Der Geigenmacher von Absam

Textdaten
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Autor: Karl Wolf Meran
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Titel: Der Geigenmacher von Absam
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 141–144
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1898
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[142]
Erfinderlose.
Der Geigenmacher von Absam.
Von Karl Wolf-Meran.


Als mir die Kunde zukam, daß auf dem Grabe des Geigenmachers von Absam, Jakob Stainers, ein neuer, würdiger Denkstein aufgestellt werden soll und man darangehe, die hierzu nötigen Mittel im Wege der öffentlichen Sammlungen aufzubringen, stieg vor meiner Seele plötzlich ein Bild aus meiner Jugend auf.

Die Stube eines Hofes in unserer Nachbarschaft war gar so behaglich. Das Getäfel war gebräunt vom Alter, vom Rauch der eisernen Latschern[1] und freilich auch von dem Tabaksqualm der Männer, denn es waren außer dem Bauer noch acht Knechte auf dem Hofe und dazu kamen noch die Schuhmacher, wenn sie im Winter auf der Stör[2] arbeiteten, oder die zwei Weber. Weniger qualmte der Schneider mit seinem Lehrburschen, denn der alte Meister vertrug wegen seiner schwachen Augen den Rauch nicht. Rings um den mächtigen Ofen lief eine Bank und in der Ecke spann, so lange ich nur zurück denken kann, die alte Lene. Am Rocken hatte sie ein kleines Haferl mit Wasser, in welches sie jeden Morgen einen Tropfen Weihbrunnen gab, damit das Garn recht ausgiebig werde. Mit dem also geweihten Wasser netzte sie die Fingerspitzen, denn mit der Zunge, wie es die jungen Spinnerinnen machen, wollte es nicht mehr recht gehen. Der übrige Teil der Bank und auch der Stubenboden rings um die alte Spinnerin war des Abends am Samstag immer von den Kindern aus der Nachbarschaft weitum besetzt, denn die alte Lene wußte gar wundersame Geschichten zu erzählen und hatte, um nicht die ganze Woche hindurch geplagt zu werden, ein für allemal die ganze Schar für jeden Samstag Abend eingeladen. Und da hörte ich das erste Mal die Geschichte vom Geigenmacher in Absam:

„Da hat vor langer, langer Zeit in Absam, zelm wo die heilige Gnadenmutter in einer Fensterscheiben erschienen ist und so viele Wunder wirken thut, a Geigenmacher g’lebt. ’s Stainer Jaggele hat man ihn g’nennt. A Geig’n denk’n sich die Leut’ halt, ist a Geig’n, zum Musig machen traurig und lustig, geistlich und weltlich. Aber sell ist nit so. Im Welschland drunt haben Geigenmacher g’lebt, die haben die Instrumenter so künstli g’macht, daß man sie ihnen als Kafschilling mit Dukaten ang’füllt hat.“

Da fiel der Alten zum allgemeinen Aerger ein naseweiser Junge in die Rede: „O jegerl, da hätt’ i alles lei Baßgeignen g’macht!“

„Du hättest überhaupt kein Geig’n machen können,“ zürnte die alte Lene, „weil in dei’m Herz’n die Habsucht wohnt und dieselben dürf’n bei die Geigenmacher lei von Frömmigkeit erfüllt sein. Der Stainer Jaggele ist a fromm und gottergeben g’west. Am liebst’n ist er Feiertags durch Wald und Feld gangen und hat g’lauscht, wie die Nachtigallen singen und flöt’n. Da hat er innerling gebetet: ‚Gelt, lieber Herrgott im Himmel, so weit laßt’s kummen, daß i a Geig’n mach mit so einer süß’n Stimm wie a Nachtigall‘.

Und der liebe Herrgott hat ihm geholf'n. An Engel hat er g’schickt und der hat das Jaggele in Wald naus g’führt zu einer abg’storbnen Haselficht’n. ‚Aus dem Holz mach a Geig’n,‘ hat der Eng’l g’sagt, ‚und laß sie singen zur Ehr’ Gottes.‘ Der Stainer hat g’folgt und Tag und Nacht hat er an der Geig’n gearbeitet. Und wie sie fertig war, ist er mutterseelenallein in Wald naus und hat auf der Geig’n g’spielt. Da sein die Vög’l mäuserl still g’west ringsum, der Inn im Thal hat nit mehr g’rauscht und der Wind ist still g’stand’n; die Welt hat g’meint, a Engerl singt.

Zur selbig’n Zeit ist der Antechrist in der Welt umzogen und die Ketzerei hat gar bis ins Tirol Platz griff’n. Der Kaiser thät’s erlauben, haben sich die Leut’ erschrock’n zug’flüstert. Kurz drauf ist der Kaiser nach Sbrugg (Innsbruck) kommen und kniet halt am Sonntag in der Kirch’. Der Stainer Jaggele war mit seiner Wundergeig’n auf’n Chor und nach der Wandlung spielt er, wie halt öfter, ganz alleinig a Marienlied. Da hat die Engelsstimm’ so mächtig aus der Geig’n herausklungen, daß dem Kaiser in der Kirch’ drunt die Thränen vor Rührung über die Wangen g’rollt sein. Zu der Stund’ hat er feierlich g’lobt, die Ketzerei darf in Tirol nit aufkommen.

Glei aber hat sich der Teuf’l dahinter g’steckt und der Stainer hat gar selber ang’fangen ketzerische Pratingen (Bücher) zu lesen. Er hat nimmer in der Kirch’n g’spielt, hat die heiligen Sakrament g’mied’n und ist alleweil tiefer in Unglauben versunk’n.

Da hat der liebe Gott wieder einen Eng’l g’schickt, der hat dem Stainer mit der Hand ganz still über die Stirn g’strichen, und er ist in Wahnsinn verfallen.

Seit der Zeit hat kein Mensch mehr a solche Geig’n machen können wie ’s Stainer Jaggele auf Absam.“

Das ist die Geschichte des mit Recht berühmten tiroler Geigenmachers, wie sie sich noch zweihundert Jahre nach seinem [143] 1683 erfolgten Tode im Volksmunde erhalten hat. Der hochverdiente Stainerforscher S. Ruf sagt in der Vorrede zu seiner Lebensskizze „Jakob Stainer“ ganz richtig: „Wer es einmal unternimmt, eine Kunstgeschichte Tirols zu schreiben, der wird das Leben und Wirken dieses Künstlers nicht umgehen können.“

Leider ist über das von Sagen und Romantik so sehr umsponnene Leben dieses Künstlers von Gottes Gnaden wenig bekannt. Erst in den letzten Decennien haben gründliche Forschungen, gestützt auf Urkunden, begonnen und noch sind dieselben durchaus nicht als abgeschlossen zu betrachten.

Treffliche Kenner der Musikgeschichte erklären, daß Stainer eine ganz neue Eigenart im Baue der Geigen erfunden habe. Ganz entgegen den Welschen, baute der Künstler seine Instrumente an den Decken, trotz ihrer hohen Wölbung, sehr dick, ließ aber das Holz nach den Backen zu rasch abnehmen und in dünne Ränder verlaufen. Mein Vater, ein eifriger Musiker, wenn auch nur ein Dilettant, besaß eine Stainergeige, die er später an einen Russen verkaufte, dessen Name mir entfallen ist. Ich erinnere mich noch genau, wie mein Vater mir einst das kostbare Instrument zeigte und dabei die Bemerkung machte, die Decke sei so schön gewölbt wie die Brust eines gut gewachsenen kräftigen Mannes. Schon diese Bauart unterscheidet die Stainergeige von jenen der italienischen Meister. Aber auch in der Wahl des Holzes war Stainer äußerst sorgfältig.

Den Bergbewohnern und den Hochtouristen ist es bekannt, wie die Museln, das sind die für Brettersägen behauenen Stämme, hell tönen und klingen, wenn sie zu Thal befördert an den Felsen anschlagen. Nicht minder bekannt ist ein in Tirol heimisches Instrument, das nach alter Bezeichnung das „hölzerne Glachter“ genannt wird und nun unter dem Namen Xylophon fast bei allen Restaurationsmusikkapellen zu finden ist. Man stellt es aus dem sogenannten „singenden Holze“ her. Auf dieses richtete Stainer ganz besonders sein Augenmerk. Er suchte in den Wäldern seiner Heimat vorwiegend altes Holz oder auf der Wurzel abgestorbene Stämme. Das so gewonnene treffliche Material wurde von dem Meister mit außerordentlicher Sorgfalt verarbeitet. Ein Kunststück der Holzschnitzerei ist bei seinen Instrumenten die Schnecke, welche oft auch einen Löwenkopf darstellt.

Was aber Stainers Geigen zu ihrem Rufe verhalf, das war ihr reiner, weicher und flötenartiger Ton. Nach dem Urteile großer Kenner übertrafen sie darin die so berühmten Geigen des Italieners Nicolo Amati und wurden mit der Zeit so kostbar, daß man später Mühe hatte, echte Stainergeigen unter dem Preise von hundert bis dreihundert Dukaten an sich zu bringen.

Dieser hohe Preis hatte zur Folge, daß die Fälschungen der Stainergeigen zahllos wurden. Hatte man im Anfang Stainers Namenszeichnung gefälscht, so wurden die Geigenmacher mit der Zeit so kühn, Zettel mit Stainers Namen und einer Jahreszahl einfach drucken zu lassen.

So ist eine Unmasse falscher Stainergeigen in aller Welt zu finden und über die Echtheit mancher Instrumente entspann sich zwischen Kennern gar oft lang dauernder Streit.

Doch nun will ich dem Leser die Hauptabschnitte aus dem Leben dieses ausgezeichneten Meisters der Geigenbaukunst erzählen. Leider sind die Nachrichten recht dürftig, denn es fehlte in jener Zeit der Chronist. So berühmt die Instrumente waren, so wenig der Beachtung würdig wurde der Verfertiger gefunden. Verworrener wurden überdies die Berichte, als sich die Poesie des Stoffes zu bemächtigen begann, und so mancher Lebensabschnitt Stainers, der als feststehend angenommen wird, ist weiter nichts als die Erfindung des Novellisten. So die Geschichte seiner Jugendliebe mit der Tochter des Geigenmachers Vimerkatti in Venedig, in welcher auch ein zweiter berühmter Instrumentenmacher Tirols, der Orgelbauer Daniel Herz in Innsbruck, eine Rolle spielt. Alle Forscher stimmen darin überein, daß es nie gelungen sei, auch nur die geringste Spur aufzufinden, daß Stainer jemals in Venedig gewesen sei.

Am 14. Juli 1621 wurde Jakob Stainer als Sohn der Eheleute Martin Stainer und Sabina Grafinger in Absam geboren.

Es ist nicht nachweisbar, wann und wo er seine Kunst erlernt hat. Am ehesten ist anzunehmen, daß er eigentlich doch aus italienischer Schule stammt, obwohl er sicher auch in der Heimat reiche Kenntnisse im Instrumentenbau gesammelt hat. Noch heute spielt gar mancher Bergler auf seiner selbstgemachten Zither, und in Tall kenne ich eine Musikgesellschaft, die sich ihre Geigen und Bässe selbst fertigt.

In Stainers Jugendzeit hielten sich am Hofe des Erzherzogs Leopold und der Claudia von Medici in Innsbruck sehr viele italienische Künstler auf, denn die Stadt wurde vielfach von Fürstlichkeiten aus Italien besucht, denen zu Ehren große musikalische Feste gegeben wurden. Dort dürfte Stainer die Bekanntschaft der italienischen Geige gemacht haben, denn seine Erstlingswerke lehnen sich in der Form jener des welschen Meisters Nicolo Amati an. Ich glaube sogar, daß Stainers Jugendarbeiten ganz gewöhnliche Instrumente waren, die er, auf den Jahrmärkten herumziehend, um wenige Gulden verkaufte.

Seine außerordentliche Begabung im Geigenbau ließ ihn die Geheimnisse der italienischen Geigenmacher erkennen, er lernte von diesen Meistern, bis er sie endlich sogar übertraf und die eigentliche deutsche Aera der Geigenbaukunst schuf. Die Klänge der italienischen Geige hatten seinem deutschen Gemüte nicht zugesagt. Er sann, baute und arbeitete und schuf die deutsche Geige. So sagt Dr. Schafhäutl.

Schon mit zwanzig Jahren (1641) war Stainer eifrig mit Geigenmachen in Absam beschäftigt und zog mit seiner Ware auf den Märkten umher, mit ausländischen Kaufleuten Handel treibend. In so jungen Jahren schon unterhielt er ein Liebesverhältnis mit einem Mädchen aus Absam, Namens Margaretha Holzhammer, das er am 26. November 1645 heiratete. Im Jahre 1648 hielt sich Stainer längere Zeit, mit Geigenmachen beschäftigt, in Kirchdorf in Oberösterreich auf. Er wohnte im Hause des Handelsmannes Salomon Huebmer, welchen er auf den Haller Märkten kennengelernt hatte. Dieser Aufenthalt sollte ihm später noch große Unannehmlichkeiten und vielen Verdruß bereiten, da er bei Huebmer einige Gulden Schulden hinterließ.

In demselben Jahre hatte sich Erzherzog Ferdinand, der 1646 die Regierung angetreten, mit seiner Gemahlin Anna von Toskana und seinem Bruder Sigmund Franz mit dem Hofstaate drei Tage in St. Magdalena im Hallthale aufgehalten. Hier wurde Stainer dem Erzherzoge vorgeführt, und dabei fand nicht nur sein Instrument, sondern auch sein Spiel gerechte Bewunderung. Von dieser Zeit an wurde der Künstler öfter in das Hoflager nach Innsbruck berufen.

Damals führten die jungen Eheleute den Haushalt bei den Schwiegereltern. Erst im Jahre 1666 erwarb Stainer von seinem Schwager ein Haus nebst Garten. Sein Ruf und Ruhm fand immer größere Verbreitung. Kunstkenner hatten ihm den Titel „Celeberimus testudinum musicarum fabricator“ („Der sehr berühmte Geigenmacher“) beigelegt, und der Erzherzog ernannte ihn zu seinem Hofgeigenmacher.

Diese Anerkennung ließ den bescheidenen Mann auch in der Achtung seiner Mitbürger und vor allem in den Augen der Geistlichkeit ganz gewaltig steigen, denn aus der einfachen Bezeichnung „Geigenmacher“ wurde selbst in den kanonischen Büchern ein „ehrsamer und fürnehmer Herr“. Mit dem Tode des Erzherzogs Ferdinand Karl verlor aber Stainer einen großen Gönner und es begann für ihn die schlimme Zeit.

Erzherzog Sigmund Franz, welcher nun in der Regierung folgte, entließ alle italienischen Musiker von seinem Hofe.

Dessen Regierung dauerte freilich nicht lange; er starb schon am 24. Juni 1665, und mit ihm erlosch die zweite österreichischtirolische Regentenfamilie. Tirol kam an Kaiser Leopold I. In dieser Zeit wurde Stainer vom Gerichte in Thauer vorgeladen wegen seiner in Kirchdorf gemachten und noch immer nicht beglichenen Schulden. Salomon Huebmer war ein strenger Gläubiger; anderseits ist es allerdings verwunderlich, daß der damals in seiner Glanzperiode stehende Meister die im Grunde unbedeutenden Lasten nicht abzuwälzen trachtete. Freilich hatte er für eine starke Familie zu sorgen, denn er hatte neun Kinder, einen Knaben, der frühzeitig starb, und acht Mädchen. Bei der ersten Mahnung Huebmers zahlte Stainer fünfzehn Gulden a conto und versprach mit Revers, den Rest am künftigen Hallermarkte zu tilgen.

Aber schon kurze Zeit nachher wurde er neuerdings beim genannten Gerichte vorgeladen, und zwar wegen der Restforderung des Salomon Huebmer und auch wegen Erstattung aller aufgelaufenen Kosten. Die geforderte Summe war aber so angeschwollen, [144] daß Stainer nicht mit Unrecht sich als hintergangen betrachtete. Der Richter glaubte an die Ehrenhaftigkeit Stainers, nahm für ihn Partei und schrieb dem Kläger, das Gericht Thauer befasse sich nicht mit Eintreibung von Schulden, er möge sich in dieser Angelegenheit nach Hall wenden. Salomon Huebmer gab aber nicht nach und verfolgte seinen Schuldner unnachsichtig.

Er klagte die Schuld nun in Kirchdorf ein und erwirkte wirklich das Recht: sollte die Stadt Hall die Schuld Stainers nicht voll einbringlich machen, so werde auf dem nächsten Linzer Markte der nächstbeste Haller Bürger dafür angehalten. In solchen mißlichen Verhältnissen befand sich Stainer. Allerdings muß man auch die Preise betrachten, mit welchen die Kunstwerke des großen Meisters bezahlt wurden. Gerade in dieser kritischen Zeit unternahm er wieder eine Reise nach Salzburg, wo ihm das fürstliche Zahlmeisteramt für eine „Viola di Gamba“ und für zwei „Viol-Krazzen“ 72 Gulden entrichtete. Für eine Violine zahlte ihm dasselbe Amt 22 Gulden und vier Kreuzer.

Die letzte erfreuliche Nachricht für den bedauernswürdigen Meister war der Erlaß, mit welchem er am 9. Januar 1669 auf seine Eingabe auch von Kaiser Leopold I als Hofgeigenmacher bestätigt wurde, und zwar, wie das Diplom sagt: „weil dem Kaiser des getreuen und lieben Stainers gute Qualität und Experienz des Geigenmachens absonderlichs angerühmt worden sei“.

Stand Stainer bisher „bei geistlich und weltlich Behörd in absonderlich guten Ansehen“, so wurde er nun in eine Angelegenheit verwickelt, die für ihn die nachteiligsten Folgen hatte. Die Jesuiten in Innsbruck und Hall rüsteten sich mit aller Gewalt, um der immer mehr und mehr um sich greifenden Lehre der Reformatoren entgegenzutreten.

Auch Jakob Stainer wurde von der neuen Lehre angezogen, nahm eifrigst teil an der lutherischen Bewegung und machte sich des Verkaufs sektirerischer Bücher verdächtig. Selbstverständlich schützten den Meister weder seine Kunst noch sein Hoftitel vor der Verfolgung, und er wurde zusammen mit einem gewissen Jakob Meringer, Bürger in Hall, ergriffen und ins Gefängnis geworfen. Von seiten der Regierung trafen strenge Verordnungen ein, wie sich das Gericht gegen die zwei Ketzer zu verhalten habe.

Meringer, der Genosse Stainers, wurde über seiner Versicherung, man klage ihn fälschlich als Ketzer an, er sei im Gegenteil immer ein guter Katholik gewesen und er bitte „um gnädiges Verzeihen“, aus dem Gefängnisse entlassen. Stainer aber blieb weiter in Haft und wurde vielen Verhören unterzogen. Erst am 16. September 1669 wurde er auf einen gerichtlichen Bericht an die Regierung, er habe von geistlicher Obrigkeit in betreff des Verbrechens der Ketzerei die Absolution erhalten, aus der Haft entlassen. Der Entlassungsbefehl enthielt zwar den Nachsatz, ihn mit keiner weiteren Strafe zu belegen, welche ihm als kaiserlichem Diener und Hofgeigenmacher nachteilig sein könnte, aber die Gunst der Hof- und Regierungsräte in Innsbruck hatte er für immer verwirkt.

Stainer war sechs Monate in Haft. Er warf sich nun mit neuem Eifer auf die Arbeit. Die einflußreichen Kreise blieben ihm aber verschlossen und seine hohen Gönner wollten nichts mehr mit dem Meister zu thun haben. So fiel der tiroler Meister immer mehr in Schulden, obwohl er einfach und schlicht mit seiner kinderreichen Familie lebte.

Doch Schlag auf Schlag sollte nun aus den Kreisen der Mächtigen in Innsbruck auf ihn niedersausen.

Im Jahre 1677 wurde er aufgefordert, seine Schuld sofort zu bezahlen, welche das Pfannamt in Hall zu fordern habe. Gezeichnet war diese Forderung vom Grafen Albert Fugger. Stainer war nicht in der Lage, dieser Forderung nachzukommen und das Geld aufzutreiben. Er richtete infolgedessen durch die Regierung in Innsbruck ein Gnadengesuch an den Kaiser, daß er ihm diese Schuld „in Gnaden gutmache“, da er sonst durch die vom Pfannamte angedrohte Exekution um Hab’ und Gut käme. Die Stände Tirols hatten gerade zu dieser Zeit dem Kaiser, der sich zum drittenmal vermählt hatte, ein Huldigungsgeschenk von dreißigtausend Gulden überreicht. Stainer setzte also große Hoffnung auf Gewähr seiner Bitte.

Aber durch einen Erlaß vom 18. Februar 1678 wurde ihm dieselbe vom Kaiser kurz abgeschlagen, und zwar mit der Begründung „der Konsequenz und anderer angeführten Ursachen wegen“.

Die Regierungsräte und ihre mächtigen Freunde in Innsbruck hatten eine befürwortende Einbegleitung des Gesuches unterlassen, denn jetzt war ja Stainer für sie der kaiserlichen Gnade unwürdig. Diese Enttäuschung traf den armen Mann schwer. Er fand keine Freude mehr an der Arbeit und irrte tagelang in den Wäldern herum. Noch heute erzählt man sich im Volksmunde, der Geigenmacher von Hall hätte in seiner letzten Lebenszeit so traurig auf seiner Geige gespielt, daß die Leute alle weinen mußten, die ihm zuhörten. Stainer wurde immer scheuer und zog sich von den Menschen, ja schließlich von seiner Familie, die in tiefster Armut lebte, zurück. Der Wahnsinn umnachtete seinen Geist, und erst im Jahre 1683, „am Freitag nach St. Aegidi, vor Sonnenaufgang“, erlöste ihn der Tod von seinen Leiden. So sagt die Inschrift auf dem Gedenksteine an der Pfarrkirche von Absam, welchen der würdige Pfarrer Lechleitner dem großen Landsmanne im Jahre 1842 errichten ließ.

Nunmehr geht man mit dem Gedanken um, dem Meister ein würdiges Denkmal zu errichten. Dabei sollte man wahrlich nicht nur an Marmor und Plastik denken.

Man ist jetzt nur in der Lage, nach dürftigen Daten, wenn sie auch mit großem Fleiß, vorzüglich von S. Ruf, gesammelt sind, über das Leben dieses merkwürdigen Mannes nachzuerzählen. Berufene Kräfte sollten jedoch durch eifrige Forschungen die vielen Lücken ergänzen und zugleich mit der Errichtung des Denkmals sollte ein volkstümlich geschriebenes Buch erscheinen, welches vom Geigenmacher von Absam erzählt.




  1. * Latscher ist ein eisernes Gestell, auf welches ein Stück Talg mit einem Docht gelegt wird.
  2. ** Auf der Stör = statt in der eignen Werkstatt, in der Behausung der Kunden.