Textdaten
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Autor: Max Wirth
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Titel: Der Eislauf
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51, 52, S. 806–808, 823–824
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der Eislauf.

Von Max Wirth in Bern.

Ich bin aufgefordert worden, in diesem Winter wieder auf die Lust und Kunst des Schlittschuhlaufens zurückzukommen, und will die Gelegenheit wahrnehmen, Einiges zu den Mittheilungen des vorigen Jahres nachzutragen. In Folge der Letzteren sind mir, zum Theil durch die Aufmerksamkeit befreundeter Mitglieder der englischen Diplomatie, Zeitungen und Ausschnitte aus Canada, Neuschottland, England, Rußland, Norwegen, so wie die in diesem Jahre erschienene zweite Auflage des besten englischen Schlittschuhbuches von Georg Anderson („Cyclos“), dem Präsidenten des Glasgower Schlittschuhclubs, zugegangen und ich habe mit großem Interesse wahrgenommen, daß die Kunst des Schlittschuhfahrens eine kosmopolitische ist, daß aber Deutschland darin den ersten Nordländern zur Seite steht.

Indessen nicht blos aus der Gegenwart, sondern sogar aus vorhistorischer Zeit kann ich Kunde geben. Die älteste Erwähnung des Schlittschuhs kommte in der deutschen Sage vor: Uller, der Gott des Sanges, ist der Erfinder des Schlittschuh's; wenn ich nicht irre, werden ihm aber bereits stählerne zugeschrieben; denn die germanische Götterlehre stammt aus der Zeit, wo die Bereitung des Eisens schon entdeckt war. Nun ist aber in der Nähe der Stadt Bern ein See, „Moosseedorfsee“ genannt, ein Hauptschauplatz unserer Lust und unserer Thaten, an dessen Ufer die ältesten Pfahlbauten gefunden wurden. Vor einiger Zeit tiefer gelegt, konnten die Nachgrabungen am trocknen Ufer gemacht werden. Herr Dr. Uhlmann in Münchenbuchsee, welcher dieselben auf eigene Kosten angestellt, hat so reiche Funde gemacht, daß seine Sammlung von Stein- und Knochenwerkzeugen als die wichtigste zu betrachten ist und daß eine kleine Auswahl derselben auf der Pariser Ausstellung, in welcher noch bei weitem nicht die schönsten Exemplare sich befanden, gerechtes Aufsehen erregte. Herr Dr. Uhlmann hat namentlich mehrere sehr schöne Steinbeile aus Nephrit gefunden, jenem Steine, der nur im Hochgebirge Asiens (und Neuseeland) gefunden wird, der frisch aus dem Steinbruch sehr leicht zu bearbeiten ist, später aber so hart wird, daß man Glas damit ritzen kann.

Diese Nephritbeile sind nun der erste handgreifliche Beweis für die Behauptung der Sprachforscher, daß die Celten aus Hochasien stammen; denn für celtische Ansiedelungen müssen die Pfahlbauten gelten, da die Germanen erst in der historischen Zeit in diese Gegend vordrangen. Sehr bezeichnend nennt Dr. Uhlmann diese Nephritbeile daher „Heimathscheine“ der Celten. Im Torf des Moosseedorfsee’s ist aber auch ein Schlittschuh aus einem Pferdeknochen gefunden worden, welcher auf der Stadtbibliothek zu Bern aufbewahrt wird. Die Form desselben ist natürlich nicht ganz die unsrer heutigen aus Stahl und Holz, sondern ein Mittelding zwischen unserm heutigen Holz und der Stahlsohle, d. h. ein etwa elf Zoll langer Pferdeknochen ist unten und an den Seiten glattgeschliffen, so daß eine glatte etwa neun Linien breite und zehn Zoll lange Sohle das Eis berührt. Rinnen hat der Schlittschuh nicht, und in dieser Hinsicht sind sich die ältesten und die neuesten gleich. Von den Kanten an läuft er nach oben in die Breite, so daß er oben für die Fußsohle etwa anderthalben Zoll breit und elf Zoll lang Raum bietet. Vorn befindet sich ein Loch und hinten eine Kerbe im Knochen, wo die Riemen angebracht werden konnten, um sie an der Fußbekleidung zu befestigen. Es gab eine Zeit lang Zweifler, bis auch aus Schweden ein gleiches Instrument auf der Berner Stadtbibliothek eintraf, welches etwas kleiner für einen Knabenfuß paßt. Um allen Zweifel darüber zu nehmen, ist in einer Beschreibung von London von Fritz Stephen aus dem siebzehnten Jahrhundert, die ein Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts, Blaine, und nach ihm Anderson citirt, ausdrücklich erwähnt, daß, wann das große Moor, welches die Stadt im Norden begrenzte, gefroren war, die jungen Leute auf dem Eise spielten und einige schleiften, andere Knochen unter die Füße banden und, sich mit einem Stocke stoßend, wie ein Vogel in der Luft oder wie ein Pfeil von der Armbrust auf dem Eis dahinschossen. Das Alter des Schlittschuhes von Moosseedorfsee ist auf wenigstens viertausend Jahre anzunehmen, denn dies ist die geringste Berechnung des Alters der in der Schweiz ausgegrabenen Knochenwerkzeuge.

Ich habe schon im vorigen Jahre der gedeckten, künstlichen Eisplätze in Canada und Nordamerika gedacht. Ich habe nun nähere Nachrichten über dieselben. Sie sind „Eisrinks“ genannt und bestehen aus künstlich überschwemmten Plätzen, welche wie ein Schuppen mit einem Dach gedeckt, neben offen sind, aber je gegen den Wind geschlossen werden können. Diese Plätze sind schneefrei und das Eis gefriert schneller und hält sich besser darin, weil man die Wände je nach Bedarf anlegen oder entfernen kann. Nachts werden diese Eisringe wie Ballsäle mit Gas erleuchtet, eine Capelle spielt und ein wohlversehenes Büffet sorgt für Erquickung des müden Leibes. Costümirte Bälle werden darin aufgeführt. Das „Quebec Chronicle“ meldet über einen solchen Abend: „Der Quebeker Schlittschuhclub hatte seinen großen costümirten Ball in seinem Eisring. Das Jagdhorn ertönte um neun Uhr und der bunte Haufen der Schlittschuhläufer strömte auf das Eis, über welches diese in Hochgenuß dahinstoben, aufjauchzend bei den Klängen einer reizenden Musik und beim Anblick von Hunderten von Damen und Herren, der Elite von Quebec, in den phantastischsten Trachten. Ueber die gleißende Bahn schwebten Dutzende flüchtiger Charaktermasken, kreisend, flatternd, wirbelnd, in der Menge sich verlierend; glänzende, mannigfache Farben, reiche, sonderbare Trachten zogen an uns vorüber oder combinirten Tänze mit wunderbarer Schnelligkeit und überraschendem Effect. Die Herren führten zu den üblichen Charaktermasken einige Neuigkeiten ein: eine Eule, einen Affen, eine Riesenflasche, einen Schneider bei der Arbeit auf seiner Bank, einen reitenden Knaben, alle dargestellt durch gute Schlittschuhläufer. Unter dem Zug der Damen waren Darstellungen von ,Nacht und Morgen’, eine Marketenderin. Alle Uebungen und Figuren wurden mit vollendeter Kunst und Grazie aufgeführt. Unter den Tänzen waren Quadrille, Walzer Galoppade, Lancier etc., mit der je passenden Musikbegleitung.“

Aus Chicago vernehme ich, daß dort im December 1866 der erste Eiscircus angelegt worden ist. Ueber einem Grundstück, das mittels Hydranten jeden Tag neu überfluthet und das zu einem Bassin und Schlittschuhfelde vorbereitet war, wurde eine große Halle von Holz aufgeführt, mit, gewärmten Vorzimmern, Balconen, Musikpavillon, Erfrischungsständen, kurz mit Allem, um selbst der verzärteltsten Dame das Glück des Eislaufens möglich zu machen. Das Eis in diesen „Rinks“ hält sich länger als im Freien., ist schnee- und windfrei, Umstände, welche der Ausbildung des Schlittschuhlaufens, namentlich Phantasiemanöver betreffend, eine neue Aera eröffnet haben. Mit den Schlittschuhen wird bereits bedeutender Luxus getrieben. Ein Paar mit Silber ausgelegte, von Rosenholz, kosten fünfzig Dollars. Es giebt in Chicago nicht weniger als drei Eisparke und zwei Eiscircuse, die zusammen im Winter fast jeden Abend von mindestens zehntausend Personen besucht werden.

Auch in Petersburg hat sich auf Anregung dortiger Engländer ein Schlittschuhclub gebildet, welcher, wie überall, wo es geschehen, die Vorliebe zum Schlittschuhlaufen sehr entwickelt hat. Der Verein richtet auf der Newa eine gute Eisbahn her, wo Damen und Herren sich herumtummeln. Die ersteren haben eine sehr kleidsame Tracht erfunden, welche die Grazie ihrer Bewegungen mehr hervortreten läßt. Hoch aufgeschürzt, die Füße mit hohen, zierlichen Schnürstiefelchen bekleidet, in eine pelzverbrämte Tunika gehüllt, auf dem Kopf eine schelmische Pelzmütze, schnellen sie sylphidenartig, bald einzeln, bald paarweise auf der glatten Bahn einher. Oft werden nach dem Klänge der Musik Tänze aufgeführt. In jedem Winter giebt der Club ein glänzendes Fest. Der ganze Raum ist prachtvoll mit farbigen Lampen erleuchtet. In der Mitte der Bahn erhob sich bei dem letzten Feste ein Eisbau, welcher von innen durch ein glänzendes, farbiges Licht erleuchtet war. Viele Schlittschuhläuferinnen führten farbige Lämpchen an der Mütze und am Gürtel, so daß diese erleuchtenden Punkte wie große Glühwürmer umherschwirrten. Das Ganze brachte eine feenhafte Wirkung hervor. Der Kaiser selbst und mehrere Mitglieder der kaiserlichen Familie nahmen an dem Feste und an dem Schlittschuhlaufen Theil.

In Bern wurde im vorigen Winter auf der durch die Gesellschaft geschaffenen künstlichen Eisbahn ein ähnliches Fest gefeiert, [807] das der englische Gesandte gab. Der Platz war mit einer Lichterguirlande umzogen, welche von neun Uhr Abends bis Mitternacht fast Tageshelle verbreitete. Die schlittschuhlaufenden Damen und Herren trugen Fackeln, die sich namentlich im Ringelreihen, der neben der Quadrille getanzt wurde, sehr schön ausnahmen. Orchester und Büffet waren trefflich. Zufällig in derselben Nacht noch an einem Balle theilnehmend, kam uns dort die heiße Lust und der im Verhältniß zum Eise rauhe Boden fast unerträglich vor – so sehr verdient der Eistanz den Vorzug.

Ueberhaupt hatten wir in Bern im vorigen Winter eine überaus günstige Saison, die sich mit wenigen Unterbrechungen über drei Monate erstreckte und die Gelegenheit darbot, die Eisfläche mehrerer Seen zu erproben. Als auf Feld, Weg und Teich schon Alles aufgethaut war, hielt die schuhdicke Eisdecke des Moosseedorfsees noch bis Ende Februar und bot uns besonders nach Sonnenuntergang, in Mondscheinnächten noch eine harte, glatte, prächtige Bahn. Auch Thuner, Bieler und Untersee luden zu Besuchen ein. Die Ausflüge auf die drei ersteren hat der geistreiche Verfasser der Berg und Gletscherwanderungen, Dr. Abraham Roth, in seiner Sonntagspost in einer „wilden Ode von Klopstock dem Jüngeren“ dithyrambisch gefeiert.

Der Untersee, dessen Sommerzeit Scheffel in seinem Ekkehard verherrlicht, war schon vor Neujahr zugefroren. Einst hatten wir dort eine abenteuerliche Fahrt. Schon frühzeitig von Constanz aufgebrochen, waren wir an der Insel, wo Karl’s des Dicken Gebein ruht, vorüber, als dichter Nebel uns umhüllte. Wir fahren fort und hören die Glocke von Radolfzell uns zum Mittagsmahl rufen, immer größer wird die Hast, immer rascher der Lauf, – der Hunger hatte beide Sporen eingesetzt, – da langen wir plötzlich wieder bei Allenspach, gegenüber der Reichenau, an. Wir waren, ohne Compaß, im Kreise herumgefahren und kamen zwei Stunden später an unserer Mittagstafel an. Die Reichenauer Bauern führen auf dem See daher stets den Compaß bei sich. Einmal hatten wir eine lustige Begegnung. Aus dem Nebel tauchen vor uns zwei schnelle Fahrzeuge auf, die sich begegnen. „Wohin, Hans?“ rief der Eine hinter seinem Schlitten, der eine Last Holz trug, stehend und ihn mit seinem langen, mit Stachel bewaffneten Stock fortstoßend, einem ähnlich befrachteten Bauern zu. „Nach Hause!“ „Ei woher kommst Du denn mit dem Holze?“ „Von Allenspach.“ „Da fährst Du eben hin.“ Betroffen zieht Hans den Compaß und ruft: „Bei Gott, es ist wahr! ich fahre eben dahin, wo ich herkomme,“ und drehte den Schlitten, worauf sie bald im Nebel sich aus dem Gesicht verloren.

Ein anderes Mal fuhren wir bis Stein. An der Landzunge, um welche man in das Steiner Seebecken fährt, waren nordpolartige Eisblöcke aufgethürmt. Spalten mußten übersprungen werden, unter denen die tückische Ran lauerte. Unten angelangt, fing es an so stark zu schneien, daß wir den hinwärts von uns eingeschlagenen, stark im Bogen gehenden, gegen neun Stunden langen Weg auf der Nordseite der Insel heimwärts nicht mehr zurücklegen konnten. Wir mußten versuchen, ob das Eis auf der Süd- oder Rheinseite uns schon trug. Steckborn war passirt, wir befanden uns wieder der Insel gegenüber, dem schweizer Ufer entlang stürmend im dichten Schneegestöber. Die Nacht brach herein, – da krachte es unter mir; ich rufe meinem Begleiter „Halt“ zu. Er hörte nicht. Ich breche durch; er auch. Wassertretend und das Eis vor uns zerschlagend erreichen wir das Ufer. Die Schuhe werden geleert und dann, um Erkältung zu verhüten, im Dauerlauf zwei Stunden weit nach Hause getrabt, ohne Schaden zu nehmen.

Ein ähnliches gefährlicheres Abenteuer wird mir aus Norwegen mitgetheilt. Dort gefrieren noch größere Flächen, als auf den schweizer Seeen, die sich viele Meilen weit auf den Meerbusen und Binnenseen ausdehnen. Bisweilen gefriert ja das baltische Meer, die Geburtsstätte des Schlittschuhes, selbst und bietet unübersehbare Flächen.

Der Berichterstatter nahm an einem Ausflug Theil, welchen sechs oder sieben norwegische oder englische Studenten von Christiania aus den Meerbusen hinab machten. Man besuchte ein zwanzig englische (gleich vier deutsche) Meilen entferntes Dorf, um im Mondschein zurückzukehren. „Es war ein lieblicher Morgen, als wir aufbrachen. Der Himmel war tiefblau und kam an Klarheit der Farbe fast der Beleuchtung des südlichen Klima’s gleich. Mit dem Eise konnte selbst das wählerischeste Mitglied des Schlittschuhclubs zufrieden sein; auch wurde die Annehmlichkeit unserer Fahrt noch besonders erhöht durch das Bewußtsein, daß das Eis nicht weniger als drei Fuß dick war, und doch es nirgends gefährliche Sprünge gab. Füge ich vollends bei, daß der Meerbusen wenigstens zwei englische Meilen breit ist und immer breiter wird, je weiter man die Stadt hinter sich läßt, und daß wir, wenn wir gewollt, bis in’s offene Meer, eine Entfernung von nahezu achtzig englischen Meilen, hätten fahren können, so wird man leicht erkennen, daß es uns zur vollen Entfaltung unserer Kräfte nicht an Raum fehlte. Wir machten natürlich keine phantastischen Kunststücke, denn wir hatten eine lange Fahrt vor uns, und mußten sonach mit unserer Kraft haushälterisch umgehen. Schnell eilten wir voran, wozu eine sanfte Brise aus Nord uns freundlich Hülfe leistete. Da und dort machten wir Halt, um einige Worte mit irgend einem einsamen Fischer zu wechseln, und campirten zeitweilig auf dem Eise unter einem auf Pfählen ausgespannten Stück Segeltuch. Die Fische schienen hungerig, wie wir aus der Menge Weißfische und kleiner Stockfische schlossen, welche einige Fischer in ihren Körben hatten. –

Plötzlich fuhr ein Eisschiff mit der Schnelligkeit des Sturmwindes an uns vorüber. Ich hatte nie zuvor eines gesehen. Es ist gebaut wie ein Eispflug, d. h. es hat eine dreieckige Gestalt und steht auf Schlittschuhen. Es trug ein großes viereckiges Segel, das eingezogen werden kann, wenn man das dasselbe festhaltende Tau gehen läßt. Dies ist auch in der That die einzige Art und Weise, diese Schiffe zum Stehen zu bringen; und sonach ist eine Fahrt in denselben häufig gefährlich und selbst das Leben bedrohend; denn sollte man ungefähr dem Ende des Eises nahe kommen und der Wind scharf wehen, so ist die einzige sich darbietende Aussicht auf Rettung die, auf das Eis hinauszuspringen auf die Gefahr hin Hals und Bein zu brechen, – will man nicht in’s offene Wasser geschleudert werden. (Es giebt daher in Holland auch Boote, die auf Schlitteneisen stehen und jene Gefahr verhüten.)

Nach einer angenehmen Fahrt von drei bis vier Stunden kamen wir ungefähr um ein Uhr heißhungerig am Orte unserer nächsten Bestimmung an. Wie vortrefflich schmeckte da der Kaffee, – wie pikant der geräucherte Lachs – wie duftig die Cigarre, wie erheiternd der Punsch! So ging die Zeit schnell vorüber, und mit einem dem Widerstreben verwandten Gefühl verließen wir das warme Zimmer der Dorfstation, um uns abermals auf den offenen Fjord hinauszuwagen. Wir traten daher unsern Heimweg vielleicht nicht ganz so aufgeräumt an, als am Morgen unsere Abfahrt, denn die Sonne war dem Untergänge nahe, der Wind wehte uns in’s Gesicht und wir waren ein wenig steif. Dennoch zogen wir fröhlich aus, in ,Halbeile’. Da wurden wir, als wir ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt, unangenehm überrascht, wahrzunehmen, daß sich allmählich und wie verstohlen ein dichter Nebel über das Eis zog. Er kam immer näher, bis wir zuletzt in einen undurchdringlichen Dunstkreis eingehüllt waren. Nun zum ersten Male drängte sich uns der Gedanke ans, daß wir uns in einer schlimmen Lage befänden. Welche Richtung sollten wir einschlagen? Kein Stern war mehr am Himmel sichtbar, kein Compaß in der Tasche, wonach wir die Richtung hätten bemessen können! Was thun? Umkehren oder vorwärts rücken? Wir entschieden für Letzteres. Bald zogen wir aber ebenso in der Irre umher, wie irgend ein Jäger auf einer spurlosen Prairie oder in einem grenzenlosen Urwalde. Und dennoch konnte uns etwas als Führer dienen – der Wind. Dadurch, daß wir ihn auf einer gewissen Seite unseres Gesichtes behielten, glaubten wir zuverlässig, daß wir, wofern er sich seit dem Morgen nicht etwas gedreht, in der rechten Richtung geblieben seien. ‚Bleibt nahe beisammen‘ rief unser Anführer, als wir Einer hinter dein Anderen dahin glitten, ‚und denkt an die Löcher im Eise.’ Dies war eine weitere Gefahr, denn die Löcher, welche die Fischer Morgens gemacht, konnten noch nicht stark genug zugefroren sein, um Nachts schon das Gewicht eines Mannes zu tragen. Obgleich sie aber nicht so groß waren, um hindurch zu fallen, so hätte man doch leicht, wenn man unversehens in eines desselben hineingerathen wäre, ein Bein brechen können. Mittlerweile ward der Nebel immer dichter, so daß wir uns endlich genöthigt sahen, einander gegenseitig an den Rockzipfeln zu halten. Hätten wir ein Seil gehabt, würden wir die Hochalpensteiger und Alpenclubbisten nachgeahmt haben. Bereits hatten wir fünf Stunden auf dem Eise [808] zugebracht und hätten um diese Zeit, wenn wir den rechten Weg eingeschlagen, zu Hause sein können. Allein wir konnten kein Zeichen nahen menschlichen Lebens wahrnehmen, hörten keinen Ton, obgleich wir oft Halt machten und unsere Ohren spitzten, um die Stimme irgend eines Fischers oder eines anderen Menschen aufzufangen, der etwa spät von seiner Tagesarbeit zurückkehrte. Wir hörten nichts – verhängnißvolle Stille – das Schweigen des Todes herrschte ringsum!

,Wir sind verirrt‘ sagte unser Führer; ,Gott weiß, wo wir sind!’ Nun, verirrt sein auf einem offenen Fjord, bei einem Thermometerstand von zwanzig Grad unter Null und beim Wehen eines scharfen Nordwindes; das Gefühl sodann jener allmählich uns beschleichenden Schläfrigkeit, welche, wenn man ihr nachgäbe, in den Todesschlaf überginge: eine solche Lage ist wahrlich keineswegs angenehm! In Bewegung müssen wir bleiben, gleichgültig in welcher Richtung! Ruhen wäre verhängnißvoll gewesen; und so schossen wir fort, in der Hoffnung uns immer auf dem rechten Wege zu befinden. – Plötzlich hörten wir das Rauschen eines entfernten Wasserfalles; wir machten Halt und pflogen Rath. ,Halt! Ich hab’s!’ rief unser Anführer; ,das ist der …Foß, den wir hören können, und dies ist also die …Crek. Zurück, zurück um’s Himmelswillen!’ Denn er wußte, daß dies die gefährlichste Stelle war, auf der man sich befinden konnte. Es war in der That die gefrorene Oberfläche des …Flusses, auf welchem wir standen, dessen Strömung so schnell und reißend ist, daß das Eis dort stets unsicher bleibt. Die Furcht beflügelte unsere Füße und wir machten keine Pause, bis der Schall des fallenden Wassers unseren Ohren völlig entschwunden war. Ein Gutes schien dieser Zwischenfall zu haben; denn er hob unser Vertrauen, da wir dadurch uns in Stand gesetzt glaubten, unsere Richtung nach der Stadt zu nehmen. Leider war diese Hoffnung eine eitle; denn nachdem wir unseren Lauf ein paar weitere Stunden fortgesetzt, konnten wir immer noch keine Zeichen der Heimath wahrnehmen.

Unsere Lage wurde bedenklich. Mitternacht war bereits vorüber und besorgte Freunde erwarteten uns zu Hause. Ich war so ermüdet und so abgemattet, daß ich mich kaum noch rühren konnte. Ich bat und flehte, man möge mich, wenn auch nur einen Augenblick, auf das Eis niederlegen lassen. ,Nein, keine Secunde!’ rief der Anführer. ,Zieht ihn auf, zieht ihn auf!’ Denn ich hatte mich selbst auf das Eis hingeworfen! Ein Schluck Branntwein gab mir neue Lebenskraft und rettete mir, wie mir schien, das Leben. – Plötzlich erspähten wir durch die Dunkelheit hindurch eine Anzahl trüber Lichter. War es die Stadt? Nein, denn sie bewegten sich. Waren es also Irrlichter? Nein, Gott sei Dank, freundliche Menschengestalten befanden sich dahinter. Wir waren gerettet! ,Hurrah!’ schrieen wir, – , Hurrah!’ – Die Lichter kamen näher und näher, und in wenigen Minuten standen wir unter einem Haufen Volkes, welchen unsere Freunde in der Stadt bewogen hatten, sie zu begleiten, die Vermißten zu retten. Wir befanden uns noch acht englische Meilen von der Stadt, und ich glaube, daß, wenn die uns aufsuchenden Leute nicht glücklicherweise auf uns gestoßen wären, sie am nächsten Morgen sieben erfrorene Leichname auf dem Eise gefunden haben würden.“

[823] Eine aufregende Geschichte erzählt Georg Anderson von einem nordamerikanischen Ansiedler, welcher Freiheit und Leben der Schnelligkeit seiner Stahlsohle verdankt. Derselbe war von Indianern gefangen, in Fesseln geschlagen und gemartert worden. Nach ein paar Tagen zeigte man ihm ein paar Schlittschuhe, welche unter der Beute aus seinem Dorfe mitgenommen worden waren. Seine Feinde, unbekannt mit deren Gebrauch, forderten ihn auf, denselben ihnen zu zeigen. Ein Strahl von Hoffnung erleuchtete da plötzlich sein verzweifelndes Herz. Mit zitternder Hand beeilte er sich die Schlittschuhe anzuschnallen. Er ging sofort auf’s Eis und begann vorsätzlich auszugleiten, hin und her zu taumeln und zu fallen; jedoch mit Bedacht fortwährend vom Ufer sich entfernend, während die arglosen Indianer über seine vermeintliche Ungeschicklichkeit lachten. Dieselben befanden sich auf dem fernen Gestade eines der unermeßlichen Seeen des großen nördlichen Continentes, und die Eisdecke, welche sich vor den Augen ausdehnte, endigte erst mit dem Horizont. Als der Gefangene sich weit genug entfernt glaubte, fiel er das letzte Mal, schnallte die Schlittschuhe fester, erhob sich und zog mit voller Eile aus, während die Indianer sich kaum zeitig genug von ihrem Erstaunen erholten, um ihm ein paar Kugeln nachzusenden, welche ihn verfehlten und harmlos auf dem Eise fortrollten. – Obgleich jetzt frei, war der Ansiedler doch nicht außer Gefahr, denn er hatte eine weite Eiswüste ohne Nahrung und Obdach zu durcheilen, den Nachstellungen der Wölfe oder der noch unerbittlicheren Indianer preisgegeben; oft gezwungen bei klaffenden Spalten meilenweite Umwege zu machen, bis er eine schmale Stelle fand, über die er springen konnte. Aber endlich nach zwei Tagen und Nächten stieß er erschöpft und verzweifelnd auf einen Trapper, welcher ihn in die nächste Ansiedelung brachte. –

Ein interessantes Naturphänomen haben wir auf dem Moosseedorfsee beobachtet, welches sich mehr oder weniger auf allen Teichen, Mooren und Seen, deren Grund sumpfig ist, wiederholt. Es bilden sich nämlich im Eise auf solchen Gewässern Blasen, die von aufsteigenden Gasen – wenn ich nicht irre, Kohlenwasserstoffgas – herrühren. Stößt man ein Loch in eine solche Blase und hält rasch ein brennendes Zündholz daran, so steigt eine Flamme auf, deren Umfang nach der Größe der Blase sich richtet. Im vorigen Winter ließen wir eine so große Blase explodiren, daß die aus dem Eise hervorbrechende Feuersäule armsdick und zwei Schuh lang war und etwa fünfzehn Secunden lang brannte. Für die Jugend ist es ein aufregendes Vergnügen, auf diese Art so zu sagen Feuer aus dem Eise hervorquellen zu sehen. Die Bauern schüttelten den Kopf dazu.

Zum Schlusse vergönne mir der Leser, mich an den engeren Kreis der Adepten zu wenden und die hohe Schule der Schlittschuhfahrkunst etwas systematischer aufzuführen, als es im vorigen Winter geschehen ist. Die Grundlage, auf welcher die hohe Schule beruht, ist der Bogen. Auch aus Halifax in Neuschottland schreibt ein Genosse im vorigen Winter: „Der Schlittschuh kann nicht mehr leisten, als den Bogen, soweit es regelrechtes Figurenfahren betrifft. Wenn Leute vom ‚Namen auf’s Eis schreiben‘ sprechen, außer im Fall, wo ein geschickter Schlittschuhläufer einen Namen hat, der aus den Buchstaben C O E S besteht, so glaubt ihnen nicht.“

Ich schicke voraus, daß ich mich folgender Abkürzungen bedienen werde: R. V. gleich Rechter Fuß vorwärts; L. V. gleich Linker Fuß vorwärts; R. R. gleich Rechter Fuß rückwärts, L. R. gleich Linker Fuß rückwärts; A gleich auswärts, E gleich einwärts.


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Fig. 1

Die hohe Schule beginnt also mit dem Bogen, der nach acht Richtungen gezogen werden kann: R. V. A.; L. V. A.; R. R. A.; L. R. A.; R. V. E.; L. V. E.; R. R. E.; L. R. E. Einmal, R. V. A. und dann L. V. A. und so abwechselnd fort Bogen zu fahren (Figur 1), heißt man bei uns „Holländern“. Man kann diese Bewegung noch dadurch steigern und interessanter machen, wenn man mit dem den Bogen beginnenden Fuß über den andern „übertritt“.

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Fig. 2

Aus dem Bogen entwickelt sich der Kreis (Fig. 2), welcher in derselben Weise mit dem Fuße nach je vier Richtungen gezogen werden kann.

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Fig. 3

Es kostet einige Anstrengung, um den Kreis abzuschließen, denn die beim Abstoß am stärksten wirkende Kraft läßt allmählich nach. Der Kreis wird daher nie rein. Dagegen lenkt man aus der Kreisbewegung bei andauernder Uebung von selbst in die Spirale (Fig. 3) ein, welche man bis zu vierfachem und, wie es im vorigen Winter bei außerordentlich günstigem Eise geschah, zu fünffachem Kreise ausdehnen kann. – Das einfache Bogenfahren genügt schon, um sowohl allein als zu zwei und zu vier anmuthige Evolutionen auszuführen. Ein schönes Bild giebt der einfache „Eistanz“: Bogen R. V. A.; L. R. A. und so fort. Diese Tour ist besonders in Nancy zu Hause.

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Fig. 4

Vom einfachen Bogen geht man zu Bogencombinationen mit einem und demselben Fuße über. Zuächst kommt der Doppelbogen (Fig. 4), den man, wie den Bogen, nach acht Richtungen ausführen kann: R. V. A. und R. R. E.; L. V. A. und L. R. E.; R. R. A. und R. V. E.; L. R. A. und L. V. E.; R. V. E. und R. R. A.; L. V. E. und L. R. A.; R. R. E. und R. V. A.; L. R. E. und L. V. A. Abwechselnd mit dem einen und dem andern Fuße diese Doppelbogen fahrend und sie je recht zum Halbkreis ziehend, kann schon ein einzelner Läufer sehr anmuthige Situationen darstellen. Man ist darin besonders in Frankfurt am Main Meister.

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Fig. 5

Vom Doppelbogen kommen wir zum dreifachen Bogen (Fig. 5). Man beginnt ihn gleich dem Doppelbogen: R. V. A. und R. R. E. und R. V. A. und so fort. Diese Figur wird besonders in London, Glasgow, Quebec (Canada) und in Halifax (Neuschottland) gefahren und bis zum fünf-, ja neunfachen Bogen mit demselben ausgedehnt, entweder gerade aus (Fig. 6) oder im Kreis (Fig. 7), wie bereits im vorigen Jahr dargestellt wurde.

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Fig. 6

Bei günstigem Wind und auf hartem, spiegelglattem Seeeis gelang es im vorigen Winter einen zwölffachen Bogen mit einem Fuß zu machen.

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Fig. 7       Fig. 8      Fig 9

In England und Amerika liebt man sehr Tänze aufzuführen, wobei vier Personen stets zwei oder dreifache Bogen fahren. Mit der alten Art von Schlittschuhen, deren Eisen vor dem Absatz endigten, kann man dem Dreibogen die Form eines Doppel-E (Fig. 8) geben.

Dieselbe Art von Schlittschuhen ist nöthig, um das Absatzdrehen (Fig. 9), welches man bis zu sechs bis acht Mal zuwege bringen kann und worin man wieder in Nancy und in Canada excellirt, hervorzubringen.

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Fig. 10

Hierher gehört noch eine Figur, welche der Präsident des Glasgower Schlittschuhclubs, Georg Anderson, anführt, die ich selbst aber noch nicht gelernt habe, da es mir nicht gut möglich war, aus der concentrischen Richtung der Spirale wieder herauszufahren (Fig. 10).

Ebenso muß ich gestehen, daß mir Fig. 11, welche nach Anderson in Canada exercirt wird, unbekannt ist.

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Fig. 11

Wir gehen nun zu einer anderen Bewegung über, der Combination von zwei Bogen in derselben Richtung in Gestalt des lateinischen S. Um diese Figur auf das Eis zu schneiden, beginnt man mit einem Bogen L. V. A., wirft dann den rechten Fuß so weit als möglich vorwärts und dann rasch ebenso weit rückwärts. So kommt man in den inneren Bogen. Diese Bewegung mehr entwickelnd kommt man zum Doppelkreise oder der Acht (Fig. 12).

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Fig. 12

Sehr schön ist diese Bewegung abwechselnd mit dem rechten und linken Fuß ausgeführt, nach Art des „Holländerns“.

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Fig. 13

Aus dem S wird fortgesetzt die Schlangenlinie (Fig. 13), welche auch das Glasgower Schlittschuhbuch aufführt. Diese Bewegung führt zu einer überaus ansprechenden Figur, der Combination des einfachen Bogens mit dem S (Fig. 14 und 15), welche, je nachdem man den Bogen mehr oder weniger dem Kreis nähert, anmuthigere Gestalt gewinnt.

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Fig. 14

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Fig. 15

Ueberaus schwierig, kühn und das Auge fesselnd sind die Combinationen dieser Figuren mit multiplicirten Bogen; sei es, daß man das S mit dem dreifachen Bogen beginnt, oder endigt, oder einen solchen an beiden Enden desS zieht; jede Figur je auf einem Fuß (Fig. 16, 17 und 18).

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Fig. 16

Verwegen nimmt es sich aus, wenn man in raschem Kraftschwung die Figur 18 mit dem einen und die Figur 17 dann mit dem andern Fuß fährt.

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Fig. 17

Im vorigen Winter gelang es einmal unter günstigen Umständen, die Figur 18 in doppelter Länge, d. h. im Ganzen mit fünfzehn Bogen auf einem Fuße darzustellen.

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Fig. 18

Eine der schwierigsten und schönsten Figuren, welche weder in Canada noch in England bekannt zu sein scheint, ist die Doppelspirale (Fig. 19). Obgleich eigentlich nur aus einem verlängerten S bestehend, darf sie doch als das Meisterstück der Schlittschuhfahrkunst betrachtet werden.

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Fig. 19