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Der Friedensschluß zu Frankfurt am Main am 10. Mai 1871

Textdaten
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Autor: Karl Biedermann
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Titel: Der Friedensschluß zu Frankfurt am Main am 10. Mai 1871. Zu dessen zehntem Gedenktage
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 316–318
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[316]
Der Friedensschluß zu Frankfurt am Main am 10. Mai 1871.
Zu dessen zehntem Gedenktage.

Am 18. Januar dieses Jahres beging das deutsche Volk mit lautem Jubel die zehnte Wiederkehr des großen Tages, wo das neue deutsche Reich aufgerichtet und König Wilhelm der Erste zum deutschen Kaiser proclamirt worden war. Als jenes erhebende Ereigniß stattfand, war der gewaltige Kampf, den Deutschland mit Frankreich 1870 bis 1871 kämpfte, so gut wie beendet; unsere siegreichen Truppen hielten damals Paris mit eisernem Ringe umschlossen und sandten tödtliche Geschosse mitten in die feindliche Stadt hinein; nur wenige Tage darauf war sie gezwungen, zu capituliren. Die Feierlichkeit der Proclamirung des neuen deutschen Kaiserthums fand in den Prunkgemächern eben jenes Schlosses von Versailles statt, von wo einst unter Ludwig dem Vierzehnten so viele diplomatische Intriguen, so viele militärische Handstreiche gegen das alte deutsche Reich ausgegangen waren. War einstmals die Macht und der Uebermuth dieses ehrgeizigen und eroberungssüchtigen Fürsten wesentlich ermuthigt und gleichsam legitimirt worden durch die Ohnmacht und innere Zerrissenheit Deutschlands, so erschien jetzt diese in dem Schlosse von Versailles vollzogene Ceremonie der Aufrichtung eines neuen, kräftigen deutschen Kaiserthums als die feierliche Besiegelung sowohl der inneren Einigkeit Deutschlands, wie der dadurch verbürgten Uebermacht nach außen. Daß diese Uebermacht nicht in ähnlicher Weise zum Werkzeuge persönlichen oder nationalen Ehrgeizes gemißbraucht werde, wie das mit der vormaligen Uebermacht Frankreichs so oft und allemal vorzugsweise auf Kosten Deutschlands geschehen, dafür bürgen jene Worte, die bei Uebernahme der neuen Kaiserwürde der ruhmgekrönte König Wilhelm in dem Momente des zweifellosesten Sieges sprach:

„Uns und unsern Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allzeit Mehrer des Reichs zu sein, nicht in kriegerischen Eroberungen, sondern in den Werken des Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.“

In eben diesem Geiste der Besonnenheit und Mäßigung, fern von jenem Rausche der Setbstüberhebung, den das französische Volk und seine Beherrscher uns gegenüber so oft gezeigt, wurden deutscherseits auch die Friedensverhandlungen geführt, die nach monatelangen Berathungen am 10. Mai in Frankfurt am Main zum Abschluß gelangten.

Zwar klagten die Besiegten laut über die Härte des Siegers, der die „Unantastbarkeit“ des „heiligen Frankreich“ nicht respectire; zwar suchte Herr Thiers auf seiner Rundreise durch Europa alle Großmächte aufzurufen gegen die angeblich unerhörten Forderungen Deutschlands; zwar ließen er und Herr Jules Favre es bei den Friedensverhandlungen an elegischen Schmerzens- und Verzweiflungsausbrüchen nicht fehlen; allein Bismarck, „der eiserne Graf“, blieb unerbittlich; ruhig, aber fest forderte er das, was für Deutschlands Sicherheit gegenüber Frankreich unerläßlich war, nicht mehr, aber auch nicht weniger; er forderte das, was uns schon 1815 hätte zu Theil werden müssen, wenn nicht die Eifersucht unserer Bundesgenossen und die Uneinigkeit Deutschlands damals uns darum gebracht hätte; er forderte das, was ehemals unser war und nur auf die schnödeste Weise, durch Verrath, Hinterlist und Gewaltthat, uns entrissen wurde. Sind es doch in wenigen Monden zweihundert Jahre, daß die Perle Deutschlands, daß der werthvollste Schutz des Reiches nach Westen, Straßburg, von dem einst Karl der Fünfte gesagt: „Wenn Wien und Straßburg gleichzeitig in Gefahr wären, ich würde zuerst eilen, Straßburg zu retten“ – daß diese Stadt mitten im Frieden, gegen alle Verträge, dem deutschen Reiche von Ludwig dem Vierzehnten entrissen wurde.

Und was will diese Zurücknahme zweier uns geraubten Provinzen – alles in allem 264 Quadratmeilen mit 1,550,000 Einwohnern – nach einem von der Gegenseite mit so frevelhaftem Muthwillen uns aufgedrungenen, von uns mit einem so ungeheueren Einsatz von Gut und Blut geführten und mit so glänzenden Erfolgen gekrönten Kriege – was will sie bedeuten gegen die maßlosen Ausbeutungen und Beraubungen, welche französische Herrscher sich gegen uns erlaubt haben, gegen jene Milliarden, die Napoleon der Erste in Form von Contributionen u. dergl. m. aus Deutschland gezogen, gegen die 4,256 Quadratmeilen und die circa 11 Millionen Einwohner, nur welche er Oesterreich, die 2,693 Quadratmeilen und 4,805,000 Einwohner, um welche er Preußen verkleinert, gegen die abermals tausende von Quadratmeilen und Millionen von Einwohnern, die er außerdem noch in brutalster Weise aus dem Körper Deutschlands herausgeschnitten und sich oder seinen Verwandten angeeignet hat? Was wollen dagegen diese Abtretungen Frankreichs – noch dazu bloße Rückabtretungen – sagen, die ihrem Gebietsumfange nach nicht ganz so groß, ihrer Einwohnerzahl nach noch nicht halb so groß sind, wie das kleine Königreich Sachsen?

[317]

Kathedrale in Metz. Münster zu Strassburg. Vendôme-Säule (gestürzt) in Paris. Das Nationaldenkmal a. d. Niederwald. Sieges-Säule in Berlin. Einzug d. Deutschen i. Paris a. 1. März 1871. Hotel zum Schwan in Frankfurt a. M. Einzug in Berlin am 16. Juni 1871.

Die Gartenlaube (1881) b 317.jpg

Zur Erinnerung an den 10. Mai 1871.
Originalzeichnung von H. Heubner.

[318] Für uns allerdings sind diese 264 Quadratmeilen mit ihrer Vogesengrenze und mit den beiden starken Festungen Straßburg und Metz von unschätzbarem Werthe, nicht zu Zwecken der Eroberung und Vergrößerung auf Kosten unseres westlichen Nachbars, wohl aber zur sicheren Abwehr derartiger Gelüste von Seiten jenes so leicht erregbaren und so ehrgeizigen Volkes.

Treffend sagte schon bei den Friedensverhandlungen von 1815 der preußische General von Knesebeck in einer Denkschrift zur elsässischen Frage: durch das immer weitere Vorrücken und durch die Gewinnung immer günstigerer strategischer Positionen gegen Deutschland hin seien die Franzosen daran gewöhnt worden, die fortschreitende Ausdehnung ihres Gebiets und ihrer Macht nach Osten als etwas Natürliches und Selbstverständliches zu betrachten. Sie würden, setzte Knesebeck hinzu, ihr Gelüste nach dem linken Ufer des Mittel- und Unterrheins nicht eher verlernen, als bis auch der Oberrhein ihren Blicken für immer entzogen sei und statt des leicht überschreitbaren Flusses ein wohlbefestigter Gebirgskamm ihren Horizont gegen Osten begrenze.

Und hoch bedeutungsvoll war der Wink, welchen ebendamals mit anerkennenswerther Offenheit ein süddeutscher Fürst, der spätere König Wilhelm der Erste von Württemberg, hinsichtlich der Lage Süddeutschlands gab.

Die süddeutschen Staaten, sagte er, könnten, gleichsam unter den Kanonen der französischen Festung Straßburg liegend, kaum anders als sich mit Frankreich möglichst gut stellen; ihre eigene Sicherheit gebiete ihnen das; ihre Zugehörigkeit zu Deutschland werde daher so lange niemals eine ganz zuverlässige sein, als nicht Straßburg aus einem französischen Ausfallthor gegen Deutschland, speciell Süddeutschland, in eine Schutzwehr dieses letzteren gegen einen französischen Angriff verwandelt sein werde.

Der patriotische Sinn Süddeutschlands hat im letzten Kriege mit Frankreich uns vor der Schmach eines neuen Rheinbundes bewahrt, und die fabelhafte Schnelligkeit, mit der unsere kriegsbereiten Heere nicht blos die süddeutsche Grenze gegen Frankreich deckten, sondern auch bald genug in Feindesland ein- und, von Sieg zu Sieg, darin vorrückten, hat diesen Ländern selbst eine Wiederholung der Scenen erspart, deren Schauplatz sie so oft, wie in den Zeiten Ludwig’s des Vierzehnten, so wiederum in den Feldzügen der ersten Jahre dieses Jahrhunderts, gewesen sind. Aber um weder ihre Treue so harten Proben, noch ihre Sicherheit so schweren Gefahren auszusetzen, um auch das französische Volk des Gedankens an das „linke Rheinufer“ gründlich zu entwöhnen, mußte das Ausfallthor Straßburg ihm entrissen, mußte die deutsche Grenze vom Rhein vorgeschoben werden bis zur Mosel und zu den Vogesen.

Mit dieser Verstärkung unserer militärischen Grenze gen Westen und mit der gleichzeitigen festeren Einigung Deutschlands im Innern – der schönen Doppelfrucht des Jahres 1871 – aber ist nicht blos die Sicherheit Deutschlands nach außen gewahrt und die Gefahr einer abermaligen feindlichen Gegenüberstellung von Nord und Süd (durch Hereintreibung eines fremden Keils zwischen beide von außen her) abgewendet, sondern es ist damit auch – zum Heil des Gleichgewichts und des Friedens Europas – der Schwerpunkt der europäischen Politik dahin gelegt, wohin er naturgemäß gehört, in das seinem Naturell nach friedliebende germanische Volk, in das seinen ganzen Einrichtungen und seiner bundesstaatlichen Gestaltung nach für eine offensive Politik durchaus nicht angelegte deutsche Reich.

Deutschland wird, je gesicherter gegen jeden Angriff von außen her es ist, um so weniger ohne Noth oder muthwillig der angreifende Theil sein. Ja es wird nicht für sich allein und von sich aus den Frieden, so weit es nur immer kann, aufrecht erhalten, sondern es wird auch ein starker Hort und ein aufmerksamer Wächter des allgemeinen Friedens sein. Fern von der Anmaßung, als „Schiedsrichter Europas“ eine überragende Rolle zu spielen, wird es nur um so sicherer dieses ehrenvolle Amt sich durch das Vertrauen der andern Mächte entgegengebracht sehen, wie das bereits die Erfahrung dieser ersten zehn Jahre bekundet. Achtunggebietend durch seine ruhige Kraft, wie durch seine Uneigennützigkeit und Mäßigung, wird es den Schwachen ein willkommener Schutz und Rückhalt und selbst dem Stärksten ein gefürchteter Gegner sein.

Und je mehr sich jenes schöne Kaiserwort erfüllt, nach welchem der Kaiser ein „Mehrer des Reichs“ sein soll „nicht in kriegerischen Eroberungen, sondern in Werken des Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung“, je befriedigter im Innern unser Volk im Genusse gesetzlich verbürgter Freiheit, je vorgeschrittener in jeder Art edler Bildung und soliden Wohlstandes es sein wird, desto gewisser wird das deutsche Reich nach außen in immer steigendem Maße das Vertrauen und die Achtung aller Nationen gewinnen und sich bewahren; wird Deutschland immerfort, auch ohne sich dessen anzumaßen, den ersten Rang unter den Völkern Europas einnehmen.

Karl Biedermann.