Der Fanatismus von der Heimathliebe besiegt

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Titel: Der Fanatismus von der Heimathliebe besiegt
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 413–414
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[403] 

John Knox verhindert die Zerstörung der schottischen Krönungsabtei Scone (1559.)
Nach seinem Oelgemälde auf Holz gezeichnet von W. Lindenschmit.

[413] Der Fanatismus von der Heimathliebe besiegt. (Zur Illustration auf S. 403.) – „Hier liegt der Mann, der sich nie vor einem Menschenantlitz fürchtete!“ So sprach der Regent von Schottland, Graf Morton, am 24. November 1572 in dem Augenblick, wo der Leichnam des John Knox in’s Grab eingesenkt wurde.

John Knox war der Luther Schottlands, nach dem Urtheil der Geschichte ein Mann von seltenen Geistesgaben, kühn und kräftig, redlich und uneigennützig, und wie alle großen Reformatoren von der unerschütterlichen Ueberzeugung durchdrungen, daß für die Glaubenslehre, in der Form wie sie seinem strebenden und forschenden Geiste erschienen war, Alles gewagt werden und jede andere Rücksicht ihr weichen müsse.

Im bewegungsreichen Zeitalter der Reformation befand sich auch das Königshaus, der Adel und das Volk von Schottland in wild durcheinander wühlender Gährung. Im Volke, sagt man, habe noch von Wicliffe her ausgestreuter Ketzersamen fortgewuchert und den Boden empfänglich erhalten für die neue Aussaat. Beim Adel fand besonders die Aufhebung der Klöster und Stifter und die Einziehung der Güter und Reichthümer derselben Anklang, und wer Nutzen aus dieser reformatorischen Zweckmäßigkeit ziehen konnte, bezeigte gern der neuen Lehre seine Zuneigung. Wie Volk und Adel war auch das Königshaus selbst getheilt: je nachdem die Glieder desselben ihre Vortheile mehr bei England oder Frankreich zu finden hofften, waren sie protestantisch oder katholisch gesinnt.

Als König Jacob der Fünfte 1542 starb, hinterließ er das Reich seiner unmündigen Tochter Maria Stuart. Schon damals hatte die reformirte Religion, durch die Stimmen aus Deutschland mächtig gefördert, in allen Kreisen viele Anhänger. Am Hofe wechselte die Kirchenfahne ihre Richtung nach den politischen Plänen der Reichsverweser, bis 1554 Jacob’s Wittwe, die Mutter der Maria Stuart, Maria von Guise, die Regentschaft antrat. Sie, die anfangs um die Freundschaft der Protestanten geworben, gab später dem Einflusse Frankreichs nach und rief dadurch den Ausbruch offener Kämpfe hervor. Denn um die englischen Pläne, durch Vermählung der Maria Stuart mit dem englischen Thronfolger Eduard dem Sechsten eine Verschmelzung von Schottland und England einzuleiten, zu durchkreuzen, wurde die junge Maria nach Paris geschickt, dort am Hofe erzogen und im Jahre 1558 sogar mit König Franz dem Zweiten vermählt und zwar mit dem geheimen Vertrage, daß, wenn die Königin kinderlos sterben sollte, Schottland an Frankreich falle. Die Ausführung dieses Vertrages bedingte aber die Unterdrückung der Reformation in Schottland, die auch durch strenge Verbote des Gottesdienstes ohne bischöfliche Erlaubniß und durch Vorladung aller protestantischen Geistlichen vor einen Gerichtshof zu Stirling sofort in’s Werk gesetzt wurde.

Dies führte 1559 die Scene unserer Illustration herbei. John Knox, 1505 zu Gifford bei Haddington in Schottland geboren, hatte eine Laufbahn voll Kampf und Leiden hinter sich. Hatte er doch, von den Franzosen gefangen, zwei Jahre lang zu Rouen auf der Galeere in Eisen geschmachtet. Nach seiner Befreiung war er Caplan des englischen Königs Eduard’s des Sechsten. Von der blutigen Maria vertrieben, floh er nach Genf, wo er in Calvin sein Musterbild fand. Von hier aus veröffentlichte er seine englische Bibelübersetzung (die sogenannte „Genfer Bibel“), ein „Schreiben an die Königin-Regentin“ und einen „Zuruf an den Adel und die Reichsstände von Schottland“, die beide für die Sache des Protestantismus großartig wirkten, während sein „Trompetenstoß gegen das monströse Weiberregiment“ ihm auch den Haß der Königin Elisabeth zuzog.

Dennoch folgte er 1559 dem Ruf seiner Glaubensgenossen nach Schottland, und kam in dem Augenblick in der alten Hauptstadt Perth an, wo dort der königliche Befehl gegen die Protestanten eintraf. Sofort bestieg der Reformator die Kanzel und entflammte die Gemüther den ganzen Volks mit dem Feuer seiner Rede besonders gegen das Abgöttische der [414] Messe und den Bilderdienstes. Da, am Schlusse einer solchen Predigt, wagte es ein katholischer Priester, eine Messe zu beginnen. Das erregte des Volkes Wuth; ein Stein flog auf den Altar und zertrümmerte ein Bild – und nun begann ein Sturm, der sich nicht gegen Bilder allein austobte, sondern unschätzbare Denkmäler und Kunstwerke vernichtete und sich von Perth über das Land weiter und weiter verbreitete.

Nördlich von Perth, das als römische Gründung lange Zeit den stolzen Namen „Rom des Nordens“ führte, gleich jenseits des „lachsreichen“ Tayflusses, stand die alte schottische Krönungsabtei Scone. Auch dorthin wogte der Bildersturm. Seit dem neunten Jahrhundert, seit Kenneth dem Zweiten, hatte dort der Palast der Könige Schottlands gestanden. Die Stätte war ein Nationalheiligthum. Dorthin eilte nicht nur Graf Murray (James Stuart) der Halbbruder der Maria Stuart, mit seinen Cavalieren, auch John Knox, dessen Lieblingsspruch war: „Man verscheucht die Eulen nicht besser, als wenn man ihre Nester anzündet“ – trat dennoch dort den Stürmenden entgegen, und was keinem gelungen wäre im ganzen Lande, das gelang ihm: er, der die Flamme erzeugt, hatte auch die Macht, sie zu beschwören. Und diese Macht bewährte sich fortan in solchem Maße, daß 1560 der Protestantismus in Schottland die Alleinherrschaft des Glaubens errungen hatte.

John Knox hatte gleichwohl noch manchen Kampf zu bestehen; am schwersten aber traf ihn die Kunde von der Pariser Bluthochzeit. Ueber sie hielt er seine letzte Predigt und starb gleich nachher, am 24. November 1572. – Murray, der Protestant aus Intrigue gegen Maria Stuart, war schon 1569 durch Meuchelmord gefallen.

An der Stätte der alten Krönungsburg zu Scone steht jetzt ein Schloß des Grafen Mansfield. Nur der heilige Krönungsstein, Lia fail, ist gerettet; er wird in der Westminsterabtei aufbewahrt.