Der Geiger-König und seine Königin

Textdaten
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Autor: Otto Gumprecht
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Titel: Der Geiger-König und seine Königin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 611–613
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Der Geiger-König und seine Königin.


Wie die engste Lebensgemeinschaft, das festeste irdische Band Joseph und Amalie Joachim verknüpft, so sind sie auch geistig auf’s Innigste miteinander geeinigt. Zur Seite des Königs der Geiger steht als seine Gattin eine Königin im Reiche des Gesanges. Beide verkörpern uns das Künstlerthum in seiner lautersten Gestalt; mit einer Fülle gleich echter Kränze sehen wir ihre Häupter geschmückt. Keine Macht haben über sie die den Helden der Bühne und des Concertsaales so gefährlichen Lockungen gefallsüchtiger Eitelkeit oder goldgieriger Erwerbslust. Im Gegensatz zu manchen gefeierten Berufsgenossen, denen der persönliche Vortheil höchster Zweck und die Kunst nur das geschmeidige Mittel gewesen, geht ihr gesammtes Empfinden und Thun im keuschen Altardienste der Schönheit auf.


Joseph und Amalie Joachim.


Nie haben treuere Hände das musikgenießende Publicum vor das Angesicht der geliebten Meister geleitet, ein reineres Wollen und meisterlicheres Können in dem Gemüthe der Hörer den bekräftigenden Wiederhall geweckt.

Als das jüngste von sieben Kindern wurde Joseph Joachim am 28. Juni 1831 in Kittsee, einem unansehnlichen ungarischen Dorfe bei Preßburg, geboren. Sein Vater war ein kleiner Kaufmann, dem es trotz beharrlichen Fleißes nicht gelingen wollte, sich aus gedrückten Verhältnissen emporzuarbeiten. Unser Held hatte sein erstes Jahr noch nicht vollendet, als die Familie nach Pest übersiedelte. Die bekannte Erfahrung, daß kein Talent so früh sich zu regen pflegt wie das musikalische, sollte sich auch an ihm bewähren. Eine Guitarre, die bei den Gesangsübungen der ältesten Schwester zur Begleitung diente, war ihm das liebste Spielzeug, bis ihm der Vater eines Tages eine Kindergeige vom Jahrmarkt mit heimbrachte. Diese wurde nun seine unzertrennliche Genossin, und bald begann sie unter den keinen emsigen Fingern gar anmuthig zu singen und zu klingen. Was er hörte, geigte er nach. Wenn seine Altersgenossen lärmend und jubelnd sich umhertummelten, kauerte er in einem abgelegenen Winkel, voller Glückseligkeit die Weisen wiederholend, die er den wandernden Zigeunern, diesen unermüdlichen Hütern des reichen melodischen Nationalschatzes, abgelauscht. Stundenlang mußten ihn oft seine Angehörigen suchen, bis ihnen ferne Violintöne den Weg wiesen. So ging es bis in das sechste Jahr fort; erst da erhielt der Knabe Unterricht. Sein gutes Glück gab ihm in dem Polen Servaczynski einen erfahrenen, pflichtgetreuen Lehrer. Diesem verdankte er eine frühzeitig wohlgesicherte Technik die unerläßliche Grundlage jedes künstlerischen Berufes über deren Mangel kein nachträglicher Aufwand an Mühe und Fleiß hinwegzuhelfen vermag.

Noch nicht sieben Jahre alt, erntete er schon seine ersten Lorbeern im Concertsaale. Er hatte allmählich den von seiner Heimath dargebotenen musikalischen Bildungsstoff erschöpft, und man mußte daran denken, ihn auf einen nahrhaftern Boden zu versetzen. In Wien lebten zwei wohlhabende Brüder des Vaters. Sie versprachen für die Zukunft des Neffen zu sorgen. Zunächst erhielt er nun Georg Hellmesberger zum Lehrer. Dieser gab indessen, nachdem der Unterricht fast ein Jahr hindurch gedauert, plötzlich die Erklärung ab, die rechte Hand seines Zöglings sei zu schwach, um den Bogen mit dem nöthigen Nachdruck zu führen. Gerade zu jener Zeit feierte der berühmte Violinspieler Ernst in der österreichischen Hauptstadt glänzende Triumphe. Zu ihm eilte der jugendliche Kunstgenosse und klagte seine Noth. Er fand wohlwollende Aufnahme, nicht blos tröstlichen Zuspruch und aneifernde Ermunterung, sondern auch werkthätige Hülfe. Dank der Vermittelung des Virtuosen nahm dessen Lehrer, der treffliche Lehrer Böhm, den Knaben zu sich in’s Haus, um jeden freien Augenblick ihm widmen zu können. Nach drei Jahren [612] hatte er seinem Schüler nichts mehr mitzutheilen. Die Erziehung des Violinisten war nunmehr beendigt, die des Künstlers sollte jedoch erst beginnen.

In den dreißiger und vierziger Jahren war Leipzig der unbestrittene Vorort deutscher Musik, für alles frischere, kräftigere Leben, das sich in ihr regte, der Licht und Wärme spendende Mittelpunkt. Wien, ehedem die stolze Königin im Reich der Töne, fand allein noch Genuß und Befriedigung in den süßen Sirenengesängen üppigster Sinnlichkeit. Auf demselben Schauplatz, für welchen Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert so viele ihrer edelsten Werke geschaffen, tummelten sich die italienische Oper, das concertirende Virtuosenthum und der Strauß’sche Walzer, während die großen Todten vergessen in ihren Gräbern ruhten. Was die neue Zeit an musikalischem Productionsvermögen besaß, hatte sich in Mendelssohn und Schumann zu einer Fülle schöpferischer Thaten zusammengefaßt. Beiden war Leipzig die zweite Heimath geworden. Dort wirken sie durch Wort und Beispiel; dort strömten in dem neu errichteten Conservatorium der Musik wie in den altberühmten Gewandhausaufführungen, dem vornehmsten Hort und später vielfach nachgeahmten Muster alles gediegenen Concertwesens, die reinsten Quellen künstlerischer Belehrung und Anregung. Eine Cousine Joachim’s, mit der er früher die Beethoven’schen Sonaten fleißig geübt, hatte sich nach Leipzig verheirathet. Nicht genug wußte sie von den musikalischen Herrlichkeiten an den Ufern der Pleiße zu berichten, und jeder ihrer Briefe war ihm ein lockender Mahnruf in die Ferne, auf welchen seine innere Stimme immer lauter antwortete. Zuletzt konnte er nicht länger widerstehen; ungeachtet des Einspruchs seiner Oheime, griff er zum Wanderstab und zog frohen Muthes hinaus in’s Reich.

Aus den Briefen Mendelssohn’s weiß man, wie viel er seinen jüngeren Kunstgenossen gewesen, welchen treuen Freund und unermüdlichen Förderer jedes ernstere Streben in ihm gefunden. Auch den dreizehnjährigen ungarischen Geiger, dessen echt künstlerische Signatur sein scharfes, menschenkundiges Auge auf den ersten Blick erkannte, nahm er in der liebevollsten Weise bei sich auf. Unablässig stand er ihm mit Rath und That zur Seite. Auf Schritt und Tritt begleitete ihn seine väterliche Fürsorge. Fast täglich mußte sein kleiner Posaunenengel, wie er ihn scherzhaft nannte, mit ihm musiciren. Er eröffnete ihm das Verständniß der Meister, machte ihn zum Augenzeugen seines eigenem Schaffens, überwachte seine Uebungen in der Composition und ließ ihn unter David’s Leitung in den Stil der Spohr’schen Schule einführen. Und nicht allein die musikalische Entwickelung seines Schützlings lag ihm am Herzen, er trug auch Bedacht, daß es der jungen Seele an allgemein geistigem Bildungsstoff nicht fehlte.

Joachim hatte weder in Pest noch in Wien irgend eine höhere Bildungsanstalt besucht, sondern sich seinem Violinspiel ausschließlich dahin gegeben, nur ganz nebenher die für das praktische Leben allerunentbehrlichsten Elementarkenntnisse sich angeeignet. Auf Mendelssohn’s Geheiß, der ihm auch die passenden Lehrer wählte, trieb er nun emsig Latein, Geschichte, deutsche Literatur und neuere Sprachen. Mehr noch als alle diese Studien förderte ihn der ununterbrochene persönliche Verkehr mit dem Meister. Wie eifrig er gestrebt, dem hohen Vorbild in jedem Stücke ähnlich zu werden, dafür zeugt unter Anderem auch der äußere Umstand, daß seine Handschrift bis auf den heutigen Tag eine täuschende Aehnlichkeit mit der Mendelssohn’schen aufweist. Von Mozart und seinem Schüler Süßmayer wird uns bekanntlich die gleiche Thatsache berichtet.

Bereits im Winter 1844 spielte Joachim öffentlich in Leipzig, und im nächsten Jahre folgte er Mendelssohn nach London. Das Allerheiligste des englischen Concertwesens, der Saal der Philharmonischen Gesellschaft, dessen Schwelle ein streng verclausulirtes, jedem Wunderkind den Zutritt untersagendes Statut behütete, sollte sich ihm dort erschließen. Es geschah freilich erst, nachdem der Componist des Paulus sein Wort verpfändet, daß in dem halbwüchsigen Jüngling ein voller und ganzer Künstler steckte. Durch den Vortrag des Beethoven’schen Concerts legte Joachim damals den Grund zu seiner außerordentlichen Popularität jenseits des Canals. Manche Londoner Saison hat ihn seitdem als hochgefeierten Gast gesehen.

Nach Leipzig zurückgekehrt, trat er in die Gewandhauscapelle, zu deren Obliegenheiten auch die Mitwirkung in der Oper gehört. Reichliche Gelegenheit bot sich ihm hier, das Orchester als Ganzes, wie die Natur jedes einzelnen Instrumentes kennen zu lernen. Im Herbst 1849 ging er mit dem Titel eines Concertmeisters nach Weimar, wo Liszt als allmächtiger Liebling des Hofes schaltete, das gesammte musikalische Jungdeutschland um sich versammelte und durch die Macht der Töne den Glanz verschwundener Tage der kleinen großherzoglichen Residenz zurückzugeben trachtete. Nicht lange fesselte unseren Künstler der neue Wirkungskreis; schon 1851 folgte er einem Rufe nach Hannover, durch welchen ihm die oberste Leitung der dort im Laufe jedes Winters veranstalteten Symphonieconcerte übertragen wurde. Er vermählte sich 1863 mit Amalie Weiß, damals erster Sängerin des Hoftheaters, und siedelte, als der preußisch-österreichische Krieg den welfischen Königsthron hinweggefegt, nach Berlin über. Auf’s Mannigfaltigste und Eingreifendste hat er seitdem an dem Tonleben der neuen Heimath sich betheiligt, sowohl im Concertsaal, wie als oberster Leiter einer aus Staatsmitteln in Berlin begründeten Hochschule der Musik.

Kaum zwei Jahre ist es her, daß er in der letzteren Eigenschaft mit seinem Vorgesetzten, dem Cultusminister von Mühler, wegen der von diesem eigenmächtig angeordneten Entlassung eines Lehrers der Anstalt hart zusammen gerieth. Obgleich zu jener Zeit der französische Krieg die öffentliche Aufmerksamkeit in athemloser Spannung erhielt, machte die Sache doch gar viel von sich reden. Sie trug den Namen des der Welt und ihren Händeln gänzlich abgekehrten Künstlers mitten hinein in die politischen Parteikämpfe und kam selbst auf dem Landtag zur Sprache. Der von seiner häuslichen Egeria übel berathene Staatsmann wurde bekanntlich von dem Musiker völlig aus dem Felde geschlagen und mußte zu seiner Niederlage noch manche Spötterei mit in den Kauf nehmen.

In dem gesammten Virtuosenthum der Gegenwart nimmt Joachim den ersten Platz ein. Bildet die eigentliche Seele aller musikalischen Darstellung, mag ihr die menschliche Stimme oder ein Instrument zum Organ dienen, die Erzeugung des Tones, so ist es denn auch dieser zumeist, der durch seine vornehme Größe, fleckenlose Schönheit und lebendige Ausdrucksfähigkeit dem Spiel unseres Geigers das charakteristische Gepräge giebt. In allen Lagen, vom tiefen Brustregister der G-Saite bis hinauf zum höchsten Flageolet, in sämmtlichen Stärkegraden, selbst noch im wuchtigsten, die vereinigten Gewalten des Orchesters beherrschenden Fortissimo, wahrt er den ihm eingeborenen Adel. Hand in Hand damit geht eine durch keine Zumuthung außer Fassung zu bringende Fertigkeit. Wie von selbst gleiten ihm die schwierigsten Wagnisse von den Saiten. Stets bleibt die Intonation glockenrein, die Gliederung der Passage klar und durchsichtig bis hinab in die kleinste Einzelheit. Was endlich die Hauptsache ist, dieses gesammte goldene Rüstzeug einer unfehlbaren Technik steht lediglich im Dienste eines überall auf das Ideale gerichteten künstlerischen Willens. Unerschütterliche Treue, schlichteste Wahrhaftigkeit gegenüber dem in Tönen zu offenbarenden geistigen Inhalt, sie sind das Element, in dem der Joachim’sche Vortrag lebt und athmet, aus welchem er seine ganze Kraft schöpft. Nirgends erscheint das Antlitz des Meisters, um den es sich gerade handelt, durch subjective Gefühlszuthaten verhüllt oder geschminkt, immer ist es das eigenste Wesen der Aufgabe, das wir ohne Zuschuß und ohne Abzug empfangen. Wie hier der Virtuose gänzlich aufgeht im Künstler, zeigt sich auch in der Wahl der Werke, mit denen er vor das Publicum tritt. Keine Rücksicht auf den äußeren Erfolg kann ihn dazu verführen, seine Hand nach jenen musikalischen Modefabrikarbeiten auszustrecken, die nur das Bravourbedürfniß des Spielers in Nahrung setzen sollen, bei denen der persönliche Vortheil einziger Zweck ist und die Composition nur den Vorwand hergiebt.

Ihre reichsten und gediegensten Schätze hat die Violinliteratur innerhalb des Streichquartetts aufgehäuft; seine unausgesetzte Pflege liegt deshalb auch Joachim vor Allem am Herzen. Er ist der Mittelpunkt eines Vereins von Künstlern, der Jahr aus, Jahr ein Haydn’s, Mozart’s, Beethoven’s, Schubert’s, Mendelssohn’s und Schumann’s Meisterwerke dieser Gattung darbietet. Für den Andrang zu den von ihm veranstalteten Aufführungen [613] reicht einer der größten Berliner Concertsäle kaum aus. Immer von Neuem erleben wir hier das Wunder, daß eine der reinsten und strengsten Kunstformen, in denen je die tongestaltende Phantasie sich Genüge gethan, die den Hang nach oberflächlicher Zerstreuung und mühelosem Genuß unerbittlich abwehrt, aus der eng geschlossenen Gemeinschaft der Kenner hinaustritt unter die Massen und von ihnen als ersehnte Festgeberin und Freudenspenderin jubelnd begrüßt wird.

Auch als Componist hat sich unser Künstler hervorgethan, besonders durch sein stimmungsvolles Concert in ungarischer Weise. Die von ihm geleitete Hochschule der Musik erfreut sich des besten Fortganges und Gedeihens. Mit gerechtem Stolz darf sie namentlich auf ihre Leistungen im Gebiete des Violinspiels blicken. Bei Gelegenheit einer öffentlichen Prüfung ihrer Zöglinge zeigte sie sich im Besitz eines Streicherchors, der weit und breit seines Gleichen sucht. Sie gedenkt diese Aufführungen fortzusetzen und mit ihnen ihren regelmäßigen Beitrag zu dem Berliner Concertwesen zu liefern.

Wie Joachim, so ist auch seine um acht Jahre jüngere Gattin ein Kind des österreichischen Kaiserstaates. Sie erhielt ihre musikalische Ausbildung in Wien und trat dort als Amalie Weiß, nur die letzte Hälfte ihres Familiennamens „Schneeweiß“ auf die Bühne mit hinübernehmend, in den Personalverband des Kärnthnerthor-Theaters. Die damalige Direction der kaiserlichen Oper hatte keine glückliche Hand. Wie sie kaum den Mißgriff begangen, Pauline Lucca, in ihren Augen höchstens als lustige Singspielsoubrette verwendbar, in die Ferne ziehen zu lassen, so täuschte sie sich auch diesmal völlig über das Talent der jungen strebsamen Novize. Die Letztere blieb in das sogenannte Vertrautenfach gewiesen, das seinen Vertreterinnen die danklose Pflicht auferlegt, den weiblichen Hauptpersonen stets zur Seite zu sein, ihren Gefühlsergüssen das Stichwort zu geben und sie mit den herkömmlichen Beweisen der Theilnahme zu begleiten. Endlich müde, Jahr für Jahr die Liebesseufzer der Verdischen und Donizettischen Leonore anzuhören, oder als Mutter der Nachtwandlerin bei den gegen die Tochter geschleuderten Anklagen verzweiflungsvoll die Hände zu ringen, folgte unsere Sängerin einem Ruf an die hannoversche Hofbühne, wo sie bald Alles um sich her verdunkelte. Als mustergültige Darstellerin des Orpheus, der Iphigenie, des Fidelio und anderer hochidealer Gestalten wurde sie die vornehmste Stütze des classischen Repertoires. Daß eine solche Primadonna zu ihren warmen Verehrern auch Joachim zählte, war ebenso natürlich, wie daß ihr Ohr mit Entzücken an den vom echten Geist unserer großen deutschen Meister beseelten Klängen seiner Geige hing. Immer enger wurde das Band, das die Beiden umschlang; zuerst nur durch die Macht der Töne geknüpft, vereinigte es allmählich ihre Herzen zum festesten, innigsten Bund der Liebe. Seit ihrer Vermählung hat die Künstlerin der Bühne entsagt und ihren Beruf nur im Concertsaal geübt. Gewöhnlich erscheint sie hier an der Hand ihres Gatten oder im Verein mit Clara Schumann, der ihr geistesverwandten classischen Clavierspielerin. Wie sie zur Zeit der gefeierte Liebling des Berliner Publicums ist, so findet sie allenthalben die Bewunderung auf ihren Wegen. Regelmäßig gehört sie zu den Zierden der großen rheinischen Musikfeste. Einen charakteristischen Grundzug ihres Wesens bildet die Freude am Wohlthun. Nie pflegt sie sich zu versagen, wenn die Kunst zur Almosenbüchse greift, um für die Armen und Verlassenen die Gaben der Liebe zu heischen.

Kein edleres Muster konnte es für Amalie Joachim geben als die Weise des Künstlers, dessen Namen sie trägt. Seinem ununterbrochen auf sie einwirkenden Einfluß mag sie den besten Theil ihres Könnens verdanken. Ihre Stimme verbindet mit dem echten vollgewogenen Altklang den Umfang des Mezzosoprans. Blühend sinnlicher Reiz, strotzende Gesundheit, reinste Plastik sind die Eigenschaften, die den Ton durch sämmtliche Lagen und dynamischen Unterschiede begleiten. Durch ihren unangetasteten Adel thut sich namentlich die Tiefe hervor. Gänzlich frei ist sie von jener gewaltsamen Aufbauschung und Uebertreibung des Brustregisters, die den natürlichen Wuchs des Organs ungefähr ebenso entstellt wie die leidige jetzt endlich aus der Reihe der herrschenden Modethorheiten und Geschmacklosigkeiten verschwundene Crinoline den des Körpers. Und wie das Material, das die Sängerin zu ihren Gebilden verwendet, fleckenlosem Marmor gleicht, so entspricht solchem Charakter auch der Vortrag mit seiner keuschen Innerlichkeit, vornehmen Ruhe und ernsten Größe. Nie leiht er sich zum Spiel mit dem leeren Schein her. Nur das Gehaltvolle, in sich Gediegene zieht ihn an. Seine Aufgaben wählt er entweder aus unsern bis an den Rand gefüllten Schatzkammern des Oratoriums und der classischen Oper oder aus der unversiechlichen Frühlingspracht der Töne, die in der Lyrik Schubert’s, Mendelssohn’s, Schumann’s und ihrer Nachfolger sich entfaltet.
Otto Gumbrecht.