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Textdaten
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Autor: B.
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Titel: Der Gerson’sche Bazar in Berlin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 264-267
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Berlin Kaufhaus Gerson um 1850 (W Loeillot).jpg
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[264]
Bilder aus der kaufmännischen Welt.
Der Gerson’sche Bazar in Berlin.

Gerson – Gerson, welcher Zauberklang für die Weiberherzen, welcher Gipfelpunkt sehnlicher Mädchenwünsche, welches Paradies der Frauen, welche Hölle für so manchen Gatten, nicht nur an den Gestaden der sandumwehten Spree, nein durch ganz Deutschland, überall wo der Gedanke an neue Moden dem schönen Geschlecht das Blut rascher durch die Adern treibt! Gewiß werden es alle unsere Leserinnen, die nicht das Glück haben in der Stadt der Intelligenz und der Gardelieutenants zu wohnen, uns Dank wissen, wenn wir ihnen einmal von diesem berühmten Gerson’schen Bazar und seiner Geschichte erzählen.

Im Jahre 1836 wurde in dem Gebäude der Bauakademie zu Berlin unter der Firma Wald u. Gerson eine Modewaaren-Handlung gegründet, welche sich in ihrer bescheidenen Ausdehnung kaum von den zahllosen Concurrenzgeschäften unterschied, die in allen Gegenden Berlins zu finden sind und von denen so viele einige Jahre nach ihrer Entstehung tiefbetrauert von ihren unbefriedigten Gläubigern wieder spurlos verschwinden.

Vielleicht mochte auch damals mancher der älteren Concurrenten jener neuen Firma kein besseres Prognostikon stellen, jedenfalls aber ahnte wohl Niemand in jenen Tagen, daß nach einem unverhältnißmäßig [265] kurzen Zeitraume aus dem bescheidenen Anfange ein so großartiges Geschäft hervorgehen würde, wie es in gleicher Weise in ganz Europa nicht zum zweiten Male gefunden werden kann.

Schon drei Jahre später (1839) übernahm Hermann Gerson das bisher gemeinschaftlich geführte Geschäft für alleinige Rechnung auf seinen Namen, und von diesem Zeitpunkte an gewann das noch so junge Unternehmen jenen fast beispiellos raschen Aufschwung. Gerson sah bald ein, daß er dem immer rascher anwachsenden Geschäfte nicht allein mehr vorstehen könne, und es lag ihm wohl nichts näher, als die treueste und zuverlässigste Hülfe in seiner eigenen Familie zu suchen. Geboren zu Königsberg in der Neumark hatte Gerson noch sechs Brüder, einen älteren und fünf jüngere, und auf diese Angehörigen richtete er nun sein Augenmerk. Von seinen Brüdern nahm er einen nach dem andern als Theilhaber in sein Geschäft auf, welches in der Gunst des Publicums fortwährend stieg, so daß in der Bauakademie eine stete Vergrößerung der Localitäten nöthig wurde, bis endlich im Jahre 1840 die Uebersiedelung nach dem jetzigen Locale am Werder’schen Markte erfolgte. Obgleich schon damals fast das ganze Haus in großartigster Einrichtung geschäftlichen Zwecken gewidmet war, so stellte sich doch durch die immer steigende Frequenz nach und nach die Nothwendigkeit heraus, große Räume in den nächstgelegenen Häusern zu Niederlagen, Arbeitssälen u. s. w. einzurichten.

Ebenso wurde die Einrichtung eines eigenen Geschäftes unter der Gerson’schen Firma in Paris nöthig, welches zwar nicht in gleicher Weise wie in Berlin den Verkauf, sondern vielmehr die nöthigen Einkäufe in der Hauptstadt der Moden zum Zwecke hat. Einer der Gebrüder Gerson steht diesem Pariser Geschäfte vor und hat eine durchaus nicht leichte Aufgabe, welche große Aehnlichkeit mit den Bestrebungen der Uebersetzer dramatischer und anderer belletristischer Neuheiten besitzt. Wie diese Herren auf literarischem Gebiete alles Neue womöglich schon im Entstehen mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgen, um das irgend Uebersetzungswürdige für Deutschland oder für andere nach fremden Producten schmachtende Nationen sogleich genießbar zu machen, so hat der Chef des Gerson’schen Geschäfts in Paris eine sehr ähnliche Vermittelung zu bewirken. Was in Sachen des Luxus und der Mode nur Neues auftaucht, wird von ihm, sobald es geschmackvoll gefunden worden ist, auf dem directesten Wege nach Berlin spedirt, um dort die wie überall nach Frankreichs Moden sehnsüchtige Damenwelt zu entzücken.

Der Gerson’sche Bazar ist nicht nur eine Merkwürdigkeit, er ist im eigentlichsten Sinne des Wortes eine Nothwendigkeit für Berlin geworden. Ganz abgesehen von seinem factischen Vortheile für die Damenwelt, würde es diese unendlich schmerzlich berühren, wenn durch das plötzliche Verschwinden ihres Lieblingsaufenthaltes auch ihrer Unterhaltung das Lieblingsthema entrissen würde. Und nun gar die Männer, welche ihren Ehefrauen gegenüber irgend ein begangenes Unrecht wieder gut zu machen haben! Wie verzweiflungsvoll würden sich diese armen Verbrecher nach einer andern Firma umsehen, deren Name allein schon in vielen tausend Fällen hinreichend gewesen ist, ein heranziehendes, oder selbst ein schon losgebrochenes Gewitter am Ehehimmel zu beschwichtigen!

Das Aeußere des Hauses läßt kaum die darin aufgehäuften Schätze des Luxus vermuthen. Die Schaufenster zeigen nicht jenen raffinirten massenhaften Aufputz, den man häufig bei Geschäften von weit geringerer Bedeutung findet, wo oft der größte Theil der Vorräthe sich hinter den mächtigen Spiegelscheiben dem vorübergehenden Publicum augenfällig präsentirt, während zuweilen im Innern die traurige Leere der Waarenfächer den Uebergang zu einer bevorstehenden Insolvenz anzeigt.

Der Strom der Käufer, oder besser gesagt – Käuferinnen, welche zum Gerson’schen Local ziehen, ist immer ein gewaltiger, in der Weihnachtszeit sogar ein ununterbrochener. Vor den Thüren baut sich oft eine wahre Burg von Miethwagen und herrschaftlichen Equipagen auf, und gähnende Kutscher sowie brummende Diener harren verdrießlich ihrer Gebieterinnen, denen unterdessen beim Anschauen der Toilettenherrlichkeiten Stunden zu Minuten werden.

Durch das Entree gelangen wir fast unmittelbar in den großen Hauptraum zu ebener Erde, der sein Licht durch ein Glasdach von oben erhält, während sich nach allen Seiten kleinere Abtheilungen abzweigen, von denen die links gelegenen für die Comptoir- und Cassenzwecke reservirt sind. Von diesem großen Parterrelocale führt eine breite Doppeltreppe nach dem ersten Stockwerke, und die rings um dasselbe laufende Galerie gewährt einen überraschenden Blick auf das rege Wogen und Treiben zu unseren Füßen. An diese Galerie stoßen wiederum eine Menge einzelner Abtheilungen, welche wie unten entweder allein oder vielleicht in Verbindung mit der nächstfolgenden Localität immer nur von einer bestimmten Waarengattung in Anspruch genommen werden. Auch das zweite Stockwerk umfaßt noch eine Anzahl ähnlicher Räume, die sämmtlich mit Waaren angefüllt sind und wo wir überall zahlreichen Käufern und Verkäufern begegnen.

Staunenerregend ist die Menge der verschiedenartigsten Artikel, welche der Gerson’sche Bazar zur Auswahl darbietet. Von dem einfachsten baumwollenen Futterstoffe; von dem nur wenige Pfennige kostenden schmalen Spitzengewebe bis zu dem Kostbarsten, was die luxuriöse Mode vorschreibt, findet man hier Alles in einer unglaublichen Mannigfaltigkeit vertreten. Nicht fern von dem einfachen Tuche, welches die genügsame Handwerkerfrau erwirbt, um sich damit Jahre lang zu schmücken, sind echte indische Kaschmirshawls ausgestellt, von denen das Stück tausend bis fünfzehnhundert Thaler kostet. Und, merkwürdig, gerade diese Shawls, nach deren Besitz so manche vornehme Dame sehnsüchtig strebt, sind im Vergleich zu den ähnlichen Tüchern Wiener oder französischen Ursprungs geradezu häßlich zu nennen. Die Farben sind meist sehr grell und in einer Reihenfolge zusammengestellt, die den gewöhnlichen Geschmacks- und Schönheitsregeln völlig widerspricht; dagegen ist der zu den Kaschmirshawls verwendete Rohstoff von wunderbarer Feinheit, und die bei den geringen mechanischen Hülfsmitteln jener Länder fast unbegreifliche Sauberkeit der Ausführung muß auch den Nichtkenner mit Staunen erfüllen. Die zu den Kaschmirshawls verarbeitete Wolle gleicht an Feinheit fast der Seide, und jeder dieser Shawls besteht aus einer Menge kleiner Theile wie Palmen, Blätter, Streifen und Kanten, welche so fein zusammengefügt sind, daß auch ein geübtes Auge nur schwer die Nähte zu erkennen vermag.

Einen nicht geringeren Luxus entfaltet die Abtheilung, in welcher die feinsten Brüsseler Spitzen zu finden sind; doch auch hier gehört ein Kenner, oder – verzeihen Sie, meine Damen! – vielmehr eine bewährte Kennerin dazu, um die oft fabelhaft klingenden Preise mit dem geringen Umfange der Waare in Einklang zu bringen. Ein geklöppeltes Spitzentuch für dreihundert Thaler, der Spitzenbesatz eines Kleides, welcher eben so viel oder gar noch mehr kostet – das sind Gegenstände, bei denen der vorsichtige Gatte seine entzückte Ehehälfte wie an einem Verderben drohenden Strudel rasch vorbeiführt. Aber dicht daneben droht dem für seine Casse besorgten Ehemanne eine nicht minder gefährliche Stelle, denn die hier entrollten prachtvollen Seidenstoffe sind gleich verführerisch und Kleider zu hundert bis hundertfünfzig Thaler gehören nicht zu den Seltenheiten.

In den oberen Räumen sehen wir die Niederlagen der Meubelstoffe und Teppiche aller Gattungen, wie sie von der bürgerlichen Wohnung bis zum fürstlichen Palaste ihre Verwendung finden. So manche schwerseidene und mit Gold durchwirkte Damaste sind vielleicht bestimmt, stumme Mitwisser der wichtigsten Staatsgeheimnisse zu werden, und diese kostbaren Teppiche englischen und holländischen Ursprunges werden wahrscheinlich dereinst auch nicht von profanen bürgerlichen Fußtritten belästigt. Die in Smyrna gefertigten, doch fast nur unter dem Namen „persische Teppiche“ bekannten Gewebe contrastiren mit den europäischen Fabrikaten bedeutend in Farben und Mustern, denn diese sind oft plump und häßlich.

Von großartigem Umfange ist das Geschäft in fertigen Damengarderobeartikeln, welche sich ebenfalls im ersten Stockwerk befinden. Dies ist indeß wahrscheinlich diejenige Abtheilung des Gerson’schen Bazars, in welche zumal leicht zur Eifersucht geneigte Frauen ihre Männer nicht gern als Begleiter mit sich führen; nicht etwa aus übertriebenem Zartgefühl, denn Toilettengeheimnisse giebt es bei dem Einkauf von Mänteln, Mantillen und dergleichen jedenfalls nicht, wohl aber dürften die hier angestellten Verkäuferinnen, deren junge junonische Gestalten die zu verkaufenden Artikel beim eigenen Anproben ganz vorzüglich empfehlen, manchen Ehemann zu bedenklichen Vergleichen verführen.

Eine bittere Erfahrung dieser Art machte (so erzählt man) hier einst eine Lady, welche in Begleitung ihres Gemahls den [266] Gerson’schen Bazar besuchte. Eine ber jungen Damen hing sich die Mantille um, welcher die Lady ihren besonderen Beifall zu schenken schien. Letztere wandte sich jetzt an den hinter ihrem Stuhle stehenden Gatten mit der Frage: How do you like it? (Wie gefällt sie Dir?)

O, she is most beautiful (sie ist wunderschön) entgegnete exaltirt der Lord, dessen ganze Aufmerksamkeit mit bewaffneten Augen auf die stattliche Verkäuferin gerichtet war.

How – she?! (Wie – sie?!) O, your traitor! (O, du Treuloser) rief entrüstet die Lady, erhob sich und zog ihren Gatten ziemlich unsanft mit sich fort, ohne den beabsichtigten Einkauf zu machen. –

Wie wir bereits erwähnten, sind die einzelnen Waarengattungen streng von einander getrennt. Dieselben bilden im Ganzen einundzwanzig Abtheilungen oder Rayons, die wieder je einen besondern Vorsteher haben, welcher mit den ihm beigegebenen Gehülfen nicht nur den Verkauf besorgt, sondern auch die nöthig werdenden Anschaffungen neuer Waaren ganz selbstständig anordnet. Dadurch wird es auch nothwendig, daß verschiedene dieser Rayonvorsteher jährlich mehrfache Reisen nach den Fabrikationsdistricten Deutschlands, Frankreichs und Englands unternehmen, wobei ihnen hinsichtlich des Einkaufs völlig freie Disposition überlassen bleibt. So werden z. B. auch die in London stattfindenden Auctionen indischer Shawls als der ursprüngliche Bezugsweg dieses Artikels durch einen Vertreter des Gerson’schen Geschäfts von Berlin aus regelmäßig frequentirt, und gerade dieser Zweig bietet nicht geringe Schwierigkeiten, indem die Kaschmirshawls gewöhnlich nur in lots (Loosen) von sechs oder mehr Stücken zur Versteigerung kommen. Diese lots werden nicht getheilt, und so muß der Ersteher, um einen einzigen besonders schönen Shawl zu erlangen, die übrigen weniger guten dann mit in den Kauf nehmen.

Eine Einrichtung des Gerson’schen Bazars verdient noch besonderer Erwähnung. Viele Artikel der Damentoilette sind ausschließlich für den Gebrauch bei Abend bestimmt, wie Ballkleider u. s. w., und da die Wirkung einzelner Farben bei Tageslicht eine ganz andere als bei dem Scheine der Kerzen oder Gasflammen ist, so hat man einen sogenannten Lichtsalon eingerichtet. Dieser Raum hat keine Fenster und dessen sämmtliche Wände sind von unten bis oben mit Spiegelscheiben bekleidet, während eine große Anzahl von Gasflammen eine Beleuchtung hervorbringt, wie sie heller in dem glänzendsten Ballsaale nicht zu erzielen ist. In diesem Lichtsalon können nun auch bei Tage von den Damen die Wirkungen der verschiedenen Farben bei Ballbeleuchtung in jeder Weise geprüft werden, denn vermöge der Spiegelreflexe läßt sich auch der Eindruck beurtheilen, den die betreffenden Stoffe in größeren Entfernungen hervorbringen.

Um unseren Lesern einen oberflächlichen Maßstab zur Beurtheilung des Verkehrs im Gerson’schen Bazar an die Hand zu geben, wollen wir nur anführen, daß in demselben durchschnittlich

135 Commis,
36 Verkäuferinnen,
40 Lehrlinge
und 25 Hausdiener

angestellt sind. Gewiß ein ganz ansehnliches Contingent, welches in Summa einen jährlichen Gehalt von etwa sechzig bis achtzig Tausend Thalern bezieht. Wie zahlreich nun auch dieses Personal erscheinen mag, so genügt dasselbe, zumal in der Weihnachtszeit, kaum, um die Kauflust des massenhaft zuströmenden Publicums zu befriedigen.

So Manchem wird sich hierbei die Frage aufdrängen, ob dieser colossale Verkehr nicht ein höchst bequemes Mittel zur Befriedigung diebischer Gelüste darbiete. Dies ist wohl kaum zu leugnen und es darf in einer durch die Geschicklichkeit ihrer Langfinger jedes Alters und Geschlechts berüchtigten Stadt auch kaum anders erwartet werden, Zwar findet man im Gerson’schen Bazar nicht jene ominösen Placate, welche uns auf den Bahnhöfen, in den Theatern und an den öffentlichen Vergnügungsorten Berlins entgegenstarren mit den Worten: Vor Taschendieben wird gewarnt! In dem Gerson’schen Geschäft muß ja auch die Aufmerksamkeit auf die Abwehr von Ladendieben gerichtet sein, und in dieser Hinsicht ist eine sehr praktische Einrichtung getroffen worden. Bekanntlich hat mit der wachsenden Unternehmungslust und Gewandtheit der Diebe auch die Umsicht und Erfahrung der Berliner Polizeibeamten gleichen Schritt gehalten, und es ist deshalb gewiß eine glückliche Idee zu nennen, daß die Besitzer des Gerson’schen Geschäftes in jener lebhaften Periode dicht bei der Thür ihres Etablissements einen derjenigen Criminalpolizeibeamten aufstellen, die, durch langjährige Praxis und gutes Gedächtniß unterstützt, die Legion der mehr oder minder anrüchigen und schon mit den Eigenthumsrechten in Conflict gerathenen Persönlichkeiten Berlins recht wohl kennen. Naht also dann und wann im Gedränge ein bekanntes Gesicht, so weist der Polizeibeamte diesen alten Freund vor seinem Eintritt in das Gerson’sche Local mit der Versicherung, daß er da drinnen nichts zu suchen habe, sehr wirksam zurück.

Musterhaft sind die inneren Einrichtungen, welche die Erfahrung auf den Grad möglichster Vollkommenheit zu bringen wußte. So ist durch die strenge Trennung der verschiedenen Artikel sowohl für den Käufer, als auch für den Verkäufer große Erleichterung geschaffen, während andererseits das Cassengeschäft wieder ganz von dem übrigen getrennt besteht. Die Verkäufer deponiren die bei ihnen gekauften Gegenstände mit einer kurzen Notiz über Gattung und Betrag an der Casse beim Ausgang, wo dann der Käufer dieselben gegen Erlegung der Summe oder (was ebenso häufig vorkommt) auf Credit in Empfang nimmt.

Wie weit der Ruf des Gerson’schen Geschäftes mit vollem Rechte sich verbreitet hat, davon kann man den deutlichsten Begriff erlangen, wenn man des Abends die beladenen Wagen sieht, welche die nach auswärts verschriebenen Waaren in einer Menge von Paqueten und Ballen nach dem Postgebände fahren. Um die Weihnachtszeit wird zu diesem Transport oft genug ein Frachtwagen erforderlich.

Der Umsatz, der im Gerson’schen Geschäft erzielt wird, ist nach Millionen zu bemessen. Mancher Besitzer eines schon leidlich angesehenen kaufmännischen Geschäftes in der Provinz oder selbst auch in der Residenz würde sehr erfreut sein, wenn dessen jährlicher Umsatz die Höhe der Summe erreichte, die an einem einzigen Tage während der Weihnachtszeit bei Gerson umgeschlagen wird.

Wie sehr das Gerson’sche Etablissement an Bedeutung zugenommen hat und noch fortwährend zunimmt, das läßt sich am Besten nach dem außerordentlich starken Engros-Geschäft berechnen[1], welches diese Firma nach allen Weltgegenden hin macht. Durch den massenhaften Bezug der Waaren aus erster Hand kann das Haus den Wiederverkäufern große Vortheile bieten und ein anerkannt geschmackvolles, reiches Sortiment vermehrt auch in dieser Hinsicht den Verkehr fortwährend. Ganz außerordentlich umfangreich ist namentlich der Umsatz in den verschiedenartigsten fertigen Damengarderobeartikeln, der sogenannten Confections-Branche, einem Geschäftszweige, der bekanntlich in den letzten zehn Jahren vorzugsweise in Berlin eine nie geahnte Ausdehnung gewonnen hat. Der Ruhm, diese früher gänzlich unbekannte Gattung des Geschäftes so zu sagen geschaffen und zuerst in Berlin eingeführt zu haben, gebührt dem Gründer der Gerson’schen Firma, der sich damit zugleich ein bedeutendes Verdienst erworben hat, denn Tausende von Händen finden jetzt dadurch lohnende Beschäftigung.

Wenn wir oben von der großen Menge der bei Gerson Angestellten sprachen, so ist damit die Anzahl der für das Gerson’sche Geschäft unmittelbar thätigen Personen noch bei Weitem nicht erschöpft.

In den benachbarten Häusern, jedoch mit der Geschäftslocalität in unmittelbarer Verbindung, befinden sich zwölf Arbeitssäle, in denen gegen zweihundert Mädchen und Frauen beständig beschäftigt sind. Jedem einzelnen Saale steht wieder eine Directrice vor, welche die Anfertigung der verschiedenen Gegenstände leitet. Diese letzteren sind von einer unendlichen Mannigfaltigkeit; denn im Gerson’schen Bazar ist eigentlich nicht weniger als Alles zu finden, was überhaupt zur Damentoilette gehört, und man sucht dort ebensowenig das einfachste Morgenhäubchen wie den fürstlichen Hermelimnantel vergebens.

Weit größer ist aber noch die Zahl derjenigen Personen, welche für das Geschäft in ihren eigenen Wohnungen arbeiten, die Zahl von achthundert bis tausend dürfte eher zu niedrig als zu hoch gegriffen sein. – Ein langer Saal im oberen Stockwerk des Gerson’schen Hauses ist zur Vertheilung der bestellten und beziehentlich Annahme der gefertigten Arbeiten bestimmt. Der Eingang zu diesem Saale führt durch ein Nebenhaus, so daß dadurch der Verkaufsverkehr in den übrigen Räumen gar nicht gehemmt [267] wird. Diese Einrichtung hat jedoch noch eine weitere gute Seite. Unter den Arbeit Holenden und Bringenden mag sich so manche junge oder ältere Dame finden, der es nicht an der Wiege gesungen wurde, daß sie ihr Brod einst im Dienste Anderer erwerben müßte. Wohl manche jener durch Unglücksfälle Verarmten, die jetzt hier Arbeit sucht, hat früher selbst unter die Zahl der eleganten Käuferinnen gehört, und nun müssen die zarten Finger, deren einzige Arbeit einst vielleicht nur das Anziehen der Glacéhandschuhe ausmachte, die Nadel von früh bis zur sinkenden Nacht führen, um nur den Hunger und die Noth abzuwenden. Manches kummervolle Auge der in jenem Expeditionssaale erscheinenden Frauengestalten erzählt stumm lange derartige Leidensgeschichten. Brechen wir aber ab von diesem schmerzensvollen Thema! Wie manches zartfühlende Frauenherz möchte fast schaudern, wenn es wüßte, wie viel bittre, heiße Thränen oft auf die glänzende Stickerei eines Festprachtgewandes gefallen sind!

Wir dürfen indessen unsere flüchtige Schilderung von Gerson’s Zauberbazar nicht schließen, ohne noch einmal auf den vor einigen Jahren in voller Manneskraft plötzlich gestorbenen Begründer des großartigen Geschäftes zurückzukommen.

Hermann Gerson war ein Mann von den ehrenhaftesten Grundsätzen, und diese, sowie sein biederes, liebenswürdiges Wesen, verbunden mit seinen großen mercantilischen Fähigkeiten und organisatorischen Talenten, bilden die Lösung des Räthsels, wie es möglich war, auf einer höchst bescheidenen Grundlage allmählich einen solchen Riesenbau aufzuführen. Aber nicht nur als Kaufmann, auch in andrer Hinsicht genoß Gerson einer allgemeinen Achtung, die er im höchsten Grade verdiente. Eine hervorragende Eigenschaft seines Charakters war die unbeschränkte Wohlthätigkeit, denn kein Dürftiger rief vergebens seine immer bereite Hülfe an. Eine Menge wahrhaft rührender Züge werden in dieser Beziehung von ihm erzählt, und sein Tod beraubte eine große Anzahl hülfsbedürftiger Familien ihres in vielen Fällen ungekannten Wohlthäters.

Durch rastlose Thätigkeit und strenge Rechtlichkeit wußte Hermann Gerson dem von ihm gegründeten und seinen Namen jetzt noch tragenden Geschäfte diesen Aufschwung zu geben; seine Brüder, sowie der als Theilhaber eingetretene Schwiegersohn des Verstorbenen führen das großartige Geschäft streng in denselben Grundsätzen fort, so daß ein fortwährendes Zunehmen seiner Bedeutung auch jetzt noch unverkennbar ist.

Wohl hat man in andern großen Städten schon Versuche gemacht oder mindestens zu solchen aufgefordert, um ein Etablissement in der Art und Weise des Gerson’schen zu gründen; allein das Gelingen dieser Pläne ist immerhin stark zu bezweifeln. Ein neues und vielleicht auch eben so umfangreiches Geschäft kann durch Aufwand bedeutender Geldmittel geschaffen werden, indem man den augenblicklichen Zustand des Gerson’schen Geschäftes zum Muster nimmt. Damit ist jedoch das Fortbestehen und stetige Wachsen der Nachbildung in der Art des Originals noch lange nicht erzielt. Ein derartiges Etablissement muß nothwendiger Weise aus sich selbst herauswachsen, wenn seine Basis eine sichere sein soll, und aus diesem Grunde ist kaum anzunehmen, daß der Gerson’sche Bazar so bald einen ebenbürtigen Nebenbuhler erhält.

B.



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