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Der Donnersberg und das pfälzische Hochland

Textdaten
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Autor: Marie Grundschöttel
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Titel: Der Donnersberg und das pfälzische Hochland
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 580–583
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Der Donnersberg und das pfälzische Hochland.
Von M. Grundschöttel.


Dem, der nicht die Flügel zum Besuch weit entlegner Naturschönheiten spannen kann, wenn es gilt, durch einen Sommerausflug die Lungen für längere Zeit wieder mit dem Gehalte kräftiger Wald- und Bergluft zu füllen, dem rathen wir zu einem noch wenig bekannten schönen Berglande Deutschlands, das vom Rheine aus leicht zu erreichen ist. Es ist die schöne Pfalz, „der Garten Gottes“, welchem Haardt-Gebirge und Vogesen den Stempel des Hochlandes aufdrücken, während im Osten der Rhein seine reichen und fruchtbaren Ebenen durchströmt.

Als Vorposten springt nach Norden die Berggruppe des Donnersberges hervor, der, in der Ferne wie ein langgestreckter Berg erscheinend, in Wahrheit viele waldige Kuppen über die Wolken erhebt und eine Reihe eigenthümlich interessanter Thäler in den tiefen Einsenkungen seiner Vorsprünge birgt.

Von Kirchheim-Bolanden aus, das wir, von Mainz oder Bingen kommend, mit der Alzey-Bahn schnell erreichen, gelangen wir mühelos auf den weithin abfallenden Fuß des in Hufeisenform nach Süden hin sich ausbreitenden Donnersberges. Vor uns erblicken wir von Weitem das malerisch am Abhange, in einer Höhe von 1400 Fuß, liegende Dörfchen Dannenfels in einem Walde prächtiger Edelkastanien; etwa 200 Fuß darüber, ganz isolirt und von Wald umgeben, liegt die Villa Rotberg. Im Dorfe selbst bietet das seit einem halben Jahrhundert rühmlichst bekannte schlichte Haus des Herrn Gümbel, „Vater Gümbel“ genannt, dem Touristen gute Herberge. Wer leidend ist und eine gewisse Abgeschiedenheit auch selbst von dem kleinen Treiben eines Dorfes sucht, der wähle die Villa Rotberg. Ein Fahrweg führt bis zu ihr hinauf durch würzig duftenden Tannenwald, und hier befinden wir uns an dem Knotenpunkte all der schön geebneten Wege, die uns nach allen Richtungen hin am Berge entlang und bis zum Gipfel hinauf führen. Der pfälzische Verschönerungsverein erwarb sich das Verdienst, den sonst so wilden Bergwald an vielen Punkten zum schönsten Parke umgestaltet und allenthalben zugänglich gemacht zu haben. Das beste Mittel zur schnellen und gründlichen Orientirung bietet ein kleines, in der Villa käufliches Buch: „Der Führer zum Donnersberg“, von C. E. Groß, mit Zeichnungen und Karten von Freiherr Schilling von Cannstadt. Ein anderer Führer ist nicht nöthig, da jeder Weg sorgfältig mit Wegweisern versehen ist.

Vor beinahe zwei Jahrtausenden herrschte auf dem Donnersberggipfel der alte Gewittergott Thunar, hochverehrt von dem keltischen Stamme der Mediomatriker, die einen mächtigen Ringwall um seinen heiligen Hain und seine Altäre bauten. Dahinter bargen sie Weiber und Kinder, wie die wehrlosen Alten und Kranken, auch ihr kostbarstes Gut, wenn die feindlichen Stämme der Triboker und Vangionen vom rechten Rheinufer herüberbrausten, um das waldige Bergland in ihren Besitz zu bringen. Und als die Germanen in der That Herren im Lande geworden, nachdem die Schluchten des Donnersberges oft blutige Kämpfe gesehen, wie das Blutbad in der Mordkammerschlucht, da galt es, den von Süden sich heranwälzenden Feind, die Römer, zurückschlagen oder mit herabgerollten Felsblöcken in enge Thalsohle zu zermalmen, bis auch hier die Uebermacht siegte; der heilige Hain fiel in die Hände der Römer, die im Thunar ihren König der Götter, den Donnerer, wiedererkannten. Andächtig opferten auch sie ihm auf den Altären der Germanen und nannten den Berg Mons Jovis.

Auch ihre Zeit verging; die heidnischen Götteraltäre und der heilige Hain sanken unter der Herrschaft christlicher Germanen; fromme, büßende Brüder stiegen auf die verödete Hochfläche, erbauten das Kloster Sanct Jakob und säeten und pflegten jungen Waldwuchs, durch dessen rauschendes Laub die ersten Glockentöne in's Land zitterten. Priester und hoher Herren Gebot herrschten über den Berg und seine Abhänge, und alltäglich stieg ein Bruder hinab nach Dannenfels und las allda die Messe.

Auch das Kloster sank nach dem Schrecken des Dreißigjährigen Krieges; die Brüderschaft wurde aufgelöst, und der letzte Abt von Sanct Jakob, Peter Sutor von Kirchheim-Bolanden, legte seine geistliche Würde nieder, ward Bürger und nahm ein Weib.

Da zog ein stolzes Bauerngeschlecht auf den wieder verödeten Gipfel, baute neben den Ruinen des Klosters ein festes Haus, pflanzte auf dem Boden des heiligen Haines die ersten Kartoffeln und säete sein Korn. Und erstere gediehen vortrefflich und waren weit im Lande berühmt als „Donnersberger Kartoffeln“.

Doch das Geschlecht der Bauern erlosch früh. Das Haus zerfiel, ehe es alt geworden, in der Einsamkeit und in den strengen Wintern, und bald lag eine neue Ruine neben der alten. Nun kaufte der Staat den Berg, ließ einen neuen dunklen Tannenwald sich wie einen schützenden Mantel um die Stätte so verschiedener Herrschaft legen und erbaute inmitten desselben einen Thurm, der die höchsten Wipfel überragt und weithin nach Norden, Süden, Osten und Westen blickt – und der ist geblieben und trägt den Namen des Baiernkönigs Ludwig des Ersten.

Treten wir eine Wanderung zu den bemerkenswerthesten Punkten der Gegend an, von der Villa Rotberg ausgehend! Durch würzig duftendes Tannengezweig und saftiges Grün der Buchen lockt uns der Weg aufwärts, zunächst nach der Gruppe des

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Die Gartenlaube (1880) b 581.jpg

Der Donnersberg.
Nach der Natur aufgenommen und auf Holz gezeichnet von M. Grundschöttel.

[582] „Moltke-Felsens“, wie die patriotische Bevölkerung dieser Gegend nach den Siegen des letzten Krieges die altersgrauen Felsenkuppen getauft hat, welche früher „Dorbis“- oder „Dorwes-Felsen“ hießen. Letzterer Name, welcher vermuthlich auf Thor (Thunar) hinweist, hängt nach der Volkssage mit dem eines jungen Schmiedes aus Bockenhausen zusammen, dem ein Ritter die Geliebte raubte und der nach vergeblichen Versuchen, ihre Befreiung zu erwirken, im Wahnsinn gegen Ritter und Mönche predigend umher irrte, bis man ihn vom Sturz zerschmettert in der selbst bei Tag finstern Waldschlucht des „dunklen Delt“ fand. – Bald gelangen wir zu einem Felsenvorsprung, der einen überraschenden Blick in die Ebene bietet. Und nun steigert sich die Schönheit des Weges bei jeder neuen, die vorigen überragenden Porphyrfelsenterrasse, bis wir die großartigsten Punkte erreichen.

Wie die Bastionen einer Festung ragen die rothen und bläulichen Felsenmauern vor uns auf, während schmale Lücken wie die Crenelirung alter Burgen den Blick in die Tiefe gestatten. Dann geht es schmale Stufen hinab; eng geschlossen, bilden die Felsen eine mit Moos und den üppigsten Farrenkräutern geschmückte Kammer, die sich nach dem Abhange zu öffnet und in zwei nach oben aus einander gehenden Felsenpyramiden ein Thor bildet, das uns im engen Rahmen ein herrliches Bild der weiten, offenen Pfalz zeigt. Eine Bank bietet hier ein unvergleichliches Ruheplätzchen. – Und weiter geht es aufwärts, von einem schönen Punkte zum andern bis zur Spitze der ganzen Felsengruppe, die an Festtagen die Freudenfeuer in's Land leuchten läßt. Abwärts ziehen sich kleine Pfade zwischen Felsblöcken zu den „Gedächtnißtafeln“ hinab. Viele der rothen Porphyrwände sind hier mit eisernen Schildern geschmückt, welche die Namen der siegreichen Schlachten des letzten Krieges mit Frankreich tragen. Tiefer unten fallen uns an schmalen Felsenvorsprüngen vor den in den Stein gehauenen Bänken rohe Felsentische auf, welche in ihrer primitiven Form den Schein uralter Herkunft erwecken.

Der Blick vom Moltke-Felsen umfaßt ein weites Bergpanorama, umgrenzt vom Odenwald, dem Hunsrück, der Haardt, den Vogesen und dem Schwarzwald, und läßt bei klarem Wetter die Dome von Worms und Speier erkennen. Besonders schön ist hier das Schauspiel eines Sonnenaufgangs, wenn das Tagesgestirn über dem Odenwald aufsteigt und sich im fernen Rheine spiegelt.

Sinnend kehren wir vom Moltke-Felsen heim, ruhen uns auf dem von jungen Bäumen beschatteten Vorplatze der Villa aus und treten dann den Weg zum Hirtenfelsen an. – Hertha-Fels, Hirza-Fels – nannte die Vorzeit die langgestreckte, zackige Felsenwand; spätere Generationen tauften die Höhe, die damals üppigen Graswuchs trug, Hirtenfels, weil sie ein Sammelplatz der Hirten des ganzen Berglandes war, die hier beim lodernden Feuer ihre Feste feierten oder am Tage einander von Bergkuppe zu Bergkuppe mit weithin tönendem Horn grüßten und sich so zur gemeinsamen Rast hierher beschieden.

Der Weg zum Hirtenfelsen führt über die „Wacht am Rhein“, wie man nach Anno 1870 die scharf vorspringende Felsenklippe taufte, die früher den Namen „Wachtelfels“ trug. Arme Bauern fanden dort nach dem Dreißigjährigen Kriege einen reichen Schatz von Goldgefäßen und schön geprägtem Gelde. Nun schreiten wir durch jungen Tannenwald steiler bergan, bald Felsenstufen, bald Zickzackwege. An jedem Wendepunkte laden reizende Ruheplätzchen zum Genuß einer Landschaft ein, deren großartige Ausdehnung und Mannigfaltigkeit Worte kaum anzudeuten vermögen; leider fehlt ihr das Wasser. Nicht nur grüßen uns, wie vom Moltke-Felsen aus, die Höhen des Odenwaldes mit dem Melibokus und den Burgen am Abhange, die blauen Spitzen der Vogesen und des Schwarzwaldes; auch der Taunus und die Berge des Rheingaues blicken aus Norden herüber, und ein Waldberg neben dem andern erhebt sich unter uns; malerische Waldthäler und tiefe Schluchten, berühmte Weinthäler wie das Zellerthal fesseln unsern Blick, ehe er über die offene Pfalz hinschweift. Da schaut Bolanden mit den Ruinen der Burg der Truchsesse von Bolanden aus Weinlaub hervor; weiterhin liegt Göllheim zwischen dem Kriegs- und Hornberg, wo Adolf von Nassau im Kampf gegen Albrecht von Oesterreich fiel. Halb hinter dem Hügel verborgen zeigen sich die Ruinen des Klosters Rosenthal, in dem die Leiche des geächteten vierten Heinrich eine Zeit lang stand, ehe sie nach aufgehobenem Banne in die Kaisergruft nach Speier gebracht werden durfte. Eben läßt ein Sonnenblitz den Speierer Dom erkennen, und gleichzeitig tritt auch der von Worms aus dem Duft der Ferne.

Höher steigend, passiren wir an senkrechter Felsenwand, die eine schöne Erztafel schmückt, den Friedensplatz, bis wir das höchste Plateau erreichen und nun durch dichteren Wald zum Durchgange des alten Ringwalles gelangen. Der unvorbereitete Fremde würde ihn ahnungslos überschreiten, weil mächtige Bäume empor wuchsen auf der starken, ihn bedeckenden Humusschicht. Da stehen wir einigermaßen enttäuscht auf der Hochfläche vor vier aussichtslosen, in Tannendickicht verschwindenden Wegen. Der mittlere führt uns jedoch plötzlich auf eine freie, sammetgrüne Waldwiese, auf der mit geschlossenen Thüren und Fenstern „das Waldhaus“ steht, von Bänken umgeben, doch ohne Wirth und Wirthin, die den Trunk uns bieten könnten. Dicht gegenüber rauscht in finsterer Tannennacht ein Brünnlein des Sanct Jakob, von Alters her berühmt, und nach der andern Seite hin lehnen sich an die Stämme der Fichten die moosbedeckten Trümmer des Klosters und des Hofes. Jede fernere Aussicht fehlt; die Tannen stehen so dicht, daß ihr finsterer Schatten alles Leben unten sterben läßt; ihre eigenen Zweige verdorren; nur die Pilze gedeihen noch, die giftigsten am besten.

Nach einer anderen Richtung uns wendend, halten wir ebenso unerwartet vor dem Ludwigs-Thurm, wo wir wieder Reste des Ringwalles entdecken. Wer den Thurm besteigt, hat hier nach drei Richtungen hin abermals die bereits beschriebene Fernsicht, zugleich den freien Blick nach Süden und Westen auf die prächtige Kette der Vogesen mit den drei Zacken des Trifels.

Wir steigen vom Thurme herab und wandern durch dichte Waldwege dem „Königsstuhl“ zu, der letzten etwa zwanzig Fuß hohen Felsengruppe, die den hier völlig sichtbaren Ringwall überragt und über die Tannen hinweg nach der Ruine und dem Dörflein Ruppertsecken auf dem nächsten Berge schaut.

Auf steilem Waldpfade geht es jetzt hinab nach der Mordkammer, das enge dunkle Mordkammerthal entlang, das, sich an den Hünenberg anlehnend, bei Tage gerade kein Grauen einflößt. Ein klarer Bach durchströmt es, und dieser mündet auf die feuchten Mordkammerwiesen, von wo er auf die Ebene zueilt.

Die Ueberlieferung berichtet zweimal von einem entsetzlichen Blutbade, von Verrath und Wortbrüchigkeit, die hier zu furchtbaren Katastrophen führten; das erste Mal in der frühen Zeit der Germanenkriege – das zweite Mal aus der Zeit des Bauernkrieges, wo ein Fürst der Lothringer hier umzingelte Bauern niedermetzeln ließ, nachdem sie auf sein Ehrenversprechen des freien Abzuges die Waffen abgeliefert. Sicher verbürgte Anhaltspunkte für den Ursprung des Namens fehlen indeß. Am Ausgange des durch junge Tannenpflanzung scheinbar geschlossenen Thales liegt der Mordkammerhof, ein armes einsames Bauernhaus, in dem sich der Wanderer gewöhnlich durch frische Milch, Brod und Eier zum weiteren Marsche stärkt.

Von hier aus kann man, um den Berg wandernd, nach Dannenfels zurück gelangen, wir aber geleiten den Leser auf einem durch herrlichen Hochwald führenden Wege nach dem Falkenstein und dem Thale gleichen Namens.

Auf steilem Felsenkegel erhebt sich die noch imposante Ruine, während tief unten sich das Dörfchen Falkenstein um den Fuß des Felsens schmiegt und an ihm emporsteigt. Ein überraschend schönes, völlig neues Bergpanorama breitet sich hinter den schwärzlichen Felsblöcken und der düsteren Ruhe aus. Steil geht es nun hinab in's hübsche Dorf, das im Gegensatze zu der übrigen Gegend ein rein katholisches Gepräge trägt, dann in das vom pfälzischen Verschönerungsverein wiederum mit den schönsten und sorgfältigsten Anlagen versehene Falkensteinerthal.

Zwischen senkrechten Felsenwänden zieht sich dieses Waldthal an den Ufern eines kleinen Baches entlang; mächtige Bäume wölben sich oben von den Abhängen darüber hin, ein grünes Dämmerlicht verbreitend. Durch die üppigste Waldflora, an gewaltigen Felsblöcken vorbei, die, malerisch über einander gethürmt, ganz von sammetnem Moosteppich umkleidet sind, läuft der Pfad am Ufer des Flüßchens neben dem breiteren Fahrwege her und steigt immer steiler an der Felswand auf, sodaß ein eisernes Geländer den Wanderer vor Schwindel bewahren muß; dann verschwindet er in Felsenhöhlen, wo Tische und Bänke von Stein zur Rast einladen, läuft an jähem Abhang durch das Innere des Felsens in gehauenem Gange, und wo er wieder an's Tageslicht

[583] tritt, da verbirgt er sich bald auf's Neue zwischen dunkelrothen wie aus Erz gegossenen Felskolossen, die den Mauern einer Burg ähnlich sehen; am Ende führt er steil abwärts der Sohle des Thales zu und – leuchtendes, sonnendurchschienenes Smaragdgrün überrascht das Auge des Wanderers, das durch ein Felsenthor in eine freiere Waldlandschaft blickt.

Ganz verschieden von diesem Thale ist das Wildensteinerthal, das sich an den mächtigen Abhang des Herculesberges schmiegt. Inmitten einer Wildniß, der jedes Gepräge der Menschenhand fehlt, ragt auf fast unnahbarem Felsenkegel zwischen zwei waldigen Bergrücken der Wildenstein empor, nur niedrige Trümmerreste mit dem noch erhaltenen Brunnen der Burg tragend. Netze wilder Ranken, wilde Immortellen, seltene duftende Blumen und Brombeergestrüpp bedecken den steilen Pfad, der seitwärts über den hohen Rücken des „grauen Thurmes“ uns plötzlich der Burg dicht gegenüber führt, von der uns nur die tiefe Schlucht trennt. Der Blick schweift hier über die in weiten Wellenlinien abfallenden Bergrücken nach der Ebene und dem Dorfe Steinbach.

In dieser Wildniß hausten die Rauhgrafen vom Wildenstein, verwandt mit den Grafen von Bolanden, ein wildes, übel berüchtigtes Geschlecht. Wer sich vom Berge her der Schlucht nahte, den suchte es durch herabgerollte Felsblöcke zu zerschmettern, die oft leichter ihr Ziel trafen als die Mordwaffe. Und wehe den Zügen der Kaufleute, die am schwarzen „Spitzfels“ vorbei die Schlucht passirten! Im Waldesschatten geborgen, lag der Hinterhalt, und das Hülfegeschrei der Ueberfallenen verhallte in der sonst menschenleeren Einsamkeit.

Durch die Thalsohle führt der Weg nun am Bache entlang nach dem „reißenden Fels“, einer phantastisch ausgezackten, in zwei scharfen Spitzen hoch über das Walddickicht aufstrebenden Felsenwand. Etwa hundert Schritte von da ragt wie ein Zuckerhut der Spitzfels empor, oben mit einem eisernen Pfeile geziert.

Das sind die zum Donnersberge gehörenden Partien, von denen die Falkensteiner Partie recht rüstige Fußgänger fordert. Die Villa stellt indeß auch einen Wagen zur Disposition.

Wer nun diese Bergwelt lieb gewonnen und mit ihr für die ganze schöne Pfalz ein erhöhtes Interesse empfindet, der versäume nicht, dem Zuge in die Berge weiter zu folgen!

In Annweiler erschließt sich ihm schon vom hohen Kegel des Trifels, und mehr noch von der Höhe des gewaltigen Rehberges aus eine Bergwelt, die ein Meer von spitzen Berg- und Felsenhäuptern aus mächtigem Hochwald hebt; hochrother Sandstein giebt selbst dem nackten Grunde an den Abhängen und auf den Wegen eine fremdartige Färbung; Burg steigt auf neben Burg; neben dem Trifels, wo Richard Löwenherz gefangen saß, bis der Sänger Blondel ihn fand und befreite, wo des heiligen Reichs Insignien von dem Truchseß Werner von Bolanden gehütet wurden, ragen die Ruinen der Burgen Anebos und Scharfenstein auf gleichen Bergspitzen empor. Am Schlusse des Thales schaaren sich Hunderte von Berghäuptern an der Grenze des Elsaß, darunter der Drachenfels, der Berwartstein, die Lützelnburg, der Wassichenstein, der Orensberg mit seiner absonderlichen, doch imposanten Form. Die gewaltigste Burgruine der Pfalz, die Madenburg, welche sich hier noch hinter dem nackten „Wetterberg“ verbirgt, bietet den großartigsten Blick in die Berge auf der einen und in die Ebene auf der anderen Seite.

Noch eigenthümlicher, wenn auch nicht so großartig, wie die eben geschilderte Partie, ist das „Dahner Thal“. Von Annweiler aus ist die Station Hinterweidenthal leicht erreicht, von da fährt die Post in einer halben Stunde nach Dahn. Hier überraschen uns Felsenformen höchst bizarrer Art. Wie gewaltige indische Götzen, oft mit einem Schlapphute angethan, treten die Felsen hinter einander aus dem Walde hervor. All dies übertrifft aber das Felsenschloß von Alt- oder Grevendahn, das Cyclopenhände aus aufgethürmten Blöcken errichtet zu haben scheinen, während Menschenhände nachhalfen und Gänge, Treppen, Keller und Verließe hinein gruben. Auch einen „Jungfernsprung“ mit entsprechender Sage giebt es im Dahner Thal.

Wer die schöne Bergkette entlang nach Süden wandert, dem bieten reiche, blühende Städte wie Dürkheim, Neustadt, Landau die edelsten Trauben und feurigen Wein bei guten und nicht theuren Gasthöfen. Ein gemüthliches, heiteres Völkchen macht ihm die Landschaften noch lieber, denen Geschichte und Sage den Zauber höchster Romantik verleihen, während allenthalben der thätige pfälzische Verschönerungsverein auch für den verwöhnten Fuß sorgte und Berge und Wälder mit den schönsten Wegen schmückte.