrau, wenn er ihr Erlöser sein wolle, so solle er's haben. Das sagte er ihr sogleich zu und fragte, auf welche Weise er sie erlösen könne. Darauf erwiderte sie: drei Nächte lang dürfe er nicht schlafen und müsse an der Stelle sitzen bleiben, wo sie ihn hinweise. In der ersten Nacht würden Geister kommen, in [38] der zweiten Schlangen und in der dritten wieder Schlangen, alle würden sich bemühen, ihn vom Stuhle zu werfen, und wenn er das geschehen lasse, so sei sie für ewig verloren. Wenn er aber der Gewalt der Schlangen und der Geister widerstände, so sei sie erlöst.

Der Jüngling verspricht hierauf, aus Leibeskräften allen diesen Angriffen Widerstand zu leisten, und die Jungfrau weist ihm am Abend der ersten Nacht sein Zimmer an, darauf steht nichts als der Stuhl. Auf den muß er sich hinsetzen, und die Jungfrau verläßt ihn. Um elf Uhr aber füllt sich das ganze Zimmer mit Geistern, und der eine Geist will ihn immer noch lieber vom Stuhle werfen als die andern. Er aber wankt und weicht nicht, und so vergeht die erste Nacht. Am hierauf folgenden Tage erscheint die Jungfrau, bringt ihm Speise, belobt ihn für die schon bewiesene Ausdauer und spricht ihm Muth ein für die Zukunft. In der zweiten Nacht erscheinen die Schlangen und schlingen sich um die Stuhlbeine, als wollten sie den Stuhl umwerfen. Der Jüngling aber sitzt auch dabei fest auf seinem Platze. Um drei Viertel auf zwölf Uhr steigt nicht weit von ihm ein Sarg auf, da kriechen die Schlangen hinein und sind verschwunden. Am Tage zeigt sich wieder die Jungfrau, bringt ihm Speise und Trank und spricht ihm Muth ein. Sie fügt hinzu: er solle in der nächsten Nacht, wenn die letzte Schlange im Sarge wäre, hingehen, geschwind den Deckel aufheben und Das, was darin läge, umarmen und dreimal küssen. Er ist auch richtig in der dritten Nacht wieder am Platze. Allein die Schlangen sind jetzt noch wilder und ungestümer als in der zweiten Nacht. Doch verschwinden sie wieder alle in den Sarg, sobald es zwölf schlägt. Von dem Sarge hebt er den Deckel auf und sieht darin ein Ungeheuer, das umarmt er und küßt es dreimal. Als er es zum dritten Male geküßt hat, erhebt sich ein [39] lautes Freudengeschrei. Da steht auf einmal das Ungeheuer als die Jungfrau vor ihm, die ihn in die Burg gewinkt hat, und das war keine gewöhnliche Jungfrau, sondern eine Prinzessin von Geblüt, der gehörte die ganze verwünschte Burg, und die Burg ist ein Königsschloß gewesen, und die Schlangen waren ihre Dienerschaft, und die ganze Dienerschaft war nun auch erlöst. Das schäkerte alsbald in Küche und Speisekammer umher, und dazu erhob sich auf dem Herde bald ein behagliches Feuer, das briet einen Braten gar bedächtig auf beiden Seiten braun. Auf dem Thurme blies auf einmal der Thürmer die lustigsten Stücklein, denn der war nun auch mit erlöst. Jetzt hätte der Jüngling das Schloß von der alten Thür nehmen und zu sich stecken sollen, allein er vergaß es in seinem Glücke und ließ es hängen. Der Jude aber wartete draußen nicht mehr, sondern war längst fortgegangen, denn er glaubte, der Starke sei umgekommen gleich Andern, die er vor ihm schon in das Schloß geschickt hatte.

Schon am andern Tage hielten der Jüngling und die Prinzessin ihre Hochzeit, und sie lebten nun miteinander als König und Königin. Und der König herrschte über die ganze Wildniß, durch die er einst geschritten war, ehe er vor die Burg kam, und sie war voll von Hirschen und Rehen und Jägern, Hirten und Heerden. Da zog er oftmals hinaus auf die Jagd, denn das Burgthor, das früher verschlossen gewesen war, stand nun auch weit offen, wie es dem Thor einer Königsburg geziemt.

Und so hat er auch einmal wieder draußen seine Freude am Waidwerk, da kommt der Jude des Wegs vor die Burg mit seinem Bündel und spricht: „So bin ich doch schon so oft gekommen des Wegs und habe noch nimmer gesehen den Rauch aufsteigen aus dem Schornstein, und habe noch nimmer gesehen offen das Thor, und habe noch nie gehört, daß der Thürmer auf dem Thurme hier bläst sein Lied.“ Neugierig [40] geht er in die Burg hinein und bittet um die Erlaubniß, sich dort besehen zu dürfen. Er erhält die Erlaubniß und sieht das Schloß noch an der alten Thür hängen, das der Starke hat hängen lassen, und weil gerade Niemand auf ihn achtet, so nimmt er's herab. Wie er nun an dem Schlosse versuchsweise krickelt (denn er kannte seine Eigenschaften gar wohl), kommen sogleich viele Geister an und fragen, was er beföhle. Da spricht er: „Ich befehle, daß diese Burg sogleich hinter dem Berge steht, wo weder Sonne noch Mond hinscheint, und daß ich da mit der jungen Königin allein sein will. Ihr Geister sollt uns bedienen, wenn ich euch mit dem Schlosse herbeizaubere, die ganze Dienerschaft auf der Burg aber sollt ihr bei Wasser und Brot in den Burgthurm sperren. Ich werde die schöne Königin heirathen und werde mit ihr wohnen hinter dem Berge, wo weder Sonne noch Mond scheint. Das wird eine Lust werden.“

Die Geister verneigten sich tief, und das war eins, zwei, drei, da stand die Burg auch schon hinter dem Berge, wo weder Sonne noch Mond scheint, die Dienerschaft aber war bei Wasser und Brot ins Burgverließ gesperrt. Im Zimmer der Königin brannten ein paar Wachskerzen, da trat der Jude zu ihr und verkündigte ihr, daß sie ihren Gatten nimmer wiedersehen solle und daß er selbst sie zu heirathen gedächte. Darüber vergoß die Königin viele Thränen und sie weigerte sich standhaft, dem Juden die Hand zu reichen. So verging Tag auf Tag, und der Jude ward nicht müde, die Königin mit seinen Anträgen zu bestürmen. Deshalb weinte sie immer fort vor Scham und Zorn, und ihr Antlitz war ganz von Thränen geröthet.

Nicht lange nachdem das Schloß hinter den Berg versetzt war, wo weder Sonne noch Mond hinscheint, kehrte der König zurück von der Jagd. Als er sieht, daß die Burg [41] mit der Königin verschwunden ist, wirft er sich auf den Boden und klagt und winselt wie ein Kind. Endlich ermannt er sich und geht auf gut Glück eine Strecke weit, um Kunde von seiner Burg und seiner Gattin zu erforschen. Wie er noch nicht weit gegangen ist, sieht er einen Riesen. Ihm erzählt der König, daß er hier in der Nähe eine Prinzessin und eine Burg erlöst habe, und die seien jetzt beide miteinander verschwunden. Der Riese erwidert: er wolle sehen, ob er ihm nicht Bescheid geben könne, wo die Burg geblieben sei. Pfeift also auf dem Finger, und es kommen die ganzen Thiere. Der Hund, der Hahn, auch der Hirsch, das Reh und der Hase kommen heran, die Vögel des Waldes hüpfen herbei, der Adler, das Rothkehlchen, der Fink und Alle. Die fragt der Riese, ob sie nicht wüßten, wo die Burg geblieben sei, die da gestanden hätte; sie wissen aber nichts davon zu berichten. Zuletzt kommt noch eine wilde Katze hinten nach, die fragt der Riese auch, und die war gerade in einen Baum der Burg gegenüber geklettert, als der Jude kam, und sagte: die Burg stände hinten, wo nicht Sonne und Mond hinschienen, der Jude habe sie von den Geistern dahin versetzen lassen; und der sei auch dort und lasse der Königin keine Ruhe und wolle sie heirathen, das Gesinde aber liege gefangen im Thurme. Da sprach der Riese: Sie wären ihrer drei Riesen, das seien Brüder und von denen sei er der jüngste. Wenn der König zu dem Berge reisen wolle, wo nicht Sonne noch Mond hinschiene, so käme er zu dem zweiten Riesenbruder nun zunächst, und der dritte Bruder, nämlich der älteste, zu dem er von da aus hinkäme, wohne dicht vor dem Berge. An den zweiten Bruder gibt ihm der Riese einen Brief und geht seiner Wege. Als er noch eine Strecke weit von der Wohnung des zweiten Riesen entfernt ist, kommt der schon auf ihn ein und will ihn zerreißen. Wie er aber den Brief gelesen hat, zeigt er ihm den Weg [42] zu dem dritten Bruder und gibt ihm wieder an diesen ein Schreiben mit. Der beherbergt ihn in seiner Höhle eine Nacht, weil er gerade den Abend eintrifft, und beschreibt ihm, wie er über den Berg käme, hinter dem weder Sonne noch Mond schiene. Er gibt ihm Pilgerkleidung und ein Blatt und sagt ihm, wenn er das Blatt in den Mund nähme, so wäre er unsichtbar. So tritt der König seine Reise nach dem Berge an, und als er hinüber ist und vor der Burg steht, kommt der Jude heraus und fragt: woher er käme. Er sagt, er sei ein armer Pilger, wie er sähe, habe sich verirrt und bäte ihn flehentlich, daß er ihn zurecht weise. Nun hat den Juden dort im Dunkeln hinter dem Berge die Langeweile geplagt bei den fortwährenden Thränen der Königin, er läßt den Pilger also ein, bringt ihm Speise und Trank und läßt sich von ihm etwas erzählen aus dem Lande jenseits des Berges, und gedenkt der Zeiten, wo er selbst als armer Schacherjude noch sein Bündel oft im heißen Sonnenschein daher trug und am Schabbesabende mit seiner Rebekka im Mondenschein spazieren ging. Er hatte sie mit ihren Kindern im Stich gelassen, als ihn die Geister mit der Königin in das Land versetzten, wo weder Sonne noch Mond hinscheint, und er dachte, daß vielleicht eben jetzt die Sonne die schmutzigen Gesichter seiner sechs Buben beschiene, oder daß vielleicht in diesem Augenblicke seine Rebekka gerade sänge: Guter Mond, du gehst so stille! während er hier hinter dem Berge sitze, da nicht Sonne noch Mond hinschiene. Und da wurde der Jude immer weichherziger und erkundigte sich nach dem Mann im Monde, als ob's sein bester Freund gewesen wäre, und nach der Sonne erkundigte er sich so genau, als ob sie eigentlich aus der Judengasse stammte und mit ihm in die Judenschule gegangen wäre.

Da fragte ihn der König, wie denn hier hinten eine so schöne Burg hinkäme, wo weder Sonne noch Mond hinschiene. [43] Sogleich nimmt der Jude wieder eine ernsthafte Miene an, und weil der König ihn auch fragt, ob er hier allein wohne, so sagt er: ja, er sei hier allein, aber er habe eine unsichtbare Bande, die sehr stark sei; er solle sein Mahl verzehren, das vor ihm stehe, und sich beeilen, daß er fort käme. Er sei gern immer allein und habe nicht gern Besuch, und wen er zum Hause hinauswerfen ließe, dem thäte kein Finger wieder weh. Da that der König, als wolle er sich jetzt entfernen, nahm aber das Blatt in den Mund und dadurch ward er unsichtbar, und der Jude meinte, daß er schon fort sei. Der König muß aber in der Burg die ganze Nacht umherstehen, und es fügt sich nicht, daß er zu seiner Frau kommen kann.

Am andern Morgen schläft der Jude noch, die Frau aber weint in ihrer Kammer laut über ihr Schicksal und über ihren Mann. Da tritt der zu ihr und sagt: Gott habe ihn hierher geschickt, um sie abermals zu erlösen, und nimmt das Blatt aus dem Munde, sodaß er ihr sichtbar wird. Da fällt die Königin ihm um den Hals und küßt ihn. Als sie nun noch rathschlagen, wie sie sich des Juden entledigen können, kommt der eben auf die Kammer, denn er hat gehört, wie sie miteinander sprechen, und weil er so schnell kommt, hat der König nicht gleich sein Blatt im Munde. Da ist der Jude sehr zornig, weil er ihn nun auch sieht. Sie ergreifen einander, der Jude faßt nach dem Schlosse in seiner Tasche, aber ehe er das noch in der Hand hält und die Geister damit herbeirufen kann, hat ihm schon der Starke mit seinem Schwerte das Haupt gespalten. Nun bekommt der König das Schloß in die Hände, dreht es und die Geister erscheinen. Sie fragen, was er begehre, und er befiehlt, daß sie zuerst selbst die Dienerschaft aus dem Thurme befreien und fügt hinzu: alsdann wolle er, daß die Burg wieder auf der Stelle stände, wo er sie erlöst habe. Auch [44] gab er ihnen auf, noch den Juden hinter dem Berge zu verscharren, wo nicht Sonne noch Mond hinscheint, was auch geschah. Darauf fielen Alle, die in der Burg waren, in einen sanften Schlummer, und unterdessen brachten die Geister in wenigen Augenblicken die Burg wieder an die alte Stelle. Da hat der König nachher lange Zeit mit Segen regiert und hat in großem Ansehen gestanden.