Der Doppelgänger (Gartenlaube (1869))

Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Doppelgänger
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 575–576
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[575] Der Doppelgänger. Vom Aberglauben wähnen wir uns Alle frei. Geisterbeschwörer und Wunderdoctoren sind uns widerwärtig, ihr Hokuspokus lächerlich. Keiner von uns riskirt es in einer „gebildeten“ Gesellschaft unserer Tage, den Ahnungen, Vorbedeutungen, Geistererscheinungen etc. das Wort zu reden, es müßte denn aus Lust am Widerspruch geschehen, oder aus Neigung, durch Vertheidigung paradoxer Ansichten die Gewandtheit seiner Zunge zu zeigen, oder auch in der Absicht, die Gesellschaft zu foppen und ihre Tactfestigkeit auf die Probe Zu stellen. Von Allem also, was nach Aber- und Wunderglauben schmeckt, wollen wir absolut Nichts mehr wissen. Darüber vergessen wir freilich nicht selten, daß den meisten Spuk- und Wundergeschichten irgend eine wirkliche Thatsache zu Grunde liegt, die allerdings ungenau beobachtet und durch eine zuchtlose Phantasie in’s Ungeheuerliche verzerrt und vergrößert worden ist.

Ich erlaube mir, einen an sich zwar unbedeutenden, weil in den Zeitraum weniger Secunden zusammengedrängten, aber wohl verbürgten und durch die Auffindung seiner Ursache belehrenden Vorgang dieser Art mitzutheilen. – Es handelt sich um das weltberühmte „zweite Gesicht“ oder das „Doppeltsehen“, auch wohl „Doppelgängerei“ genannt.

Als Einsender dieser Zeilen im Winter des Jahres 1857 in Jena studirte, lernte er einen fleißigen jungen Theologen C. H. aus A. in Thüringen kennen, der, mit bedeutendem Sprachtalent begabt, unter der Leitung der berühmten Forscher Baum und Schleicher mit seltener Ausdauer und großem Erfolge linguistischen Studien oblag.[1] – An einem kalten und sehr nebligen Decemberabend von einem Besuch bei guten Freunden zurückgekehrt, trat H. um acht Uhr in sein angenehm durchwärmtes [576] Zimmer, zündete die Lampe an, machte sich’s im Hauskleide bequem und rückte, nachdem er die Pfeife in Brand gesetzt, in der Absicht, in die Winternacht hinein zu studiren, seinen bücherbeladenen Arbeitstisch an den warmen Ofen.

Einige Male hatte er rauchend und von der Zerstreuung der Abendstunden sich sammelnd das Zimmer durchmessen; schon war der abgerissene Faden des Studiums wieder angeknüpft, und, in eine Makame des Hariri vertieft, zogen die Gedanken des Nordländers aus dem heimischen Winternebel über Land und Meer hinaus nach dem sonnigen Arabien, da unterbrach sein Sinnen ein äußerst trivialer Gedanke: der Gedanke an das während der Tageszeit offen stehende und auch jetzt noch nicht geschlossene Schlafkammerfenster.

H. trat in die Kammer, schloß das Fenster und kehrte schleunigst in die warme Stube zurück. Da blieb er, den Griff der Kammerthür noch in der Hand, wie angewurzelt stehen. Er sah sich selbst, – sein leibhaftiges zweites Ich sich gegenüber stehen. Da war sein rothcarrirter Schlafrock, da die in der linken Hand gehaltene Pfeife, die offene Weste, der selbst im Winter entblößt getragene schlanke Hals, das hervortretende Kinn mit dem noch dünnen Bärtchen, die schmalen Wangen, doch, wie es ihm scheinen wollte, bleicher als die seinigen. Augen und Stirn seines unheimlichen Gegenübers wurden von ihm nicht gesehen, da er, im Augenblicke des Eintretens in seinen Stoff auf’s Neue vertieft, den Blick etwas gesenkt gehalten hatte.

Drei, vier Secunden stand der Spuk, dann zerrann er in Luft, aus der er entstanden zu sein schien. Mechanisch schloß H. die Kammerthür. Dem sonst außerordentlich jugendkräftigen und durchaus nicht zu nervösen Zuständen hinneigenden jungen Manne bebten die Kniee. Still setzte er sich auf dem Sopha nieder, und wenn er auch nicht, wie weiland Chamisso, der Dichter, dem Gespenste Platz machte und „zu weinen in die Nacht hinausschlich“, so war’s doch für dieses Mal mit dem Arbeiten vorbei. Die ausgegangene Pfeife in der Hand, saß er, wie er mir am andern Morgen gestand, anfänglich in einem Zustande dumpfen Hinbrütens, dann aber grübelnd bis tief in die Nacht hinein in seiner Sophaecke. Ein noch nie gekanntes Gefühl der Furcht war über ihn gekommen. Er fürchtete sich, sein nächtliches Lager aufzusuchen, er fürchtete sich aber auch, das Zimmer zu verlassen, um etwa unter fröhlichen Commilitonen Vergessenheit im edlen Gerstensaft zu suchen. Konnte das Spukgebilde nicht wiederum dastehen, wenn er um Mitternacht heimkehrte?

Selbstverständlich suchte der erschütterte Geist meines Freundes seine Sammlung in dem beharrlichsten Nachspüren nach irgend einer Erklärung der Erscheinung, die er nicht wegleugnen, nicht zur optischen Täuschung stempeln konnte. Nach stundenlangem Grübeln glaubte er endlich die Ursache des sonderbaren Phänomens gefunden zu haben. Er theilte sie mir am folgenden Tage mit und ich erlaube mir, den Erklärungsversuch meines Freundes H., dem ich meinen Beifall nicht versagen kann, den Lesern der Gartenlaube zur freundlichen Beurtheilung vorzulegen.

Als H. in das Zimmer zurückkehrte, drang aus der von außen mit Nebelluft gefüllten Kammer ein durch den Rand der geöffneten Thür scharf begrenzter feuchtkalter Luftstrom in senkrechter Lage in die warme und trockene Stubenatmosphäre. Auf diese von Wassertheilchen erfüllte Luftschicht fielen die Strahlen der am Ofen stehenden Lampe. Zwischen beiden – nämlich der Lampe und der feuchtkalten Luftschicht – stand einige Secunden lang, während er die Kammerthür schloß, Freund H., den Rücken der Lampe, das Gesicht dem eindringenden Nebel zugewendet. Die Erscheinung, die ihn schreckte, scheint nun nichts Anderes als sein eigenes Spiegelbild auf der senkrechten, durch das etwas schräg von hinten einfallende Lampenlicht erhellten Nebelwand gewesen zu sein.

Sollte wohl nicht manche „wirklich passirte“ Schauergeschichte vom „zweiten Gesicht“ ähnlichen, sehr natürlichen Vorkommnissen ihren Ursprung verdanken?

Zusatz der Redaction. Ob sich durch die Eigenschaft der Netzhaut unseres Auges, daß das Bild eines wenigstens eine bestimmte Zeit lang betrachteten Gegenstandes sich ihr einprägt und daß sie den Eindruck desselben lange genug festhält, um ihn, namentlich wenn der Blick rasch von dem hell beleuchteten Gegenstande auf eine im Dunkel stehende Wand fällt, dort auf Secundenlänge wieder erscheinen zu lassen, – nicht auch bisweilen dieses sogenannte „zweite Gesicht“ erzeugen könne, darüber würde von einem Fachmann eine Auskunft willkommen sein. Erinnert wurden wir an diese „Trugbilder“ durch ein gleichbetiteltes Werkchen von Dr. A. Besell (Stuttgart, bei Rieger), welches eine Anleitung, Erscheinungen, auf optischer Täuschung beruhend, nach Belieben hervorzurufen und eine wissenschaftliche Erklärung derselben giebt.



  1. Der Redaction habe ich Namen und Geburtsort desselben zu beliebigem Gebrauche mitgetheilt. Wenn C. H.. wie ich hoffe, noch lebt und nicht Dolmetscher einer europäischen Gesandtschaft im Orient geworden ist, so wird er wohl als würdiger Pfarrer in irgend einem thüringischen Dorfe hausen. Ich grüße ihn freundlich!